. « Grimani verbeugte sich , trat an den Arbeitstisch des Geheimsekretärs Priolo , der in seiner Fensternische ruhig weitergeschrieben hatte , warf ein paar Worte auf ein Papier und bat den jungen Mann den Befehl in das Staatsgefängnis zu bringen . Herzog Rohan fügte bei , sein Adjutant Wertmüller möge den Schreiber begleiten . Jetzt heftete Grimani seine ruhigen , dunkeln Augen auf den Herzog und fragte plötzlich , ob er ihm nicht die Gunst gewähren könne , die Unterredung noch eine kurze Zeit ohne Zeugen fortzusetzen . Rohan wandte sich zu Herrn Waser und sagte lächelnd : » Gerade wollt ich Euch bitten , die Herzogin über das Los des Hauptmanns Jenatsch , an welchem sie mitleidigen Anteil nimmt , an meiner Statt vorläufig zu beruhigen . « Geschmeichelt durch dies Wohlwollen und erfreut der Überbringer einer guten Botschaft zu sein , beurlaubte sich der Zürcher und folgte einem Pagen , der ihn der ungeduldig harrenden hohen Frau zuführte . » Betrachtet , edler Herzog , es als ein Zeichen meiner besondern Ergebenheit « , begann der Venezianer , » wenn ich ganz gegen meine Gewohnheit mich nicht scheue aufdringlich zu sein und den Vorwurf unzarten Eingreifens in fremde Verhältnisse mir zuziehe . Abgesehen von unsern gemeinsamen politischen Interessen bin ich überzeugt , daß Ihr meine hohe Verehrung für Euren Charakter genugsam kennt , um sie als einzige Triebfeder und als Entschuldigung dieses außerordentlichen Schrittes gelten zu lassen . Für Euch wollte ich diesen Mann unschädlich machen . Ich kenne seine Vergangenheit . In Bünden , wo ich vor Jahren die Interessen meiner Republik als Gesandter wahrnahm , habe ich ihn an der Spitze rasender Volkshaufen gesehen und seine Herrschaft über die tobenden Massen hat mich entsetzt . Mein erlauchter Freund erlaube mir , einen Blick auf das Werdende zu richten . Denselben Blick , den ich wider Willen auf die sich vollziehenden Geschicke unsrer Republik wende und der mir in unsern Räten den trübseligen Namen Cassandro zugezogen hat . Und nach Verdienst : denn mir ist wehe dabei , und mir wird nicht geglaubt ! – Nicht Apollo aber hat mich zum Seher gemacht , sondern ein enttäuschter Geist und ein erkältetes Gemüt . – Ihr seid im Begriffe Bünden der spanischen Macht zu entreißen und ich zweifle keinen Augenblick am Erfolge Eurer Waffen . Aber was dann ? Wie werden sich nach Vertreibung der Spanier die Absichten der französischen Krone , die das strategisch wichtige Land bis zum allgemeinen Frieden unmöglich aus den Händen geben darf , mit dem stürmischen Verlangen seiner wilden Bewohner nach der alten Selbständigkeit vereinigen lassen ? Da Richelieu – ich will sagen der allerchristlichste König , Euer Herr – nur den kleinsten Teil seiner in Deutschland unentbehrlichen Truppen Euch zur Verfügung stellt , werdet Ihr in Bünden selbst werben und dem durch jegliches Elend erschöpften Lande neue Opfer zumuten müssen . Das aber – ich schäme mich zu sagen , was Ihr sicherlich längst bedacht habt – wird Euch nur durch das Mittel weitgehender Versprechungen gelingen . Ich wenigstens kann mir nichts anderes denken , als daß Ihr mit Euerm persönlichen Werte den Bündnern Euch werdet verbürgen müssen , ihnen , sobald Euer Sieg erfochten ist , ihr ursprüngliches Gebiet und ihre alte Selbständigkeit unvermindert zurückzugeben . – Darum sendet , wie ich vermute , Richelieu gerade Euch , dessen Name von reiner Ehre leuchtet , nach Bünden , weil Eure Gewalt über die protestantischen Herzen ihm dort ein Heer ersetzt . So werdet Ihr mir einräumen , edler Herr , daß Euer eine schwere Stunde und eine peinliche Doppelstellung zwischen dem Kardinal und Bünden wartet . Wohl wird es Eurer Weisheit gelingen , das Interesse der französischen Krone , welcher Ihr dient , und die von Euch verbürgten Ansprüche des Gebirgsvolkes , ohne jenes zu verleugnen oder diese zu täuschen , durch umsichtige Politik und kluge Zögerung in der Schwebe zu halten und endlich auszugleichen ; aber nur unter der Bedingung , daß das hingehaltene Bünden in keiner Weise gegen Euch und Frankreich eingenommen und aufgestachelt werde . – Ihr lächelt , gnädiger Herr ! – In der Tat , wer in Bünden sollte es wagen gegen das mächtige Frankreich sich zu verschwören oder gar mit offener Gewalttat zu erheben ! Gewiß keiner , Ihr habt recht , wenn nicht vielleicht jener Heillose – Euer Schützling , Georg Jenatsch . « Der Herzog lehnte sich mit einer abwehrenden Handbewegung und dem schmerzlichen Ausdrucke verletzten Selbstgefühls zurück . Eine Wolke zog über seine Stirn . Das Bild des Bündners , wie es der Haß Grimanis entwarf , schien ihm vergrößert und entstellt ; doch nicht die seine Menschenkenntnis in Frage stellende , übertrieben schlimme und große Meinung , die Grimani von dem begabten Halbwilden hatte , welchen er sich zum Werkzeuge erlesen , war ihm empfindlich , wohl aber , daß der Venezianer die geheime Wunde seines Lebens , seine schiefe Stellung zu Richelieu , scharfsinnig erkannte und zu berühren sich nicht scheute . Der Frankreich nach großem Plane regierende , aber ihm persönlich abgeneigte Kardinal war imstande – Rohan wußte es wohl – seine protestantische Glaubenstreue als Mittel zum Zwecke auszubeuten und ihn persönlich aufzuopfern . Die Gefahr , welche er selbst sich auszureden suchte und in schlaflosen Nächten doch immer und immer wieder sorgenvoll erwog , war also fremden Augen offenbar . – » Verzeiht , teurer Herr , meine vielleicht schwarzsichtige Sorge für Euch « , sagte Grimani , der den verborgenen Kummer des Herzogs in seiner erkälteten Miene las . » Frankreich darf und wird sich gegen seinen edelsten Sohn nicht undankbar erzeigen – Nur um eines bitte ich Euch , flehe ich Euch an : Wenn Ihr an meine Ergebenheit glaubt – hütet Euch vor Georg Jenatsch . « Kaum war das Wort ausgesprochen , so klirrten rasche Tritte im Vorsaal und der Genannte trat mit dem Adjutanten Wertmüller in das Gemach , wo eben noch edelmütige Größe und menschenverachtender Scharfsinn über ihn zu Gerichte gesessen und um ihn gestritten hatten . Jenatsch sah finsterer als je und tief bewegt aus Den Provveditore , der ihm zunächst stand , bedachte er mit einem untertänigen Gruße und einem Blicke voll tödlichen Hasses , welchem dieser mit vornehmer Ruhe begegnete . Dann trat er raschen Schrittes vor den Herzog . Er schien in leidenschaftlichem Dankgefühle seine Kniee umfassen zu wollen aber er ergriff nur Rohans Hand und ließ , das gesenkte Auge verbergend , eine heiße Träne auf dieselbe fallen . Der kalte Grimani , dem diese glühende Bewegung einen widerwärtigen Eindruck machte , brach zuerst das Schweigen und bemerkte mit scharfer leiser Stimme : » Vergeßt nie , Signor Jenatsch , daß Ihr nicht der Güte Eurer Sache , sondern nur und allein der Fürsprache dieses hohen Herrn Euer verwirktes Leben verdankt . « Der Hauptmann schien in seiner Bewegung das Wort des Venezianers nicht gehört zu haben , er richtete seinen feurigen Blick auf den Herzog und sprach : » Meinen Dank , teuerster Herr , laßt mich Euch sofort durch die Tat bezeugen . Ich hoffe , Ihr habt manche Gefahr für mich bereit – laßt mich eine vorwegnehmen . Übertragt mir ein Geschäft , das ich allein , wie Ihr bedürft , verrichten kann , bei dem ich das mir geschenkte Leben zehnfach auf das Spiel setze und welches doch nicht rühmlich genug ist , daß es mir irgendeiner neide oder streitig mache . – Ich rede hier frei , ich bin unter Eingeweihten . – Wie mir mein Kamerad Wertmüller in seinen Briefen Euern Plan angedeutet hat , werdet Ihr von Norden über die Bernina ins Veltlin vordringen , um mit dem Scharfblicke des großen Feldherrn die feindliche Stellung in der Mitte zu fassen und , Spanier und Österreicher auseinander werfend , die einen zurück in das Gebirge , die andern hinunter nach den Seen zu jagen . Nun ist von höchster Bedeutung , die von den Spaniern vielfach neu angelegten Verschanzungen des Veltlins genau zu untersuchen . – Laßt mich hin ! Ich nehme Euch Pläne davon auf , kenne ich doch das Land wie wenige . « » Davon reden wir morgen , mein Georg « , sagte der Herzog und legte ihm seine schmale Hand auf die mächtig gebaute Schulter . – – – Am Abende des Tages , der den Hauptmann Jenatsch zum Kameraden des Locotenenten Wertmüller im Dienste des Herzogs machte , fiel es diesem ein , den Brief seines Vetters in Mailand zu beantworten . Er meldete , daß er einen kurzen Urlaub nach Zürich genommen , obschon er sich nicht absonderlich freue den Duft seines Nestes wieder zu riechen , aber verschwieg dabei natürlich , daß er sich dort dem Herzoge bei seinem Durchbruche aus dem Elsaß nach Graubünden anschließen und die Wartezeit zu Werbungen für Frankreich verwenden werde . Dagegen berichtete er weitläufig , die aus Mailand entflohene dolchführende Schönheit habe er nicht nur kennengelernt , sondern es werde ihm sogar die Ehre zuteil , besagte tapfere Person auf Geheiß des Herzogs über das Gebirge nach Bünden zu geleiten , was ihn von seiner eigenen Reiseroute nicht abführe . – Als Belohnung für die vom Vetter ihm zum besten gegebene Geschichte und als deren Vervollständigung erzählte er ihm den unerwarteten Auftritt im Saale des Herzogs , dem er , persönlich unbeteiligt , mit gekreuzten Armen als vergessener Beobachter hinter einer bergenden Säule beigewohnt habe – halb gerührt , halb ärgerlich – denn er sei eigentlich kein Liebhaber heftig ausbrechender Gefühle . In einen solchen vulkanischen Ausbruch aber habe die bescheidene , von der sentimentalen Herzogin in Szene gesetzte Vorführung einer Schutzflehenden plötzlich umgeschlagen . Er selbst habe die Lunte angezündet , indem er den Heldenspieler eingeführt , einen tapfern Soldaten , aber leider ehemaligen Pfarrer , der ihm trotz einiger tüchtiger Eigenschaften wenig sympathisch sei , da demselben gewisse pompöse Manieren , wahrscheinlich von der Kanzel her , ankleben und ein leidiger Hang zu grandiosem Komödienspiele . In seiner Jugend sei der Pfarrer ein wütender Demokrat gewesen und einer der bösen Gesellen , die den Pompejus Planta umgebracht . Statt nun still , wie er , der taktvolle Wertmüller , es getan , im Hintergrunde zu bleiben , habe sich der Abenteurer sofort der bündnerischen Dame als Mörder ihres Vaters und zugleich als ehemaligen zärtlichen Liebhaber vorgestellt . Daraus sei plötzlich eine solche Explosion verrückter Dinge entstanden , ein so einziges Spektakel , daß ihm heute noch der Kopf davon schwirre . Für die Herzogin , deren poetischer Schwung allen Verstand übersteige , sei es eine Wonne gewesen . Sie habe schnatternd auf dem Tränenmeere herumgerudert wie die Enten im Teiche . – Jetzt arbeite sie daran , einen würdigen Schlußakt herbeizuführen nach dem Muster der gegenwärtig in Paris Furore machenden Komödie , deren Autor einen Vogelnamen – etwas wie Dohle oder Krähe – trage und die einen ganz ähnlichen Gegenstand behandle . Dort schließe der Konflikt mit Heiratsaussichten ; hier aber werde es hoffentlich , und wenn noch Vernunft im Leben sei , nicht dazu kommen . Es wäre schade um das Mädchen , er gönne sie dem Volkshelden nicht . Sie sei zwar keine blondlockige üppige Schönheit , wie sie Paul der Veroneser und der flotte Tintorett , die Naturmöglichkeit überbietend , aus golddurchwirktem Damaste hervorquellen lassen , noch habe sie die nächtlichen halbgeschlossenen Augen und die blau-schwarz schimmernden Flechten um die sanfte , listige Schläfe , die ihn an andern Töchtern der Lagunenstadt berücken ; aber sie habe es ihm nun einmal angetan mit einem gewissen ehrlichen großen Wesen . Was bei Lucretia Wahrheit sei , halte er bei Jenatsch zum guten Teil für Schein : gerade jene große Manier , von der er gesprochen . Sei übrigens der Hauptmann Jenatsch auf hohes Spiel erpicht , so habe er gestern abend seine Lust büßen können . Mitten aus der Rührung sei er von Sbirren herausgeholt und unter die Bleidächer gesetzt worden . Der Provveditore Grimani der den Bündner merkwürdigerweise für ein wichtiges und staatsgefährliches Subjekt halte , hätte ihn gern sogleich in den Kanal versenkt . Aber der umständliche alte Herr habe dabei eine kostbare Zeit verloren , die sich der Herzog zunutze gemacht , um seinen neuen Günstling sich wieder zurückliefern zu lassen . Ihm persönlich sei das nicht gerade unlieb , denn er verspreche sich bei den merkwürdigen Lebensumständen des neuen Kameraden noch manchen schlagenden Witz des Zufalls und freue sich besonders darauf , mit dem gewesenen Pfarrer an seinen ehemaligen Kirchen in Bünden vorüberzureiten , wo ihn dann ein Gewisser darüber zur Rede stellen werde , was alles er da drinnen dem Volke vorgemacht . Hier strich sich der Locotenent vergnügt das magere Kinn und schloß das Schreiben an seinen Vetter in Mailand . Drittes Buch Erstes Kapitel Erstes Kapitel Auf einer Erhöhung des linken Rheinufers am Fuße des lieblichen Heinzenbergs überschauen die Mäuerlein und anspruchslosen Gebäude des Frauenklosters Cazis die Hütten eines dem katholischen Glauben zugetan gebliebenen Dorfes . Am schmalen Bogenfenster einer Zelle , die nach dem grauen , jetzt vom Morgenlichte beschienenen Schloßturme von Riedberg hinüberschaute , saß die schöne Lucretia Planta . Der Frühling war vorübergegangen . Auch auf der Nordseite der rätischen Alpen hatte der laue Föhn schon längst den Schnee von den Halden weggeschmolzen und in tobenden Wildbächen dem Rheine zugeführt . Durch die Felsspalten der Via mala hatte der Südsturm gebraust mit dem jugendlich unbändigen Strome um die Wette . Wochenlang hatte der schäumende Rhein zornig an seinen engen Kerkerwänden gerüttelt und herausstürzend die flacheren Ufer verheert . Jetzt führte er ruhiger die gemäßigten Wasser zu Tal , umblüht von den warmen Matten und üppigen Fruchtgärten des gegen die rauhen Nordwinde geschützten Domleschg . Es war ein klarer Morgen zu Anfang des Juni und die älteste Ordensschwester Perpetua hatte eben nach einer längern Unterredung das edle Fräulein verlassen . Die frommen Frauen von Cazis hegten schon längst einen Herzenswunsch . Das Amt ihrer Priorin war während langer Kriegsjahre unbesetzt geblieben und sie sehnten sich danach , daß es endlich wieder würdig bekleidet und geehrt werde von einem bei Gott und Menschen angesehenen Sprößlinge einer großen Familie . Wen konnten die Heiligen dazu auserwählt haben , wenn nicht die im Tale aufgewachsene und begüterte Lucretia Planta ! Das Kloster hatte den Planta schon aus den Zeiten vor der Reformation manche Schenkung zu verdanken . Nun waren mehrere Glieder der berühmten Familie , voran Herr Pompejus , in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückgekehrt ; dieser edle Herr aber hatte ohne letzte Wegzehrung einen bösen jähen Tod erlitten . – Was war natürlicher und christlicher als daß seine vereinsamte Tochter den Schleier nehme , um für das Heil seiner Seele zu beten und das Kloster in diesen möglicherweise noch nicht so bald endenden schlimmen Zeiten mit ihrem edeln Namen zu schirmen , es mit ihrem Erbe zu bereichern . Die Zurückgabe ihrer väterlichen Güter , von welcher wegen der Planta Landesverrat und Mitschuld am Veltlinermorde selbst zur Zeit der Unterjochung durch die Spanier nicht die Rede sein konnte , stand jetzt in naher Aussicht , sonderbarerweise durch die Vermittelung des Obersten Georg Jenatsch . Die Taten des jetzt im Veltlin unter Herzog Rohan fechtenden Scharanser Pfarrsohns gingen in seinem Heimatstale von Mund zu Munde und sein Ruhm im ganzen Lande stieg täglich . Zu dieser Fürsprache hatte den Obersten Jenatsch wohl ein nagender Gewissensbiß getrieben , oder wenn sie einen weltlichen , dem Verstande der Frauen von Cazis undurchdringlichen Grund hatte , so wußte Gott von jeher auch die Gedanken der Bösen zu seinen Zwecken zu biegen . Daß aber das edle Fräulein in Cazis eine bleibende Stätte finde und als Priorin die verlassene Herde weide , das war offenbar die Meinung des heiligen Dominikus selber , dessen Regel das Haus befolgte . Lucretia hatte schon im Kloster zu Monza sein himmlisches Wohlgefallen auf sich gezogen . Damals hatten kaiserliche Kriegsbanden die Kirche zu Cazis geplündert und darin so unchristlich gehaust , daß , wie Perpetua dem Fräulein schrieb , von der heiligen Muttergottes nichts als das nackte Holz zurückblieb . Das junge Mädchen hatte dann in der Schule der geschickten italienischen Nonnen ein kostbares Kleid für die beraubte heimische Gottesmutter gestickt und bald Gelegenheit gefunden , es durch den herzhaften und wanderlustigen Pater Pancraz an seine Bestimmung gelangen zu lassen . Seither hatte der heilige Dominikus der unwürdigen Schwester Perpetua seinen Wunsch und Willen in wiederholten Erscheinungen kundgetan . Am deutlichsten und wunderbarsten aber war dieses in der verwichenen Nacht geschehen . Die betrübte Ordensschwester hatte in gottbegnadetem Traume die öde Zelle der Priorin betreten und dort plötzlich Lucretia erblickt , wie sie leibte und lebte , doch mit demütigem Angesichte und gesenkten Augen . Neben ihr aber stand St. Dominikus selbst im Glanze des Himmels und seiner schneeweißen Kutte , der ihr einen Lilienstengel überreichte . Der Träumenden war alsdann vorgekommen , als lege sich ein Abglanz seines Heiligenscheins um Lucretias erwähltes Haupt . Die Schwester öffnete die Augen voller Freude und durchdrungen von dem Gefühle , daß sie diese Offenbarung nicht für sich behalten dürfe . So war sie denn gekommen das Gesicht Lucretia mitzuteilen und mit ihr dessen Bedeutung zu besprechen . Der Eindruck des Traumbildes auf das Fräulein war indessen weniger erfreulich und überzeugend gewesen , als die Nonne gehofft , und sie hatte sich darauf lange bemüht zu ergründen , welche Wurzeln der Weltlust oder der Weltsorge das Fräulein immer noch draußen zurückhielten , denn dieses sprach von dem Kloster , trotz seines Wohlwollens für dasselbe , nur als von seiner einstweiligen Herberge . An irdischem Besitz schien Lucretias Herz nicht zu hangen , noch weniger an irdischer Liebe ; denn einige bescheidene Klosterscherze , die sich Schwester Perpetua einzig in der Absicht das Fräulein zu erforschen in dieser Richtung erlaubte , wurden mit stolzem Lächeln abgewiesen . Noch eine Möglichkeit hatte die Schwester beunruhigt : Lucretia wolle in der Welt bleiben , bis sie einen würdigen Bluträcher finde , der nach altem Landesbrauche den Tod ihres grausam erschlagenen Vaters mit demjenigen der Mörder sühne , oder sie trage am Ende selbst blutige Gedanken mit sich herum , die sich mit dem Frieden des Klosters nicht vertrügen . Diese schreckliche Vermutung , die ursprünglich ihrem zahmen und frühe durch Klosterzucht geregelten Gemüte ferne lag – Perpetua war keine schwerblütige Bündnerin , sondern entstammte einer ehrbaren Zugerfamilie – hatte ihr der alte Lucas zu Riedberg noch vor der Fahrt , die er nach Italien getan , um das Fräulein heimzugeleiten , zu wiederholten Malen nahegelegt . Er selbst war ganz davon durchdrungen , wie von einer unabwendbaren Notwendigkeit . Aber auch diese Mutmaßung hielt nicht stand . Lucretia war der Schwester heute so kindlich weich und versöhnlich erschienen , daß sie sich einen derartigen Verdacht als ein Unrecht gegen das verwaiste Fräulein vorwarf . In Wahrheit , heute hegte Lucretia keine Rachegedanken . Sie sann mit einer Trauer , die ihre geheime Süßigkeit hatte , den Erlebnissen ihrer Heimreise aus Venedig nach . Ein seltsames Verhängnis hatte das Leben des ihrer Rache Verfallenen in ihre Hand gegeben und sie hatte es nicht genommen , sie wußte heute mit voller Herzensüberzeugung , daß sie es nicht nehmen dürfe . Der Widerstreit ihrer Gefühle hatte sich gelegt , sie war zur Ruhe gekommen . Lucretia hatte Venedig , begleitet von ihrem treuen Lucas , im Frühjahr verlassen und die lange Strecke bis nahe an die Grafschaft Chiavenna erst über Verona und Bergamo und dann längs der blühenden Ufer des Comersees in mäßigen Tagritten ohne Aufenthalt und Abenteuer zurückgelegt . Grimani hatte sie mit einem Geleitbriefe durch das Venezianische versehen – im Mailändischen genügte ihr Name – und von Rohan war ihr als schützender Kavalier der junge Wertmüller mitgegeben worden . Wohl hatte die Herzogin gegen dieses für die schöne Reisende , wie sie behauptete , in keiner Weise passende Geleite zuerst Einspruch erhoben ; aber der Herzog kannte die guten und schlimmen Eigenschaften seines Wertmüller nicht erst seit gestern und wußte , daß sein wunderlicher Adjutant sich noch in jeder ernsten Probe ehrenhaft , zuverlässig und tapfer erwiesen hatte . So strebte Donna Lucretia , von dem triumphierend neben ihr reitenden Locotenenten geistvoller , als ihr wohltat , unterhalten , den täglich sich vergrößernden Silberspitzen ihrer heimischen Gebirge entgegen und eines Tages gelangte der kleine Reisezug in die sumpfige Ebene durch welche die Adda sich langsam dem Nordende des Comersees zuwindet . Da sie am Morgen in der kühlen Frühe aufgebrochen waren , beschlossen sie an einem Kreuzwege unfern der drohenden Festung Fuentes vor einer Locanda kurze Mittagsrast zu halten , um dann heute noch Chiavenna zu gewinnen und am nächsten Tage den Saumpfad über den Splügen einzuschlagen . Lucretia zog es vor , die unreinliche Herberge nicht zu betreten ; sie setzte sich allein in eine Weinlaube , deren blasses Frühlingsgrün sich eben aus den springenden Knospen entwickelte . So hatte sie eine Weile den Hühnern zugesehn , die neben der Krippe das von den fressenden Pferden herausgeworfene Futter aufpickten , da erblickte sie zwischen den zarten Blättern und jungen Ranken hindurch auf der staubigen Landstraße einen Zug Leute , der sogleich ihre ganze Aufmerksamkeit fesselte . Sie erriet , daß ein Gefangener eingebracht werde , und als er näher kam , erbebte ihre Seele . Ein halbes Dutzend spanischer Soldaten , voran ein alter dürrer Hauptmann zu Pferde , führten in ihrer Mitte einen Mann in der Alltagstracht des Veltlinerbauers , dessen Kleider zerrissen und über und über von Sumpfwasser geschwärzt waren . Staub und Blut entstellten sein Angesicht , und die Hände waren ihm mit groben Stricken hinter dem Rücken zusammengebunden . Das Fräulein erkannte mit Entsetzen die hohe Gestalt und die trotzige Haltung des Jürg Jenatsch . Auf den Spuren des eingeholten Flüchtlings schnüffelten spanische Bluthunde , welche wohl bei dieser Menschenjagd Dienste geleistet hatten , und gelbe halbnackte Jungen und blödsinnige Zwerggestalten liefen johlend hinter dem gewaltigen wehrlosen Manne her . Beim Herannahen des Trupps eilten die Bewohner des Hauses vor der Türe zusammen , auch Lucas kam herbei , der eben die Pferde wieder gesattelt hatte , und Wertmüller trat hinter Lucretia . Der spanische Hauptmann gebot seinen Leuten Halt , stellte sich in den Schatten der Hauspforte und nahm seine Sturmhaube von dem totenkopfähnlichen Haupte , dessen braune Knochen nur durch zwei erhitzte , tiefliegende Augen belebt erschienen . Dann hieß er sein abgejagtes Tier , dessen Riemenzeug zerrissen war , zur Zisterne führen und fragte kurz und barsch : » Ist jemand hier , der in diesem Späher den vormaligen ketzerischen Prädikanten und vielfachen Mörder Georg Jenatsch erkennt ? « Es schlurfte in zerfetzten Schuhen ein ältlicher Knecht herbei und sagte mit kriechender Miene : » Zu dienen , Exzellenz . Ich hauste anno 1620 in Berbenn und war dabei , als dieser Gotteslästerer mit verfluchter Hand meinen leiblichen Bruder gegen den Hochaltar von St. Peter schleuderte , daß der Ärmste für sein Lebtag ein Gebresten davontrug . « – » Das paßt « , sagte der Spanier , » ich betraf denselben Prädikanten im gleichen Sommer an der Zugbrücke unserer Festung . Eure Ausflüchte , Mann , helfen Euch nicht und der Strick ist Euch gewiß . « Lucretia hatte im Hintergrunde der Laube den Auftritt mit laut klopfendem Herzen angesehen . Konnte sie Georg retten ? Wollte , durfte sie es ? . . . Hinter ihr stand Wertmüller , dessen angriffslustige Ungeduld sie fühlte , und den sie leise den Hahn seines Pistols spannen hörte . Lucretia erhob sich und schritt , von einer unwiderstehlichen Macht gezogen , langsam vor . Bei des Spaniers letzten Worten stand sie zwischen ihm und dem an einen steinernen Stützpfeiler der Laube geschnürten Gefangenen . In diesem Augenblicke flog eine Handvoll Kot und Steine von einer lachenden Kropfgestalt geworfen an die blutende Stirne des Gefesselten , aber seine Miene blieb stolz und ruhig , nur seine Lippen bewegten sich flüsternd : » Lucretia , deine Rache vollzieht sich ! « klang es in romanischen Lauten , ohne daß sein Blick sich nach ihr gewendet hätte . » Sennor « , redete die Bündnerin den spanischen Hauptmann mit fester Stimme an , » ich bin Lucretia , die Tochter jenes Planta , den Georg Jenatsch erschlagen hat . Ich habe seit dem Tode meines Vaters keinen liebern Gedanken gehabt als den der Rache ; aber in diesem Manne hier erkenne ich den Mörder meines Vaters nicht . « Der Spanier richtete seinen bösen Blick erst fragend und dann höhnisch auf sie , aber Lucretia beachtete ihn nicht . Schon hielt sie ihren kleinen Reisedolch in der Hand und begann ohne Zögern die Bande des Gefangenen zu durchschneiden . Was jetzt um sie vorging traf ihre Sinne kaum . Sie vernahm noch den raschen Befehl Wertmüllers an Lucas : » Pferde vor ! « gewahrte noch wie der Locotenent dem Spanier mit dem Pistol in der Hand entgegentrat und dieser den Degen aus der Scheide riß . Dann wurde sie rasch aufs Pferd gehoben , das , Musketenschüsse hinter sich hörend , in wilden Sprüngen sie von dannen trug und in jagendem Laufe an der Festung Fuentes vorüber der Straße nach Chiavenna folgte . Auf dem staubigen Heerwege sprengte sie vorwärts , mit Mühe sich auf dem erschreckten Pferde haltend und doch angstvoll zurücklauschend , ob ihr Freund oder Feind nacheile . Noch fielen , schon aus der Ferne , vereinzelte Schüsse , sonst hörte sie nichts als das Schnauben und den Hufschlag ihres eigenen Tieres . Endlich brauste Galopp hinter ihr und schon ritt an ihrer rechten Seite , zerrissen und blutig , aber in hellem Übermute Georg Jenatsch , hinter welchem , ihn mit grimmer Miene umfassend , der alte Lucas zu Rosse saß . Zu des Fräuleins Linken schnaubte einen Augenblick später ein zweites Roßhaupt und über demselben grüßte das aufgeregte Gesicht des kleinen Locotenenten , der den Rückzug gedeckt hatte und von der Rolle , die er gespielt , höchlich befriedigt schien . » In der Festung wird Alarm geschlagen « , sagte Jenatsch . » Hinter jenem Waldhügel biegen wir links ab von der Heerstraße , auf der man uns verfolgen wird , reiten durch die seichten Nebenwasser der Adda und gewinnen auf Wegen , die ich als gangbar kenne , längs des Sees und über die Berge das sichere Bellenz . « – Als die Pferde den beweglichen Kiesloden des Flußbettes betraten , sprang Lucas ab und ergriff , sich vor das Pferd seiner Herrin stellend , mit treuer Hand dessen Zügel . » Im Grunde habt Ihr recht « , sagte der Alte und blickte zu Lucretias glücklichem Angesichte auf , » es war heute nicht der passende Anlaß und nicht der richtige Ort . – Euch zuliebe würd ich mit dem leidigen Satan selbander reiten , aber – wahr bleibt ' s – einem ehrlichen Gaul und einem gut katholischen Christen wird heutzutage viel Geduld zugemutet . « – Die darauf folgenden beschwerlichen Reisetage lebten als selige Erinnerungen in dem Herzen Lucretias fort . Nach dem ermüdenden Zuge quer über die südlichen Vorberge der Alpen hatte die Gesellschaft in Bellenz gerastet und Jenatsch sich beritten gemacht . Dann zogen sie langsam durch das von Wasserstürzen rauschende Misox , das südlichste und schönste Tal des Bündnerlandes . Über dem Bergdorfe San Bernardino begann der Paß jäh zu steigen und führte zu dieser frühen Jahreszeit bald über eine blendende Schneedecke . Der Himmel war von tiefer Klarheit und noch südlicher Bläue . Lucretia fühlte sich umweht von den kräftigen Alpenlüften der Heimat und ihr war auf Augenblicke , als sei sie in die fröhlichen Reisetage der Kindheit zurückgekehrt ; denn Herr Pompejus war häufig mit ihr aus einem seiner festen Häuser ins andere über die Bergjoche des tälerreichen Bündens gezogen . Ihre Augen suchten mit Ungeduld den kleinen Bergsee , der , wie sie sich deutlich erinnerte , auf keiner der heimischen Wasserscheiden ausblieb . Da endlich nahe dem nördlichen Abhange , leuchtete er ihr entgegen , unter den heutigen scharfen Sonnenstrahlen aufgetaut . Gewiß nur eine kurze Befreiung , denn der Sommer kehrt spät ein auf diesen Höhen , trotz seiner täuschenden Vorboten , und das den Himmel spiegelnde Auge mußte sich unter eisigen Stürmen wohl bald wieder schließen . Auf der halb geschmolzenen Schneedecke kamen die Pferde nur mühsam vorwärts . Die Bündner – auch Lucretia – waren auf der Höhe abgestiegen , nur der eigensinnige Wertmüller beharrte im Sattel und blieb , wo der Berg sich zu senken begann , mit seinem bei jedem Schritte gleitenden Tiere immer mehr hinter den andern zurück . Zuletzt versank er in eine vom Schnee verräterisch bedeckte Spalte , aus welcher ihm der die übrigen Pferde am Zügel führende Lucas nur mit Zeitverlust und Mühe heraufhalf . Während dieser bei dem fluchenden Locotenenten zurückblieb , schritten Jenatsch und Lucretia rüstig und allein bergab und überließen sich der ungewohnten Lust , die Heimatluft in vollen Zügen einzuatmen . Das Fräulein dachte nicht daran , daß sie zum ersten Male auf der Reise mit Jenatsch allein sei . Waren ihr doch , wenn sie still neben Jürg einherritt , ihre beiden andern Begleiter – der Locotenent , trotz seines unausgesetzten Bestrebens sich angenehm oder unangenehm geltend zu machen , der alte Knecht , trotz seiner unverhohlenen Rachegelüste – in gleichgültige , unpersönliche Ferne getreten . Sie lebte in einem traumartigen Glücke unter dem Zauber ihrer Berge und ihrer Jugendliebe , den sie furchtsam sich hütete mit einem an die grausame Gegenwart erinnernden Worte zu zerstören . Jetzt hatten sie das erste Grün über einem schmalen baumlosen Tale erreicht und setzten sich auf ein besonntes Felsstück , um den zurückgebliebenen Locotenenten zu erwarten . Ein Wässerchen quoll daneben aus dem feuchten dunkeln Boden . Lucretia kniete nieder und bemühte sich mit der hohlen Hand einen Trunk daraus zu schöpfen . » Ich muß doch sehen « , sagte sie , » ob das bündnerische Bergwasser noch so gut schmeckt wie in meiner Jugend !