junge Frau stand wie eine Statue . Nur allmählich kehrte die Farbe wieder auf ihr Antlitz zurück . » Das ist eine Lüge ! « sagte sie hochaufatmend . » Deshalb habt ihr mich holen lassen ? « » Aber Wolff war bei mir « , klagte Frau Baumhagen , » er rief meine Vermittlung an . « » Nein , er war bei uns « , berichtigte Jenny , » schon in aller Morgenfrühe . Er wollte Artur sprechen . Aber Artur – « sie stockte , » Artur ist gestern abend – « » Vielmehr in dieser Nacht urplötzlich verreist « , ergänzte Frau Baumhagen schneidend , » ich habe Freude an den Ehen meiner Kinder . « » Ich kann nichts dafür , daß er alles gleich übelnimmt « , lachte die junge Frau unbekümmert ; » eigentlich sind wir doch sehr glücklich ! « » Das weiß was von Glück ! « brummte der alte Herr vor sich hin , so leise , daß es nur Trudchen verstand , neben der er Posto gefaßt hatte . Und laut setzte er hinzu : » Eine eilige Geschäftsreise – sagen wir , eine eilige Geschäftsreise , der eine kleine , süße Gardinenpredigt voranging . « » Allerdings , eine Geschäftsreise « , betonte Frau Baumhagen pikiert , » nach Manchester . « » Was hat das mit Trudchens Angelegenheit zu tun ? « fragte Onkel Heinrich ; » genug , Artur war nicht da , und der Gentleman stieg eine Treppe höher und sprach mit deiner Mutter , mein Kind . Nicht der Rede ist ' s wert . Wäre ich nur früher hier 161 gewesen ! Es ist zwar fatal , daß du es erfährst , aber glaube mir , Kind , sie erkundigen sich alle heutzutage . « Der kleine , gutmütige Herr klopfte ihr freundlich auf die Schulter . Frau Baumhagen aber fuhr wie eine gereizte Löwin empor . » Rede nicht so wunderlich ! Was ist da noch zu beschönigen ? Eine ganz gemeine Heiratsvermittlung ist es gewesen . Ich hoffe , daß Gertrud so viel Ehrgefühl besitzt , Herrn Linden zu sagen , daß – « » Vorläufig kein Wort ! « Die junge Frau trat förmlich drohend in die Mitte des Zimmers . » Aber ich bitte dich ! Es wird der skandalöseste Prozeß , den die Welt kennt « , schluchzte die erregte Dame , » er will ja Linden verklagen – du und er , ihr werdet beide vor Gericht müssen ! « Trudchen erwiderte keine Silbe . » Habe die Güte , mir einen Wagen besorgen zu lassen , Onkel « , bat sie . » Nein , du darfst nicht fort , so nicht ! Du siehst erbarmungswert aus ! « schlugen die Angstrufe von Mutter und Schwester an ihr Ohr . » Laß doch mit dir reden , Trudchen « , klagte Frau Jenny , » wir beschwichtigen den Wolff – Onkel kann ja fragen , wie hoch die Forderung ist für seine Vermittlung , und – « » Und du kommst wieder zu uns « , schluchzte die Mutter . » Trudchen , Trudchen , mein armes , unglückliches Kind , habe ich es nicht geahnt ? « » Da hört alles auf ! « murmelte ingrimmig der 162 alte Herr , » diese Weiberweisheit hole der Teufel ! Laß dir nicht dreinschwatzen , Kind « , rief er kräftig dazwischen , » mach ' s mit deinem Mann allein aus . « » Einen Wagen , Onkel ! « wiederholte die junge Frau ihre Bitte . » Warte doch wenigstens « , flehte Frau Jenny , » bis Mamas Anwalt – « » Das fehlt auch noch ! « brummte Onkel Heinrich , » wäre nur Artur hier gewesen , so konnte diese verfl . . . . Geschichte nicht gleich in die Hände der Frauenzimmer kommen . Ich hole dir einen Wagen , Trudchen . Eure Gäule sind wohl auf der Fabrik , Jenny ? Auch gut . Verzeihe , nur einen Moment . « Trudchen war wie betäubt an das Fenster getreten , noch hatte sie kein klares Verständnis der Sache . » Die ganze Stadt spricht davon ! « hörte sie die Mutter schluchzen . Wovon denn ? Sie versuchte mit Gewalt ihre Gedanken zusammenzufassen ; aber es ging nicht . Nur das eine : es ist nicht wahr ! stand deutlich vor ihrer Seele . Sie ballte die kleine Faust im Lederhandschuh . » Lüge ! Lüge ! « kam es über ihre Lippen . Aber wie ein schwerer Nebel hatte sich die Lüge über ihr junges Glück gelegt , so beängstigend , daß ihr das Atmen schwer wurde . » Soll ich mit dir fahren ? « fragte Jenny hinter ihr . Eben kam der Wagen über den Marktplatz . » Ich danke ! Zwischen meinem Mann und mir brauche ich keinen Dritten ! « Kalt und schroff klang es . 163 » Du siehst so jammervoll aus « , stöhnte die Mutter . » Um so besser , daß ich bald heimkomme . « » Schicke doch wenigstens gleich einen Boten ! « » Vielleicht glaubt ihr auch , daß er mich schlägt ? « fragte sie schneidend und sich zum Gehen wendend . » Kind ! Kind ! « rief Frau Baumhagen und streckte die Arme nach ihr aus , » nimm Vernunft an . Sei doch nicht so verblendet , wo Tatsachen sprechen ! « Aber sie wandte sich nicht zurück . Ruhig nahm sie draußen ihren Mantel vom Garderobenständer . Sophie blickte angstvoll in das blasse , stille Gesicht der jungen Frau , die ganz vergaß , der alten Dienerin ein freundliches Wort zu sagen . Am Wagenschlag stand Onkel Heinrich . » Ich will dich begleiten , Trudchen « , bat er . Sie schüttelte den Kopf . » Es ist nur purer Egoismus , Trudchen « , fuhr er fort . » Wenn ich nicht weiß , wie es da wird bei euch , bin ich ein kranker Mann . « » Nein , Onkel . Wir zwei brauchen niemand , wir sprechen besser unter vier Augen . « » Brich nicht gleich den Stab , Kind « , sagte er weich . » Das habe ich nicht nötig , Onkel Heinrich ! « Er nahm den Hut ab über dem kahlen Scheitel . Es lag etwas wie Ehrfurcht in seinen Augen . » Leb wohl , Trudchen , kleines Trudchen . Wenn ' s nach mir gegangen wäre , du hättest keine Silbe erfahren . « Sie nickte ihm ernsthaft zu . » Es ist gut so , Onkel ! « Dann fuhr sie den Weg zurück , den sie gekommen . 164 Der Regen schlug an die klappernden Scheiben und trommelte auf das Lederdach des Wagens , und die Fahrt ging so langsam . Das junge Weib starrte hinaus in die dunstige Landschaft und sah , wie sich die Kirschbäume zur Seite der Chaussee im Winde hin- und herbogen . Verweht war die Blütenpracht , die weißen Blumenblättchen schwammen auf den Pfützen der Landstraße . Sie fuhr sich plötzlich mit der Hand über die Augen , aber der Nebel blieb . » Nur einen Sonnenstrahl ! « dachte sie , das Wetter drückte sie vollends zu Boden ; Sturm und Regen hatten sie immer verstimmt . Lächerlich ! Wie kann man sich so beeinflussen lassen durch törichte Reden ! Mama , die stets alles schwarz sah – und wenn sie auch stets die Wahrheit sprach – , diese Geschichte hatte man ihr aufgebunden . Armer Franz . Nun wird es Ärger geben – den ersten Verdruß ! Sie wollte es ihm scherzweise mitteilen , die Sache war einer ernsthaften Erwägung ja gar nicht wert . Nach Tische , wenn sie allein im Zimmer waren , dann wollte sie sagen : » Franz , ich muß dir noch etwas erzählen , zum Totlachen , Franz ! Denke dir , du hast dir einen bittern Feind geschaffen , und seine Rache ist so komisch , er behauptet « – sie lächelte jetzt wirklich – » Ja , so würde es gehen . « Da kam sie eben an dem Wartturm vorüber . Woran dachte sie doch gleich , als sie vor ein paar Stunden hier fuhr ? Ach ja – eine Purpurröte 165 überflog ihr Gesicht – » an die Wiege auf dem Boden « . Sie sah das alte Gerät so deutlich vor sich , zwei rote Rosen waren am Kopfende gemalt , in der Mitte ein goldener Stern und darunter stand : » Wohl dem , der Freude erlebt an seinen Kindern . « Sie griff in die Tasche und holte das Notizbuch hervor . Der Wagen kroch so langsam den Berg hinan . Sie kannte die Worte noch nicht ganz , sie mußte es noch einmal lesen : Als ich vor Tau und Tag zu Felde ging – Du schliefst noch fest mit purpurroten Wangen , Da wandt ' ich auf dem Wege mich zurück Und sah mein Haus und rings des Lenzes Prangen ; Vom Giebel flog ein Schwalbenpaar hernieder Zum Nestlein , das es neulich erst gebauet , Am Fenster schwankten grün die Lindenzweige , Da hab ' ich dich mit Seherblick geschauet . Vor einer Wiege lagst du auf den Knien Und sangst ein Schlummerlied im trauten Stübchen , Vom Vater , der zur Jagd zum Wald hinaus Und Schönes heimbringt seinem braven Bübchen . Sie ließ das Blatt sinken . Sie wußte ja , welches Lied er meinte , das alte Wiegenlied , das sie einst dem Patenkindchen gesungen , als er draußen vor dem Fenster gelauscht hatte . Er hatte es ihr erzählt , und daß er in jenem Augenblick völlig bezaubert gewesen war : Nun kommt Väterchen bald Heim aus dem grünen Wald ! 166 Sie drückte das Buch an die Lippen . Ach , Menschenneid und Kleinlichkeit , wie lagen sie so tief unter ihr , wie wesenlos erschienen sie vor dieses Glückes Erwartung ! Da wehte ein Blatt hernieder , bläuliches Schreibpapier . Sie hob es auf , das Stückchen eines Briefes , auf der freien Rückseite Notizen von Franzens Hand : » ½ Zentner Grassamen , Tiergartenmischung « , die Adresse einer Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen . Sie wendete das Blatt , sah flüchtig darauf , dann starr . Aus dem Gesicht war plötzlich jede Spur von Farbe gewichen . Sie hob die Augen mit dem erschreckten Ausdruck und senkte sie wieder , ja , da stand es ! » – Außer obengenannten Kapitalien besitzt Fräulein Gertrud Baumhagen noch eine Villa bei Bergedorf . Massives Gebäude , herrschaftlich eingerichtet , mit Stallungen , Gärtnerwohnung und einem zehn Morgen großen , von massiver Mauer eingefriedigten Gartengrundstück , zum Teil in Wald bestehend . Im Grundbuche auf den Namen der Dame eingetragen , zum Werte 24 000 Taler . Zu jeder näheren Auskunft gern erbötig Hochachtungsvoll Ihr sehr ergebener Isidor Wolff , Agent . « D. 21. 12. 1882 . Trudchen wollte es noch einmal lesen , aber ihre Hand zitterte so heftig , und flimmernd tanzten die 167 Buchstaben vor ihren Augen . Sie hatte es ja auch gesehen , klar und deutlich , es wurde nicht anders , und wenn sie den Zettel noch so oft las . Mit erbarmungsloser Gewalt drang die Überzeugung auf sie ein : es ist Wahrheit , schreckliche Wahrheit ! Und Lüge war jedes Wort von ihm ! Wie eine Ware hatte sie sich verschachern lassen . Sie , sie war nun doch in ein solches Netz gegangen ! Sie hatte das für Liebe gehalten , was nur die gewöhnlichste Berechnung gewesen war ! Ach , die Demütigung war ja nichts gegen das furchtbare Gefühl , das so unheimlich kalt in ihrem Herzen aufstieg , die Pein gekränkten Stolzes und mit ihr der Trotz , der alte herbe Trotz . Sie hatte ihn nicht mehr gekannt , sie war gut gewesen , das Glück macht so gut . Und nun ? Und jetzt ? Der Wagen rollte schnell den Berg hinunter dem Hause zu , und nun hielt er . In halber Betäubung stieg sie aus und stand im Regen auf der Verandatreppe . Es war ihr , als sei sie zum ersten Male hier . Die kleinen Fenster , die alten grauen Mauern mit dem spitzen Dach – wie häßlich , wie fremd ! Die Blütenpracht des Gartens verregnet ; verflogen der Zauber , den Liebe gibt ; kahle , nüchterne , traurige Wirklichkeit ! Und auf des Hauses Schwelle hockte der Dämon des Eigennutzes , der Berechnung . Sie schritt durch den Gartensaal , die Treppe hinan und nach ihrem Zimmer . Auf dem Korridor kam Johanne ihr entgegen . 168 » Der Herr sind gleich nach dem Frühstück mit dem Wagen fort « , berichtete sie ; » der Herr haben einen Zettel auf den Nähtisch der gnädigen Frau gelegt . » Ich habe Kopfschmerzen , Johanne , stör mich nicht weiter « , sagte sie tonlos . In ihrem Zimmer angekommen , riegelte sie zuerst die Tür hinter sich zu , dann die zu seinem Zimmer . Und nun las sie den Zettel : » Das Barometer ist gestiegen , der Amtsrichter will partout auf den Brocken . Ich begleite ihn bis Il . , habe dort zu tun und hoffe nicht allzuspät zurück zu sein . Dein Franz . « Und unten ein Postskript des Gastes : » Zürnen Sie nicht , gnädige Frau , ich gehöre zu denen , die einen Berg nicht sehen können , ohne das dringende Bedürfnis zu fühlen , hinaufzukraxeln . Ich nehme den Brocken zuerst , um bei wiederkehrendem schönen Wetter mit Ruhe seinen Anblick von meinem Fenster aus ertragen zu können . Den Franz schicke ich Ihnen wohlbehalten wieder heim . « Gott sei Dank , er kam nicht so bald ! – Aber was nun ? Sie saß regungslos an ihrem Nähtischchen und starrte in den Garten hinaus , ohne dort etwas zu sehen . Stunde um Stunde verrann . Ein paarmal fuhr sie mit der Hand über die Augen – sie blieben trocken und brennend , und um den Mund lag ein starker Zug von Verachtung . 169 Gegen Abend klinkte es an der Tür . Sie wandte den Kopf nicht herum . » Gnädige Frau ! « rief die Dienerin . Keine Antwort , und die Schritte draußen entfernten sich . Trudchen Linden stand jetzt auf und ging zum Schreibtisch . Ruhig öffnete sie die hübsche Ledermappe , rückte einen Stuhl heran , ergriff die Feder und setzte sich zum Schreiben . Sie hatte lange genug überlegt , ohne zu stocken kamen die Worte aus ihrer Feder : » Ich will Onkel Heinrich bitten , daß er Dir alles in schonender Weise mitteilt . Ich selbst könnte nicht ruhig darüber sprechen – es ist die schmerzlichste Enttäuschung meines Lebens . Ich bitte Dich vorläufig nur , meiner Erklärung , daß ich auf einige Zeit aus Gesundheitsrücksichten irgendwo zurückgezogen leben müsse , beizustimmen . Es wird nicht lange Zeit brauchen zu einer Entscheidung . Gertrud . « Sie siegelte das Schreiben und trug es in das Zimmer ihres Mannes , auf den Schreibtisch . Das Päckchen Gedichte legte sie daneben , ebenso das Notizbuch . Was sollte sie damit ? Das Dichten galt nicht ihr – es war eine leidige Angewohnheit von ihm , das hatte erst gestern der Amtsrichter verraten . Es war hier als passendes Mittel angewendet , um die Täuschung vollkommen zu machen . Einer , der zarte Verse schreibt und dabei heimlich den Agenten um die Mitgift befragt – eine tolle 170 Zusammenstellung , komisch-tragisch , ein Lustspielmotiv , und sie die lächerliche Heldin ! Das Fragment des schrecklichen Briefes behielt sie zurück . Dann schrieb sie ein Billett an ihre Mutter , eins an Onkel Heinrich , nahm die Uhr aus dem Täschchen und griff zum Kursbuch . Wohin ? Der Berliner Schnellzug , der alle Verbindung in die weite Welt hinaus vermittelte , war nicht mehr zu erreichen . Also warten , bis morgen – . Und dann ? Irgendwohin – allein sein , nur allein ! Nur nicht mit Mama und Jenny zusammen , nur weit fort von hier ! Sie sprang plötzlich auf mit erschrecktem Gesicht , sie hatte eine Stimme gehört , seine Stimme . » Ist meine Frau zurück ? « Dann ein lustiges Pfeifen , ein paar Takte aus dem Boccaccio-Marsch – und eilige Schritte vom Korridor herauf . Nun drückte seine Hand auf die Klinke – . Verschlossen ! » Trudchen ! « rief er . Sie stand mitten im Zimmer , die Lippen zusammengepreßt , starr die Augen . Aber sie rührte sich nicht . Er nahm nicht an , daß sie drinnen war ; ruhig ging er in sein Zimmer . Sie hörte , wie er die Tür der Schlafstube öffnete . » Trudchen ? « klang es fragend . Nun wieder in seinem Zimmer . Er sprach mit dem Hunde , pfiff wieder ein paar Takte , schritt hin und her und nun blieb er stehen – jetzt riß ein Papier – jetzt las er . 171 » Gertrud ! Gertrud , ich weiß , du bist in dem Zimmer ! Öffne ! « Es klang ruhig und freundlich , aber sie verharrte wie zu Stein geworden auf ihrem Platze . » Ich bitte , öffne ! « scholl es jetzt befehlend . » Nein ! « antwortete sie laut und richtete sich empor . » Du bist in einem grenzenlosen Irrtum ! Man hat dir irgend etwas vorgeredet – laß mich doch mit dir sprechen , Kind ! « Sie kam einen Schritt näher . » Ich kann nicht ! « sagte sie . » Ich bitte dringend darum . Man hört doch auch einen Verbrecher , ehe man ihn verurteilt ! « » Nein ! « erklärte sie , schritt zum Fenster und blieb dort stehen . » Zum Henker mit diesem verfl . . . Unsinn ! « klang es jetzt in den Ohren . Dann ein Krach , ein Splittern – die Tür war gesprengt und Franz Linden stand auf der Schwelle . » Ich bitte um Aufklärung « , sagte er gereizt , und die Zornader auf der weißen Stirn , die seltsam abstach von dem gebräunten Antlitz , war ihm mächtig geschwollen . Sie hatte sich nicht umgewandt . » Onkel Heinrich wird dir das Nähere sagen « , erwiderte sie kühl . Er schritt zu ihr hinüber und legte die Hand auf ihre Schultern . Aber da trat sie zurück , und die blauen , sonst so milden Frauenaugen sahen ihn 172 an , so kalt und fremd und so glanzlos matt , daß er tief erschreckt innehielt . » Ich hätte dich getäuscht ? Dich , Trudchen ? « fragte er . » Was habe ich dir getan ? Worin besteht mein Unrecht ? « » In nichts – « » Das ist keine Antwort , Gertrud . « » Oh , es handelt sich ja um eine Kleinigkeit nur – ich kann nicht mit dir darüber sprechen . « » Gut , so will ich noch heute zu Onkel Heinrich . « Sie antwortete nicht . » Und fort willst du ? Mich allein lassen ? « fragte er wieder . Sie zögerte einen Moment . » Ja , ja ! « sagte sie dann hastig , » fort ! « » Wozu die Komödie , Trudchen ? « » Komödie ? « Sie lachte kurz auf . » Trudchen , du tust mir weh . « » Nicht mehr , wie du mir getan hast . « » Aber , zum Donnerwetter , ich frage dich – womit ? « rief er außer sich . Sie war noch einen Schritt zurückgewichen und sah ihn groß an . » Bitte , laß anspannen , fahre zu meinem Onkel « , klang es kühl . » Ja , bei Gott , du hast recht « , rief er außer sich , » du bist mehr wie trotzig ! « » Ich habe es dir gleich gesagt , es ist mein Charakter . « » Trudchen « , begann er , » ich bin ein heftiger 173 Mensch , mich bringt nichts mehr in Zorn , als ein passiver Widerstand . Es ist doch unsere verd . . . . Pflicht und Schuldigkeit , uns mit Vertrauen entgegenzukommen – sage mir , was dich drückt . Es kann aufgeklärt werden . Ich bin mir keines Unrechtes bewußt gegen dich . « » Das ist eben Ansichtssache « , sagte sie . » Nun , so ist es gut ! Ich erkläre dir , daß ich absolut nicht neugierig bin , und gebe dir Zeit , dich zu besinnen . « Er wandte sich um , um zu gehen . » Das ist freilich das bequemste in dieser Sache « , klang es bitter hinter ihm . Er zögerte , aber er ging wirklich , schloß die zerbrochene Türe hinter sich zu , so gut er es konnte , und begann in seinem Zimmer auf und ab zu wandern . Sie preßte die Stirn an die Scheiben und sah über den Garten hinweg . Es hatte aufgehört zu regnen , im Westen lichteten sich die Wolken und ließen den Glanz der untergehenden Sonne ahnen . Nun brachen die schimmernden Dunstmassen , und im nämlichen Augenblicke stand die Landschaft im funkelnden Sonnenglanz , wie ein holdes , unter Tränen lächelndes Weib . Wenn sie doch weinen könnte ! Die Frauen , denen Gott die Fähigkeit gegeben zu weinen , sind bevorzugt . Weinen macht das Herz leicht , den Sinn milder – aber nein , für sie gab es keine Tränen . 174 Noch in der allerletzten Dämmerung fuhren die Eisenschimmel vor und Frau Jenny stieg aus dem Wagen . Sie lief , flink wie ein Wiesel , die Stufen zur Veranda hinan und stand im Gartensaal plötzlich vor Franz Linden , der dort allein am gedeckten Tisch saß ; Trudchens Kuvert war unberührt . » Jenny , so spät noch ? « fragte er . » Ich möchte Trudchen sprechen . « » Sie finden meine – Frau in ihrem Zimmer . « Jenny warf aus ihren lustigen Augen einen raschen Blick auf ihn . Ob der Krach schon erfolgt war ? Sie waren zu Hause vor Angst beinahe umgekommen . » Ist Trudchen nicht wohl ? « erkundigte sie sich scheinbar harmlos . Er zögerte einen Augenblick mit der Antwort . » Sie scheint in der Tat etwas angegriffen und erregt zu sein , ich glaube , daß sie im Laufe des Tages irgendeine Unannehmlichkeit hatte « , erwiderte er . » Ach so ! « nickte die junge Frau . » Nun , ich werde selbst nachsehen . « Sie ging über den Flur . Noch war die Lampe nicht angezündet , und in der Dunkelheit stieß sie an etwas und wäre fast gestürzt . Auf ihren leisen Schrei eilte Johanne mit Licht herzu . » Ach , verzeihen Sie , gnädige Frau , es ist der Reisekorb der jungen Dame , die vor einer Viertelstunde ankam . Dora hat vergessen , ihn in Frau Rosas Wohnung zu tragen . « 175 Jenny warf einen ärgerlichen Blick auf das bescheidene Gepäckstückchen , stieg die Treppe hinauf und klopfte an die Zimmertür der Schwester . » Ich bin es , Trudchen « , rief sie mit ihrer hellen , klingenden Stimme . Sie hörte leichte Schritte und leise , leise ward der Riegel zurückgeschoben und die Tür geöffnet . » Du , Jenny ? « fragte Trudchen ; genau so , wie vorhin Franz gesprochen : » Du , Jenny ? « Es war fast dunkel im Zimmer , Jenny konnte die Züge der Schwester nicht erkennen . » Warum sitzt du so im Dunkeln , Trudchen ? Ich bitte dich , sage rasch , wie ist es geworden ? Mama und ich vergehen vor Angst ! « » Es ist gut so « , erwiderte die junge Frau . » Ängstigt euch nicht . « » Gut ? « fragte Jenny verwundert . » Das glaube wer will ! Er allein bei Tische . Du hier oben hinter verschlossenen Türen – gestehe es doch , Kind , ihr habt euch nicht verständigt . « » Bitte , nimm Platz , Jenny « , sagte die junge Frau müde . Frau Jenny setzte sich auf die Chaiselongue , Trudchen wieder an das Fenster . Es war totenstill im Zimmer und im ganzen Hause . » Es wäre gescheiter gewesen , wenn du gar nicht geheiratet hättest , Trudchen « , begann die Schwester mit einem Seufzer . » Aber was hilft ' s – du bist angeschmiedet , ja , ja ! Man müßte sich alles 176 gefallen lassen , dürfte nie eine eigene Meinung haben ! Ich bin auch noch ganz krank von dem Ärger gestern abend , ich lief schließlich zu Mama hinauf . Sie erschrak furchtbar , als ich in Nachtkleidern vor ihrem Bette stand . Ich habe dann die ganze Nacht geweint . Heute früh wartete ich ; ich dachte , er würde mich herunterholen , sonst war er immer so reuig – aber er blieb aus , und wie ich mit Mama frühstückte , brachte mir Sophie eine Karte von ihm , auf welcher er mir kühl mitteilte , daß er nach Manchester gegangen sei auf vierzehn Tage . Na – glückliche Reise ! « Trudchen antwortete nicht . » So nimm dir ' s doch nicht so schrecklich zu Herzen , Kind « , fuhr die junge Frau fort . » Liebe Zeit , wenn ' s weiter nichts ist ! Alle Frauen müssen ein Auge zudrücken und manchmal über ganz andere Dinge . « » Müssen ? « fragte Trudchen leise . » Ja , was denn sonst ? « rief Jenny verwundert . » Denkst du , man kann sein Bündel unter den Arm nehmen und davongehen ? Bah ! Da wäre keine Frau mehr bei ihrem Teuren . Nein , nein – man söhnt sich hübsch wieder aus und nimmt Gelegenheit , es dem Herrn der Welt mit Zinsen heimzuzahlen . Das Versöhnen macht mir auch immer großen Spaß . Paß nur auf , Kleine , wie lieb Artur sein wird , wenn er zurückkommt , er ist auf vier Wochen wieder der goldigste , beste Mann von der Welt . « 177 » Mir wäre so etwas unmöglich ! « klang plötzlich Trudchens Stimme klar und fest . » Heute zum Tode erbittert – morgen zum Aufessen zärtlich , es ist einfach unwürdig . « Frau Jenny schwieg . » Ja , mein Himmel « , sagte sie dann gähnend , » einer ist nicht besser als der andere ! Wenn ich mich von Artur trennen wollte , wer weiß , was ich dafür eintauschte ? Heiraten würde ich am Ende ja doch wieder , was soll man sonst anfangen in der Welt ? Apropos ! Mama hat mit dem Rechtsanwalt gesprochen – er rät dringend , die ganze Geschichte in diskretester Weise beizulegen . Mama ist zwar anderer Meinung , aber Doktor Schneider erklärte – siehst du , man kann gar nicht fort , wenn man auch will – , das wäre kein Scheidungsgrund , und ich sagte auch schon zu Mama : › Gertrud ‹ , sagte ich , › und von ihm gehen ? Undenkbar ! Sie ist ja bis zum Wahnsinn in diesen Mann vernarrt . Er könnte , glaube ich , gemordet haben , so würde sie noch einen Entschuldigungsgrund finden für ihn . ‹ Habe ich recht ? « Trudchen litt tausend Qualen . Sie rang stumm die Hände ineinander , und ihre Augen sahen starr zu dem dunklen Himmel empor , an dem in grünlich blinkendem Lichte der Abendstern funkelte . Frau Jenny gähnte wieder . » Ja , denke dir nur « , fuhr sie fort , » du weißt noch gar nicht , was wir eigentlich hatten miteinander , Artur und ich . Er machte mir Vorwürfe , ich 178 verbrauche zu viel für meine Toilette . Natürlich eine Ableitung seines Zornes von etwas anderem – es waren Geschäftsbriefe da , vermutlich mit unangenehmen Nachrichten . Ich erwiderte , das gehe ihn nichts an , ich bekümmere mich auch nicht um seine Ausgaben . Da wurde er unangenehm und warf mir vor , ich hätte in Nizza die Toiletten der eleganten Französinnen kopieren wollen . Es ist aber nicht wahr , ich hatte mir nur zwei Roben gekauft . Gott ja , sie waren etwas teurer , als wenn sie mein Schneider in Berlin macht . Natürlich sagte ich wieder : › Das geht dich gar nichts an , denn ich bezahle sie ! ‹ Darauf sprach er sehr moralisch von ehrbaren Frauen und deutschen Frauen , die des Hauses Wohlstand mehren helfen . Es wären schon andere Vermögen verschwendet worden wie das unsere ; und wenn man der Sache auf den Grund gehe , trage allemal › Madame ‹ die Schuld . Er tadelte Mama , die sich geradezu lächerlich mache mit ihren jugendlichen Kostümen , und zuletzt erklärte er , wir hätten Pflichten für unsere künftigen Kinder . Der Himmel soll mich behüten ! Mein armes , süßes Walterchen habe ich hergeben müssen , ich will kein anderes . Der Schmerz , ihn zu verlieren , war zu groß , ich würde vor ewiger Angst sterben . Kurz und gut , er spielte den richtigen kleinstädtischen Philister und zuletzt noch gar den Otello , indem er behauptete , Rittmeister von Brelow grüßte mich immer so unverschämt vertraulich . Mir riß die 179 Geduld . Ich schlug ihm vor , wir könnten uns ja trennen . Verstehe mich recht , ich sagte