mehr meine Empfindung gefangen nimmt : dem Zionismus . Frau Sara Rubner - Du erinnerst Dich vielleicht der jungen Frau mit dem interessanten Mongolentypus aus dem Simmel-Kolleg - gewinnt mich mehr und mehr dafür . Für uns moderne Juden , die wir uns immer stärker unserer seelischen Heimatlosigkeit bewußt werden , bietet sich hier vielleicht - vielleicht - ein neuer Wurzelboden . « Also auch er , dachte Konrad verwundert , auch er , den das Studium , der kommende Beruf so ganz zu erfüllen schienen , bedurfte noch eines anderen Lebensinhalts ! » Doch nicht dies ist der Grund meines heutigen Briefes . Ich hätte wohl noch lange mit ihm gezögert , wenn mein Besuch bei Else Gerstenbergk mich nicht fast zu einem Telegramm an Dich bewogen hätte . Es muß etwas für sie geschehen . Pawlowitsch scheint sie verlassen zu haben , wenigstens ließ er seit Monaten nichts von sich hören - man behauptet , er sei mit Frau Renetta Veit an der Riviera gesehen worden - und sie leidet unsäglich . Jedes Lächeln , zu dem sie sich zwingt , denn kein Wort der Klage kommt über ihre Lippen , schneidet ins Herz . Man sollte sie der Einsamkeit , der sie sich widerstandslos ergibt , gewaltsam entreißen , und Du , an dem sie mit rührendem Vertrauen hängt , wärst der rechte Mann dafür . Lade sie statt meiner nach Hochseß . Mache es recht dringend , als wäre ihr Kommen in Deinem Interesse notwendig . « Konrad legte den Bogen erregt beiseite . Gewiß , es mußte geholfen werden , er mußte helfen . In Erinnerung an den , um dessentwillen sie zugrunde ging , ballte er unwillkürlich die Hände . Seine Freundschaft mußte ihm dies Opfer entreißen . Freundschaft ! ? Lachte ihn nicht eben wieder die rote Lotte an ? ! - Mit raschem Entschluß , jedes Bedenken weit von sich weisend , ging er zur Großmutter . Er war nicht ohne Sorge , ob sie sich würde gewinnen lassen . Rückhaltlos erklärte er ihr die Lage Elsens , zeigte ihr auch Warburgs Brief . Die Gräfin antwortete zunächst nicht . Sie ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder , um schließlich , vor dem Enkel stehen bleibend , einen langen forschenden Blick auf ihn zu werfen . » Sie ist nicht deine Geliebte ? « fragte sie langsam . » Nein , Großmama , « antwortete er , ihrem Blick begegnend . » So mag sie kommen , « lautete gleich danach der Bescheid . Stürmisch zog Konrad die Hände der Greisin an seine Lippen . Ein Ausdruck plötzlich aufsteigender Besorgnis huschte über ihr Antlitz . Sie beherrschte sich jedoch rasch . » Ich schreibe selbst , « sagte sie dann , sich vor den Schreibtisch setzend . » Wie gut du bist ! « er beugte sich über sie , ihre weißen Haare mit einer Bewegung scheuer Ehrfurcht streichelnd . Sie sah auf : » Gut ? ! Sie ist eine anständige Frau , denke ich , und würde , nur von dir geladen , nicht kommen . « Die nächsten Tage verlebte Konrad in wachsender Ungeduld , bis schließlich - endlich ! - der Brief mit der bekannten Schrift auf dem Teetisch lag . Schon als sie den Bogen auseinanderfaltete , erhellte sich das Antlitz der Gräfin : diese zarten , ein wenig fallenden Schriftzüge - eine Wiese , deren feine Halme sich unter dem Abendwind leise senken - gefielen ihr weit besser als jene großen steilen , mit denen die dümmsten Frauen Originalität vorzutäuschen vermochten . Und auch der Inhalt befriedigte sie sichtlich . » Ein liebes Geschöpf , warmherzig und einfach , « sagte sie , Konrad den Brief hinüberreichend , » du wirst sie am besten morgen selbst abholen . « Die Tanten horchten auf . » Ich erwarte einen Gast , « fuhr die Gräfin fort , » eine mir sehr empfohlene junge Dame , Fräulein Gerstenbergk , die sich ein paar Wochen bei uns erholen soll . « Die Tanten wechselten einen ihrer vielsagenden Blicke , nicht ohne Hilde dabei bedauernd zu streifen . » Von den sächsischen Gerstenbergs auf Heiligensuhl ? « frug Natalie interessiert , » eine der besten Familien ! « » Und durch die Mutter , eine Vierort , sehr vermögend , « ergänzte Elise voller Genugtuung . Hilde senkte den Kopf noch tiefer auf ihre Arbeit . » Ganz und gar nicht , meine Lieben , « entgegnete die Gräfin mit jenem spitzbübischen Lächeln , das ihrem Gesicht einen oft kindlichen Ausdruck verlieh ; » es handelt sich um ein einfaches Fräulein Gerstenbergk , eine Studentin , « und sie weidete sich an den langen Gesichtern der beiden Damen . » Eine Emanzipierte ! « rief Natalie entsetzt . » Da wird unsere liebe Hilde wohl Platz machen müssen , « klagte Elise . » Haben wir nicht genug Fremdenzimmer ? « meinte die Gräfin mit bewußtem Mißverstehen ; » der Umgang mit dem klugen Mädchen würde Ihnen , liebe Hilde , über manche leere Stunde hinweghelfen . « Die Angeredete sah errötend auf : » Gewiß , Frau Gräfin ; ich bleibe mit Freuden , wenn - « Nataliens spitze Stimme schnitt jedes weitere Wort ab : » Du wirst jedenfalls die Erlaubnis deiner Mutter einholen müssen , liebes Kind . Nach deutschen Begriffen - « sie betonte das » deutschen « mit Nachdruck - » ist eine Person , die mit Männern zusammen studiert , oder zu studieren behauptet , kein erwünschter Umgang für junge Damen unserer Kreise . « Und alle drei standen auf . Am nächsten Tage fuhr Konrad Hochseß mit seinen beiden Füchsen den Gast in den Hof . Hinter den Gardinen ihrer Fenster sah er die Gesichter der Tanten sich an die Scheiben drücken , und hinter der Küchentür verschwand , im Augenblick , als er Else vom Wagen half , Hilde Rothausens weißes Kleid . Er lächelte wehmütig : sie mochten beruhigt sein , alle drei ! Die Gefürchtete war wie das Silberwölkchen droben am Himmel , das ein kräftiger Ost jeden Augenblick auflösen konnte . Selbst die rasche Fahrt hatte ihre farblosen Wangen nur ein ganz klein wenig zu röten vermocht . Sie wäre eine ihrer Märchenpuppen gewesen , wenn sich nicht allmählich in den Augen ein Lebensfunke entzündet hätte . » O , der Lindenbaum ! « - » Und dort die Schwalben ! « - » Wie das Wasser schwatzt ! « - » Wie die Rosen blühen ! « - hatte sie zwischen langen Pausen mit immer hellerer Stimme ausgerufen . Ganz zuletzt hatte sie Konrads Arm leise berührt und ihm , als wär ' s ein großes Geheimnis , mit einem verirrten Lächeln um die Mundwinkel zugeflüstert : » Seit zehn Jahren war ich immer in Berlin , immer ! « Gerührt schloß die Gräfin das blasse Mädchen in ihre Arme , auch der letzten , leisen Besorgnis enthoben . Das war keine , die auszog , Herzen zu brechen , ihr eigenes vielmehr mochte wohl schon gebrochen sein . Es kamen jene stillen Sommertage , erfüllt von weicher , warmer Luft , die sich nur wie ein leises Atmen der Erde sanft bewegt , überwölbt vom immer gleichen milden Blau des reinen Himmels . Das ferne Dengeln der Sensen , das Plätschern des Bachs , Bienengesumm , Grillengezirp , Waldesrauschen und verhallendes Vogelgezwitscher vereinigten sich , von den Wellen der klaren Luft getragen , zu einem einzigen Schlummerlied der Seele , und am Abend fielen im Chor die tiefen Stimmen der Unken und der Frösche wie Orgelbegleitung ein . Das ist die große Feierzeit des Jahres ; die Zeit , die selbst auf harte Gesichter einen Zug von Frommsein malt . Auch über Else kam das Wunder . Die Sonne malte das krankhafte Weiß ihrer Haut mit durchglutetem Braun , die Luft wischte die schweren salzigen Tropfen aus ihren Augen , und der Gesang der Natur lullte die Stürme des Herzens ein . Sie ging umher wie der lebendige Geist dieser Tage , hell und still . Einem jeden wurde warm ums Herz , der sie in ihrem schlichten Kleide durch Hof und Garten wandeln sah . Es hielt sie nie lange im Zimmer . Noch ehe die Mägde am Morgen mit den klappernden Milcheimern zu den Ställen gingen , war sie schon auf weichen Sohlen leise hinausgeschlüpft . Und noch ehe die Gräfin , die nach Art alter Leute keinen langen Schlaf hatte , ihr Wohnzimmer betrat , war sie wieder heimgekehrt und hatte die schlanken , vielfarbig schimmernden venetianischen Gläser auf den Tischen mit blauen Glockenblumen gefüllt . Selbst in die nüchternen Stuben der Tanten mit den gescheuerten Böden und stets blank polierten , stäubchenlosen gelben Holzmöbeln wagte sie sich hinein und gab ihnen mit ein paar Sträußchen von Heckenrosen ein frohes Gesicht . Hilde , die dem neuen Gast zunächst keine Beachtung geschenkt hatte , erwachte allmählich aus ihrer Lethargie . Sie fühlte die Woge voll Wohlwollen , die der Fremden entgegenkam . Und sie fing an , ihr nachzugehen , sie zu imitieren . Es kamen Morgenstunden , in denen Hildens Stimme im Wechselgespräch mit der ihren zu den offenen Fenstern der noch Schlummernden emporklang . Die Weißstickerei ruhte verstaubt im Körbchen . Die enge , dumpfe Welt , um die ihre kleinen Gedanken , wie kaum flügge Vögel um das Nest , ängstlich geflattert hatten , erweiterte sich . Gab es wirklich für ein Mädchen , das auf den Mann wartete , etwas anderes zu tun , als still bei der Handarbeit zu sitzen ? Sie horchte auf , wenn Else erzählte , und das einzige , für das sie bisher ein wenig Interesse gezeigt , eine gewisse spielerische Tätigkeit entfaltet hatte , der Garten , erschien ihr sogar im Lichte einer ernsten Arbeit . Aber auch allerlei Lustiges gab es zu tun , das freundliche Worte und Blicke eintrug : im Walde Erdbeeren pflücken , die mittags überraschend im weißen Weine dufteten ; im Garten die sich erschließenden Knospen von den verwelkenden Nachbarinnen befreien , und zuweilen heimlich , ganz früh , wenn es niemand sah , in das Knopfloch des Rocks , der vor Konrads Türe hing , die allerschönste stecken . Zuerst hatte er sich wohl verwundert , wenn er sie sah , hatte sie sogar ärgerlich beiseite geworfen , da sie von Else nicht kommen konnte , die sich kaum um ihn kümmerte . Dann aber kam auch über ihn eine so seltsam weiche Stimmung , die ihm gebot , niemandem weh zu tun , und er ließ sich den Morgengruß gefallen , mit der Geberin harmlos darüber scherzend . Er bemerkte nicht , wie ihre fahlen Blauaugen dabei aufleuchteten , wie sie sich bemühte , durch allerlei kleine Aufmerksamkeiten , die sie Elsen ablauschte , noch mehr Beachtung zu finden . Wenn Konrad von Ritten und Wanderungen heimkam , fehlte ihm das Gefühl , das ihn sonst in Gedanken an den Kreis um den Teetisch , an die Tanten , die Fledermäuse , die dem Himmel die Sonne nicht gönnten , beschlichen hatte . Jetzt , das wußte er , schwebte siegreich über ihrem bösesten Stirnerunzeln , ihrem bittersten Mundverziehen das frohe Gespräch der anderen . Einmal aber fauchte in die Nachmittagsstille wie Gewittersturm der überraschende Besuch der Baronin Rothausen . Die Baronessen und die Frau Gräfin wolle sie sprechen , sagte sie mit röchelndem Atem dem Diener , der sie melden wollte . Von der Terrasse herein kamen die drei mit erstaunten Gesichtern . » Ich will mein Kind , mein armes mißleitetes Kind , « rief sie ihnen entgegen , so daß Konrad , Else und Hilde es draußen hören konnten . » Das muß ja eine merkwürdige Dame sein , Frau Gräfin , die Sie meiner Tochter zur Gesellschaft so dringend empfohlen haben ! Macht das Kind aufsässig , läßt sie aller Würde vergessen , die sie ihrer Geburt schuldig ist . « Sie schöpfte Atem . » Aber - « begann die Gräfin , doch die Aufgeregte sprach bereits weiter : » Gärtnerin will sie werden - Gärtnerin ! Ist so etwas je erhört gewesen ? ! Eine Rothausen , die Dung karrt und Kartoffeln buddelt ! « Der Atem ging ihr aufs neue aus . » Ich will mein Kind zurück , mein armes mißleitetes Kind ! « schrie sie mit überschnappender Stimme . » Wir sind unschuldig , « sagte Natalie achselzuckend . » Ganz unschuldig , « wiederholte Elise mit einem schmerzbewegten Augenaufschlag . » Ich weiß von der ganzen Sache nicht das mindeste , liebe Frau Baronin , « sagte die Gräfin kühl . » Es wird wohl das beste sein , Sie sprechen Ihre Tochter selbst . « Draußen auf der Terrasse beruhigte sich die Erregte etwas . Elsens unscheinbare Erscheinung - Hilde hatte von ihr in einer Weise geschwärmt , die sie als eine bedenkliche Konkurrentin erscheinen ließ - und Konrads freundliche Ritterlichkeit , mit der er Hilde verteidigte , dämpften ihren Zorn . » Wir haben ja gar nichts dagegen , lieber Baron , « flötete sie , » daß unser Kind sich unter der Leitung unseres Gärtners und unserer Wirtschafterin über all die Dinge näher orientiert , die eine tüchtige Gutsfrau wissen sollte . Aber eine Schule ! Eine Gartenbauschule ! ! Unmöglich , unmöglich ! Das Fräulein « - und sie lorgnettierte Else neugierig - » ist sich natürlich nicht klar geworden , wen sie vor sich hat . « » Ganz klar , Frau Baronin , « sagte Else ruhig , » ein Mädchen wie viele , das in Gefahr steht , vor lauter geschäftigem Nichtstun ein unglücklicher Mensch zu werden . « » Wie können Sie sich erlauben - « fuhr Frau von Rothausen auf , sie nahm sich aber rasch wieder zusammen ; vor solchen Leuten durfte man sich keine Blößen geben ! Sie lehnte sich steif in den Stuhl zurück und sagte feierlich : » Den einzigen Beruf der Frau wird meine Tochter in der Ehe finden , mein Fräulein , und auch ihr einziges Glück . Und nun , mein Kind , « damit wandte sie sich an Hilde , die abwechselnd rot und blaß geworden war , » bedanke dich bei deinen gütigen Gastgebern , packe dein Köfferchen und komm . Der Vater kann deine Rückkehr gar nicht erwarten . « Das Mädchen stand auf , krampfte die Hände ineinander , sah sich wie hilfeflehend nach allen Seiten um und sagte dann : » Wenn ich noch bleiben dürfte ! Fräulein Gerstenbergk ist - ist so viel für mich . Nie - nie ist ein Mensch so gut zu mir gewesen . « » Unerhört ! « schrie die Baronin , fassungslos , » und das sagst du mir - mir , deiner Mutter ! « Hilde brach in Tränen aus . » Ich meinte doch nicht dich , nur die fremden Menschen , « schluchzte sie . » Das ist Dankbarkeit , « sagte Natalie spitz . » Gott - das ist doch auch nur eine veraltete Tugend , nicht wahr , Fräulein Gerstenbergk ? « meinte Elise . Die aber hatte sich Hilden , die nun noch verzweifelter weinte , zugewandt . » Geh , Hilde , gehorche deiner Mutter , « flüsterte sie ihr zu ; » beweise ihr , wenn du zu Hause bist , daß du nicht verdorben wurdest . Dann erreichst du weit eher , was du willst . « Hilde starrte Else an , entgeistert . Ihre Tränen waren versiegt . » So etwas rätst du mir ! « rief sie , » du , die mir predigte , stark zu sein ! Du ! « Und ihr nichtssagendes Gesicht verzerrte sich plötzlich vor Haß und Hohn , während ihr Blick zwischen Else und Konrad hin und her flog . » Ich werde selbstverständlich den Wünschen meiner Eltern Folge leisten . « Es war jetzt wieder die wohlerzogene junge Dame , die aus ihr sprach . Else bot ihr beim Packen ihre Hilfe an . » Danke , ich habe dem Mädchen geklingelt , « war die hochmütige Antwort . Und sie fuhr fort , ohne ihr noch die Hand zu geben . Von da ab schlug die Stimmung in Hochseß um . Waren es die sich mehr und mehr zusammenziehenden Gewitterwolken , die schwer auf allen lasteten ? War es die elektrische Spannung der Luft , die in gereiztem Wesen , in Ängstlichkeit und Unsicherheit zum Ausdruck kam ? Die Tanten benutzten jeden Anlaß zu spitzen Bemerkungen gegen Else ; sie begegnete ihnen mit schwer zu versteckender Verletztheit . Häufiger als sonst kamen die Nachbarn nach Hochseß . » Langweilen Sie sich auch nicht ? « frugen die Herren augenzwinkernd und schnurrbartdrehend den jungen Hausherrn , der die Faust in der Tasche ballte . Und dann , wenn Else kam , musterten sie das junge Mädchen , prüfend , abschätzend . Der Klatsch ging um in der Gegend . Auf dem Greifenstein war er zur Welt gekommen , das schattenhafte , großmäulige Ungeheuer ohne Knochen und Muskeln . Es wand sich durch alle Täler , es kroch zu den Bergen hinauf , es schlüpfte , zusammengezogen , durch alle Türen , um sich in den Zimmern breit und behäbig auszubreiten . Konrad fühlte , daß irgend etwas die Freundin bedrohte , kaum , daß sie von der alten Last befreit worden war . Der Wunsch , sie zu schützen , ihr zur Seite zu stehen , wurde immer stärker , wärmer . Er , der sonst gern in den Tag hineinträumte , horchte , von der ersten Dämmerstunde an , auf ihren leichten Schritt im Flur . Zuerst folgte er ihr nur von ferne . Er sah ihr Kleid um die Baumstämme wehen , sah , wie sie auf den schmalen Füßen elastisch von Stein zu Stein stieg , wie ihre Arme sich in feiner Rundung hoben , um einen blütenschweren Ast zu sich niederzuziehen , wie der Körper sich bog , bei aller Schlankheit weiche Formen verratend , um die Blumen am Bach zu erreichen . Und einmal sah er auch hinter Büschen versteckt ihre Augen , in Träumen verloren , ihren Mund in Erinnerung lächelnd . Galten Träume und Erinnerungen wohl immer noch ihm , dem Ungetreuen ? Es hielt ihn nicht länger . » Fräulein Else , « sagte er leise . » Konrad - Sie ? ! « und ein heller Schein flog über ihre Züge . Wäre sie nicht vor mir erschrocken , wenn sie an Pawlowitsch gedacht haben würde ? fuhr es ihm befreiend durch den Sinn . Sie gingen nun oft miteinander , ganz offen , vor den Augen der Tanten . Ihm war , als wäre sie jetzt erst angekommen . Zu ihm . Von der Vergangenheit sprach keiner von den beiden . Auf ihren gemeinsamen Wanderungen , die sie mit eigensinniger Beharrlichkeit über die Grenzen des Gutsbezirks nicht ausdehnen wollte , wurde sie mehr und mehr die Führende , weil sie die Unterrichtete war . Besser als er kannte sie Weg und Steg , hatte sich mit offnen Sinnen und liebevollem Eingehen in die Eigentümlichkeiten der Natur , in die Bedingungen und Forderungen des Grund und Bodens , in das Leben und Treiben der dünn gesäten Bevölkerung versenkt , und mit einem aus Scham und Staunen gemischten Gefühl lernte er durch sie die Heimat kennen , die ihm vor lauter gewohnheitsmäßig gleichgültigem Anschauen im Grunde die Fremde gewesen war . In ihrem Eifer und ihrer Entdeckerfreude bemerkte sie zunächst wenig davon , nur manchmal entfuhr ihr ein Ausruf komischen Entsetzens , wenn er ihr über den eigenen Besitz und seine Bewohner so gar keine Auskunft zu geben vermochte . » Sie gehen wie ein Gast im eigenen Hause umher , « sagte sie bei einer solchen Gelegenheit . » Der größte Teil der Menschheit krankt daran , daß er entwurzelt ist , daß seinem Lebensatem die natürliche Nahrungsquelle fehlt , und Sie besitzen dieses unschätzbare Gut und wissen es nicht . « » Sie vergessen : ich hatte nie ein ungeteiltes Heimatsgefühl . Im Lande meiner Mutter lebte stets meine Phantasie ; dorthin führte mich meine Sehnsucht , « entgegnete er . Erst jetzt war ihm , was er sagte , zu vollem Bewußtsein gekommen . Den Spuren der Großmutter , ihrer Tatkraft , ihrem Ordnungssinn , begegnete er in Haus und Dorf , in Wald und Feld ; aber ihm wehte dabei etwas Kühles , Unpersönliches entgegen . Und Else , die mehr und mehr auch sein Schweigen verstand , meinte : » Wie eine fremde Königin ist sie , die das Reich treulich verwaltet , ohne sich ihm jemals zu eigen zu geben . Und doch , « fügte sie nach einer kleinen nachdenklichen Pause hinzu , » müßte es Seligkeit sein , sich mit den jungen Buchen dort um die Wette - tief in diesen Boden zu senken ! « Konrads Auge begegnete dem aufleuchtenden Blick , den sie zu ihm erhob . Es strömte ihm heiß zum Herzen . Und leise und zärtlich schob er seinen Arm in den ihren , als gehörten sie zueinander . Die Landleute lächelten , wenn sie die Wandernden sahen . Sie fühlten sich dem schlichten blonden Mädchen vertraut , dessen Blick so warm war , dessen Händedruck keinen Handkuß forderte . Ihre Anteilnahme an ihrem Ergehen war ohne Neugierde , ihr Mitleid mit ihren Nöten keine Ankündigung verletzender Almosen . » Das wird eine gute Frau , « sagten sie . In jedem , auch dem ärmsten Oberfranken , lebt etwas von echter Edelmannsgesinnung . Er bettelt nicht , er darbt lieber , und wenn er der kahlen Hochebene entstammt , so ist er rauh und unzugänglich wie sie . Konrad entsann sich nicht , hier oben je anders als zu Wagen oder zu Pferde gewesen zu sein . » Wie ein Grandseigneur , nicht wie ein Landesvater , « meinte Else mit leisem Vorwurf , als sie miteinander über die einsame Halde schritten . Hier , wo Kalkstein und Dolomit die Oberfläche bilden und weder Teiche noch Bäche vorhanden sind , vermag selbst härteste Arbeit dem Boden nur wenig abzuringen . Neben den vereinzelten kleinen Häusern wird das Regenwasser in Lehmgruben gesammelt , um wenigstens einen armseligen Küchengarten erhalten zu können . Wetterdisteln und blasse Waldanemonen wachsen zwischen dem spärlichen Rasen ; schwarz und einsam richten dazwischen hier und da Wacholderbüsche ihr Haupt empor . » Wie ein Totenacker ! « sagte Konrad schaudernd . » Wenn man Wasser hinaufzuleiten vermöchte , um wie Faust einem freien Volk den freien Grund zu erobern , « entgegnete sie , » wäre das nicht eine Aufgabe , wert , sich dafür einzusetzen ? « » Für diesen dürren Boden - das blühende Leben ? ! « rief er abwehrend aus . » Beschränkung ist überall unser Los , « warf sie leise und wehmütig ein . » Gewiß , gewiß , « nickte er eifrig , » aber erst nachdem wir für unser beschränktes Wirken den höheren , allgemeineren Zweck und Sinn gefunden haben . Wie in einem Gefängnis würd ' ich ersticken , wenn ich dem Warum meines Lebens nicht auf den Grund gekommen wäre ! « Es war ein weicher Sommerabend damals mit silbergrau verhängtem Himmel . Sie schwiegen lange . Bis sie wieder leise zu plaudern begann . Er hörte kaum , was sie sagte , aber der Ton ihrer Stimme fiel , wie sanfter Regen nach dem Sturm auf Busch und Baum , beruhigend auf seine bewegte Seele . Sie sprach von der Gegenwart und nur von ihr , als wäre die Vergangenheit ganz und gar vergangen ; sie sprach von Hochseß , als wäre dies Stückchen Erde die Welt . Und er wurde ganz still . Ihm war auf einmal , als wüchse eine Mauer um die Grenzen seines Guts , über die kein Suchen und Sehnen jemals hinüber zu steigen vermöchte . Er und sie - das war Ausgang und Ziel . Das war Glück . » Liebe , liebe Else ! « sagte er und legte den Arm um ihre Schultern . War es der trübe Abend , der ihre Züge so bleich erscheinen ließ ? - Dann saßen sie zu dritt vor dem großen Kamin im Zimmer der Gräfin , denn ein Wetter , das in der Ferne noch grollte , hatte die Luft erheblich abgekühlt , und die alte Dame benutzte gern jeden Vorwand , um Hände und Füße , die sich immer schwerer erwärmen wollten , der belebenden Wirkung des Feuers auszusetzen . Ihre Augen hingen an dem Relief des Kamingesimses , einem feinen Gerank , das das Bild einer an den Felsen geschmiedeten Ariadne leicht umkränzte . Der stark herausgearbeitete Körper der Gefesselten wurde im Schein des Feuers lebendig . » Ist sie nicht ein antikes Symbol der Knechtschaft , aus der Sie die Frauen befreien wollen ? « sagte sie und spann , als keine Antwort kam , den Faden ihres Gedankens weiter ; » Sie sollten nur nicht vergessen , daß es zwar ein Mann gewesen ist , der die Schöne ihrer Freiheit beraubte , aber auch ein Mann , der ihr Befreier war . Sie geht immer nur von einer Hand in die andere . « Auch jetzt blieb es still . » Nun , Sie schweigen - ? « und sie hob ein wenig den Schirm der vor ihr stehenden Lampe , um Elsen ins Gesicht zu sehen . » Was ist Ihnen , mein Kind ? « rief sie , ihn wieder fallen lassend , und beugte sich besorgt zu dem Gast hinüber . » Ich spürte die Druckstellen meiner Ketten wieder , « sagte Else , während ein Frösteln ihren Körper durchlief . » Der gesprengten , nicht wahr ? « frug die Gräfin , die kleine Hand des Mädchens leise streichelnd . Es war das erstemal , daß sie das Schicksal ihres Gastes berührte . Wunden , das wußte sie , müssen erst vernarbt sein , ehe man ihre schützende Hülle lüften darf . » Der gesprengten - ja ! « antwortete Else mit ungewöhnlich heller Stimme . » Wirklich ? « fiel Konrad ein . Forschend sah die Gräfin zu ihm hinüber . War es nur die Teilnahme des Freundes , die seinem Ton eine so warme Färbung gab ? Aber Else schien ihn zu überhören . Mit tränenschimmernden Augen führte sie die Hand der Gräfin an ihre Lippen . » Alles danke ich Ihnen - alles ! Ich war erfroren , war leblos . Der Schmerz , der das Herz zerreißt , uns die wildesten Gedanken der Selbstzerfleischung ins Hirn hämmert , ist ein gütiger Freund , ist eine Art Reaktionserscheinung der Seele - wie das Fieber etwa für den Körper - im Vergleich zu dem Gift , das sie zerstören will . Nur die vollkommene Fühllosigkeit , jenes gräßliche Leersein in Kopf und Herz , jenes sich selbst zum Gespenste werden , das ist die Hölle . Ihr Brief - der Brief einer Frau , der ich fremd war , der mein ganzes Denken , Fühlen und Sein fast wie etwas Feindseliges erscheinen mußte , und die mich dennoch zu sich lud , und das in einem Augenblick , wo ich ganz verlassen war - Ihr Brief war der erste Sonnenstrahl auf das Eis , unter dem mein Leben schlief . Und jeder Tag , ach , was sage ich : jedes gütige Lächeln , das mir galt , jeder Händedruck , der mehr sagte , als hundert teilnehmende Worte sagen könnten - Worte , deren Tonfall schon zu beleidigen vermag ! - lockten aus dem erstarrten Boden neue Blüten hervor . Und nun - nun , « in leidenschaftlicher Bewegung war sie der Gräfin zu Füßen gesunken , » lebe ich wieder ! « Zwei Hände legten sich um ihre Schläfen , zwei Lippen ruhten auf ihrer Stirn . » Im Schoß der Mutter , « dachte sie und meinte zu fühlen , wie von Händen und Lippen ein Strom von Ruhe ausging , sie umfloß und durchdrang . Sie hob den Kopf . Zwei Augen trafen sie , - dunkel wie Weiher in der Nacht , in deren Tiefen goldene Schätze glühen . Sie starrte sie an , selbstvergessen : waren es die der Gräfin , die Konrads ? ! Mit einem Lächeln , das ihr eigenes nicht war , erhob sie sich und sagte - fast fröhlich sollte es klingen : » Und nun ist es Zeit , daß ich gehe . « Es blieb still in dem Zimmer . Jeder erwartete wohl vom anderen , daß er antworten würde . Die Uhr , die sonst niemand hörte , tickte plötzlich ganz laut . » Ich muß arbeiten , ich büße sonst die Winteraufträge ein , « fuhr Else zögernd fort . Dann griff sie plötzlich , wie von einem Schwindel gepackt , nach der Stuhllehne hinter sich . Konrad sprang zu , um die Wankende zu stützen . » Sie sehen selbst : daß es nicht Zeit ist - noch lange nicht - von uns zu gehen , « sagte er sehr weich . Mit geweiteten Augen sah die Gräfin von einem zum anderen ; in jenem Ton klang Mannesliebe , jene echte , reine , schützende . Else hatte sich schon wieder in voller Gewalt . » Nur daß ich heute sprach , von mir sprach , hat mich so erschüttert , « sagte sie . » Gestatten Sie mir , Frau Gräfin , daß ich mich ein wenig früher zurückziehe ? « Noch ein Handkuß , ein freundliches , ein wenig zerstreutes » Gute Nacht « , und Else ging . Ganz still , mit gesenkten Lidern - als wolle sie niemanden durch die Fenster ihrer Seele schauen lassen - saß die Gräfin zurückgelehnt in ihrem tiefen Stuhl . » Willst du halbe Arbeit