wunder was ! Geh ’ n S ’ her – da – vier Kraizerl sind ’ s – i markier ’ jetzt das Orgelvorspiel , einundzwanzig Takt ’ – so – ... “ Sie setzte sich ans Klavier und begann das Vorspiel . Aenne sang , verschleiert , mit halber Stimme , als quöllen ihr Thränen in der Kehle empor . „ Glauben Sie , daß ich wagen könnte , das zu singen vor Zuhörern ? “ fragte sie dann . „ Aber warum denn net , wenn S ’ richtig disponiert sind ? Denn wissen S ’ , das muß sich anhör ’ n wie Glockengeläut und Engelstimmen , dös is mächtig , dös packt ! “ „ Natürlich ! aber wenn ich mir Mühe gebe ? “ „ Ja , keine Frag ’ , freilich können S ’ es singen ! “ „ Dann kommt meine Bitte , Fräulein Hochleitner . “ „ Nun ? “ „ Sehen Sie , “ begann Aenne , „ ich möchte gern , daß meine Eltern und Brüder mich einmal öffentlich singen hören , bevor ich ihnen eröffne , was ich vorhabe , und eine andere Gelegenheit wüßte ich in Ewigkeit nicht . Thun Sie mir den Gefallen , werden Sie kurz vor der Trauung der Ribbeneck – heiser , bitte , bitte , und dann lassen Sie mich für Sie eintreten ! “ Fräulein Hochleitner machte eine Wendung auf dem Drehsessel und blickte das vor ihr stehende Mädchen mit unverhohlenem Staunen an . „ Dös versteh i halt net “ , sagte sie auf echt Wienerisch , „ Sie wollen singen zum Kerkow seiner Hochzeit ? “ Dann begann sie zu lachen . „ O Sie Schlaukopferl , dös hätt ’ i Ihn ’ n gar net zutraut ! Wie S ’ dös ausdacht hab ’ n , so fein ! Aber dös is ka Sünd , da thu ’ i mit ! Um ein Viertel vor drei Uhr am dritten Feiertag pünktli auf d ’ Minut ’ werd ’ i heiser , und a halb ’ Stünderl später singen S ’ dös heißt , wenn aus der ganzen Geschicht ’ no was wird , denn kan halb ’ n Kreuzer geb ’ i dafür . “ „ Wie denn ? Was soll denn das heißen ? “ fragte Aenne gepreßt . „ Ja , haben S ’ denn davon net g ’ hört ? Dös weiß doch jed ’ s Kammerkatzerl drob ’ n im Schloß ! ’ ne arge Krempelei hat ’ s geb ’ n zwischen dem Paar , die Herzogin hat erst a Machtwort sprechen müss ’ n , daß ’ s einigermaß ’ n wieder auf d ’ Gleich kam , man sagt , wegen dem armen Hascherl , der Schwester von ihm , sei ’ s kommen , i glaub ’ , er hat ’ s gern woll ’ n in sein Haus nehm ’ n , das Wuzerl , das blasse ! Aber die z ’ widere Person , die Braut hat ’ s net gewollt , hat förmli Wutkrämpf ’ kriegt und hat g ’ sagt , er sollt ’ wähl ’ n zwischen ihr und der Schwester , und da – “ „ Und da ? “ wiederholte Aenne . „ Hat sie halt ihr ’ n Willen durchg ’ setzt . Jesus Maria , ’ s is a Kreuz und a Elend in der Welt mit die Männer , die sich immer als Herrn aufspielen und sich dann doch all ’ weil ducken . “ „ Er wird sie eben sehr lieb haben , “ sagte Aenne tonlos . Die Sängerin lachte , daß ihre blendend weißen tadellosen Zähne hinter den roten Lippen sichtbar wurden . „ Lieb ? “ rief sie „ lieb ? Sie heilige Unschuld , Sie ! Jetzt sein S ’ net bös , jetzt muß i lachen , dös glaubn S ’ doch selber net . Na , also den Hochzeitspsalm woll ’ n S ’ ihm sing ’ n ? S ’ is recht so ! Aber machen S ’ s brav , sonst schadt ’ s Ihn ’ n mehr , als es nutzt . – – “ Aenne fragte nicht mehr . Als sie nach Hause gekommen war , stellte sie sich ans Fenster und schaute zu dem Lichte hinauf , als könnte sie durch die Mauer hindurch , direkt in Heinz Kerkows Herz sehen . Ob es wahr ist ? ob es wahr ist ? fragte sie , ob er unglücklich ist , schon jetzt ? Warum aber hatte er nicht den Mut , den sie gehabt , die Fessel zu durchreißen ? Oder war das sein Mut , daß er festhielt an dem , was er gewollt ? Vielleicht – vielleicht war sie die Feige gewesen ! Ja , ja , ihr hatte gegraut vor dem Leidensweg ! Günther hatte ihn ihr ja selbst geschildert , ohne Liebe geht es nicht ! „ Es geht nicht ! “ murmelte sie zu dem Lichte hinauf , als wollte sie ihn warnen . „ Im übrigen aber will ich zeigen , daß ich nicht feige bin , will mein Schicksal selbst in die Hand nehmen . Ich will nützen in der Welt , erfreuen aber ohne Zwang , ich will frei sein , ich will das Recht haben , zu trauern um eine verlorne Liebe , ohne daß die Trauer zur Sünde wird – ich will leben ! “ Frau von Gruber war noch ganz krank von den Aufregungen der letzten vierzehn Tage . Nicht allein , daß sie sich mit der Beschaffung der Aussteuer und der Toiletten für die Braut neben dem Dienst bei Ihrer Durchlaucht , der sie mehr als je in Anspruch nahm , schachmatt gemacht hatte , da mußte auch noch der schreckliche Tag kommen der so viel lange [ 120 ] Karnevale – Francaise . Nach einer Originalzeichnung von O. Gräf . [ 121 ] WS : Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt . [ 122 ] und sehnlichst erwartete Hoffnungen zertrümmerte in Bezug auf Heinz und seine Schwester ! Es war , als sollte der Stern der Behaglichkeit und Sorglosigkeit nie über den Kerkows aufgehen . Und wie sich das abspielte , mit immer neuen unerwarteten Wendungen ! Wenn man sich nur wenigstens aussprechen könnte ; aber mit Heinz war gar nicht zu reden und Hede sollte nichts erfahren , das war sein dringender Wunsch gewesen . Und wenn man seinen Wunsch nicht respektierte , so gab es kleine Scenen mit ihm , und vor diesen hatte Frau von Gruber Furcht . Er sagte zwar nicht viel , aber das Wenige waren Worte , so kantig und scharf , daß sie wie Dolchstöße in das Gewissen fuhren . Sie seufzte , klingelte und ließ sich vom Diener Schreibmappe und Tintenfaß bringen , dann sich emporsetzend , schrieb sie auf dem Tischchen , das neben ihrer Chaiselongue stand , an ihre wärmste Freundin , eine Frau von Schliefe , die als behäbige Großmama im erste Stock ihres schönen Schlosses in Schlesien saß und keine weiteren Sorgen kannte als die , welche ihr die Enkelkinder mit Scharlach oder Masern , oder mit ihrer Wildheit drunten in der Wohnung des Sohnes bereitete . „ Vergönne mir , liebe Klementine , “ begann sie , „ daß ich wieder einmal mein Herz vor Dir ausschütte . Wenn in Deinen Sonnenschein ’ mal ein wenig Schatten fällt , so ist ’ s fremder Schatten , der Dich nicht frieren macht , Dir höchstens das Leben ein wenig interessanter erscheinen läßt , schon deshalb , weil Du an unseren Widerwärtigkeiten die Größe Deines Glückes ermessen kannst . Ich schrieb Dir ausführlich damals die ganze Begebenheit mit dem Heinz Kerkow , daß er sich verlobt habe mit Toni Ribbeneck , die einen recht netten Geldsack vom alten Dietz Ribbeneck , der ehemals auf Karlitzke in Pommern saß , geerbt hatte , und auch , daß der Junge hier den Duodezposten eines Hofmarschalls an unserm Duodezhöfchen bekam . Na , Passion ist ’ s ja leider von ihm nicht gewesen , aber , lieber Gott , bei den Verhältnissen , in denen er steckte , war die Toni der Strohhalm , nach dem er griff und greifen mußte . Was für Aerger und Mühe ich meinerseits , ehe es soweit war , hatte , um Beides zu machen , die Braut und den Hofmarschall , na , Du weißt ’ s ja aus meinem Briefe ! Was geschieht nun ? – Wenn Du es in einem Buche läsest , würdest Du rufen : Unmöglich ! Unwahrscheinlich ! Und doch ist alles , was nun folgt , nackte Wirklichkeit ! – Also , er hat sich in seine neue Thätigkeit eingearbeitet , die Hochzeit ist bestimmt , Durchlaucht sehr gnädig , sehr liberal , erteilt vier Wochen Urlaub für die Hochzeitsreise , ich erbiete mich natürlich zur Stellvertreterin für Toni , und am dritten Feiertag soll die Hochzeit sein , d. h. nun in acht Tagen ! – Doch , was geschieht vor vier Tagen ? Hede Kerkow , die jüngste Schwester von Heinz , soll abends ankommen , er hatte auf ihrer Anwesenheit bestanden , und da das junge Ehepaar beabsichtigte , am Hochzeitstage abzureisen , lud er sie schon zeitig ein , um noch mit ihr zusammen zu sein . Durchlaucht hatte gnädigst erlaubt , daß sie hier Gast sei während der Zeit . – Mir war schon aufgefallen , daß Toni sich , sobald auf die Verwandtschaft von Heinz die Rede kam , sehr absprechend und still verhielt , unter uns – liebenswürdig ist sie nun einmal nicht ! – – Um Mittag dieses Tages trifft sich das Brautpaar , wie immer , in meinem Salon . Ich sehe schon Heinz an , daß ihm irgend etwas geschehen sein muß , er ist blaß , und die gleichmäßige Ruhe , die er sich angewöhnt hat , scheint ihm völlig abhanden gekommen . Ich denke also , er hat Aerger gehabt mit den Beamten – kommt ja alle Tage vor , und leicht ist es nicht für einen Offizier wie er , wenn er plötzlich Haushaltungssorgen hat , denn weiter ist ’ s ja doch im Grunde nichts , aber er erwidert nichts auf meine Frage als : Ich habe ein paar unangenehme Nachrichten bekommen , die eine über Hedes Befinden von unserm alten Hausarzt , die andere – über die spreche ich später mit Toni allein ’ . Toni nun hat ein bemerkenswertes Talent , Unangenehmes nicht zu hören . Sie fängt also auch gleich von ihrem Teppich an zu reden , den ihr die Herzogin kürzlich schenkte , einem echten Smyrna . Heinz kommt wieder auf den Brief des Arztes und sagt , sehr freundlich neben Toni Platz nehmend . ’ Hede macht mir Sorge , ich möchte sie bei uns behalten , Toni , ich kann sie dem einsamen kummervollen Leben nicht länger aussetzen Sie ruiniert sich mit ihrem Unterrichtgeben , sie bekommt fünfundsiebzig Pfennig für die Stunde ; sie reibt sich auf , um das tägliche Brot zusammenzubringen . ’ Toni verfärbte sich vom Blassen bis zum Dunkelroten , rollte ihre Gürtelschleife zwischen den Fingern und antwortete : ’ Du kannst ihr ja lieber einen Geldzuschuß monatlich schicken ’ . ’ Damit ist ihr nicht gediente , ’ sagte er noch ganz ruhig , ’ sie muß besser essen , sie kann sich kein Mädchen halten , und die Zeit , für sich Speisen zu bereiten , fehlt ihr . ’ ’ Warum speist sie nicht in einem Gasthaus ? ’ ’ Nun , ich sehe , du willst nicht darauf eingehen , ’ sagte er , aber ich kann dir diesmal nicht helfen , ich bestehe darauf , für ein Jahr wenigstens . Ich bitte dich , Toni , es ist die letzte Verwandte , die ich habe , denn meine irre Schwester – die – ’ ’ Warum muß es denn gleich sein ? ’ stieß sie hervor . ’ Weil ’ s just nötig ist ! ’ erwiderte er . Ich will eben vermitteln , weil ich das Gewitter in ihr schon aufsteigen sehe , da sagt sie . ’ Nimm ’ s nicht übel , Heinz , der Gedanke , mein erstes Ehejahr zu Dreien verleben zu müssen , ist mir im höchsten Grade unsympathisch – ich bitte dich , davon abzusehen . Ich werde ihr einen so reichlichen Zuschuß geben , daß sie sich ein Mädchen halten kann und essen , wonach es sie gelüstet , aber – ’ Er sah sie an mit einem Blick , Klementine – mir stockte das Herzblut , so zornig , so verächtlich war er . ’ Ich bedaure , auf meinem Willen beharren zu müssen , ’ erklärte er eisig , das Essen allein macht ’ s nicht , sie bedarf freundlichen Zuspruchs , Liebe , anderer Verhältnisse , anderer Luft – sie hat niemand weiter als mich und – – ’ ’ Und ich bestehe auf meinem Willen ! ’ ruft sie , ,ich heirate dich und nicht deine Familie ! ’ Und die ganze kreideweiße Person zittert vor innerer Erregung . Im übrigen , wenn dir deine Schwester lieber ist als ich – du brauchst nur zu wählen , sie oder mich . ’ Eine Weile ist ’ s ganz ruhig . Ich bin halb ohnmächtig , natürlich , suche nach passenden Worten , aber obgleich ich sonst so leicht meine Fassung nicht verliere , fällt mir nichts ein , und als ich endlich den Mund öffne um zu sprechen , kommt Heinz mir zuvor und sagt ’ Vor diese Wahl gestellt – natürlich dich ! ’ Das klingt aber so höhnisch und wird mit so zuckendem Gesicht gesprochen , von einer so tiefen Verbeugung begleitet , daß , wie er bereits hinausgegangen ist , wir beide noch dastehen und uns verständnislos ansehen . Sie macht endlich eine große Weinscene , redet davon , daß er sie nicht liebe , und steigert sich in einen wahren Paroxysmus von gekraulter Tugend und Unschuld hinein . Da bringt ein Lakai einen Brief von Heinz an mich , und als ich öffne , liegt darin eine Karte von ihm und ein großer Brief , an ihn adressiert . Auf der Karte schreibt er . Liebe Tante , beifolgende Nachricht erhielt ich heute früh und wollte sie vorhin so schonend als möglich meiner Braut mitteilen . Ich bitte Dich nun , sie von dem Inhalt des Schreibens in Kenntnis zu setzen auf eine Weise , die sie nicht allzu sehr erschreckt , ich bin nach dem Vorhergegangenen nicht in der Lage , es genügend ruhig zu thun . Heinz . ’ Ich lese und kann einen Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken , Toni erkennt die Handschrift ihres Onkels , des Bruders ihrer Mutter , den sie mit der Verwaltung ihres ererbten Vermögens beauftragt hat , liest und bricht in Schreikrämpfe aus . – Denke Dir , Klementine , der alte Esel – pardon – hat das ganze Vermögen in Börsenpapieren angelegt und am neunzehnten November bei dem große Krach ging , bis auf einen kleinen Teil , alles , aber auch alles verloren ! – Der unglückliche Junge ! Ja , zu machen ist nichts und an ein Zurücktreten unter solchen Umständen ist auch nicht zu denken . Ich bin überzeugt , hätte er , als Toni ihn vor die Wahl stellte mich oder deine Schwester ! , diese Hiobspost noch nicht gehabt , er würde rabiat genug gewesen sein , zu sagen ’ meine Schwester ! ’ So löste sich die Sache in einer leidenschaftlichen Abbittescene ihrerseits auf , die er stillschweigend duldete . Ueber den Verlust hat er kein Wort geäußert , aber er geht mit sorgenvoller Miene umher . Du kannst verstehen , was es für ihn heißt , ein armes Mädchen zu heiraten . – Sie hat ihm zwar pro forma ihr Wort zurückgeben wollen , doch hat er es selbstverständlich nicht angenommen . Se . Hoheit [ 123 ] [ 133 ] Seit Frau von Gruber an ihre Freundin in Schlesien jenen Brief geschrieben , in welchem sie ihr die Enttäuschung mitgeteilt hatte , die ihr Neffe Kerkow in Bezug auf das Vermögen seiner Braut hatte erleben müssen , waren zwei Wochen vergangen . Hede Kerkow hatte der Tante und dem Bruder erklärt , sie werde bei der Polterabendfeier nicht zugegen sein , und wenn man ihr zureden wollte , hatte sie gerufen : „ Soll ich denn zweimal hintereinander in dem nämlichen weißen Kaschmirkleidchen hier auftreten ? Und das möchte noch gehen , aber mir steht der Sinn nicht nach so viel Menschen , ich gebe meinem Herzen schon einen großen Stoß , wenn ich das Hochzeitsdiner mit absitze . Laßt mich , bitte , bitte ! Eigentlich wollte ich nur dem Heinz das Geleit in die Kirche geben ! “ In der Nachmittagsstunde vor dem Polterabend klopfte sie an die Thür von ihres Bruders Zimmer ; sie mußte ihn noch einmal sehen , bevor sie ihn für immer hergab . Vorläufig war noch nichts in seinen Räumen geändert ; erst wenn das junge Paar abgereist sein würde , sollte die Schar der Handwerker sich ihrer erbarmen und unter Tante Grubers Aufsicht eine elegante Wohnung daraus schaffen . Tonis Wünsche in Beziehung hierauf hatten sich nicht geändert , überdies war bereits alles bestellt gewesen . Heinz Kerkow saß müßig in einer der Fensternischen , draußen wirbelte dichter Schnee . So dicht fielen die Flocken , daß von dem Städtchen und der weilen Ferne draußen nichts mehr zu sehen war ; kaum noch konnte man die am Schloßplatz liegenden Häuser erkennen . „ Du , Heinz , “ sagte sie herzlich , als sie auf das „ Herein ! “ in das Zimmer getreten war , „ sei nicht böse , daß ich noch einmal komme , ehe der große Trubel beginnt , ich hatte solch große Sehnsucht nach dir , morgen bist du schon weit fort . “ „ Willkommen , Hede , “ antwortete er freundlich , „ ich bin gerad ’ noch ein paar Stunden , Freiherr ’ . Meine Geschäfte hat Se . Excellenz seit heute [ 134 ] mittag übernommen , Toni macht Toilette und Tante Gruber ebenfalls . ’ s ist die Stille vor dem Sturm , Kind , und da du heute abend nicht unser Fest verherrlichen willst , so wollen wir uns einander jetzt schadlos halten . Er war aufgestanden , hatte ihr seinen Stuhl im Erker überlassen und nahm nun ihr gegenüber Platz . „ Sitzt sich ’ s hier nicht nett , wenn das Wetter da draußen sein Unwesen treibt ? “ „ Sehr nett – aber Heinz , du bist mir doch nicht böse , daß ich nicht mitthue , heut ’ abend ? “ „ Ach , Kind , ich begreife dich vollkommen in deiner Trauerstimmung . “ Sie hatten sich die Hände gereicht und schauten sich liebevoll in die Augen . „ Ja , ja , “ sagte er , mühsam lächelnd , „ nun wird ’ s Ernst . “ „ Heinz , wenn du doch recht glücklich würdest , “ sprach sie mit zitternden Lippen . „ Ich werd ’ schon – ich werd ’ schon ! “ tröstete er und streichelte ihre Hände . „ Mache dir nur keine Gedanken , Kind ; deine Zukunft liegt mir mehr am Herzen , macht mir mehr Sorgen als die meine . Unsereiner beißt sich schon durch . “ „ Wie das klingt für einen angehenden Ehemann , “ bemerkte sie , halb lachend , halb weinend , „ durchbeißen ! Beißen ! Weißt du noch , wie wir Hochzeit hielten als Kinder , als du Nachbars Willy mit mir trautest und die schöne Rede hieltest . ’ Schlagt euch nicht , beißt euch nicht , zerkratzt euch lieber das Gesicht , ’ und ’ Wenn euch die bösen Buben locken , so lauft voran auf schnellen Socken ’ ? Er lachte . „ Gottloses Volk waren wir doch , Hede was ? Ich glaube , ihr habt euch dann auch möglichst bald gekratzt , du und dein Willy “ – „ Versteht sich ! Aber dann nahm ich mir kaltblütig einen andern , den Paul Gröber . “ „ Ja “ , sprach er , zwischen Scherz und Ernst schwankend , „ das war erlaubt und recht einfach.- Wenn sich richtige Eheleute später beißen und kratzen , so ist ’ s zwar nicht hübsch , aber sie müssen trotzdem zusammen bleiben . “ „ O Heinz , ich meine , das kann man vor der Hochzeit schon fühlen , ob man sich später beißen ober kratzen wird ! “ „ Hm ! Das möcht ich nicht gerade behaupten “ , antwortete er , „ aber hab ’ keine Angst , Hede , meine Ehe wird nicht beißig und kratzig – sie wird musterhaft friedlich sein . “ Sie sah ihn wieder mit dem schmerzlich fragenden Blick an , wie immer , seitdem sie ihn das erste Mal neben der Braut in seiner neuen Stellung gesehen hatte . Es lag ein eigentümlich bitterer Ton in seiner Stimme , matt und scharf zugleich . „ Ob ich dir das garantieren kann , meinst du ? “ fragte er . „ Gewiß , denn , siehst du , zum Zanken , Kratzen , Beißen gehören zwei , und ich meinerseits bin darauf durchaus nicht versessen – verstehst du , Kleine ? “ „ O ja “ , antwortete sie , „ und zum Lieben gehören auch zwei “ . „ Nun sieh ’ mal an , wie klug du bist , also – “ „ Heinz ! “ Sie konnte ihrer Bewegung nicht mehr Herr werden . – „ Ach , Heinz , red nicht so leichtfertig – wie anders bist du nur geworden ! “ stieß sie hervor , „ als wärst du nicht mehr der goldtreue , edle , fröhliche Junge wie früher ! Schon dieses Civil schmerzt mich , das dich gar nicht kleidet , nein , gar nicht – und alles , alles – – “ „ O wirklich nicht ? “ unterbrach er sie lächelnd , um dem Gespräch eine harmlosere Wendung zu geben , „ und ich bildete mir ein , hinreißend im Frack zu sein , mindestens ebenso vornehm wie im Waffenrock ! Na , laß gut sein , Hede , was du meinst , verstehe ich – kannst es mir nicht verzeihen , daß ich die Uniform auszog ? Aber sieh , Kind , ich hätt ’ s so wie so thun müssen , denn zum Weiterdienen langte es nicht , das weißt du . Indessen , verlass ’ dich darauf , wenn ein Feldzug kommt , ist der Frack im Umsehen aus und die Montur angezogen ! “ „ Ich hätte mich lieber als Soldat durchgehungert , “ sagte sie trotzig . „ Und allein , verstehst du , ganz allein – es wäre doch gewiß gegangen ! “ „ Ach du , du ahnst ja nicht , was du sprichst , “ murmelte er . Sie wurde dunkelrot . „ Du hast doch hoffentlich bei dem Schritt , den du gethan , nicht an mich gedacht , Heinz ? Das wäre mein Tod , ich könnt ’ s nicht ertragen ! “ „ Nicht allein an dich , auch an unsere alte Mutter , unsere Schwester in Halle – denkst du nicht an sie , Hede ? “ Sie trocknete die Thränen und preßte die Lippen zusammen ; er wandte den Kopf ab und schaute hinaus . Drunten , hinter den wirbelnden Flocken tauchten die Umrisse der Gebäude deutlich auf , hier die Oberförsterei , dort das Haus des Medizinalrats May , in dem Riesengebäude , dem Gasthof , wurden schon verschiedene Fenster hell . Dort wohnten die fremden Gäste , die zu seinem heutigen Polterabend geladen waren , Familien aus der Residenz , aus der Umgegend , die Sippe der Ribbenecks , die Kameraden seines alten Regiments – – „ Wenn ich dir helfen könnte , “ sagte Hede plötzlich laut und leidenschaftlich , „ ich brächte Ottilie um – und mich dazu – wozu leben wir auch ! “ „ Wozu – oder wovon helfen ? “ fragte er betroffen und wandte sich nach ihr um . „ Von deiner Heirat ! – “ „ Du bist toll , Mädel ! “ antwortete er , seine Augen blitzten drohend und eine Röte lagerte auf seiner Stirn . „ Was geht dich das an , was kümmert dich die Wahl meiner Frau ? Hast du einmal Vorwürfe zu gewärtigen , wenn die Sache schlecht ausgeht ? “ „ Nein ! “ sagte sie hart , „ du könntest mir auch keinen Vorwurf machen , denn ich – ich möchte dich am liebsten mit diesen meinen beiden Händen von ihr wegreißen ! “ „ Hede ! “ rief er , aufspringend bei dem rücksichtslosen Bekenntnis des sonst so ruhigen Geschöpfes . Aber die grenzenlose Enttäuschung über die Schwägerin , eine Enttäuschung , die in ihrem Herzen sich seit ihrer Anwesenheit in Breitenfels , seitdem sie Toni zum erstenmal gesehen , aufgesammelt hatte , die Angst , der Schmerz um das Schicksal des über alles geliebten Bruders ließen sie jede Rücksicht vergessen . Sie sprang empor , eilte zu ihm , und neben ihm niedergleitend , faßte sie seinen Arm . „ Muß es denn sein ? “ rief sie halb erstickt , „ besinne dich doch , Heinz , du bist doch sonst nicht feige gewesen – nichts als ein kurzer Entschluß gehört dazu – Hunderte von Verlobungen gehen zurück . Da drunten das junge Mädchen , von dem jetzt alle Welt spricht – wie heißt sie doch gleich ? hatte den Mut , habe ihn doch auch , mach ’ dich nicht unglücklich , Heinz , lieber Heinz – noch ist ’ s Zeit – denke nicht an uns , gehe hinaus in die Welt , schaff ’ dir ein freies Glück ! “ Er hatte sie emporgerissen , sie in einen Stuhl gedrückt und holte ein Glas Wasser . „ Trink ! “ sagte er kurz , „ beruhige dich , deine Nerven spielen dir übel mit ! Lernst du sie nicht beherrschen , so betrittst du denselben Weg , den unsere unglückliche Schwester jetzt wandelt . Sieh mich nicht so entsetzt an ! Wenn du so unsinnig sein und deinem Bruder den Rat geben kannst , ein Schuft zu werden , indem er sich , um einem eingebildeten Unglück zu entgehen , der Pflicht eines Ehrenmannes entzieht – entzieht in der elften Stunde , so bist du nicht mehr normal ! Fasse dich ! Ich weiß , dich läßt die Liebe zu mir in der Mücke einen Elefanten sehen , und deshalb will ich dir die Scene , die du mir heute machst , nicht anrechnen . Für die Zukunft aber , Hede und nicht wahr , es liegt dir daran , daß wir zueinander halten in echter Geschwisterliebe ? – für die Zukunft darfst du nie wieder ein Wort gegen die sagen , die meine Frau ist , denn sieh – sonst müssen wir uns trennen . Nun reiche mir die Hand und sei meine vernünftige Hede – komm , gieb mir einen Kuß . Er beugte sich nieder und küßte sie , sie aber saß wie ein wächsernes Bild und mühte sich vergebens , ihres Zitterns Herr zu werden . Eine lange Zeit blieb es stumm zwischen ihnen ; er stand am Fenster , ihr rieselten unausgesetzt große Tropfen über die Wangen . Ja , lieber Gott , sie hätte sich das sparen können , hatte sich auch schon alle Tage , die sie hier weilte , gesagt . „ Es ist nichts mehr zu ändern daran ! “ Nun platzte sie zuletzt doch noch damit heraus ! Und er – er schaute zu Aenne Mays Vaterhaus hinunter und dachte über Hedes Ausruf nach . Die hatte den Mut gehabt , sich frei zu machen ; ja , die konnte es auch , das lag anders ! Sie hatte einfach einen Irrtum eingesehen , er aber , er war der Werbende gewesen , er hatte nach Toni Ribbeneck gegriffen wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm . Jetzt , wo er sich auf festes Land gerettet , konnte er sie nicht verlassen . Daran gedacht hatte er , vor drei Wochen noch , als er mehr und mehr die Oede des Gestades erkannte , auf dem er gelandet durch sie ; er [ 135 ] meinte damals , es sei nicht möglich , darauf zu leben . Nun , wo sie in Anbetracht ihrer Ansprüche ans Leben so gut nie mittellos geworden , kamen jene verzweifelten Gedanken einer Flucht nicht mehr ; er wußte , was er sich schuldig sei , und es war so etwas wie Galgenhumor über ihn gekommen . ’ Vorwärts mit frischem Mut ! ’ trommelte er auf den Fensterscheiben . Da scholl die Stimme Hedes hinter ihm . „ Willst du mir verzeihen , Heinz ? Ich sehe ja ein , ich war toll , du kannst ja gar nicht anders , vergieb mir ! “ Er wandte sich sogleich um und nahm sie in den Arm . „ Siehst du , du dummes Mädel ? Wozu das alles erst – du solltest mich doch kennen ! “ „ Ja , es war dumm von mir . “ „ Na , laß gut sein , “ tröstete er , „ wir beide bleiben die Alten ; ich wollte nur , ich könnte dich in der Nähe behalten ! “ „ Ich wollte es auch , aber es geht doch nicht , Heinz . “ „ Meinst du nicht , daß du hier auch einige mallustige Mädel zusammenbringst , wenn du dir ein paar