› Finis sez , Seigneur Roi , finissez ! ‹ Herr Heinrich erschrak und bedeutete den Primas , schleunig von ihm zu weichen . › Zurück mit dir ‹ , rief er , › in dein französisches Kloster ! . . . Und daß deine Sohlen nimmermehr den englischen Boden berühren , du Volksverführer ! Weder hier noch jenseits will ich je mit dir wieder zusammenkommen und zu schaffen haben , du Zauberer und Schicksalsrabe ! . . . ‹ Aus dem Angesichte des Primas wich jedes Leben . Er antwortete mit sanfter Stimme : › Ich weiß nicht , ob ich deinem Worte folgen kann , denn lange bin ich nun gewandert und Hirt und Herde verlangen nach einander . Auch sehne ich mich nach meiner Ruhestätte . Darum , o Herr , verspreche ich nicht , dir zu gehorchen . – Doch besorge nichts von mir , meine Schritte suchen den Frieden . ‹ › Hüte , hüte dich , bei deinem Leben , meinen englischen Boden zu betreten ! ‹ schrie der König außer Sinnen und gebärdete sich so heftig , daß Herr Richard , das Löwenherz , der , aufmerksam auf die zweie , sich in der Nähe der normännischen Ritter hielt , mit verhängtem Zügel und bestürzten Mienen herangesprengt kam . Thomas Becket aber wendete sich von dem Könige mit einem wehen Lächeln : › Ich glaube , die Stunde meiner Befreiung nahet ‹ , sagte er . › Wo hätte ich Zager sonst den Mut genommen , das Haupt zu erheben und meinen Herrn und König zu erzürnen ! ‹ So schieden sich Herr Heinrich und Herr Thomas voneinander ohne den Frieden , den sie doch beide redlich gesucht hatten . XII XII Als wir die graue Heide , den Ort des verweigerten Kusses , verlassen hatten und schweigsam in uns gekehrt nach der festen normännischen Stadt Rouen trabten , trieb uns nach einem warmen , verlängerten Spätherbst eine rauhe Winterluft die erster Brustpanzer , denn ich gab die Sache meines Königs verloren , wohl wissend , was ich Herrn Richard nicht verhehlt hatte , daß das an einem Sonnenstrahl der Güte schmelzende Eis der Herzen , von neuer Kälte überfallen , sich zwiefach verhärtet . Mit meinen Augen hatte ich es gesehen , wie der Primas dem Löwenherzen zuliebe sein innerstes Naturwesen hatte zwingen wollen , die Lippen meines Königs zu berühren , und wie er es nicht gekonnt . Von Dohlen und Krähen umflattert , sprengte Herr Heinrich über das Blachfeld , das sich langsam mit Schnee bedeckte . Da , an einem Kreuzwege , spornte Herr Richard seinen Falben , den er bei währendem Ritte gegen seinen Gebrauch in den hinteren Reihen gehalten hatte , neben den Berberhengst des Königs und beurlaubte sich von dem Vater mit gesenktem Haupte und , wie mir schien , tiefsinnigen und hinterhältigen Mienen , wie sein tapferes Antlitz sie sonst niemals zeigte . Er schützte , ich weiß nicht welche persönlichen Anliegen und Verwickelungen in seiner Grafschaft Poitou vor , und ich verstand , daß er zwar nicht mit den Brüdern gegen den König Panier aufwerfen , aber außerhalb des Streites sich halten werde . In der Stadt Rouen hielt sich Herr Heinrich bis zur Weihnacht , die nicht ferne war , in guter Zucht und christlicher Zerknirschung , hörte fleißig die Messe und tat sich wehe mit Fasten und jeglicher Enthaltsamkeit ; denn er war gesonnen , am Morgen des teuern Festes das hochheilige Brot zu essen . So tat er auch mit Andacht und Freude . Dann setzte er sich mit seinem adeligen Gesinde an die reich beladene Tafel , um seinen kasteiten Magen zu ergötzen . Das festliche Mahl war zu seiner Mitte gelangt , da regte sich der Böse und schickte einen Störenfried . Gestiefelt und gespornt – denn er hatte sich eben vom Pferde gekugelt – keuchte der Bischof von York durch die Halle und stellte sich , rot wie ein Puter , mit erzürnten Gebärden vor den tafelnden König . Dieser kurze , hitzige Normanne konnte mit seiner Unrast und dem Auffahren seiner Gliedmaßen einen Gelassenen und Gesunden aus der schönen Fassung bringen , geschweige meinen König . Ihm an der Seite erschien einer seiner Kleriker , ein Mann mit langem Gesichte voller Vernunft , der ihn mit bedächtigen Reden zu beruhigen und zu regeln trachtete . › Helfet mir , gerechter König Heinrich ‹ , überschrie sich der Kleine . › Nicht genug am Primas , hat nun auch der Heilige Vater in Rom seinen Bannstrahl auf mein Haupt geschossen . Thomas Becket , den Gott verpeste , hat die Bulle verstohlenerweise auf seinem eigenen Leibe in Euer englisches Königreich getragen und eben jetzt , zur heiligen Freudenzeit , wird sie in allen Kirchen , wo Sachsen Messe lesen , zu meiner und meines Königs Schmach feierlich verkündigt . Und wie ist der Sohn der Bosheit nach Canterbury gekommen ? . . . Als ein Triumphator mit Roß und Wagen und einem langen sächsischen Heerzuge ! . . . ‹ Hier gelang es dem verständigen Kleriker seine Stimme hörbar zu machen . Dem sei nicht so , wandte er ein , auf einer frommen Eselin sei der Primas eingeritten ; wahr sei es aber , daß das Volk Gewand vor ihm ausgebreitet und , was Grünes in dieser Winterzeit vorhanden , auf seinen Weg gestreut habe . Der Verbannte sei als ein müder Mann nach Canterbury zurückgekehrt und habe sein erzbischöfliches Haus , ja sein Gemach seither nicht wieder verlassen . Freilich habe der Primas zwei päpstliche Bullen in seinem Gewande nach Engelland gebracht : die eine aber habe er in die Flamme seines Herdes geworfen , die andere von seinen kriegslustigen Klerikern nur mit Widerstand sich entreißen lassen . Herr Thomas sei am Erlöschen und die Natur selbst werde Herrn Heinrich von seinem Peiniger und Widersacher in Bälde befreien . Das sei die nüchterne Wahrheit . Ein ihm verpflichteter Hausgenosse des Primas habe sie ihm getreulich erzählt . Der Bischof aber rannte diese Vernunft mit gewaltsamen Worten zu Boden . › Thomas am Erlöschen ? ‹ schrie er : › Bei meiner Bischofsmütze , drei Lebensgeister hat der Zähe , um deiner Majestät zu schaden ! Thomas ein Friedebringer ? Den Krieg bringt er dir nach Engelland ! Überall auf seinen Wegen tumultuierten die Sachsen und griffen zu ihren Äxten ! Ich habe es von Augenzeugen ! ‹ Das schien mir schon damals unmöglich , wie ich die geschwächten Sachsen kannte . Aber ich hörte kaum auf die kollernden Worte des Bischofs , denn alle meine Sinne waren auf meinen König geheftet , dessen Innerstes zu sieden begann . Er hatte die Berichtigungen des verständigen Klerikers in der Betäubung seines Zornes nicht vernommen . Jetzt kam die lodernde Flamme zum Ausbruch . Herr Heinrich , von dem Aufruhr oder der Demut des Primas gleicherweise empört , sprang in sinnlosem Zorne vom Sitz empor und stieß seinen Becher so hart von sich , daß er weit über die Tafel rollte , den Wein in roten Strömen auf das Linnen vergießend , wie Blut in den Schnee . › Ich habe ihm verboten meinen Boden zu betreten ! ‹ schrie der König mit bebender Stimme : › Ich weiß , er verbirgt in seinem Busen und Gewande auch einen päpstlichen Bannbrief gegen mich , seinen König . Er hat mir ihn selbst gezeigt , der Böse ! ‹ Jetzt schlug er verzweifelnd die Fäuste gegeneinander und wehklagte : › Ich habe ihn gekleidet und geschmückt , wie eine Geliebte . Er hat wie ein schmeichelndes Hündlein das Brot aus meiner Hand gegessen und mich mit Füßen , zerreißt mein Haus und zerstört mein Reich . ‹ Er blickte irr über die verstummte Tafelrunde und schleuderte seinen Rittern die beschimpfenden Worte zu : › Ich mäste Knechte ! Sie zehren am Mark meiner Länder und strecken die Fuße aus unter meinem vollen Tisch ; aber keiner dieser Fresser und Schwelger ist Mannes genug , mir einen Verräter vom Halse zu schaffen ! ‹ Während der Herr mit rollenden Augen auf und nieder schritt und sich keiner mit der Rede an ihn wagte , hatte sich die Mehrzahl der Königsgäste erhoben und umringte den Bischof , diesen mit Fragen und Vorwürfen bestürmend . Hinter dem Stuhle des Königs stehen geblieben , sah ich am untern Ende der plötzlich gelichteten Tafel viere zusammensitzen , die sich Blicke zornigen Einverständnisses zuwarfen und im Flüstertone , als hielten sie geheimen Rat , aufgeregte Worte tauschten . Ihre Namen , Herr , sind Euch bekannt denn die Legende hat sie in alle vier Winde gerufen , sie sind Unseligsten aller Lebenden und jedes Christenkind in Engelland bekreuzt sich vor ihnen . Das ist zum ersten Herr Wilhelm Tracy , der Spötter , dann Herr Richard aus der Bretagne , Herr Rinald , der Schöne , ein Liebling der Weiber , und letztens Herr Hug , der Einsilbige . Ich stand zu ferne um ihre Worte zu verstehen , aber ihre Gebärden sprachen deutlich genug . Noch seh ich , wie Herr Hug sich die Lippe benagte , wie Herr Rinald seine weichen Langhaare um die Finger schlang und zerriß , während Herrn Richard der Zorn dunkelrot in die Stirne stieg und der witzige Mund des Herrn Wilhelm Tracy , der sonst voller Gelächter war , sich zum bittersten Hohne verzog . Dann schienen sie eins geworden und verschwanden zusammen durch eine Hintertüre . Ich wandte mich nach dem Fenster und sah die viere im Schloßhofe ungeduldig auf ihre Rosse harren und sie dann hastig besteigen . Als ich am Abend dieses schlimmen Christtages in der Kammer meines Herrn erschien , um seinen Jagdbefehl für morgen zu holen , fand ich ihn , wie den Zornmütigen zu geschehen pflegt , stumm und niedergeschlagen , so daß ich es wagen durfte , meinem geängstigten Herzen Luft zu machen . › Zu Mittag nach Eurer scharfschneidigen Tischrede ‹ , begann ich , › sind vier Eurer Gäste ‹ , und ich nannte sie , › spornstreichs verritten , ich meine nach der Küste . – Hätten sie aus Euern entrüsteten Worten einen Wunsch oder einen Befehl herausgehört ... o Herr ! Was dann ? Wenn sie Eure Rede in Eure Tat verwandelten – es wäre nicht Euer Wille . ‹ Er starrte mich an , mühsam seine Gedanken zusammenknüpfend , und antwortete nicht . › Bei der glückseligen Krippe ‹ , warnte ich flehentlich , › das ist kein Geringes ! Alle Heiligen und Engel wollen Euch behüten , daß Ihr Euch keinen Märtyrer auf die Seele ladet . ‹ Jetzt begriff er mich plötzlich und packte mich an der Schulter . › Wann sind sie verritten ? ‹ fragte er , obwohl ich es ihm eben gesagt hatte . › Warum mahnst du nicht zu guter Zeit , krächzender Rabe ? ‹ – › Noch ist es nicht zu spät ! ‹ versetzte ich unerschrocken . › Betrachtet die von Mitternacht heranziehenden Schneewolken ! Sicherlich tobt die See und sie haben Gegenwind . ‹ › So sattle meinen Berber ‹ , befahl er , › er überholt den Sturm . Erreiche die viere und bring sie mir zu rück . Du ereilst sie mir – ich will es ! ‹ › Herr ‹ , sagte ich , › sie werden mich nicht hören ; denn Ihr habt ihre Ehre aufs Blut gereizt . Besser , ich reite einen andern Weg , erreiche die Küste , wo der Meeresarm am dünnsten nach , presse dort das schnellste Schiff , wem es gehöre , gelange nach Canterbury vor den vier von Euerm Zorne Gejagten und schaffe Herrn Thomas in Euerm Namen Sicherheit . Das ist deine Sache ! ‹ drohte er . › Wisse eines : ich will nicht , daß dem Primas ein Leides geschehe ! Wird ein Haar dieses ehrwürdigen Hauptes gekrümmt , so büßest du dafür und baumelst mir am nächsten Galgen ! ‹ Es hätte dieser unsinnigen Drohung für mich nicht bedurft . Nie wurde schneller gesattelt , nie rastloser geritten ! Unterwegs erfuhr ich , die viere hätten sich dem nächsten Seehafen , welchen sie den Port der Gnade nennen , zugewendet , und eilte quer durch französisches Land nach Calais , von wo mich ein Schnellsegler in wenig Stunden nach Engelland hinüberbrachte , während mich inmitten der stürzenden Wellen Gottes liebe Mutter , die mich auch erhörte , inbrünstig anrief , mich den vier Zornmütigen nur wenigstens um zwanzig Ave Maria vorkommen zu lassen . Auf englischem Boden wurde ich häufig von streifenden geharnischten Normannen angerufen ; denn das Land war in Unruhe und die Sage überall verbreitet Primas umgebe sich Canterbury mit sächsischen Waffen der Von diesem in der Luft herrschenden Geiste der Bangigkeit gejagt , trieb ich , auf die fliegende Mähne des Berbers mich beugend das edle Tier zu rasendem Laufe und dennoch schien es mir , als wollten sich die aus dem Häuserhaufen von Canterbury aufsteigenden Türme der Kathedrale , auf die ich meinen Blick unverwandt geheftet hielt , nicht vergrößern . Als ich mich endlich in Schweiß gebadet den Mauern der Stadt näherte , fand ich die Straße vor dem Tor mit frisch abgehauenen Tannenzweigen und dürftigen Wintermaien , den Zeugen eines friedfertigen Einzuges , bestreut . Ich glitt vom Pferde und führte das schnaufende Tier durch eine Hintergasse in die Brauerei , wo ich abzusteigen pflegte ; denn ich hatte nicht selten meinen König nach Canterbury begleitet , dessen eben vollendetes Münster als ein Wunder der neuen Baukunst galt . Der Hauswirt , ein Sachse , der zugleich der Alderman von Canterbury war , schloß gerade behutsam die Läden er gegen die lange Hauptgasse gewendeten Fensterreihe . Als ich ihn fragte , wozu er am hellen Tage Finsternis mache , deutete er mir mit der Linken zu schweigen und schob mich mit der Rechten vor die breite Spalte eines Fensterbalkens . Ich lugte durch und sah die viere von der Königstafel in voller Rüstung die Gasse auf und nieder reiten , mit ausgestreckten Schwertern auf die Fenster und die Haustore weisend . › Jeder halte sich im Hause ! Keiner setze den Fuß auf die Gasse ! ‹ gebot Herr Wilhelm Tracy , der seinen Rappen vor er Wohnung des Alternanz herumriß , während das Tier aus schnaubenden Nüstern eine Dampfwolke in die kalte Winterluft ausstieß . Nachdem der Herr sein Roß gewendet wiederholte er den Befehl , nicht in der verächtlichen Weise wie der normännische Hochmut die Sachsen anzufahren pflegt sondern mit feierlichem Heroldsrufe . Die erschrockenen Bürger gehorchten . Hier schloß sich eine Kaufbude , dort trug ein Hökerweib jammernd seine Körbe weg , weiter unten hob eine geängstete Mutter ihr auf der Gasse spielendes Kind auf den Arm und flüchtete es heim . Der witzige Herr Wilhelm war nicht zu kennen . Ernst und unglücklich schauten seine Augen unter den schwarzen Brauen hervor aus der Blässe seines Angesichtes . Es wurde mir deutlich , daß sich die viere unterwegs geeinigt hatten und die auf ihrer Seele brennenden Schmachworte des Königs nicht mit einer zornigen Mordtat , sondern mit Gericht und Bluturteil zu löschen gedachten . Auch ich ratschlagte mit dem Alderman , machte den echten und letzten Willen meines Herrn und Königs geltend und gebot ihm , sobald die viere gewichen , seine Bürger zu ermutigen , zu bewaffnen und mit ihnen meines Zeichens zu harren . Dann schlüpfte ich durch Seitengäßchen und erreichte das feste erzbischöfliche Haus , wo sie mich als Königsknecht und eine in Engelland wohlbekannte Person ohne Schwierigkeit , ja bereitwillig wie einen Nothelfer , einließen . Sie führten mich in eine prächtige , lieblich erwärmte Halle , wo der Primas unter vielen Klerikern und dienenden Brüdern Tafel hielt , hinter denen ich mich barg , ungern mich geduldend bis der Augenblick es erlaube , mich Herrn Thomas zu nahen . Er selbst berührte keinen Bissen , sondern hielt das geisterhafte Haupt mit geschlossenen Augen in den bischöflichen Stuhl zurückgelehnt , einen armen , frommen Mann aus Canterbury anhörend , der mit bebender Stimme den Eintritt der viere berichtete . Nachdem er ihn von der Nähe der Gefahr überzeugt hatte , beschwor der Sachse den Primas sein Leben durch die Flucht zu retten . Ein ängstliches Gemurmel lief um die Tafel . Herr Thomas aber regte sich nicht . › Es ist genug ‹ , sagte er ruhig , segnete und entließ den Weinenden . Dann sprach er : › Gib mir den Kelch ! ‹ und der junge Kleriker , an den er sich wandte , ein blondlockiger Knabe in weißem faltigen Gewand , reichte ihm eine mit Wasser gefüllte kristallene Schale , die er langsam ausschlürfte . Jetzt trat ich vor und warf mich dem Primas zu Füßen . › Ehrwürdiger Vater , ich komme von meinem König ! – Ihm ist bange um Euch ! ‹ rief ich . › Er sendet mich auf eiligen Schiffen und dampfenden Rossen , daß ich Euch mit meinem Leibe decke und die königliche Macht über Euer Haupt breite ! . . . Auf , fromme Brüder ‹ , und ich wendete mich an seine Kleriker , › auf ! Stehet mir bei ! Führet Euern Bischof in sein innerstes festestes Gemach . Und ihr andern , helfet mir die Tore versperren und die Türen verrammeln ! Ist nur das erste Feuer der vier Herren verlodert und ihr erster Anlauf abgeschlagen , so geleite ich mit Hilfe der Leute von Canterbury den Primas in die nächste königliche Burg . – Herr Thomas , im Namen der benedeiten Mutter , widerstrebet nicht ! Gebt Euch in des Königs Schutz und Euch wird kein Haar gekrümmt werden ! ‹ Ohne sich von der Stelle zu rühren , richteten die Kleriker insgesamt ihre Blicke auf den Primas ; doch dieser machte mit wenigen gelassenen Worten meinen Anschlag zunichte . › Besser als dir ist er Wille deines Herrn mir bekannt . Ich lese deutlich in seinem Herzen ! Gottes ewiger Ratschluß und der Vorsatz meines Königs erfülle sich an mir ! ‹ › Bei den fünf heiligen Wunden ! ‹ schrie ich , außer mich geratend , der König will nicht , daß Ihr hier erwürgt werdet ! Trägt er die Schuld , wenn Ihr die trotzige Absicht habt , Euern Leib und des Königs Seele wissentlich und freventlich zu verderben . Da wandte sich plötzlich Herr Thomas gegen mich und schlug mich mit biblischen Worten : › Hebe dich von hinnen , du Schalk und Böser Knecht , denn du bist mir ärgerlich ! ‹ Erschrocken sprang ich auf die Füße und wich zurück unter die Kleriker . Ich war betrübt und mehr noch ergrimmt , daß Herr Thomas , der bis heute säuberlich mit mir gefahren war , im Augenblick , da sein Innerstes offenbar wurde , mir so böse und ehrrührige Namen gab , als wäre ich ein Erzschelm von lange her – War das nicht eine Ungerechtigkeit ? Ich überlasse Euch das Urteil , jetzt , da Ihr meinen Wandel von jung auf kennt und ich Euch nichts von meiner Blöße verhehlt habe . Bevor ich den Schmerz dieses unverdienten Schlages verwunden hatte , wurde die Türe geöffnet und die vier normännischen Herren traten in die Halle , ohne Rüstung und Waffen , in gewöhnlicher Hoftracht . Sie begrüßten den Primas mit tadelloser Courtoisie und feindseligen Mienen . Der Bischof hatte sich bei ihrem Eintreten in seinem Stuhl emporgerichtet , und ich wunderte mich über die Erhabenheit seiner Gestalt , aus welcher jede Schwäche gewichen schien . Er erwiderte den Gruß seiner finstern Gäste ebenso adelig und lud sie , die Hand leise bewegend , an seine Tafel . Sie setzten sich . › Wie steht es um meinen Herrn und König ? ‹ fragte er sie nach einer Weile und erhielt keine Antwort . › Ist ' s Friede ? ‹ fragte er wieder . Die viere aber betrachteten den Bischof , die einen mit gesenkter Stirn unter drohenden Brauen hervor , die andern mit scheuen Seitenblicken , nur ein unverständliches Gemurmel kam über ihre Lippen . Zuerst ermannte sich Herr Richard , den sie seiner unbezwinglichen Faust halben Frappedür , das heißt in unserer Zunge Schlagehart , nannten . › Im Namen des Königs kommen wir ! ‹ sagte er . › Ich glaube euch ‹ , versetzte der Primas . › Ihr , die ihr um ihn seid , verstehet seine Winke und erfüllet seinen Willen . ‹ › Hebe den Bann von dem Bischof zu York , Primas , oder hebe dich selbst aus Engelland ! ‹ fuhr Herr Frappedür fort , und der Einsilbige stimmte bei : › Hebe den Bann , oder dich selbst . ‹ › Nicht ich allein , jetzt hat ihn auch ein anderer als ich , der Heilige Vater in Rom , mit dem Banne belegt ‹ , erwiderte Herr Thomas ruhig . › An diesen wende sich mein Bruder in York . Meine Sache kann das nicht länger sein . Ich suche nur den Frieden . ‹ › So entrinnst du uns nicht , du Doppelzüngiger ! ‹ drang Herr Wilhelm Tracy , der unter den vieren der gewandteste Redner war , auf den Primas ein . › Befreie den Bischof von dem Banne , den du auf ihn geschleudert hast ! Er brennt ihm stärker auf der Haut als der römische . Genug der Unterscheidungen und Spitzfindigkeiten ! Gehorche deinem Könige und Lehensherrn in geraden Treuen , wie wir alle tun ! Bist du nicht lediglich ein Geschöpf seiner Gnade ? Wer hat dich aus dem Nichts gezogen und aus einem Sachsen zu einem Menschen gemacht ? Woher kommt dir die erhabene Macht dieses Stuhles ? Du Undankbarer , Feindseliger , sprich und bekenne : aus wessen Händen hast du sie empfangen ? ‹ Da rief Herr Thomas mit durchdringender Stimme , daß es durch die Halle zitterte : › Aus den Händen meines Königs zu seinem Gericht ! ‹ Über dieser harten Rede gerieten die viere in Aufruhr . Rinald der Schöne drehte an den Fingern seiner Handschuhe , die er bis jetzt spielend in der Linken gehalten . Herr Richard Frappedür stieß mit Rücken und Fuß seinen Stuhl zurück , daß das Eichenholz krachte , und der Einsilbige sagte : › Endet ! ‹ Herr Thomas aber sprach mit heiliger Hoheit : › Ich glaube ihr drohet , tapfre Herren ? Was will mein König von mir ? Was sein ist , will ich ihm geben . Meinen Leib ? Hier ist er . Nehmet ihn . Mein Gewissen aber gehört weder ihm noch mir . ‹ – › Vergessen wir der ritterlichen Sitte nicht ! ‹ sprach Herr Wilhelm . › Herren , überlasset mir die Fragestellung ! ‹ Er erhob sich und trat in Totenblässe vor den Primas . › Thomas Becket , nimmst du den Bann von dem Bischofe zu York ? Rede ! ‹ Herr Thomas aber schwieg und verurteilte sich damit zum Tode . › Thomas Becket , du hast den englischen Boden gegen den Willen deines Königs und den Spruch seines Parlamentes wieder betreten . Weiche aus Engelland ! Zugesagt ist dir freies Geleit bis ans Meer . Wann ziehst du von hinnen ? Rede ! ‹ Herr Thomas aber schwieg . Eine Weile harrte Herr Wilhelm auf Antwort , dann schloß er finster : › Das ist Felonie . Dein Blut über dich ! ‹ – Die viere verließen den Saal mit gemessenen Schritten . Ich wußte , sie gingen sich zu waffnen . Es entstand nun eine so große Stille , daß ich mein Herz wie einen Hammer gegen die Rippen schlagen hörte . Da erklang aus dem Schweigen , stark und markig , eine Stimme , die ich anfangs nicht erkannte . Sie gehörte Herrn Thomas , der einen ihm gegenüber an der Wand hangenden Kruzifixus mit Inbrunst ansprach : › Fürst der Schmerzen , nimm Wohnung in diesem Leibe ! ‹ Wieder hörte ich lange Zeit nichts als die Schläge meines Herzens . Dann sprach Herr Thomas zum andern Male und streckte seine schmalen Hände aus : › Durchstich sie und gewahre mir deine Passion ! ‹ Da erbebte ich in Ehrfurcht und getraute mich nicht länger das Angesicht des Herrn Thomas zu besehen , weil ich fürchtete der Dreifaltige habe in seinem Leib Einzug gehalten und blicke majestätisch aus seinen Augen . Aber ich raffte mich zusammen , als ich auf dem Gange Waffenlärm vernahm , stürmte nach der Pforte und stieß alle Riegel vor Durch mein Zufahren wie aus dem Banne eines Traumes gelost , umringte der ganze Haufe der Kleriker den Primas , etliche fielen ihm zu Füßen , andere , die ihn fortziehen wollten , faßten seine Arme , noch andere umschlangen seine Hüften , um sich seiner zu bemächtigen und ihn mit liebender Gewalt wegzutragen . Inzwischen schmetterten Beilschläge von draußen gegen die Türe . Der Primas aber wollte von dem Sitze , wo er gerichtet worden , nicht weichen . Da trat ein schlanker , klug blickender Diakon vor ihn hin , legte den Finger auf den Mund und machte ihn auf das feine Geläute eines Glöckleins aufmerksam , das in dem Tumulte kaum zu vernehmen war . › Es läutet zur Vesper und man erwartet Euch in der Kirche , Vater ‹ , mahnte er . Thomas Becket erhob sich ohne Weigerung , ein Zug ordnete sich und der Primas durchschritt hinter dem vorgetragenen Kreuze den langen Gang , der durch das Innere des bischöflichen Hauses in den Chor der Kathedrale führte . Auch ich wandelte in Reih und Glied mit den psallierenden Pfaffen . « Hier hielt der Armbruster inne . Sein Blick richtete sich auf eine neben ihm auf dem Kaminsimse stehende Sanduhr , in welcher eben die letzten Körner aus dem oberen in das untere Glas rollten . Hans drehte die Uhr und sagte : » Heute jährt es sich und es war zu dieser Stunde des Nachmittags , daß Herr Thomas seinen letzten Gang antrat . In den Chor des Münsters gelangt , warf er sich vor dem Fronaltar auf die Kniee , von seinen Klerikern umlagert , deren mehr als einer , an den Bogentoren des Lettners lauschend , furchtsame Blicke durch die Länge des Schiffes nach dem Hauptportale irren ließ , durch welches die Normannen jeden Augenblick eindringen konnten ; denn der Diakon hatte diese Zufluchtsstätte nicht der Festigkeit , sondern der unantastbaren Heiligkeit des Ortes wegen gewählt . Auch ich hielt das Portal unverwandt im Auge , entschlossen im letzten Augenblick , nicht gegen die vier Herren das Schwert zu ziehen – solches war mir als einem Knechte verwehrt – , aber Herrn Thomas mit meinem Leibe zu decken , ob ich die Schuld vergossenen Märtyrerblutes von meinem Herrn und Könige abwende . Alle Zeit und Frist nimmt ein Ende . Es klirrte und blitzte unter dem Portal , die viere traten , geharnischt vom Wirbel bis zur Sohle , in die Pforte und stürmten mit nackten Schwertern durch das Schiff der Kirche . › Mir nach , Getreue des Königs ! ‹ schrie Herr Wilhelm Tracy . Schleunig wollte ich noch die offenstehenden festen Gitterpforten schließen , die den Chor von der Kirche trennen ; aber der Primas , der sich erhoben und gegen seine Mörder gewendet hatte , wehrte es mir mit unwiderstehlicher Gebärde . Seine Kleriker aber alle umdrängten ihn . Die jüngeren und mutigeren füllten die Stufen . Voran auf die unterste stellte sich festen Fußes Trustan Grimm , der das Kreuz trug . Die anderen standen und knieten um den Bischof und drückten sich durcheinander wie eine erschreckte und verwirrte Herde , deren Hirte geschlagen wird . › Wo ist der Verräter ? ‹ rief Herr Wilhelm Tracy . Da hielt der tapfere Mönch Trustan das Kreuz mit beiden Händen gegen ihn empor als einen Schutz und eine Drohung . Ein Schwerthieb , ein Blutstrahl , und der vom Leibe getrennte Arm sank mir dem Kreuz auf die Erde . Jetzt griffen die viere mit flach fallenden Hieben die geängstigte Pfaffheit an und trieben die auseinanderstürzenden Geschornen in feige Flucht . Ich aber trat neben Herrn Thomas , der mitten vor dem Hochaltare stand , die Arme öffnend , wie der Gekreuzigte über ihm , als hätte sich dieser verdoppelt . › Der König will , daß du sterbest ! ‹ sprach Tracy und erhob das Schwert . › Es geschehe ! ‹ antwortete Herr Thomas . Ich umschlang ihn mit diesen beiden Armen , fühlte den Schlag niederblitzen und wurde in demselben Augenblicke unter dem Rufe : › Fort , Knecht ! ‹ von einer eisernen Faust , die nur dem Frappedür gehören konnte , gepackt und geschleudert , daß ich sausend mit dem Schädel gegen eine Säule fuhr . Während mir die Sinne schwanden , sah ich ein Blutmeer vor meinen Augen und darin ein sterbendes , lächelndes Haupt . Wie lange ich auf den Steinplatten lag , ist mir unbewußt Als meine Sinne wiederkehrten , war ich allein in der Kirche Ich versuchte mich aufzurichten , aber wagte nicht nach der Leiche des Heiligen hinzublicken , die zwei Schritte von mir entfernt vor dem Altare lag . Das aber sah ich , wieder zurücksinkend , daß mein Lederkoller mit dem Blute des Gemordeten benetzt war . Jetzt erhoben sich aus der dunkeln Tiefe des Schiffes zerreißende Klagetöne , das Wehgeschrei wuchs und wuchs und die Kirche füllte sich mit armem sächsischen Volke , das nach seinem Vater schrie und die Rache des Himmels auf die Mörder herabflehte . Mit unheimlicher Hast und Liebe stürzten sich neben mir die Gestalten über den heiligen Leichnam , umfaßten die toten Hände und Füße , küßten die Wunden und wuschen sie mit Tränenströmen . Ihre Kleider und Lumpen aber tunkten sie gierig in das ausgegossene Märtyrerblut . Endlich brachte ich mich auf die Kniee , zog mit noch