» Das ist ein hartes und sehr – vorschnelles Urteil , Jutta ! « sagte der Hüttenmeister unwillig ... » Ich stelle die Pfarrerin sehr hoch , und ich nicht allein – sie wird geliebt und geehrt in der ganzen Umgegend – « » Ach mein Gott – was wissen denn diese Bauern ! « warf Frau von Herbeck achselzuckend ein . » Jutta , ich muß dich dringend bitten , einen vortrefflichen Frauencharakter ernstlicher zu prüfen ! « fuhr er fort , ohne den impertinenten Einwurf der Gouvernante zu beachten . » Um so mehr , als du künftig auf dem einsamen Hüttenwerk beinahe nur mit ihr Verkehr haben wirst . « Jutta senkte lautlos den Kopf , und Frau von Herbeck räusperte sich , während sie sich alle erdenkliche Mühe gab , die Ecken ihres Taschentuches glatt zu zupfen . » Und nun erlaubst du mir , daß ich dir Hut und Mantel hole , nicht wahr ? « fragte der Hüttenmeister , sich erhebend . » Die Luft draußen ist köstlich – « » Und die Wege schwimmen « , ergänzte die Gouvernante trocken . » Herr Hüttenmeister , ich begreife Sie wirklich nicht ! ... Wollen Sie Fräulein von Zweiflingen um jeden Preis krank machen ? ... Ich hüte sie ängstlich vor jedem Zuglüftchen , und nun soll sie sich unnötigerweise durchaus nasse Füße holen . Machen Sie mit mir , was Sie wollen , aber das gebe ich nun und nimmermehr zu ! « Die leutselige gnädige Frau fiel ein wenig aus ihrer Rolle – ein kalter , lauernder Blick fuhr blitzschnell über den Hüttenmeister hin ; dieser eine Blick aber belehrte sie plötzlich , daß der für so simpel gehaltene , wortkarge Mann nicht im geringsten mit sich spaßen lasse . » Der Waldweg , auf dem meine Braut mir oft entgegengegangen ist , war fast immer bodenlos – meinst du nicht , Jutta ? « sagte er lächelnd . Ein feindseliger Ausdruck erschien auf dem Gesicht der jungen Dame ... Was brauchte denn Frau von Herbeck zu wissen , daß es eine Zeit gegeben hatte , wo sie in fieberhafter Ungeduld und Sehnsucht , durch Wind und Wetter , dem Geliebten entgegengegangen war ? ... Sie beantwortete die Frage nicht . » Das ist ein Streit um des Kaisers Bart « , sagte sie herb , in schneidendem Tone . » Ich gehe eben entschieden heute nicht aus , am allerwenigsten aber ins Pfarrhaus ! ... Das erkläre ich dir hiermit unumwunden , Theobald , nie und nimmer betrete ich diese Schwelle wieder ! « Der Hüttenmeister schwieg einen Augenblick . Er stand noch und stützte die Hand auf die Stuhllehne – seine über der Nasenwurzel zusammengewachsenen dunklen Brauen , die das schöne Gesicht so schwermütig machten , runzelten sich finster . » In drei Wochen kehrt die kleine Gräfin Sturm nach A. zurück ? « fragte er , aber mit sehr viel Bestimmtheit und Nachdruck , die eine falsch verneinende oder ausweichende Antwort unmöglich machten . Die Damen sahen ihn bestürzt an , allein keine widersprach . » Darf ich fragen , Jutta , wo du zu bleiben gedenkst , wenn das weiße Schloß leer und verlassen ist ? « fragte er weiter . Plötzliche Stille ... Es gibt Momente , die eine ganze Reihe unaufhaltsamer Ereignisse in eine Zeitdauer von wenigen Minuten einschließen , der Mensch fühlt instinktmäßig ihre Bedeutung – es ist , als stünde er unter dem lose gewordenen Schlußstein eines Gewölbes , die nächste Erschütterung wirft ihn herab , und der Bau bricht zusammen – eine solche Erschütterung ist das erste Wort ... Der Hüttenmeister sprach es aus , gerade weil ein energischer Griff in die gegenwärtigen Verhältnisse unumgänglich nötig war . » Bis zu dem Zeitpunkt , da ich als dein einziger Beschützer auftreten und dich im eigenen Hause haben und hegen darf « , sagte er – seine Stimme verschleierte sich und bebte , und ein Strahl heimlichen , unsäglichen Glückes brach aus seinen Augen – » bis zu dem Zeitpunkt gibt es keinen anderen anständigen Aufenthalt für dich als eben das Pfarrhaus . « Jetzt erhob sich Frau von Herbeck auch und stemmte ihre weißen , vollen Hände auf den Tisch . » Wie , Sie wären allen Ernstes imstande , Fräulein von Zweiflingen in diese – Gott verzeih mir ' s – Spelunke zurückzubringen ? « rief sie . » Soll denn diese lebensfrische Geisteskraft durchaus erstickt werden in der frömmelnden pietistischen Gesellschaft da drüben ? ... Mir möchte das Herz brechen , wenn ich mir so viel Seelenadel , diese echt aristokratische Mädchenerscheinung inmitten der pfarrherrlichen Hühner und Gänse und eines rüden , widerwärtigen Kinderschwarmes denke ! ... Schmale Bissen , derbe Hausarbeit und als geistigen Genuß ein Kapitel aus der Bibel – Sie wagen es wirklich , diese köstliche Dreieinigkeit einer hochgebildeten jungen Dame von Stande zuzumuten ? Mein Herr Hüttenmeister , Sie mögen Ihre Braut recht lieb haben – ich will es nicht bezweifeln – , aber – nichts für ungut – die Zartheit der Liebe besitzen Sie nicht , sonst würden Sie nicht ein Etwas in Juttas Seele so rauh ignorieren , das nun einmal da ist , das die Herren Sozialisten und Demokraten mit all ihrer Weisheit nicht wegzuspotten vermögen , das unter dem schwersten Drucke fortlebt , weil es tatsächlich göttlichen Ursprungs ist – ich meine das Bewußtsein der höheren Abkunft ! « Der Student schnellte ein Stück mit seinem Stuhl zurück , und die hochgehobene geballte Hand wäre sicher mit einem zerschmetternden Schlag auf den Tisch niedergefallen , hätte sie nicht der Hüttenmeister noch rechtzeitig ergriffen und festgehalten ; aber so ernst warnend er auch den jungen Heißsporn ansah , er bedurfte offenbar selbst aller ihm zu Gebote stehenden Energie , um seine äußere ruhige Haltung zu behaupten . » Und so denkst du auch , Jutta ? « fragte er mit schwerer Betonung . » Mein Gott , wie du doch alles gleich so tragisch nimmst ! « entgegnete sie verdrießlich . Ihre großen , dunkeln Augen hatten einen Moment mit wahrhaft vernichtender Kälte den Studenten gemustert , der es wagte , seine ungeschliffenen Burschenmanieren in das weiße Schloß mitzubringen . Jetzt richteten sie sich auf den Hüttenmeister . » Du kannst doch unmöglich verlangen , daß ich eine Hymne zur Ehre des Hauses anstimme , in dem ich mich namenlos elend und verlassen gefühlt habe ? « fuhr sie fort . » Aber ich bitte dich , Theobald , stehe nicht so entsetzlich entschlossen dort ! Muß es denn immer heißen : › entweder oder ‹ ? « Sie deutete mit der Hand auf den Stuhl . » Komm , setze dich noch einen Augenblick ! « forderte sie ihn fast zutraulich auf . Ein Lächeln irrte um ihre Lippen , ein flüchtiges , kühles Lächeln – aber es war für heute das erste und einzige – , es hatte etwas Versöhnliches für den jungen Mann . Er setzte sich . » Ich weiß einen Ausweg – « hob sie an . Frau von Herbeck , die sich nach ihrer erhabenen Rede wieder in die Sofaecke hatte fallen lassen , legte hastig ihre Hand auf den Arm des jungen Mädchens . » Nicht jetzt , meine Liebe ! « warnte sie mit bedeutungsvollem Blick . » Der Herr Hüttenmeister scheint mir durchaus nicht in der Stimmung , die an sich so harmlose Sache auch harmlos anzusehen . « » Aber , mein Gott , einmal muß es ja doch gesagt werden ! « rief Jutta ärgerlich . » Theobald , ich habe einen Vorschlag , Plan , oder – nenne es , wie du willst « – die Vorschläge schienen heute in der Luft des weißen Schlosses zu liegen – , » Mit einem Wort : Die Fürstin von A. will mich als Hofdame annehmen ... « Da war ja der Moment , wo sich die Fugen lösten , wo es verhängnisvoll knisterte und wankte über dem Haupt eines verratenen Menschen – er hatte ja selbst mit seinem ersten Wort an das schwebende Unheil gerührt . Er fragte nicht : » Kannst du es übers Herz bringen , dich von mir zu trennen ? « Die Frage aus einem Männermunde war bereits , angesichts des » beherzten , wohlüberlegten « Planes der jungen Dame , zur » lächerlichen Sentimentalität « geworden . Er sprach überhaupt nicht . Wollte dieses schöne , schwermütige Gesicht mit den fest auf den Boden haftenden Augen zur Leblosigkeit erstarren ? Nur an den Schläfen stieg es unheimlich rot in die Höhe , als sei der Kreislauf des Blutes jählings aus seinen gewohnten Bahnen gewichen und stürme gefahrdrohend nach dem Gehirn . Erst als er nach einer lautlosen , peinvollen Pause die Lider hob , da sah man , daß seine Seele einen tödlichen Schlag erhalten hatte . » Weiß die Fürstin , daß du verlobt bist ? « fragte er tonlos , den erloschenen Blick auf seine Braut richtend . » Bis jetzt noch nicht ... « » Und du glaubst , man werde in dem etikettenstrengen A. die Braut eines bürgerlichen Hüttenmeisters als Hofdame zulassen ? « » Wir hoffen zuversichtlich , daß die Herrschaften diesmal , in Rücksicht auf den alten Namen › Zweiflingen ‹ eine Ausnahme machen werden « , nahm Frau von Herbeck rasch und lebhaft das Wort . » Freilich muß man diese delikate Angelegenheit sehr , sehr subtil anfassen – überlassen Sie das mir , mein bester Herr Hüttenmeister ! ... Zeit bringt Rosen ! ... Im ersten halben Jahre brauchen die Durchlauchten noch gar nichts zu wissen – und dann – « » Ich bitte Sie , lassen Sie mich mit meiner Braut allein , gnädige Frau ! « unterbrach der Hüttenmeister den Redestrom der Dame . Sie starrte ihn wortlos an ... Wie , dieser Mann , den man notgedrungen hier und da auf eine Stunde im weißen Schlosse duldete , er wagte es , sie hinauszuweisen , und noch dazu aus einem Zimmer , das zu ihren eigenen Gemächern gehörte ? ... Nicht einmal Seine Exzellenz der Minister erlaubte sich diesen eiskalten , kurzen Ton , wenn er allein zu sein wünschte ... Eigentlich war die bäurische Naivität , mit der die Begriffe geradezu auf den Kopf gestellt wurden , einfach lächerlich und amüsant – aber die gnädige Frau brachte das Lachen nicht fertig , dem furchtbaren Ernst und der finsteren Entschlossenheit gegenüber , mit der sich der junge Mann erhoben hatte und auf ihr Hinweggehen wartete . Sie warf einen raschen Seitenblick auf Jutta , und angesichts dieses klassischen Profils mit den in leisem Hohn vibrierenden Nasenflügeln und trotzig geschlossenen Lippen , mit dem Gesamtausdruck eines kalt-grausamen Mutes , gab sie plötzlich ihren beabsichtigten Widerstand auf – nun war ihr auch , dem » ungeschliffenen Menschen « gegenüber , jedes Wort zu kostbar ... Sie erhob sich spöttisch lächelnd in ihrer ganzen Würde und rauschte , weder rechts noch links sehend , hinüber in den Salon , während der Student hinausgehend die Korridortür hinter sich schloß . Jutta stand auf und trat in die tiefe Fensternische , wohin ihr der Hüttenmeister folgte ... Da stand das junge Paar , in vollendeter Körperschönheit eines der anderen würdig . Dicht neben ihnen fielen die grünen Vorhänge nieder , sie gleichsam abschließend von dem Verkehr und Treiben im Schlosse . Von den Wänden herab kamen die Ranken des großblätterigen schottischen Efeus und schlangen sich versöhnlich über die beiden , und draußen vor dem Fenster lag die weite Welt , über die der Frühling hinlächelte ... Die jungen Bäume trieben neue Wurzeln , und die Blumen , die dereinst ihre bunten Köpfchen im Sonnenlicht wiegen wollten , drückten den kleinen Fuß fest in das Erdreich – alles wurzelte und trieb tief ein in dem heimischen Boden , sich selbst fesselnd und bindend , um droben in den sonnigen Lüften um so freudiger und sorgloser blühen zu können ... Und hier fiel ein Menschenherz von dem anderen ab und riß in gewaltsamer Selbstbefreiung erbarmungslos an dem fesselnden Band , das mit tausend Wurzeln und Widerhaken in den tiefsten Tiefen der anderen Seele hing . » Du stehst bereits in Beziehung zu dem A.schen Hofe ? « begann der Hüttenmeister – eine entschiedene Frage , der man aber das Herzklopfen angstvoller Spannung anhören konnte . » Ja « , entgegnete die junge Dame . Sie streifte mit den Händen über ihre knisternde Seidenrobe . » Diesen Stoff hat mir die Fürstin geschickt , und außerdem eine große Kiste voll der feinsten fertigen Leibwäsche , Schalen , Spitzen usw. Mein Ankleidezimmer sieht aus wie ein Basar ... Die – Fürstin kennt meine finanzielle Lage , und es ist ihr wegen des Hofgeschwätzes unangenehm , wenn ich nicht standesgemäß nach A. komme . « Dies alles sagte sie leichthin , als etwas Selbstverständliches , während der Hüttenmeister , sprachlos vor schreckensvoller Überraschung , förmlich zurücktaumelte ... Aber jetzt brach auch bei diesem Manne der weisen Geduld und Mäßigung ein heiliger Zorn , ein schmerzlicher Ingrimm durch . » Jutta , du hast es gewagt , eine so erbärmliche Komödie mit mir zu spielen ? « stieß er erbittert hervor . Sie maß ihn mit einem stolzen Blick vom Kopf bis zu Füßen . » Ich glaube gar , du willst mich beleidigen ! « sagte sie kaltlächelnd , aber ihre Augen flimmerten in unheimlichem Glanze . » Hüte dich , Theobald – ich bin nicht mehr das unwissende Kind , das sich einst willenlos von dir und – einer verbitterten Mutter hat regieren lassen ! « Er starrte , wie aufgeschreckt , einen Augenblick in das dämonisch schöne Mädchengesicht – dann strich er sich tief aufseufzend mit der Hand über die Stirne . » Ja , du hast recht – und ich bin blind gewesen ! « murmelte er . » Du bist nicht mehr das Kind , das sich einst freiwillig an mein Herz legte und mir , dem Verzagten , sagte : › Ich habe dich lieb – ach , so lieb ! ‹ « – Er biß die Zähne zusammen . Die junge Dame aber riß in zorniger Verlegenheit ein Efeublatt ab und zerzupfte es in kleine Stücke – das gleichmäßige Rauschen eines Seidenkleides klang ununterbrochen bis in die Fensternische ; die Gouvernante marschierte dicht vor der offenen Salontür wie eine Schildwache auf und ab . » Ich begreife nicht « , stieß Jutta mit funkelndem Blick hervor , » wie du dazu kommst , mich in so abgeschmackter Weise an meine Pflicht zu erinnern ! – Beweise mir , daß ich sie verletzt habe ! « » Sogleich , Jutta ! – Es gibt keinen Rückweg vom Fürstenhof in das Hüttenhaus ! « » Das sagst du – nicht ich ! « » Ja , das sage ich ! ... Und wenn du wirklich zu mir zurückkehrst – ich verschlösse mein Haus vor dir ... Ich will keine Frau , die Hofluft geatmet hat ! Ich will eine ursprüngliche , unberührte Seele neben mir , wie ich sie einst im Waldhause gefunden ! ... Oh , ich bin ein Tor gewesen , ein Wortbrüchiger der alten , blinden Frau gegenüber ! Nicht eine Stunde durfte ich dich im weißen Schlosse allein lassen ! Du bist schon vergiftet ! – Der Plunder , mit dem du dich so wohlgefällig behängst « – er zeigte auf das strahlende Kleid – , » hat auch den Tau von deiner Seele gestreift ! « Das war eine tiefeinschneidende Beurteilung , und der sie ernst zürnend aussprach , trug den ganzen Glanz eigener fleckenloser Seelenreinheit auf der Stirne . Frau von Herbeck kam tiefbesorgt über die Schwelle gerauscht – der streng sittliche Mensch kann in gewissen Momenten für frivole Naturen geradezu furchtbar werden , er hat Gewalt über sie – , aber Jutta winkte ihr , zurückzukehren – sie wolle allein fertig werden , sie brauchte keinen Beistand . » Jutta , kehre um ! « fuhr der Hüttenmeister in bebendem Tone fort , während er beschwörend die Linke der jungen Dame ergriff und sie an sich heranzog . » Um keinen Preis – ich werde mich nicht so lächerlich machen ! « Er ließ ihre kleine , kalte , sich unwillkürlich krümmende Hand sinken . » So – dann habe ich dich nur noch zu fragen , wessen Fürsprache du deine brillanten Aussichten verdankst ? « Sie sah ihn unsicher an – diese starre Ruhe hatte etwas Furchtbares . » Meiner Freundin , Frau von Herbeck – « entgegnete sie zögernd . » Wer unsere stolzen Herrschaften kennt , der weiß auch , daß eine Untergebene des Ministers keinen direkten Einfluß haben kann « , schnitt er die offenbar ausweichende Antwort kurz ab . Die Gouvernante fuhr auf ihrem Lauscherposten zurück , wie von einer Natter gebissen . » Jutta , ich persönlich habe dir nicht ein Wort mehr zu sagen – ich habe keinen Teil mehr an dir – das ist vorbei ! « fuhr er in erhobenem Tone fort . » Aber im Namen deiner Mutter muß ich sprechen ! ... Gehe , wohin du willst – deine altadlige Abkunft wird dir an allen Höfen Zutritt verschaffen – nur bleibe nicht hier ! Du darfst nicht Gunstbezeigungen aus den Händen derer nehmen , denen deine unglückliche Mutter geflucht hat ! ... Jutta , er , der Minister – « » Ah , jetzt kommt die Revanche ! « unterbrach ihn das junge Mädchen wild auflachend – sie floh aus der Fensternische in das Zimmer zurück . » Schmähe ihn , so viel du willst ! « rief sie wie rasend vor Leidenschaft . » Nenne ihn einen Mörder , einen Teufel ! ... Und wenn es die ganze Welt schreit und beschwört – ich glaube nichts , nichts – ich höre nicht ! « Ihre kleinen Hände fuhren unter die Locken und legten sich auf die Ohren . Die bleichgewordenen Lippen des jungen Mannes preßten sich bei diesem Anblick aufeinander , als wollten sie verstummen für immer und ewig . Langsam streifte er seinen Verlobungsring ab und reichte ihn der jungen Dame hin – sie griff hastig nach dem ihren , und jetzt – zum erstenmal während der ganzen stürmischen Szene – wurde ihr Gesicht dunkelrot in Scham und Verlegenheit ... also deshalb hatte ihre zarte Rechte unverdrossen das schwere Bukett gehalten – die unschuldigen Blumen mußten den beraubten Goldfinger bedecken – dort in der Perlmutterschale , auf die der unsichere Blick der treulosen Braut fiel , lag der Ring – sie hatte ihn ja bereits abgelegt ... Der Hüttenmeister stieß ein markerschütterndes Lachen aus und taumelte durch die Tür , die der Student in demselben Augenblick öffnete , und aus dem Salon eilte Frau von Herbeck herüber und legte zärtlich ihre Arme um die » Standhafte « . » Er hat es nicht anders gewollt , der Tor « , murmelte die junge Dame trotzig , indem sie sich ziemlich unsanft der Umarmung entzog . Sie atmete einen Augenblick eine erfrischende Essenz ein , dann warf sie sich eine Handvoll Reispuder ins Gesicht – als Schutz gegen die hautverderbende Erhitzung ... 9 Die beiden Brüder flohen förmlich nach dem Ausgang des Schlosses . War es doch , als sei selbst die parfümierte Luft der langen Gänge mit Verrat und Lüge erfüllt . Unten in der offenen Tür des Musiksalons stand der Schloßverwalter und rief nach Leuten – der Flügel sollte anders gestellt werden . Man konnte den ganzen glänzenden Raum übersehen . Die purpurseidenen Vorhänge waren dicht zugezogen , an den Wänden brannten bereits die Armleuchter , ein helles Feuer loderte im Marmorkamin , und die Diener arrangierten einen Kaffeetisch – lauter Anstalten , den Musiksalon Seiner Exzellenz gemütlich und anheimelnd zu machen ... Das Notturno von Chopin wurde jedenfalls heute noch gespielt , und während man die silbernen Kuchenkörbe leerte und Kaffee aus Meißner Porzellan trank , machte man sich über den Verabschiedeten lustig , der sich unterfangen hatte , unmöglich gewordene Ansprüche an die künftige Hofdame Ihrer Durchlaucht der Fürstin von A. geltend zu machen . In einem dem Kamin nahegerückten Lehnstuhl lag die kleine Gisela . Die schmalen Füßchen lässig gekreuzt , schmiegte sie den kleinen , unscheinbaren Kopf an die farbenreiche Stickerei der Lehne . Als sie die beiden jungen Leute durch das Vestibül eilen sah , hob sie den Kopf und sprang auf den Boden . Sie war offenbar einen Moment ohne alle Aufsicht , denn in dem Augenblick , wo der Hüttenmeister hinaus auf den Kiesplatz trat , stand sie neben ihm und berührte seine Hand . Sie griff in die Tasche und holte eine Handvoll nagelneuer Kupferdreier heraus . » Da , nehmen Sie ! « flüsterte sie atemlos . » Ich habe sie gesammelt , weil sie hübsch sind – es ist sehr viel Geld , nicht wahr ? « Der Hüttenmeister blieb zwar mechanisch stehen , allein ein völlig verständnisloser Blick fiel auf das Kind – es sah aus , als habe plötzlich ein verheerender Hauch dieses blütenfrische Körper- und Seelenleben angeweht . » Rühre ihn nicht an ! « drohte der Student in ausbrechendem Schmerz und stieß die Kleine weg . Er lachte bitter auf , als die Geldstücke aus der Hand des erschrockenen Kindes klirrend über den Kies hinrollten . » Weißt du kleine Natter auch schon « , rief er , » wie die Hochgeborenen die Seelenwunden anderer behandeln ? Mit Geld , mit Geld ! ... Was an dir ist denn hochgeboren , du gebrechliches , häßliches kleines Menschenkind ? « Seine jugendlich kräftige Stimme hallte alarmierend in dem Vestibül wider , an dessen Wände sonst fast nur das Geräusch leiser Sohlen und das gedämpfte Geflüster der Lakaien schlugen . Die Diener und der Schloßverwalter fuhren mit langen Hälsen aus der Tür des Musikzimmers , und im Hintergrund des Vestibüls erschien Lena . Sie schlug die Hände zusammen , als sie die kleine Gräfin mit allen Zeichen des Schreckens , ohne Umhüllung und mit entblößtem Kopf draußen im Freien stehen sah , dazu hörte sie die beißende Frage des Studenten – bestürzt lief sie hinaus und zog das gräfliche Kind aus dem Bereich des » frechen Menschen « . In demselben Augenblick raffte eine weiße Hand die zugezogene Gardine eines Fensters im Erdgeschoß zurück , und das Gesicht des Ministers erschien hinter den Scheiben . Bei diesem Anblick wurden die fieberigen Flecken auf den eingefallenen Wangen des Studenten zur dunkeln Glut ... Er trat dicht an das Fenster heran – der Minister fuhr in sichtlicher Bewegung zurück , allein die langen Lider legten sich sofort wieder über die Augen – der junge Mann hatte keine Waffe in der hochgehobenen Rechten . » Ja , ja , sieh nur heraus und freue dich ! « rief der Student mit weithin schallender Stimme . » Die Elende da droben hat ihre Sache gut gemacht – der Plebejer geht ! ... Fahre nur so fort , Exzellenz ! Ignoriere die Hungersnot im Lande und jage den Geist aus den Schulen – da hast du gut regieren ! ... Was freilich kümmern dich deutscher Geist und deutsches Elend , du fremder Eindringling – « Der Kopf des Ministers verschwand , und die Vorhänge fielen wieder dicht zusammen – durch das Vestibül aber scholl eine heftig angezogene Glocke . Ob die unmittelbar darauf hervorstürzenden Diener Befehl hatten , den » Schreier « wegzubringen , blieb unentschieden . Der Hüttenmeister hatte bereits seine Arme um die Schultern des Bruders geschlagen und zog ihn fort ... Die hohe , athletische Gestalt des jungen Mannes aber , der noch einmal den Kopf mit der todesstarren Ruhe in den Zügen nach dem Schlosse zurückwandte , war wohl geeignet , Bedientenseelen Respekt einzuflößen – die Leute blieben zögernd stehen , während die Brüder den Schloßgarten durchschritten . Ein leises Abenddämmern webte bereits über der Gegend . Der Sonnenschein , der heute unermüdlich und energisch an die braunharzige Knospenhülle der Bäume , an das Schlafkämmerlein des Samenkorns und an die winterverschlafene Menschenseele geklopft hatte , war verblaßt , nur auf dem Scheitel der Berge , hinter denen er versunken war , loderte noch ein orangefarbenes Licht ... Es war plötzlich sehr kühl geworden ; über den Treibhausfenstern lagen längst die schützenden Strohmatten , und die Schlote in Neuenfeld dampften weidlich . Wußte der Hüttenmeister nicht , daß er die entgegengesetzte Richtung einschlug , als er aus dem Gittertor des weißen Schlosses trat ? Dort drüben lag das Hüttenhaus mit seiner gemütlichen Stube . Sievert schob sicher in diesem Augenblick ein Scheit Holz um das andere in den riesigen Ofen , warf einige kräftig duftende Wacholderbeeren auf die heiße Platte , deckte den Tisch so sorgfältig , wie nur je bei seiner hochadligen Herrschaft , und zog die Vorhänge zu ... Dort lag das schützende Asyl , das Heim – und hier hinaus ging ' s in die pfadlose Wildnis ... Der Student ergriff besorgt die Rechte seines Bruders . – Ein Blick fiel auf ihn , und seine Hand wurde mit pressendem Druck festgehalten – jetzt wußte er , daß die Seelenqual den Mann vorwärts trieb . Er schritt wortlos neben ihm her , und weiter ging es über schwimmende Wiesen , deren versumpften Boden unter jedem Schritt einsank , durch Erlengebüsch , das die Niederung bedeckte ; und da , wo der Berg in fast unwegsamer Steilheit seine mit Tannen bestandene Flanke vorstreckte , stiegen die schweigenden Wanderer aufwärts ... Was hilft es dem getroffenen Hirsch , daß er sich in die Einöde rettet ? Er trägt das mörderische Blei in sich – es läuft mit ihm über Berg und Tal ... Und der Mann , der in atemloser Flucht bergaufwärts klomm , schleppte die Last seines Elends mit hinauf – er entrann ihm nicht – , nichts , gar nichts behielt das dumpfe Tal drunten . In der todesstillen Einsamkeit schrie das Weh , das er hinter den schweigenden Lippen verbiß , lauter auf – wie der Schrei des wilden Vogels verzehnfacht widerhallt in den schauerlichen Schluchten und Klüften . Dunkle Wasser flossen über den mit dicken Nadelschichten bedeckten Boden und machten den steilen Weg schlüpfrig und gefahrvoll . Es dämmerte stark unter den Tannen , die ihre noch schneefeuchten Zweige in fast schwarzer Zeichnung vom Himmel abhoben – nur hier und da , wo das Dickicht schützend seine Arme verschränkte , leuchtete noch ein kleiner verschonter Schneestreifen und nahm spukhafte Form und Gestalt an . Über dem Berggipfel hing der Himmel , ein stahlblauer Schild , auf den die Verheißung geschrieben hat : » Ruhe und Frieden « ... Für das Menschenherz jedoch , das sich auf die Höhe geflüchtet , war der Himmel eingestürzt in dem Augenblick , da es verraten wurde ... Der Hüttenmeister trat weit vor auf der Plattform des Berges , während der Student sich erschöpft an einen Baum lehnte . Drunten im Grund vermischte das hereinbrechende Dunkel bereits alle Linien ; nur den schäumenden Fluß betupften noch einzelne schwache Reflexe – sein Rauschen und Tosen schwoll dumpf herauf ... Im Dorfe tauchten die Lichter auf ; über der Esse des Hüttenwerks aber schwebte die Glut und leckte mit feurigen Zungen über den Himmel hin . Und dort lag das vornehme stolze Quadrat , das weiße Schloß , mit seinen lichtstrahlenden Fensterreihen ... Seine Exzellenz rollte wohl bereits der Residenz und dem Hofball zu – Triumph auf dem bleichen Gesicht und unter den schläfrigen Lidern – und im Seezimmer , auf dem schwellenden Ruhebett der Gräfin Völdern , lag vielleicht in diesem Augenblick das Kind der Blinden im schimmernden Seidenkleid , dem Handgeld fürstlicher Huld und Gnade , und träumte – von dem nächsten Hofball , wo mit der strahlend schönen neuen Hofdame ein blendender Stern aufging ... Die lange Ahnengalerie im verlassenen Waldhause – dieser durch den Pinsel festgehaltene vollkommene Typus des Adelstolzes lebte noch einmal auf in dem jüngsten Sproß – der alte Name wurde wieder an den Höfen genannt . In dem jüngsten Sproß steckte Rasse , der strenge Geist der Vorfahren ... Das uralte Trauerspiel , zu dem diese Reihe hochadliger Jäger genug Akteure geliefert hatte , wurde wieder einmal aufgeführt : Der aristokratische Hochmut verriet die Liebe . Der verratene , plötzlich aus der Bahn ruhigen Denkens geschleuderte Mann wäre vielleicht die ganze Nacht , nach einem innern Gleichgewicht ringend , über Berg und Tal gewandert , hätte nicht endlich der zu Tode ermüdete Student seinen Arm erfaßt und ihn bittend dem Rückweg zugewendet . Bis dahin war kein Wort zwischen den zwei Umherirrenden gefallen – sie waren den Berg jenseits hinabgestiegen und hatten ein schmales Tal durchschritten , um abermals an einer Felswand emporzuklettern . Jetzt standen sie in einer tiefen Kluft , durch welche der hochangeschwollene Fluß donnernd stürzte . Der Mond war aufgegangen ; die volle Scheibe schwebte über der Schlucht ; ihr weißes Licht troff auf die Tannen und Kiefern , welche die fast senkrechten , gleichsam auseinandergerissenen Bergwände umstarrten , und tanzte auf den trüben , schäumenden Wassern . Das Flußbett war bis an den Rand gefüllt ; schon sprühte hier und da der Gischt über die Wiesen hin – noch wenige erhöhte Pulsschläge droben in den Bergen , und die Fluten überströmten das Talgelände . Weiter unten , in der Nähe eines tiefliegenden Weilers , kamen Leute . Die Männer und Frauen trugen Bettstücke und verschiedenes Gerät auf den Köpfen , und die Kinder trieben ein paar Ziegen vor sich her . » ' s wird schlimm diese Nacht – das Wasser kommt ! « sagte einer der Männer zum Hüttenmeister . Die Leute flüchteten in einige höher gelegene Häuser . Dieser Zuruf rüttelte den Hüttenmeister plötzlich aus seinem Hinbrüten auf . Er schritt rascher den Fluß entlang – seine sämtlichen in Neuenfeld wohnenden Arbeiter waren in Gefahr . Und nun sah er auch , was die tückischen Wasser bereits auf ihrem Rücken trugen – eine Tür schwamm heran , und unter das vorüberjagende Scheitholz