, sagte sie , sich offenbar zusammenraffend , zu mir : » Dat verdammte Viecher is ' mal wedder uthüsig west ! Warten Se man einen Augenblick , ick will ' mal rutergucken . « Sie verließ das Zimmer : wir hörten sie die Haustür öffnen , und es war uns , als vernähmen wir leises , hastiges Geflüster . Lisette saß wie ein Wachsbild auf ihrem Stuhl , dem Gesichtsausdrucke nach fürchtete sie sich . » Woll ' n wir doch man lieber gehen , Fräulein ? « sagte sie halblaut , fast heiser . Uns war es auch nicht geheuer . Wir hatten uns an der Hand gefaßt und schlichen hinter Lisette her der Stubentür zu , aber wie der alte brave Hausdrache öffnen wollte , war die Türe verschlossen . Oben , über unseren Köpfen , hörten wir geheimnisvolles Rascheln , in das sich das Pfeifen und Brausen des Sturmes mischte , der mit verstärkter Gewalt losgebrochen war . Ganz entsetzt sahen wir uns an . Endlich erfaßte Lisette grimmig abermals 156 die Türklinke , um daran zu rütteln , da gab diese nach und Karlinchen stand vor uns . Noch lag die Blässe auf Wangen und Lippen , aber sie lächelte , und zwar so , daß sie unheimlich aussah , das Gesicht verzerrt . » Die oll Katz , « sagte sie zu Lisette , » lett kein Ruh , bis man upmakt . Wat hedd so ' n Vieh in Snee herum to ramenten . – So , darf ich bitten , Fräuleins ? « Aber wir erklärten einstimmig , wir müßten nun gehen , kämen ein andermal wieder . Karlinchen redete zwar zu , aber vergeblich , wir opferten , unter Lisettens Versicherung , daß die Herren Papas keinen Spaß verständen , unsere zwei Gutegroschen und stapften in den Schnee hinaus , eng aneinander geschmiegt , den leise schimpfenden weiblichen Cerberus zur Seite . Vor der Schwelle zeigte der Schnee die Stapfen eines großen Männerfußes , aber so , als wäre hier jemand mit bloßen Füßen gegangen . Auch den ganzen Weg zurück kamen diese Spuren uns entgegen , aber unregelmäßig , als wäre der Mensch gesprungen , und als habe jemand mit den Füßen gescharrt , um die Spuren unkenntlich zu machen . » Hängen lass ' ich mich , « erklärte Lisette , » wenn das eine Katze gewesen is , die da geschrieen hat ! Herr Gott , Fräuleins , erzählen Sie doch man nichts , daß wir bei Schinders Karline gewesen sind ! Der Papa wirft mich sonst morgen aus dem Hause . « Wir fühlten uns wie erlöst , als wir wieder in den Straßen der Stadt waren und helle Fenster sahen und freundliche Menschenstimmen hörten in unseren Stuben . Am folgenden Tage aber kam der größte Schrecken nach : in der Stadt verbreitete sich nämlich die Kunde , Breidling sei Abends zuvor ausgebrochen aus dem Gefängnis , auf schier verwunderliche Art , und daß er zunächst seinem alten Schatz einen Besuch gemacht habe , wie dies auch von Karlinchen bei der alsbald nach Entdeckung der Flucht unternommenen Haussuchung unverhohlen zugestanden sei . Man hatte sie selbstverständlich verhaftet , aber sie beharrte bei ihrer Aussage , daß sie dem Lumpen nur gerad so viel Rast bei sich gegönnt habe , um Strümpfe und Schuhe anzuziehen und 157 sich durch einen Schluck Kaffee zu stärken ; nachher sei er in die Schneenacht hinausgewandert , und irgendwo werde man den Unglücksmenschen schon finden , verklamt oder erfroren , denn bei solchem Wetter bleibe ja nicht einmal ein Vieh lebendig . Man fand aber Breidling nicht , niemals hörte man wieder von ihm . Einige wollten wissen , er habe irgendwo in den Harzwäldern Geld versteckt gehabt und sei damit nach Amerika entkommen , aber verbürgt ist nichts darüber . Uns aber wurde es klar , daß der Katzenschrei das Zeichen des gefürchteten Räubers gewesen war , und wir standen am nächsten Nachmittag bei der alten zitternden Lisette in der Küche von Klärchens Mutter und klapperten nachträglich vor Angst mit den Zähnen . » Hätte uns der Kerl ja totschlagen können wie die Mäuse , « stöhnte die Alte . » O Gott ! o Gott ! Sagt doch man nichts , liebe Fräuleinchens ! « In den Annalen unserer Stadt bildete die Flucht Breidlings ein berühmtes Ereignis . Er hatte sich mit nackten Füßen durch die Esse emporgearbeitet , zu einer Zeit , als noch alles auf den Beinen war im Gefangenenhause . Der rasende Schneesturm ward ihm zum Verbündeten bei seinem halsbrecherischen Wege über Dächer und Mauern . Wären wir etwas früher aus Karlinchens Hause fortgegangen , wir hätten dem schaurigen Helden unzähliger Einbrüche und einiger Mordtaten auf dem einsamen Wege begegnen müssen , ja vielleicht auf Karlinchens Schwelle – ein Gedanke , der noch lange nachher 158 unsere Nerven schüttelte . Erst viel später haben wir uns dieses Streiches gerühmt ; Lisette lag schon im Altweiberstift auf dem Friedhof und konnte keine Schelte mehr bekommen . Schinders Karlinchens wurde nach gebührender Frist aus der Haft entlassen und bezog ihr Häuschen wieder . Sie » sagte wahr « und lebte still vor sich hin , die hochlöbliche Polizei fand keinen Anlaß , sich einzumischen . Da kam der Krieg 1870 . Unser Regiment zog eines Morgens mit klingendem Spiel ins Feld . Die ganze Stadt war auf den Beinen , ein jeder wollte den braven Jungen seinen Abschiedsgruß gönnen . Man hörte nichts als den munteren Marsch der Regimentsmusik und das taktmäßige Schreiten der Soldaten ; es war ein leicht verschleierter Morgen und die Leute auf den Gassen winkten mit stummen Grüßen . Keiner hatte das Herz , » Auf Wiedersehen « zu rufen . Da auf einmal ein lautes » Hurra ! « von der Straßenecke her , wo das Ende der Kolonne soeben eingebogen ist , das Schreien und Rufen übertönt die schon ziemlich ferne Musik . Die ganze Straßenjugend kommt wie die wilde Jagd daher auf klappernden Holzpantoffeln : » Hurra ! Schinners Karline ! Nu hebben wi all wunnen , nu kann dat Vaderland ruhig sin , nu riten de Franzosen ut – Hurra – Schinners Karline ! « Hinter dem letzten Wagen der Truppe fuhr der Kantinenwirt , der sein Regiment nicht verlassen wollte , in einem Planwägelchen ; zwei muntere Pferdchen , die keine Ahnung haben von den Gefahren , denen sie entgegengehen , zügelt er vom Bocke aus , und neben Herrn August Neumann thront im drallen Kattunspenzer , das rote Haar sittsam unter einem blauen Kopftuch versteckt , das ihre Stirn beschattet , Schinders Karlinchen als Marketenderin . Ohne mit der Wimper zu zucken , sitzt sie neben August um » mitzumachen « und achtet des Spottens nicht . » Adjes , Karlinchen ! « scholl es , » lat di nich dodtscheiten ! « » Ach , wat hängen sall , versupt nich ! « So tönte es ihr nach . Sie ist nicht wiedergekommen . Bei Sedan traf eine französische Kugel sie , als sie einen unserer Braven , einen Schwerverwundeten , aus dem Bereiche der Geschosse tragen wollte . Es fand sich ein Testament von ihr vor . Sie vermachte bare 161 dreihundert Taler und ihr Häuschen der uralten Mutter des Breidling , die im Armenhause lebte und die letzten drei Jahre ihres Lebens dazu benutzt hatte , Schinders Karlinchen täglich zu verfluchen als Ursache von ihres Sohnes Verderbnis . Hiernach wurde sie still und verzehrte einen Taler nach dem andern von ihrer Erbschaft , und als noch zehn davon übrig waren , starb sie . Schinders Karlinchen erwarb sich mit ihrem Heldentode noch die gute Meinung der Leute . » Courage hatt se doch , « sagten sie – Ein ungleich friedlicheres Original war Blandine . Ein dürres , kleines altes Weibchen mit einem Gesicht , das aus lauter Lächeln gemacht war und Hunderte von Fältchen um die gutmütigen Augen hatte . Sie trug gewöhnlich ein Kleid von blau und braun geblümtem Wollstoff , nach Großmutterart mit kurzer Taille und mächtigen Puffärmeln : auf dem Haupte eine braune Perücke mit glattem Scheitel , die über den Ohren in breite viersträhnige Flechten überging , welche am Hinterkopf mit einem riesigen Schildpattkamm zu kunstvollem Kauz aufgesteckt waren . Die Stirn schmückte ein schmales seidenes Band , das gerade über der Nase ein goldenes Schildchen hielt , auf dem das Wort » Mutterliebe « eingraviert stand . Eine Haube , wie sie sonst ältere Personen tragen , verschmähte dieses wunderliche sechsundsiebzigjährige Frauenzimmer . Dafür aber trug sie ein schwarzes Taffetschürzchen , weiße Strümpfe , kleine schwarze Schuhe mit kreuzweise gebundenen Bändern und auf der Straße einen Hut aus grüner Seide und ein altmodisches faltiges Mäntelchen , das im Sommer einem Umschlagetuch wich . In einer abgelegenen Straße , dicht an der Stadtmauer , lag das » Weingartenspittel « , eine Heimstätte für alte Frauen , die im Kampfe des Lebens müde und mürbe geworden . Über dem Eingang des großen zweistöckigen Gebäudes war eine Weintraube in Stein gemeißelt . Im ehemaligen Wallgraben hinter dem Hause befand sich der wunderhübsche Garten mit köstlichen Johannis- und Stachelbeerbüschen und weißblühendem Flieder . Die alten Weiblein zogen ihre Küchenkräuter dort und saßen in altmodischen grün 162 umlaubten Gartenhäuschen während der heißen Sommernachmittage , strickend und nickend . Er hatte etwas Wehmütiges , dieser Garten , in dem die Zentifolien so üppig blühten und die Greisinnen durch ihren Anblick sinnen machten im Andenken an ihre Tage der Rosen , die so weit , weit lagen . Eine Stimmung schwebte über dem ganzen Anwesen wie Abendrot , dem die Schatten der Nacht bereits folgen , Feierabendstimmung , müder , wohliger Friede . Im Hause war es kühl zur Sommerszeit und warm im Winter . Die alten Frauen hatten es gar gemütlich in ihren kleinen Zimmerchen , deren jede zwei besaß , einen Wohn- und einen Schlafraum . Eine jede hatte ferner einen erhöhten Fensterplatz , auf dem sie strickend oder spinnend saß und zwischen den Asklepiablättern hindurch auf die Straße sehen konnte . Eine jede hatte ein paar verblichene Bilder an der Wand und im Schrank ein Kästchen mit 163 Erinnerungen , aber so viele Raritäten wie Blandine besaß keine . In meinen Backfischjahren war ich wie toll darauf , Mutter Schumann zu besuchen . Möglich , daß ich ihr lästig gefallen bin mit meiner Neugier , gezeigt hat sie es mir nie . Sie herzte und streichelte mich mit den welken Händen und war stets bereit , mir Auskunft zu geben , wenn ich , im Zimmer umhergehend , alles betrachtend , sie um etwas fragte , das mir just auffiel . Blandine , so romantisch hieß sie wirklich , trug den gewählten Namen mit Recht . Sie war die Tochter des Schloßkastellans von S. , der Residenz eines unweit meiner Vaterstadt gelegenen kleinen Fürstenhauses , und in dem alten spukhaften Bergschloß , in welchem noch aller Überschwang , die ganze Sentimentalität der Sturm- und Drangperiode webte , wuchs sie auf . Die schöngeistige alte Fürstin , die ebenso schöngeistigen Hofdamen hatte Blandine zwar immer nur von fern erblickt , aber sie hatte , gleich ihnen , an den Liebestempeln und Freundschaftsurnen im Park geseufzt und sich mit hinsterbender Romantik förmlich vollgesogen . Als dann der Leihbibliothekar Schumann aus O – burg ihren Vater besuchte , der ein Vetter von diesem war , lernte er Blandine kennen und war angenehm überrascht , eine Demoiselle in ihr zu finden , welche die ganze Literatur jener Zeit kannte und eventuell auch zitieren konnte . Rasch entschlossen hielt er bei dem Vater um das junge Mädchen an , obgleich er zwanzig Jahre mehr zählte als sie und obenein Witwer war . Blandine hatte einen andern vom Schicksal erwartet . Ihre Fassungslosigkeit bewies wenigstens , daß er ihrem Ideal nicht entsprach , aber da das Schicksal ihr bis jetzt nicht einmal von ferne einen andern gezeigt hatte , dachte sie an die vielen schönen Bücher , in deren Mitte sie künftig leben sollte , schlug die Augen nieder und lispelte ein verschämtes » Ja ! « , wie es dazumal comme il faut war . Glücklich war die Ehe nicht geworden . Der » selige Schumann « , trotzdem er mitten in der schönen Literatur saß , war entsetzlich materiell und geradezu gewesen und hatte absolut kein Verständnis für den himmelblauen Idealismus seiner jungen Frau . Blandine 164 litt klaglos , wie sie allen versicherte , stopfte seine zerrissenen Socken und ertrug schweigend die Zornausbrüche über angebrannte Saubohnen mit Speck , die , entsetzlich genug ! sein Lieblingsgericht ausmachten . Die Nachbarn liefen mitunter zusammen , so blitzte und donnerte es bei Bibliothekars , und oftmals fanden sie die junge Frau vor der Haustüre stehend , die sie nicht wieder zu öffnen wagte , nachdem sie geflüchtet war , und lachten sich heimlich schief ob deren poetischer Klage über den » rauhen Gatten , der die Harmonie ihrer Seele trübe « , denn so sprach sie ungefähr . Es wurde erst friedlicher , als ein Sohn geboren ward . Gelegentlich der Taufe kam der letzte große Krach . Blandine wollte ihn Leontes nennen und der Vater bestand auf Christian , ausgesprochen : » Krischan « . Auch hier mußte sie der rohen Gewalt weichen . Der » selige Schumann « aber fand schließlich zum allgemeinen Besten und weil er es satt hatte , angebrannte Saubohnen zu essen , einen Ausweg : er nahm seine alte Schwester wieder ins Haus , welche die Wirtschaft führen mußte , und Blandine wurde lediglich für das Geschäft verwandt , allwo sie stets mit dem kleinen Krischan zu finden war , der Ehegemahl höchstselbst ergab sich dem Studium der heimischen Bierbrauereien . Hier im Laden pries sie mit gewählten Worten ihre Bücher an , und Fremdwörter waren ihre schwache Seite . Ihre Sentimentalität wirkte hochkomisch , so daß es an Lesekunden nicht fehlte . Zahllose Histörchen gab es von ihr : so hatte sie eines Sommerabends in den Flitterwochen mit ihrem Gatten vor der Haustür gesessen , als hinter den Giebeln des alten Schlosses der Mond aufstieg . und sollte sich an ihn lehnend schwärmerisch gehaucht haben : » Geliebter , sieh wie Luna droben lächelt ! « Und er hatte gegähnt und die schnöden Worte gesprochen : » Ach , lat em lachen ! « Sie sprach auch von » Joethens Ephijenige « und Scotts » Quentchen Dhorwart « . Die » Beinkleider « des Herrn von Bredow gab sie nur unter holdem Erröten , selbst noch als sie bereits eine ältere Frau war . Keine Macht der Erde hätte sie dahin gebracht , dieses Buch zu lesen ; sie war überzeugt , es sei » uneßtheetisch « . Dagegen schwärmte sie für Werther , für die schwülstige Erzählungsart eines Miller , dessen » Siegwart « ihr 165 Tränen erpreßte , und diesen verwandte Erzeugnisse , besonders aber für Ritter- und Räubergeschichten . Je herzbrechender die Titel waren , desto dringender empfahl sie die Bücher dem Lesepublikum . Der Junge wuchs zwischen diesem Vater und dieser Mutter zu einem sonderbaren Kräutlein auf . Vollgepfropft von Empfindsamkeit einerseits und anderseits von Speck und Saubohnen , von dem einen » Leontes « angehaucht , von dem andern » Krischan « angebrüllt , wußte er bald selbst nicht mehr , was er vorstellte . Die Mutter wollte ihn mit wallendem blonden Haupthaar sehen , der Vater ließ ihn heimlich » ratzekahl « scheren . Auf dem Gymnasium rief man ihm die Bonmots seiner Mutter nach , über die er mit Fäusten quittierte , und schließlich kam ein Tag , wo man ihn vergeblich suchte . Erst nach einem Vierteljahr erfuhr man , daß er sich in Hamburg als Schiffsjunge auf einen Ostindienfahrer hatte anwerben lassen , was ja damals noch möglich war , jedenfalls um der Vielseitigkeit seiner elterlichen Erziehung zu entgehen . Er war fort , und ob er je wiederkehren würde , das konnte Gott allein wissen . Vater Schumann alterierte sich so , daß dieser Ärger , im Verein mit seinen Bierstudien , einen Schlagfluß zuwege brachte an demselben Tage , wo er erfuhr , welchen Weg sein Sohn eingeschlagen hatte . Blandine beklagte und beweinte ihr doppeltes Unglück und erzählte ihren Kunden in wohlgesetzten Worten von ihrer Verlassenheit und sagte , sie fühle , wie es im Gedichte heiße : 166 » O bitteres Los ! Wohl hab ' ich nie beim Scheiden So tiefes Weh , so harten Zwang gewußt , Als selbst den Trost des letzten Worts zu meiden . – « Und anderen gegenüber nannte sie sich Noibe , womit sie wohl Niobe meinen mochte . Sie verlieh ihre Bücher weiter , begann eine Lebensgeschichte von sich zu schreiben , die leider der Nachwelt verloren gegangen ist , und bedauerte nur immer und immer wieder , daß ihr Leontes sich durch diese Flucht eine klassische Bildung verscherzt habe , da er ja doch so große Talente besaß und schließlich auch namhafte » Stupendien « für die » Uneversität « gehabt haben würde , denn ein einziger Fußfall bei Serenissima würde genügt haben , ihm besagte » Stupendien « zu verschaffen . Blandine Schumann begann nun mit allerhand schönen Künsten ihr leeres Dasein zu schmücken ; sie zeichnete , dichtete und sang , und nach abgelaufener Trauerzeit spielte sie in dem Dilettantenverein » Thalia « Theater . Diese Zeit lag allerdings weit zurück ; als ich Blandine kennen lernte , war sie eine alte Frau , wie ich sie oben beschrieb . Sie zeigte mir einmal ein Blatt , eine Bleistiftstudie , ein ganz wunderliches Krickel-Krackel , darunter hatte sie geschrieben : » Felsreformation aus dem Erlental « . Erst als sie die nähere Erklärung dazu gab , erfuhr man , daß sie » Formation « gemeint hatte . Blandine , die mit dem Alter immer redseliger geworden war , verkaufte , als beharrlich keine Kunde von dem Sohne zu ihr drang , schließlich die Bibliothek – der Geschmack des Publikums war ohnehin » volgär « geworden , und bezog ihre Stiftsstelle im Weingarten . Hier war es auch , wo ich sie näher kennen lernte und mich zu dem seltsamen Wesen hingezogen fühlte ; vielleicht ihrer wunderbar kindlichen Augen , vielleicht auch des nimmermüden Quells ihrer Erzählungen halber . So manchen Nachmittag habe ich in dem Spittelstübchen der Alten gesessen und ihrem zittrigen Gesang zugehört , den sie auf dem Spinettchen begleitete , das so wunderlich dünne , klirrende Töne hatte : 167 » Guter Mond , du gehst so stille Durch die Abendwolken hin , Gehst so ruhig , und ich fühle , Daß ich schrecklich einsam bin . – « Das sang sie am liebsten . Schrecklich einsam ! Ja , das war sie , aber sie schmückte ihre Einsamkeit aus . Sie hatte sich in der Erinnerung ihren Seligen zurechtgestutzt zu einem Charakter , der dem Helden ihres Lieblingsromanes glich , augenrollend , wutschnaubend , aber unendlich ritterlich , gerecht , zartfühlend . Ihr Leontes wurde zu einem begeisterten Forscher fremder Weltteile , dessen frühes Grab sie sich in einem Urwald vorstellte , malerisch umrankt von Lianen und sonstigen Schlinggewächsen . Eine indische Fürstentochter in golddurchwirkten Musselingewändern naht bei Lunas keuschem Lichte und begießt diese Stätte mit ihren Tränen , sie hat ihn natürlich geliebt ! Nein , diese Phantasie ! Dazu duftete es aus der Porzellanvase , die sie ihren » Postpurry « nannte , so wunderlich süß nach welken Blättern , und zur Erfrischung gab es Holundermilch , die so mild und blumig schmeckte , alles ganz passend zueinander . Ich hätte mir Blandinens Bewirtung auch gar nicht anders vorstellen können , als aus so ungewöhnlichen Sachen . Sie buk kleine Kuchen , die sie » Seladons « nannte , und machte einen Likör aus Rosenblättern , der » Doppelte Liebe « hieß . Noch höre ich , wie sie ihren Sohn zu beschreiben pflegte , und jedesmal fügte sie hinzu : » Ich brauche ja nur den Leontes des Dichters zubeschreiben – so war er auch . « Und dann deklamierte sie : 168 » Er blühte hold in seinen jungen Tagen , Sein Haar war blond , die Lippe sanft geschwellt . Ein kühnes Herz schien diese Brust zu tragen , Und Mild ' und Kraft auf dieser Stirn gesellt . Wohl mochte man beim ersten Anblick fragen . Ist dies Apoll , der Hirt ; ist ' s Mars , der Held ? Doch sah man bald , daß solch ein lichtes Auge Zum Leuchten wohl , doch auch zum Blitzen tauge . « Natürlich mit ganz falschem Pathos . Aber wie staunte ich sie an , wie bedauerte ich , daß diese Blüte der Menschheit mir verloren gegangen war , obgleich meine Großmutter versicherte , Leontes-Christian sei ein dicker untersetzter Bengel mit Stülpnase und strohblond gewesen . » Er wäre so alt wie Ihr Herr Vater , « schloß Blandine seufzend , » ach – es stirbt als Knabe , wen die Götter lieben . « So malte , sang und seufzte sie ihr einsames Alter hin ; das kleine Gesichtchen schrumpfte immer mehr zusammen , ihr Kleid saß lose und schlotterig und war abgenutzt , aber noch immer blitzte hell das goldene Schildchen mit der » Mutterliebe « auf ihrer Stirn ; sie hatte es von ihrer Mutter zur Feier der Konfirmation erhalten . Eines Tages besuchte uns ein Jugendfreund meines Vaters , ein Maler ; beim Spazierengehen trafen wir Blandine , die , ein Gießkännchen in der Hand und in ihrer ganzen verschollenen Pracht , dem Kirchhofe zuwanderte , gefolgt und verhöhnt von so und so viel Straßenjungen . Wir nahmen uns ihrer an , wofür sie mit einem altmodischen Knicks tief untertauchte und » oblischiert « war . Der Maler aber ward ganz begeistert und schwur , uns nicht eher zu verlassen , als bis er das » kostbare alte Stück « gezeichnet habe . Ich führte ihn ein bei ihr . Sie saß ihm mit größtem Vergnügen , und er war so hingerissen von der » Echtheit dieses Modells « , daß er ihre ganzen Sonderbarkeiten , selbst die Holundermilch in Kauf nahm und die » Bezauberte Rose « von A bis Z anhörte , die sie aus dem Gedächtnis deklamierte . » Echt ! echt ! großartig ! « murmelte er , und nicht gar lange 171 dauerte es , da prangte Blandine in einer weit verbreiteten illustrierten Zeitschrift . Es stand nur darunter : » Blandine « . Das Bild aber war wirklich köstlich . Der Künstler hatte das gute , wunderliche , runzelvolle Antlitz unter der braunen Perücke vollendet wiedergegeben , auch das Stirnband mit der » Mutterliebe « fehlte nicht . Der Zufall wehte diese Zeitung über das große wogende Meer in ein fernes Land und in das Haus eines Deutschen , der seine Heimat und Mutter heimlich verlassen hatte vor länger als vierzig Jahren , Krischan Schumann hieß der Deutsche . Da packte ihn ein wunderliches Gefühl : er nahm seines Sohnes zehnjähriges Töchterlein und reiste mit ihm in die alte Heimat . Ein in harter Arbeit erstarrter , schweigsamer Mensch war er drüben geworden im Kampfe ums Dasein . Die ganze Knorrigkeit des alten Bibliothekars hatte er geerbt , auch dessen Äußeres , aber das zierliche Enkelkind mit dem langen kastanienbraunen Haar und den blauen Augen , das mochte wohl an Blandine erinnern . So standen diese zwei Fremdlinge eines Tages vor dem Altweiberspittel in der stillen Straße , und Blandine Schumann lugte hinter den Asklepiablättern hervor und wunderte sich , wer das wohl sei . Niewand war da , der die alte Frau hätte vorbereiten können , und so trat plötzlich der breite knorrige Mann unvermittelt vor sie hin , sah die kleine wunderliche Gestalt an und sagte mit leiser Stimme und zuckenden Lippen : » Mutter ! « Sie schüttelte den Kopf , sie kannte ihn nicht , verstand ihn nicht . Da schob er die Kleine vor : » Das ist deine Großmutter , Kind ! « Mit angstvollen Augen starrte die alte Frau auf das zierliche Geschöpf , dann richtete sie sich auf in ihrem Stuhl und rief wie jammernd : » Zu spät ! Zu spät ! « Es waren ihre letzten Worte – Leontes-Krischan konnte seine alte Mutter nur noch begraben . Er kam vor seiner Abreise zu uns und brachte mir im Auftrage der Verewigten ein abgegriffenes Büchelchen . Es war » Die bezauberte Rose « . 172 Das sind Gestalten aus der Zeit , da die Acht neben der Eins stand : kleine unscheinbare Tröpflein in der Flutwelle des Jahrhunderts . Nun ist die Neun neben die Eins getreten und nimmt uns auf in ihre heranrauschende Flut , in der wir vergehen werden . Noch aber leben wir und sehen staunend , was Menschengeist ersonnen und erreicht hat , und harren ehrfurchtsvoll erschauernd noch größerer Offenbarungen , die uns das neue Jahrhundert bringen wird . Eines aber bringt es nicht , solche eigenartig harmlose Menschen wie die , die ich eben geschildert habe , die es verstanden , auf ihre Art da zu sein . Die Originale , die sterben aus . 173 Maiblumen . Heute früh bin ich ausgegangen , das herrliche Frühlingswetter verlockte mich dazu . Nach diesem Winter , der uns so viel Schnee und Eis brachte , war der laue Wind , der blaue Himmel , der goldene Sonnenschein ein wahrer Hochgenuß , der geradezu berauschend wirkte auf das Gemüt . Die Trottoire in den Straßen des freundlichen Elb-Florenz sind trocken und belebt , auf dem Bismarckplatz trippeln die Kinder durcheinander , schwatzen laut und lachend die Wärterinnen , und der Bäckerjunge , der , eine riesige Tortenschachtel tragend , sich durch das Gedränge schiebt , pfeift was er kann : » Ist denn kein Stuhl da , Stuhl da , für meine Hulda , Hulda ! « Die Engländerinnen tragen zu ihren Pelzkragen bereits Waschblusen unter den Jaketten und vorjährige Strohhüte . Die Taxameter haben das Verdeck ihrer Wagen geöffnet , und vor dem Bahnhofportale werden große Koffer reisender Leute abgeladen . Glückliche Menschen ! Die Reiselust , die mich plötzlich übermannt ! Eine Sehnsucht , so tief und mächtig , nach dem Lande jenseit der Alpen , nach blühenden Mandeln und Mimosen , nach roten und weißen Kamelienblüten , nach dunkelblauen Seen und silberblinkenden 176 Bergspitzen , nach menschendurchfluteten Städten und weißen , in Palmen und Lorbeergestrüpp versteckten Villen . In diesen Gedanken bin ich die Pragerstraße hinaufgeschritten , ganz mechanisch , ohne zu sehen und zu hören : mitten durch die eiligen geschäftigen Menschen , an den prächtigen Schaufenstern vorüber , immer weiter , bis ich auf dem Markt stehe , vor dem Tischchen der alten Blumenfrau , bei der ich stets zu kaufen pflege . Und da sind sie alle , die lieben Bekannten aus dem Süden . Die goldgelben Mimosenzweige , die ihr leuchtendes Banner so üppig wehen lassen auf der Isola madre ; die Narzissen und Anemonen , die man am Monte Rosso pflückt , die gelben Marguerites , und dann der Maiblumenduft , ach , der Maiblumenduft ! Da steht mir wieder zaubergleich die kleine Station zwischen Laveno und Mailand vor Augen , wo barfüßige italienische Kinder Maiblumensträuße verkaufen , so groß , daß man sie kaum zu fassen vermag , und so duftend ! Aller Staub , alle Hitze scheinen gewichen aus dem dumpfen Coupé , sobald diese holden Blumen 177 ihren Einzug halten . Und wie ich das letzte Mal dort reiste , brachten mir diese Maiblumen ein Erkennen , da war ich , ohne es zu wissen , mit Lene v. Brandenfeldt in demselben Coupé gefahren . Erst an dem sehnsüchtigen Ausdruck , mit dem ihre Augen an meinem Strauß hingen , erkannte ich sie , und da – doch davon später ! – – – – Ich kaufe der Alten so viel Blumen ab , wie ich zu tragen vermag , und wandere heim , noch immer mit der großen brennenden Reisesehnsucht im Herzen . Es liegt so etwas Festliches heute über allem Treiben , die Leute sehen gesund und lächelnd aus , selbst die Droschkenpferde haben ordentlich einen vergnügten Gesichtsausdruck , und ebenso die armen geplagten Zughunde und die kleinen geduldigen Esel vor den Milchkarren . » Ja , nun kommt gute Zeit , nun wird es warm und lustig in der Welt ! « scheint alles zu sprechen . Zu Hause angelangt , verteile ich die Blumen in die Zimmer : der Maiblumenstrauß findet seinen Platz auf meinem Schreibtisch , dicht neben dem Heft , auf dessen leeren Seiten leider noch keine Zeile geschrieben steht . Aber jetzt weiß ich , was ich schreiben soll , die Maiblumen haben es mir gesagt . Und sie duften und duften und zaubern alte , längst vergessene Bilder herauf , anknüpfend an jenes Wiedererkennen im schwülen Coupé , über ihre weißen Glöckchen hinweg . Von Lene v. Brandenfeldt will ich erzählen , von den Tagen , wo wir beide noch weiße und rosa Kleidchen trugen und an eine wundervolle Zukunft glaubten , von den Tagen der Jugend . » In die Maiblumen gehen « nannten wir es in Steinhagen , wenn wir in den Stadtwald zogen , ein ganzer Trupp junger Frauen , Mädchen und Offiziere ; die Mütter folgten uns im Krümperwagen mit der » Fourage « , denn im Försterhause war höchstens heißes Wasser zum Kaffeekochen und frische Milch zu haben . An irgend einer schattigen Stelle wurden Decken ausgebreitet , und man lagerte sich in zwanglosen Gruppen , irgend eine hübsche Frau füllte die goldgeränderten Kaffeetassen der Frau Försterin , die jungen Mädchen präsentierten den 178 Kuchen , und hinter dem nächsten grünen Gebüsch spielte die Regimentsmusik das » Echo im Walde « . Blauer , leichter Zigarettenduft verscheuchte die Mücken , und in das Lachen und Plaudern hinein rief unermüdlich aus der Ferne der Kuckuck . Und über allem der blaue Maihimmel mit seinen