, flog er auf dem Deich entlang und dann den Akt hinab , der deichgräflichen Werfte zu . Den Kopf voll von innerem Schrecknis und ungeordneten Plänen , kam er nach Hause . Er warf sich in seinen Lehnstuhl , und als Elke mit der Tochter in das Zimmer trat , stand er wieder auf und hob das Kind zu sich empor und küßte es ; dann jagte er das gelbe Hündlein mit ein paar leichten Schlägen von sich . » Ich muß noch einmal droben nach dem Krug ! « sagte er und nahm seine Mütze vom Türhaken , wohin er sie eben erst gehängt hatte . Seine Frau sah ihn sorgvoll an : » Was willst du dort ? Es wird schon Abend , Hauke ! « » Deichgeschichten ! « murmelte er vor sich hin , » ich treffe von den Gevollmächtigten dort . « Sie ging ihm nach und drückte ihm die Hand , denn er war mit diesen Worten schon zur Tür hinaus . Hauke Haien , der sonst alles bei sich selber abgeschlossen hatte , drängte es jetzt , ein Wort von jenen zu erhalten , die er sonst kaum eines Anteils wertgehalten hatte . Im Gastzimmer traf er Ole Peters mit zweien der Gevollmächtigten und einem Koogseinwohner am Kartentisch . » Du kommst wohl von draußen , Deichgraf ? « sagte der erstere , nahm die halb ausgeteilten Karten auf und warf sie wieder hin . » Ja , Ole « , erwiderte Hauke ; » ich war dort ; es sieht übel aus . « » Übel ? – Nun , ein paar hundert Soden und eine Bestickung wird ' s wohl kosten ; ich war dort auch am Nachmittag . « » So wohlfeil wird ' s nicht abgehen , Ole « , erwiderte der Deichgraf , » der Priel ist wieder da , und wenn er jetzt auch nicht von Norden auf den alten Deich stößt , so tut er ' s doch von Nordwesten ! « » Du hättst ihn lassen sollen , wo du ihn fandest ! « sagte Ole trocken . » Das heißt « , entgegnete Hauke , » der neue Koog geht dich nichts an ; und darum sollte er nicht existieren . Das ist deine eigne Schuld ! Aber wenn wir Lahnungen legen müssen , um den alten Deich zu schützen , der grüne Klee hinter dem neuen bringt das übermäßig ein ! « » Was sagt Ihr , Deichgraf ? « riefen die Gevollmächtigten ; » Lahnungen ? Wie viele denn ? Ihr liebt es , alles beim teuersten Ende anzufassen ! « Die Karten lagen unberührt auf dem Tisch . » Ich will ' s dir sagen , Deichgraf « , sagte Ole Peters und stemmte beide Arme auf , » dein neuer Koog ist ein fressend Werk , was du uns gestiftet hast ! Noch laboriert alles an den schweren Kosten deiner breiten Deiche ; nun frißt er uns auch den alten Deich , und wir sollen ihn verneuen ! – Zum Glück ist ' s nicht so schlimm ; er hat diesmal gehalten und wird es auch noch ferner tun ! Steig nur morgen wieder auf deinen Schimmel und sieh es dir noch einmal an ! « Hauke war aus dem Frieden seines Hauses hieher gekommen ; hinter den immerhin noch gemäßigten Worten , die er eben hörte , lag – er konnte es nicht verkennen – ein zäher Widerstand ; ihm war , als fehle ihm dagegen noch die alte Kraft . » Ich will tun , wie du es rätst , Ole « , sprach er ; » nur fürcht ich , ich werd es finden , wie ich es heut gesehen habe . « Eine unruhige Nacht folgte diesem Tage ; Hauke wälzte sich schlaflos in seinen Kissen . » Was ist dir ? « frug ihn Elke , welche die Sorge um ihren Mann wach hielt ; » drückt dich etwas , so sprich es von dir ; wir haben ' s ja immer so gehalten ! « » Es hat nichts auf sich , Elke ! « erwiderte er , » am Deiche , an den Schleusen ist was zu reparieren ; du weißt , daß ich das allzeit nachts in mir zu verarbeiten habe . « Weiter sagte er nichts ; er wollte sich die Freiheit seines Handelns vorbehalten ; ihm unbewußt , war die klare Einsicht und der kräftige Geist seines Weibes ihm in seiner augenblicklichen Schwäche ein Hindernis , dem er unwillkürlich auswich . – – Am folgenden Vormittag , als er wieder auf den Deich hinauskam , war die Welt eine andere , als wie er sie tags zuvor gefunden hatte ; zwar war wieder hohl Ebbe , aber der Tag war noch im Steigen , und eine lichte Frühlingssonne ließ ihre Strahlen fast senkrecht auf die unabsehbaren Watten fallen ; die weißen Möwen schwebten ruhig hin und wider , und unsichtbar über ihnen , hoch unter dem azurblauen Himmel , sangen die Lerchen ihre ewige Melodie . Hauke , der nicht wußte , wie uns die Natur mit ihrem Reiz betrügen kann , stand auf der Nordwestecke des Deiches und suchte nach dem neuen Bett des Prieles , das ihn gestern so erschreckt hatte ; aber bei dem vom Zenit herabschießenden Sonnenlichte fand er es anfänglich nicht einmal . Erst da er gegen die blendenden Strahlen seine Augen mit der Hand beschattete , konnte er es nicht verkennen ; aber dennoch , die Schatten in der gestrigen Dämmerung mußten ihn getäuscht haben : es kennzeichnete sich jetzt nur schwach ; die bloßgelegte Mäusewirtschaft mußte mehr als die Flut den Schaden in dem Deich veranlaßt haben . Freilich , Wandel mußte hier geschafft werden , aber durch sorgfältiges Aufgraben und , wie Ole Peters gesagt hatte , durch frische Soden und einige Ruten Strohbestickung war der Schaden auszuheilen . › Es war so schlimm nicht ‹ , sprach er erleichtert zu sich selber , › du bist gestern doch dein eigner Narr gewesen ! ‹ – Er berief die Gevollmächtigten , und die Arbeiten wurden ohne Widerspruch beschlossen , was bisher noch nie geschehen war . Der Deichgraf meinte eine stärkende Ruhe in seinem noch geschwächten Körper sich verbreiten zu fühlen , und nach einigen Wochen war alles sauber ausgeführt . Das Jahr ging weiter , aber je weiter es ging und je ungestörter die neugelegten Rasen durch die Strohdecke grünten , um so unruhiger ging oder ritt Hauke an dieser Stelle vorüber , er wandte die Augen ab , er ritt hart an der Binnenseite des Deiches , ein paarmal , wo er dort hätte vorübermüssen , ließ er sein schon gesatteltes Pferd wieder in den Stall zurückführen ; dann wieder , wo er nichts dort zu tun hatte , wanderte er , um nur rasch und ungesehen von seiner Werfte fortzukommen , plötzlich und zu Fuß dahin ; manchmal auch war er umgekehrt , er hatte es sich nicht zumuten können , die unheimliche Stelle aufs neue zu betrachten ; und endlich , mit den Händen hätte er alles wieder aufreißen mögen , denn wie ein Gewissensbiß , der außer ihm Gestalt gewonnen hatte , lag dies Stück des Deiches ihm vor Augen . Und doch , seine Hand konnte nicht mehr daran rühren ; und niemandem , selbst nicht seinem Weibe , durfte er davon reden . So war der September gekommen ; nachts hatte ein mäßiger Sturm getobt und war zuletzt nach Nordwest umgesprungen . An trübem Vormittag danach , zur Ebbezeit , ritt Hauke auf den Deich hinaus , und es durchfuhr ihn , als er seine Augen über die Watten schweifen ließ ; dort , von Nordwest herauf , sah er plötzlich wieder , und schärfer und tiefer ausgewühlt , das gespenstische neue Bett des Prieles ; so sehr er seine Augen anstrengte , es wollte nicht mehr weichen . Als er nach Haus kam , ergriff Elke seine Hand . » Was hast du , Hauke ? « sprach sie , als sie in sein düstres Antlitz sah ; » es ist doch kein neues Unheil ? Wir sind jetzt so glücklich ; mir ist , du hast nun Frieden mit ihnen allen ! « Diesen Worten gegenüber vermochte er seine verworrene Furcht nicht in Worten kundzugeben . » Nein , Elke « , sagte er , » mich feindet niemand an ; es ist nur ein verantwortlich Amt , die Gemeinde vor unseres Herrgotts Meer zu schützen . « Er machte sich los , um weiteren Fragen des geliebten Weibes auszuweichen . Er ging in Stall und Scheuer , als ob er alles revidieren müsse ; aber er sah nichts um sich her ; er war nur beflissen , seinen Gewissensbiß zur Ruhe , ihn sich selber als eine krankhaft übertriebene Angst zur Überzeugung zu bringen . – – Das Jahr , von dem ich Ihnen erzähle " , sagte nach einer Weile mein Gastfreund , der Schulmeister , " war das Jahr 1756 , das in dieser Gegend nie vergessen wird ; im Hause Hauke Haiens brachte es eine Tote . Zu Ende des Septembers war in der Kammer , welche ihr in der Scheune eingeräumt war , die fast neunzigjährige Trin ' Jans am Sterben . Man hatte sie nach ihrem Wunsche in den Kissen aufgerichtet , und ihre Augen gingen durch die kleinen bleigefaßten Scheiben in die Ferne ; es mußte dort am Himmel eine dünnere Luftschicht über einer dichteren liegen , denn es war hohe Kimmung , und die Spiegelung hob in diesem Augenblick das Meer wie einen flimmernden Silberstreifen über den Rand des Deiches , so daß es blendend in die Kammer schimmerte ; auch die Südspitze von Jeverssand war sichtbar . Am Fußende des Bettes kauerte die kleine Wienke und hielt mit der einen Hand sich fest an der ihres Vaters , der daneben stand . In das Antlitz der Sterbenden grub eben der Tod das hippokratische Gesicht , und das Kind starrte atemlos auf die unheimliche , ihr unverständliche Verwandlung des unschönen , aber ihr vertrauten Angesichts . » Was macht sie ? Was ist das , Vater ? « flüsterte sie angstvoll und grub die Fingernägel in ihres Vaters Hand . » Sie stirbt ! « sagte der Deichgraf . » Stirbt ! « wiederholte das Kind und schien in verworrenes Sinnen zu verfallen . Aber die Alte rührte noch einmal ihre Lippen : » Jins ! Jins ! « Und kreischend , wie ein Notschrei , brach es hervor , und ihre knöchernen Arme streckten sich gegen die draußen flimmernde Meeresspiegelung . » Hölp mi ! Hölp mi ! Du bist ja bawen Water ... Gott gnad de annern ! « Ihre Arme sanken , ein leises Krachen der Bettstatt wurde hörbar ; sie hatte aufgehört zu leben . Das Kind tat einen tiefen Seufzer und warf die blassen Augen zu ihrem Vater auf . » Stirbt sie noch immer ? « frug es . » Sie hat es vollbracht ! « sagte der Deichgraf und nahm das Kind auf seinen Arm . » Sie ist nun weit von uns , beim lieben Gott . « » Beim lieben Gott ! « wiederholte das Kind und schwieg eine Weile , als müsse es den Worten nachsinnen . » Ist das gut , beim lieben Gott ? « » Ja , das ist das Beste . « – In Haukes Innerm aber klang schwer die letzte Rede der Sterbenden . › Gott gnad de annern ! ‹ sprach es leise in ihm . › Was wollte die alte Hexe ? Sind denn die Sterbenden Propheten – – ? ‹ – – Bald nachdem Trin ' Jans oben bei der Kirche eingegraben war , begann man immer lauter von allerlei Unheil und seltsamem Geschmeiß zu reden , das die Menschen in Nordfriesland erschreckt haben sollte ; und sicher war es : am Sonntage Lätare war droben von der Turmspitze der goldne Hahn durch einen Wirbelwind herabgeworfen worden ; auch das war richtig : im Hochsommer fiel , wie ein Schnee , ein groß Geschmeiß vom Himmel , daß man die Augen davor nicht auftun konnte und es hernach fast handhoch auf den Fennen lag , und hatte niemand je so was gesehen . Als aber nach Ende September der Großknecht mit Korn und die Magd Ann Grete mit Butter in die Stadt zu Markt gefahren waren , kletterten sie bei ihrer Rückkunft mit schreckensbleichen Gesichtern von ihrem Wagen . » Was ist ? Was habt ihr ? « riefen die andern Dirnen , die hinausgelaufen waren , da sie den Wagen rollen hörten . Ann Grete in ihrem Reiseanzug trat atemlos in die geräumige Küche . » Nun , so erzähl doch ! « riefen die Dirnen wieder , » wo ist das Unglück los ? « » Ach , unser lieber Jesus wolle uns behüten ! « rief Ann Grete . » Ihr wißt , von drüben , überm Wasser , das alt Mariken vom Ziegelhof , wir stehen mit unserer Butter ja allzeit zusammen an der Apothekerecke , die hat es mir erzählt , und Iven Johns sagte auch , › das gibt ein Unglück ! ‹ sagte er ; › ein Unglück über ganz Nordfriesland ; glaub mir ' s , Ann Gret ! ‹ Und « – sie dämpfte ihre Stimme – » mit des Deichgrafs Schimmel ist ' s am Ende auch nicht richtig ! « » Scht ! scht ! « machten die andern Dirnen . – » Ja , ja ; was kümmert ' s mich ! Aber drüben , an der andern Seite , geht ' s noch schlimmer als bei uns ! Nicht bloß Fliegen und Geschmeiß , auch Blut ist wie Regen vom Himmel gefallen ; und da am Sonntagmorgen danach der Pastor sein Waschbecken vorgenommen hat , sind fünf Totenköpfe , wie Erbsen groß , darin gewesen , und alle sind gekommen , um das zu sehen ; im Monat Augusti sind grausige rotköpfige Raupenwürmer über das Land gezogen und haben Korn und Mehl und Brot , und was sie fanden , weggefressen , und hat kein Feuer sie vertilgen können ! « Die Erzählerin verstummte plötzlich ; keine der Mägde hatte bemerkt , daß die Hausfrau in die Küche getreten war . » Was redet ihr da ? « sprach diese . » Laßt das den Wirt nicht hören ! « Und da sie alle jetzt erzählen wollten : » Es tut nicht not ; ich habe genug davon vernommen ; geht an euere Arbeit , das bringt euch besseren Segen ! « Dann nahm sie Ann Gret mit sich in die Stube und hielt mit dieser Abrechnung über ihre Marktgeschäfte . So fand im Hause des Deichgrafen das abergläubische Geschwätz bei der Herrschaft keinen Anhalt ; aber in die übrigen Häuser , und je länger die Abende wurden , um desto leichter , drang es mehr und mehr hinein . Wie schwere Luft lag es auf allen , und heimlich sagte man es sich , ein Unheil , ein schweres , würde über Nordfriesland kommen . Es war vor Allerheiligen , im Oktober . Tagüber hatte es stark aus Südwest gestürmt ; abends stand ein halber Mond am Himmel , dunkelbraune Wolken jagten überhin , und Schatten und trübes Licht flogen auf der Erde durcheinander ; der Sturm war im Wachsen . Im Zimmer des Deichgrafen stand noch der geleerte Abendtisch ; die Knechte waren in den Stall gewiesen , um dort des Viehes zu achten ; die Mägde mußten im Hause und auf den Böden nachsehen , ob Türen und Luken wohlverschlossen seien , daß nicht der Sturm hineinfasse und Unheil anrichte . Drinnen stand Hauke neben seiner Frau am Fenster ; er hatte eben sein Abendbrot hinabgeschlungen ; er war draußen auf dem Deich gewesen . Zu Fuße war er hinausgetrabt , schon früh am Nachmittag ; spitze Pfähle und Säcke voll Klei oder Erde hatte er hie und dort , wo der Deich eine Schwäche zu verraten schien , zusammentragen lassen ; überall hatte er Leute angestellt , um die Pfähle einzurammen und mit den Säcken vorzudämmen , sobald die Flut den Deich zu schädigen beginne ; an dem Winkel zu Nordwesten , wo der alte und der neue Deich zusammenstießen , hatte er die meisten Menschen hingestellt , nur im Notfall durften sie von den angewiesenen Plätzen weichen . Das hatte er zurückgelassen ; dann , vor kaum einer Viertelstunde , naß , zerzaust , war er in seinem Hause angekommen , und jetzt , das Ohr nach den Windböen , welche die in Blei gefaßten Scheiben rasseln machten , blickte er wie gedankenlos in die wüste Nacht hinaus ; die Wanduhr hinter ihrer Glasscheibe schlug eben acht . Das Kind , das neben der Mutter stand , fuhr zusammen und barg den Kopf in deren Kleider . » Klaus ! « rief sie weinend ; » wo ist mein Klaus ? « Sie konnte wohl so fragen , denn die Möwe hatte , wie schon im vorigen Jahre , so auch jetzt ihre Winterreise nicht mehr angetreten . Der Vater überhörte die Frage ; die Mutter aber nahm das Kind auf ihren Arm . » Dein Klaus ist in der Scheune « , sagte sie ; » da sitzt er warm . « » Warum ? « sagte Wienke ; » ist das gut ? « – » Ja , das ist gut . « Der Hausherr stand noch am Fenster . » Es geht nicht länger , Elke ! « sagte er ; » ruf eine von den Dirnen ; der Sturm drückt uns die Scheiben ein , die Luken müssen angeschroben werden ! « Auf das Wort der Hausfrau war die Magd hinausgelaufen ; man sah vom Zimmer aus , wie ihr die Röcke flogen ; aber als sie die Klammern gelöst hatte , riß ihr der Sturm den Laden aus der Hand und warf ihn gegen die Fenster , daß ein paar Scheiben zersplittert in die Stube flogen und eins der Lichter qualmend auslosch . Hauke mußte selbst hinaus , zu helfen , und nur mit Not kamen allmählich die Luken vor die Fenster . Als sie beim Wiedereintritt in das Haus die Tür aufrissen , fuhr eine Böe hinterdrein , daß Glas und Silber im Wandschrank durcheinanderklirrten ; oben im Hause über ihren Köpfen zitterten und krachten die Balken , als wolle der Sturm das Dach von den Mauern reißen . Aber Hauke kam nicht wieder in das Zimmer ; Elke hörte , wie er durch die Tenne nach dem Stalle schritt . » Den Schimmel ! Den Schimmel , John ! Rasch ! « So hörte sie ihn rufen ; dann kam er wieder in die Stube , das Haar zerzaust , aber die grauen Augen leuchtend . » Der Wind ist umgesprungen ! « rief er – » nach Nordwest , auf halber Springflut ! Kein Wind ; – wir haben solchen Sturm noch nicht erlebt ! « Elke war totenblaß geworden . » Und du mußt noch einmal hinaus ? « Er ergriff ihre beiden Hände und drückte sie wie im Krampfe in die seinen . » Das muß ich , Elke . « Sie erhob langsam ihre dunkeln Augen zu ihm , und ein paar Sekunden lang sahen sie sich an ; doch war ' s wie eine Ewigkeit . » Ja , Hauke « , sagte das Weib ; » ich weiß es wohl , du mußt ! « Da trabte es draußen vor der Haustür . Sie fiel ihm um den Hals , und einen Augenblick war ' s , als könne sie ihn nicht lassen ; aber auch das war nur ein Augenblick . » Das ist unser Kampf ! « sprach Hauke ; » ihr seid hier sicher ; an dies Haus ist noch keine Flut gestiegen . Und bete zu Gott , daß er auch mit mir sei ! « Hauke hüllte sich in seinen Mantel , und Elke nahm ein Tuch und wickelte es ihm sorgsam um den Hals , sie wollte ein Wort sprechen , aber die zitternden Lippen versagten es ihr . Draußen wieherte der Schimmel , daß es wie Trompetenschall in das Heulen des Sturmes hineinklang . Elke war mit ihrem Mann hinausgegangen ; die alte Esche knarrte , als ob sie auseinanderstürzen solle . » Steigt auf , Herr ! « rief der Knecht , » der Schimmel ist wie toll ; die Zügel könnten reißen . « Hauke schlug die Arme um sein Weib . » Bei Sonnenaufgang bin ich wieder da ! « Schon war er auf sein Pferd gesprungen ; das Tier stieg mit den Vorderhufen in die Höhe , dann , gleich einem Streithengst , der sich in die Schlacht stürzt , jagte es mit seinem Reiter die Werfte hinunter , in Nacht und Sturmgeheul hinaus . » Vater , mein Vater ! « schrie eine klägliche Kinderstimme hinter ihm darein ; » mein lieber Vater ! « Wienke war im Dunkeln hinter dem Fortjagenden hergelaufen ; aber schon nach hundert Schritten strauchelte sie über einen Erdhaufen und fiel zu Boden . Der Knecht Iven Johns brachte das weinende Kind der Mutter zurück ; die lehnte am Stamme der Esche , deren Zweige über ihr die Luft peitschten , und starrte wie abwesend in die Nacht hinaus , in der ihr Mann verschwunden war ; wenn das Brüllen des Sturmes und das ferne Klatschen des Meeres einen Augenblick aussetzten , fuhr sie wie in Schreck zusammen ; ihr war jetzt , als suche alles nur ihn zu verderben und werde jäh verstummen , wenn es ihn gefaßt habe . Ihre Knie zitterten , ihre Haare hatte der Sturm gelöst und trieb damit sein Spiel . » Hier ist das Kind , Frau ! « schrie John ihr zu ; » haltet es fest ! « und drückte die Kleine der Mutter in den Arm . » Das Kind ? – Ich hatte dich vergessen , Wienke ! « rief sie ; » Gott verzeih mir ' s. « Dann hob sie es an ihre Brust , so fest nur Liebe fassen kann , und stürzte mit ihr in die Knie . » Herr Gott und du mein Jesus , laß uns nicht Witwe und Waise werden ! Schütz ihn , o lieber Gott ; nur du und ich , wir kennen ihn allein ! « Und der Sturm setzte nicht mehr aus ; es tönte und donnerte , als solle die ganze Welt in ungeheuerem Hall und Schall zugrunde gehen . » Geht in das Haus , Frau ! « sagte John ; » kommt ! « Und er half ihnen auf und leitete die beiden in das Haus und in die Stube . – – Der Deichgraf Hauke Haien jagte auf seinem Schimmel dem Deiche zu . Der schmale Weg war grundlos , denn die Tage vorher war unermeßlicher Regen gefallen ; aber der nasse saugende Klei schien gleichwohl die Hufen des Tieres nicht zu halten , es war , als hätte es festen Sommerboden unter sich . Wie eine Wilde Jagd trieben die Wolken am Himmel ; unten lag die weite Marsch wie eine unerkennbare , von unruhigen Schatten erfüllte Wüste ; von dem Wasser hinter dem Deiche , immer ungeheurer , kam ein dumpfes Tosen , als müsse es alles andere verschlingen . » Vorwärts , Schimmell « rief Hauke ; » wir reiten unseren schlimmsten Ritt ! « Da klang es wie ein Todesschrei unter den Hufen seines Rosses . Er riß den Zügel zurück ; er sah sich um : ihm zur Seite dicht über dem Boden , halb fliegend , halb vom Sturme geschleudert , zog eine Schar von weißen Möwen , ein höhnisches Gegacker ausstoßend ; sie suchten Schutz im Lande . Eine von ihnen – der Mond schien flüchtig durch die Wolken lag am Weg zertreten : dem Reiter war ' s , als flattere ein rotes Band an ihrem Halse . » Klaus ! « rief er . » Armer Klaus ! « War es der Vogel seines Kindes ? Hatte er Roß und Reiter erkannt und sich bei ihnen bergen wollen ? – Der Reiter wußte es nicht . » Vorwärts ! « rief er wieder , und schon hob der Schimmel zu neuem Rennen seine Hufen ; da setzte der Sturm plötzlich aus , eine Totenstille trat an seine Stelle ; nur eine Sekunde lang , dann kam er mit erneuter Wut zurück ; aber Menschenstimmen und verlorenes Hundegebell waren inzwischen an des Reiters Ohr geschlagen , und als er rückwärts nach seinem Dorf den Kopf wandte , erkannte er in dem Mondlicht , das hervorbrach , auf den Werften und vor den Häusern Menschen an hochbeladenen Wagen umherhantierend ; er sah , wie im Fluge , noch andere Wagen eilend nach der Geest hinauffahren ; Gebrüll von Rindern traf sein Ohr , die aus den warmen Ställen nach dort hinaufgetrieben wurden . › Gott Dank ! sie sind dabei , sich und ihr Vieh zu retten ! ‹ rief es in ihm ; und dann mit einem Angstschrei : » Mein Weib ! Mein Kind ! – Nein , nein ; auf unsere Werfte steigt das Wasser nicht ! « Aber nur ein Augenblick war es ; nur wie eine Vision flog alles an ihm vorbei . Eine furchtbare Böe kam brüllend vom Meer her über , und ihr entgegen stürmten Roß und Reiter den schmalen Akt zum Deich hinan . Als sie oben waren , stoppte Hauke mit Gewalt sein Pferd . Aber wo war das Meer ? Wo Jeverssand ? Wo blieb das Ufer drüben ? – – Nur Berge von Wasser sah er vor sich , die dräuend gegen den nächtlichen Himmel stiegen , die in der furchtbaren Dämmerung sich übereinanderzutürmen suchten und übereinander gegen das feste Land schlugen . Mit weißen Kronen kamen sie daher , heulend , als sei in ihnen der Schrei alles furchtbaren Raubgetiers der Wildnis . Der Schimmel schlug mit den Vorderhufen und schnob mit seinen Nüstern in den Lärm hinaus ; den Reiter aber wollte es überfallen , als sei hier alle Menschenmacht zu Ende ; als müsse jetzt die Nacht , der Tod , das Nichts hereinbrechen . Doch er besann sich : es war ja Sturmflut ; nur hatte er sie selbst noch nimmer so gesehen ; sein Weib , sein Kind , sie saßen sicher auf der hohen Werfte , in dem festen Hause ; sein Deich aber – und wie ein Stolz flog es ihm durch die Brust – , der Hauke-Haien-Deich , wie ihn die Leute nannten , der mochte jetzt beweisen , wie man Deiche bauen müsse ! Aber – was war das ? – Er hielt an dem Winkel zwischen beiden Deichen ; wo waren die Leute , die er hieher gestellt , die hier die Wacht zu halten hatten ? – Er blickte nach Norden den alten Deich hinauf , denn auch dorthin hatte er einzelne beordert . Weder hier noch dort vermochte er einen Menschen zu erblicken ; er ritt ein Stück hinaus , aber er blieb allein ; nur das Wehen des Sturmes und das Brausen des Meeres bis aus unermessener Ferne schlug betäubend an sein Ohr . Er wandte das Pferd zurück : er kam wieder zu der verlassenen Ecke und ließ seine Augen längs der Linie des neuen Deiches gleiten ; er erkannte deutlich : langsamer , weniger gewaltig rollten hier die Wellen heran ; fast schien ' s , als wäre dort ein ander Wasser . » Der soll schon stehen ! « murmelte er , und wie ein Lachen stieg es in ihm herauf . Aber das Lachen verging ihm , als seine Blicke weiter an der Linie seines Deiches entlangglitten : an der Nordwestecke – was war das dort ? Ein dunkler Haufen wimmelte durcheinander ; er sah , wie es sich emsig rührte und drängte kein Zweifel , es waren Menschen ! Was wollten , was arbeiteten die jetzt an seinem Deich ? – Und schon saßen seine Sporen dem Schimmel in den Weichen , und das Tier flog mit ihm dahin ; der Sturm kam von der Breitseite ; mitunter drängten die Böen so gewaltig , daß sie fast vom Deiche in den neuen Koog hinabgeschleudert wären ; aber Roß und Reiter wußten , wo sie ritten . Schon gewahrte Hauke , daß wohl ein paar Dutzend Menschen in eifriger Arbeit dort beisammen seien , und schon sah er deutlich , daß eine Rinne quer durch den neuen Deich gegraben war . Gewaltsam stoppte er sein Pferd . » Halt ! « schrie er ; » halt ! Was treibt ihr hier für Teufelsunfug ? « Sie hatten in Schreck die Spaten ruhen lassen , als sie auf einmal den Deichgraf unter sich gewahrten ; seine Worte hatte der Sturm ihnen zugetragen , und er sah wohl , daß mehrere ihm zu antworten strebten ; aber er gewahrte nur ihre heftigen Gebärden , denn sie standen alle ihm zur Linken , und was sie sprachen , nahm der Sturm hinweg , der hier draußen jetzt die Menschen mitunter wie im Taumel gegeneinanderwarf , so daß sie sich dicht zusammenscharten . Hauke maß mit seinen raschen Augen die gegrabene Rinne und den Stand des Wassers , das , trotz des neuen Profiles , fast an die Höhe des Deichs hinaufklatschte und Roß und Reiter überspritzte . Nur noch zehn Minuten Arbeit – er sah es wohl – , dann brach die Hochflut durch die Rinne , und der Hauke-Haien-Koog wurde vom Meer begraben ! Der Deichgraf winkte einem der Arbeiter an die andere Seite seines Pferdes . » Nun , so sprich ! « schrie er , » was treibt ihr hier , was soll das heißen ? «