Gehörten nichts zu verrathen ! Sie hatten ihn tief beschämt , diese einfachen Worte , der vorwurfsvolle schmerzliche Blick ; er hatte den braven Mann dort unten in der Mühle verleumden lassen , ohne ein Wort zu seiner Vertheidigung zu sagen – aus Gedankenlosigkeit , seine gespannte Aufmerksamkeit war ja dem Wortwechsel gefolgt , der seinen Lieblingswunsch so rauh vereitelte , den Wunsch , mit Blanka hier zu wohnen in dem Schlosse seiner Väter . Aber Lieschen mußte meinen , er denke ebenso wie – „ o nein , nein , gewiß nicht ; ihr Vater ist ein ehrlicher , braver Mann . “ Das wäre ja auch schließlich Alles verteufelt gleichgültig – nein , das zuletzt Erlebte , das hatte den tiefsten Stachel in seine Brust gedrückt . Die heftigen Worte seiner Braut klangen ihm wieder in die Ohren : „ Was hast Du für eine Auffassung von unserer gegenseitigen Stellung ? “ und dann : „ Eine Kette ist es , eine drückende Kette , aber kein Glück . “ „ Eine „ Kette “ ! “ wiederholte er halblaut , indem er stehen blieb , aber dann sagte er rasch : „ Ah bah , Mädchenlaunen , weiter nichts ! Sie ist auch zu schön , zu stolz , – ein zu eigenartiger Charakter , um sich in die engen Grenzen zu schmiegen , die einer Frau eigentlich gezogen sind . “ Er hätte das bedenken sollen , meinte er ; er durfte nicht immer und immer wieder versuchen , sie für seine Ansicht zu gewinnen , es mußte erniedrigend für sie sein ; sie hatte Recht , mißgestimmt zu werden , seine schöne , stolze , geliebte Braut . Und sie liebte ihn ja doch ; sie hatte es ihm so oft auf seine stürmischen Fragen versichert . Im Herbst , hatte Onkel Derenberg gesagt , im Herbst , da würde sie ganz die Seine , unentreißbar die Seine . Mußte nicht vor dieser seligen Gewißheit alles gegenwärtige Leid verschwinden ? Der Nachtwind hatte sich aufgemacht ; er bog über dem Haupte des jungen Mannes die Zweige zusammen , daß sie leise rauschten , und kräuselte die Fläche des dunklen Teiches zu Army ’ s Füßen ; er scheuchte die trüben Gedanken in weite , weite Fernen und trug versöhnende Liebe und weiches süßes Sehnen durch die stille warme Sommernacht . „ Im Herbste , “ sagte Army noch einmal leise , „ im Herbste , dann kommt das Glück . “ 9. Der Sommer war vergangen , und der Herbst trat seine Herrschaft an und begann das Land der Wälder bunt zu färben ; ein krystallklarer blauer Himmel wölbte sich über der Erden in der Lindenallee des Schloßparkes lagen die ersten welken Blätter am Boden , und im Erving ’ schen Garten blühten die Astern und Georginen in buntester Farbenpracht . Ueber die Weinspaliere waren Netze gezogen , um den naschigen Sperlingen das Schmausen zu verwehren ; auf dem Laube der Obstbäume aber lugten die gereiften Früchte goldgelb und rothbäckig hervor und warteten des Pflückens . Es war in der Mühle Alles im gewohnten Geleise weitergegangen ; wie rasch war der Sommer verflogen ! und nun freute man sich auf die langen Winterabende am warmen Ofen . Die Leute in der Mühle freuten sich freilich noch aus etwas Anderes ; wußten sie doch Alle , sowohl die Arbeiter in der Fabrik wie die Mine und Dörte in der Küche und der Peter im Stalle , daß es bald eine Braut im Hause geben werde ; wer Augen hatte zu sehen , dem war es sonnenklar , daß Herr Selldorf und „ unser Lieschen “ ein Brautpaar werden würden . Dem hübschen blonden Manne guckte ja die Liebe so deutlich aus den ehrlichen hellen Augen heraus , und mit keinem Menschen war der Hausherr so vertraut und herzlich umgegangen , und keiner seiner Collegen hatte so freundliche Blicke aus den Augen von Lieschens Mutter empfangen , wie er . Selbst die Muhme nickte ihm stets so wohlwollend zu und sagte mitunter in der Küche , wenn von ihm gesprochen wurde : „ Ein Prachtmensch , der Selldorf ! “ Nur Lieschen schien von alledem nichts zu bemerken ; zwar war sie stets freundlich und artig gegen den Volontair des Vaters und stellte die großen Sträuße Vergißmeinnicht , die er ihr zuweilen mitbrachte , sogleich in frisches Wasser , aber sonst konnte kein Mensch die Liebe bemerken , die sie absolut für ihn fühlen sollte , so sehr sich auch Mine und Dörte Mühe gaben . „ Sie thut nur so . “ meinte die Letztere , „ das ist so Mode bei den Vornehmen , aber inwendig , da steht ’ s anders , gelt , Muhme ? “ „ Die viel schwatzen , lugen viel ! “ hatte die Muhme geantwortet ; „ kümmere Dich nicht um die Liesel , sondern bleib ’ bei Deinem Kochtopf ! Wird schon einmal Hochzeit sein hier im Hause . Wer der Bräutigam ist , mag Gott allein wissen ; wir können nicht in die Zukunft sehen , und darum halt den Mund über Dinge , die Euch nichts angehn ! Aber Ihr habt nichts weiter im Kopfe , als das Mannsvolk und das Heirathen . Die Liesel weiß recht gut : ‚ Freien ist wie Pferdekauf , Mägdlein thu die Augen auf ‘ ! “ Und dazu hatte sie ernsthaft mit dem Kopfe genickt . Aber so sehr auch sonst ihre Worte in Ansehen standen , diesmal ging ihre Rede zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus ; sie wußten es ja zu genau , die Mädchen , daß Herr Selldorf ein Auge auf das Fräulein habe , und die Zeit würde es ja lehren , wer Recht hatte . Einstweilen heimste die Muhme in Keller und Speisekammer ihre Wintervorräthe mit gewohnter Emsigkeit ein , und Lieschen mußte überall helfen und dabei sein , „ denn guck ’ , mein Herzel , es ist für den künftigen Haushalt , “ sagte die alte Frau . Heute nun schüttelte und rüttelte es schon den halben Nachmittag ganz gewaltig in den ehrwürdigen Nußbäumen hinter dem Hause , und Blätter und Früchte fielen zur Erde , auf der eine große Leinwandplane ausgebreitet lag ; der Peter und der Christel schlugen mit langen Stangen unbarmherzig in das Gezweig , und drei bis vier Kinder krabbelten jubelnd am Boden und überkugelten sich ordentlich in der Hast des Aufsammelns . Lieschen , welche heute Besuch von Nelly hatte , war vor Kurzem erst mit dieser von den Kindern hinweg und aus dem Garten gegangen , und nun standen die beiden Mädchen in der Laube vor dem Hause , an dem Sandsteintische , über den die Muhme ein weißes Dach deckte , und warteten schweigend , bis [ 756 ] die Alte das Kaffeegeschirr von der Bank genommen und auf den Tisch gestellt hatte . „ Muhme , nicht wahr , Du trinkst Deinen Kaffee hier draußen bei uns ? “ fragte Lieschen , als jene fertig war . „ Kann ich thun , “ erwiderte die Muhme , „ in der Wohnstube ist ohnehin Besuch . “ Sie setzte sich zu Nelly auf die Bank und bat Lieschen , ihr eine Tasse zu holen . „ So fleißig ? “ meinte sie dann , als das junge Mädchen neben ihr aus einem Körbchen eine Stickerei hervorgezogen hatte und eifrig zu sticken begann . „ Für den Army ein Hochzeitsgeschenk ! “ erwiderte diese freundlich . „ Lieber Gott , “ sagte die alte Frau , und nahm dankend die gefüllte Tasse aus Lieschen ’ s Hand , „ er ist auch noch recht jung ; es ist mir immer , als sei es erst gestern , da er über den Mühlensteg gesprungen kam in seinem schwarzen Sammetkittel . “ Nelly nickte , Lieschen aber sah unwillkürlich hinüber zu der kleinen Brücke , unter der das Wasser klar und straff dahinschoß . „ Wer ist denn beim Vater drinnen ? “ fragte sie mit gepreßter Stimme , als wollte sie das Gespräch auf etwas Anderes lenken ; zu gleicher Zeit lächelte sie ihrer Mutter zu , deren Gesicht einen Augenblick am Fenster sichtbar wurde . „ Ein fremder Herr – ich kenne ihn nicht “ , antwortete die Muhme , setzte dann aber plötzlich ihre Tasse hin , schob die Brille etwas herunter und sah darüber hinweg scharf nach dem Wege jenseits des Wassers . „ Heiliger Gott , “ sagte sie dann , „ war das nicht die Sanna , Nellychen , die dort zwischen den Bäumen ging ? Jetzt ist sie hinter den Ellern und Weiden , – ich habe sie lange nicht gesehen , aber ich meine , ihr Gang ist ’ s gewesen . Siehst Du , wahrhaftig sie ist ’ s , “ rief sie und deutete auf die große Gestalt in dem dunklen Kleide und der weißen Schürze , die eben eilig die Brücke betrat . „ Die Sanna ! “ rief auch Nelly und sprang auf , „ mein Gott , was ist denn da passirt ? “ „ Die Frau Baronin lassen bitten , “ tönte die fremdartig accentuirte Stimme der alten Dienerin , deren harte Züge von eiligem Gehen geröthet erschienen , „ das gnädige Fräulein sollen sofort zu ihr kommen . “ „ Um Gott , Sanna ! “ fragte hastig das junge Mädchen , ihre Stickerei zusammenraffend , „ was ist passirt ? Zur Mama soll ich kommen oder zur Großmama ? “ „ Zur Frau Großmama natürlich , “ erwiderte die Alte , ohne auch nur den Blick zur Muhme oder zu Lieschen zu wenden , die der Freundin behülflich waren , die bunte Wolle in den Korb zu legen , „ die Frau Großmama ist sehr böse , daß Sie nicht zu Hause waren , so böse , daß ich mich sofort aufmachte , um hierher zu laufen , weil die Frau Mama meinte , Sie wären wieder in der Mühle , und Heinrich hatte keine Zeit ; er muß Briefe auf die Post tragen . “ „ So sag ’ s doch , Sanna , “ bat Nelly und schaute angsterfüllt zu der großen hageren Frau hinauf , „ ist jemand krank oder sind schlechte Nachrichten da ? “ „ Die Frau Großmama hat einen Brief mit einer Trauernachricht bekommen , “ erwiderte die Alte und streifte mit finsteren Blicken die Muhme , die aufgestanden war . „ Um Gotteswillen ! “ schrie Nelly , und schaute mit Entsetzen zu Sanna hinüber , „ es ist doch nicht Army ? Sanna , liebste Sanna , Du weißt es gewiß – sag ’ s doch ! Ich bitte Dich , “ und sie lief zu ihr hinüber und faßte flehend ihre Hände . Lieschen aber setzte sich auf die Steinbank , es war ihr , als trügen sie ihre Füße nicht länger , und sie schaute mit großen weitgeöffneten Augen wie abwesend auf die Gruppe . „ Ich weiß es nicht , “ erwiderte achselzuckend die alte Dienerin , während Nelly die Hände vor ’ s Gesicht schlug und abermals schluchzend ausrief : „ Army ! Allmächtiger Gott , wenn es Army wäre ! “ „ Beruhige Dich , Nellychen , “ tröstete jetzt die Muhme und nahm das weinende Mädchen in die Arme , „ Dein Bruder ist es nicht ; sie würde sonst nicht so ruhig dastehen – geh rasch nach Hause und sei getrost ! Er ist es nicht . “ „ Ach , Muhme , “ schluchzte sie , „ ich kann vor Angst kaum stehen . “ „ Meinen Sie nicht , gnädiges Fräulein ! “ sagte nun auch die alte Sanna , das „ gnädige Fräulein “ scharf betonend ; „ die Gräfin Stontheim ist gestorben , mir hatte aber die Frau Großmama verboten , hier in der Mühle davon zu sprechen , denn sie will alles Geklatsche möglichst vermeiden , und hier – “ Sie verschluckte das Uebrige , indem sie einen feindseligen Blick auf die Muhme warf , die noch immer neben dem weinenden Mädchen stand . „ Nun , nun , “ bemerkte diese , „ Ihr könnt ’ s immer für Euch behalten , Jungfer Sanna , was geht ’ s mich an , ob die Tante gestorben ist oder nicht . Aber Ihr braucht darum dem armen Kinde nicht solchen Schrecken in die Glieder zu jagen mit der Todesnachricht ; es war noch Zeit , wenn sie es zu Hause erfuhr . “ „ Ich habe mit Ihnen gar nichts zu verhandeln ; ich thue , was mich meine Herrschaft heißt , “ erwiderte die alte Dienerin geringschätzig . „ O ja ! Dafür kenne ich Euch noch von früher “ , sagte die Muhme , der das Blut plötzlich hell in das Gesicht stieg ; sie sah ihre Freundin durchdringend an . „ Ich komme ein Stückchen mit Dir , Nelly , “ rief Lieschen , wie aus einer Erstarrung erwachend , und folgte der voran eilenden Freundin , während Sanna keine Miene machte , ihr zu folgen , vielmehr wie angewurzelt stehen blieb . „ Was meinen Sie denn ? “ fragte sie und schaute mit dem Ausdruck unversöhnlicher Feindschaft zu der Muhme hinüber , die eben das Kaffeeservice zusammensetzte . Wie diese beiden Frauen sich gegenüberstanden , war es unverkennbar , daß hier ein alter , lange verhaltener Haß in einem Augenblick wieder in vollen lodernden Flammen emporschlug . „ Was ich meine ? “ erwiderte die Muhme und trat , ihre ehrlichen Augen auf die große dunkle Gestalt richtend , furchtlos einen Schritt näher . „ Was ich meine ? Ei , Jungfer Sanna , das solltet Ihr doch nicht erst fragen ; ich seh es an Eurem Gesicht , daß Ihr es wißt , gar genau wißt – es hat doch gewiß oft genug an Eurem Kopfkissen geruckt und gezuckt und Euch nicht schlafen lassen in langen bangen Nächten , und hat auf Eurer Brust gelegen wie ein Alp , der nicht gewichen ist , und wenn Ihr hundertmal Euren Rosenkranz abgebetet habt und alle Heiligen angerufen – das war das Gewissen , Jungfer Sanna , und ein böses Gewissen hat Wolfszähne ; die fassen scharf und tief – “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 47 , S. 769 – 774 Fortsetzungsroman – Teil 8 [ 769 ] „ O miserocordia ! “ rief Sanna und schlug die Hände mit einer leidenschaftlichen Geberde des Zornes zusammen ; „ das hab ’ ich davon , daß ich selbst hergelaufen bin ; die Frau Baronin hat Recht gehabt , wenn sie es stets verbot , daß man sich mit dem plebaglio , dem miserabile einlassen sollte . “ „ Was Eure Baronin sagt , ist mir ganz gleichgültig , “ erklärte die Muhme , „ und Eure italienischen Schimpfwörter könnt Ihr sparen ; die verstehe ich nicht , aber Eins muß ich Euch doch noch sagen , Jungfer Sanna , da es der Zufall will , daß wir zusammen kommen – ich habe mich lange darnach gesehnt , es zu thun : Ihr und Eure Baronin , Ihr tragt eine Sünde auf dem Gewissen , die himmelschreiend ist . Vielleicht habt Ihr gemerkt , es weiß Niemand darum , vielleicht habt Ihr auch richtig erkannt , daß es Eine giebt , die doch den Hergang kennt und weiß , wie es gekommen ist , daß ein junges blühendes Leben in ’ s Grab sinken mußte , ich sag ’ s Euch aber , und Ihr könnt ’ s der gnädigen Frau dort oben bestellen : Gott sieht eine Zeit lang durch die Finger , aber nicht ewig , und er läßt sich nicht spotten , und ich – ich , die alte Muhme aus der Papiermühle – ich bete noch jeden Abend zum lieben Gott , daß er mich einen Tag erleben läßt , wo ich es Eurer stolzen Frau in ’ s Gesicht sagen kann , daß sie eine – “ „ Cielo ! “ kreischte die Italienerin und focht mit den Händen in der Luft , „ welch eine verrückte Person ! Ich wundere mich , daß Sie nicht sagen , wir haben das hochmütige Ding gemordet . “ „ Das könnte ich mit vollem Recht behaupten , “ beharrte die Muhme , „ und wenn Keins hochmüthiger war als sie , so ständ ’ s wohl in der Welt . “ Das soll ich mir sagen lassen ? rief dunkelroth die alte Sanna , „ wollen Sie vielleicht nicht auch behaupten , daß wir ihr Gift eingegeben oder sie erdrosselt haben ? Wenn die Jungfer Lisett starb , so ist sie selbst schuld daran gewesen ; was hat sie sich einzubilden , der Herr Baron würde sie heirathen ! Was fängt sie Liebschaften an , die über ihren Stand gehen ! So ein Herr hat hundert Augen und sieht mehr als ein schönes Mädchen . “ „ So ? “ rief jetzt die alte Frau und setzte hastig das Präsentirbrett mit den Tassen , welchem sie eben hochgenommen , wieder hin – „ wollt Ihr den Baron Fritz auch noch verleumden ? Der ist besser gewesen als die ganze Sippschaft da droben “ – sie deutete nach dem Schlosse – „ zusammengenommen , und wenn er ein leichtsinniger Bursch ward , so ist ’ s abermals Eure Schuld . Was nun das Einbilden anlangt , so hat sich die selige Lisett gar nichts eingebildet ; sie ist des Barons Fritz ehrliche Braut gewesen und wäre , so wahr ich hier stehe , seine Frau geworden , wenn nicht falsche , elende Menschen , noch schlimmer als Räuber und Mörder , sie auseinander gerissen hätten . “ Sanna lachte rauh und höhnisch . „ Meinen Sie wirklich ? Und ich sage : so wahr sie Lumpenmüllers Lisett war , so gewiß ist für dergleichen Art kein Platz dort oben . “ „ Hoffahrt steckt immer den Schwanz über ’ s Nest , “ sagte die Muhme verächtlich , „ unsere Art ist Gott sei Dank zu gut und zu brav und paßt nicht in solche Sündenwirthschaft , wie sie dazumal droben war . Die Derenberg ’ s waren immer Leute von altem Schrot und Korn ; denen saß der Adel nicht nur im Geblüte , sondern auch im Gemüthe , und so war es recht , aber seitdem – na , Ihr wißt , was ich meine – im Grabe hätten sie sich umgedreht , alle mit einander in dem alten Erbgewölbe , hätten sie gewußt , wie weit es noch kommen thät mit ihrer stolzen Sippe . “ „ Muhme ! Muhme ! “ rief die ängstliche Stimme der Hausfrau aus dem Fenster . „ Gleich , Minnachen ! “ erwiderte sie und nahm das Präsentirbrett auf ; „ ich komme schon . Du weißt , wir Alten reden gern von altem Käs , besonders wenn man sich so lange nicht gesehen hat , wie die Jungfer Sanna und ich , “ und dann schritt sie über die Schwelle , ohne sich noch einmal umzuwenden . „ Aber Muhme , um Gott ! “ sagte vorwurfsvoll die Frau Erving , als die alte Frau mit gerötetem Gesicht in ’ s Zimmer trat ; „ was machst Du für Geschichten ! Ich hab ’ mich gefürchtet , so böse sah die große finstere Person aus – “ „ Ich nicht , Minnachen , ich nicht , “ erwiderte die alte Frau triumphirend , „ es war eine Wohlthat für mich , daß ich einmal sprechen konnte . Jahrelang hab ’ ich darauf gewartet ; mitunter glaubt ’ ich schon , ich müsse sterben , ohne daß ich es ihnen in ’ s Gesicht gesagt , was sie für eine große Sünde gethan haben , und nun heut – o , ich bin noch viel zu sanft gewesen , aber hätte ich das falsche Weibsbild nicht unter Gottes freiem Himmel gehabt , sondern in meiner Stube , da hättest Du hören sollen , Minnachen – “ „ Muhme ! Muhme ! ‚ Mein ist die Rache ! ‘ Was würde der Herr Pastor sagen wenn er Dich jetzt sähe ! “ „ Ich will mich nicht rächen , “ sagte die alte Frau leise , „ denn auf Rach ’ folgt allemal ein Ach ! Aber glaube mir , wie [ 770 ] ich sie so dastehen sah , das Frauenzimmer , das zu dem Unglück mitgeholfen hat , da war mir ’ s gerade , als gösse mir Jemand siedend Oel in ’ s Herz – “ sie brach ab , denn eben trat Lieschen in ’ s Zimmer . „ Die Gräfin Stontheim ist richtig gestorben , “ erzählte diese , „ Nelly ’ s Mutter sagte es , als sie uns im Park begegnete . Army hat geschrieben , sie würde schon morgen beigesetzt , und nach dem Begräbniß will er seine Braut wieder hierher bringen ; die Hochzeit soll gar nicht verschoben werden , es bleibt alles beim Alten . Sag ’ mal , Muhme , war die Sanna , die ich erst am Waldweg traf , bis jetzt bei Dir ? “ „ Bis jetzt , mein Herzel ; es war noch ein lustiges Gespräch , das wir zusammen hatten . “ Das junge Mädchen blickte fragend zu ihr hinüber und setzte sich dann an ’ s Fenster . Die Muhme und die Mutter verließen das Zimmer . Es war so still um das junge Mädchen mit der heimlichen hoffnungslosen Liebe im Herzen . Von den hohen Linden draußen schwebten langsam die gelben Blätter herunter , verblichenes , erstorbenes Frühlingsglück ; ein Paar kleine Vögel flatterten zirpend von Ast zu Ast . „ Wenn er gestorben wäre ? “ flüsterte sie halblaut . „ Aber nein – nein – es ist besser so , lieber Gott , laß ’ ihn noch glücklich werden – um seiner Mutter und um Nelly ’ s willen ! “ – klang es zögernd nach . – – Ein paar Tage waren vergangen ; Lieschen hatte fleißig der Muhme zur Seite gestanden in der Wirthschaft , und häufiger als sonst in der letzten Zeit war auch ihr altes helles Lachen wieder erklungen . „ Lach ’ nur , mein Herzel ! “ sagte die alte Frau einmal in vollem Glück darüber , „ den Lacher hat Gott lieb . “ Sie wird wieder fröhlich , sie hat ’ s überwunden , dachte sie ; das Kind war ja auch noch so jung , und das Leben lag vor ihm so weit und glückverheißend . Und dann trat unwillkürlich der hübsche , blonde , junge Mann vor ihre Seele , der so wenig Wesens von sich machte und doch mit seiner verständig freundlichen Art mehr und mehr Boden in der Lumpenmühle gewonnen hatte „ Es wäre ein Staatspärchen ! “ flüsterte sie halblaut . Heute früh hatte sie ihm eine Weile nachgeschaut , wie er mit dem Hausherrn in aller Frühe , das Gewehr über der Schulter , auf die Jagd gegangen war , und dabei gar wohl bemerkt , wie ein rascher Blick zurückzog zu den Fenstern , hinter denen das Lieschen noch fest schlummerte , und gedacht : „ Wenn sie ihn jetzt so sehen könnte , schmucker kann Keiner sein . “ Aber Lieschen hatte kein Ohr gehabt , als sie ihn nachher gelobt , und nur lachend die Rede immer wieder auf etwas Anderes gebracht . Nun war es Mittag geworden ; die Suppe dampfte schon auf dem Tische der Eßstube , und draußen sprang Lieschen dem zurückkehrenden Vater entgegen , ohne daran zu denken , wer mit ihm kam . „ Guten Morgen , Väterchen ! “ rief sie fröhlich , „ was bringst Du mit ? “ Da wurde sie erst gewahr , daß hinter ihm Herr Selldorf stand , der den grünen Hut von dem lockigen Haar genommen , die Rechte in die des Vaters gelegt hatte und ihn mit einem flehenden Blick ansah . „ Bis auf heute Abend denn , lieber Selldorf , “ hörte sie den Vater sprechen , dann noch ein Händeschütteln , und der junge Mann war verschwunden , ohne sie angesehen zu haben . Der stattliche Vater begrüßte sein Töchterchen wie zerstreut und warf die Jagdtasche ab . „ Wo ist die Mutter ? Ich muß mit der Mutter reden , “ sagte er eilig . „ Aber Friedrich , die Suppe ! “ rief die Muhme aus der Küche . „ Ja so – dann nachher ! “ meinte er . Bei Tische aber da fuhr er oft mit der Hand über das Gesicht , und dann lächelte er , und plötzlich wurde er wieder ernst . Einmal sah er sein Lieschen so forschend und dabei so traurig an , daß diese die Gabel weglegte und fragte : „ Vater , was ist Dir nur passirt ? “ und „ Erving , hast Du etwas Unangenehmes gehabt ? “ fragte auch die Hausfrau . „ Ei bewahre ! “ erwiderte er lustig und zwang sich zur Unbefangenheit . Gleich nach rasch beendeter Mahlzeit folgte er seiner Frau in das Wohnzimmer . Lieschen spazierte im Garten auf und ab und schaute mitunter bange nach den Fenstern der Wohnstube ; endlich ging sie wieder in ’ s Haus , aber da schritt eben die Muhme in die Stube und winkte ihr draußen zu bleiben . Sie setzte sich voll banger Ahnungen auf die Steinbank unter dem Fenster . Drinnen wurde eifrig gesprochen , und endlich hörte sie die Stimme der Muhme : „ Nein , Friedrich , das Eine mußt Du mir versprechen , wenn sie nicht will , dann redet ihr nicht zu , denn gezwungene Eh ’ ist ein ewiges Weh ! “ „ Selbstverständlich ! “ erwiderte der Vater , „ aber man kann ihr doch alle Vortheile und Nachtheile vorstellen . “ Das junge Mädchen dort auf der alten Steinbank war plötzlich bleich geworden wie der Tod . Mit einem Schlage war ihr eine Klarheit über das gekommen , was drinnen verhandelt wurde ; hatte sie denn in einem Traume gelebt ? Ihre Eltern , ihr lieber guter Vater – könnten sie es fertig bringen , sie von sich zu geben ? Sie sollte fort müssen von der alten lieben Mühle mit einem fremden Manne ? Fort von der Mutter , der Muhme und Allem , was ihr lieb und vertraut war ? Sie sollte nicht mehr in ihrem Stübchen wohnen , nicht mehr die Thürme des alten Schlosses da drüben sehen ? Sie preßte die Hände gegen die Brust , und es war ihr , als hörte das Herz auf zu schlagen bei dieser Vorstellung . „ Lieschen , komm einmal herein ! “ tönte jetzt die Stimme ihres Vaters . Mechanisch erhob sie sich und folgte der Weisung . Da stand sie nun in der Wohnstube ; auf dem Sopha saß ihre Mutter , am Fenster die Muhme , und Beide schauten sie so besonders – so innig an , ja , es war , als ob die Mutter geweint habe . Die alte Frau am Fenster erhob sich und schritt hinaus ; sie wollte nicht stören bei dem , was jetzt die Eltern dem Kinde zu sagen hatten ; sie ging still in ihre Stube und nahm die Bibel von ihrer Kommode ; dann setzte sie sich aus den alten Lehnstuhl und faltete die Hände über dem Buche . „ Gott weiß allein was Recht ist , “ flüsterte sie ; „ er mag ihr Herz lenken , und so wird es wohl werden . “ Draußen lagen die Strahlen der Herbstsonne auf dem bunten Asternflor , und lange weiße Fäden hatten sich wie alberne Schleier um die halbentlaubten Stachelbeersträucher gehängt . „ Wenn es wieder Frühjahr wird , wie mag es dann hier im Hause stehn ? “ Sie dachte an ihren Liebling , der da drüben so plötzlich vor die wichtigste Entscheidung im Leben gestellt worden – wie wird Lieschen die Eröffnung aufnehmen ? Ob sie wirklich nicht bemerkt hatte , wie lieb sie dem jungen Manne geworden ? Und ob sie ihn nicht ein klein wenig – „ Ach nein ! “ Die alte Frau schüttelte den Kopf , sie wußte , wie es in dem jungen Herzen aussah – „ Nein , sie liebt ihn nicht , und wenn sie ihm dennoch ihr Jawort gäbe , sich zwänge , weil es die Eltern wünschten – würde sie dann glücklich werden ? Ach , gezwungene Lieb ’ und gemalte Wangen , die dauern nicht . Das arme Kind ! “ flüsterte sie vor sich hin . „ Wenn sie ihr nur nicht so zureden ! Minnachen , die thut ’ s nicht , aber der Friedrich , der Friedrich , der hat einen Narren an dem Jungen gefressen . “ Sie schlug das alte Buch auf und blickte auf die vergilbten Blätter , aber sie vermochte nicht zu lesen ; die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen , und die Hände zitterten ihr , – und nun faßte es leise auf die Thürklinke – wird jetzt das Gesicht einer fröhlichen jungen Braut hereinschauen , mit dunkler Gluth übergossen ? Die alte Frau hielt dea Athem an ; da öffnete sich langsam die Thür , und das junge Mädchen stand auf der Schwelle ; war sie denn gewachsen seit vorhin ? Sie trat ruhig herein ; auf dem bleichen Gesicht lag tiefer Ernst . „ Muhme , “ sagte sie leise , „ ich habe nein gesagt . “ Die Muhme antwortete nicht ; sie nickte nur wie zustimmend mit dem Kopfe . „ Du bist ihm nicht gut , Kind ? “ fragte sie dann . „ Sieh , es