in welch enthusiastischen Worten der Prinz erst neulich wieder von deiner Schönheit auf dem Massowschen Balle gesprochen habe . Das ist nicht hin , davon blieb dir , und jeder muß es finden , der ihm liebevoll in deinen Zügen nachzugehen den Sinn und das Herz hat . Und wenn wer dazu verpflichtet ist , so ist er ' s ! Aber er sträubt sich , denn so hautain er ist , so konventionell ist er . Ein kleiner ängstlicher Aufmerker . Er hört auf das , was die Leute sagen , und wenn das ein Mann tut ( wir müssen ' s ) , so heiß ich das Feigheit und Lâcheté . Aber er soll mir Rede stehn . Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demütigen , so gewiß er uns demütigen wollte . « Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiegespräch in das Eckzimmer zurück , setzte sich an Victoirens kleinen Schreibtisch und schrieb . » Einer Mitteilung Herrn von Alvenslebens entnehm ich , daß Sie , mein Herr von Schach , heute , Sonnabend abend , Berlin verlassen und sich für einen Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben . Ich habe keine Veranlassung , Ihnen diesen Landaufenthalt zu mißgönnen oder Ihre Berechtigung dazu zu bestreiten , muß aber Ihrem Rechte das meiner Tochter gegenüberstellen . Und so gestatten Sie mir denn , Ihnen in Erinnerung zu bringen , daß die Veröffentlichung des Verlöbnisses für morgen , Sonntag , zwischen uns verabredet worden ist . Auf diese Veröffentlichung besteh ich auch heute noch . Ist sie bis Mittwoch früh nicht erfolgt , erfolgen meinerseits andre , durchaus selbständige Schritte . Sosehr dies meiner Natur widerspricht ( Victoirens ganz zu geschweigen , die von diesem meinem Schreiben nichts weiß und nur bemüht sein würde , mich daran zu hindern ) , so lassen mir doch die Verhältnisse , die Sie , das mindeste zu sagen , nur zu gut kennen , keine Wahl . Also bis auf Mittwoch ! Josephine von Carayon « Sie siegelte den Brief und übergab ihn persönlich einem Boten mit der Weisung , sich bei Tagesanbruch nach Wuthenow hin auf den Weg zu machen . Auf Antwort zu warten war ihm eigens untersagt worden . Sechzehntes Kapitel Frau von Carayon und der alte Köckritz Der Mittwoch kam und ging , ohne daß ein Brief Schachs oder gar die geforderte Verlobungsankündigung erschienen wäre . Frau von Carayon hatte dies nicht anders erwartet und ihre Vorbereitungen daraufhin getroffen . Am Donnerstag früh hielt ein Wagen vor ihrem Hause , der sie nach Potsdam hinüber führen sollte , wo sich der König seit einigen Wochen aufhielt . Sie hatte vor , einen Fußfall zu tun , ihm den ihr widerfahrenen Affront vorzustellen und seinen Beistand anzurufen . Daß es in des Königs Macht stehen werde , diesen Beistand zu gewähren und einen Ausgleich herbeizuführen , war ihr außer Zweifel . Auch über die Mittel und Wege , sich Seiner Majestät zu nähern , hatte sie nachgedacht , und mit gutem Erfolge . Sie kannte den Generaladjutanten von Köckritz , der vor dreißig Jahren und länger , als ein junger Lieutenant oder Stabskapitän , in ihrem elterlichen Hause verkehrt und der » kleinen Josephine « , dem allgemeinen Verzuge , manche Bonbonniere geschenkt hatte . Der war jetzt Liebling des Königs , einflußreichste Person seiner nächsten Umgebung , und durch ihn , zu dem sie wenigstens in oberflächlichen Beziehungen geblieben war , hoffte sie sich einer Audienz versichert halten zu dürfen . Um die Mittagsstunde war Frau von Carayon drüben , stieg im » Einsiedler « ab , ordnete ihre Toilette und begab sich sofort ins Schloß . Aber hier mußte sie von einem zufällig die Freitreppe herabkommenden Kammerherrn in Erfahrung bringen , daß Seine Majestät Potsdam bereits wieder verlassen und sich zur Begrüßung Ihrer Majestät der Königin , die tags darauf aus Bad Pyrmont zurückzukehren gedenke , nach Paretz begeben habe , wo man , frei vom Zwange des Hofes , eine Woche lang in glücklicher Zurückgezogenheit zu verleben gedenke . Das war nun freilich eine böse Nachricht . Wer sich zu einem peinlichen Gange ( und wenn es der » hochnotpeinlichste « wäre ) anschickt und mit Sehnsucht auf das Schreckensende wartet , für den ist nichts härter als Vertagung . Nur rasch , rasch ! Eine kurze Strecke geht es , aber dann versagen die Nerven . Schweren Herzens und geängstigt durch die Vorstellung , daß ihr dieser Fehlschlag vielleicht einen Fehlschlag überhaupt bedeute , kehrte Frau von Carayon in das Gasthaus zurück . An eine Fahrt nach Paretz hinaus war für heute nicht mehr zu denken , um so weniger , als zu so später Nachmittagszeit unmöglich noch eine Audienz erbeten werden konnte . So denn also warten bis morgen ! Sie nahm ein kleines Diner , setzte sich wenigstens zu Tisch , und schien entschlossen , die langen , langen Stunden in Einsamkeit auf ihrem Zimmer zu verbringen . Aber die Gedanken und Bilder , die vor ihr aufstiegen , und vor allem die feierlichen Ansprachen , die sie sich zum hundertsten Male wiederholte , so lange wiederholte , bis sie zuletzt fühlte , sie werde , wenn der Augenblick da sei , kein einziges Wort hervorbringen können – alles das gab ihr zuletzt den gesunden Entschluß ein , sich gewaltsam aus ihren Grübeleien herauszureißen und in den Straßen und Umgebungen der Stadt umherzufahren . Ein Lohndiener erschien denn auch , um ihr seine Dienste zur Verfügung zu stellen , und um die sechste Stunde hielt eine mittelelegante Mietschaise vor dem Gasthause , da sich das von Berlin her benutzte Gefährt , nach seiner halbtägigen Anstrengung im Sommersand , als durchaus ruhebedürftig herausgestellt hatte . » Wohin befehlen gnädige Frau ? « » Ich überlaß es Ihnen . Nur keine Schlösser , oder doch sowenig wie möglich ; aber Park und Garten und Wasser und Wiesen . « » Ah , je comprends « , radebrechte der Lohndiener , der sich daran gewöhnt hatte , seine Fremden ein für allemal als Halbfranzosen zu nehmen , oder vielleicht auch dem französischen Namen der Frau von Carayon einige Berücksichtigung schuldig zu sein glaubte . » Je comprends . « Und er gab dem in einem alten Tressenhut auf dem Bock sitzenden Kutscher Ordre , zunächst in den Neuen Garten zu fahren . In dem Neuen Garten war es wie tot , und eine dunkle , melancholische Zypressenallee schien gar kein Ende nehmen zu wollen . Endlich lenkte man nach rechts hin in einen neben einem See hinlaufenden Weg ein , dessen einreihig gepflanzte Bäume mit ihrem weit ausgestreckten und niederhängenden Gezweige den Wasserspiegel berührten . In dem Gitterwerke der Blätter aber glomm und glitzerte die niedergehende Sonne . Frau von Carayon vergaß über diese Schönheit all ihr Leid und fühlte sich dem Zauber derselben erst wieder entrissen , als der Wagen aus dem Uferweg abermals in den großen Mittelgang einbog und gleich danach vor einem aus Backstein aufgeführten , im übrigen aber mit Gold und Marmor reich geschmückten Hause hielt . » Wem gehört es ? « » Dem König . « » Und wie heißt es ? « » Das Marmorpalais . « » Ah , das Marmorpalais . Das ist also das Palais ... « » Zu dienen , gnädige Frau . Das ist das Palais , in dem weiland Seine Majestät König Friedrich Wilhelm der Zweite seiner langen und schmerzlichen Wassersucht allerhöchst erlag . Und steht auch noch alles ebenso , wie ' s damals gestanden hat . Ich kenne das Zimmer ganz genau , wo der gute gnädige Herr immer › den Lebensgas ‹ trank , den ihm der Geheimrat Hufeland in einem kleinen Ballon ans Bett bringen ließ oder vielleicht auch bloß in einer Kalbsblase . Wollen die gnädige Frau das Zimmer sehn ? Es ist freilich schon spät . Aber ich kenne den Kammerdiener , und er tut es , denk ich , auf meine Empfehl ... versteht sich ... Und ist auch dasselbe kleine Zimmer , worin sich eine Figur von der Frau Rietz oder , wie manche sagen , von der Mamsell Encken oder der Gräfin Lichtenau befindet , das heißt , nur eine kleine Figur , so bloß bis an die Hüften oder noch weniger . « Frau von Carayon dankte . Sie war bei dem Gange , der ihr für morgen bevorstand , nicht in der Laune , das Allerheiligste der Rietz oder auch nur ihre Porträtbüste kennenlernen zu wollen . Sie sprach also den Wunsch aus , immer weiter in den Park hineinzufahren , und ließ erst umkehren , als schon die Sonne nieder war und ein kühlerer Luftton den Abend ankündigte . Wirklich , es schlug neun , als man auf der Rückfahrt an der Garnisonkirche vorüberkam , und ehe noch das Glockenspiel seinen Choral ausgespielt hatte , hielt der Wagen wieder vor dem » Einsiedler « . Die Fahrt hatte sie gekräftigt und ihr ihren Mut zurückgegeben . Dazu kam eine wohltuende Müdigkeit , und sie schlief besser als seit lange . Selbst was sie träumte , war hell und licht . Am andern Morgen erschien , wie verabredet , ihre nun wieder ausgeruhte Berliner Equipage vor dem Hotel ; da sie jedoch allen Grund hatte , der Kenntnis und Umsicht ihres eigenen Kutschers zu mißtrauen , engagierte sie , wie zur Aushilfe , denselben Lohndiener wieder , der sich gestern , aller kleinen Eigenheiten seines Standes unerachtet , so vorzüglich bewährt hatte . Das gelang ihm denn auch heute wieder . Er wußte von jedem Dorf und Lustschloß , an dem man vorüberkam , zu berichten , am meisten von Marquardt , aus dessen Parke , zu wenigstens vorübergehendem Interesse der Frau von Carayon , jenes Gartenhäuschen hervorschimmerte , darin unter Zutun und Anleitung des Generals von Bischofswerder dem » dicken Könige « ( wie sich der immer konfidentieller werdende Cicerone jetzt ohne weiteres ausdrückte ) die Geister erschienen waren . Eine Viertelmeile hinter Marquardt hatte man die Wublitz , einen von Mummeln überblühten Havelarm , zu passieren , dann folgten Äcker und Wiesengründe , die hoch in Gras und Blumen standen , und ehe noch die Mittagsstunde heran war , war ein Brückensteg und alsbald auch ein offenstehendes Gittertor erreicht , das den Paretzer Parkeingang bildete . Frau von Carayon , die sich ganz als Bittstellerin empfand , ließ in dem ihr eigenen , feinen Gefühl an dieser Stelle halten und stieg aus , um den Rest des Weges zu Fuß zu machen . Es war nur eine kleine , sonnenbeschienene Strecke noch , aber gerade das Sonnenlicht war ihr peinlich , und so hielt sie sich denn seitwärts unter den Bäumen hin , um nicht vor der Zeit gesehen zu werden . Endlich indes war sie bis an die Sandsteinstufen des Schlosses heran und schritt sie tapfer hinauf . Die Nähe der Gefahr hatte ihr einen Teil ihrer natürlichen Entschlossenheit zurückgegeben . » Ich wünschte den General von Köckritz zu sprechen « , wandte sie sich an einen im Vestibül anwesenden Lakaien , der sich gleich beim Eintritt der schönen Dame von seinem Sitz erhoben hatte . » Wen hab ich dem Herrn General zu melden ? « » Frau von Carayon . « Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück : » Der Herr General lasse bitten , in das Vorzimmer einzutreten . « Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten . General von Köckritz , von dem die Sage ging , daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen Rubber Whist habe , trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen , entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster Handbewegung , Platz zu nehmen . Sein ganzes Wesen hatte so sehr den Ausdruck des Gütigen und Vertrauenerweckenden , daß die Frage nach seiner Klugheit nur sehr wenig daneben bedeutete . Namentlich für solche , die wie Frau von Carayon mit einem Anliegen kamen . Und das sind bei Hofe die meisten . Er bestätigte durchaus die Lehre , daß eine wohlwollende Fürstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist . Nur freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen . General von Köckritz hatte sich so gesetzt , daß ihn Frau von Carayon im Profil hatte . Sein Kopf steckte halb in einem überaus hohen und steifen Uniformkragen , aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll , während nach hinten ein kleiner , sauber behandelter Zopf fiel . Dieser schien ein eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht und mit einer gewissen Koketterie hin und her , auch wenn an dem Manne selbst nicht die geringste Bewegung wahrzunehmen war . Frau von Carayon , ohne den Ernst ihrer Lage zu vergessen , erheiterte sich doch offenbar an diesem eigentümlich neckischen Spiel , und erst einmal ins Heitre gekommen , erschien ihr das , was ihr oblag , um vieles leichter und bezwingbarer und befähigte sie , mit Freimut über all und jedes zu sprechen , auch über das , was man als den » delikaten Punkt « in ihrer oder ihrer Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte . Der General hatte nicht nur aufmerksam , sondern auch teilnahmevoll zugehört und sagte , als Frau von Carayon schwieg : » Ja , meine gnädigste Frau , das sind sehr fatale Sachen , Sachen , von denen Seine Majestät nicht zu hören liebt , weshalb ich im allgemeinen darüber zu schweigen pflege , wohlverstanden , solange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt nichts zu bessern ist . Hier aber ist zu bessern , und ich würde meine Pflicht versäumen und Seiner Majestät einen schlechten Dienst erweisen , wenn ich ihm einen Fall wie den Ihrigen vorenthalten oder , da Sie selber gekommen sind , Ihre Sache vorzutragen , Sie , meine gnädigste Frau , durch künstlich erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage behindern wollte . Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsre , wo von alter Zeit her die Fürsten und Könige das Recht ihres Volkes wollen und nicht gesonnen sind , der Forderung eines solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen . Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr , der ein starkes Gefühl für das Ebenmäßige des Rechts und eben deshalb einen wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle diejenigen hat , die sich , wie manche Herren Offiziers , insonderheit aber die sonst so braven und tapfren Offiziers von Dero Regiment Gensdarmes , aus einem schlechten Dünkel allerlei Narretei zu permittieren geneigt sind und es für angemessen und löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft halten , das Glück und den Ruf andrer ihrem Übermut und ihrer schlechten Moralité zu opfern . « Frau von Carayons Augen füllten sich mit Tränen . » Que vous êtes bon , mon cher général . « » Nicht ich , meine teure Frau . Aber mein Allergnädigster König und Herr , der ist gut . Und ich denke , Sie sollen den Beweis dieser seiner Herzensgüte bald in Händen halten , trotzdem wir heut einen schlimmen oder sagen wir lieber einen schwierigen Tag haben . Denn wie Sie vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben , der König erwartet in wenig Stunden die Königin zurück , und um nicht gestört zu werden in der Freude des Wiedersehns , deshalb befindet er sich hier , deshalb ist er hierher gegangen nach Paretz . Und nun läuft ihm in dies Idyll ein Rechtsfall und eine Streitsache nach . Und eine Streitsache von so delikater Natur . Ja , wirklich ein Schabernack ist es und ein rechtes Schnippchen , das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt . Er will sich seines Liebesglückes freuen ( Sie wissen , wie sehr er die Königin liebt ) , und in demselben Augenblicke fast , der ihm sein Liebesglück bringen soll , hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe . Das verstimmt ihn . Aber er ist zu gütig , um dieser Verstimmung nicht Herr zu werden , und treffen wir ' s nur einigermaßen leidlich , so müssen wir uns aus eben diesem Zusammentreffen auch noch einen besonderen Vorteil zu ziehen wissen . Denn das eigne Glück , das er erwartet , wird ihn nur noch geneigter machen als sonst , das getrübte Glück andrer wiederherzustellen . Ich kenn ihn ganz in seinem Rechtsgefühl und in der Güte seines Herzens . Und so geh ich denn , meine teure Frau , Sie bei dem Könige zu melden . « Er hielt aber plötzlich wie nachdenkend inne , wandte sich noch einmal wieder und setzte hinzu : » Irr ich nicht , so hat er sich eben in den Park begeben . Ich kenne seinen Lieblingsplatz . Lassen Sie mich also sehen . In wenig Minuten bring ich Ihnen Antwort , ob er Sie hören will oder nicht . Und nun noch einmal , seien Sie gutes Mutes . Sie dürfen es . « Und damit nahm er Hut und Stock und trat durch eine kleine Seitentür unmittelbar in den Park hinaus . In dem Empfangszimmer , in dem Frau von Carayon zurückgeblieben war , hingen allerlei Buntdruckbilder , wie sie damals von England her in der Mode waren : Engelsköpfe von Josua Reynolds , Landschaften von Gainsborough , auch ein paar Nachbildungen italienischer Meisterwerke , darunter eine büßende Magdalena . War es die von Correggio ? Das wundervoll tiefblau getönte Tuch , das die Büßende halb verhüllte , fesselte Frau von Carayons Aufmerksamkeit , und sie trat heran , um sich über den Maler zu vergewissern . Aber ehe sie noch seinen Namen entziffern konnte , kehrte der alte General zurück und bat seinen Schützling , ihm zu folgen . Und so traten sie denn in den Park , drin eine tiefe Stille herrschte . Zwischen Birken und Edeltannen hin schlängelte sich der Weg und führte bis an eine künstliche , von Moos und Efeu überwachsene Felswand , in deren Front ( der alte Köckritz war jetzt zurückgeblieben ) der König auf einer Steinbank saß . Er erhob sich , als er die schöne Frau sich nähern sah , und trat ihr ernst und freundlich entgegen . Frau von Carayon wollte sich auf ein Knie niederlassen , der König aber litt es nicht , nahm sie vielmehr aufrichtend bei der Hand und sagte : » Frau von Carayon ? Mir sehr wohl bekannt ... Erinnre Kinderball ... schöne Tochter ... Damals ... « Er schwieg einen Augenblick , entweder in Verlegenheit über das ihm entschlüpfte letzte Wort oder aber aus Mitgefühl mit der tiefen Bewegung der unglücklichen und beinah zitternd vor ihm stehenden Mutter , und fuhr dann fort : » Köckeritz mir eben Andeutungen gemacht ... Sehr fatal ... Aber bitte ... sich setzen , meine Gnädigste ... Mut ... Und nun sprechen Sie . « Siebzehntes Kapitel Schach in Charlottenburg Eine Woche später hatten König und Königin Paretz wieder verlassen , und schon am Tage danach ritt Rittmeister von Schach in Veranlassung eines ihm in Schloß Wuthenow übergebenen Cabinetsschreibens nach Charlottenburg hinaus , wohin inzwischen der Hof übersiedelt war . Er nahm seinen Weg durchs Brandenburger Tor und die große Tiergartenallee , links hinter ihm Ordonnanz Baarsch , ein mit einem ganzen Linsengericht von Sommersprossen überdeckter Rotkopf mit übrigens noch röterem Backenbart , auf welchen roten und etwas abstehenden Bart hin Zieten zu versichern pflegte , » daß man auch diesen Baarsch an seinen Flossen erkennen könne « . Wuthenower Kind und seines Gutsherrn und Rittmeisters ehemaliger Spielgefährte , war er diesem und allem , was Schach hieß , selbstverständlich in unbedingten Treuen ergeben . Es war vier Uhr nachmittags und der Verkehr nicht groß , trotzdem die Sonne schien und ein erquickender Wind wehte . Nur wenige Reiter begegneten ihnen , unter diesen auch ein paar Offiziere von Schachs Regiment . Schach erwiderte ihren Gruß , passierte den Landwehrgraben und ritt bald danach in die breite Charlottenburger Hauptstraße mit ihren Sommerhäusern und Vorgärten ein . Am Türkischen Zelt , das sonst wohl sein Ziel zu sein pflegte , wollte sein Pferd einbiegen ; er zwang es aber weiter und hielt erst bei dem Morellischen Kaffeehause , das ihm heute für den Gang , den er vorhatte , bequemer gelegen war . Er schwang sich aus dem Sattel , gab der Ordonnanz den Zügel und ging ohne Versäumnis auf das Schloß zu . Hier trat er nach Passierung eines öden und von der Julisonne längst verbrannten Grasvierecks erst in ein geräumiges Treppenhaus und bald danach in einen schmalen Korridor ein , an dessen Wänden in anscheinend überlebensgroßen Porträts die glotzäugigen blauen Riesen König Friedrich Wilhelms I. paradierten . Am Ende dieses Ganges aber traf er einen Kammerdiener , der ihn , nach vorgängiger Meldung , in das Arbeitscabinet des Königs führte . Dieser stand an einem Pult , auf dem Karten ausgebreitet lagen , ein paar Pläne der Austerlitzer Schlacht . Er wandte sich sofort , trat auf Schach zu und sagte : » Habe Sie rufen lassen , lieber Schach ... Die Carayon ; fatale Sache . Spiele nicht gern den Moralisten und Splitterrichter ; mir verhaßt ; auch meine Verirrungen . Aber in Verirrungen nicht steckenbleiben ; wiedergutmachen . Übrigens nicht recht begreife . Schöne Frau , die Mutter ; mir sehr gefallen ; kluge Frau . « Schach verneigte sich . » Und die Tochter ! Weiß wohl , weiß ; armes Kind ... Aber enfin , müssen sie doch charmant gefunden haben . Und was man einmal charmant gefunden , findet man , wenn man nur will , auch wieder . Aber das ist Ihre Sache , geht mich nichts an . Was mich angeht , das ist die Honnêteté . Die verlang ich , und um dieser Honnêteté willen verlang ich Ihre Heirat mit dem Fräulein von Carayon . Oder Sie müßten denn Ihren Abschied nehmen und den Dienst quittieren wollen . « Schach schwieg , verriet aber durch Haltung und Miene , daß ihm dies das schmerzlichste sein würde . » Nun denn bleiben also ; schöner Mann ; liebe das . Aber Remedur muß geschafft werden , und bald , und gleich . Übrigens alte Familie , die Carayons , und wird Ihren Fräulein Töchtern ( Pardon , lieber Schach ) die Stiftsanwartschaft auf Marienfließ oder Heiligengrabe nicht verderben . Abgemacht also . Rechne darauf , dringe darauf . Und werden mir Meldung machen . « » Zu Befehl , Euer Majestät . « » Und noch eines ; habe mit der Königin darüber gesprochen ; will Sie sehn ; Frauenlaune . Werden sie drüben in der Orangerie treffen ... Dank Ihnen . « Schach war gnädig entlassen , verbeugte sich und ging den Korridor hinunter auf das am entgegengesetzten Flügel des Schlosses gelegene große Glas- und Gewächshaus zu , von dem der König gesprochen hatte . Die Königin aber war noch nicht da , vielleicht noch im Park . So trat er denn in diesen hinaus und schritt auf einem Fliesengange zwischen einer Menge hier aufgestellter römischer Kaiser auf und ab , von denen ihn einige faunartig anzulächeln schienen . Endlich sah er die Königin von der Fährbrücke her auf sich zukommen , eine Hofdame mit ihr , allem Anscheine nach das jüngere Fräulein von Viereck . Er ging beiden Damen entgegen und trat in gemessener Entfernung beiseit , um die militärischen Honneurs zu machen . Das Hoffräulein aber blieb um einige Schritte zurück . » Ich freue mich , Sie zu sehen , Herr von Schach . Sie kommen vom Könige . « » Zu Befehl , Euer Majestät . « » Es ist etwas gewagt « , fuhr die Königin fort , » daß ich Sie habe bitten lassen . Aber der König , der anfänglich dagegen war und mich darüber verspottete , hat es schließlich gestattet . Ich bin eben eine Frau , und es wäre hart , wenn ich mich meiner Frauenart entschlagen müßte , nur weil ich eine Königin bin . Als Frau aber interessiert mich alles , was unser Geschlecht angeht , und was ging ' uns näher an als eine solche question d ' amour . « » Majestät sind so gnädig . « » Nicht gegen Sie , lieber Schach . Es ist um des Fräuleins willen ... Der König hat mir alles erzählt , und Köckritz hat von dem Seinen hinzugetan . Es war denselben Tag , als ich von Pyrmont wieder in Paretz eintraf , und ich kann Ihnen kaum aussprechen , wie groß meine Teilnahme mit dem Fräulein war . Und nun wollen Sie , gerade Sie , dem lieben Kinde diese Teilnahme versagen und mit dieser Teilnahme zugleich sein Recht . Das ist unmöglich . Ich kenne Sie so lange Zeit und habe Sie jederzeit als einen Kavalier und Mann von Ehre befunden . Und dabei , denk ich , belassen wir ' s. Ich habe von den Spottbildern gehört , die publiziert worden sind , und diese Bilder , so nehm ich an , haben Sie verwirrt und Ihnen Ihr ruhiges Urteil genommen . Ich begreife das , weiß ich doch aus allereigenster Erfahrung , wie weh dergleichen tut und wie der giftige Pfeil uns nicht bloß in unserem Gemüte verwundet , sondern auch verwandelt und nicht verwandelt zum Besseren . Aber wie dem auch sei , Sie mußten sich auf sich selbst besinnen und damit zugleich auch auf das , was Pflicht und Ehre von Ihnen fordern . « Schach schwieg . » Und Sie werden es « , fuhr die Königin immer lebhafter werdend fort , » und werden sich als einen Reuigen und Bußfertigen zeigen . Es kann Ihnen nicht schwer werden , denn selbst aus der Anklage gegen Sie , so versicherte mir der König , habe noch immer ein Ton der Zuneigung gesprochen . Seien Sie dessen gedenk , wenn Ihr Entschluß je wieder ins Schwanken kommen sollte , was ich nicht fürchte . Wüßt ich doch kaum etwas , was mir in diesem Augenblicke so lieb wäre wie die Schlichtung dieses Streits und der Bund zweier Herzen , die mir füreinander bestimmt erscheinen . Auch durch eine recht eigentliche Liebe . Denn Sie werden doch , hoff ich , nicht in Abrede stellen wollen , daß es ein geheimnisvoller Zug war , was Sie zu diesem lieben und einst so schönen Kinde hinführte . Das Gegenteil anzunehmen widerstreitet mir . Und nun eilen Sie heim , und machen Sie glücklich und werden Sie glücklich . Meine Wünsche begleiten Sie , Sie beide . Sie werden sich zurückziehen , solang es die Verhältnisse gebieten ; unter allen Umständen aber erwart ich , daß Sie mir Ihre Familienereignisse melden und den Namen Ihrer Königin als erste Taufpatin in Ihr Wuthenower Kirchenbuch eintragen lassen . Und nun Gott befohlen . « Ein Gruß und eine freundliche Handbewegung begleiteten diese Worte : Schach aber , als er sich kurz vor der Gartenfront noch einmal umsah , sah , wie beide Damen in einen Seitenweg einbogen und auf eine schattigere , mehr der Spree zu gelegene Partie des Parkes zuschritten . Er selbst saß eine Viertelstunde später wieder im Sattel ; Ordonnanz Baarsch folgte . Die gnädigen Worte beider Majestäten hatten eines Eindrucks auf ihn nicht verfehlt ; trotzdem war er nur getroffen , in nichts aber umgestimmt worden . Er wußte , was er dem König schuldig sei : Gehorsam ! Aber sein Herz widerstritt , und so galt es denn für ihn , etwas ausfindig zu machen , was Gehorsam und Ungehorsam in sich vereinigte , was dem Befehle seines Königs und dem Befehle seiner eigenen Natur gleichmäßig entsprach . Und dafür gab es nur einen Weg . Ein Gedanke , den er schon in Wuthenow gefaßt hatte , kam ihm jetzt wieder und reifte rasch zum Entschluß , und je fester er ihn werden fühlte , desto mehr fand er sich in seine frühere gute Haltung und Ruhe zurück . » Leben « , sprach er vor sich hin . » Was ist leben ? Eine Frage von Minuten , eine Differenz von heut auf morgen . « Und er fühlte sich , nach Tagen schweren Druckes , zum ersten Male wieder leicht und frei . Als er , heimreitend , bis an die Wegstelle gekommen war , wo eine alte Kastanienallee nach dem Kurfürstendamm hin abzweigte , bog er in diese Allee ein , winkte Baarsch an sich heran und sagte , während er den Zügel fallen ließ und die linke Hand auf die Kruppe seines Pferdes stemmte : » Sage , Baarsch , was hältst du eigentlich von Heiraten ? « » Jott , Herr Rittmeister , wat soll ich davon halten ? Mein Vater selig sagte man ümmer : Heiraten is gut , aber nich heiraten is noch besser . « » Ja , das mag er wohl gesagt haben . Aber wenn ich nun heirate , Baarsch ? « : » Ach , Herr Rittmeister werden doch nich ! « » Ja , wer weiß ... Ist es denn ein solches Malheur ? « » Jott , Herr Rittmeister , for Ihnen grade nich , aber for mir ... « » Wie das ? « » Weil ich mit Untroffzier Czepanski gewett ' hab , es würd doch nichts . Un wer verliert , muß die ganze Korporalschaft freihalten . « » Aber woher wußtet ihr denn davon ? « » I Jott , des munkelt ja nu all lang . Un wie nu vorige Woch ooch noch die Bilders kamen ... « » Ah , so ... Nu sage , Baarsch , wie steht es denn eigentlich mit der Wette ? Hoch ? « » I nu , ' s jeht , Herr Rittmeister . ' ne Cottbusser un ' n Kümmel . Aber for jed ' een . « » Nu , Baarsch , du sollst dabei nicht zu Schaden