besten Lebensjahre hin ­ gegeben — um nichts — um jetzt als alternder Mann von vorn anzufangen . Das war eine verfehlte Spekulation ! Wenn sonst meine Kräfte erlahmen wollten , dann war es die Hoffnung auf die nahe Erlösung , die mich aufrecht hielt , aber was soll mich von nun an stärken , da keine Erlösung mehr winkt ? Keine Erlösung , nichts als lebenslange Frohnarbeit im Dienste des knurrenden Magens ! O — o ! “ Mit diesem Todesseufzer vergrub der gequälte Mann das Gesicht in den Kissen des Sofas und wieder trat eine lange Stille ein , die nur von den vereinzelten Tränenstößen Berthas unterbrochen ward . Endlich hielt diese das Schweigen nicht mehr aus : „ Was soll denn nun werden ? “ fragte sie halb jammernd , halb trotzig . „ Laß mich , “ sagte Leuthold , „ laß mich — Du siehst , wie ich leide und ringe . “ „ Woher weißt Du denn die ganze Sache ? “ forschte sie weiter . „ Der boshafte Chirurg Lederer flüsterte es mir bei der Rückkehr vom Begräbnis zu . Er hat das Testament als Zeuge mit unterschrieben . Die Leute drängten uns vor der Haustür auseinander , ich konnte ihn nicht einmal mehr fragen , ob man mir die Vor ­ mundschaft ließ . Wenn ich nur wenigstens Vormund wäre “ — er schwieg und versank wieder in ein tiefes Sinnen . Da regte sich etwas im Nebenzimmer und zur Tür schaute ein selig lächelndes Kindergesicht herein und ein glockenhelles Stimmchen rief : „ Kukuk ! “ Bei dem Tone wandte Leuthold den Kopf und sah mit seltsam bewegten Mienen nach der Stelle hin , wo sein Töchterchen stand . Die Kleine steinigte sich fest auf die Füßchen und überschritt endlich nach ein paar vergeblichen Versuchen zu ihrem eigenen Entzücken die hohe Schwelle . Nachdem sie dies vollbracht , trippelte sie jauchzend auf ihre Mutter zu , die der Tür zunächst saß ; als sie aber von dieser so unsanft weggeschoben ward , daß sie sich auf den Boden setzte , faßte sie den Beschluß , ihre Reise bis zum Papa auszudehnen . Um jedoch schneller und sicherer vom Flecke zu kommen , zog sie es vor , statt auf zwei Beinen auf allen Vieren zu laufen , und als sie am Ziele anlangte , faßte sie die Kniee des Papas und richtete sich stramm daran em ­ por , ihn mit ihrem rosigen Gesichtchen anlachend . Leuthold blickte eine Sekunde lang in die runden , un ­ schuldigen Augen — dann verdunkelte sich sein Blick — er hob die Kleine zu sich empor und flüsterte , in ­ dem er sie an sich preßte : „ Armes Kind ! “ Sein Atem ging schneller , er umschlang das Kind fester und fester und plötzlich erleichterte ein heftiges Schluchzen seine gepreßte Brust . Sein Vaterherz hatte die Träne gefunden und zum ersten Male in seinem Leben überwältigte ihn ein menschliches Gefühls . Gretchen versuchte , ihm mit ihrem Schürzchen die Augen zu trocknen und tätschelte mit ihren dicken Händchen seinen kahlen Scheitel . Es ist eine wunderbare Kraft in dem Auflegen solch einer weichen , reinen Kinderhand , besänftigend , wo es im Herzen stürmt , stärkend , wo die Seele hoffnungslos ermattet . So war es Leuthold , als schlössen sich unter der milden , leichten Berührung die Wunden in seinem Innern . Er küßte das runde , warme Händchen wieder und wieder . Für dieses Kind wollte er arbeiten , so schwer er es vermochte , ihm wollte er eine Zukunft gründen um jeden Preis ! Er stand auf und setzte die Kleine sanft auf den Teppich , dann schritt er langsam mit gekreuzten Armen im Zimmer auf und nieder , tausend feine Fäden für die Zukunft in seinem Kopfe anspinnend . — Da störte ihn Bertha , die ihren Unmut in Ermangelung von etwas Anderem an Gretchen ausließ . Es hatte einen gestickten Schemel erwischt und die genußreiche Be ­ schäftigung begonnen , Perlen und Quästchen davon abzuzupfen . Bertha riß es keifend in die Höhe , schüt ­ telte es und schlug ihm auf die Hände . Da stand plötzlich Leuthold vor ihr und hielt ihr den Arm fest , aus seinen Augen strömte ein Widerwille , der ihr wie Gift durch alle Adern drang und Gift lag auf seiner Zunge , in seinem Ton , in seinem ganzen Wesen , als er begann : „ Du bist so roh , daß nicht einmal die feinen Instinkte des Muttergefühls in Dir aufkommen konnten . Wenn Du ein weiblich beobachtendes Auge besäßest und gesehen hättest , welche Wohltat mir das Kind soeben erwiesen , Du würdest ihm mit verdoppelter Liebe danken , statt es zu mißhandeln . — Doch frei ­ lich , was kümmern Dich meine Empfindungen ; Du hattest in dem Augenblicke , als Du mich gebrochen zu Boden stürzen sahst , nur Sinn für Dein Unglück , für meinen Schmerz fandest Du kein anderes Wort des Trostes , als den Schimpfnamen „ Schwächling . “ Ich sage Dir aber , die Schwäche eines kränklichen Mannes ist nicht so abscheulich , wie die rohe Kraft eines gemeinen Weibes . Sei daher so gütig und mäßige Deinen Kraftausdruck wenigstens gegenüber diesem Engel , der keine bittere Stunde haben soll , so lange ich die Augen offen halte ! “ Bertha setzte Gretchen zur Erde und stemmte die Arme in die Seite . „ So , “ sagte sie zitternd vor Wut , „ so fängst Du an ? Solche Grobheiten wirfst Du mir ins Gesicht in einem Augenblick , wo Du froh sein solltest , wenn ich Dein erbärmliches Los nur mit Dir teile ? “ „ Mein erbärmliches Los ? “ wiederholte Leuthold , indem sich sein Gesicht wieder mit Todesblässe überzog . „ Wer hat mir denn dies Los bereitet ? wer anders als Du ? ! Du wagst es noch , Dich zu beschweren , und bedenkst nicht , was Du damit herausforderst ? Ist nicht Dein Ungehorsam , Deine Torheit Schuld an diesem ganzen Unglück ? Hättest Du meine Befehle befolgt und gewissenhaft über die Vorgänge im Hause gewacht , so konnte Dir das Erscheinen einer Gerichtsdeputation nicht entgehen , Du hättest mich rechtzeitig in Kenttnis gesetzt und ich konnte die Sache noch im letzten Augenblick hintertreiben . Du — Du allein hast mein und meines armen Kindes Lebensglück zerstört und statt , daß Du mich fußfällig um Vergebung bittest , macht du mir noch Vorwürfe . Wahrlich , man könnte darüber lachen , wenn es nicht zu traurig wäre ! “ „ Natürlich ! “ kreischte Bertha , „ nun muß ich Schuld sein , das könnte ich mir denken . Warum bliebst Du nicht selbst im Hause , warum paßtest Du denn nicht selbst auf ? Weil Du so wenig wie ich an eine derartige Möglichkeit dachtest und weil Du dem alten Zeugen Deiner Schande , dem Heim , aus dem Wege gehen wolltest . Was kann ich dafür , daß Du eine so unsaubere Vergangenheit hast , daß Du Dich vor jedem Bekannten aus früherer Zeit beiseite drücken mußt ! “ Leuthold bäumte sich auf . „ Schweig ’ , nichtswürdiges Weib ! Willst Du mich aufs Äußerste treiben ? “ „ Ja “ fuhr Bertha immer heftiger fort , „ ja jetzt is mir Alles einerlei . Ein anderes Vergnügen erwartet mich an Deiner Seite doch nicht mehr , als das , Dir wenigstens einmal gründlich die Wahrheit zu sagen . Ich gehe fort von Dir nach Hause . Ich will mich mit meinem Vater versöhnen , so lange es noch Zeit ist . Vielleicht übergibt er mir das Geschäft , ich verstehe es zu führen und kann ’ s noch zu was bringen . Das ist jedenfalls eine bessere Aussicht , als mit Dir zu hungern . Mein alter , ehrlicher Vater hat Recht gehabt , als er mich vor Dir warnte , — weiß der Kukuk , was mich damals auf Deine Klappergestalt so erpicht machte , — es reizte meine Gutmütigkeit , Dich auszupolstern . Aber von Anfang an sahe ich ein , was ich an Dir hatte ; Gott erbarme sich — eine Masse Geist und Gelehrsamkeit , womit ich nichts anzufangen wußte , und ein vornehmes , eiskaltes Wesen , bei dem nie wohl werden konnte . Nach den ersten paar Monaten unserer Ehe gab es den Skandal mit dem Hilsborn ; der Vater wollte , ich sollte mich von Dir trennen , Du schwindeltest mir von Deinem Bruder vor , der ein Trinker sei , der Dich reich machen werde und ich glaubte Dir , überwarf mich mit meinem Alten und ging mit Dir in diese Einöde . Was hatte ich nun davon ? Mein kleines mütterliches Vermögen brockte ich während der zehn Jahre in die Wirtschaft , damit Du Deinem Bruder gegenüber den Uneigen ­ nützigen spielen konntest . Auf jedes Vergnügen ver ­ zichtete ich , Theater , Konzerte , Gesellschaft , das Alles gab ’ s ja hier nicht , und ich entbehrte es willig in der Voraussicht einer besseren Zukunft . Ich habe gehorsam und geduldig mit Dir erbgeschlichen bei dem Trunkenbold — dem Hartwich — und nun habe ich Zeit , Jugend , Geld und Alles hingeworfen für Nichts , und soll mich nicht einmal beklagen dürfen ? Und soll mich womöglich noch höflichst bedanken und sagen : Du lieber Mann , Du hast mich zwar um Alles ge ­ bracht , Du hast mir zwar vorhin gezeigt , daß Dir ’ s auch nicht darauf ankäme , mich , gelegentlich zu er ­ würgen — dennoch aber will ich so frei sein und bei Dir bleiben , damit Du doch ferner den Genuß hast , mich roh , gemein und nichtswürdig zu schimpfen und mir zu zeigen , mit welcher Hand ich die Kartoffeln in den Mund stecken muß , die wir zu essen haben werden . Nicht wahr , so soll ich sprechen ? Ja . . . “ Leuthold hatte ihr aufmerksam zugehört und im Laufe der langen Rede seine alte Ruhe wieder gewonnen . „ Das heißt mit andern Worten , Du willst mir zu meinem sonstigen Unglück die Zugabe Deiner liebenswürdigen Persönlichkeit ersparen und mir über ­ lassen , mein schweres Geschick allein zu tragen , — nun das ist immerhin anerkennenswert — und wenn Du eine Scheidung willst , so habe ich nichts mehr dawider . Nur bitte ich , daß Du den Anlaß dazu gibst — damit ich nicht meinen guten Namen bloßstellen muß . Wir haben uns anständig betragen , daß es uns die Gerichte von der Unmöglichkeit eines weiteren Zusammenlebens zu überzeugen . Scheidungsgrund gefunden oder zu Stande gebracht werden und dazu wirst Du dich bequemen müssen . “ „ So ! “ rief Bertha , „ ich soll wohl einen Skandal machen , damit die Leute mit Fingern auf mich zeigen und der Wolf im Schafskleide als Opferlamm bedauert wird ? Nein , nein — so dumm bin ich nicht . Da würde sich mein Vater auch nicht mehr mit mir aussöhnen und ich hätte dann gar nichts ! “ Leuthold ging nachdenklich im Zimmer auf und ab . „ Es war der größte Fehler meines Lebens , daß ich vor zehn Jahren auf kein anderes Mittel verfiel , mir das Reisegeld nach Triest zu verschaffen , als in ­ dem ich Dich heiratete ; ich hielt Dich für unschäd ­ licher , als Du bist . Ich habe mich zehn Jahre lang von Deiner Plumpheit und Beschränkteit peinigen lassen , denn für einen Mann , wie ich , ist ein Weib , wie Du , eine fortwährende Verlegenheit ; so etwas greift mit der Zeit die Nerven an . Jetzt aber sehe ich , daß Du auch wirklich bösartig werden kannst und nicht einmal so viel Gefühl hast , um Deinem Kinde Mutter zu sein und es zu erziehen . Und wäre es mir nicht um Gretchen , so wiese ich Dich einfach aus meinem Hause — so aber . . . “ Bertha stutzte . „ Ja , so — daran dachte ich nicht — Gretchen ! “ „ Daß ich meine Tochter nicht hergeben werde , kannst Du dir denken , “ fuhr Leuthold fort und versank in den Anblick des schönen Geschöpfes , das auf dem Teppich saß und eine Menge unverständlicher Worte heraussprudelte . „ Sie ist der ganze Inhalt meines verarmten , verpfuschten Lebens , — meine letzten Hoffnungen ruhen auf ihrem lockigen Köpfchen — ich werde sie nie und nimmer von mir lassen ! Das Gesetz spricht sie Dir zu , wenn ich den Grund zur Scheidung gebe — Du siehst also ein , daß ich nicht den Anfang machen kann . Willigst Du aber in eine Trennung und überläßt mir Gretchen , so steht Deinem Abzuge aus meinem Hause nichts im Wege . Überlege Dir das . “ Bertha fragte kleinlaut auf den Teppich niederkniend : „ Gretel , soll Deine Mama fortgehen ? “ Das Kind , dessen Händchen noch aufgeschwollen waren , gedachte seiner Schläge zu gut , um sich eine Liebkosung abgewinnen zu lassen , und flüchtete , so schnell es konnte , zu den Füßen des Vaters . „ Es hat gewählt ! “ sagte Leuthold und nahm es auf den Arm . „ Natürlich , Du bist auch gewissenlos genug , mir mein eigen Fleisch und Blut abwendig zu machen , “ klagte Bertha . „ Was soll ich nun tun ? Von dem Kinde mag ich nicht fort und bei Dir mag ich nicht bleiben , — was soll ich nun tun ? “ Sie ging händeringend und schweren Schrittes im Zimmer auf und ab . Leuthold war mit Gretchen an das Fenster getreten und schaute mit bitter zusammengepreßten Lippen der breitschultrigen Gestalt des alten Heim nach , der rüstig über den Hof schritt . Ein Blitz des tödlichsten Hasses zuckte aus seinen Augen auf den Feind nieder , aber er traf nicht , und mit einem tiefen Seufzer lehnte Leuthold die feuchte Stirn an die Scheiben und sah zu , wie Heim sich mit dem heitersten Gesicht in den Wagen warf und noch behaglich vor der Abfahrt eine Prise nahm . Der Knecht kletterte schwerfällig auf den Bock und suchte Zügel und Peitsche zusammen ; die Pferde griffen aus , die Hühner flogen gackernd auseinander , ihr alter Freund , der Kettenhund , fuhr bellend aus seiner Hütte und die altmodische Kutsche des Hartwich ’ schen Hauses rasselte schnell von dannen . Wie nach großen Aufregungen die ermüdete Seele oft sklavisch der Tätigkeit der Sinne folgt , so hatte Leuthold in seinem Elend auf das Genaueste diesen an sich so geringfügigen Vorgang beobachtet . „ Der ist glücklich ! “ dachte er und schaute dem Federvieh zu , wie es die Haferkörnchen aufpickte , die den , vom Fressen geholten Pferden vom Maule gefallen waren . „ Glücklich der , dem es gegeben ist , sich beliebt zu machen , — die Menschen folgen seinen Spuren , wie das Getier da unten den Geleisen von Heims Wagen . Ist es ein Verdienst , das ihm alle Herzen gewinnt ? Pah , Unsinn — es ist ein Talent — und zwar eines , das seinem Besitzer am Meisten zu Gute kommt . Diese sogenannten Wohltäter der Menschen werden doch immer selbst am fettesten bei ihrem Geschäft ; wer ahmte ihnen nicht gerne nach , wenn er nur könnte ? Aber wem es nicht angeboren ist , der kann es nicht , Begabung ist Alles ! Der Eine kommt zur Welt mit den Eigenschaften , die ihn der menschlichen Gesellschaft angenehm und nützlich machen , der Andere mit Trieben , die ihn zum Gegenstand des Schreckens stempeln ! Was kann der Schoßhund dafür , daß ihn sein liebenswürdiges Naturell berechtigt , auf seidenem Kissen seine leckere Mahzeit einzunehmen , und was der Fuchs , daß er es nicht versteht , sich einzuschmeicheln , und sein armes Leben durch Raub und Diebstahl stiften muß ? Wer will ihm einen Vorwurf daraus machen ? Es liegt einmal in der Art , — und wir Menschen haben Alles mit den Tieren gemein , — warum nicht auch die Eigentümlichkeiten ihrer verschiedenen Arten ? Auch unter uns gibt es Schoßhunde , Füchse und Wölfe , Schmeichelkätzchen und Tiger ! Wie wir uns da ­ gegen wehren und von freier Selbstbestimmung faseln : die Art ist das allein Bestimmende — was kann ich dafür , daß ich zu der des Fuchses gehöre ? Ein Tor , der nach Moral in diesem blinden Treiben fragt ! Die Tätigkeit der Natur besteht in ewigem Schaffen , Vernichten und aus dem Vernichteten Wiederschaffen : Pflanzen , Tiere und Menschen , sie sind nur die Vollstrecker ihres Willens , die Werkzeuge ihrer geheimen Kräfte , erzeugender und zerstörender , oder wie der Moralist sie bezeichnet : guter und böser ! Was aber nennen wir gut ? Was uns nützt ! Was böse ? Was uns schadet ! Und diese engherzige , egoistische Moral soll uns absoluter Maßstab sein ? O welche Torheit ! Erzeugende und zerstörende Kräfte , sind sie nicht gleichberechtigte , gleich notwendige Faktoren in dem großen Haushalte der Natur ? Und sollten sie , die in den unbewußten Wesen so mächtig wirken , sollten sie im Menschen , der die zum Bewußtsein ge ­ kommene Natur darstellt , — ersterben ? Sollte unser armseliges zusammengeklügeltes Sittengesetz vermocht haben , uns von dem starken Bande loszureißen , das uns in die allgemeine Ordnung reiht ? Nein wahrlich , es ist elender Hochmut , das zu fordern . Die Natur hat keine Gattung hervorgebracht , ohne ihr in einer andern ihren Feind zu schaffen , in der menschlichen Gesellschaft wie in der Tier- und Pflanzenwelt . Die Schmarotzerpflanze , die ihrem Wirte die Nahrung entzieht , das Insekt , das seine Eier in dem Leibe und auf Kosten eines andern zeitigt , der Raubvogel , der die unschuldige Taube würgt , der Tiger , der die frommäugige Antilope zerreißt , und , endlich der Mensch , der sein Dasein zum Schaden seines Nächsten fristet , sie Alle sind nichts weiter , als Träger jener feind ­ lichen Kräfte , die zur Ökonomie der Natur unent ­ behrlich sind . Wer wagt es noch : von Gut und Böse zu reden ? Es gibt nur eine sichere Errungenschaft , die wir unserer Kultur verdanken , Nur einen Firnis , der das Tier in uns übertüncht : es ist der Anstand ! Dieser ist die Grundlage unserer Ethik , ist die einzige praktisch durchführbare Disziplin des Menschenge ­ schlechts . Den Anstand gewahrt und wir sind höchst bevorzugte , untereinander wohlangesehene Wesen , denn der ganze Lohn unserer Tugend beschränkt sich ja doch auf die Anerkennung unserer vortrefflichen Mitwelt , wie hoch oder gering wir jene anschlagen , das be ­ stimmt den Grad unserer Moralität , — alles Andere ist Überspanntheit . “ — 8 Aus diesem Brüten ward er aufgeschreckt durch Bertha , die ihn derb an der Schulter rüttelte und ungeduldig fragte : „ Nun ? “ Leuthold sah sie , wie träumend an : „ Was denn ? “ „ Ich will endlich wissen , was werden soll ? “ sagte Bertha zornig . Leuthold legte das Kind , das auf seiner Schulter eingeschlafen war , auf das Sofa . „ Ja so — wegen unserer Scheidung ! “ „ Daran hast Du wohl schon gar nicht mehr gedacht ? “ „ Ich gestehe Dir allerdings , daß ich in diesem Augenblick an etwas Anderes dachte . Doch ist die Sache sehr einfach . — Du begibst Dich vorderhand zu Deinem Vater und suchst , Dich mit diesem aus ­ zusöhnen . Gretchen bleibt bei mir . Du bist frei , zu gehen und zu kommen . Hältst Du es nicht aus ohne das Kind , so magst Du in einigen Wochen zurück ­ kehren , das ist Dir unverwehrt . In jedem Falle wird es gut sein , wenn Du so lange wegbleibst , bis ich mein elendes Los neu gestaltet habe . Ich will jetzt auf das Gericht gehen und auf Eröffnung des Testa ­ ments antragen . Bin ich zu Ernestinens Vormund ernannt , so kann und muß ich mein Schicksal an das meiner Mündel knüpfen , “ — er blickte , von einem Gedanken erfaßt , plötzlich starr vor sich hin , dann fuhr er auf und griff nach seinem Hute . „ Ja , ja , aufs Gericht , vielleicht bin ich doch Vormund ! “ Damit wandte er sich zum Gehen . Bertha rief ihm nach : „ Also soll ich mein Bün ­ del schnüren ? “ „ Tue ganz , wie Dir beliebt ! “ sagte Leuthold auf der Schwelle mit der alten Höflichkeit und ver ­ schwand . Bertha trat an ihre Kommode und begann darin zu kramen . „ Das war der Mühe wert , daß ich den braven Oberkellner im Stiche ließ , um des vornehmen Herrn Doktors willen . Hätte ich den Fritz genommen , so wäre ich jetzt Hotelbesitzerin , während ich als Frau Doktorin kaum weiß , wo ich mein Haupt hinlegen soll ! “ Sie blickte zu dem schlafenden Kinde hinüber . „ Hätte ich das Mädel nicht — da wäre mir mein Herz leichter ! Ach was — es ist ja sein Kind und hat ihn auch viel lieber als mich — es schlägt gewiß einmal ihm nach und verbittert mir das Leben ! “ Doch als reue sie dieser Gedanke im Entstehen , eilte sie zu Gretchen hin und küßte sie.weinend auf die reine , kindliche Stirn . „ Nein , nein , Du kannst nichts dafür ! “ schluchzte sie und riß die Kleine mit Ungestüm an ihre volle Brust . Sechstes Kapitel , Seelenmord . Ein frischer Herbstwind schüttelte die früchte ­ schweren Äste der Obstbäume in dem Hartwich ’ schen Küchengarten . Unter einem großen Apfelbaum stand eine neue , grünangestrichene Bank . Einige weiße Wäsche , die zum Trocknen aufgehängt war , flatterte lustig wie Festfahnen nach der Seite zu , von welcher eine Gruppe von Personen eintrat , die sich der Bank unter dem Apfelbaume näherte . Es war Rieke , die langsam und behutsam den alten Rollstuhl schob , der so lange den Katzen und Hühnern zur Wohnung ge ­ dient hatte , jetzt aber frisch aufgepolstert , und schön bezogen war . Nebenher gingen der biedere Heim und Leuthold . In dem Stuhle lag , von Kissen umgeben , Ernestinens kleine , schmächtige Gestalt mit verbundenem Kopfe und andächtig gefalteten Händen . Wären nicht ihre großen Augen mit leuchtendem Blick ins Weite gerichtet gewesen , man hätte sie für eine lächelnde Leiche halten können — so lilienweiß war das abge ­ zehrte Gesicht , so bläulich die geöffneten Lippen , durch die sie die frische Morgenluft einsog . Haben doch die Spuren des eben rückkehrenden und des entfliehen ­ den Lebens eine so wunderbare Ähnlichkeit mit ein ­ ander , wie Früh- und Abenddämmerung ; dies stille , regungslos daliegende Kind konnte ebenso gut Abschied von der Welt nehmen , als sie zum ersten Male wie ­ der begrüßen . Und dennoch feierte Ernestine heute ihre Auferstehung , — sie durfte zum ersten Male an Gottes freie Luft hinaus und sie genoß dieses Glück mit so unaussprechlicher Freude , daß sie nichts zu tun vermochte , als ihre kleinen Hände zu falten und zu beten . Sie hatte freilich noch nicht die Kraft , sich aus den Kissen ihres Sessels zu erheben ; aber ihre junge Seele regte und lüftete die Fittiche und schwang sich mit den Vögeln empor in den blauen Herbsthimmel . „ Wie ist Dir , mein Kind ? “ fragte Leuthold sanft und teilnehmend . „ O — gut , lieber Onkel ! “ hauchte die Kleine tief aufatmend . „ Ich glaube , ich könnte schon um ­ herlaufen , wenn ich dürfte . “ „ Das könntest Du noch nicht , auch wenn Du dürftest , “ sagte Heim und prüfte nicht ohne Besorgnis das geisterhaft verklärte Aussehen und den kaum fühl ­ baren Puls des Kindes . „ Ihr Gemüt hat ihre Leiden schneller verwun ­ den , als der Körper , “ sagte er , ein wenig zurückbleibend , zu Leuthold . „ Solch ein Kindesherz ist ein gutes Ding , es hält unendlich viel aus , aber körper ­ lich ist ein Kind gar bald zerstört . Ich kann den Ausdruck schwerer Leiden auf einem so jungen Gesicht nie ohne das tiefste Mitleid sehen . Wann sollen wir denn fröhlich und glücklich im Leben sein , wenn wir es als Kind nicht sind ? “ „ Sie haben Recht , “ sagte Leuthold . „ Dieser bitter verzogene Mund , der sich jetzt so sichtlich gegen seine Gewohnheit zu lächeln bemüht , und das glän ­ zende Auge , das noch von Tränenfurchen umrändert ist , machen auch auf mich einen überwältigenden Eindruck . “ Heim streifte den gerührten Sprecher mit einem forschenden Blick . „ Ach , die hübsche , neue Bank ! “ sagte Ernestine mit schwacher Stimme , als sie unter dem Apfelbaum ankam . „ Und die prächtigen Zweige , da sitzt man wie in einer Laube . “ Sie ließ ihr Auge überall umher schweifen , und die Wäsche auf der Leine gefiel ihr , die weißen Schmetterlinge mit schwarzen Punkten , die über die Gemüse ­ beete hinflogen , entzückten sie , die weite kahle Ebene bis zum Waldessaum dünkte sie herrlich , Alles war so neu , als sähe sie es jetzt zum ersten Mal , und sie bewunderte Alles mit inniger Freude . Die langen Reihen verwilderter Bohnenstauden erschienen ihr als lockende , geheimnisvolle Irrgänge , selbst das hoch ge ­ schossene Spargelkraut und die Kohlköpfe , in deren krausen Blättern sich der Morgentau zu großen Per ­ len gesammelt hatte , waren für sie Meisterwerke der Schöpfung . „ Ach , wie schön ist es doch in der Welt ! “ sagte sie zu den beiden Herren . „ Und Niemand schlägt mich mehr ! Ihr seid so gut gegen mich , Sie , Herr Geheimerat , und Du , Onkel Leuthold , und auch Du , Rieke , Du bist auch gut — ach — ich danke Euch ! “ Und sie faßte die Hände der Umstehenden und küßte sie , während Träne um Träne aus ihren Augen quoll . „ Seltsames Kind , warum weinst Du jetzt ? “ fragte Leuthold . „ Ach , ich weiß es nicht — ich bin so glücklich ! “ schluchzte Ernestine . „ Wenn ich nur jetzt einen Vater oder eine Mutter hätte ! “ „ Wenn aber Dein Vater noch lebte , dann bekämst Du wieder Schläge , “ meinte Rieke , deren praktischer Sinn gleich das Rechte traf . „ Sei froh , daß er tot ist , sonst wärst Du ja nicht so glücklich ! “ Ernestine senkte das Haupt . „ Ach , es ist auch eigentlich nicht mein toter Vater , nach dem ich mich sehne — ich wünsche mir nur einen , der mich lieb hätte . “ „ Du hast ja einen Onkel , der Dich herzlich liebt , mein Kind , “ sagte Leuthold . „ Onkel “ — begann Ernestine plötzlich nach kur ­ zem Sinnen : „ Wie sind denn nur die ersten Menschen entstanden ? Jeder Mensch hat Eltern , aber die ersten Menschen hatten doch keine ! Wie kamen denn die zur Welt ? “ Leuthold und Heim sahen sich mit unverhehltem Staunen an . „ Nun , Du gehst den Dingen auf den Grund und willst gleich das höchste Geheimnis der Schöpfung erforschen ! “ lächelte der Oheim . „ Dieses Kind hat das Zeug zu einer Gelehrten , “ sagte Heim , „ das muß entwickelt werden . “ „ Ja wahrhaftig ! “ rief Leuthold mit ungewohnter Lebhaftigkeit , „ daraus läßt sich etwas machen . In zwei Jahren liest sie den Darwin ! “ — Er versank in ein tiefes Brüten . Heim brach ein Paar Stiefmütterchen , die im Unkraut hervorsproßten , und reichte sie Ernestinen . „ Streng ’ Dein Köpfchen jetzt nicht mit solchen Ge ­ danken an . Wenn Du groß bist , wirst Du das Alles erfahren . — Blumen habt Ihr hier aber wenige , Du kannst Dir nicht einmal einen Strauß binden ! “ sagte er und versuchte zu lachen . „ Das tut nichts , Herr Heim , “ meinte Ernestine wieder heiter . „ Wenn wir auch keine Blumen haben , mir gefällt es hier doch so gut — wie im Garten des Paradieses ! “ „ Die Kleine hat Phantasie , “ bemerkte Heim zu Leuthold , „ ein verwilderter Küchengarten wird für sie zum Paradies . Poesie darin , Poesie ! “ er deutete auf Kopf und Herz . Leuthold trat zu Ernestinen : „ Wenn Du Blumen wünschest , mein Herzchen , so sollst Du sie haben , Du bist jetzt “ — sein Mund verzog sich krampfhaft — „ so reich , daß Du Dir keinen Wunsch zu ver ­ sagen brauchst . “ „ Ich bin reich ! “ wiederholte Ernestine , als könne sie es immer noch nicht fassen . „ Gehört denn auch der Stuhl mir , in dem ich sitze ? “ „ Gewiß ! “ „ Und der Garten und die Felder ? “ „ Alles , so weit Du siehst ! “ „ Ach , wie prächtig ! Aber , Onkel — habe ich denn auch so viel Geld , daß ich mir ein Fernrohr , wie Deines , kaufen kann ? “ Leuthold stutzte über diese Frage . „ Ist das der Höhepunkt Deiner Wünsche