, Nachtgeist , und laß die Leute schlafen . « Da öffnete sich noch ein Fenster , im Erdgeschoß , und des Herrn Carovius wüste Bettphysiognomie starrte am Haus empor , starrte gegen den Ruhestörer auf der Straße , und mit einem grimmig feixenden Laut , rachsüchtig die Faust schwingend , schloß der entrüstete Mann das Fenster wieder . Abermals trieb es Daniel zum Egydienplatz hin , abermals schaute er zu den Fenstern hinauf , fast flehend . Der innere Sturm wurde wilder . Lange Zeit noch rannte er durch die Gassen , und erst gegen fünf Uhr kam er heim . Durch den dunklen Flur gehend , gewahrte er oben an der kleinen Treppe ein Licht . Meta trug es , die schon aufgestanden war , um zur Früharbeit zu gehen . Er zögerte , er sah sie an und mit drei Sätzen war er bei ihr droben . » So spät ? « flüsterte sie ahnungsvoll verlegen und nestelte mit der Linken an den Knöpfen ihres schlechtgeschlossenen Gewandes . » Daß ich noch einen lebendigen Menschen fassen kann heute , « stieß er hervor . Sie wehrte sich , als er sie in ihre Kammer ziehen wollte , bog den Leib zurück und umpreßte sein Handgelenk . Das Licht trug sie noch immer . » Wie mir zumut ist , Meta ! Wüßtest du ' s ! Ich brauch dich , halt mich fest mit deinen Armen . « Da sträubte sie sich nicht mehr . Vielleicht war auch sie nicht ohne Wunsch . Vielleicht war es eine Stunde , wo die Natur gebieterischer sprach als sonst . Vielleicht litt sie an der Einsamkeit unter den drei alten Jungfern . Es war noch finstere Nacht , und für sie sollte es schon Tag sein , der erste im Jahr , den sie festlich empfand . Sie gab nach . Sie war unverdorben ; sie wußte nicht , was sie auf sich nahm . Heimlich war ihr der Mensch nie gewesen , aber jetzt spürte sie das gleichgeartete Geschöpf , und sie gab nach . So kehrte Daniel zur Erde zurück , nachdem er mit ungeheurer Begierde an die Pforten der Götter gepocht hatte . Die Götter lächelten tiefsinnig , denn sie hatten beschlossen , aus dieser Stunde ein besonderes Schicksal wachsen zu lassen . 4 In Gostenhof fand eine Versammlung der sozialdemokratischen Partei statt , in welcher zu der Kanzlerrede über das Unfallversicherungsgesetz Stellung genommen werden sollte . Als erster Redner betrat der Abgeordnete Störbecker die Tribüne , aber er hatte eine zu leise Stimme und was er sagte , verhallte fast ungehört . Ihm folgte Jason Philipp Schimmelweis . Er klagte die Regierung mit heftigen Worten an . Der Vertreter der Regierung ermahnte zur Mäßigung , und Jason Philipp kräftigte sich durch einen Schluck Bier . Sodann schleuderte er den ganzen Zorn seines volksfreundlichen Herzens gegen die verantwortliche Person des Trägers der Reichsgeschäfte . Er nannte Bismarcks Namen nicht , aber er sprach von einem Popanz . Er riß ihm die Glorie vom Haupt , schwor , ihn eines Tages als Verräter entlarven zu wollen , hieß seinen Ruhm eine Lügengeburt und seine Taten Schandmale des Jahrhunderts . Der wilde Haß des rundlich kleinen Mannes entzündete die Gemüter , und ein Tumult von Beifall umbrauste Jason Philipp , als er mit scharlachrotem Gesicht auf seinen Platz zurückkehrte . Aber die anwesenden Führer der Partei verhielten sich eigentümlich still . Es dauerte nicht lange , so kam der Abgeordnete Störbecker mit zwei Genossen und ersuchte Jason Philipp um eine Unterredung . Er folgte ihnen in ein Seitenzimmer . Von der Meinung gehoben , daß man ihm eine dankbare Anerkennung ausdrücken wolle , lächelte er eitel und liebkoste mit den Fingern seinen Bart. » Was gibt ' s , ihr Herren ? Weshalb so bedenklich ? Hab ich mich zu weit vorgewagt ? Ich nehme alles auf mich , aber seien Sie ruhig , man hat jetzt Angst vor uns , die Luft riecht brenzlig , die Franzosen stänkern wieder . « Nein , Genosse Schimmelweis , du sollst dich rechtfertigen . Du bist ein Proteus , Genosse Schimmelweis ; deine rechte Hand weiß nicht , was deine linke tut ; du treibst Schindluder mit uns ; du pflügst im Gärtlein der Witwe ; du predigst Wasser und säufst Wein ; du hast dich mit den Aussaugern des Volks verschworen ; du hast gemeinsame Sache mit den Leuten von der Prudentia gemacht und füllst bei dem großen Massenbetrug deinen Beutel ; von früh bis abends bist du unterwegs und bereicherst dich mit den Pfennigen des Arbeiters . Praktiken , Jason Philipp Schimmelweis , Praktiken . Entsage dem Bündnis mit der Prudentia , oder wir stoßen dich aus unsrer Mitte . Da erst zeigte sich Jason Philipp Schimmelweis im Glanz seiner Beredsamkeit . Seine Hand sei rein , die linke wie auch die rechte ; wirke er für eine Sache , so sei es eine gute Sache ; Drohungen könnten ihn nicht einschüchtern ; Jason Philipp Schimmelweis sei nicht gesonnen , sich einer Diktatur zu beugen , welche die Maske der Freiheit und Gleichheit trage ; wolle man den Skandal , so werde man ihn haben , man werde Jason Philipp Schimmelweis gerüstet treffen ; Jason Philipp Schimmelweis finde überall in der Welt offene Türen . Hiermit machte er kehrt und ließ die Genossen stehen . Auf dem Nachhauseweg zwang ihn die Erbitterung zu fortwährendem zornigen Gemurmel . Wie ein Schiffer , der stürmisch gewordene Meere flieht , steuerte er sein Fahrzeug nach andern , gastlichen Gestaden , und drei Tage später ging er zum Freiherrn Siegmund von Auffenberg , um dem Führer der liberalen Partei in aller Form seine Dienste anzubieten . 5 Fünfunddreißig Minuten , nach der Uhr gezählt , mußte er im Vorzimmer warten . Er stellte bittere Betrachtungen an über die Verkümmerung des Gleichheitsgefühls bei den besitzenden Klassen . Ein richtiger Rebell , verleugnete er sich selbst dort nicht , wo er Verrat übte . Als er endlich in das Arbeitszimmer des Barons geführt wurde , war er nicht geblendet von dem Luxus der Möbel , der Teppiche , der Ölgemälde ; nicht untertanenhaft gedrückt von dem erlauchten Wesen des Freiherrn . Er setzte sich ungezwungen , Bein neben Bein , auf einen Stuhl , nahm weder Notiz von einem französisch schwatzenden Papagei , noch von einem mit Leckerbissen beladenen Frühstückstisch , sondern brachte sein Anliegen mit geziemender Schlichtheit vor . » Sehr schön , « sagte der Freiherr , » sehr schön . Ich glaube , Sie brauchen die Schlachtfront gar nicht wesentlich zu verändern . Einer von den gewissenlosen Umstürzlern waren Sie ja nie . Sie haben Familie , Sie haben ein Heim , Ihre Verhältnisse sind geregelt , und im Grunde Ihres Herzens lieben Sie die Ordnung . Ich habe Sie längst erwartet . Ich übertreibe nicht , wenn ich sage , Sie mußten zu uns kommen . « Jason Philipp errötete vor Vergnügen . In der Haltung eines Lohnkutschers , der ein Trinkgeld einsteckt , antwortete er : » Sehr verbunden , Herr Baron . « » In einem Punkt sind wir ja sicherlich einig , « fuhr Herr von Auffenberg fort , » und im wichtigsten , will mir scheinen - « » Gewiß , gewiß , « fiel ihm Jason Philipp in die Rede , » Sie spielen natürlich auf den Kampf gegen Bismarck an , Herr Baron . Ja , darin sind wir , will ich hoffen , vollkommen einig . Da stell ich meinen Mann . Eid und Handschlag ! Diesen Ritter von der Finsternis könnte ich kalten Blutes auf der Folter winseln sehen . « Herr von Auffenberg nahm die temperamentvolle Erklärung mit etwas dünnem Lächeln auf . » Nur nicht so gewalttätig , Verehrtester , « sagte er . Er griff nach einem Riechfläschchen und hielt es an die Nase , wobei er die Augen schloß . Dann ging er mit den Händen auf dem Rücken ein paarmal durch das Zimmer . Was er dann sprach , war ihm geläufig wie das Abc , und während Jason Philipp begeistert auf seinen Mund starrte , dachte der Baron an ganz andere Dinge , die mit seiner Rede ganz und gar keinen Zusammenhang hatten . » Derselbe Mann , der das neue Reich mit Hilfe einer liberalen Gesetzgebung wohnlich machen wollte , der den alten Streit zwischen Kaiser und Papst rühmlich zu Ende zu führen versprach , derselbe Mann ist jetzt am Werke , Stück für Stück der liberalen Traditionen zu zerstören und den römischen Oberpriester als Friedensbringer anzurufen . Was der Kanzler tun konnte , um dem deutschen Freisinn den Todesstoß zu versetzen , hat er getan . Die Reaktion hat nicht davor zurückgebebt , an Stelle des Kulturkampfes einen schändlichen Klassen- und Rassenhaß wachzurufen und bis zu blutigen Ausschreitungen großzusäugen , um angesichts ihrer Verbrechen die eigenen Kinder zu ächten und zu verstoßen . « » Dépêche-toi , mon bon garçon , « krächzte der Papagei . » Ich bin glücklich darüber , den Mächten der Unordnung eine Beute entrissen und dem Staat einen Bürger gewonnen zu haben , mein lieber Herr Schimmelweis . Doch ist es ratsam , daß Sie sich in der nächsten Zeit etwas im Hintergrund halten . Man wird Ihren Gesinnungswechsel zum Gegenstand lärmender Angriffe machen und das könnte der Sache schaden . « Zu Hause erzählte Jason Philipp , wie er mit offenen Armen empfangen worden sei , was der Baron gesagt , was er , Jason Philipp , geantwortet , wie sie sich in weittragende Erörterungen eingelassen und daß diese Zusammenkunft später einmal zu den historisch bedeutsamen gerechnet werden würde . 6 Was aber waren die eigentlichen Gedanken des alten Freiherrn , während er politische Reden hielt ? Immer die nämlichen . Der nämliche Ingrimm fraß unaufhörlich an seinem Herzen . Unaufhörlich dachte er an seinen Sohn , an die Verachtung , die er von ihm erfahren hatte und die er noch täglich , stündlich dadurch erfuhr , daß sich Eberhard seiner Macht entzog . Er konnte es nicht verwinden , daß er so viele Millionen angesammelt hatte und daß Eberhard aller menschlichen Voraussicht nach und den Gesetzen zufolge eines Tages einen Teil dieser Millionen besitzen werde . Er wußte von der Armut wenig ; aber sein haßerfüllter Geist träumte von nichts anderm als von der Genugtuung , den mißratenen Sproß seines Namens und Blutes der Armut preisgeben zu können . So wollte er sich rächen , so wollte er strafen . Aber er fand keinen Weg hierzu ; das Gesetz hinderte ihn daran . Der Gedanke , daß sein Reichtum täglich , stündlich sich vermehrte , daß die Millionen immer neue Millionen zeugten , ohne daß er den Finger rührte , ohne daß er die Flut zu hemmen vermochte , und daß infolgedessen der Anteil des treulosen , aufrührerischen und glühend gehaßten Sohnes täglich und stündlich größer wurde , dieser Gedanke vergiftete seine Ruhe , lähmte seine Kraft , beraubte ihn aller Freuden und verdüsterte sein Leben . Ein neuer Midas , verwandelte er alles , was er anrührte in Gold , und je mehr Gold entstand , je düsterer wurde sein Leben , je rachsüchtiger sein Gemüt . Die Töne eines Klaviers drangen zu ihm . Es war seine Frau , die spielte ; sie spielte Lieder ohne Worte von Mendelssohn . Er schüttelte sich wie vor Ekel . Von allem Widerwärtigen war ihm Musik das Widerwärtigste . » Dépêche-toi , mon bon garçon , « krächzte der Papagei . 7 Oft geschah es , daß während Jason Philipps Abwesenheit ärmlich gekleidete Menschen in den Laden kamen und von Therese das Geld zurück verlangten , das sie für die Versicherung gezahlt hatten . Einige gebärdeten sich erregt , als sie von Therese abgewiesen wurden und sie ihnen sagte , es sei ihres Mannes Angelegenheit , sie befasse sich mit seinen Agenturgeschäften nicht . Ein Schlossergeselle hatte den Kommis Zwanziger , der herbeigeeilt war , um die Prinzipalin zu beschützen , mit der Faust traktiert ; ein Goldschläger aus Fürth hatte dermaßen gelärmt , daß die Polizei geholt werden mußte ; eine Faßbinderswitwe , die unter großen Entbehrungen ein Jahr die Prämien gezahlt und die Weiterzahlung nur verabsäumt hatte , weil sie im Spital gelegen war , stürzte in epileptischen Krämpfen zu Boden . Es kam so weit , daß Therese vor jedem unbekannten Gesicht erschrak . Sie atmete auf , wenn ein Tag vergangen war , ohne sonderliches Übel gebracht zu haben , doch zitterte sie dann schon vor dem nächsten . Was sie mehr als alles beunruhigte , war das unerklärliche Verschwinden kleiner Geldbeträge , das sie seit einiger Zeit bemerkte . Einmal war ein Mann in den Laden gekommen und hatte seine Monatsrate für ein Lieferungswerk , einen Taler , auf den Zahltisch gelegt . Der Mann ging fort , sie schloß hinter ihm die Tür , weil sie einen Blick auf die Straße werfen wollte , wo eben ein starkes Schneegestöber herrschte . Als sie an das Pult zurückkehrte , war der Taler verschwunden . Sie fragte , wo der Taler sei ; Jason Philipp , der dem Kommis Zwanziger Bücher auf die Leiter reichte , wurde so grob , als ob sie ihn bezichtigt hätte . Sie zählte in der Kasse nach , zählte und rechnete ; umsonst ; der Taler war verschwunden . Sie hatte vergessen oder nicht beachtet , daß Philippine im Laden gewesen war , ihrem Vater das Vesperbrot gebracht hatte und in ihren Filzschuhen unhörbar wieder hinausgegangen war . Ein andermal fehlten ihr Nickelmünzen aus ihrem Börschen . Ein drittes Mal forderte ein Spezereiwarenhändler eine Schuld von drei Mark , die sie längst bezahlt zu haben sicher war . Sie war sicher , daß sie das Geld Philippine gegeben hatte , damit sie es zahlen solle . Und sie rief Philippine herbei . Die aber leugnete mit solcher Stirn , daß Therese irre wurde und schweigend das Geld hergab . Sie hatte die Magd beargwöhnt , sie hatte den Kommis beargwöhnt ; sie hatte selbst Jason Philipp beargwöhnt , daß er auf Schleichwegen sich einiges Wirtshausgeld verschaffen wollte , und sie hatte Philippine beargwöhnt . Aber sie fand keine Beweise , und ihr unablässiges Spähen und Forschen fruchtete nicht . Dann hörten die Diebstähle wieder auf . Denn Philippine , welche die Diebin war , fürchtete sich vor der Entdeckung und wählte einen gefahrloseren Weg , sich zu bereichern . Sie stahl Bücher und verkaufte sie beim Trödler . Sie war schlau genug , nur solche Bücher zu beseitigen , die schon lange Zeit in den Regalen gelegen waren , auch ging sie nicht stets zu demselben Trödler , sondern immer zu einem andern . Das Geld aber , das sie heimlich und gierig wie eine Dohle zusammentrug , versteckte sie auf dem Dachboden des Hauses . In der Mauer neben dem Kamin war ein Ziegelstein locker , den nahm sie heraus , die Höhlung hatte sie nach und nach vergrößert und wenn sie ihren Raub untergebracht hatte , stellte sie ein Brettchen davor und schob den Stein wieder in das Loch . War dann kein Laut zu hören , der sie verscheuchte , so überließ sie sich mit gefalteten Händen ihren Betrachtungen , und auf ihrem stumpfen Gesicht malte sich ein böser und fanatischer Traum . 8 Eines Abends im Februar saßen Therese und Philippine wäscheflickend bei der Lampe , als Jason Philipp ins Zimmer trat und sich mit verschmitzter Miene die Hände rieb . Da es Therese nicht der Mühe wert fand , ihn nach der Ursache seiner guten Laune zu fragen , lachte er plötzlich auf und sagte : » Jetzt können wir einpacken , meine Liebe . Ich les ' es schon gedruckt : das große Licht oder die beschämten Verwandten . Rührendes Tableau , dargestellt von Herrn Daniel Nothafft und der Familie Schimmelweis . « » Ich versteh dich nicht ; du redest schon wieder wie ein Hanswurst , « antwortete Therese . » In einem Konzert werden Sachen von Daniel gespielt , « belehrte Philippine mit ihrer harten , alten Stimme die Mutter . » Woher weißt denn du das ? « fragte Therese mißtrauisch . » Habs in der Zeitung gelesen . « » Im Saal der Harmoniegesellschaft soll das Wunder vor sich gehen , « bestätigte Jason Philipp mit einer rätselhaften Schadenfreude . » Am Donnerstag ist öffentliche Probe und ich werde mir ' s nicht nehmen lassen , dabei zu sein . Der Musikalienhändler Zierfuß hat mir zwei Karten gegeben , und wenn du Lust hast , kannst du auch zusehen , wie man aus einem Tagedieb eine Lokalgröße macht . « » Ich ? « erwiderte Therese verächtlich erstaunt , » keinen Schritt vors Haus . Was scheren mich eure Dummheiten . « » Aber die Herren werden sich schneiden , die Herren werden sich gewaltig schneiden , « fuhr Jason Philipp drohend fort , » es gibt noch einen gesunden Menschenverstand in der Welt , es gibt noch Mittel gegen gemeingefährliche Schwindler . « Da erhob Philippine mit jähem Entschluß den Kopf . » Derf ich mit dir gehen , Vatter ? « fragte sie , und ihre Ohren wurden glühend rot . Es war mehr als eine Bitte . Jason Philipp stutzte über den verwilderten Blick des Mädchens . » Gut , « sagte er und sah über Thereses stummen Widerstand hinweg , » aber versorg dich auch mit einem Pfeiflein , damit du ordentlich pfeifen kannst . « Er sank behaglich ächzend auf einen Stuhl und streckte die Beine aus . Philippine kniete nieder und zog ihm die Stiefel von den Füßen , worauf er in die bereitstehenden Pantoffeln schlüpfte , die in roter Stickerei einen Spruch trugen . Auf dem linken stand : dem Müden , auf dem rechten : zum Trost . 9 Lenore hatte ihrem Vater verschwiegen , aus welchem Grund sie ihre Stellung bei Alfons Diruf verlassen hatte . Der Inspektor erkundigte sich auch nicht weiter darnach , als er bemerkt hatte , daß es Lenore unangenehm war , davon zu sprechen . Ihm ahnte nichts Gutes , und wenn er schwieg , geschah es auch aus Furcht vor seinem eigenen Zorn und Schmerz . Indes hatte Lenore Beschäftigung gefunden . Eine Schulkameradin , die sie ehedem gut leiden gemocht , Martha Degen , die Tochter des Zuckerbäckers , hatte den Notar Rübsam geheiratet , einen alten Mann übrigens . Lenore kam einigemal ins Haus , da der Inspektor auch seit langen Jahren mit dem Notar befreundet war , und im Gespräch ergab es sich , daß der Notar eine Hilfskraft für Schreibarbeiten brauchte . Da in der Kanzlei des Notars kein Platz war , durfte sie die Schreibereien zu Hause besorgen . Außerdem war sie durch Friedrich Benda an den Archivrat Bock empfohlen worden , welcher ein weitläufiges Werk über nürnbergische Geschichte abfaßte , und sie sollte nun die verhudelten Handschriften des Archivrats ins Reine bringen . Ein mühevolles Ding , aber dabei erfuhr sie doch mancherlei , ihr durstiger Geist saugte Nahrung auch aus dürrem Boden . Ihr Verlangen wurde wach , das Stückwissen zu ergänzen , sie bat Benda um dies und jenes Buch , und wenn sie den Tag über fleißig die Feder geführt hatte , las sie oftmals bis in die späte Nacht . Es blieb aber nichts außen hängen an ihr , so daß sie es mühselig mitschleppen mußte . Es wurde ihr alles zum Wesen . Lange hatte sich Daniel nicht sehen lassen . Er hatte bei den Proben zu tun , die von Wurzelmann geleitet wurden . Professor Döderlein sollte nur das eingeübte Orchester übernehmen . Außer Daniels Kompositionen stand die dritte Leonoren-Ouvertüre auf dem Programm und Wurzelmann nannte dies einen guten Vorspann . Häufig wurde Daniel auch vom Impresario Dörmaul gerufen ; die Wanderoper sollte im März ihre Reisen antreten und es war vieles zu besprechen . Der Vertrag , den er dann unterschrieb , verpflichtete ihn für drei Jahre gegen ein Gehalt von sechshundert Mark für das Jahr . Ein paar Tage vor der Generalprobe kam er zu Jordans und brachte drei Karten , eine für den Inspektor und zwei für die Schwestern . Die Generalprobe war wie ein Konzertabend für sich , und es waren über hundert Personen dazu geladen worden . Der Inspektor war eben im Begriff auszugehen . » Das ist aber fein , « sagte er , » das ist riesig fein , daß ich wieder mal Musik hören kann . Da freu ich mich ja ganz außerordentlich drauf . Als junger Bursche , ja , da bin ich manchmal ins Konzert gegangen . Das ist lang her und wenn man ' s denkt , spürt man erst , wie alt man geworden ist . Die Jahre hängen wie Mühlsteine an einem . Nun , ich dank Ihnen , Daniel , dank Ihnen wärmstens . « Auch Lenores Freude war groß . Als ihr Vater fort war , bemerkte sie , daß Daniels Augen Gertrud suchten , die bei seinem Kommen das Zimmer verlassen hatte . Sie öffnete die Tür und rief hinaus : » Gertrud , komm schnell ! eine Überraschung ! « Nach einer kleinen Weile kam Gertrud . » Ein Billett für dich , für Daniels Konzert , « sagte Lenore strahlend und hielt ihr die grüne Karte hin . Gertrud schaute Lenore an und wollte auch Daniel anschauen , aber ihr schwerer Blick , von unten emportauchend , streifte ihn nur und kehrte wie gepeinigt wieder zurück . Dann schüttelte sie den Kopf und sagte langsam : » Ein Konzertbillett ? Für mich ? Für mich , Lenore ? Ist das dein Ernst ? « Abermals schüttelte sie den Kopf , erstaunt und unwillig . Hierauf ging sie zum Fenster , lehnte den Arm ans Kreuz und preßte die Stirn dagegen . Daniel verfolgte sie mit Blicken voll glühendem Zorn . » Man kann Schafe zu einer Schlachtbank treiben , « sagte er , » man kann Räuber und Diebe in eine Fronfeste sperren , man kann Aussätzige ins Lazarett transportieren , aber man kann einen fühlenden Menschen nicht zum Anhören von Musik zwingen . « Er schwieg und es blieb still . Gequält durch die Empfindung , daß Daniels Blick an ihrem Rücken haftete , kehrte sich Gertrud um , ging zum Ofen , setzte sich dort hin und legte die Wange an die Kacheln . Mit zwei Schritten stand Daniel dicht vor ihr und stieß heraus : » Wenn ich es aber fordere , daß Sie gehen ? Wenn zum Beispiel meine Ruhe davon abhängt , oder etwas , was vielleicht für die Welt wichtig ist ? Trost , Befreiung , Besserung ? Und wenn ich es deshalb fordere , was dann ? « Aus Gertruds Zügen war alle Farbe gewichen . Eine Sekunde lang weilte ihr Blick auf seinem Gesicht , hierauf wandte sie den Kopf zur Seite , zog wie frierend die Schultern in die Höhe und stammelte : » Dann ... dann gehe ich . Ja , dann gehe ich . Obwohl ich ' s bereuen werde ... sicher bereuen werde . « Mit großen , immer größer werdenden Augen hatte Lenore alles dies vernommen . Als sie Daniel anschaute , lag eine gütige , schmelzende Feuchtigkeit in ihrem Blick und sie lächelte . Daniel war aber auf einmal verdrießlich geworden . Er murmelte einen Gruß und ging . Lenore trat ans Fenster und sah ihm nach , wie er über den Platz rannte , den Hut mit beiden Händen vor dem Sturmwind schützend . » Komischer Kerl , « sagte sie leise , » komischer Kerl . « Dann erhob sie das Auge zu den Wolken , deren eilige Flucht über das Kirchendach ihr gefiel . 10 Die dritte Fidelio-Ouvertüre sollte erst im eigentlichen Abendkonzert an der Spitze des Programms stehen . Sie bot nach Döderleins Meinung keine Schwierigkeiten ; die Generalprobe war vornehmlich den Werken des Neulings gewidmet . Sein Taktstock gab das Zeichen zum Beginn , und es wurde ruhig im Saal . Mit einem Zusammenspiel der Bläser setzte die nürnbergische Serenade ein . Es war ein kräftiges und burschikoses Thema , das dann die Geigen übernahmen , um es launisch zu zerpflücken und allmählich in das Bereich der Träumerei zu führen . Da wurde die Nacht lebendig , da surrte ein süßer Sommerwind , da tanzten Leuchtkäfer ; gotische Dome erhoben sich in der schwülen Dunkelheit , und kleinbürgerliche Gestalten krochen in verwinkelten Gassen ; ein Ruf großer Vergangenheit und Mahnung der Zukunft schallten in das Behagen an der Gegenwart , Heroisches mischte sich mit Scherzhaftem , Fantastisches mit Burleskem , die Romantik fand ihr Widerspiel , alles im Fluß echter Melodie , schlank im Bau , reizend in der Gliederung . Die Fachmusiker waren sattsam verwundert , und ihre Verwunderung gewann in den damaligen Berichten einen starken Ausdruck . Freilich wurde das anerkennende Wort getrübt durch das häßliche Ende , das die Generalprobe nehmen sollte , aber ein Mann von innerer Unabhängigkeit , den beklagenswerte Schicksale aus einem bedeutenden Wirkungskreis in den beschränkten der Provinz geworfen hatten , schrieb wie folgt : » Dieser Künstler hätte wohl das Vermögen , ein Wahr- und Flammenzeichen in unserer Zeit zu werden . Ihn bildete die Natur , ihn erzog sein Stern . Verleihe ihm doch der Himmel die Kraft und die Geduld , die zur zweiten höheren Menschwerdung eines Künstlers unerläßlich sind ! Ließe er ihn doch nicht zu frühe nach den reifenden Früchten langen und im Taumel der niedrigen Leidenschaften die Stimme seines Herzens überhören , damit der Flug , dem sich der Azur des Ruhmes aufgetan , nicht wieder sich herunter wende in die Nacht . « Derselbe Kenner erklärte die Komposition Vineta für minder erfindungsreich und ihre Instrumentation an einer anfängerhaften Magerkeit krankend . Trotzdem fand auch dieses Stück vielen Beifall . Der Impresario Dörmaul klatschte , daß ihm der Schweiß ausbrach . Wurzelmann war wie besessen . Der alte Herold lachte über das ganze Gesicht . Die Langmähnigen konnten sich zwar des Neides nicht entschlagen , kargten jedoch nicht mit ihrem Jubel . Aber wie war es Herrn Carovius ums Herz ! Der Speichel schmeckte ihm bitter , der Leib tat ihm weh , und als sich Andreas Döderlein dankend verneigte , stieß er eine höhnische Lache aus . Und Jason Philipp Schimmelweis ! Ihm wäre wohler gewesen , wenn das Händegeklatsch von ebensovielen Ohrfeigen hergerührt hätte , die er dem Schandbuben insgeheim zudachte . Das Unterste der Welt war zu oberst gekehrt , er faßte sich an die Stirn , er schüttelte den Kopf , es lag ihm nahe zu rufen : ihr Betrüger ! ihr Betrogenen ! hört mich doch , ich kenne ja den Menschen , der euch am Narrenseil führt ! Und er wartete , ob sich das Mißverständnis , der große Schwindel , nicht am Ende doch aufklären würde . Er wartete nicht umsonst . Schon nach der Serenade war dem Inspektor Jordan die fieberhafte Blässe Gertruds aufgefallen . Er fragte , ob sie sich krank fühle , sie gab keine Antwort . Während des zweiten Stückes preßte sie beständig und wie im Krampf die Hände gegen die Brust . Ihre Augen waren bald erloschen , bald lohten sie in einem unheimlichen Feuer . Unmittelbar nachdem das Stück zu Ende war , wandte sie sich an ihren Vater und bat ihn , er möge sie nach Hause begleiten . Der Inspektor erschrak , die Umsitzenden wurden aufmerksam und betrachteten mitleidig das bleiche Gesicht des jungen Mädchens . Lenore wollte gleichfalls aufbrechen , aber Gertrud flüsterte ihr herrisch zu , sie solle bleiben . Mit Gertruds Gemütsart hinlänglich bekannt , dachte sie an einen vorübergehenden Anfall und beruhigte sich dabei . Daniel stand gerade mit Benda und Wurzelmann an der Türe . Er war sehr erregt , und die beiden bemühten sich , seine gegen Andreas Döderlein geäußerte Erbitterung zu beschwichtigen . » Der Mann versteht vom Handwerk nichts , « knirschte er und wies alle Beschönigungsversuche zurück ; » von dem , was ich gemacht habe , sind nur Trümmer übrig . Er verschleppt die Tempi , hält keine Bindung , zertrampelt jedes Piano , steigert nicht , retardiert nicht , es ist ein Jammer , ich halt ' s nicht aus , so können die Sachen öffentlich nicht gespielt werden . « Da gingen Gertrud und der Inspektor rasch und ohne Gruß vorbei . Daniel stutzte . Der entseelte Ausdruck in Gertruds fahlem Gesicht ängstigte ihn . Zugleich fühlte er , als ob ein Hammerschlag ihn getroffen hätte , daß sein Schicksal an dieses Wesen unauflöslich gekettet war . Ihr Schritt , ihr Auge , ihr Mund , alles war wie in ihm selber drinnen , und der Zorn darüber , daß sie ohne Gruß vorbeiging , fremd , verschlossen und feindselig auch jetzt , nach dieser Stunde , verdunkelte seinen Geist . Von da an war er nicht mehr Herr seiner Handlungen . Wie nun die Beethovensche Tonflut in ihrer hochgewaltigen Wildheit aus dem Orchester emporstürmen sollte und statt dessen ein verworrenes , trübes Getöse erklang , wurde er von einer großen Unruhe ergriffen . Näher als bei dem eigenen ging es ihm , das fremde Gebilde verunstaltet zu sehen , dessen zarte Seele und Titanenwuchs ihm vertraut war wie sonst nur wenige Dinge auf der Welt . Das Trompetensolo erschallte nicht aus scheinbar geisterhafter Ferne , sondern nah und platt . Er fing an zu zittern . Und als das wehvoll ruhige Andante von der rohen Lenkerhand seines Maßes beraubt wurde und im Gemeinen zerflatterte , da ertrug er es nicht mehr . Er stürzte aufs Podium , umklammerte den Arm des Dirigenten mit Eisenfingern und schrie ihn an : » Genug jetzt ! So verfährt man nicht mit einem Götterwerk ! « Die Leute erhoben sich von ihren Sitzen . Die Instrumente verstummten plötzlich , nur ein Cello wimmerte noch . Andreas Döderlein prallte