trieb – er ging lediglich , um aufzuatmen , ja , nur deshalb ! ... Er hätte auch durch das Hoftor den Heimweg antreten können ; allein , da lag die Tonne breit , in greller Gluthitze auf der verwahrlosten , steinebesäten Fahrstraße , während der Garten mit seinen Bäumen kühlen Schatten bot – und weshalb hätte er nichtdurch den Garten gehen sollen ? – 13. Er behielt die Zauntür in der Hand , damit sie beim Zufallen nicht knarre , und blieb einen Augenblick bewegungslos in dem schattigen Himbeergebüsch stehen , weil – nun , weil es da so erquickend kühl war ... Und da sah er das Mädchen drüben auf dem abgemähten Grasfleck , wie sie sich eben aufrichtete und das veilchenduftende Taschentuch der Erzieherin aus der Tasche zog , um ihr Gesicht hineinzudrücken – die Vertraulichkeit zwischen Herrin und Dienerin erstreckte sich somit , wie der Augenschein lehrte , selbst bis auf die Gütergemeinschaft . Sie kehrte ihm den Rücken zu , und an der Bewegung ihrer Schultern sah er , daß sie krampfhaft atmete . Fast in demselben Augenblick stand er neben ihr . » Warum weinen Sie ? « fragte er halb im Spott , halb beunruhigt . Das Mädchen stieß einen schwachen Schreckenslaut aus und ließ unwillkürlich das Tuch vom Gesicht fallen . Ja , die Lider waren rot vom Weinen , aber aus den Augen flammte den Fragenden die tiefste Verachtung an . Sie antwortete nicht und nahm die Eichel vom Boden auf , als beabsichtige sie , aufs neue zu arbeiten , ohne ihn und seine Frage zu beachten . » Soll ich keine Antwort bekommen ? « fragte er weiter mit verhaltener Stimme . Sie kämpfte sichtlich mit sich selbst . » Nicht eher , als bis ich Ihnen beweisen kann , daß Sie mich schwer beleidigt haben , « kam es ihr gepreßt zwischen den Zähnen hervor . » Das wollen Sie beweisen ? « – Er lachte hart auf . » Ich möchte wohl wissen , wie Sie das anfangen werden ! – Aber das sage ich Ihnen , « – sein Ton wandelte sich plötzlich und nahm eine leidenschaftliche Färbung an – » fußfällig wollte ich Sie um Verzeihung bitten , wenn Sie mich überführten . « Sie sah überrascht , mit ungewissem Blick auf und wurde glühend rot – dann senkte sie den Kopf tief auf die Brust , in der Tat wie eine Schuldbewußte . » Ich wußte es ja , « sagte er bei diesem Anblick verächtlich . » Sie waren gestern abend im Grafenholz – « » Sie auch , « warf sie ruhig ein . Diese Gelassenheit überraschte ihn , und dabei schämte er sich in seine Seele hinein der Spioniererei , bei welcher ihn das Mädchen ertappt hatte . » Ach , ich wußte nicht , daß man im Forstwärterhaus die Waldspaziergänger überwacht ! « sagte er , zwischen Verlegenheit und grenzenlosem Ärger schwankend . » Dazu hat man im Forstwärterhaus weder Zeit noch Lust , « versetzte sie ebenso ruhig wie vorher . » Der Hund schlug an – « » Und da schauten Sie nach dem Heimkommenden aus , « ergänzte er spöttisch . » Die Abendsuppe war fertig – er brauchte sich nur an den gedeckten Tisch zu setzen . – Der hat ' s gut ! ... Sie sind schon merkwürdig heimisch und rührig in Ihrem zukünftigen Heim ! « Sie sah ihn zuerst groß an ; dann aber schien sie plötzlich zu verstehen . Sie wurde rot , und um ihre Mundwinkel zuckte es wie verhaltenes Spottlächeln . » Wir werden doch nicht in das Waldhaus ziehen ? « warf sie halb fragend hin . » › Wir ‹ « – allerdings nicht , wenn Sie darunter Ihre Herrschaft mit verstehen . Ich glaube , Fräulein Agnes Franz würde sich für ein solches Unterkriechen im Hause ihrer ehemaligen Zofe bedanken . « » Das Forstwärterhaus im Grafenholz gehört Seiner Durchlaucht dem Fürsten , « entgegnete sie , das Lächeln niederkämpfend , » und ich wüßte nicht , wie ich je zu dem Recht kommen sollte , darüber zu verfügen ... Ich bin übrigens die längste Zeit in Thüringen gewesen – wenn › Fräulein Agnes Franz ‹ geht , verschwinde ich auch , um mir mein Brot draußen in der Welt zu suchen . « In sprachloser Überraschung starrte er sie an . » Ich möchte Ihnen schon glauben , « sagte er langsam , ohne seinen Blick von ihr zu wenden , » wenn ich nicht wüßte , daß Sie – falsch sind . « Ihre Lippen bebten ; aber sie nahm die Beschuldigung scheinbar gelassen hin . » Ich widerspreche Ihnen nicht – warum soll ich in den Wind hineinreden ? Sie sehen durch getrübte Gläser , und ich darf ja keinen Finger rühren , um der Wahrheit die Ehre zu geben ... Leider sind Sie allerdings nach einer Seite hin berechtigt , mir auch später nachzusagen , daß ich ein falsches Spiel gespielt habe – « » Ja , das unverantwortliche Spiel weiblicher Gefallsucht , wie Sie es der gewiegten Weltdame abgelauscht haben ! « » Nein , dazu bekenne ich mich nicht ! « Sie sagte das entschieden , mit einem festen Blick in seine zürnenden Augen . Er lächelte spöttisch ungläubig . » Ich möchte wissen , wie der Mann im Forstwärterhaus darüber denkt . « » Der denkt und sagt jeden Tag aufs neue : › Gott sei Dank , daß die furchtbare Sorgenzeit auf dem Vorwerk überstanden ist ! ‹ Er hat das Gefühl der Erlösung , wie ich auch . « » Und kraft dieses Trostes soll er es schleunigst verwinden , daß Sie nebenbei grausam mit ihm gespielt haben ? « Das Mädchen warf stolz den Kopf auf , und eine scharfe Antwort schwebte ihr unverkennbar auf den Lippen ; aber sie beherrschte sich und fragte ganz ruhig : » Nennen Sie die harte , schwere Feldarbeit , die wir allerdings wie ein paar getreue Kameraden in Gemeinschaft auf uns genommen haben , Spielerei ? ... Fritz Weber ist ein braver , prächtiger Mensch , dem ich zeitlebens dankbar sein werde . Ich habe ihm deshalb auch versprochen , « – ein leichter Zug von Schelmerei kam und verschwand rasch auf ihrem schönen Gesicht – » seine Hochzeit in Person mitzufeiern , und wenn ich übers Meer her kommen müßte . In zwei Jahren wird er so gestellt sein , daß er die treue Braut aus seiner ehemaligen Garnison Magdeburg heimholen kann . « Die Züge des Gutsherrn hellten sich auf , als gehe ein Leuchten durch seine Seele . » Und übers Meer würden Sie dann kommen ? – Will denn Fräulein Erzieherin ihr Glück drüben versuchen ? « Sie zuckte die Achseln . » Vielleicht ! « sagte sie kurz obenhin und fuhr mit den schlanken Fingern über die Sichelklinge , als gelte es , einen Fleck wegzuwischen . » Lassen Sie das ! « wehrte er ihr gereizt . » Sie werden sich verletzen ! – Werfen Sie doch das Ding da fort ! – Sie brauchen es nicht mehr , so wenig wie Ihre Dame die Blumenmalerei ! « Das Mädchen ließ die Rechte mit der Sichel sinken ; es fiel ihr aber nicht ein , das Gerät auf die Erde zu werfen . » Ich werde so lange arbeiten und auf meinem Posten bleiben , bis ein Ersatz für mich da ist , « entgegnete sie ernst gelassen . » Und weshalb › meine Dame ‹ auf eine Kunst verzichten soll , die sie liebt , das verstehe ich nicht . « » Ei , sagten Sie denn nicht , daß sie über das Meer gehen würde ? Nun sehen Sie , das ist der direkte Weg ins Schlaraffenland , zu dem erträumten Diamantenprinzen ! « Sie verzog geringschätzend die Lippen . » Was doch solch ein reicher Mann für eine hohe Meinung von der Macht des Besitzes hat , « sagte sie bitter . Er lachte . » Wäre sie etwa falsch , diese Meinung ? Gott bewahre ! Sie bestätigt sich alle Tage ! – Geben Sie einen Diamantenregen über Kopf und Schultern , einen Palast in volkreicher Großstadt und ein märchenhaftes Sommerhaus inmitten reicher Pflanzungen , und solch ein begehrliches Erzieherinnenpersönchen wird den Spender all dieser Herrlichkeiten hinreißend finden , und wäre er schwarz und roh wie der Teufel selbst ... Glauben Sie das nicht ? « » Mein Gott , ja – wenn Sie es sagen ! « antwortete sie ebenso leichthin , wie er gesprochen . » Die eine , die ich meine , hat ja auch ihren Sparren . Ist es nicht grenzenlos vermessen , daß sie sich auch erlaubt , Neigungen und Vorurteile zu haben , ganz wie Sie ? Ich weiß , daß sie den Vorzug des Reichtums genau auf dieselbe Stufe stellt , wohin Sie die verhaßten Erzieherinnen verweisen – tief unter ihre Wünsche . « Die tiefste Gereiztheit sprach aus dieser scharfen Antwort ; aber er schien es nicht zu fühlen . » Ach , lassen Sie sich doch so etwas nicht weismachen ! « lachte er . » Sie sind ein kluges Mädchen , an Geist für mich eine Art Wunderkind Ihrer Kreise ; aber das innerste Wesen Ihrer Gebieterin ist Ihnen doch ein Buch mit sieben Siegeln geblieben . – Sie belügt Sie ! Darum fort mit ihr nach dem ersehnten Eldorado ! Ich wünsche ihr von ganzem Heizen fröhliches Gelingen ! Mag sie doch nach ihrer Weise glücklich werden , wenn sie nur – ihren Schatten zurückläßt ! ... Sie gehen nicht mit – nein ? – Sie bleiben im Hirschwinkel ? « sagte er nach einem tiefen Atemholen fast bittend . Aber das ließ sie unberührt . » Hier bleiben ? – Um vielleicht auf mein Schicksal zu warten ? « fragte sie unbeschreiblich herb und spöttisch zurück . » Es würde wohl rascher kommen , Sie wegzuholen , als Sie denken , « versetzte er in seltsam stockender Redeweise – klang es doch , als klopfe ein ungestümes Herz in diesen unsicheren Tönen . Er trat ihr plötzlich näher , aber da wich sie erschreckt , mit tiefverfinstertem Gesicht zurück und erhob wie in unwillkürlicher Notwehr die Rechte – die Eichelklinge blitzte zwischen ihnen auf . » Ich werde Ihnen wohl dieses abscheuliche Spielzeug wegnehmen müssen ! « zürnte er und griff mit einer raschen Bewegung zu ... Es geschah mit Gedankenschnelle , aber wie es geschehen , mußten wohl beide nicht – er fuhr zurück , und das Mädchen stieß einen Schrei aus und schleuderte die Sichel weit von sich . » Trag ' ich die Schuld ? « stammelte sie entsetzt . » Und wenn ? War es nicht recht so ? « fragte er , während er sein Taschentuch hervorholte und es um die verletzte Hand wickelte . » Strafe muß sein ! – Daß doch solch ein dummer Teufel nie gewitzigt wird ! « – Er verzog den Mund zu einem flüchtigen Lächeln des Spottes , das die schönen , festen Zähne sehen ließ . – » Ich wußte schon am ersten Tage – da auf der Brücke bei der Schneidemühle , wo ich so köstliche Antworten bekam – daß die Disteln in Thüringen abscheulich stechen , und nun bin ich doch wieder so einfältig gewesen , ihnen ins Gehege zu laufen . « – Er verbeugte sich ironisch tief . – » So , nun sind wir quitt , schöne Prüde ! Ich habe meinen Teil dahin ! « Sie antwortete nicht . In sich zusammengesunken hatte sie dagestanden und die Augen in unbeschreiblichem Schrecken auf das weiße Taschentuch geheftet , durch welches jetzt mit Blitzesschnelle große , rote Flecken drangen . Und nun , bei diesem Anblick , flog sie wie gejagt durch den Garten und verschwand im Himbeergebüsch . Trotz seiner tiefen Verstimmung mußte er lachen . Diese tapfere Heldin , die eine schwere Lebensaufgabe wirklich heldenhaft und mutig auf ihre Schultern genommen hatte , sie konnte kein Blut sehen , sie ließ ihr Opfer im Stiche ! ... Er fühlte , daß die Verletzung keine besonders schlimme war , und der kleine Aderlaß konnte ihm nicht schaden – rollte ihm ja doch seit Tagen das Blut so heiß und ungestüm durch die Adern , wie in der schlimmsten Fieberkrankheit , und verwirrte und verdunkelte ihm die Seele ... Schämen mußte er sich ! Er verdiente von seinen Freunden grausam verhöhnt und verspottet zu werden . Hätten sie ihn nur jetzt sehen können , das Urbild des heimgeschickten dummen Jungen ! – An das homerische Gelächter durfte er nicht denken , ohne daß sich ihm die Rechte zur Faust ballte ! – Und mit der Verachtung , in die er sich gehüllt , war es auch nichts gewesen – du lieber Gott , was für ein kläglicher Notbehelf ! Beim ersten Aufblick der verweinten Mädchenaugen war von dieser stolzen Verachtung nichts mehr vorhanden ! ... Und der frische Humor , mit welchem er sich sonst alle Bedrängnisse sofort von Leib und Seele zu schütteln pflegte , er verfing diesmal auch nicht – er brachte es nicht einmal bis zum Galgenhumor . Wie er so dahin ging – den Garten hatte auch er sofort verlassen – auf dem einsamen Weg am Fichtenhölzchen , wo ihn kein menschlicher Blick traf , wo es so still war und die jungen , schaukelnden Triebe der Nadelzweige weich und kühlend über seine entblößte , heiße Stirn glitten , da rang er mächtig mit sich und den Gefühlen schmerzlichster Enttäuschung ... Er hatte einen Augenblick innerlich aufgejubelt , als breche plötzlich der volle Sonnenglanz eines grenzenlosen Glückes über ihn herein – das Mädchen war schuldlos , war frei , kein anderer hatte ein Anrecht auf sie , sie hatte es unwiderleglich bewiesen ; aber was half ihm das ? Er hatte sich ebenso überzeugen müssen , daß auch er keine Aussicht habe , sie zu besitzen ; da half kein Beschönigen , kein Vertrösten auf später , und wie alle diese Vorflunkereien der trügerischen Hoffnung lauten mögen – das Mädchen wollte nichts von ihm wissen , das sagte ihm sein eigener grundehrlicher , gerader Sinn , und da hieß es , mannhaft kämpfen , auf daß » das bißchen Selbstachtung « nicht auch noch verloren gehe ... 14. Im Gartenhausstübchen war es drückend schwül . Es hatte längere Zeit nicht geregnet ; Tag für Tag war die Sonne am wolkenlosen , strahlend blauen Himmel auf- und untergegangen und hatte allmählich alles durchglüht , Dächer und Wände , Waldwipfel und Dickicht , und die Fruchtfelder bis in das Mark hinein . Herr Markus meinte , daß Frau Griebel recht habe , wenn sie , höchst unpoetisch zwar , aber desto erboster sagte , solch ein blauer Himmel zur Unzeit , der , » eine Ewigkeit lang « , kein einziges gesegnetes Wölkchen aufkommen lasse , käme ihr gerade vor wie ein boshaftes Gesicht , das sich über die armen Geschöpfe auf Gottes Erdboden lustig mache ... Ihm war auch , als ob ihm diese zehrende Glut , unter welcher sich bereits die fruchtschweren Halme schlaff neigten und Blatt und Blüte die erste leichte Krümmung des beginnenden Verschmachtens annahmen , durch Poren und Nerven in die innerste Seele dringe , als höre auch er ringsum ein schadenfrohes Gekicher über die armseligen , machtlosen » Geschöpfe auf Gottes Erdboden « , die ihr Schicksal auf sich nehmen müssen , wie es kommt , gleichviel , ob sie sich wild aufbäumen oder schmerzvoll trauern . – Seine Hand brannte , und es war gut , daß er unter anderem auch eine Flasche mit frischem Wasser und Waschgerät in sein kleines Heim gestiftet hatte – nun brauchte er nicht in das Gutshaus zu gehen und Frau Griebel in die Hände zu laufen , was ihm durchaus nicht wünschenswert war ; aber er entging seinem Schicksal trotzdem nicht . – Gerade in dem Augenblick , wo er die Hand in das Wasserbad tauchte , kam die brave Dicke pustend und schwitzend das Gartentreppchen herauf , um » von wegen des Nachmittagskaffees « zu sehen , ob er da sei . Sie war nicht die Frau , die viel Federlesens mit einem » Schnitt ins Fleisch « machte . Sie schüttelte nur den Kopf bei der Bemerkung des Gutsherrn , daß er sich mit dem Taschenmesser verwundet habe , und sagte in ihrer trockenen Weise : » Wie Sie das fertiggebracht haben , Herr Markus , das ist mir wirklich unbegreiflich . Wenn ' s noch der Daumen oder Zeigefinger wäre , da ließe ich mir den Spaß gefallen – aber in den Ballen ? ! « – Die Schlußfolgerung : » Sie müssen doch recht ungeschickt gewesen sein ! « verschluckte sie sichtlich mit Mühe ... Dann ging sie fort , um altes , weiches Leinen und Arnika zu holen ; aber Herr Markus müsse Geduld haben und einstweilen im Wasser bleiben , bis sie nach dem Zeug gesucht habe – altes Leinen sei nicht nur so bei der Hand , und wo die Arnika sich befinde , wisse sie im Augenblick auch nicht ; man habe , Gott sei Dank , dergleichen seit Menschengedenken nicht gebraucht . Nun war es wieder still im Stübchen . Die Tür nach dem Altan war weit offen geblieben ; da blies dann und wann ein träger Hauch herein , ohne die Luft abzukühlen . Herr Markus sah im Ecksofa , und vor ihm lag ein kleines Reisebesteck , aus dem er ein Stück Heftpflaster entnommen – er wollte kurzen Prozeß machen , um Frau Griebels drohendem Verbinden der Wunde vorzubeugen – aber das hatte er nun schon wieder vergessen . Die Stirn in die Linke vergraben und die Augen geschlossen , war er wieder im Vorwerkgarten , und das schöne , angstvolle , tödlich erblaßte Gesicht war ihm nahe , als könne er den Hauch des Mundes spüren ... » Ich glaube , ich werde noch verrückt um dieses Mädchens willen ! « murmelte er zwischen den Zähnen , und seine Finger wühlten sich wie verzweifelt in das reiche Stirnhaar . Da war es , als husche etwas über das Außentreppchen – leicht , fast unhörbar , wie auf den Samtpfötchen einer Katze ! Ein Mensch kam sicher nicht hier herauf . Die Gartenecke lag so einsam , und von den wenigen umwohnenden Leuten würde es niemand gewagt haben , der Gutsherrschaft auf diesem Wege nahe zu kommen . Herr Markus sah empor und meinte unter einem jähen Zusammenschrecken , das ihn stechend durchfuhr , er träumte fort – es war allerdings ein Menschenkind die Treppe herauf , bis fast unter den Rahmen der Tür gekommen – sie , die Prüde , in deren Wangen und Lippen das lebendige Rot noch nicht zurückgekehrt war , trotz der Gluthitze draußen , die jedes Menschenantlitz höher färbte ... Sie kam zu ihm , in seine Wohnung ! – Ei nun , wie sie ja auch , bei aller Unnahbarkeit und Zurückhaltung im persönlichen Umgang , ungezwungen im Hause des unverheirateten Forstwärters aus und ein ging ! Sie gab nichts auf die Anforderungen strenger äußerer Sitten , nichts auf die rügenden Lästerzungen – das hatte sie selbst gesagt ... Und so stand sie da , zwar mit scheuem Blick und auf dem halb und halb neutralen Boden des Altans bang zögernd , aber doch unverkennbar im Begriff , einzutreten . Ein seltsames Gemisch von Glückseligkeit , sie zu sehen , und Grimm über diesen ihren Schritt wogte in ihm auf ; und dazu gesellte sich die Besorgnis , daß Frau Griebel jeden Augenblick eintreten könne – ach ja , das wäre Wasser auf diese Mühle gewesen ! Dann war es um den letzten Rest des guten Rufes dieser Unvorsichtigen geschehen ... Er sprang empor – eine heiße Röte überflog sein Gesicht . » Sie wünschen ? « fragte er unsicher und deshalb fast rauh und abstoßend . Bei diesen Lauten war es , als wolle das Mädchen in sich zusammenbrechen . Sie griff unwillkürlich nach dem Geländer zurück und legte die andere Hand über die Augen . Aber sie faßte sich rasch . » Der – der Herr Amtmann läßt für die Bücher herzlich danken und bittet um den › Münchhausen ‹ von Immermann , « sagte sie tonlos und reichte ihm zwei der von ihm an den Amtmann geliehenen Werke hin , die sie in einem Körbchen am Arme gebracht hatte . Ah , sie kam als Abgeschickte , als die Magd ihrer Herrschaft ! Wie seltsam , daß er ihre Lebensstellung immer wieder vergaß ! Wenn der Amtmann befahl , so mußte sie ja ohne Widerrede gehen – an diesem Gehorsam hatte auch Frau Griebel nichts auszusetzen . » Ich habe das Buch nicht hier , « entgegnete er aufgehellten Blickes , » und muß Sie bitten , einen Augenblick zu warten – ich werde es herüberholen . « Er schlug ein Tuch um die noch immer blutende Hand und war im Begriff , die nach dem Garten führende Tür zu öffnen – aber da stand das Mädchen mit wenigen Schritten neben ihm . » Das hat Zeit ! « wehrte sie hastig , in scheuer Verlegenheit ab . » Ich sollte die Bücher zum Forstwärter tragen , damit er den Wechsel besorge ; er wird heute abend kommen , das Buch zu holen – bitte , geben Sie ihm . « – Sie schlug plötzlich wie in überwältigender Scham beide Hände vor das Gesicht . » O Gott , wie peinvoll ! « murmelte sie , und die Hände wieder sinken lassend , sagte sie mit niedergeschlagenen Augen : » Der Bücherwechsel war nur ein Vorwand , mich einzuführen – vielleicht dachten Sie das selbst . Ich kam – weil ich es nicht ertrage , Ihnen Schmerz verursacht zu haben , ohne ihn zu lindern ! Ich will gutmachen , soviel ich kann ! « Ach , wie schnell war alles vergessen , was er eben noch gedacht hatte ! Seine moralischen Bedenken , Frau Griebels verletztes Anstandsgefühl – wie hätten diese Geringfügigkeiten noch aufkommen können neben den erschütterten Tönen , die an sein Ohr schlugen , angesichts des süßen , blassen Mädchenantlitzes , das sich demütig auf die Brust senkte ! – Unwillkürlich bog er sich nieder , um sie in seine Arme zu ziehen , wo sie geschützt sein sollte für alle Zeit . Allein diese eine rasche Bewegung scheuchte sie sofort bis auf die Schwelle der Tür – sie schien förmlich entsetzt über die Wirkung ihrer Worte , über das leuchtende Gesicht des Gutsherrn und hob den Fuß , um bei einem weiteren Schritt seinerseits die Treppe hinabzuspringen und das Weite zu suchen . » Ich war vorhin in das Haus gelaufen , um Verbandzeug zu holen , « sagte sie herb , mit finster zusammengezogener Stirn ; » aber als ich zurückkam , waren Sie fortgegangen ... Ich weiß nicht , ob ich die Schuld an dem unseligen Vorfall allein trage – auf jeden Fall bin ich unvorsichtig gewesen , und das läßt mich nicht ruhen , das hat mich hierher getrieben ! ... Ich will keine ungesühnte Schuld auf dem Herzen haben , gegen keinen Menschen , gegen niemand auf der Welt , sei er wer es sei ! « » Ach so . – Nun denn , ich danke Ihnen recht sehr für Ihre Teilnahme ! « warf er bitter lächelnd hin , während er an den Tisch trat . » Sie können beruhigt nach Hause gehen ! Die Schuld trage ich allein – warum war ich so täppisch , der sichelführenden › Trutzigen ‹ zu nahe zu kommen ! ... Im übrigen sehen Sie , daß ich eben im Begriff war « – er zeigte auf das Besteck – » den Zeugen des unseligen Vorfalles einfach mit Heftpflaster zu verkleben – « » Das genügt nicht , « sagte sie rasch und bestimmt und kam wieder in das Stübchen herein . » Die Wunde geht ziemlich tief – ich habe es gesehen und besitze ein Mittel , das jeder Entzündung vorbeugt und die Heilung beschleunigt . « Sie schlug den Deckel des mitgebrachten Körbchens zurück und nahm ein Leinenpäckchen heraus . » Erlauben Sie mir , daß ich Sie verbinden darf ! – Sie dürfen sich mir ruhig anvertrauen – die Krankenpflegerpflichten sind mir nicht fremd . « » Ei bewahre ! Was denken Sie ? Ich werde wohl solch ein offenbares Opfer Ihrerseits zugeben ! Niemals , schöne Prüde ! – Wer , wie ich , weiß , unter welch innerem Widerstreben Sie sich zu dergleichen Samariterdiensten verstehen – denken Sie nur an die Brücke bei der Schneidemühle , wo ich erst an die christliche Barmherzigkeit erinnern mußte , ehe Sie mich armen Teufel aus dem Schraubstock erlösten – der kommt kein zweites Mal ! ... Und nun gehen Sie nur in Gottes Namen heim , oder besser , in das Grafenholz und sagen Sie dem Forstwärter , daß er das verlangte Buch heute abend hier abholen kann – es soll bereit liegen ! « Sie ging nicht – im Gegenteil ! Neben den Gutsherrn an den Tisch tretend , rollte sie das Leinenpäckchen auseinander , entkorkte ein kleines Arzneiglas und breitete verschiedene Verbandsachen hin – das geschah alles flink , sicher und mit schweigendem Ernst , wie ein Arzt dem widerstrebenden Patienten gegenüber zu verfahren pflegt . » Mögen Sie mich aufdringlich schelten und unbarmherzig mit mir ins Gericht gehen , mögen Sie mich noch mehr verachten , als bisher – ich weiche nicht , ehe ich meine Pflicht erfüllt habe ! « sagte sie sanft , aber mit Festigkeit . » Ich will aber Ihre Pflichterfüllung durchaus nicht ! Ich lehne sie ab und gebe Ihnen hiermit das Zeugnis , daß Sie das Menschenmögliche getan haben , um Ihr empfindliches Gewissen zu beruhigen ! « rief er bebend vor Erregung . » Sind Sie nun zufrieden ? « Sie schüttelte den Kopf . » Ich war vorhin heftig und habe Sie mit allzu raschen Worten verletzt ... Sie haben ganz recht , wenn Sie vor allem von der Pflegerin Selbstbeherrschung verlangen , und deshalb bitte ich , vergessen Sie mein unüberlegtes Gebaren . « Sie hielt ihm schüchtern die Hand hin . » Viel Lärm um nichts ! « rief er halb lachend , halb zornig und ohne ihre Geste zu beachten . » Wer wird denn um einer solchen Lumperei willen , wie der Hautritz da , auch nur ein Wort verlieren ! ... Und wenn ich wirklich den Grad von Geduld aufbrächte , stillzuhalten , im nächsten Augenblick risse ich doch das Zeug wieder ab – ich bin viel zu ungeduldig – « » Seien Sie gut ! « unterbrach sie ihn mit sanfter Bitte . Diese Töne waren von zauberhafter Wirkung . Er wandte achselzuckend den Kopf weg , stützte die Linke auf den Tisch und hielt ihr die verletzte Rechte schweigend hin . Sie mußte in der Tat bereits Schwesternpflichten geübt haben – diese gewandte , sichere Art zu untersuchen war nicht bloß die angeborene Geschicklichkeit des Weibes . Der Gutsherr wandte ihr langsam das Gesicht wieder zu und sah auf sie nieder . » Waren Sie in einer Pflegerinnenanstalt ? « fragte er mit hörbarem Erstaunen . » Ja ; nicht sehr lange zwar , und auch nicht zu dem Zweck , ausschließlich Schwester zu werden . Ich wollte mir nur so viel Kenntnisse aneignen , um nötigenfalls auf dem Lande , wo oft der Arzt stundenweit hergeholt werden muß , im ersten Augenblick Hilfe leisten zu können , « antwortete sie , ohne ihre Beschäftigung zu unterbrechen . Aber nun blickte sie auf . » Sie werden doch den Arzt hinzuziehen müssen « – sagte sie , und er sah , wie ihre Augen sich feuchteten – » die Sichel hat Scharten gehabt – « Er lachte . » Nähen Sie nur getrost zu , « ermutigte er , » und vertrauen Sie meiner kräftigen Natur ! « Sie biß die Zähne zusammen und handhabte die Nadel rasch und sicher , obgleich dann und wann ein Beben durch ihre schlanken Finger ging ... Es schwebte doch ein Rätsel um ihre Person – wes Geisteskind war sie eigentlich ? Ihre Redeweise , ihr ganzes Sein und Wesen , das halbverleugnete und doch immer mehr zutage tretende Wissen gaben ihr unwiderleglich die gebildete Welt als ursprüngliche Heimat – und doch leistete sie die niedrigsten Magddienste , und Fräulein Erzieherin , die am besten wissen mußte , was für ein reicher geistiger Schatz in ihr steckte , hielt sie unter dem Druck dieser herabwürdigenden Stellung unerbittlich fest ... Was gab jener Egoistin die Macht über den klaren Geist und das Lebensschicksal dieses wunderbaren Mädchens ? ... Sein Blick hing wie festgebannt an dem schönen Kopf , der sich über seine Hand beugte , an dem köstlichen , einfach zurückgestrichenen , nußbraunen Haar – eine dunkle Flut voll elektrischer Gewalten , die ihm zuströmten – sein Atem ging schwer und beklommen ... Auf dem schmalen Streifen des weißen Halses , den das Busentuch frei ließ , lag wieder das schwarze Sammetband , diesmal mit halbgelöster Schleife . Trug sie ein Amulett oder ein teures Andenken auf der Brust , das sie nie ablegte ? Eine eifersüchtige Wallung trieb ihm das Blut nach dem Kopfe – am liebsten hätte er nach dem losen Ende gegriffen , um das Band fortzuschleudern . Das Mädchen ahnte sicher nicht , auf welche Gewalttätigkeit er sann , sonst hätte sie wohl nicht mit so seelenvollem , dankbarem Blick zu ihm aufgesehen . Der Verband war fertig ; sie entließ sanft die Hand aus der ihren und trat an den Tisch , um das Verbandzeug wieder zusammenzupacken . » Ich danke Ihnen ! « sagte sie aufatmend , als sei ihr eine Last von der Seele genommen . » Morgen werde