Fall , so könnte sie nicht so ruhig , so friedlich aussehen ; das wäre nicht möglich . « Ich ging an ihr Bett und küßte sie ; ihre Stirn war kalt und ihre Wange war kalt und abgezehrt , und ihre Hände und ihre Arme ebenfalls ; aber ihr Lächeln war das alte geblieben . » Weshalb kommst du hierher , Jane ? Es ist schon nach elf Uhr ; ich habe es vor einigen Minuten schlagen hören . « » Ich kam um dich zu sehen , Helen . Ich hörte , du seist sehr krank , und ich konnte nicht einschlafen , bevor ich noch einmal mit dir gesprochen hatte . « » Du bist also gekommen , um mir Lebewohl zu sagen : wahrscheinlich bist du gerade noch zu rechter Zeit gekommen . « » Willst du fort , Helen ? Willst du etwa nach Hause . « » Ja , nach Hause – in meine letzte , meine ewige Heimat ! « » Nein , nein , Helen , « unterbrach ich sie jammernd . Während ich versuchte , meiner Thränen Herr zu werden , hatte Helen einen heftigen Hustenanfall ; indessen weckte dieser die Krankenwärterin nicht ; als er vorüber , lag sie einige Minuten ganz erschöpft da ; dann flüsterte sie : » Jane , deine kleinen Füße sind nackt ; lege dich zu mir ins Bett und decke dich mit meiner Decke zu . « Ich that es ; sie schlang ihren Arm um mich , und ich schmiegte mich dicht an sie . Nach langem Schweigen fuhr sie flüsternd fort : » Ich bin sehr glücklich , Jane ; und wenn du hörst , daß ich gestorben bin , so mußt du mir versprechen , nicht zu trauern ; denn es ist nichts zu betrauern . Wir alle müssen ja eines Tages sterben , und die Krankheit , die mich fortrafft , ist nicht schmerzhaft ; sie schreitet langsam und schmerzlos fort ; mein Gemüt ist in Frieden . Ich hinterlasse niemanden , der mich betrauert . Ich habe nur einen Vater ; er hat sich vor kurzem wieder verheiratet und wird mich nicht vermissen . Ich sterbe jung – aber ich werde auch vielen Leiden entgehen . Ich hatte keine Eigenschaften , keine Talente , die mir geholfen hätten , einen guten Weg durch die Welt zu machen . Fortwährend würde ich das Verkehrte gethan haben . « » Aber wohin gehst du denn , Helen ? Kannst du es sehen ? Kannst du glauben ? « » Ich glaube ; – ich habe die feste Zuversicht : ich gehe zu Gott . « » Wo ist Gott ? Was ist Gott ? « » Mein Schöpfer und der deine , der niemals zerstören kann , was er geschaffen hat . Ich glaube fest an seine Macht und vertraue seiner Allgüte , Ich zähle die Stunden bis zu jener großen , bedeutungsvollen , die mich ihm zurückgeben soll , ihn mir von Angesicht zu Angesicht zeigen wird . « » Du bist also sicher , Helen , daß es ein Etwas giebt , das sich Himmel nennt ; und daß unsere Seelen dorthin gehen werden , wenn wir sterben ? « » Ich bin sicher , daß es ein künftiges Leben giebt ; ich glaube , daß Gott gut ist ; ich gebe ihm mein unsterbliches Teil vertrauensvoll hin , Gott ist mein Vater ; Gott ist mein Freund , ich liebe ihn ; ich glaube , daß er mich liebt . « » Und werde ich dich wiedersehen , Helen , wenn ich sterbe ? « » Du wirst in dieselben Regionen der Glückseligkeit kommen wie ich ; derselbe mächtige Allvater wird auch dich an sein Herz nehmen , Jane , zweifle nicht daran . « Wiederum fragte ich , doch dieses Mal nur in Gedanken , » wo sind jene Regionen ? Sind sie wirklich ? « Und fester schlang ich meine Arme um Helen ; sie war mir in diesem Augenblick teurer denn je ; mir war , als könne ich sie nicht fortgehen lassen ; ich verbarg mein Gesicht an ihrer Brust , Gleich darauf sagte sie in ihrer süßesten Weise : » Wie wohl ich mich fühle ! Jener letzte Hustenanfall hat mich ein wenig ermüdet ; mir ist , als könnte ich jetzt schlafen ; aber verlaß mich nicht , Jane ; es ist so schön , dich so nahe zu wissen . « » Ich bleibe bei dir , süße Helen ; niemand soll mich von hier fortnehmen . « » Ist dir warm , mein Liebling ? « » Ja . « » Gute Nacht , Jane . « » Gute Nacht , Helen . « Sie küßte mich und ich küßte sie : bald schliefen wir beide . Als ich erwachte , war es Tag . Eine ungewöhnliche Bewegung weckte mich ; ich öffnete die Augen ; jemand hielt mich in den Armen ; es war die Krankenwärterin ; sie trug mich durch die Korridore in den Schlafsaal zurück . Man erteilte mir keinen Verweis dafür , daß ich mein Bett verlassen hatte ; die Leute hatten an andere Dinge zu denken . Auf meine vielen Fragen gab man mir damals keine Erklärungen ; aber einige Tage später erfuhr ich , daß Miß Temple , als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt , mich in dem kleinen Bette gefunden habe ; mein Gesicht ruhte auf Helen Burns Schulter , meine Arme umschlangen ihren Hals . Ich schlief , und Helen war – tot . Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhofe von Brocklebridge ; noch fünfzehn Jahre nach ihrem Tode deckte es nur ein einfacher Grashügel . Jetzt bezeichnet eine graue Marmortafel die Stelle ; darauf steht ihr Name und das Wort : » Resurgam . « Zehntes Kapitel Bis hierher habe ich jede Begebenheit meines unbedeutenden Daseins bis ins kleinste Detail geschildert ; – den ersten zehn Jahren meines Lebens habe ich ebenso viele Kapitel gewidmet . – Es ist aber nicht meine Absicht , eine ordentliche Autobiographie zu schreiben ; ich fühle mich nur verpflichtet , mein Gedächtnis zu befragen , wo seine Antworten bis zu einem gewissen Grade Interesse bieten können ; darum übergehe ich einen Zeitraum von acht Jahren fast mit Stillschweigen ; nur wenige Reihen sind notwendig , um die Verbindung aufrecht zu erhalten . Als das typhöse Fieber seine Mission der Zerstörung in Lowood erfüllt hatte , verschwand es nach und nach von dort ; aber nicht , bevor seine Heftigkeit und die Anzahl seiner Opfer die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten . Die Ursache dieser Geißel wurde genau untersucht , und so wurden mehrere Fakta entdeckt , welche die allgemeine öffentliche Empörung im höchsten Grade wachriefen . Die ungesunde Lage des Instituts ; die Quantität und die Qualität der Nahrung , welche den Kindern verabreicht wurde ; das schlechte , stinkende Wasser , welches bei der Zubereitung verwendet wurde ; die elende , unzureichende Bekleidung der Schülerinnen – alle diese Dinge kamen ans Tageslicht , und die Entdeckung machte einen sehr beschämenden Eindruck für Mr. Brocklehurst , hatte aber eine wohlthätige Wirkung für das Institut . Mehrere wohlhabende und wohlwollende Leute in der Gegend zeichneten große Summen für den Aufbau eines passenderen Gebäudes in einer besseren Lage ; neue Statuten wurden aufgestellt . Verbesserungen in Diät und Kleidung eingeführt ; das Betriebskapital der Schule wurde der Verwaltung eines Komitees anvertraut . Mr. Brocklehurst , welcher seiner Familienverbindungen und seines Reichtums wegen nicht ganz übersehen werden konnte , behielt das Amt eines Kassenverwalters ; aber bei der Erledigung seiner Pflichten standen ihm Herren von sympathischerer Sinnesart und humanerem Charakter zur Seite ; auch sein Amt als Inspektor mußte er mit Leuten teilen , welche Strenge mit Vernunft , Komfort mit Sparsamkeit , Mitgefühl mit Gerechtigkeit zu paaren wußten . In solcher Gestalt verbessert , wurde sie mit der Zeit zu einer wahrhaft nützlichen und edlen Gründung . Ich blieb noch acht Jahre nach ihrer Renovation eine Bewohnerin ihrer Mauern : sechs Jahre als Schülerin und zwei als Lehrerin . In beiden Eigenschaften kann ich nur ihren großen Wert und ihre Wichtigkeit bezeugen . Wahrend dieser acht Jahre war mein Leben außerordentlich einförmig ; aber nicht unglücklich , weil es nicht unthätig war . Die Mittel , mir eine ausgezeichnete Erziehung anzueignen , waren mir an die Hand gegeben ; eine Vorliebe für einige meiner Studien , der Wunsch , in allen das Höchste zu erreichen , verbunden mit dem innigen Wunsch , meine Lehrerinnen zu befriedigen , besonders jene , welche ich liebte : dies alles trieb mich vorwärts und daher benutzte ich in vollem Maße die Vorteile , welche sich mir darboten . Mit der Zeit stieg ich zum Range der ersten Schülerin in der ersten Klasse empor ; dann wurde ich mit dem Amte einer Lehrerin betraut ; dieser Pflichten entledigte ich mich während zweier Jahre . Doch nach Ablauf dieser Zeit wurde ich andern Sinnes . Während all dieser Wechsel war Miß Temple Vorsteherin des Seminars geblieben ; ihrem Unterricht verdankte ich den besten Teil meiner Kenntnisse ; ihre Freundschaft und ihre Gesellschaft waren mein immerwährender Trost gewesen ; sie hatte die Stelle einer Mutter bei mir vertreten , sie war meine Erzieherin und später meine Gefährtin gewesen . Um diese Zeit heiratete sie und zog mit ihrem Gatten – einem Geistlichen , der ein ausgezeichneter Mann und beinahe einer solchen Gattin würdig gewesen wäre – in eine entfernte Grafschaft ; für mich war sie folglich verloren . Seit dem Tage , wo sie uns verließ , war ich nicht mehr dieselbe ; mit ihr war jedes Gefühl der Festigkeit , jede Gemeinschaft , die Lowood bis zu einem gewissen Grade zu meiner Heimat gemacht hatte , dahin . Ich hatte einiges von ihrer Natur , viele ihrer Gewohnheiten angenommen ; harmonischere Gedanken , besser geregelte Empfindungen waren die Bewohner meiner Seele geworden . Ich hatte mich der Pflicht und der Ordnung unterworfen ; ich war ruhig geworden ; ich glaubte , daß ich zufrieden sei ; den Augen anderer , oft sogar meinen eigenen , erschien ich ein wohldisziplinierter und fester , gezügelter Charakter . Aber das Schicksal in Gestalt Sr. Ehrwürden des Herrn Nasmyth trat zwischen Miß Temple und mich ; – ich sah sie kurz nach der Ceremonie der Trauung im Reisekleide in die Postchaise steigen ; ich sah den Wagen den Hügel hinauf fahren und hinter diesem Hügel verschwinden . Dann ging ich auf mein Zimmer . Und dort verbrachte ich auch in Einsamkeit den größten Teil des halben Ferialtages , welchen man uns der feierlichen Gelegenheit zu Ehren gewährt hatte . Viele Stunden lang ging ich im Zimmer auf und ab . Ich bildete mir ein , daß ich nur meinen Verlust betrauere und daran dächte , ihn zu ersetzen ; als ich aber den Schluß meiner Reflexionen zog und aufsah und fand , daß der Nachmittag hingegangen und der Abend weit vorgeschritten sei , – da dämmerte eine andere Entdeckung vor mir auf : ich fühlte , daß ich in der Zwischenzeit einen transformierenden Prozeß durchgemacht habe ; daß mein Gemüt abgestreift habe alles , was es von Miß Temple erborgt hatte – oder vielmehr , daß sie die reine Atmosphäre , welche ich in ihrer Nähe eingeatmet hatte , mit sich genommen habe , und daß ich jetzt in meinem eigenen natürlichen Element zurückgeblieben sei . Ich fühlte , wie die alten , wilden Gefühle wieder in mir erwachten , Es war nicht , als ob eine Stütze mir genommen sei , sondern vielmehr , als ob eine bewegende Kraft verloren gegangen ; nicht als ob die Fähigkeit , ruhig und zufrieden zu sein , geschwunden sei , sondern als ob die Ursache zur Zufriedenheit dahin sei . Während vieler Jahre war Lowood meine ganze Welt gewesen ; meine Erfahrung kannte nichts anderes als seine Vorschriften , sein System . Jetzt aber fiel mir ein , daß die Welt groß sei , und daß ein weites , wechselvolles Feld von Furcht und Hoffnung , von Bewegung und Anregung jene erwarte , welche genug Mut besäßen , auf diese Wahlstatt hinauszugehen , um wirkliche Lebenserfahrung und Kenntnis inmitten seiner Gefahren zu suchen . Ich ging an das Fenster , öffnete es und blickte hinaus . Da lagen die beiden Flügel des Gebäudes , da war der Garten , dort die Grenze von Lowood , weit hinten der hügelige Horizont . Mein Auge schweifte über alle anderen Gegenstände fort , um an den entferntesten haften zubleiben : an den Gipfeln der Berge ! Diese zu übersteigen sehnte ich mich ; alles was innerhalb ihrer Grenzen von Felsen und Haide lag , schien mir Gefängnisboden , Grenzen des Exils . Ich verfolgte die weiße Landstraße , welche sich an dem Fuße eines Berges dahin zog und in einer Schlucht zwischen zwei Höhen verschwand , mit den Augen . Ach ! wie gern wäre ich ihr noch weiter gefolgt ! Ich erinnerte mich der Zeit , da ich in einer Postkutsche auf dieser selben Straße des Weges gekommen ; ich erinnerte mich , wie ich in der Dämmerung jenen Hügel herunter gefahren ; ein Menschenalter schien vergangen seit jenem Tage , der mich zuerst nach Lowood geführt – und nicht eine Stunde hatte ich es seitdem verlassen . Alle meine Ferien waren in der Schule dahin gegangen ; Mrs. Reed hatte mich niemals wieder nach Gateshead kommen lassen und ebensowenig hatte sie oder irgend ein Mitglied ihrer Familie mich besucht . Weder durch Briefe noch durch mündliche Botschaft hatte ich einen Verkehr mit der Außenwelt aufrecht erhalten ; Schulregeln , Schulpflichten , Schulgebräuche , Schulgedanken , Stimmen , Gesichter , Phrasen , Kostüme , Sympathieen und Antipathieen – das war alles , was ich vom Dasein kannte . Und jetzt empfand ich , daß dies nicht genug sei . In einem einzigen Nachmittage wurde ich des Schlendrians von acht Jahren müde ! Ich ersehnte die Freiheit ; ich lechzte nach Freiheit ; um die Freiheit betete ich ; der Wind , der sich leise erhob , schien das Gebet davon zu tragen . Dann gab ich die Freiheit auf und sprach einen demütigeren Wunsch aus : ich bat um Veränderung , um irgend ein Reizmittel . Aber auch diese Bitte schien sich in dem leeren Raum zu verlieren . » Dann , « rief in voller Verzweiflung aus , » dann sei mir wenigstens eine neue Dienstbarkeit gewährt ! « Hier rief mich eine Glocke , welche die Stunde des Abendessens verkündete , in das Refektorium hinunter . Bis zur Zeit des Schlafengehens konnte ich meinen unterbrochenen Gedankengang nicht mehr aufnehmen ; selbst dann hielt mich noch eine Lehrerin , welche das Zimmer mit mir teilte , durch einen Erguß kleinlichen , interesselosen Geschwätzes von dem Gegenstande fern , zu dem ich mich sehnte mit meinen Gedanken zurückkehren zu können . Wie wünschte ich , daß der Schlaf sie endlich zum Schweigen gebracht hätte ! Mir war , als müßte mir irgend eine erfinderische Eingebung zur Hilfe kommen , wenn es mir nur möglich gewesen wäre , zu jenem Gedanken zurückzukehren , der meine Seele zuletzt beschäftigte , als ich am Fenster stand . Endlich schnarchte Miß Gryce ; sie war eine schwerfällige Walliserin , und bis jetzt hatte ich ihre gewöhnlichen nasalen Töne in keinem anderen Lichte betrachtet , als in dem einer Belästigung ; heute Abend aber begrüßte ich die ersten tiefen Noten mit innerster Befriedigung ; ich brauchte keine Unterbrechung mehr zu fürchten ; meine halbverlöschten Gedanken belebten sich von neuem . » Eine neue Dienstbarkeit ! Darin liegt etwas , « sagte ich zu mir selbst , ( natürlich nur im Geiste , wohlverstanden , denn ich sprach nicht laut ) . » Ich weiß , daß es so ist , denn es klingt nicht allzu süß ; es klingt nicht wie die Worte Freiheit , Aufregung , Genuß – – prächtige Laute in der That ; aber für mich doch nichts als Laute ; und so hohl , so flüchtig , daß es wahre Zeitverschwendung ist , ihnen nur zu lauschen . Aber Dienstbarkeit ! Das ist eine Thatsache ! Jeder kann dienen ! Ich habe hier acht Jahre gedient ; und jetzt wünsche ich ja nichts weiter , als anderswo dienen zu können . Kann ich meinen eigenen Willen denn nicht wenigstens so weit durchsetzen ? Ist die Sache denn nicht thunlich ? Ja – ja – das Ende ist nicht so schwer , wenn mein Gehirn nur thätig genug wäre , um die Mittel , es zu erreichen , aufspüren zu können . « Ich saß aufrecht im Bette , um mein vorerwähntes Hirn zur Thätigkeit anzuspornen ; es war eine frostige Nacht ; ich bedeckte meine Schultern mit einem Shawl und dann fing ich wieder mit allen Kräften an zu denken . » Was wünsche ich denn eigentlich ? Eine neue Stelle , in einem neuen Hause , unter neuen Gesichtern , unter neuen Verhältnissen . Dies wünsche ich , weil es nichts nützt , etwas Besseres , Größeres zu wünschen . Wie machen die Leute es nun , um eine neue Stelle zu bekommen ? Sie wenden sich an ihre Freunde , wie ich vermute , – ich habe keine Freunde . Es giebt aber noch viele Menschen , die keine Freunde haben und sich selbst umsehen müssen und sich selbst helfen . Welches sind denn nun ihre Hilfsquellen ? « Ja , das wußte ich nicht ; niemand konnte mir antworten . Deshalb befahl ich meinem Hirn , eine Antwort zu finden , und zwar so schnell wie möglich . Es arbeitete schneller und schneller ; ich fühlte die Pulse in meinem Kopf und meinen Adern klopfen ; aber fast eine Stunde lang arbeitete es in einem Chaos , und all seine Anstrengungen hatten keinen Erfolg . Fieberhaft erregt durch die nutzlose Arbeit erhob ich mich wieder und ging einigemal im Zimmer auf und nieder ; zog den Vorhang zurück , blickte hinauf zu den Sternen , zitterte vor Kälte und kroch wieder in mein Bett . Während meines Umherwanderns hatte eine gütige Fee gewiß den erflehten Rat auf mein Kopfkissen niedergelegt , denn als ich wieder lag , kam er ruhig und natürlich in meinen Sinn : – » Leute , welche Stellungen suchen , kündigen es an ; du mußt es im – shire Herald ankündigen . « » Aber wie ? Ich weiß nichts von Zeitungsannoncen . « Schnell und wie von selbst kamen die Antworten jetzt : » Du mußt die Annonce und das Geld für dieselbe an den Herausgeber des Herald einschicken ; bei der ersten Gelegenheit , die sich dir darbietet , mußt du die Sendung in Lowton auf die Post geben ; die Antwort muß an J.E. an das dortige Postamt geschickt werden ; eine Woche nachdem du deinen Brief abgesandt , kannst du hingehen und dich erkundigen , ob irgend eine Antwort eingetroffen ist ; daraufhin hast du zu handeln . « Zwei- , dreimal überdachte ich diesen Plan ; jetzt hatte ich ihn genügsam verdaut , ich hatte ihn in eine klare , praktische Form gefaßt ; jetzt war ich zufrieden und fiel in tiefen Schlaf . Mit Tagesanbruch war ich auf . Ehe noch die Glocke ertönte , welche die ganze Schule weckte , hatte ich meine Annonce geschrieben , couvertiert und adressiert ; sie lautete folgendermaßen : » Eine junge Dame , welche im Lehren geübt ist ( war ich denn nicht zwei Jahre lang Lehrerin gewesen ? ) wünscht eine Stellung in einer Familie zu finden , wo die Kinder unter vierzehn Jahren sind ( da ich selbst kaum achtzehn Jahre alt war , hielt ich es nicht für ratsam , die Erziehung von Schülern zu übernehmen , welche meinem eigenen Alter näher waren ) . Sie ist befähigt in den gewöhnlichen Zweigen , welche zu einer guten , englischen Erziehung gehören , zu unterrichten , ebenso im Französischen , im Zeichnen und in der Musik . « ( In jenen Tagen , mein lieber Leser , war dies Verzeichnis , welches heute allerdings sehr unzureichend sein würde , ein sehr umfassendes . ) » Gefällige Adressen sind an J. E. poste restante Lowton , – shire zu richten . « Während des ganzen Tages lag dieses Dokument in meiner Schieblade verschlossen ; nach dem Thee bat ich die neue Vorsteherin um die Erlaubnis nach Lowton gehen zu dürfen , wo ich einige Kommissionen für mich und zwei meiner Mitlehrerinnen zu machen hatte . Die Erlaubnis wurde mir gern gewährt . Ich ging . Der Weg war zwei Meilen lang ; es war ein feuchter Abend , aber die Tage waren noch lang ; ich ging in zwei , drei Läden , warf meinen Brief in den Briefkasten und kam in strömendem Regen mit durchnäßten Kleidern aber mit leichtem Herzen zurück . Die jetzt folgende Woche schien endlos lang . Wie alle Dinge dieser Welt nahm sie aber auch ein Ende , und an einem herrlichen Herbstabende befand ich mich abermals zu Fuß unterwegs nach Lowton . Und nebenbei erwähnt , es war ein pittoresker Weg , der an dem Waldbach und den herrlichsten Windungen des Thals entlang führte ; aber an diesem Tage dachte ich nur an die Briefe , die mich in dem kleinen Marktflecken erwarteten oder nicht erwarteten , nicht an die Reize von Berg und Thal . Mein ostensibler Vorwand bei dieser Gelegenheit war gewesen , mir das Maß zu einem Paar Schuhe nehmen zu lassen ; folglich machte ich dieses Geschäft zuerst ab , und nachdem es erledigt , ging ich aus dem Laden des Schuhmachers quer über die kleine , reinliche Straße in das Postbureau . Eine alte Dame verwaltete dasselbe ; sie trug eine Hornbrille auf der Nase und schwarze gestrickte Pulswärmer an den Händen , » Sind irgend welche Briefe für J.E. angelangt ? « fragte ich , mir ein Herz fassend . Sie blickte mich über ihre Brille forschend an ; dann öffnete sie eine Schieblade und wühlte so lange zwischen dem Inhalt derselben umher , daß meine Hoffnung zu schwinden begann . Endlich , nachdem sie ein Dokument mindestens fünf Minuten lang vor ihre Augengläser gehalten hatte , reichte sie es mir durch den Postschalter hin , indem sie diese That zugleich mit einem zweiten fragenden und mißtrauischen Blicke betrachtete – – der Brief war an J.E. adressiert . » Ist nur ein einziger da ? « fragte ich . » Es sind keine weiteren da , « sagte sie ; ich schob ihn in die Tasche und machte mich auf den Nachhauseweg . Jetzt konnte ich ihn nicht öffnen ; die Hausregel verpflichtete mich , um acht Uhr zurück zu sein , und es war bereits halb acht . Bei meiner Heimkehr harrte meiner die Erfüllung verschiedener Pflichten ; ich hatte die Mädchen während ihrer Arbeitsstunde zu überwachen ; dann war an mir die Reihe , das Gebet zu lesen ; darauf zu sehen , daß die Schülerinnen schlafen gingen – und dann nahm ich das Abendessen mit den anderen Lehrerinnen ein . Selbst als wir uns endlich für die Nacht zurückzogen , war die unvermeidliche Miß Gryce noch meine Gefährtin . Die Kerze in unserem Leuchter war fast herabgebrannt – und ich fürchtete , daß Miß Gryce sprechen würde , bis das Licht verlöschen würde ; glücklicherweise übte aber das substantielle Mahl , welches sie zu sich genommen , eine einschläfernde Wirkung , Sie schnarchte bereits , als ich mich noch nicht entkleidet hatte . Noch war ein Zolllang Kerze vorhanden – ich zog meinen Brief hervor , – das Siegel trug den Anfangsbuchstaben F – ich erbrach es , der Inhalt war kurz . » Wenn J.E. , welche am letzten Donnerstag eine Annonce in den – shire Herald rücken ließ , die aufgezählten Fähigkeiten besitzt und wenn sie in der Lage ist , genügende Referenzen über Charakter und Wirkungskreis geben zu können , so wird ihr eine Stellung geboten , wo der Gehalt sich auf dreißig Pfund Sterling im Jahr beläuft , und sie nur ein kleines Mädchen unter zehn Jahren zu unterrichten hat . – J.E. wird gebeten , Referenzen , Namen , Adresse und alles Nähere einzusenden unter der Adresse : » Mrs. Fairfax , Thornfield bei Millcote – shire . « Lange prüfte ich das Schriftstück ; die Handschrift war altmodisch und ziemlich unsicher , wie die einer alten Frau . Dies war ein beruhigender Umstand , denn eine heimliche Furcht hatte mich gequält , daß ich durch dieses eigenmächtige Handeln , ohne irgend eines Menschen Rat eingeholt zu haben , ins Unheil geraten würde ; und vor allen Dingen wünschte ich doch auch , daß das Resultat meiner Bemühungen anständig passend , mit einem Worte en règle sein solle . Jetzt fühlte ich , daß eine ältere Dame durchaus keine schlechte Ingredienz für die Sache sei , welche ich so selbständig in die Hand genommen . Mrs. Fairfax ! Ich sah sie in einem schwarzen Kleide und in der Witwenhaube ; vielleicht etwas steif – aber nicht unhöflich : ein Muster der ältlichen , englischen Respektabilität . Thornfield ! das war ohne Zweifel der Name ihrer Besitzung , gewiß ein sauberes , ordentliches Fleckchen Erde ; obgleich es mir trotz der größten Anstrengung nicht gelang mir ein korrektes Bild des ganzen Grundstücks zu machen , Millcote , – shire ! ich frischte meine Erinnerung an die Karte von England auf ; ja , da lagen sie vor mir , die Grafschaft sowohl wie die Stadt . – shire war London um siebzig Meilen näher , als die entlegene Grafschaft , in welcher ich jetzt lebte : das war schon eine große Empfehlung in meinen Augen . Ich sehnte mich dorthin , wo Leben und Bewegung war ; Millcote war eine große Fabrikstadt am Ufer des A ... gelegen , ein geschäftiger Ort ohne Zweifel ; desto besser , das würde wenigstens eine gründliche Veränderung sein . Nicht daß meine Phantasie etwa bei dem Gedanken an hohe Fabrikschornsteine und Rauchwolken in Extase geraten wäre – » aber « folgerte ich weiter , » Thornfield liegt wahrscheinlich eine gute Strecke Wegs von der Stadt entfernt . « Hier erlosch die Kerze ; vollständige Dunkelheit herrschte , – ich schlief ein . Am folgenden Tage mußten neue Schritte gethan werden . Meine Pläne konnten nicht länger in der eigenen Brust verschlossen bleiben ; um sie ihrer Ausführung näher zu bringen , mußte ich Mitteilung von ihnen machen . Nachdem ich bei der Vorsteherin des Instituts eine Audienz nachgesucht und erhalten hatte , teilte ich ihr während der Mittags-Erholungsstunde mit , daß ich Aussicht auf eine neue Stellung habe , in welcher der Gehalt das Doppelte von dem betragen würde , den ich jetzt erhielt , – in Lowood gab man mir nur fünfzehn Pfund Sterling jährlich – und bat sie , die Angelegenheit für mich bei Mr. Brocklehurst oder irgend einem anderen Mitgliede des Komitees zur Sprache zu bringen und sich vergewissern zu wollen , ob diese Herren gesonnen seien , Auskunft über mich zu geben . Sehr verbindlich willigte sie ein , in dieser Sache als Vermittlerin auftreten zu wollen . Am nächsten Tage trug sie Mr. Brocklehurst die Angelegenheit vor ; dieser erwiderte , daß man an Mrs. Reed schreiben müsse , da diese meine natürliche Vormünderin sei . Infolgedessen ging eine Notiz an diese Dame ab , auf welche sie antwortete , daß ich ganz nach eigenem Ermessen handeln könne , da sie längst jede Einmischung in meine Angelegenheiten aufgegeben habe . Dieser Brief machte die Runde bei dem Komitee , und nach langer , wie es mir schien , sehr unnötiger Verzögerung , erhielt ich die Erlaubnis , meine Stellung zu verbessern , wenn die Gelegenheit sich dazu böte . Dieser Einwilligung folgte die Versicherung , daß man mir , da ich sowohl als Lehrerin wie als Schülerin mir die vollständige Zufriedenheit der Lehrerinnen in Lowood erworben , unverzüglich ein Zeugnis über Charakter wie über Fähigkeiten , das von allen Inspektoren der Anstalt unterzeichnet , zustellen würde . Nach ungefähr einer Woche erhielt ich demzufolge das Zeugnis , schickte eine Abschrift desselben an Mrs. Fairfax , und erhielt die Antwort dieser Dame , welche besagte , daß sie zufrieden sei und mich binnen vierzehn Tagen in ihrem Hause erwarte , wo ich den Posten als Gouvernante antreten könne . Jetzt war ich mit meinen Vorbereitungen beschäftigt ; die vierzehn Tage gingen schnell dahin . Ich hatte keine große Garderobe , obgleich sie meinen Bedürfnissen vollkommen genügte . Der letzte Tag genügte , um meinen Koffer zu packen – denselben , welchen ich bereits vor acht Jahren von Gateshead gebracht hatte . Die Kiste wurde geschnürt , die Adresse hinaufgenagelt . Nach einer halben Stunde sollte der Bote kommen , um sie nach Lowton mitzunehmen , wohin ich selbst mich am folgenden Morgen in früher Stunde begeben sollte , um mit der Post weiter zu fahren . Ich hatte mein schwarzwollenes Reisekleid sorgsam ausgebürstet , meinen Hut , Muff und meine Handschuhe zurecht gelegt ; in allen Schiebladen nachgesucht , damit nichts zurückbliebe und jetzt , da ich nichts mehr zu thun hatte , setzte ich mich und versuchte mich auszuruhen . Doch das war unmöglich ; obgleich ich während des ganzen Tages auf den Füßen gewesen , konnte ich jetzt doch nicht einen Augenblick Ruhe finden ; ich war zu heftig erregt . Heute Abend schloß eine Phase meines Lebens ab ; morgen begann eine andere ; unmöglich in der Zwischenzeit zu schlafen . Fieberhaft mußte ich wachen , während der Übergang sich vollzog , » Miß , « sagte ein Mädchen , welches mich in dem Korridor , wo ich wie ein geängstigter , ruheloser Geist auf- und abging , aufsuchte , » unten ist eine Person , die mit Ihnen sprechen möchte . « » Ohne