nicht . Baltzer hatte mit den Pferden zu tun , die seit ein paar Tagen nicht herausgekommen waren , und Hilde sah auf das Kind und mühte sich , ihm ein Lächeln abzugewinnen . Umsonst , es wollte nicht lächeln und wandte sich unwirsch ab , als es merkte , daß es sich durchaus freuen solle . So ging es unter den schwer tragenden Apfelbäumen hin , die von links und rechts her den Weg einfaßten und Hilden ein Mal über das andere mit einer Zweigspitze streiften . Einmal griff sie danach , riß einen Apfel ab und hielt ihn dem Kinde hin . Und sieh , es lächelte und streckte die Hand danach . Und nun lächelte auch Hilde . So ging die Fahrt , und als sie den halben Weg hatten und den Berg hinauf waren , der hinter einem der alten Klosterdörfer ansteigt , sahen sie das schöne Ilseburg mit seinem Turm und seinem Schlosse vor sich liegen , und an einem ausgestorbenen Kirchhof entlang , über dessen eingefallene Gräber hin eine ganze Wildnis von Holunder und Hagebuttensträuchern wuchs , fuhren sie durch ein seitwärts gelegenes Gatter in das Städtchen hinein . In allen Straßen war Lust und Leben , und Baltzer freute sich von Herzen , mal unter Menschen zu sein und etwas anderes zu sehen als eine weinende Frau . Das mit dem Kinde hielt er für nicht so schlimm und entsann sich mit einem gewissen Behagen , daß ihm in seinen jungen Jahren von seiner Mutter immer wieder und wieder erzählt worden war , er sei klein und dürftig und überhaupt ein schwächliches Kind gewesen . Und so stand ihm denn fest , daß ihm der alte Schliephake , den er von seiner großen Krankheit her schätzte , nicht bloß einen guten Rat , sondern auch einen guten Trost geben werde . Warum sollt es denn auch ein schwächliches Kind sein ? An der Ilsenbrücke war ein Wirtshaus mit einem an einem Arm hängenden Schilde , darauf ein goldener Ritter mit geschlossenem Visier abgebildet war . Mutmaßlich ein alter Emmeroder Graf . An diesem Wirtshause hielten sie , stiegen ab und gingen nach einer kurzen Zwiesprach mit der Wirtin auf des Doktors Haus zu , das in nächster Nähe gelegen war . Sie fanden ihn in einer Hinterstube , gerade damit beschäftigt , über den Hof hin einen ganzen Regen von Gerstenkörnern auszustreuen . Denn er war ein leidenschaftlicher Tauben- und Hühnerzüchter , und wenn die zwei jungen Hähne , die den Hof beherrschten , die Glucken und Küken nicht nahe genug heranließen , so griff er in eine neben ihm stehende Schüssel mit Kartoffeln und Mohrrüben und warf die Stücke mit solcher Geschicklichkeit nach den allzu Zudringlichen , daß sie , kollernd und krähend , auf ein paar Augenblicke das Feld räumten . Er nannte das seinen » Schutz der Witwen und Waisen « und verschwor sich hoch und teuer , daß die ganze Welt in derselben Weise regiert werden müsse . Die Bocholtschen Eheleute hatten nach einer halb herzlichen , halb verlegenen Begrüßung am Speisetische Platz genommen , und Hilde säumte nun nicht länger , unter einem Strome von Tränen alles vorzutragen , was ihr das Herz bedrückte . Baltzer wollte verbessernd dazwischensprechen , aber der Doktor wies ihn mit einer leisen Handbewegung zurück und sagte : » Nicht doch , Bocholt . Eine Mutter sieht immer am besten . Und jedenfalls besser als ein Vater . « Und danach nahm er das Kind aus den Kissen und behorchte seinen Atem und den Schlag seines kleinen Herzens , ganz wie Melcher Harms es seinerzeit getan hatte . Das waren erwartungsvolle Minuten . Endlich aber gab er das Kind an Hilde zurück und sagte : » Geht ins Freie mit ihm , liebe Frau . Die Luft ist zu schwül und zu drückend hier . Und Luft ist alles für das Kind . Ich will aber doch etwas aufschreiben , zur Erleichterung , und es Eurem Manne geben ... Er kommt Euch dann nach . « All das klang ihr nicht gut und trostreich , und sie sah wohl , daß er allerlei Dinge zu sagen hatte , die sie nicht hören sollte . Sie ging aber , und als Schliephake , der ihr mit dem Ohre gefolgt war , die Haustür ins Schloß fallen hörte , schob er seinen Stuhl näher an Baltzer heran und sagte : » Ich wollt erst Eure Frau forthaben ; Ihr aber , Bocholt , Ihr müßt es hören können ... Es muß sterben . « Baltzer Bocholt fuhr zusammen und sagte dann , indem seine Stimme stotterte : » Warum sterben ? « » Weil es kein Leben hat . Es ist welk , so welk , daß jede Stunde Leben ein Wunder ist . « Aber das gefiel dem Heidereiter nicht , der ein dünkelvoller Mann war und in seinem Dünkel auch auf seine Kraft und Kernigkeit große Stücke hielt . Und er antwortete mit sichtlicher Verstimmung : » Ich bin ein gesunder Mann , Doktor , und hab eine junge Frau . « Schliephake lächelte vor sich hin und sagte , während er seine Hand vertraulich auf des Heidereiters Knie legte : » Wohl , ich seh schon , es mißfällt Euch , und Ihr hört nicht gern von dem welken Kind . Aber daß ich ' s Euch sage , Baltzer Bocholt , mit unserer Kraft ist nichts getan , und ist nicht besser damit als mit unserem Wissen . Alles ist Stückwerk und nichts weiter . « Er schwieg eine Weile . Als er aber wahrnahm , daß ihn der Heidereiter immer noch verwundert ansah , nahm er wieder das Wort und sagte : » Ja , Baltzer Bocholt , Ihr starrt mich an . Aber seht , unsere Stunden sind nicht gleich , und an der Stunde hängt alles . Und oft auch am Augenblick . Ihr seid ein rüstiger Mann , und Eure fünfzig haben Euch noch nicht viel getan . Es stimmt noch in Brust und Rückgrat , und von dem bißchen Grau sprech ich nicht , das kleidet Euch . Aber wie steht es hier ? « und dabei stieß er leise mit dem Finger auf Baltzer Bocholts Herz . Der verfärbte sich . » Und « , fuhr Schliephake fort , » wie steht es mit Eures Weibes Herz ? Ihr sollt mir die Frage nicht beantworten , und vielleicht auch könntet Ihr ' s nicht . Denn wer liest in anderer Leute Herzen und nun gar in eines Weibes Herz ! Aber das will ich Euch sagen : auf das Herz kommt es an ; das Herz entscheidet . Und wo Freude wohnt , da gibt es Leben , und wo Leid wohnt , da gibt es Tod . Und das Leid hat eine große Gevatterschaft : Angst und Not und Kummer und Reu . Und wenn Ihr so feste Rippen hättet wie der Halberstädter Roland und es zehrte was hier , so wär es nichts mit Eurer Kraft . Und an jedem zehrt es mal , mal so , mal so , und wandelt ihm die Kraft in Unkraft . Im Letzten freilich ist alles Geheimnis , es heiße nun Leben oder Tod . Aber das ist gewiß , Eures Kindes Herz ist krank , und es muß sterben . « Ein Verdacht , ähnlich dem , den er gegen Melcher Harms hegte , schoß einen Augenblick in des Heidereiters Herzen auf . Aber er bezwang sich rasch wieder und dankte dem Alten für seinen Rat , so schmerzlich ihm derselbe gewesen . Und danach bat er ihn noch , ihm , wie er ' s vorgehabt , etwas für das Kind aufschreiben zu wollen , wenn auch nur zum Schein und um der Frau willen . Und als er den Zettel in Händen hatte , ging er murmelnd und kopfschüttelnd aus dem Hause , um Hilden aufzusuchen . Er war fest entschlossen , ihr von dem angeblich hoffnungslosen Zustande des Kindes nichts zu sagen , und fand sich um so leichter in diese Rolle hinein , als des alten Schliephake Wort ihn noch viel mehr verdrossen als betrübt hatte . Wohl , er liebte das Kind ; aber wenn es doch nicht leben konnte , so war es am besten tot . Er blieb nicht lange mit Hilde , ging vielmehr bald auf die Wiese hinaus , wo das Freischießen schon im Gange war , und freute sich , als er von der angeheiterten Gesellschaft mit einem Hoch empfangen wurde . Hart am Scheibenstande plätscherte die Ilse vorüber ; am anderen Ufer aber stieg der Unterbau des alten Schlosses auf , und von allen Seiten her schmetterte Musik und klang aus den Bergen wider . » Nun , Heidereiter « , rief ihm einer von den Ilseburgern zu , » schießt für mich . Ich bin an der Reihe , so habt Ihr den ersten Schuß . « Und er nahm es an . Aber die Kugel traf nur den Rand , und allerlei Stichelreden wurden laut , die den Alten in seiner Eitelkeit und Standesehre verdrossen , so wenig böse sie gemeint waren . Und als auch ein zweiter Schuß wieder ein Fehlschuß war oder doch nicht viel besser , verließ er auf Augenblicke den Schießstand , um in der Budenreihe , die den Schützenplatz einfaßte , sein Glück zu versuchen . Er wollte dem Kinde ein Spielzeug gewinnen , oder vielleicht war auch ein Aberglaube dabei , und so warf er denn dreimal und zuletzt so heftig , daß der eine der drei Würfel über die Bande sprang . Aber er blieb jedesmal unter zehn , und weil er nicht mit leeren Händen heimkehren wollte , wie wenn er des Kindes gar nicht gedacht hätte , so sah er sich gezwungen , einiges von dem Spielzeug zu kaufen . Und danach ging er auf einem Umwege wieder an den Schießstand zurück . Auf diesem jedoch stellte man eben das Schießen ein , und er kam nur noch zu rechter Zeit , um sich einem abziehenden Trupp Osteroder , deren Wiesen und Äcker mit Emmerode grenzten , zu gemeinschaftlicher Rückfahrt anzuschließen , allerdings erst , nachdem man vorher noch in dem großen und langgebauten Erfrischungszelt , an dessen Flaggenstange das braunschweigische Roß flatterte , gevespert und natürlich auch einen guten Trunk genommen haben würde . Und nicht lange , so saßen sie , jung und alt , um die langen , aufgenagelten Tische her und sprachen dem Einbecker Biere zu , das in diesem Zelt am besten und frischesten zu haben und eben deshalb auch eines besonderen Zuspruchs sicher war . Auch ein paar Ilseburger , die mit dem Heidereiter Freundschaft oder Gevatterschaft hielten , hatten sich eingefunden , und weil das gute Bier allen die Zunge löste , so gab es bald ein Erzählen von Krieg und Frieden und am meisten von den hannoverschen Rotröcken , die mit übers Wasser müßten , ohne Recht und Ordnung . Und sei ' ne Schand . Aber zuletzt kamen alle wieder auf das Nächstliegende zurück und sprachen von Diegels Mühle , die ja nun verkauft werden solle , nächsten Freitag schon , und auf siebentausend Gulden werde sie wohl kommen , oder noch höher , weil ja das ganze Elsbruch zugehöre , mitsamt dem Kamp oben und Ellernklipp . All das hatte sich bald an diesen und bald an jenen gerichtet , als aber das Wort Ellernklipp fiel , beugte sich einer von den Osterodern vor und rief über den Tisch hin : » Is et denn woahr , Heidereiter , wat se seggen ? « » Was ? « fragte dieser . » I , se seggen joa , et spökt upp Ellernklipp . Un schreegt un röppt . « » Unsinn « , preßte Baltzer heraus . » Und was ruft es denn ? « » Vader , röppt et . Ümmer man dat een . « Und der Heidereiter , der eben den Krug erhoben hatte , setzte wieder ab . » Ich denke , wir machen uns auf den Weg . « Alle waren einverstanden . Und nachdem man noch verabredet hatte , sich bei der oberen Schloßbrücke treffen und , weil Mondschein sei , den Weg durch die Berge nehmen zu wollen , trennte man sich in Scherz und guter Laune . Der Heidereiter aber ging erregt in die Stadt zurück , um Hilden und das Kind aus dem Wirtshause abzuholen . 17. Kapitel . Wieder auf Ellernklipp Siebzehntes Kapitel Wieder auf Ellernklipp Eine halbe Stunde später hielt alles an verabredeter Stelle . Es waren Wagen und Fußgänger bunt durcheinander , was aber ihre Kameradschaft und ihr Zusammenbleiben nicht störte , da die Wege so schlecht und so steil waren , daß auch die Fuhrwerke nur im Schritt fahren konnten . Ein Trupp Emmeroder , blutjunges Volk , auch einige Mädchen , eröffnete den Zug , und sie sangen , als sie zwischen den Bäumen hin die Schlucht hinaufzogen : » Ich kann und mag nicht sitzen , Mag auch nicht lustig sein , Mein Herz ist mir betrübet , Feinslieb von wegen dein ... « Und Hilde mußte des Abends gedenken , wo sie mit Martin das letzte Mal das Lied gesungen hatte . Das waren nun erst drei Jahre ; aber ihr war , als läge ein Leben dazwischen . Am Ilsenstein bog ihr Weg links ab , und man bewegte sich immer langsamer , weil es immer mehr und mehr zu dunkeln begann und überall die Baumwurzeln über den Weg gewachsen waren . An vielen Stellen lagen auch Steine querüber , auf die dann die Vorderen aufmerksam machten , wenn es nicht glücken wollte , sie beiseite zu schaffen . Und dann gab es freilich immer noch einen tüchtigen Stoß , aber die Wagen waren doch so fest gebaut – Achsen und Rad aus gutem Harzer Holze – , daß alles glücklich aus der Schlucht heraus und bis an das Hohensteiner Gasthaus kam , wo der Weg , von alter Zeit her , in zwei Richtungen ging und alles Osterodesche nach rechts und alles Emmerodesche nach links mußte . Baltzer hielt hier und stieg ab , um einen Trunk zu nehmen ; als er aber wahrnahm , daß Hilde bang und unruhig wurde und Gesellschaft haben wollte , fuhr er , eh er noch sein Krügel geleert , auf der großen Straße den Emmerodern nach , die schon an tausend Schritte vorauf waren . Er sah denn auch bald das Blitzen ihrer Windlichter wieder , die sie von dem Hohensteiner Gasthaus her mitgenommen hatten , und war – indem er auf dem etwas besser gewordenen Wege die Pferde scharf antraben ließ – eben schon bis dicht an sie heran , als es einen heftigen Ruck gab und Hilde von der einen Seite des Wagens auf die andere geschleudert wurde . Das Rad war gebrochen , und nur mit Anstrengung hatte sie sich , ihr Kind im Arm , an der Lehne des Vordersitzes festgehalten . Anfangs dachte man , ohne sondere Mühe Rat und Hülfe schaffen zu können ; waren doch Hände genug am Platz und auch bereit ; als sich aber herausstellte , daß kein Schraubenzieher da war und überhaupt nicht mehr und nicht weniger als alles fehlte , so kam man zu dem Entschlusse , daß der Heidereiter mit Frau und Kind den Rest des Weges zu Fuß machen , ein paar von den Emmeroder Burschen aber einen Baum und einen Strick aus einem abwärts gelegenen Kohlenmeiler herbeischaffen und über lang oder kurz mit dem notdürftig wieder instand gesetzten Gefährt auf der großen Straße nachkommen sollten . Und so geschah ' s ; und nicht lange , so brach man wieder auf und setzte fröhlich und guter Dinge den Heimweg weiter fort , Hilde mit unter den Vordersten , Bocholt aber im Nachtrab und in allerlei Gespräch mit dem Sägemüller . Es war ein Gespräch , das ihn mehr als gewöhnlich in Anspruch nahm , und so kam es , daß er einer starken Biegung nicht achtete , die die Vordersten des Zuges inzwischen gemacht hatten . Aber nun endlich sah er ' s und fuhr zusammen und sagte : » Was soll das ? Wohin gehen wir ? « » Upp Ellernklipp to . Is joa dat Nächst . Un groad för Ji , Heidereiter . « Dem aber war es , als drehe sich ihm alles im Kopf herum , und nur mit Mühe hielt er sich an dem Gebüsche fest , das neben dem Wege hinlief . » Ist das ein Tag ! « Und dann fing er an zu lachen und waffnete sich mit Trotz , vielleicht in einem Vorgefühl , daß er ihn brauchen werde . Das Gespräch war inzwischen wieder aufgenommen worden , aber er hörte nicht mehr ; er starrte nur noch vorwärts in die zerklüftete Wald- und Bergesmasse hinein , und mitunter , wenn eine offene Stelle kam , war es ihm , als säh er hoch oben den Schattenriß der schrägliegenden Tanne . Ja , die Vordersten mußten schon daran vorüber sein , und er tappte sich langsam und vorsichtig ihnen nach . Und nun waren es keine zehn Schritte mehr , und er blieb stehen und horchte nach der Tiefe hin und sagte zu dem dicht neben ihm gehenden Alten : » Ich glaub , es ruft ... Habt Ihr nichts gehört , Sägemüller ? « » Nei ... « Baltzer lächelte vor sich hin und wußte nun , was er wissen wollte , daß es eine Sinnestäuschung gewesen und daß es nicht unten in dem Elsbruch , sondern in ihm selber gerufen habe . Dennoch erschrak er bis in seine tiefste Seele hinein , als der Alte , der wieder hinabgehorcht hatte , mit einem Male sagte : » Awers nu , Heidereiter . Joa . Nu hür ick ' t ... Et röppt . « Und wirklich , es war , als riefe was . Und als der Heidereiter in eben diesem Augenblicke sich umsah , sah er , daß der Vollmond hinter dem Tannenwald auf stieg . Und er schrie laut auf und sagte , während er seine letzte Kraft zusammenraffte : » Geht nur . Geht immer vorauf . Ich muß sehen , was es gibt . Und sagt meiner Frau , daß ich nachkomme . Geht . « Und der Sägemüller , dem es unheimlich geworden war , ließ ihn allein und ging in raschem Schritte den anderen nach , die schon , am Außenrande von Kunerts-Kamp hin , wieder abwärts stiegen . Und an eben diesem Gelände hin zog auch der Vortrupp , die Burschen und Mädchen , die dicht hinter Ellernklipp ihre frühere Weise wieder aufgenommen hatten : » Er nahm aus seiner Taschen Ein Messer scharf und spitz ... « Und nun schwieg das Lied und brach ab , denn ein Schuß fiel und hallte durch die Berge wider . Aber es war ja Jagdzeit und Besuch auf dem Schloß , und in einem weinerlichen Tone sangen sie gleichgültig weiter : » Ach , reicher Gott vom Himmel , Wie bitter ist mein Tod . « Auch Hilde hatte den Schuß gehört , ohne sich viel darum zu kümmern , und sang nur leise mit und freute sich ; denn das Kind auf ihrem Arme war eingeschlafen und atmete so still und ruhig , als ob es der erste Tag seiner Gesundheit wär . » Ach , wenn es leben bliebe ! « Und so stiegen sie gemeinschaftlich die Berglehne hinunter , und Hilde horchte noch dem Gesange nach , als sie sich vor des Heidereiters Hause von ihrer Begleitung getrennt hatte . Gleich danach aber kam Grissel und nahm das Kind und ließ sich erzählen und war wie gewöhnlich voll guter Lehren und wußte ganz genau , wie ' s hätte gemacht werden müssen . Auch das mit dem Jagdwagen . Aber mit dem Alten , da sei nichts mehr . Er sei zu eigensinnig und wolle immer mit dem Kopf durch die Wand . Eine ganze Weile ging so das Geplauder , und beide waren eigentlich froh , den Heidereiter nicht mit dabei zu haben . Endlich aber wurde Hilde doch stutzig und wunderte sich , daß der Vater noch nicht da sei . Denn sie nannt ihn noch immer so . Grissel aber wollte von Angst und Sorge nichts wissen und sagte nur : » Er hat den Schuß gehört , und da versteht er keinen Spaß und sieht , was es ist . Es fängt ohnedies das Wildern wieder an , weil er ' s eine Weile hat gehen lassen . Und das verdrießt ihn . Und gib acht , er macht ' s ein Ende . « Hilde ließ es gelten . Als aber wieder eine Zeit um war , sagte sie : » Wir müssen ihn suchen gehen . Und sage nicht nein . Und wenn niemand geht , so geh ich selber . So furchtsam ich bin . « Und all das sagte sie so bestimmt , daß der Grissel auch der Gedanke kam , es könne was passiert sein . Und so ging sie zu Joost in den Stall , um ihn fortzuschicken . Der machte sich auch auf den Weg , und der jungen Frau wurde wieder freier ums Herz , als sie sah , daß wenigstens etwas geschah . Aber sie hatte doch keine Ruh und ging hin und her und sah den Weg und das Gebüsch hinauf , von wo der Vater jeden Augenblick kommen mußte . Und wenn nicht er , so doch Joost . Und so war sie schon viele Male auf die Treppe hinausgetreten . Immer vergeblich . Aber jetzt klang es ihr wie Stimmen und war ihr , als ob sie dicht an der Stelle , wo die zwei Silberpappeln standen , einen Schatten und eine Bewegung sähe . Und wirklich , es war so , und über eine lichte Stelle weg , auf die gerade das Mondlicht fiel , erkannte sie vier oder fünf Gestalten . Und es war ihr , als trügen sie was . Und auf einen Schlag stand wieder der Tag vor ihrer Seele , wo sie den Maus-Bugisch auf eben diesem Wege herangeschleppt hatten , und eine furchtbare Angst befiel sie , daß sich ihr das Grauen jenes Tages erneuern könne . Sie wollte Gewißheit haben , je früher , je besser , und schritt rasch und entschlossen die Stufen hinunter und dem Zug entgegen . Als aber Joost ihrer ansichtig wurde , ließ er halten und winkte , daß sie von der Straße weggehe und wieder ins Haus zurücktrete . Vergebens ! Sie blieb angewurzelt stehen und wartete , bis alles heran war . Und nun nahm sie die Tannenzweige fort , die die Träger über das Antlitz des Toten gedeckt hatten . Es war Baltzer Bocholt , der ihr – ein paar Blutstropfen in seinem grauen Bart – ernst und beinahe finster entgegenstarrte . 18. Kapitel . Ewig und unwandelbar ist das Gesetz Achtzehntes Kapitel Ewig und unwandelbar ist das Gesetz Wochen waren vergangen . Ein heller Oktobertag lag über dem Land , die Sonne blitzte hoch im Blauen , und wer ins Tal kam und sein Auge nicht bloß auf den Weg richtete , der freute sich der Berglehnen , die jetzt ganz in Rot standen , und der breiten Wiesenstreifen dazwischen , die nach dem Nebel , der über Nacht gefallen , überall jetzt von Tau glitzerten . Alles war hell und still , am stillsten aber des Heidereiters Haus , das man bei seinen weit offenstehenden Türen und Fenstern für unbewohnt hätte halten können , wenn nicht das Auffliegen der Tauben und das Gackern der Hühner und dazwischen ein taktmäßiges Schlagen und Klopfen das Gegenteil verraten hätte . Das Schlagen und Klopfen aber rührte von Joost und Grissel her , die die Kissen des hochlehnigen Sofas aus der guten Stube von ihrem Sommerstaube zu reinigen trachteten . Und daneben lagen Leinwandkappen , die für den langen Winter darübergezogen werden sollten – für den langen Winter und vielleicht für länger noch . Ja , es waren unsere plauderhaften alten Freunde , die sich übrigens heute , solange sie bei dem lauten und lärmenden Teil ihrer Arbeit waren , eines vollkommenen Schweigens befleißigten . Immer aber , wenn wieder eine der Kappen übergezogen wurde , benutzte Grissel den stillen Moment , um das vorher unterbrochene Gespräch an bestimmter Stelle wieder aufzunehmen , ein Gespräch , das sich selbstverständlich um die letzten drei Wochen : um den Tod des Heidereiters und seines noch in derselben Nacht ihm nachgestorbenen Kindes , drehte . Wohl auch um das Gerede der Leute darüber , ja darüber zumeist , und wer von dem Garten oder dem Heckenzaune her ihrem Gespräch hätte folgen können , der hätte bald heraushören müssen , daß es vorzugsweise » die getrennten Grabstellen « waren , was alle Welt in Verwunderung gesetzt hatte . Dem alten Heidereiter nämlich , von dem es in Sörgels Leichenrede geheißen hatte , daß er im Kampf erschossen worden sei , hatte man sein Grab an einer neuen , etwas bergan gelegenen Stelle gegeben , während das Kind innerhalb des Bocholtschen Grabgitters mit den neuvergoldeten Kugelknöpfen , an der Seite der ersten Frau , begraben worden war . Über diese Verwunderlichkeit hatte man im Dorfe , wie sich denken läßt , nicht weggekonnt , und Joost , der immer mit der Mehrheit ging , meinte denn auch genau das , was die Leute meinten , und versicherte : Hilde habe ihn , den Alten , seiner ersten nicht gegönnt , und wenn sie nun stürbe , dann käme sie neben ihn ... Und das Kind , das kleine , kranke Wurm , na , du mein Gott , das hätte sie so hingelegt , wo ' s sei , da oder da , und hätte doch auch so tun müssen , als ob alles in Richtigkeit und ein Herz und eine Seele wäre . Versteht sich . Und nichts von Eifersucht oder so . Dies war unzweifelhaft eine von Joosts längsten Auseinandersetzungen , und als er fertig war und sich selber anstaunte , so lange gesprochen zu haben , stieß ihn Grissel mit dem Ausklopfer vor die Brust und sagte : » Bist un bliewst en Schoap un redst allens nah . ' t is joa dumm Tüg . Geih doch hen un kuck di dat Gitter an . Doa wihr joa keen Platz mihr in , för ' n utwass ' nen Minschen ' wiß nich , un sülwst uns ' lütt Worm hebben s ' ook man eben noch intwängt . « » Joa , awers worüm ? Doa wihr joa Platz noog bien Ollen . He is joa de ihrst , de doa liggen deiht . Un worüm liggen se nich tosoam , de Oll un de Lütt ? « Grissel schüttelte den Kopf , um auszudrücken , daß er noch dümmer wär , als sie gedacht , und sagte dann : » Ick weet nich , Joost , bist nu so lang all in ' t Huus un weetst nich , dat se ümmer ' n Grul för em hett . Ick will nich groadto seggen , se freugt sich , dat he dod is . Ne , so wat will ick nich seggen . Un ick weet et ook nich . Awers dat weet ick , et paßt ehr , dat he so ' n beten aff liggt un dat se nich ümmer an em vorbi möt , wenn se dat Lütt besooken will . Gott , lütt wihr et joa man un ümmer Wehdoag . Awers et wihr doch allens , wat se hett . Un is ook hüt noch allens , wat se hett . Un jeden Dag sitt se joa doa un kuckt un weent . « » Joa , joa , dat deiht se « , bekräftigte Joost , der schon wieder anfing , umgestimmt zu werden . » Un sien ihrste Fru « , fuhr Grissel fort , die der Unterbrechung nicht achtete , » dat weet se woll , de deiht ehr nich veel . Und dorüm hebben se dat lütte Worm in dat smoale Gitter mit intwängt . Awers wenn dat lütte Graff mit Ol-Baltzern sien in eens wihr o ' r ook man dichte bi , denn hett se joa den Olschen ümmer mit vor Oogen hett . Un dat wull se nich . « Und nun begann das Klopfen wieder . Aber Joost wollte noch mehr hören und hielt nach ein paar Schlägen wieder an und sagte : » Un wat meenste , Grissel ? Ob se woll wedder friegt ? « » Friegt ? Versteiht sich , friegt se . Wat wahrd se nich wedder friegen ? Hett joa nich Kinn un nich Kaaks . Un keen Anhang nich . Un dat hübsche Huus dato . Un kann ook nich ümmer sitten un ween ' n. Dat is nu man so förihrst . Awers dat giwt sich . Un denn moakt se wedder de Oogen upp un to , groad as ne Klapp , un wutsch is wedder een in . « Joost sah Grissel dummpfiffig an und sagte : » Joa , joa , dat sall woll sinn . Awers se seggen joa : de tweet leewt nich lang un hett ümmer siene Noot . « » De tweet ? Joa , dat ' s recht : De tweet hat ümmer siene Noot , Is hüte rot un morgen doot , Awers de dritt is wedder goot ! « » De dritt ? Ihrst kümmt doch de tweet . Se hett doch ihrst een ' , un uns ' Ol-Baltzer wihr doch de ihrst . « » Na , na « , lachte Grissel , » ick weet nich . Tweet o ' r dritt . Un ick denk , et is de dritt