das irgendeine griechische Fee unserem Schinkel gleich bei seiner Geburt mit in die Wiege gelegt hätte , sie war ein mühevoll Erobertes , das er erst nach langem Suchen fand . Es ist wahr , daß sich in all jenen Schinkelschen Bauwerken , die vorzugsweise vor unserer Seele stehen , wenn wir von Schinkel sprechen , kaum ein Schwanken , kaum eine prinzipielle Unsicherheit nachweisen läßt , aber wir müssen uns hüten , hieraus , wie aus dem zufälligen Umstande , daß einige seiner frühesten aus der Gilly-Zeit herstammenden Jugendarbeiten einen gewissen antikisierenden Charakter tragen , den Schluß zu ziehen : » er sei immer Hellene gewesen und habe schon mit achtzehn Jahren auf demselben Grund und Boden gestanden , auf dem er dreißig Jahre später , während der Blütezeit seines Schaffens stand . « Diese Annahme wäre durchaus unrichtig . Seitdem wir eine völlige Schinkelliteratur haben , seitdem uns zuletzt noch das mehrgenannte Wolzogensche Werk einen Einblick verschafft hat in den Entwicklungsgang des Meisters , haben wir auch Gewißheit darüber , daß Schinkel , als er im Jahre 1816 die neue Wache zeichnete , nicht einfach wieder an seine Gilly-Zeit anknüpfte , sondern daß umgekehrt der Wiederaufnahme dessen , was er dreizehn Jahre früher ohne volles künstlerisches Bewußtsein praktisch geübt hatte , ernste Kämpfe vorausgingen , Kämpfe , die nie ganz abschlossen und sich bis in die letzten Jahre seines Lebens hinzogen . Ohne bei den italienischen Briefen Schinkels verweilen zu wollen , die genugsam zeigen , daß ihn damals die mittelalterlichsarazenischen Bauten weit mehr interessierten als die griechischen Tempel , für die er doch in erster Reihe hätte schwärmen müssen , – verweisen wir an dieser Stelle lediglich auf die Zeichnungen und Pläne zu der großen , schon erwähnten Friedenskathedrale , die auf dem Leipziger Platz errichtet werden sollte . Die Beschäftigung mit diesem Kathedralenbau fällt in das Jahr 1817 und 1818 , und die Hellenik hatte zu dieser Zeit noch so wenig ausschließlich Besitz von ihm genommen , daß er diesen Erinnerungsbau nicht als einen griechischen Tempel , sondern umgekehrt als einen großen gotischen Dom ( mit Kuppel ) auszuführen gedachte . Also 1818 noch Gotiker . Dieser Bau kam nicht zur Ausführung , und es scheint allerdings , als ob sich die Anschauungen Schinkels von jener Zeit an der Gotik immer mehr ab-und der Antike immer mehr zugewandt hätten . Aber – und hiermit gehen wir zu unserer zweiten Frage über – auch in dieser seiner späteren Epoche ließ er sich von der Vorliebe für das Griechentum niemals so beherrschen , daß er es in bestimmten Fällen nicht den einfach-natürlichsten Erwägungen unterzuordnen gewußt hätte . Mit anderen Worten , seine Begeisterung wurde nie zur Prinzipienreiterei . Vielfach liegen die Beweise dafür vor . Ähnlicher Einseitigkeiten , wie sie beispielsweise der Professor Hirt äußerte , der , als es sich um die Errichtung eines Luther-Denkmals handelte , » das Denkmal in griechischem Stile wollte , weil das Gotische durchaus der Barbarei angehöre « , – ähnlicher Einseitigkeiten war Schinkel durchaus unfähig , ja er besaß umgekehrt ein feinstes Unterscheidungsvermögen dafür , wieweit die griechische Kunst reichte und wieweit nicht . Als es ein Projekt zu einem Mausoleum für die Königin Luise zu entwerfen galt , entschied er sich höchst bemerkenswerter Weise für Anwendung des gotischen Stils und schrieb eigens : » Die harte Schicksalsreligion des Heidentums hat hier das Höchste nicht schaffen können . Die Architektur des Heidentums ist in dieser Hinsicht bedeutungslos für uns . Wir können Griechisches und Römisches nicht unmittelbar anwenden , sondern müssen uns das für diesen Zweck Bedeutsame selbst erschaffen . Zu dieser neuzuschaffenden Richtung der Architektur gibt uns das Mittelalter einen Fingerzeig . « Auch in diesem Briefe wieder betont er mehrfach die » überlegenen Schönheitsprinzipien des heidnischen Altertums « , aber er ist zugleich feinsinnig genug , um zu fühlen , » daß diesen überlegenen Schönheitsprinzipien nicht die Gesamtheit unseres modernen Lebens , weder in seinen höchsten geistigen Forderungen ( wie in der Kirche ) , noch in seinen hundertfach neugestalteten praktischen Bedürfnissen untergeordnet werden könne . « Er selbst hat sich darüber vielfach verbreitet und mustergültige Worte niedergeschrieben . Die Schönheit der Hellenen , dahin ging seine Meinung , sollte uns im großen und ganzen beherrschen , aber sie sollte uns nicht in dem Kleinkram des Lebens , da wo sie nicht ausreichte oder nicht hingehörte , tyrannisieren . Die Frage ist aufgeworfen worden – und mit dieser Betrachtung schließen wir – , ob unserer Stadt durch die Hellenik ein besonderer Dienst geleistet worden ist , oder ob es nicht vielleicht ein Gewinn gewesen wäre , wenn Schinkel am Scheidewege ( 1818 ) sich schließlich anders entschieden und eine Kunstreformation im gotischen statt im griechischen Geiste beschlossen hätte . Die Antwort auf die Frage wird notwendig verschieden lauten , wir unsrerseits aber glauben uns Glück wünschen zu dürfen , daß der Würfel so fiel , wie er fiel . Es ist unzweifelhaft , daß ein Mann von Schinkels eminenter Begabung auch die Gotik hätte wieder beleben können ; aber selbst seine Begabung würde nur immer ein gotisches Interim geschaffen haben . Der Eklektizismus – der heutzutage in allen Künsten , am meisten aber in der Baukunst vorherrscht und der , weil er beständig zu Prüfung und Vergleich auffordert , auch die kritische Begabung weit über alles andre hinaus ausbildet – der Eklektizismus , sag ' ich , mußte schließlich notwendig dabei ankommen , unter dem Verschiedenen , das sich ihm darbot , das Einfachere , das Stil- und Gesetzvollere , vor allem das Ausbildungsfähigere zu adoptieren . Wenn Schinkel nicht dabei anlangte , so würde doch die Wiederbelebung der Gotik , natürlich vom Kirchenbau abgesehen , immer nur eine gotische Episode geschaffen haben . Schinkel hat uns vor dieser Episode bewahrt . Auf dem Friedrich-Werderschen Kirchhof ragt sein Denkmal auf , und andere Denkmäler werden folgen . Am schönsten aber lebt sein Gedächtnis in der Schule fort , die er gegründet und deren alljährlich wiederkehrendes Erinnerungsfest ( das Schinkelfest ) ein lebendiges Zeugnis ablegt von der Liebe zu dem geschiedenen Meister , zugleich auch von seiner Bedeutung . Wenn beim Wein die Herzen klopfen Und das Fest zum Liede drängt , Ziemt sich ' s , daß die ersten Tropfen Man den großen Toten sprengt , Segnend waltet ihr Gedächtnis Über uns , Gestirnen gleich , Und in ihrer Kraft Vermächtnis Fühlen wir uns groß und reich . 8. Michel Protzen 8. Michel Protzen Deutsch und verständlich . Euer Exzellenz schalten und walten im Lande . Das ist meine Stube . – Halten zu Gnaden . Schiller Aus meiner frühesten Jugend entsinn ' ich mich seiner . Er war damals erst ein Vierziger , hieß aber schon der » alte Protzen « . Aufrecht stand er in der großen Rundtür seines Gasthofes und sah die Straße hinunter wie König Polykrates : Dies alles ist mir untertänig ; Gestehe , daß ich glücklich bin . Er trug einen Rock von altdeutschem Schnitt mit ungeheuren Knöpfen und einen Kamm auf dem Scheitel . In den Nacken hinein fielen ihm die weißen Locken , und sein mächtiger Kopf , der durch die Pockennarben eher gewann als verlor , erinnerte an das Kurfürstenbild auf der langen Brücke . Michel hieß er und Michel war er , der deutsche Michel in optima forma . Wie jeder Landesteil in einer bestimmten und dann typisch werdenden Figur kulminiert , so die Grafschaft Ruppin in Michel Protzen . Denn er war ein Autochthone dieser Grafschaft und stammte mit derselben Wahrscheinlichkeit aus Dorf Protzen , wie die Zietens aus Dorf Zieten oder die Schadows aus Dorf Schadow stammen . Ein deutscher Bürger , wenn er diesen Namen verdienen soll , muß dreierlei haben : einen Besitz und ein Recht und ein Freiheitsgefühl , das aus Besitz und Recht ihm fließt . So war es im Mittelalter , in den Reichs- und Hansastädten . Aber als das Königreich Preußen ins Dasein sprang , stand es in deutschen Landen überall ziemlich schlecht mit dieser Dreiheit . Hier fehlte Besitz , dort Recht , und das Gefühl der Freiheit konnte nicht aufkommen . Nirgends aber lagen die Dinge kümmerlicher als in der Mark , weil nirgends die Besitzverhältnisse kümmerlicher lagen . Besitz schafft nicht notwendig Freiheit ( Despotieen sind despotisch auch dem Reichtum gegenüber ) , aber der umgekehrte Satz ist richtig : keine Freiheit ohne Besitz . Und zehn Morgen Sandland sind kein Besitz . Der Ackerbürger des vorigen Jahrhunderts war ein ärmlicher , in die Stadt verschlagener Bauersmann , der , unmittelbar unter den Druckapparat des absoluten , überallhin eingreifenden Staates gestellt , sich nicht einmal der Täuschung einer Freiheit hingeben konnte , die für den zerstreut im Sande wohnenden und der Kontrolle mehr entrückten Landbewohner gelegentlich noch vorhanden war . So war die Regel . Aber nach der Lehre vom Gegensatz hat nicht nur jede Regel ihre Ausnahme , sondern die Ausnahme gestaltet sich gelegentlich auch um so extremer , je extremer die Regel ist . Inmitten der häßlichsten Menschen findet man wunderbare Schönheiten , Askese blüht in Zeiten sittlichen Verfalls , und in Epochen der Unfreiheit und bürgerlichen Verkommenheit sprießen die Beispiele höchster Bürgertugend auf . An der Entfaltung jedes Übermuts gehindert , gedeiht in solchen Ausnahmefällen der echteste Mut , die Selbstsucht wird gehindert , ins Kraut zu schießen , und so wächst sich denn ein die Keime des Idealen in sich tragendes Einzelindividuum , unter dem allgemeinen Walten der Unfreiheit und recht eigentlich infolge dieser Unfreiheit , in einen Idealzustand der Freiheit hinein . So glücklich lagen nun die Dinge bei Michel Protzen nicht . Er war nichts weniger als eine Idealgestalt , am wenigsten nach der Seite der Freiheit hin . Durchaus herrisch von Natur , wurzelte das Stück Bürgertum , das er vertrat , nicht in geklärten Anschauungen oder in dem Enthusiasmus eines frei fühlenden und nur das Große und Allgemeine im Auge habenden Herzens , sondern in dem Eigensinn und Eigennutz eines festen und sich selbst zum Mittelpunkt setzenden Egoisten . Er erinnerte durchaus an jene deutsch-mittelalterlichen Tage , wo man die Freiheit nicht um der Freiheit , sondern um seiner selbst willen liebte . Alles in Selbstsucht getaucht , aber anziehend und fesselnd , wie jedes , was aus Natur und Leidenschaft emporwächst . Dieser Gruppe von Gestalten gehörte Michel Protzen zu . Nichts von Idee und Prinzip , desto mehr von Charakter . Und so war er von Jugend auf . Als 1806 ein französischer General im Gasthause seines Vaters wohnte , gab es Anstoß , daß unser damals erst halberwachsener Michel sich weigerte , die französischen Offiziere zu grüßen . Als Strafe ward ihm schließlich zudiktiert , bei Tische hinter dem Stuhle des Generals zu stehen und diesen zu bedienen . Er gehorchte und verharrte in seinem Trotz . Dreißig Jahre später führte derselbe Charakterzug , der darin bestand , keiner Regung seiner Seele , berechtigt oder nicht , je Zaum und Zügel anzulegen , zu einem ähnlichen Zerwürfnis mit dem Ruppiner Offizierkorps , an dessen Spitze gerade damals der durch Tapferkeit , Originalität und Anekdoten gleich berühmte Oberst von Petery stand . Michel Protzen ließ das Zerwürfnis fortbestehen , trotz des materiellen Schadens , der ihm daraus erwuchs . Er war ebenso populär , wie er derb war , und das will viel sagen . Die bloße Grobheit an sich leistet das nicht , und erst wenn sie sich , wie bei Protzen , entweder mit Humor und Originalität oder aber andererseits mit Mut und Gesinnung paart , erobert sie die Herzen . Mannigfach sind die Anekdoten , die darüber im Schwange gehen . Rellstab , damals auf der Höhe seines Ruhmes , kam nach Ruppin , um seine Schwester zu besuchen . Er erschien zu Fuß und bat in Michel Protzens Gasthaus um ein Zimmer . » Mein Gasthof ist nicht für Leute mit Ränzel und Regenschirm . « Und bei anderer Gelegenheit vor Gericht zitiert und in Gegenwart des Klägers zu zwei Taler Strafe verurteilt , weil er sich an diesem , einem Klempnergesellen , mit einer Ohrfeige vergriffen hatte , applizierte er demselben sofort eine zweite und zahlte vier Taler . Ein Mann von solchem Gefüge war selbstverständlich nicht nur in aller Mund , er gab auch den Ton an . Wenn über Nacht der erste Schnee gefallen war , stellte er sich am andern Morgen an die Ecke seines Gasthauses und weckte die Stadt durch das weithin schallende Knallen seiner Schlittenpeitsche . Dann dehnte sich der Ruppiner und sagte : » Jetzt ist Schlittenzeit . « Aber noch eh ' er den seinigen aus der Remise schaffen und die mageren Braunen einspannen konnte , fuhr schon Michel Protzen mit Schneedecken und Schellengeläute durch die breiten Straßen der Stadt an ihm vorüber . Ganz und gar eine deutsche Figur , in vielem ein Landsknechthauptmann vom Wirbel bis zur Zeh ' , besaß er auch den tief im germanischen Wesen liegenden Zug zum Hazard . Wie unsre Ururväter , spielte er um all und jedes , und nur das Ganze setzte er nicht ein , nicht Freiheit und Leben . Piquet und Whist en deux zählten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen , und wenn sein Gegner um den Einsatz verlegen war , ging es , je nach Laune und Zahlungsmöglichkeit , um Klafter Holz und Gänse . Er war populär , aber nicht eigentlich beliebt . Um beliebt zu sein , dazu war er zu gefürchtet . Niemand war sicher vor ihm , denn sein Mund und seine Hand ( wie schon an einem Beispiele gezeigt ) waren gleich schlagfertig . Dazu gebrach ' s ihm an Gebelust , an jener Generosität , auf die hin die Schlagfertigkeit unter Umständen schon etwas sündigen kann . Gelegentlich war er nicht ohne Gutmütigkeit , aber sie glich bloßen Anfällen wie von Gicht oder Podagra . Wie alle Despoten war er launenhaft . Die letzten Jahre seines Lebens söhnten mit manchem aus . Im März 1848 stand er fest zu König und Gesetz . Er hatte vom Spießbürgertum zu viel gesehen , als daß er sich von der Herrschaft desselben eine » neue Ära « hätte versprechen können . Er lachte und – war gröber denn zuvor . So kam der Dezember 1855 . Eines Morgens lief es durch die Stadt : Michel Protz ist tot . Das halbe Ruppin folgte , und das ganze hat ihm in den Jahren , die seitdem vergangen sind , ein huldigendes Andenken bewahrt . Was verletzte , ist vergessen , was gefiel , ist in dankbarer Erinnerung geblieben . Er erinnert in manchem an Schadow , in anderem an Geist von Beeren ; denn auch darin war er deutsch , speziell norddeutsch , daß sein ganzes Wesen mit Schabernack und Till-Eulenspiegelei durchsetzt war . Das Grabdenkmal , das ihm auf dem » alten Kirchhof « errichtet wurde , gibt die einfachen Daten seiner Geburt und seines Todes . – Ein gutes Porträt von ihm befindet sich in Händen des Kaufmanns Kunz . 9. Gustav Kühn 9. Gustav Kühn » Bei Gustav Kühn In Neu-Ruppin . « In der Mitte der Stadt , gegenüber dem Häuserviereck , darin Schinkel und Günther und auch der Held unseres letzten Kapitels : Michel Protzen , das Licht der Welt erblickten , erhebt sich ein kleines , nur drei Fenster breites Häuschen , dem ein neu aufgesetztes Stockwerk nur wenig zu gesteigertem Ansehen verhilft . Auf dem schmalen Hofe des Häuschens aber drängen sich die Hintergebäude und jeder Zollbreit Erde ist benutzt . Hier erinnert die Beschränktheit und zu gleicher Zeit die sorgliche Ausnutzung des Raumes an den Geschäftsbetrieb englischer Zeitungslokalitäten . Aber was sind die Londoner Blätter im Vergleich zu jenen kolorierten Blättern , die aus dieser kleinen Ruppiner Offizin hervorgehen ? Was ist der Ruhm der Times gegen die zivilisatorische Aufgabe des Ruppiner Bilderbogens ? Die Times , die sich mit Recht das » Weltblatt « nennt , gleicht immer nur dem anglikanischen Geistlichen , dem hochkirchlichen Bischof , der , an schmalen Küstenstrichen entlang , in den großen , reichbevölkerten Städten der andern Hemisphäre seine Wohnung aufschlägt und seines Amtes wartet , der Gustav Kühnsche Bilderbogen aber ist der Herrnhutsche Missionar , der überall hin vordringt , dessen Eifer mit der Gefahr wächst und der die eine Hälfte seines Lebens in den Rauchhütten der Grönländer , die andere Hälfte in den Schlammhütten der Fellahs verbringt . Chamisso erzählt in seiner » Reise um die Welt « , daß er , nach selbst gemachter Erfahrung , Kotzebue für den verbreitetsten Schriftsteller halten müsse , denn er sei demselben , und zwar einem Bande seiner Komödien , 1818 auf der Insel Tahiti begegnet . Aber noch einmal , was will eine solche Verbreitung sagen neben der Verbreitung jener Dreipfennigbogen , die mit der wohlbekannten Notiz : » Bei Gustav Kühn in Neu-Ruppin « über die Welt flattern . Gebiete , die Barth und Overweg , die Richardson und Levingstone erst aufgeschlossen , – der Kühnsche Bilderbogen war ihnen vorausgeeilt und hatte längst vor ihnen dem Innersten von Afrika von einer Welt da draußen erzählt . Er flieht die Gegenden , drin der Kupferstich und das Ölbild vorwalten , aber wo die Glaskoralle und der Zahlpfennig ein staunendes Ah und die Begierde nach Besitz wecken , in den engeren und weiteren Bezirken des Königs von Dahomey – da ist er zu Haus . Den Maranon und den Orinoko aufwärts , wo die Kolibris wie Blüten und die Blüten wie Schmetterlinge sich schaukeln , dort , wo alles Glanz und Farbe ist , tritt er kühn und siegreich auf und stellt die Kolorierkunst seiner Schablone – die unbeeinflußt von den neuen Gesetzen der Farbenzusammenstellung ihre ehrwürdigen Traditionen wahrt – siegreich in die Zauber der Tropennatur hinein . Auf den Inseln der schottischen Westküste war es mir selbst vergönnt , diese Landsleute , diese Boten aus der engeren Heimat zu begrüßen . Die Fingalshöhle , die Gestalt König Fingals selbst , die wie ein Nebelphantom auf der öden Klippe von Morven stand , war nicht mächtig genug gewesen , diese Sendboten abzuhalten , sie waren eingezogen in die Hütten der Macleans und Macdonalds . Lange bevor die erste » Illustrierte Zeitung « in die Welt ging , illustrierte der Kühnsche Bilderbogen die Tagesgeschichte , und was die Hauptsache war , diese Illustration hinkte nicht langsam nach , sondern folgte den Ereignissen auf dem Fuße . Kaum , daß die Trancheen vor Antwerpen eröffnet waren , so flogen in den Druck- und Kolorierstuben zu Neu-Ruppin die Bomben und Granaten durch die Luft ; kaum war Paskewitsch in Warschau eingezogen , so breitete sich das Schlachtfeld von Ostrolenka mit grünen Uniformen und polnischen Pelzmützen vor dem erstaunten Blick der Menge aus , und tief sind meinem Gedächtnisse die Dänen eingeprägt , die in zinnoberroten Röcken vor dem Danewerk lagen , während die preußischen Garden in Blau auf Schleswig und Schloß Gottorp losrückten . Dinge , die keines Menschen Auge gesehen , die Zeichner und Koloristen zu Neu-Ruppin haben Einblick in sie gehabt , und der » Birkenhead « , der in Flammen unterging , der » Präsident « , der zwischen Eisbergen zertrümmerte , das Auge der Ruppiner Kunst hat darüber gewacht . Andere , ähnliche Unternehmungen sind seitdem ins Dasein getreten , der Münchener Bilderbogen hat seine Welttour gemacht , Winkelmann und Söhne haben durch Abbildungen von Stauffacher , Franz Moor und der Jungfrau von Orleans der dramatischen Kunst die Schleppe getragen , aber was immer ihre Erfolge gewesen sein mögen , sie haben sich schlechter auf den Geschmack des großen Publikums verstanden und haben die rechte Stunde mehr als einmal versäumt . Da liegt es . In jedem Augenblicke zu wissen , was oben aufschwimmt , was das eigentlichste Tagesinteresse bildet , das war unausgesetzt und durch viele Jahrzehnte hin Prinzip und Aufgabe der Ruppiner Offizin . Und diese Aufgabe ist glänzend gelöst worden , so glänzend , daß ich Personen mit sichtlichem Interesse vor diesen Bildern habe verweilen sehen , die vor der künstlerischen Leistung als solcher einen unaffektierten Schauder empfunden haben würden . Aber die Macht des Stoffs bewährte sich siegreich an ihnen , und sie zählten ( wie ich selbst ) mit leiser Befriedigung die Leichen der gefallenen Dänen , ohne sich in ihrem künstlerischen Gewissen irgendwie bedrückt zu fühlen . Die Frage nach dem Recht dieser Bilder , » die den Geschmack mehr verwildern als bilden « , ist aufgeworfen und dabei hinzugesetzt worden , daß Leistungen der Art in künstlerisch gesegneteren Zeiten und bei feiner gearteten Völkern eine bare Unmöglichkeit sein würden . Vielleicht . Nach der künstlerischen Seite hin sind diese Dinge preiszugeben , aber sie haben eine andere , nicht minder wichtige Seite . Sie sind der dünne Faden , durch den weite Strecken unseres eigenen Landes , litauische Dörfer und masurische Hütten , mit der Welt draußen zusammenhängen . Die letzten Jahrzehnte mit ihrem rasch entwickelten Zeitungswesen , mit ihrer ins Unglaubliche gesteigerten Kommunikation haben darin freilich viel geändert , aber noch immer gibt es abgelegene Sumpf- und Heideplätze , die von Delhi und Khanpur , von Magenta und Solferino nichts wissen würden , wenn nicht der Kühnsche Bilderbogen die Vermittlung übernähme . Seine Uhr ist noch nicht abgelaufen , und das schmale Haus in der Ruppiner Friedrich-Wilhelm-Straße hat noch immer seine Bedeutung . 10. Johann Christian Gentz 10. Johann Christian Gentz Tor ! wer die Augen nach dem Jenseits richtet , Sich über Wolken seinesgleichen dichtet ; Er stehe fest und sehe hier sich um , Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm . Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen , Was er erkennt , das will er auch ergreifen . Fast unmittelbar neben dem Michel Protzschen Hause , dem Gustav Kühnschen schräg gegenüber , lag das Gentzsche Haus , so geheißen nach Johann Christian Gentz , der hier , durch fast ein halbes Jahrhundert hin ( und dann sein Sohn ) ein für Ruppiner Verhältnisse großes kaufmännisches Geschäft hatte . Johann Christian war ein Original und zugleich ein Mann , der , innerhalb der gewerblichen und merkantilen Welt , von der Pike an gedient hatte . Derartige Persönlichkeiten haben in ihren Lebensgängen immer etwas Verwandtes : sie finden eine Stecknadel , heben sie sorglich auf und heften schließlich mit dieser Stecknadel ein Adels- resp . Grafendiplom an ihre Gobelinwand , oder aber sie gehen , spekulativer angelegt , an der Stecknadel vorüber , beteiligen sich , unter Einzahlung eines Minimalbeitrages , an irgendeiner wundertätigen Sparkassengründung und endigen mit Erbauung von Schulen und Kirchen und Christianisierung eines meistbietend erstandenen Südseearchipels . England und Amerika sind reich an solchen Erscheinungen . Mitunter lenken sie nebenher auch noch ins Politische über , zeigen einem verblendeten oder auch nicht verblendeten Fürsten den » Abgrund , an dem er wandelt « und werden schließlich auf einem Gruppenbilde ( Hautrelief in Marmor ) in irgendeiner Guildhall zur Bewunderung und Nacheiferung kommender Geschlechter ausgestellt . In diese Gruppe gehörte nun unser Johann Christian Gentz sicherlich nicht . Der historische Stil war ihm fremd ; er war ganz und gar Genre . Die Geschichtsbücher werden deshalb nichts von ihm zu vermelden haben ; der » Kenner « aber , der aparten Erscheinungen liebevoll nachgeht und das Beachtens-resp . Berichtenswerte nicht bloß da findet , wo Glockenklang und Kanonendonner ein Leben begleiten , ein solcher wird sich an einer Gestalt , wie die des » alten Gentz « , immer herzlich erfreuen , weil sie , mit Vermeidung alles alltäglich Wiederkehrenden und blassen Allgemeinen , so viel farbenfrische Lokaltöne zeigt . Eine Figur , wie die seinige , war nur in der Mark und innerhalb dieser vielleicht nur wieder im Ruppinschen möglich , denn er hatte nicht bloß kleinbürgerliche Verhältnisse ( wie sie dieser Grafschaft eigentümlich sind ) zur Voraussetzung , sondern baute seinen Reichtum auch auf etwas spezifisch Ruppinschem auf : auf dem Torf . Soll er in wenig Strichen charakterisiert werden , so darf man sagen , er war eine merkwürdige Mischung von Schlauheit und Bonhommie , von innerlicher Freiheit und äußerlichem sich Schicken , von Pfennigängstlichkeit und Unternehmungskühnheit , alles auf Grundlage tief eingewurzelten und mit Vorliebe gepflegten Spießbürgertums . Der äußere Gang seines Lebens ist bald erzählt . Von illustrierenden Zügen füg ' ich nur einzelnes hinzu . * Johann Christian Gentz wurde den 26. Juli 1794 geboren . Sein Vater war ein kleiner Tuchmacher und der Sohn trat mit dreizehn Jahren in das väterliche Handwerk ein . Dann kamen Wanderjahre . 1820 , inzwischen von seinen Kreuz- und Querzügen zurückgekehrt , verheiratete er sich mit Juliane Voigt und erstand von ihrem Vermögen , 2000 Taler , ein kleines Eisen- und Kurzwarengeschäft , das sich schon damals in dem eingangs erwähnten Hause ( dem Gustav Kühnschen schräg gegenüber ) befand . Er fühlte was vom Handelsgeist in sich und diesem Geiste folgend , ging er bald von dem Eisen- und Kurzwarengeschäft zum Bank- und Wechselgeschäft über ; endlich wurde das Wustrauer Luch erstanden und Gentzrode gegründet , über welche Gründung ich , am Schluß dieses Bandes , in einem besonderen Abschnitt ausführlich berichte . Diese Gründung von Gentzrode war das letzte große Unternehmen . Aber ehe die Tausende dafür verausgabt werden konnten , mußten die Einer und Zehner erworben werden . Das forderte einen langen und mühevollen Weg . Wie er diesen Weg machte , welche Mittel er ersann , um zu seinem Ziele zu gelangen , ist bezeichnend für den Mann . Um drei Uhr war er auf und begann damit den Laden selber auszufegen . Dies verriet Kraft und Energie und vor allem jenen Mut , der dem Gerede der Leute Trotz bietet . Eine Art von Genie aber entwickelte er in seinem Verkehr mit dem Publikum . Von einer seiner Meßreisen hatte er eine acht Fuß hohe Spieluhr mitgebracht , die fünf Lieder spielte . Wollte nun eine wohlhabende Bauernfrau , die nach seiner Meinung noch nicht genug gekauft hatte , den Laden wieder verlassen , so zog er an der Uhr , die sofort » Schöne Minka , du willst scheiden « zu spielen begann . Die Frau blieb nun , um weiter zu hören , und fiel als Opfer ihrer Neugier oder ihres musikalischen Sinnes . Als die Uhr defekt geworden war , schaffte er statt ihrer eine Schwarzdrossel an , die in gleicher Lage pfeifen mußte : Mein Schätzchen , mein Schätzchen , kommst immer her Und bringst mir gar nichts mit ? Der schon vorerwähnte Kauf der Wustrauer Wiesen erfolgte gegen 1840 und legte , wenigstens nach damaligen Begriffen , das Fundament zu wirklichem Reichtum . Was bis dahin erworben war , bedeutete nicht viel mehr als eine mittlere Wohlhabenheit . Im Luch aber lag ein Schatz . Erst von jenem Zeitpunkt ab hob sich , mit der finanziellen Lage des Besitzers , auch der Torfbetrieb überhaupt . In unseren residenzlichen Heizungsverhältnissen bildet übrigens der Torf , wie hier parenthetisch bemerkt werden darf , nur eine » Episode « , die rapid ihrem Abschluß entgegen geht . Anfang dieses Jahrhunderts begann sie zu blühen , und ehe hundert Jahre um sein werden , wird sie gewesen sein . Wie bei der Newcastler Steinkohle , so ist auch beim Linumer Torf sein Ende vorausberechnet . Aber zurück zu unserem Christian Gentz . Etwa 1855 schied er aus den Geschäften , dieselben seinem jüngeren Sohne Alexander ( s. das Kapitel Gentzrode ) überlassend . In einem am » Tempeltore « gelegenen Garten , unter den Bäumen des Walls , verbrachte er mit Vorliebe seine Tage , ländlichen Beschäftigungen hingegeben , die nur , von 1857 ab , durch häufige Nachmittagsfahrten auf das in Gründung begriffene Gut und dann und wann auch durch weitere Reisen unterbrochen wurden . Die weiteste dieser Reisen ging nach Paris , wo sein älterer Sohn , der Maler Wilhelm Gentz , damals lebte . Völlig umgewandelt , wenigstens in seiner äußeren Erscheinung , kam er von dieser Reise zurück . Er trug einen eleganten Anzug aus dem Schneiderkunstatelier von Dusantoy , dazu einen langen , weißen Bart und einen Fez . In diesem Aufzuge verblieb er auch bis an sein Lebensende , mit Ausnahme der Dusantoyschen Schöpfung , die , selbstverständlich , einige Jahre später durch bescheidenere Produkte heimischer » Ateliers « ersetzt werden mußte . Seines weißen Bartes war er ganz besonders froh und widerstand allen Aufforderungen ihn abzulegen . » Ich habe lange genug einem hochlöblichen Publikum gedient und einen Philisterbart getragen ; nun will ich endlich frei sein und einen Demokratenbart tragen . « Dies führt uns auf seine Gesinnung , auf sein Glaubensbekenntnis in politischen und kirchlichen Dingen . Personen , die sich aus dem Nichts emporarbeiten , haben immer eine Neigung ins Extrem zu verfallen und entweder alles dem lieben Gott , oder aber alles sich selber anzurechnen . Zählen sie zu den ersteren , also zu den gläubig-kirchlichen Leuten , so sind sie meist auch loyal , Ordnungsmänner par excellence , und werden , mit einem Ordenskissen vorauf , schließlich als Geheime Kommerzienräte hinausgetragen ; gehören sie jedoch umgekehrt zu der zweiten oder der ungläubigen Gruppe , so stehen sie , wie zur Großautorität Gottes , gewöhnlich auch zu den Kleinautoritäten der diesseitigen Welt in einem sehr zweifellustigen Verhältnis und haben in ihrer ungrammatikalischen Weisheit eine tiefe Neigung , alles , was nicht ihren Gang geht , unsagbar töricht zu finden . Innerhalb der Politik sind sie dann jedesmal treue Anhänger des Satzes » alles für das Volk , alles durch das Volk « . Und so war auch der alte Gentz . Die Zeiten sind vorüber , wo man sich berechtigt glauben durfte , daraus einen moralischen Makel herzuleiten . Das Recht einer freien Entwicklung der Geister , nach rechts oder links hin , ist zugestanden ; nicht Ziel und Richtung gelten fürder als das sittlich Entscheidende , sondern der Weg . Wessen Weg über Treubruch , Verrat und Undankbarkeit führt , den kann kein hohes Prinzip , keine glänzende Fahnenschrift retten ; wer umgekehrt lautere Wege wandelt