, sein Herz war unwiderruflich mein . Dies Gefühl ließ es mich auch neidlos mit ansehen , wie Ruth , als man zu Tische ging , mit ihrem süßesten Lächeln zu Eberhardt sagte : » Deinen Arm , Vetter . « Ich folgte allein und unbeachtet hinterher , leise drückte ich meinen Ring an das Herz , während die hohe Gestalt Eberhardts mit ritterlicher Aufmerksamkeit die schöne Frau am Arme führte . In der Tür des Speisesaales sah sie sich um . » Ach , Gretchen , so allein ? Ich werde dafür sorgen , daß morgen auch ein Kavalier für Sie da ist . Mama mag Pastor Renner einladen , er soll ja wohl ein netter Mann sein ! « Dabei blitzten mich die schönen Augen an . Eberhardt hatte sich gleichfalls rasch umgewendet und schien auf das , was ich entgegnen würde , gespannt zu sein . Ich überhörte den » Kavalier für morgen « und sagte ganz ruhig : » Ihre Frau Mutter schätzt den Herrn Pastor sehr hoch , Gräfin , ein sicherer Beweis , daß er ein netter Mann ist . « Ich redete Ruth stets » Frau Gräfin « an , sie hatte es mir deutlich zu verstehen gegeben und mich sofort » Sie « genannt . Wenn Frau v. Bendeleben zu mir von Ruth sprach , so sagte sie stets : » Die Gräfin Satewski ist nicht wohl « , oder : » Die Gräfin sagte mir « usw. Die Gräfin wandte sich ob meiner herben Antwort mit einem Aufzucken ihres kleinen Mundes ab und bemerkte zu Eberhardt : » Elle sait bien déguiser ses pensées . « Ja , ich wußte meine Gedanken zu verbergen , aber andere Gedanken , als sie meinte . Warum wurde mir doch immer dieser junge Nachfolger meines Vaters entgegengestellt ! Bei Tische war die Unterhaltung so lebhaft , wie wohl selten in unserem kleinen Kreise . Die junge Gräfin war nicht allein schön , sie war auch geistreich , und hatte jene leichte Unterhaltung gelernt an den Teetischen der schönen Welt Wiens . Man sprach über die Hochzeit Hannas und kam von da auf Hochzeiten und Ehen im allgemeinen . » Eine glückliche Ehe kann nur die sein « , erklärte Ruth zu Hanna gewendet , » wo die Frau es versteht , ihrem Manne nie langweilig zu werden , wo sie immer Neues entfaltet , seien es auch manchmal kleine Launen und Kapricen . Er wird sich dann glücklicher fühlen , wie mit einer sogenannten guten , gehorsamen Frau , die ihm stets den Wunsch an den Augen abliest und ihm nie Gelegenheit gibt , sich über sie zu wundern , zu ärgern oder zu freuen . Ich rate dir , Schwesterchen , laß nie in deinem Hause alle Uhren richtig gehen , alle Zimmer aufgeräumt sein – der gute Mann findet das bald langweilig , lieber tue ihm nichts zu Willen . « » Die glücklichste Ehe ist die , wo Mann und Frau sich ineinander schicken und fügen , und wo weder er noch sie sich durch Kapricen und Launen aufs neue interessant machen müssen . Ich wäre nicht der Mann , der sich durch solche Mittel fesseln ließe . Mir scheint an einer Frau nichts mehr entstellend , als gewisse kokette Kapricen . Und ist der Mund noch so hübsch , den sie schmollend verzieht , und sind die Füßchen , mit denen sie im Zorne auftritt , die zierlichsten der Welt , ich würde das nie bewundern . Anstatt daß die Langeweile mir verginge , würde der Unmut bei mir einziehen . Glücklich könnte ich mich dabei nie fühlen . « Bergen hatte diese Worte ernst und etwas erregt gesprochen und erfaßte die Hand seiner Braut . Ruth lächelte etwas spöttisch . » Da haben Sie eine glückliche Wahl getroffen , Leutnant v. Bergen . Meine sanfte Schwester wird weder den Mund schmollend verziehen noch mit den Füßen auftreten . Wenn sie etwas erreichen will – so wird sie Kopfschmerzen bekommen und Migräne . Auch das ist Abwechslung , wenn auch im Grunde nur Laune und Unart , c ' est tout à fait égal – so oder so , aber immer noch besser als ewig gutes Wetter . « » Wenn Hanna etwas erreichen will « , sagte Bergen , dem diese Auseinandersetzungen der schönen Frau unangenehm zu sein schienen , » so wird sie es mir mitteilen , und wenn ihre Wünsche erreichbar sind , woran ich nicht zweifle , so hat sie nicht nötig , Migräne zu bekommen , wozu sie , Gott sei Dank , auch keine Anlagen zu besitzen scheint . « » Wenn ihre Wünsche vernünftig sind ! « lachte die schöne Frau . » Als ob ein Mann jemals einen Wunsch seiner Frau vernünftig gefunden hätte ! Will sie ausfahren bei warmem Wetter , so staubt es zu sehr . Ist es kühl , so holt man sich den Schnupfen . Hat man Lust , in die Oper zu gehen , so ist das Stück jedesmal uninteressant . Kurz und gut , sobald man nicht stets mit einstimmt , wenn dem Gebieter etwas paßt , ist man unbequem und langweilig , und stimmt man ihm bei , so ist man erst recht langweilig . Also amüsiere ich mich doch lieber und quäle ihn mit ein paar Launen , dann ist die Langeweile doch nicht ganz so langweilig . « Sie hielt die kleine , schmale Hand vor den Mund und verbarg ein Gähnen . Bergen sah ärgerlich aus und bemerkte etwas scharf : » Sie müssen traurige Erfahrungen gemacht haben , Gräfin . « Dann sah er seine Braut an , als wollte er sagen : » Wir werden uns nie miteinander langweilen . « Ruth warf ihm einen finsteren Blick zu für seine Bemerkung und wollte eben den Mund zu einer bitteren Entgegnung öffnen , als Eberhardt , der bis dahin einen stummen Zuhörer , wie wir anderen , abgegeben hatte , sagte : » Die Langeweile , von der du sprichst , Ruth , kann doch nur da vorkommen , wo ein Ehepaar keine andere Beschäftigung hat , als nur sich zu leben , das heißt , wo der Mann keine Stellung und kein Amt besitzt , als etwa seine Renten einzuziehen und seine Zinsen zu berechnen , und die Frau ihrem Hause nicht vorzustehen braucht , weil sie sich Leute genug halten kann , nur Toilettensorgen hat und Bälle und Gesellschaften besucht . Wenn aber der Mann ein Amt bekleidet , die Frau wirklich Hausfrau ist , das heißt ihrem Haushalt vorsteht , teilnimmt an der Wirtschaft , für Mann und Kinder sorgt , da sind die wenigen Stunden , die sie zusammen verleben , für den müdegearbeiteten Mann Erholungsstunden , und ich glaube nicht , daß die Langeweile einkehren wird . « Bergen nickte ihm zu , aber Ruth bemerkte nachlässig , an solch bürgerliche Verhältnisse habe sie nicht gedacht . » Ja , ich denke mir es wenigstens so « , meinte Eberhardt , ihre Bemerkung überhörend , » und wenn ich verheiratet sein werde und , müde und bestaubt vom Dienste , in mein behagliches Heim komme , wo meine Frau mich empfängt , so bin ich überzeugt , daß ich nie Langeweile verspüren werde . « Ruth machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand , als wollte sie sagen : » Hör auf ! hör auf ! « und der Baron mischte sich in das Gespräch : » Nun ist ' s genug des Disputierens . Ihr sprecht wie Blinde von der Farbe . In der Ehe kommt alles mögliche vor , auch Langeweile . Bergen nimmt es förmlich übel , daß man an die Möglichkeit denkt , Hanna könnte sich mit ihm langweilen . Wilhelm rollte eine wahre Idylle vor unseren Augen auf – man sieht ihn schon von einem anstrengenden Marsch sich auf das Sofa strecken , und die allerliebste Frau bringt ihm eine Tasse Kaffee – nur Grete sagt nichts . Was meinst du denn dazu , kleine Weisheit ? « Ich saß stillselig dabei , präsentierte wirklich in Gedanken Eberhardt eine Tasse Kaffee und wischte ihm den Staub von der Stirn . Oh , was für ein reizendes Bild hatte er da hingezaubert ! » Was ich dazu sage ? Ich denke , wenn sich ein Paar Menschen recht liebhaben , dann ist alles wunderschön , sogar die Langeweile ! « Ein freudiger Blick Eberhardts lohnte mir , der Baron und Hanna lachten , nur Frau v. Bendeleben und die schöne Witwe schienen längst an etwas anderes zu denken . Ruth erhob sich , erklärte , sie sei angegriffen , und zog sich zurück , nachdem sie nochmals Eberhardt freundlich zugelächelt hatte , als er ihr die dargereichte Hand küßte . Mich hatten die einfachen Worte Eberhardts so glücklich gemacht , daß ich am anderen Tage ohne Neid mit ansah , wie Gräfin Satewski mein Pferd bestieg , um mit dem Brautpaar und Eberhardt bei der ungewöhnlich milden Luft einen Spazierritt zu machen . Es war kein drittes Damenpferd im Stall , und da die schöne Frau durchaus Luft schöpfen wollte und den Vorschlag des Barons , zu fahren , mit Achselzucken ablehnte , so wußte man keinen anderen Rat , als mich pro forma zu ersuchen , Frau v. Bendeleben Gesellschaft zu leisten , während die anderen ausritten . Ich sah , wie Eberhardt ihr die Hand bot , wie sie das Füßchen hineinsetzte und sich dann mit der Grazie einer vollendeten Reiterin in den Sattel schwang . Meine hübsche Suleika bäumte sich hoch auf , so energisch ergriff die kleine Hand den Zügel . Sie ritten nebeneinander , Bergen und Hanna waren schon voran , und ich stand am Fenster und fing den Gruß Eberhardts auf . Wie stattlich sah er aus ! Als sie nach zwei tödlich langen Stunden zurückkamen , die ich mit der seit ihrer Tochter Heimkehr merkwürdig schweigsam gewordenen Frau v. Bendeleben verlebt hatte , sah die schöne , junge Frau rot und ärgerlich aus . Sie ging sofort in ihr Zimmer und kam erst zum Abendessen herüber . Hatte sie geweint ? Es war , als ob die großen , dunklen Sterne noch in Tränen blitzten . Pastor Renner war erschienen . Eberhardt schritt diesmal rasch an seiner Cousine vorbei und bot mir den Arm . Sie ging mit dem » für mich eingeladenen Kavalier « zu Tische . Das amüsierte mich . Als im Laufe des Abends Eberhardt Gelegenheit hatte , mit mir einige Worte leise zu sprechen , sagte er : » Man scheint hier Pläne für deine Zukunft zu schmieden , nimm dich in acht . « Ich verstand ihn damals nicht recht , und erst als Hanna mir später , kurz vor der Hochzeit , erzählte : » Gretel , unten haben sie heute nachmittag Heiratspläne für dich gemacht « , ging mir ein Licht auf . » Wer hat diese Plane gemacht ? « fragte ich . » Nun , Mama , Papa und Ruth . « » Wen soll ich , und wer soll mich denn beglücken ? « » Na , Gretel , welche Frage ! Es gibt nur einem , und dieser eine ist der Pastor , Mamas erkorener Liebling . « Ich mußte doch lächeln , obgleich ich mich ärgerte , aber ich dankte Gott , daß ich nun wußte , wie es stand . Ruth hatte mich in letzter Zeit mit herablassender Freundlichkeit behandelt . Sie war launisch wie immer , hatte meistens Kopfschmerzen , und hielt es nur dann der Mühe wert , einigermaßen liebenswürdig zu sein , wenn Bergen und Eberhardt erschienen . Von ihrer Absicht , nach Wien zurückzukehren , sobald die tiefste Trauer vorüber sei , sprach sie nicht mehr . Auf die vielen Briefe an die alte Gräfin Satewski war nämlich anfänglich keine Nachricht , dann aber ein Brief ihres Sekretärs an die verwitwete Gräfin Satewski , Hochgeboren , eingelaufen , mit der untertänigsten Benachrichtigung , daß die Frau Gräfin Mutter noch zu sehr von dem Schmerz um den so plötzlich dahingeschiedenen Sohn ergriffen sei , als daß sie die fortwährende Erinnerung , die das Dortsein seiner jungen Witwe mit sich bringen würde , zu ertragen vermöchte . Die Frau Gräfin wolle bestimmen , was sie von ihren Sachen , Dienerschaft , Equipagen und Pferden nachgesandt zu haben wünsche , es werde sofort zu ihrer Verfügung stehen . Den Inhalt dieses Briefes erfuhr ich durch Hanna , die ganz verwundert meinte , die alte Gräfin müsse doch eine sonderbare Frau sein . Frau v. Bendeleben wurde , wenn möglich , noch schweigsamer . Ruth sprach mit etwas erzwungener Gelassenheit von den Zimmern , die sie sich in dem Flügel des Schlosses , wo die Fremdenstuben lagen , einzurichten gedenke , und meinte , daß sie um jeden Preis ihre Lady Arabella , ein englisches Pferd , und die Josepha , ihre Kammerjungfer , haben müsse . » Deine Möbel und das Pferd laß kommen , die Zimmer sollen dir eingerichtet werden . Aber deine Wiener Kammerjungfer bleibt , wo sie ist « , erklärte der Baron sehr kühl . Ruth weinte einen halben Tag über diese Abfertigung und bestürmte dann die Mutter mit Bitten . Als diese nicht zu erweichen war – weshalb , weiß ich nicht – beruhigte sie sich und schrieb an ihren cher cousin Eberhardt , ob er ihr nicht eine passende Person als Zofe in G. ausfindig machen könnte . Die Antwort war sehr kurz . » Er bedaure , er habe gar keine Gelegenheit , sich nach einer solchen umzusehen . « Sie erzählte diese lakonische Antwort ganz empört bei Tische . » Wie ist ' s möglich , so ungalant zu sein ! « rief sie . » Oh , mein schönes Wien , das wäre mir dort nicht geboten worden ! « Inzwischen war der Hochzeitstag Hannas , der 5. Februar , immer näher gekommen . Die Trauung sollte im Schlosse stattfinden , und nur ein paar Kameraden Bergens , der Oberst v. Rosenberg mit Frau und Nordheims zugegen sein . Wir alle waren eine Woche vorher nach G. gefahren , um die neu eingerichtete Wohnung des jungen Paares zu sehen . Hanna allein blieb zu Hause , sie sollte ja überrascht werden . Die Wohnung lag im zweiten Stock eines ganz hübschen Hauses , aber steile Treppen , niedrige Zimmer und wenig Räume . Hannas Zimmer , Bergens Zimmer , ein Salon , ein Schlafzimmer und Wirtschaftsräume – das war alles . Ich konnte kaum einen Ausruf des Entzückens unterdrücken . Wie gemütlich , wie traut und zierlich sah das alles aus ! Man sah , Bergen hatte alles überwacht und angeordnet , jedem Möbel und Bilde , jeder Statuette seinen Platz angewiesen . – Wie reizend dort das Plätzchen am Eckfenster , der zierliche Nähtisch mit dem Sessel davor , halb versteckt hinter duftigen , weißen Vorhängen . Hier wird sie sitzen , die niedliche , blonde Frau , und aufpassen , wenn er vom Dienste nach Hause kommt . Ein sehnsüchtiges Verlangen , auch so nahe am Ziele zu sein , erfaßte mich . Ich sah mich um nach Eberhardt : da stand er , und halb gerührt , halb freudig bewegt , schaute er zu mir herüber . Oh , ich wußte , er dachte dasselbe wie ich . Die schöne Frau in den schwarzen Kleidern betrachtete sich dieses gemütliche Heim mit einer Miene , die erstaunt und geringschätzig zugleich war . Sie blickte zur niedrigen Decke empor und riß den Samtpelz auf , indem sie tief Atem holte , als müsse sie ersticken . Sie sah aus , als wolle sie jeden Augenblick etwas von bürgerlichen Verhältnissen sagen . Auch Frau v. Bendeleben schien sich hier nicht wohl zu fühlen und äußerte verschiedene Male zu Bergen , sobald sich eine bequemere und elegantere Wohnung finde , müsse er diese wieder aufgeben . » Wie wird sich Hanna in diesen kleinen Räumen gewöhnen ? « fragte sie Ruch . » Ausgezeichnet gut , natürlich ! « entgegnete diese . » Hanna paßt wie geschaffen für eine – « sie verschluckte das letzte Wort und schwieg , aber der Zug um den Mund war noch spöttischer geworden . Bergen strahlte vor Glück und schien gar nicht zu bemerken , daß die beiden Damen nicht in meine laute Bewunderung mit einstimmten . Er zeigte mit der Miene eines kleinen Krösus alle seine Schätze , und war völlig derselben Meinung wie ich , daß es auf der ganzen Welt nichts Gemütlicheres und Trauteres geben könne als dieses kleine Heim . Die acht Tage vergingen rasch , und am Vorabend der Hochzeit stiegen wir beide , Hanna und ich , zum letzten Male zusammen die Treppen hinan zu unserem Turmstübchen . Ich war unendlich wehmütig gestimmt . Mit Hannas Fortgehen brach für mich ein ganz anderes Leben an . Wir hatten uns sehr lieb , und wenn sie auch nicht die Vertraute meiner Liebe war , so wußte ich doch , daß sie an allem , was mich betraf , den innigsten Anteil nahm . Auch sie hatte Tränen in den Augen , als wir uns oben in unserem kleinen Heim befanden . Nach langem Blick überschaute sie das Gemach und schien von jedem Möbel Abschied nehmen zu wollen . Arm in Arm standen wir so , dann sagte sie leise : » Gretel , nun ist es das letztemal , daß wir hier vereint sind . Ich gehe einer glücklichen Zukunft entgegen , und ich will dir offen gestehen , der Abschied von dir und vom Elternhause wird mir zwar recht schwer – aber seit Ruth wieder da ist , liegt ein solcher Druck auf der ganzen Atmosphäre hier , daß ich in einer anderen Luft ordentlich aufatmen werde . Wenn ich nur nicht um dich Sorge hatte ! Ich weiß nicht , wie du es hier aushalten willst , meine gute , liebe Gretel ? « Ich weinte leise . » Ich gehe zu meinem Vater zurück , Hanna , sorge dich nicht um mich . Ich werde dich ja manchmal wiedersehen , und später – « » Nun , und später ? « fragte Hanna . » Ich meine nur « , sagte ich verlegen , » du wirst oft hierherkommen und mich auch einmal besuchen da unten im Dorfe . « » Natürlich , Gretchen , jedesmal . Und du kommst eine Zeitlang zu mir in die Stadt , das versteht sich von selbst . Und nicht wahr , Gretchen , morgen weinst du nicht so viel ! Mach mir den Abschied nicht so schwer und hab ' noch einmal tausend Dank für alle deine Freundschaft und Liebe in guten und bösen Tagen . Könnt ' ich es dir je vergelten ! Du wirst mir stets die schönste Erinnerung sein aus der Mädchenzeit , und nie werde ich unsere Streifereien durch Wald und Feld zu Pferde vergessen , bei denen du so wunderschön gesungen hast . Ach , Gretchen , ich wünschte nur eins für dich : ich möchte dich auch bald so glücklich wissen , wie ich es bin . « Ich küßte gerührt die klaren blauen Augen . » Weißt du , ich habe dir für vieles zu danken , für alles , Hanna ! Du hast mir Mutter und Vater ersetzt , weil ich dich liebhaben durfte , und weil du mich wieder liebhattest . « – Der feierliche Tag war gekommen , der Hanna aus dem Elternhause führen sollte . Die Dienerschaft hatte es sich nicht nehmen lassen , zu Ehren der jungen Braut das ganze Schloß mit Tannenreisern auszuschmücken , wo es nur anzubringen war . Von unserem Zimmer über die Treppe , durch die Halle bis an den Saal , wo die Trauung stattfinden sollte – überall lagen Blumen und Grün gestreut . Lisel und der alte Johann hatten ganz verweinte Gesichter . Sie war von allen geliebt worden im ganzen Hause , die kleine , sanfte Hanna , von der brummigen Schließerin bis zum Stalljungen . Aller Herzen hatte sie erobert , manch gutes Wort für diesen oder jenen eingelegt , und nun wollten ihr die Leute zeigen , wie groß die Verehrung war und wie ungern man sie scheiden sah . Oben saß sie zum letzten Male in unserer Mädchenstube , und Lisel frisierte ihr die schönen blonden Locken . Ich stand im einfachen weißen Kleide und hielt den Myrtenkranz in der Hand , den sie von mir aufgesetzt haben wollte . – Mit aller Gewalt preßte ich die Tränen zurück , wähnend ich den bedeutungsvollen bräutlichen Schmuck in die vollen Haare drückte . Als sie sich erhob und der Schleier über die schweren Falten des langen , weißen Gewandes herabrieselte , da hielten wir uns einen Augenblick fest umschlungen und flüsterten ein inniges Lebewohl , Lebewohl ! Sie sah so wunderlieblich aus , diese kindliche Braut . Das blasse Gesichtchen zeigte Rührung und Glück , ihre Hände zitterten , als sie das prächtige Brautbukett ergriff , und die Bedeutsamkeit des Schrittes , den sie im Begriff war zu tun , übermannte sie beinahe . Zögernd stand sie mitten in der Stube , da hörten wir einen sporenklirrenden Tritt auf dem Korridor . » Er wartet schon « , sagte ich leise . » Komm , Hanna . « Richtig , es klopfte , draußen stand Bergen . Strahlend vor Glück richtete er seine Augen auf die liebliche Braut und reichte ihr den Arm . Ich schritt hinter ihnen die Treppe hinunter . Die ganze Dienerschaft befand sich in der Halle und schaute bewundernd dem Paare nach . Der alte Johann öffnete die Flügeltüren , das Brautpaar trat zu dem mit Orangenbäumen geschmückten Altar , um den bereits im Halbkreise die Angehörigen und die wenigen zu der Feier geladenen Fremden sich versammelt hatten . Heller Sonnenschein flutete durch die hohen Fenster und ließ den Glanz der zahlreichen Kerzen matt erscheinen . Und vom Altar her tönte die Stimme des Geistlichen : » Sei getreu bis in den Tod , so will ich dir die Krone des Lebens geben , das ist der Spruch , den ich euch , geliebtes Brautpaar , auf den Lebensweg mitgeben möchte . « Ein schöner Spruch fürwahr und schöne Worte waren es , die der junge Pastor darüber sagte . Von den Wangen der Braut rann Träne um Träne , und um Frau v. Bendelebens Lippen zuckte es wie von Schmerz und Freude zugleich . Ruth sah marmorbleich aus , schöner als je in der tiefschwarzen Spitzenrobe . Ich stand neben ihr , und als das Brautpaar hinkniete , um den Segen zu empfangen , faßte die kleine Hand krampfhaft in die duftigen Falten des schwarzen Gewandes und ein tiefer , ängstlicher Seufzer entschlüpfte ihren Lippen . Ob sie an ihre Hochzeit gedacht ? Wie sie vor so kurzer Zeit erst dasselbe Gelübde ausgesprochen , das nun der Tod gelöst hatte ? Wer weiß es ! – Als die Zeremonie beendet war , und das junge Paar beglückwünscht wurde , war diese Erregung wieder verschwunden . Sie küßte kalt die junge Frau v. Bergen auf die Stirn , und beim Hochzeitsmahl war sie die lebhafteste von allen . Es schien , als spräche sie gerade deshalb so viel , um böse Gedanken zu verscheuchen , die sich ihr beim Anblick des Brautpaares immer wieder aufdrängten . Sie saß neben Wilhelm v. Eberhardt , ich ihnen gegenüber neben dem jungen Pastor . Es war keine vergnügte Tafelrunde , es hätte von Rechts wegen auf einer Hochzeit fröhlicher zugehen müssen . Die Unterhaltung schleppte sich so weiter , die Hausfrau sprach wenig , dem Baron ging der bevorstehende Abschied von seinem Liebling nahe . Der alte Nordheim ließ zwar in einer hübschen Rede das Brautpaar leben , es kam aber doch keine Munterkeit in die Gesellschaft . Die Leute , der alte Johann an der Spitze , traten mit gefüllten Gläsern ein : » Wir wollten der jungen , gnädigen Frau v. Bergen unsere besten Segenswünsche bringen « , sagte der alte , ehrliche Mann mit den treuherzigen Augen . » Möge es ihr Wohlergehen allezeit , und möge sie , wenn sie der Heimat gedenkt , auch unser nicht vergessen , wie wir das Andenken an die gütige Herrin , die unter unseren Augen groß geworden ist , nie vergessen . « Große Tropfen rannen aus den Augen der jungen Frau , als sie dankend dem alten Diener die Hand reichte . » Nein , Johann « , fügte sie hinzu , » ich vergesse euch alle nicht , wie könnt ' ich das ? « Es war dämmerig geworden , als Bergen sich mit seiner jungen Frau zurückzog , ich folgte ihnen und half den pelzgefütterten Mantel um ihre Schultern legen . Noch einmal umarmten wir uns , und dann hob sie ihr Mann in den Wagen , die vier Pferde zogen an , und der Kutscher , in großer Livree mit der bandgeschmückten Peitsche , fuhr mit einer prachtvollen Schwenkung über den Schloßhof . Noch einmal winkte die kleine Hand heraus aus dem Wagen – und ich stand allein in dem kalten Winde . Die Dienerschaft , die alte Schließerin und Lisel , alle weinten , als ob jemand gestorben wäre . » Die hat ein Herz wie Gold « , sagte der alte Johann . » Der Mann ist glücklich zu preisen ! « Auch ich fühlte mein Auge feucht werden . Mit Hanna war mir so vieles entschwunden . Im Saal war man schon von der Tafel aufgestanden . Die fremden Gäste empfahlen sich bald , und Frau v. Bendeleben zog sich zurück . In dem kleinen Salon wurde uns Tee serviert . Der Baron sah sich im Zimmer um , als müßte jeden Augenblick das blonde Köpfchen Hannas in der Tür erscheinen und ein herzliches neckendes Wort hereinrufen . Ruth lag im Sessel . Durch das schwarze Spitzengewebe ihres Gewandes schimmerte der schneeweiße Hals , die weiten Ärmel waren zurückgeschoben und zeigten die schönsten Arme der Welt . Eberhardt stand am Flügel und sah zu ihr hinüber , seine Stirn in finstere Falten gezogen , die Lippen aufeinander gepreßt . Ich sehnte mich nach einem freundlichen Blick von ihm . Er hätte mir wohl einen kleinen Trost für Hannas Fortgehen geben können . Aber ich wartete vergebens , seine Blicke hingen starr an der schönen Frau im Sessel . Traurig setzte ich mich in die tiefe Fensternische . » Gretel « , bat der Baron , der ruhelos auf und ab wanderte , » weißt du , singe mir ein Lied . « Ich erhob mich , auch Ruch stand auf . » Die Trauerzeit kann doch wohl abgewartet werden , ehe man mir zumutet , lustige Lieder mit anzuhören « , sagte sie in tiefgekränktem Tone . » Doch ich werde hinübergehen in mein Zimmer , dann mag sie singen , soviel sie will . « Der Baron war erstaunt stehengeblieben , Eberhardt drehte sich um und sagte zu mir : » Fräulein Siegismund wird nicht singen , wenn sie dich damit aufregt , liebe Ruth « , und warf mir dabei einen befehlenden Blick zu . Mir war , als hörte ich nicht recht . War das wirklich Wilhelm v. Eberhardt , der so zu mir sprach ? Der Wilhelm , der mich liebte , mein Wilhelm ? Ich wollte ihm noch einmal in die Augen sehen , doch er hatte sich schon wieder gewandt und blickte auf Ruth , die wie ein Kind , das seinen Willen ertrotzt hat , ihren Platz wieder einnahm . Der Baron hatte eine scharfe Bemerkung auf seinen Lippen , die Ader auf der Stirn war gewaltig angeschwollen . Aber er bezwang sich , schritt zur Tür und ging hinaus . Ruch sah ihm gleichgültig nach . » Papa ist furchtbar schlechter Laune « , sagte sie . » Sein blondes Nesthäkchen fehlt ihm überall . Das kleine Schmeichelkätzchen verstand es , ihm die Grillen zu vertreiben . « Eberhardt antwortete nicht , und sah , wenn möglich , noch finsterer aus als vorhin . » Nun , cher cousin , warum so nachdenklich ? « fragte sie wieder und warf ihm kokett eine Blume zu , mit der sie gespielt hatte . Die Blume fiel zur Erde , er machte eine Bewegung , als ob er sich danach bücken wollte . Dann zog er die Hand zurück und blieb in seiner vorigen Stellung . Da trat ich vor , nahm die Blume auf und legte sie neben ihm auf den Tisch , dann verließ ich das Zimmer . Ich ging hinauf in mein einsames Turmstübchen . Wie wundersam war mir zu Sinne ! Etwas wie Eifersucht packte mich , ich wußte ihn dort unten allein mit der schönen , koketten Frau , rief mir zurück , wie er sie angeschaut , und konnte mir nicht erklären , warum er gar keinen freundlichen Blick , kein liebes Wort heute für mich gehabt hatte . Er war sonst damit nicht karg gewesen , noch gestern abend hatte er mir zugeflüstert , daß nun der Tag nicht mehr fern sei , der auch uns für immer vereinigen sollte – und nun kein Blick , kein Wort und diese finstere Miene ? Ich hätte doch nicht fortgehen sollen . Ruth , die schöne Ruth , mit ihr saß er dort unten , und sie schaute er an – es war zum Verzweifeln ! Ich schlich mich wieder hinunter und wollte in das Zimmer gehen . Als ich vor der Tür stand , machte ich mir Vorwürfe , daß ich mißtrauisch sei . Ich sagte mir , daß ich kein Recht habe , an ihm zu zweifeln , daß jeder Mann einmal verstimmt sein könne . Ich wollte ihn morgen fragen , ob ich etwas Unrechtes getan , ob ich ihn unwissentlich beleidigt hätte . Dann mußte sich ja