den Blitz einschlagen , mir ist einerlei was , wenn es nur die Einwohner hinaustreibt und ich die Dächer der Residenz wiedersehe . Ich kann in dieser Kuhstalluft nicht atmen . « Sie brach hier wieder ab und wandte den Kopf nach dem Nebenzimmer , wo ein erbärmliches Kinderweinen erklang . Ein bitterböser Ausdruck flog über das volle weiße Gesicht der Lauschenden . » O Gott , ich wollte , daß – « murmelte sie und erhob sich . » Frau von Berg , die Kleine ist sehr unruhig « , berichtete die Kinderfrau . » So geben Sie ihr doch Milch , mein Gott , sie wird Hunger haben . Was ist ' s denn weiter ! « » Sie nimmt nichts , gnädige Frau . « » So tragen Sie das Kind umher , es muß sich beruhigen . « » Ich darf das Kindchen nicht herausnehmen , solange es in dem nassen Umschlag liegt , der Arzt hat ' s ausdrücklich – « Frau von Berg schleuderte die Feder auf den Tisch und rauschte in das Kinderzimmer . » Ruhig ! Ruhig ! « rief sie mit ihrer gellenden Stimme und klatschte , an das Bett tretend , in die Hände . Ihre Augen sahen so drohend aus , so geradezu wütend , daß das Kind verstummte , um nach ein paar Sekunden desto lauter zu schreien . Es klang so ängstlich , so hilfesuchend , dieses Weinen , dass die Kinderfrau von der Spiritusmaschine , wo sie das verordnete Süppchen kochte , herzustürzte , und dass draußen auf dem Korridor plötzlich Schritte erklangen und der Baron Gerold im nächsten Augenblick auf der Schwelle stand . » Ist Leonie krank ? « , war die erste Frage und seine verdüsterten Augen suchten das Kind im Bettchen , das jetzt seine Ärmchen verlangend nach ihm ausstreckte , aber auch ruhig ward . Frau von Berg war verlegen , aber sie blieb standhaft am Fuße des Bettchens . » Nein « , erwiderte sie , » nur hungrig oder eigensinnig . « » Aber es war nicht das Schreien eines eigensinnigen Kindes « , sagte er kurz und bestimmt . » Nun , es ist auch möglich , dass sie sich nicht wohl fühlt « , erklärte die schöne Frau . » Es ist mir schon längere Zeit vorgekommen , als vertrage die Kleine die Luft hier nicht , man denke auch , von dem weichen , lauen Klima der Riviera nach dem deutschen Waldklima , in diese kühle , scharfe Bergluft . « Er sah sie ernsthaft an . » Meinen Sie ? « , fragte er und dieser Tonfall trieb ihr das Blut in die Wangen . » Ich bedaure nur « , fuhr er gelassen fort , » dass das arme Kindchen da von dem ersten Arzte Nizzas direkt an diese scharfe , kühle Luft verwiesen wurde . Es muss sich nun leider schon daran gewöhnen , denn vorderhand liegt Nizza sowieso außer Frage , da sein Vater gegenwärtig gezwungen ist hierzubleiben . Im übrigen , meine liebe Frau von Berg , scheint ihm die › kühle , scharfe ‹ Luft dennoch recht gut bekommen zu sein . Gestern sah ich , wie das Kind lebhaft durch das Zimmer rutschte und sich an jenem Stuhl dort völlig allein aufrichtete . « Frau von Berg zuckte unmerklich die Schultern . » Was will das heißen bei einem zweijährigen Kind ? « sagte sie . » Bleiben Sie logisch , gnädige Frau . Es ist hier davon die Rede , ob das Kind Fortschritte im Befinden gemacht hat oder nicht . Ich möchte Ihnen jetzt noch eine Mitteilung machen , die Sie vermutlich interessieren dürfte . Ihre Durchlauchten , Prinzeß Thekla und Helene , werden in allernächster Zeit auf einige Wochen nach Neuhaus kommen , um sich persönlich von dem Befinden ihrer Enkelin zu überzeugen . Woher mag doch Ihre Durchlaucht wissen , daß der Reitenbacher Arzt mein Kind jetzt behandelt ? Haben Sie keine Ahnung ? « Frau von Berg wechselte die Farbe . Sie blieb jedoch ruhig und zuckte die Achseln . » In meinen verschiedenen Schreiben an Ihre Durchlaucht habe ich nichts davon verlauten lassen « , fuhr er fort und trat von dem Bette an das Fenster , » ich liebe nicht das Hineinreden in die Anordnungen , die ich treffe . Außerdem – Prinzeß Thekla ist Homöopathin und hat alle Taschen voll Kügelchen und Tropfen . Haben Sie wirklich keine Ahnung , Frau von Berg ? « Sie schüttelte den Kopf . » Keine ! « antwortete sie . Er achtete auch nicht mehr darauf , sondern preßte plötzlich die Stirn an das Fensterkreuz und starrte auf die Straße , die sich wie ein weißer leuchtender Streifen am Walde dort drüben hinzog . Da kam ein herzoglicher Wagen im schnellsten Trab gefahren , ein Frauenantlitz ward einen Augenblick hinter der Spiegelscheibe des Fensters sichtbar , dann war die Kutsche verschwunden . Klaudine fuhr nach Altenstein ! Als er sich umwandte , sah er seltsam bleich aus . Frau von Berg musterte ihn mit einem bösen Lächeln um den Mundwinkel . Auch sie hatte den Wagen gesehen . Er bemerkte es nicht , er trat zu dem Bettchen des Kindes , das jetzt schlief , und betrachtete das kleine kränkliche Geschöpf lange Zeit . Frau von Berg ging mit leisem Schritt in das Nebenzimmer . Er blieb stehen , und allmählich legte sich ein harter , bitterer Zug um seinen Mund . Die alte Kinderfrau hinter dem blauverhangenen Bettchen sah ihn starr an – der Herr mochte wohl das arme Kindchen gar nicht leiden , weil es seiner vergötterten Frau das Leben gekostet hatte ? Ja , ja , es kam das öfter vor , daß so ein Würmchen es entgelten mußte ! Armes Ding , ein so unschuldiges Geschöpfchen , dem es bestimmt ist , stets mit vorwurfsvollen Augen angesehen zu werden . Armes Ding ! Plötzlich wandte sich der Mann dort am Bettchen und ging mit schnellen Schritten hinaus . 11. Ja , Klaudine fuhr zu Hofe . Sie saß da in dem Wagen mit dem stillen , stolzen Ausdruck , den ihre Züge gewöhnlich zeigten . Sie hatte heute früh ihren Haushalt besorgt und war dann nach Tisch aus ihrem Aschenbrödelgewand geschlüpft , um das ebenso einfache wie elegante Kleid aus dunkelblauer weicher Seide anzulegen , das sie noch einige Tage , bevor sie um ihre Entlassung gebeten , von dem Schneider zugeschickt bekommen hatte . Es war keine Eitelkeit von ihr , sie war gezwungen , dieses Kleid zu wählen ; denn Ihre Hoheit hatte gestern gesprächsweise erwähnt , daß sie schwarze Kleider nicht liebe . Als Klaudine , um Abschied zu nehmen , zu ihrem Bruder in das Turmzimmer trat , betrachtete er sie verwundert . » Wie schön du aussiehst ! « sagte er stolz und küßte sie auf die Stirn . Und sie blickte ihn ängstlich und verwirrt an ; » ich habe kein anderes Kleid , Joachim . « » Ich mache dir doch keinen Vorwurf « , erwiderte er freundlich , » ich freue mich nur über die harmonische Wirkung deiner blonden Haare mit dem tiefen Blau . Leb wohl , Schwesterchen , geh ohne Sorgen , Elisabeth ist gut aufgehoben bei Fräulein Lindenmeyer , und ich schreibe . Was zögerst du denn noch , Liebling ? Hast du Kummer ? « Sie war wie schwankend ein paar Schritte zu ihm hinübergetreten , und ihre Lippen bewegten sich leise , als wollte sie sprechen . Dann wandte sie sich rasch , murmelte ein » Leb wohl ! « und ging . Ihm , dem Träumer mit dem wedchen Gemüt , durfte sie ihre Sache nicht zur Entscheidung vorlegen . Selbst handeln , das ist der einzig richtige Weg . Aber was in aller Welt sollte sie zunächst tun ? Die Herzogin rief , und sie mußte kommen . Wenn sie nicht krank lag , hatte sie keinen einzigen Grund abzulehnen , eine Lüge wollte sie nicht sagen , und die Wahrheit durfte sie ihr gegenüber nicht aussprechen . Und war sie denn nicht am sichersten neben der fürstlichen Gemahlin ? In dem Gemache der Gattin durfte keiner der heißen flehenden Blicke sie streifen . Sie drückte das Batisttuch an die pochende Schläfe , als könne sie den Schmerz dämpfen , der dort schon den ganzen Tag wühlte . Dort unten tauchten jetzt die hochgiebligen Dächer des Altensteiner Schlosses aus den Gipfeln der Bäume , und gerade in diesem Augenblick brach nach langen düsteren Regentagen der erste Goldblitz der Sonne aus den lichter gewordenen Wolken und ließ den vergoldeten Knauf des Turmes aufleuchten . » Ihre Hoheit haben schon mit Ungeduld gewartet « , berichtete flüsternd die alte Frau von Katzenstein in dem Vorzimmer , » Hoheit wollen von Ihnen ein neues Lied von Brahms hören und haben diesen Morgen zwei Stunden an der Klavierbegleitung geübt . Sie sind schrecklich nervös und aufgeregt , liebste Gerold , es hat einen kleinen Wortwechsel mit Seiner Hoheit gegeben . « Das junge Mädchen sah fragend in das Gesicht der Hofdame . » Unter uns , liebste Gerold « , flüsterte diese , » Hoheit wünschten , daß der Herzog heute nachmittag den Tee bei ihr nehme , und er lehnte es rundweg und mit einer Kürze ab , die fast unfreundlich genannt werden kann . › Wir wollen musizieren ‹ , sagte Ihre Hoheit schüchtern , › und ich glaubte , mein Freund , du habest dich gerade im letzten Winter sehr für Gesang interessiert ? Ich meine , du hast die kleinen musikalischen Abende bei Mama niemals versäumt ? ‹ Seine Hoheit antwortete darauf : › Ja , ja , gewiß , meine Teure , aber augenblicklich – ich habe Palmer zu einem Vortrag befohlen , und da das Wetter besser geworden ist , so will ich mit Meerfeld auf den Anstand heute abend . ‹ « Klaudine drehte ihr Notenheft in den Händen ; sie war rot geworden und unendlich peinlich berührt durch diesen Bericht . » Wollen Sie mich Ihrer Hoheit melden ? « fragte sie . » Sogleich , liebstes Geroldchen , lassen Sie mich Ihnen nur noch erzählen . Die Herzogin wandte ihm den Rücken und sagte ganz leise : › Du willst nicht , Adalbert ! ‹ Und dann ist er ohne Antwort fortgegangen , und sie ist zu tausend Tränen aufgelegt . « Die fürstliche Frau saß an ihrem Schreibtisch , als Klaudine eintrat , und streckte ihr die Hand entgegen . » Es ist , als ob der Sonnenstrahl , der eben da draußen aufleuchtet , mit Ihnen in mein Zimmer geflogen käme , beste Klaudine « , sprach sie liebenswürdig mit ihrer matten klanglosen Stimme . » Sie glauben nicht , wie einsam man sich bisweilen fühlen kann unter Menschen , selbst unter denjenigen , die uns alles sein sollen . Ich habe vorhin in beängstigender Unruhe mein Tagebuch geholt und darin geblättert , da ist mir leichter geworden . Ich habe doch schon viel , sehr viel Glück erlebt , das tröstet mich und macht mich dankbar . Nehmen Sie Platz . Sind das die Lieder , von denen ich sprach ? « Sie ergriff die Noten und blätterte darin . » Ah , richtig – Liebestreue ! Sie sollen es mir nachher singen , liebstes Fräulein von Gerold , jetzt möchte ich bitten , eine kurze Spazierfahrt mit mir zu machen , ich sehne mich unaussprechlich nach frischer Luft . « Als die Damen nach einer Stunde zurückkehrten , nahmen sie den Tee , und dann trat Klaudine an den Flügel . Ihre schöne weiche Altstimme schwebte durch den leicht dämmerigen Raum . Sie sang mit einer traurigen Lust . Der kostbare Flügel stand merkwürdigerweise in dem nämlichen Zimmer , an der nämlichen Stelle , wo einst ihr Instrument gestanden hatte . Das volle süße Glück ihrer Jugend ward lebendig in dieser Umgehung , sie wußte nicht , wie es kam , daß Joachims Lieblingslied von ihren Lippen floß : » Aus der Jugendzeit , aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar – O wie liegt so weit , so weit , Was mein , was mein einst war – « Sie sang die traurige einfache Weise mit innigem Gefühl , und dann brach sie inmitten der letzten Strophe mit einem Tone ab , der wie gebrochen klang , und nach ein paar falschen Akkorden , welche die begleitende Hand noch mechanisch griff , ward es still . Dann scholl es aber weich und leise durch das Gemach : » Adalbert , ich wußte ja , du würdest kommen ! « Klaudine hatte sich erhoben und starrte zu der hohen Gestalt hinüber , die sich eben zu einem Kuß auf die Hand der Gattin herabneigte . Nun verbeugte sie sich und faßte nach der Lehne ihres Sessels , als müßte sie sich stützen . » Singen Sie weiter , Fräulein von Gerald « , bat der Herzog , » es ist lange her , seit ich die Freude hatte , Sie zu hören . « Er saß im tiefen Schatten neben dem Lager seiner Gemahlin , den Rücken dem Fenster zugewandt . Klaudine sah sein Gesicht nicht , sie wußte aber , daß der letzte rosige Schein der Abendsonne sie streifte . Das machte sie noch verwirrter . Sie suchte sich gewaltsam zu fassen , aber als sie einsetzte , klang die Stimme verschleiert und kraftlos , es war , als schnüre ein Krampf ihr die Kehle zu . Sie stammelte eine Entschuldigung und erhob sich . » Wie eigentümlich ! « sagte die Herzogin . » Haben Sie schon früher daran gelitten , liebste Klaudine ? « » Niemals , Hoheit ! « stotterte sie der Wahrheit gemäß . » Es gibt derartige nervöse Erscheinungen « , bemerkte der Herzog ruhig , » vielleicht hast du Fräulein von Gerold bereits zu sehr angestrengt ? « » Oh , das wäre möglich . Verzeihen Sie , meine liebe Klaudine , und ruhen Sie sich aus « , rief sichtlich erschreckt die Herzogin . Sie winkte das junge Mädchen zu sich auf das kleine Sesselchen , von dem soeben der Herzog aufgestanden war , um fast unhörbaren Schrittes im Zimmer auf und ab zu gehen . » Setzen Sie sich so , daß ich Ihr Gesicht erblicken kann « , bat sie . » Wirklich , Sie sehen angegriffen aus , aber jetzt kommt Ihre Farbe wieder . Mein Gott , ich glaube fast , Sie haben sich vor dem plötzlichen Eintritt des Herzogs erschreckt ! Adalbert ! « lachte sie und bemühte sich , ihren Kopf zu wenden – er stand in diesem Augenblick hinter ihrem Sofa . » Du wirst schuld an diesem Verstummen sein . Oh du böser Mann , was richtest du für Sachen an ! « Unwillkürlich hatte Klaudine die Augen zu dem Angeredeten erhoben , um sie im nächsten Augenblick tödlich erschreckt zu senken – da war er ja wieder , dieser heiße , flehende Blick ! Über das Haupt der Gattin hinweg war er zu ihr geflogen , indes seine Stimme so ruhig erklang : » Es sollte mir leid tun , gnädiges Fräulein , ich kann mir aber nicht denken , daß mein Erscheinen hier etwas schreckendes , ungewöhnliches haben soll . Ich – « » O gewiß nicht , Hoheit « , erwiderte Klaudine laut und richtete sich empor , » ich war in dem Augenblick ermüdet , ich hatte ein wenig Kopfschmerz . Es ist mir jetzt viel besser . « » Um so besser ! « lächelte die Herzogin , » und nun wollen wir plaudern . Du bist so stumm , Adalbert . Wie kam es , daß du dein Jagdvergnügen aufgabst ? Erzähle ! War es wirklich nur , weil du diesen Abend bei mir sein wolltest ? « Sie folgte ihm , wenn er wieder an ihr vorüberschritt , mit glückseligen Augen , und ohne eine Antwort abzuwarten , plauderte sie weiter : » Denke dir , Adalbert , der Erbprinz hat ein Gedicht gemacht , seine ersten Verse , der Doktor ließ es mir heute zugehen , er hat es in seinem Lateinheft gefunden . Willst du es lesen ? Liebste Klaudine , dort , auf meinem Schreibtisch unter dem Briefbeschwerer – nein , dort unter dem mit der Statuette des Herzogs . Danke sehr . Würden Sie es uns vorlesen ? Es ist so kindlich geschrieben und so ernst empfunden . « Klaudine nahm das Blatt , trat zum Fenster und las beim sinkenden Tageslicht die großen kindhaften Schriftzüge : » Wenn ich ein Mann erst werde sein , Hab ' ich ein Wörtlein mir erkoren – Das schreibe ich ins Herz mir ein , Daß niemals werde es verloren : Treu will ich sein , das ist mein Wort , Treu meinem Volk , treu meinem Gott , Treu meinen Freunden immerfort , Treu meiner Pflicht , mir selber treu , Daß treu stets meine Treue sei ! « Klaudine konnte das Gesicht der Herzogin nicht erblicken , aber sie sah , wie sie die Hand nach dem Gatten ausstreckte , und hörte , wie eine leisbebende Stimme flüsterte : » Dein Sohn , Adalbert ! « Und laut fragte sie : » Ist es nicht köstlich ? « Er hatte sein Umherwandern eingestellt . » Ja , es ist köstlich , Elise . Möge der liebe Gott ihn so führen , daß es ihm niemals schwer falle , die Treue zu halten . « » Das kann nicht schwer fallen , Adalbert , niemals ! « » Niemals ? « fragte er . Sie schüttelte den Kopf . » Niemals ! Was sagen Sie , Klaudine ? « » Hoheit , es kann Fälle geben « , begann das schöne Mädchen , » wo es einen schweren Kampf kostet , die Treue zu halten . « – » Aber dann ist ' s keine Treue , die durch Liebe bedingt wurde « , unterbrach die fürstliche Frau und ihre Wangen wurden heiß , » dann ist es eine künstliche Treue . « » Ja « , sagte der Herzog halblaut . Sie klang eigentümlich , diese einfache Bestätigung . » Dann ist es eben keine Treue , dann ist es Pflichtgefühl « , erklärte die Herzogin eifriger . » Treue in der Pflicht ist vielleicht der höchste Grad der Treue , Hoheit « , sprach Klaudine sanft . » Ach , das ist ja ein Streiten um des Kaisers Bart , bestes Kind « , unterbrach abermals die Herzogin . » Eine Treue , die erst mit sich kämpfen muß , hat überhaupt ihre Bedeutung verloren . Wenn zum Beispiel – wenn der Herzog « , sie stockte einen Augenblick und ein schalkhaftes Lächeln glitt über ihr Gesicht , » wenn – nun , wenn er mit seinen Gedanken zuweilen – sagen wir einmal – bei Ihnen , Klaudine , wäre , dann würde doch seine Gattentreue keinen Wert mehr haben , und wäre er tatsächlich der tadelloseste Ehemann . Hörst du , Adalbert ? – Dann hättest du , nach meiner Ansicht , überhaupt schon die Treue gebrochen . « Der Herzog hatte sich umgewendet und schaute zum Fenster hinaus , Klaudine saß mit fast entstellten Zügen da . Die Herzogin bemerkte es nicht , sie lachte jetzt , es war ein so drolliger Gedanke , den sie eben ausgesprochen hatte . Und sie lachte weiter , so kindlich glücklich , wie nur der zu lachen versteht , der ein großes Glück sein eigen nennt und spielend von einem möglichen Verlust spricht , weil er sicher weiß , daß dies niemals sein kann . » Klaudine ! « rief sie dazwischen , » wie sehen Sie aus ! Ängstigen Sie sich nicht , es ist kein Hochverrat . Nicht wahr , Adalbert , du weißt , wie ich oft necke ? Mein Gott und nun tut mir die Brust weh – o das Lachen . – Klaudine ! Klaudine ! « Das Wort erstarb in einem heftigen Hustenanfall . » Wasser ! Wasser ! « stieß sie hervor . Das erschreckte Mädchen war aufgesprungen und zu dem Tischchen geeilt , das stets eine Wasserflasche trug . Frau von Katzenstein , die in das Zimmer gestürzt war , hielt die nach Atem Ringende in den Armen . Der Herzog stand mit finsterer Miene neben dem Ruhebett , die Leidende hatte seine Hand wie im Krampf erfaßt . Sie war wie geschüttelt von dem Husten und vermochte nicht zu trinken . Mit leisem Schritte kam der herbeigerufene Arzt durch das Zimmer . Klaudine trat zur Seite und gab dem alten liebenswürdigen Herrn Raum . » Lieber Doktor Westermann ! « stieß die Kranke hervor , » es wird schon besser , es geht vorüber . Oh mein Gott , ich atme wieder ! « Die allerletzte graue Dämmerung füllte das Zimmer . Klaudine hatte sich in die Fensternische zurückgezogen , sie stand wie auf glühenden Kohlen und sah , fast abwesend , auf die Gruppe inmitten des Gemaches . Jetzt trat der Herzog zurück , und die Leidende fragte mit matter Stimme : » Habe ich dich sehr erschreckt , Adalbert ? Vergib mir ! « » Hoheit müssen sich sogleich niederlegen « , erklärte der Arzt . Der Herzog , der sich bereits der Tür genähert hatte , kam plötzlich zurück . Frau von Katzenstein stützte die Kranke , die sich gehorsam erheben wollte . Sie winkte freundlich zu Klaudine hinüber : » Auf Wiedersehen ! Ich werde Sie bald rufen lassen , Liebste ! Gute Nacht , mein Freund « , wendete sie sich dann zum Herzog , » morgen bin ich wieder ganz wohl . « Der Arzt trat , nachdem die Kranke hinter dem Vorhang verschwunden war , zum Herzog . » Hoheit , es ist nichts ängstliches , nur muß die hohe Kranke sehr geschont werden – keine aufregenden Gespräche , keine geistlichen Debatten , wie Ihre Hoheit es lieben . Das Temperament Ihrer Hoheit spielt mir ohnehin schon böse Streiche , ebenmäßig langweilig soll die Kranke leben . « » Bester Herr Medizinalrat , Sie kennen ja die Herzogin . Eben hat sie übrigens bloß ein wenig gelacht . « » Ich erlaube mir nur , Eure Hoheit nochmals darauf aufmerksam zu machen « , erwiderte der alte Mann sich verbeugend . Der Herzog winkte sichtlich zerstreut und ungeduldig mit der Hand . » Guten Abend , lieber Westermann . « Klaudine erschrak . Sie preßte sich tiefer hinein in die Dämmerung der Fensternische und blickte dem sich entfernenden Arzte mit seltsam bangen Augen nach . Sie war allein , allein mit dem Herzog . Das , was sie stets klug zu vermeiden gewußt , was er unverkennbar gesucht , heiß gesucht hatte , war geschehen . Aber vielleicht hatte er ihre Gegenwart vergessen , denn er schritt so erregt auf und ab im Zimmer . O , er würde sie nicht bemerken , das einzige Licht des Armleuchters genügte kaum , den nächsten Umkreis des Kamins zu erhellen , und sie stand geborgen hinter dem seidenen Vorhang der Fensternische . In atemloser Angst verharrte sie , wie ein verfolgtes Reh , das dem Jäger nicht mehr zu entrinnen weiß . Sie hörte das Klopfen ihres Herzens so deutlich , wie seine gedämpften Schritte dort auf dem weichen Teppich . Dann zuckte sie empor , die Schritte näherten sich . Eine hohe Gestalt war unter den Vorhang getreten und eine Stimme , welche von einer leidenschaftlichen Aufregung seltsam klanglos gemacht wurde , nannte ihren Namen : » Klaudine « . Sie trat furchtsam einen Schritt seitwärts , als wollte sie eine Gelegenheit erspähen , um zu fliehen . » Klaudine « , wiederholte er und bog sich herab zu ihr , so daß sie trotz der tiefen Dämmerung den flehenden Ausdruck seiner Augen sehen mußte . » Die Szene tat Ihnen weh ? Sie war nicht meine Schuld , ich möchte Sie um Verzeihung bitten . « Er wollte nach ihrer Hand fassen , sie barg sie in den Falten ihres Kleides . Kein Wort kam aus ihrem fest geschlossenen Munde . So stand sie in stummer Abwehr , mit den schönen zornigen Augen ihn anblickend . » Wie soll ich das verstehen ? « fragte er . » Hoheit , ich habe den Vorzug , die Freundin der Herzogin zu sein ! « sagte sie dann voll Verzweiflung . Ein trauriges Lächeln flog einen Augenblick über sein Gesicht . » Ich weiß es ! Sie sind im allgemeinen nicht dafür , von heute auf morgen Freundschaft zu schließen . Indessen – Sie meinen , man müsse alles benutzen ? « » So scheinen Eure Hoheit zu denken ! « » Ich ? Auf Ehre nicht , Klaudine ! Aber Sie , Sie haben sich mit wahrer Sturmeseile hinter die Schranke geflüchtet , die diese Freundschaft zwischen Ihnen und mir errichtet . « » Ja ! « sagte sie ehrlich , » und ich hoffe , daß Hoheit diese Schranke achten , oder – « » Oder ? Ich ehre und anerkenne Ihre Zurückhaltung , Klaudine « , unterbrach er sie . » Glauben Sie nicht , daß ich Ihnen wie ein verliebter Page nachschleichen werde . Nichts soll Sie daran erinnern , daß ich Sie liebe , so leidenschaftlich , wie je ein Mann ein Mädchen geliebt hat . Aber erlauben Sie mir , daß ich in Ihrer Nähe sein darf , ohne dieser eisigen Kälte begegnen zu müssen , die Sie mir gegenüber zur Schau tragen , lassen Sie mir die – Hoffnung auf eine Zukunft , in der die Sonne auch für mich scheinen wird , nur diese Hoffnung , Klaudine . « » Ich liebe Sie nicht , Hoheit ! « sagte sie stolz und kurz und richtete sich auf , » gestatten Sie , daß ich mich zurückziehe . « » Nein ! Noch ein Wort , Klaudine ! Ich verlange kein Zugeständnis Ihrer Neigung , es ist weder die Zeit dafür noch der Ort . Sie haben recht , mich daran zu erinnern ! Daß ich die Herzogin nicht aus Liebe gewählt habe , daß meine erste innige Liebesleidenschaft Ihnen gehört , kann ich dafür ? Ich meine , das geschieht Besseren als mir ! Es kommt ohne unser Zutun , ist da und wächst mit jeder Stunde , je mehr wir dagegen ankämpfen . Ich weiß nicht , ob Sie so fühlen wie ich ? Ich hoffe es nur und will ohne diese Hoffnung nicht leben . « Er trat näher und bog sich zu ihr nieder . » Nur ein Wort , Klaudine « , bat er leise und demütig , » darf ich hoffen ? Ja , Klaudine ? Sagen Sie ja ! und kein Blick soll verraten , wie es um Sie und mich steht . « » Nein , Hoheit ! Bei der Liebe zu meinem Bruder schwöre ich Ihnen , ich fühle nichts für Sie ! « preßte sie hervor und wich zurück bis an das Fenster . » Für einen anderen , Klaudine , für einen anderen ? Wenn ich das sicher wüßte ! « tönte es leidenschaftlich . Sie antwortete nicht . Er wandte sich mit einer verzweiflungsvollen Bewegung und ging zu der gegenüberliegenden Tür . Dann kam er noch einmal zurück . » Glauben Sie denn , daß nicht allen Rücksichten der Ehre genügt werden würde ? Glauben Sie , ich könnte Sie erniedrigen ? « fragte er , » glauben Sie – « » Hoheit beginnen bereits damit « , unterbrach sie ihn , » indem Sie mir in dem Zimmer Ihrer kranken Gemahlin von Liebe sprechen . « » Wenn Sie die Sache so auffassen « , sagte er schmerzlich . » Ja , das tue ich , Hoheit , bei Gott , das tue ich « , rief das schöne Mädchen . » Klaudine , ich bitte Sie ! « flüsterte er . Wieder schritt er hastig im Zimmer auf und ab und abermals trat er vor sie . » Sie wissen , daß mein Bruder , der Erbprinz , plötzlich starb , kurz vor meines Vaters Tode , vor nunmehr zwölf Jahren ? « fragte er . Sie neigte bejahend den Kopf . » Nun , Sie wissen aber nicht , daß damals seitens unseres Hofes mit dem Kabinett zu X. Unterhandlungen stattgefunden hatten über das Projekt einer Heirat der Prinzessin Elise mit dem Erbprinzen , meinem Bruder . Man war fast zum Abschlüsse gelangt , das heißt , mein Bruder sollte wie von ungefähr nach X. zur Brautschau kommen – da starb er und mit den Rechten , die ich übernahm , übernahm ich auch die Pflichten . Nach beendeter Trauerzeit reiste ich nach X. und freite die Braut . « » Es ist freier Wille gewesen , Hoheit ! « » Mitnichten ! Mir war diese Heirat eine schwere Bürde mehr zu der , die mir ohnehin die Krone brachte . Prinzessin Elise , die mich ahnungslos empfing und mich mit ihren großen Kinderaugen anstarrte , war von der Bewerbung meines Bruders so wenig unterrichtet , wie von der Absicht , mit der ich ihr entgegentrat . Sie läßt sich leicht begeistern , und mit wenig Mühe gewann ich ihr Herz . Mir waren die Frauen höchst gleichgültig zu jener Zeit , ich kannte die besten nicht , die anderen schienen mir langweilig . Prinzessin Elisabeth war mir unbequem im Anfang , ich vertrage es nicht , wenn Frauen beständig in höheren Regionen schweben . Ich hasse alles exaltierte , dieses himmelhoch jauchzende , zum Tode betrübte , ich konnte anfänglich rasend werden bei ihren Tränenergüssen . Später wurde mir das , was mich anfangs abstieß , im höchsten Grade gleichgültig . Ich bin ihr stets ein aufmerksamer Gatte gewesen und von einer