habe – ist es nicht ein Stück aus Raouls Familienschmucke ? « – » Nein , « versetzte Liane vollkommen ruhig und nahm die Rosette von der dunklen Samtunterlage – sie schob die Goldplatte von der Rückseite weg . » Das Wappen des Fürsten von Thurgau kenne Sie jedenfalls , Herr Hofmarschall – haben Sie die Freundlichkeit , sich zu überzeugen , daß es hier im Innern der Rosette eingraviert ist . Ich habe es von meiner Großmama , väterlicherseits , geerbt – Sie werden sich dabei sagen müssen , daß dem Enkelkinde dieser Prinzessin von Thurgau ein derartiger Mißgriff , oder , wie Sie › vermuteten ‹ , Irrtum , ganz unmöglich ist ... « » Um Gott – liebe , kleine Frau , « rief er , jetzt mit einer wirklichen Verlegenheit ringend , » habe ich mich denn so ungeschickt ausgedrückt , daß Sie mich so total mißverstehen konnten ? Unmöglich ! Man kann doch nicht etwas aussprechen , woran die Seele nicht denkt . Uebrigens habe ich ja immerhin recht , wenn ich an einen Irrtum , das heißt an eine Verwechslung glaubte – in unserem Hause existiert in der That dasselbe Schmuckstück . « » Ich weiß es – der Koffer mit Raouls Familienschmucke steht in meinem Ankleidezimmer ; ich habe bald nach meiner Hierherkunft die einzelnen Stücke mit dem Verzeichnisse verglichen . « » Das heißt , Sie haben sofort Besitz ergriffen , was ich Ihnen keinen Augenblick verdenke , meine Gnädigste . Angesichts dieses Reichtums haben Sie ferner vollkommen recht , wenn Sie die Brosamen einstiger Herrlichkeit an Ihr Haus , respektive an Ihre Schwester Ulrike zurückverschenken – Sie brauchen sie nicht mehr , und ihr werden sie willkommen sein . « Eine grenzenlose Erbitterung lag in diesen Tönen , der abscheulichste Hohn in dem Lächeln , das die Lippen des alten Herrn häßlich verzog . Liane rang hart mit sich selbst , um keine Thräne im Auge aufkommen zu lassen – sah er diesen Zeugen einer inneren Niederlage , dann war sie verloren . Sie nahm das Kistchen vom Fußboden und stellte es auf den Rokokoschreibtisch » mit den Raritätenkästen « , neben welchem der alte Herr saß . » Sie irren , Herr Hofmarschall , « erwiderte sie , ihm fest in das Gesicht blickend , » ich werde das Andenken Ihrer Frau Tochter ehren und die Juwelen , mit denen sie sich geschmückt hat , nie tragen . Ich habe sie nur revidiert , weil ich für ihre Vollständigkeit einstehen muß ... Sie irren ferner , wenn Sie meinen , ich schicke den Schmuck nach Rudisdorf , um mit › diesen Brosamen einstiger Herrlichkeit ‹ meine Schwester zu schmücken – meine Ulrike , wie würde sie lächeln bei diesem Gedanken ! « – Sie stemmte ein auf der Tischplatte liegendes Papiermesser zwischen das Kistchen und den Deckelrest und hob den letzteren ab . Mit hastigen Händen nahm sie einen Stoß Fließpapier voll getrockneter Pflanzen heraus und legte ihn seitwärts , ebenso einen in Seidepapier gehüllten flachen Gegenstand , anscheinend ein Bild – dann drehte sie das leere Kistchen um und klopfte mit der Hand leicht auf den Boden desselben . » Außer dem Erbstücke von meiner Großmama enthält es nichts von klingendem Geldeswerte , « sagte sie herb , mit fliegendem Atem , und sah stolz auf den Mann mit der ordinären Denkweise nieder , dem jetzt doch ein leichtes Rot der Beschämung über die fahlen Wangen huschte – diese Züchtigung hatte er vollkommen verdient . » Gott im Himmel , wozu diesen Beweis ? « rief er . » Soll ich um Vergebung bitten , wo es mir nicht eingefallen ist , zu beleidigen ? Wie konnte ich mir je anmaßen , Zweifel an Ihre Wahrhaftigkeit zu setzen ! ... Ich glaube Ihnen stets aufs Wort , meine Gnädigste , glaube Ihnen alles , selbst wenn Sie mir in diesem Augenblicke versichern wollten , daß Sie das Schmuckstück lediglich in die Heimat zurücksenden , um es – dem Schoßhunde Ihrer Frau Mama um den Hals zu hängen . « Seine Stimme klang impertinent – der grimmige Spott jagte der jungen Frau das siedende Blut nach den Schläfen . Sie war im Begriff , den Hofmarschall den Rücken zu kehren und das Zimmer zu verlassen – da sah sie , wie der Hofprediger , der sich bis dahin schweigend verhalten hatte , die verschränkten Arme mit einer heftigen Bewegung löste und dem alten Herrn einen Seitenblick zuwarf , als wolle er ihn mit seinen glühenden Augen erdolchen ... Wollte er ihr zu Hilfe komme , sie verteidigen ? ... War das einer der » schlimmen Augenblicke « , wo er von ihr gerufen zu sein wünsche ? Nie , nie reichte sie diesem Priester auch nur eine Fingerspitze zum gemeinsamen Vorgehen , der mit eherner Faust , mit aller ihm zu Gebote stehenden weltlichen Macht die Menschenseelen knebelte , die in sein Bereich gerieten . » Zu solchen Absurditäten verirrt sich allerdings mein Gehirn nicht , « sagte sie sich rasch beherrschend , um jedem Laut von den Lippen des Geistlichen zuvorzukommen . » Ich bin eine Tochter der Trachenberger und die haben es stets mit dem Leben zu ernst genommen , um so kindisch frivol zu sein ... Wozu soll ich es verschweigen ? Die ganze Welt weiß , daß wir verarmt sind – ich schicke die Rosette meiner Mutter , um ihr eine Badereise zu ermöglichen . « » Ei , was wollen Sie mir da weismachen ? « lachte der Hofmarschall auf . » Oder soll ich Sie der engherzigsten Knickerei beschuldigen ? Sie beziehen Nadelgelder bis zu dreitausend Thalern – « » Ich glaube , es ist einzig und allein meine Sache , wie ich über diese Gelder verfügen will , « unterbrach sie ihn mit ernster Abwehr . » Sehr wohl – ich habe nicht das Recht zu fragen , ob Sie sie in Staatspapieren anlegen , oder Ihre Musselintoiletten davon bestreiten ... Uebrigens , was mögen Sie für Begriffe vom Wert der Schmucksteine haben ! « Er stippte verächtlich mit dem Finger gegen das auf dem Tische liegende Etui . – » Das Ding ist keine achtzig Thaler wert ... Ihr Götter , achtzig Thaler für die Badereise der Gräfin Trachenberg ! « » Das Stück ist bereits einmal taxiert worden , « versetzte sie , ihre Fassung tapfer genug behauptend . » Ich weiß , daß der Erlös für den Zweck nicht ausreichen wird . Eben darum habe ich « – sie stockte plötzlich , während eine heiße Röte ihr zartes Gesicht überflog . Sie hatte sich hinreißen lassen , weiter zu gehen , als ihr die Klugheit gebot . » Nun ? « fragte der Hofmarschall – er bog sich vor und sah ihr mit boshaftem Lächeln unter das Gesicht . » Ich habe einen Gegenstand beigefügt , den Ulrike nicht unter vierzig Thalern verkaufen wird , « sagte sie nach einem tiefen Atemholen mit leiserer , bei weitem nicht mehr so zuversichtlicher Stimme , als vorher . » Ei , was für merkwürdige Hilfsquellen stehen Ihnen zur Verfügung , gnädige Frau ? ... Ist es dieser Gegenstand ? « – Er zeigte nach der Seidepapierumhüllung , auf die sie unwillkürlich die Hand gelegt hatte . » Es ist ein Bild , wie ich vermute – « » Ja . « » Eine Arbeit Ihrer eigenen Hände ? « » Ich habe es gemalt . « – Sie preßte die verschränkten Hände auf die Brust , als fehle ihr der Atem . Wie ein Blitz flog die Terrasse des Rudisdorfer Schlosses an ihrem geistigen Auge vorüber , und sie sah das von Mutterhand verächtlich hinausgeschleuderte Pflanzenbuch auf den Steinfliesen liegen . » Und das Bild wollen Sie nun verkaufen ? « » Ich habe es vorhin schon gesagt . « – Sie sah nicht auf . Sie wußte , daß sie in ein funkelndes Auge voll grausamen Triumphes blicken würde , so langsam lauernd war die Frage gestellt worden – es war das empörende Spiel zwischen Katze und Maus . » Sie haben bereits einen Liebhaber dazu , wie ich denke – irgend einen guten , reichen Freund und Mäcen , der in Rudisdorf verkehrt und pflichtschuldigst dergleichen – Kunstwerke bezahlt ? « – Jetzt war sie Herr ihrer furchtbaren inneren Aufregung geworden – die Ruhe , die ein rascher , fester Entschluß gibt , kam über sie . » Diese Art von Erwerb , die der Bettelei gleicht wie ein Ei dem anderen , habe ich selbstverständlich verschmäht und meine Arbeiten lieber an den Kunsthändler verkauft , « sagte sie vollkommen gelassen . Der Hofmarschall fuhr empor , als sei er gestochen worden . » Das heißt mit anderen Worten , Sie haben sich vor Ihrer Verheiratung das Brot durch Ihrer Hände Arbeit verdient ? « » Zum Teil , ja ! ... Ich weiß , daß ich mich durch dieses Bekenntnis vollends in Ihre Hände gebe , weiß , daß ich mir die Stellung hier im Hause noch unerträglicher mache , aber ich will das weit lieber auf mich nehmen , als die Last der Verheimlichung , welche die Seele verdirbt . Ich will und darf hier nicht fortsetzen , was ich , um die Mama nicht aufzuregen , in Rudisdorf immer und immer wieder gethan habe . « » Tausend noch einmal , da hat mir ja Raoul einen kostbaren Ersatz für mein stolzes , vornehmes Kind , meine Valerie , in das Haus gebracht ! « rief der Hofmarschall bitter auflachend , während er sich in den Stuhl zurückwarf . Der Hofprediger war aufgesprungen und griff nach der Hand der jungen Dame ; aber sie wich mit abwehrend ausgestreckten Armen vor ihm in die Tiefe des Zimmer zurück . » Sie wüten gegen sich selbst , gnädige Frau , « rief er fast demütig bittend . » Geben Sei zu , daß Sie jetzt in der höchsten Aufregung , in einer Art von Trotz Dinge aussagen , die , ruhig betrachtet , sich ganz anders verhalten ! « » Nein , Herr Hofprediger , das gebe ich nicht zu – es wäre gegen die Wahrheit . Ich wiederhole es ganz ausdrücklich : diese meine Hände haben bereits Geld verdient , haben um den Erwerb gearbeitet ! ... In diesem Augenblicke , wo ich den Eindruck sehe , den mein Geständnis gemacht hat , atme ich auf . « – Ein bitteres Lächeln flog über ihr reizendes Gesicht . » Ich weiß , daß dem scharfen Blicke des Herrn Hofmarschalls nichts verborgen bleibt – er hätte früher oder später den wahren Sachverhalt doch erfahren ; dann wäre mir lebenslänglich ein Vorwurf aus meinem Schweigen gemacht worden , und ich hätte mir den Anschein gegeben , als schäme ich mich meiner Vergangenheit – Gott soll mich behüten ! ... Wäre es Ihnen in der That lieber , zu hören , daß ich vor meiner Verheiratung von Almosen gelebt hätte ? « wandte sie sich an den Hofmarschall . » Sie verachten die adlige Hand , die arbeitet , weil ihr keine ererbten Revenüen zu Gebote stehen ? Wie sollen dann die anderen Stände Respekt vor dem Geburtsadel haben , wenn er selbst meint , sein Wappen dürfe nur auf einem goldenen Hintergrunde liegen ? Zertrümmert er mit diesem Tanz um das goldene Kalb nicht selbst die Idee , die ihn über die anderen Stände erhebt ? ... Gott sei Dank , unser Jahrhundert zeigt uns Standesgenossen genug , die zu adlig denken , um sich der ausübenden Kunst zu schämen ! « » Kunst ! « lachte der Hofmarschall abermals auf – » Kunst , die Kleckserei , die der Zeichenlehrer im Stift den hochgeborenen Fräuleins nach ein und derselben Schablone eintrichtert und « – er hatte dabei das Bild ergriffen und schlug das Seidenpapier zurück – das letzte Wort ging unter in einer Art von Zischlaut – war es Schrecken oder Beschämung , die dem Manne eine Flamme nach der andern über das fahle Gesicht jagte ? Er lehnte wiederholt , als überkomme ihn eine Schwäche , den Kopf mit zugesunkenen Lidern an die Stuhllehne zurück , und als ihm der Hofprediger betroffen näher trat , da breitete er die Hand über das Bild , als wolle er ihm den Anblick vorenthalten . Die junge Frau hatte den tiefen Eindruck , den sie im indischen Hause empfangen , auf dem Papier fixiert , allerdings in etwas idealisierter Weise . » Die Lotosblume « lag nicht auf dem Rohrbette , dem Marterroste , an den sie die Lähmung seit dreizehn Jahren schmiedete – in schwellendes , samtweiches Rasengrün schmiegte sich der zarte Frauenleib , dem der Stift die elastischen Formen der Jugend zurückgegeben hatte . Das war die Bajadere aus Benares , wie sie der deutsche Edelmann über das Meer gebracht hatte . Den Oberkörper halb aufgerichtet , stützte sie den Kopf in die Hand . Angereihte Goldmünzen lagen verstreut über Stirn und Scheitel und hingen neben den langen schwarzen Flechten auf den Busen nieder , auf das goldgesäumte purpurseidene Jäckchen , das nur die Schultern und einen kurzen Teil der Oberarme deckte ; die gewaltigen zerfransten Blätter einer Musa warfen einen günstigen Halbschatten über die liegende Gestalt , während im fernen Hintergrunde das Sonnenlicht auf der Marmortreppe des Hindutempels in dem leichtbewegten Teichwasser glitzerte ... In Wasserfarben ausgeführt , war die Zeichnung , besonders in der Staffage , fast skizzenhaft hingeworfen – man sah , sie wurde aus der Hand gegeben , ohne ganz vollendet zu sein ; aber in den Linien lag die geniale Sicherheit des Meisters . Der Kopf mit den schwermütig dämmernden Augen in dem dämonisch schönen , schmalen Gesichte , die Art und Weise , wie sich die nackten , an den Knöcheln goldberingten Füßchen in den Rasen drückten , so daß einzelne Halme darüber hinschwankten , die unnachahmlich graziöse Biegung der Taille und Hüften unter den weichen Falten des Bajaderenschleiers – das alles war sorgfältig , mit großer Freiheit und doch kräftig ausgeführt und machte das Bild in der That zu einem Kunstwerke , das der Hofmarschall eben noch so sehr angezweifelt hatte . Er gewann übrigens ziemlich rasch seine Fassung wieder . » Ei , sie da – selbst diese junge Frau mit der passiven , kalten Außenseite hat ihre ganz beträchtliche Dosis weiblicher Neugier , die sie daheim in den Familienarchiven und hier im indischen Garten › das Pikante ‹ unseres Hauses aufstöbern läßt , « sagte er beißend . » Sie haben sich ja meisterhaft in die vergangenen Zeiten zu versetzen gewußt – das läßt auf peinlich sorgfältige Studien schließen . Aus eben diesem Grunde aber werden Sie auch begreifen , daß dieses Bild die Mauern von Schönwerth nie verlassen darf . Daß wir Narren wären und ein Stück Schande unseres Hauses – es sei leider gesagt – noch einmal an die große Glocke der Oeffentlichkeit schlagen ließen , und zwar durch eine Frau , die unter dem Vorwande töchterlicher Liebe und Aufopferung als Künstlerin in der Welt brillieren möchte ! ... Meine Liebe , das Bild bleibt in meinen Händen – ich werde der Frau Gräfin Trachenberg so viel Geld zur Badereise schicken , wie sie wünscht . « » Ich danke , Herr Hofmarschall – ich protestiere im Namen meiner Mutter , « rief Liane zum erstenmal mit leidenschaftlicher Heftigkeit . » Sie wird stolz genug sein , lieber zu Hause zu bleiben . « Der Hofmarschall stieß ein schallendes Gelächter aus . Er erhob sich mühsam , schloß einen der Raritätenkästen auf und nahm ein kleines rosenfarbenes Billet heraus , das er entfaltete und ihr hinhielt . » Meine Gnädigste , lesen Sie diese Zeilen und überzeugen Sie sich , daß eine Frau , die einen ehemaligen Anbeter um viertausend Thaler Darlehen zur Tilgung heimlicher Spielschulden bittet , ganz sicher nicht so penibel ist , seine wohlmeinende Freundeshand mit der Unterstützung zu einer heißgewünschten Badereise zurückzuweisen ... Sie hat damals die Viertausend mit glühender Dankbarkeit entgegengenommen , deren Zurückgabe dann leider – der Konkurs verhindert hat . « Automatenhaft , mit versagenden Blicken , ergriff die junge Frau das kompromittierende Papier und schwankte seitwärts nach dem Fenster . Sie konnte und wollte sie ja nicht lesen , die wohlbekannten unschönen Züge von mütterlicher Hand – schon die Aufschrift » mon cher ami « traf sie wie ein Messerstich – sie wollte nur für einen Moment den Augen der zwei Herren entrückt sein und trat in die Nische ; aber erschrocken fuhr sie zurück . Der Fensterflügel war geöffnet , und da draußen auf der Freitreppe , mit dem Rücken nach dem Hause und die Hände auf das Steingeländer gestemmt , keine zwei Schritte von ihr entfernt , stand Mainau unbeweglich – von allem , was im Salon vorgefallen war , konnte ihm kein Wort , auch nicht die leiseste Silbe verloren gegangen sein . Hatte er wirklich den ganzen Wortwechsel mit angehört und sie mit ihrem heimtückischen Gegner allein ringen lassen , dann war er ein Elender . Sie war ja himmelweit entfernt , Liebe von ihm zu heischen , aber den ritterlichen Schutz durfte er ihr nicht versagen , den gewährte ja auch ein Bruder der Schwester . » Eh – geben Sie mir das Papier zurück , kleine Frau ! « rief der Hofmarschall herüber – er mochte fürchten , sie werde es in die Tasche stecken , weil sie unwillkürlich die Hand sinken ließ . » Für Sie , in Ihrer Oppositionslust , muß man einen Dämpfer in den Händen haben – Sie sind eine nicht zu unterschätzende Gegnerin – ich habe Sie heute kennen gelernt ; es steckt Nerv und Rasse in Ihnen – Sie haben mehr Geist , als Sie zu verraten wünschen ... Bitte , bitte , geben Sie mir mein allerliebstes , kleines , rosenfarbenes Briefchen ! « Sie reichte ihm den Brief hin ; er ergriff ihn hastig , um ihn wieder im Kasten zu verschließen . In dem Augenblick trat Mainau auf die Schwelle der Glasthür ; diesmal nicht mit jener eleganten Lässigkeit , jenem oft verletzenden Gemisch von Langeweile und pflichtschuldiger Höflichkeit , mit welchem er stets im Versammlungszimmer der Familie einzutreten pflegte – er sah stark erhitzt aus , als habe er eben einen anstrengenden Ritt zurückgelegt . Der Hofmarschall fuhr zusammen und sank in den Stuhl zurück , als der hohe Mann so unerwartet erschien , und wie eine dräuende Wetterwolke einen dunklen Schatten in das Zimmer warf – man hatte kein Geräusch von Schritten auf den Steinstufen gehört . » Mein Gott , Raoul , wie hast du mich erschreckt ! « stieß er heraus . » Weshalb ? Ist es etwas Absonderliches , wenn ich von drunten heraufkomme , um die Herzogin zu empfangen , wie du auch ? « versetzte Mainau gleichgültig – er sah über den kranken Mann im Rollstuhl hinweg wie in atemloser Spannung nach der Stelle , wo seine junge Frau stand ... Sie hatte die Linke auf die Ecke des Schreibtisches gestützt ; an den duftigen Kanten des Spitzenärmels sah man , daß diese Hand heftig bebte . Die boshafte Mitteilung des Hofmarschalls über ihre Mutter hatte sie zu tief getroffen , sie fühlte , daß diese Erschütterung lebenslang in ihr nachzittern werde – trotzdem erkämpfte sie sich eine aufrechte , ungebrochene äußere Haltung , und die grauen Augen unter den leicht zusammengezogenen Brauen begegneten dem Blick ihres Mannes fest und finster , sie machte sich auf neue Kämpfe gefaßt . Vorläufig schritt er nach dem großen Tisch inmitten des Salons , nahm die dort stehende Karaffe und goß etwas Wasser in ein Glas . » Du siehst fieberhaft aus , Juliane – ich bitte dich , trinke ! « sagte er , ihr das Glas hinreichend . Sie wies es erstaunt , nicht ohne Entrüstung zurück – er bot ihr einen Schluck Wasser , um die Aufregung zu dämpfen , die er mit einigen strengen , energischen Worten , ihrem unversöhnlichen Feind gegenüber , hätte verhindern können . » Lasse dich durch diese Fieberrosen nicht erschrecken , bester Raoul ! « beruhigte der Hofmarschall , während Mainau das Glas wegstellte . » Es ist das Fieber der Debütantin , das heißt der Debütantin in Schloß Schönwerth – draußen in der Kunstwelt , respektive im Laden der Kunsthändler , ist die schöne Frau als Gräfin Trachenberg längst mit Glück aufgetreten – was sagst du dazu , du geschworener Feind aller weiblichen Raphaele , Blaustrümpfe und dergleichen ? Da sieh ' mal her , was für ein Talent sich heimlicherweise , um den Ehekontrakt herum , in Schönwerth eingeschmuggelt hat ! Nur schade , daß die Verhältnisse mich zwingen , dieses Blatt zu konfiszieren . « Mainau hatte das Bild schon ergriffen und betrachtete es . Liane sah mit Herzklopfen , wie ihm das Blut in die gebräunten Schläfen stieg . Sie erwartete jeden Augenblick einen gegen » die Stümperei « gerichteten Spottpfeil hinnehmen zu müssen ; aber ohne den Blick von dem Blatt in seiner Hand wegzuwenden , sagte er nur in kaltem Ton über die Schulter zu dem alten Herrn : » Du wirst nicht vergessen , daß das Recht zu konfiszieren oder zu erlauben in diesem Fall einzig mir zusteht ... Wie kommt das Bild hierher ? « » Ja , wie kommt es hierher ? « wiederholte achselzuckend und sichtlich verlegen der Hofmarschall . » Durch die Ungeschicklichkeit unserer Leute , Raoul – das Kistchen , in welchem es verschickt werden sollte , wurde mir zerbrochen übergeben . « » Ei , das werde ich streng untersuchen . Solche grob ungeschickte Hände dürfen nicht straflos ausgehen , « sagte Mainau . Er legte das Bild ohne ein Wort des Beifalles , oder auch nur des Tadels wieder hin . » Und was ist das ? « fragte er und nahm das Fließpapier mit den getrockneten Pflanzen in die Hand ; obenauf lag ein dünnes , beschriebenes Heftchen . » Lag das auch in dem verunglückten Kistchen ? « » Ja , « sagte Liane an Stelle des Hofmarschalls , fest , fast rauh , wie im Trotze der Verzweiflung . » Es sind getrocknete , wildwachsende Pflanzen , wie du siehst – einige Gattungen aus dem Orchideengeschlecht , die man in der Umgebung von Rudisdorf nur äußerst selten findet ... Magnus verkauft Herbarien nach Rußland , und ich habe bei der Zusammenstellung ihm stets geholfen ... Habe ich auch mit dieser harmlosen Beschäftigung gegen die Etikette , die Ansichten im Hause Mainau verstoßen , so bedaure ich den abermaligen Mißgriff . « – Sie streckte Mainau , der das Heftchen mit den Augen überflog , bitterlächelnd ihre edelschönen Hände hin . – » Du wirst mir bezeugen müssen , daß keine Tintenflecken an den Fingern sind , und daß ich niemals die Sünde begangen habe , dich auch nur mit einem Wort über dieses bißchen lückenhafte botanische Wissen zu langweilen ... Dank der Ungeschicktheit deiner Leute stehe ich vor deinen Augen wie entlarvt , und muß still halten . « – Mit einer lieblichen sanften Gebärde legte sie die schlanken , biegsamen Hände an die Schläfen , als wolle sie die klopfenden Pulse beschwichtigen . » Es thut mir leid , daß ich wider Willen diese Szene veranlaßt und gegen dein mir aufgestelltes Programm , dieses – lasse es mich nur einmal , nur dieses einzige Mal aussprechen ! – dieses grausam ausgeklügelte Programm geistiger Tötung – verstoßen habe . Meine Schuld war es nicht – es geschieht auch nicht wieder ... Nur eines habe ich noch zu sagen , ich muß die Beschuldigung des Herrn Hofmarschalls , daß ich in der Kunstwelt mit meinen kleinen Leistungen aufgetreten sei , um zu brillieren , entschieden zurückweisen ... Als ich mein erstes Bild den Blicken der Oeffentlichkeit ausgesetzt wußte , da hat mich wochenlang das Fieber geschüttelt – nicht aus Angst um den Erfolg , nein , vor Beschämung über mein Wagnis ; das Geld aber , das man dafür in meine Hand legte , hat mir bittere Thränen erpreßt , weil ich einen Teil meiner Seele , meines Empfindens verkauft hatte – und doch mußte es immer wieder geschehen . « Der Hofprediger war während dieser peinlichen Szene , die fast den Charakter einer Inquisitionssitzung trug , im Hintergrund des Salons auf und ab gegangen . Seine Hände lagen ruhig gefaltet auf dem Rücken , aber die breite Brust wogte und hob sich schweratmend , als ringe er mit einem Erstickungsanfall ; ein einziger Blick hätte die beiden Herren überzeugen müssen , daß der Mann im langen schwarzen Rock , mit dem elfenbeinbleichen Fleck der Tonsur auf dem Haupte , heftig mit sich kämpfte , um nicht wie ein gereizter Tiger auf sie loszustürzen ... Bei den letzten Worten der jungen Frau trat er in die Glasthür und sah angestrengt , die Hand über die Augen haltend , seitwärts über den Park hinweg , wo die Linie der Chaussee , schmal und blendend , für eine kurze Strecke bloßgelegt erschien . » Ich habe recht gehört , « rief er tief aufatmend in das Zimmer zurück , » die Herzogin wird gleich hier sein . « » Ah , sehr gut , wir waren auf dem besten Wege , sentimental zu werden ! « sagte der Hofmarschall . » Vorwärts denn ! « Er erhob sich ; seine schmale lange Gestalt mit nicht zu unterdrückendem Aechzen hoch aufreckend , trat er vor den Spiegel , zupfte an der weißen Halsbind , goß eine Odeurflut über das Taschentuch und besprengte Frack und Weste mit den köstlich duftenden Tropfen ; dann nahm er den Hut in die Hand und ging halb steifbeinig , halb zusammenknickend hinaus . Die junge Frau aber legte ruhig die Papiere in das Kistchen und versuchte den Deckel daraufzudrücken . » Nun , Hochwürden , « sagte Mainau zu dem Geistlichen , der wie ein Fels an der Thür verharrte – er wartete offenbar darauf , daß Mainau vor ihm den Salon verlasse . » Vergessen Sie , daß die Frau Herzogin es Ihnen sehr übel vermerken wird , wenn der übliche Weihespruch aus Ihrem Munde sie beim Aussteigen nicht begrüßt ? « Beider Blicke begegneten sich – spöttisches Befremden in Mainaus Augen und glühender , unverhohlener Ingrimm in denen des Geistlichen trafen aufeinander – es sprühten Funken . » Bitte , bitte , nach Ihnen , Herr Hofprediger ! « protestierte Mainau mit der Hand hinauswinkend , aber keineswegs in ritterlich achtungsvollem Zurücktreten vor der geistlichen Würde – sondern als höflich gebietender Schloßherr , wobei er ein sarkastisches Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte . » Sorgen Sie sich nicht um mich – ich werde im rechten Moment unten stehen , « versicherte er . Der Hofprediger ging mit einer leichten Kopfneigung hinaus . Mainau verfolgte den Zipfel des schwarzen Rockes , wie er langsam zögernd von Stufe zu Stufe glitt – dann wandte er sich plötzlich um , und mit einem feurigen Aufblicke seiner dämonischen Augen trat er rasch auf die junge Frau zu und streckte ihr beide Hände entgegen . » Wozu das ? « fragte sie , unbeweglich wie eine Statue auf ihrem Platze verharrend . » Soll das ein Akt großmütiger Verzeihung sein ? Ich appelliere nicht an sie , denn ich habe nichts verbrochen . Ich bin mir bewußt , weder meine Pflichten als Leos Mutter , noch die der Hausfrau und dame d ' honneur in irgendeiner Weise durch meine kleinen Studien beeinträchtigt zu haben . Die Pflanzen habe ich auf meinen Spaziergängen mit Leo gesammelt und bereits das ABC der Botanik für ihn daran geknüpft . Gemalt und geschrieben aber habe ich nur in den frühesten Morgenstunden , wo niemand meiner bedurfte ... Ist es dein Wunsch und Wille , daß ich auch diesen erholenden Beschäftigungen entsage , dann soll und muß es geschehen . Aber ich gebe dir zu bedenken , daß , wenn der Mann das Recht für sich beansprucht , allen Unannehmlichkeiten , aller Langeweile des Familienhauses ohne weiteres den Rücken zu kehren und jahrelang in der Fremde umherzuschweifen , der Frau wenigstens einige Erholungsstunden nicht versagt werden dürfen , in denen sie sich über die stündlichen Plackereien und Anfechtungen während seiner Abwesenheit erheben kann ... Wie bereits versichert , unterwerfe ich mich auch in diesem Punkte , jedoch nicht als deine blind und gehorsam nachgebende Frau , sondern als Leos Mutter . Ich habe die mütterlichen Pflichten übernommen und werde meine Aufgabe durchführen – wäre das nicht , dann ginge ich jetzt nicht der Herzogin entgegen , sondern , wie es der eben stattgefunden Auftritt und meine Sehnsucht fordern – in die Heimat zurück ... « Sie nahm ihre Schleppe auf , ergriff das Boukett und wollte mit vornehm ruhiger Haltung an ihm vorüberschreiten ; aber er vertrat ihr den Weg . Fast überkam es sie wie Furcht und Angst , als sie so nahe vor ihm stand – ein blühend kräftiges , von einem ungestümen Geist beseeltes Männerantlitz tief erbleichen zu sehen , hat stets etwas Erschreckendes für die Frauenseele . » Noch einen Augenblick ! « sagte er , die Hand aufhebend , beherrscht , aber mit tiefer Bitterkeit . » Du irrst , wenn du meinst , ich habe dich mit meiner Verzeihung behelligen wollen – in der Weise kann ich mich dir vorhin unmöglich genähert haben . Ich bin nicht so verstandesüberlegen wie du , um genau das zu analysieren und zu kontrollieren , was in meinem Innern vorgeht – ich lasse mich hinreißen , es unbedenklich auszusprechen , wie es emporquillt , und so mag es vorhin weit eher das Verlangen gewesen sein , dich um Verzeihung zu bitten , als der Wunsch , dich zu demütigen . Entweder du hast kein Verständnis für den Gesichtsausdruck anderer – was ich bei deiner außerordentlichen künstlerischen Begabung nicht annehmen kann – oder die stolze , tief verletzte Gräfin Trachenberg hat nicht verstehen wollen . Ich glaube das letztere und respektiere