Dame die Tochter des Hauses sein . Diese Möglichkeit machte ihn traurig . Sie niemals wiederzusehen - das war fast seine Hoffnung geworden , sein Wunsch . - Es war sehr schön , an sie zu denken - wie an einen Traum - wie an eine Gegend , die man von fern bewundert - vielleicht ist sie in der Nähe sehr nüchtern . Fernduft ist bezaubernd . - Am liebsten wär ' s mir , die Leute lüden mich nicht ein . Vielleicht hab ' ich auf den Senator auch bloß als Schwadroneur gewirkt , hoffte er . Er war entschlossen : » Ich sage ab . « Aber das ging ja nicht wegen seiner Mutter . Am andern Morgen lag die Einladungskarte auf seinem Tisch . Er besah sie lange . Ein Gefühl von Unbehagen , ja fast von Furcht bedrückte ihn . Allert war eigentlich wütend . Drei Jahre hatte er in Frieden gelebt . Das heißt , völlig unabhängig wie ein Stier gearbeitet - einen neu zu bestellenden Acker für künftige Ernten vorzubereiten getrachtet . Nun zog sich ein Gewölk von Verpflichtungen über seinem Haupte zusammen . Die Sonntage gehörten ja zum Teil der Mutter . Und das war schön , war ausruhend , anspornend . Aber jetzt gab es auch eine Frau Julia Dorne für ihn in der Welt . Daran mußte er nun wohl oder übel denken und auf sie schon ihres Mannes wegen Rücksicht nehmen . Es war fabelhaft , was für Anliegen sie immer hatte . Allert hätte eitel werden können , weil er ihr unentbehrlich schien . Allein er dachte nur : Ich bin der einzige , den sie kennt ! Sie muß schleunigst einen Kreis bekommen . Auswahl , damit sie einen andern vor ihren Wagen spannen kann . Das tut not . Ein eiliges Briefchen flehte ihn an , jedenfalls nach Kontorschluß zu ihr zu kommen . Es war dicht vor dem Amsterschen Fest . Dr. Dorne war tief in seine Experimente versunken und verließ bis in die Nacht hinein sein Laboratorium nicht , wo es nach scharfen Säuren und Salzen schweflig und teerig roch . Die reizende Julia konnte Briefe voll seltener Anmut schreiben . Ihre kleinen , regelmäßigen Buchstaben tauchte sie in lila Tinte . Und sie formte Sätze , in denen Inhalt war . Allert dachte : Schließlich arbeitet der Mann für mich ja mit - wenn Dorne die Entdeckung glückt , der er auf der Spur zu sein glaubt ! Ja , das konnte was bringen ! Donnerwetter ! Na also , da mußte man sich für die Frau , die ja wirklich viel allein saß , schon mal die Viertel- und Halbstündchen stehlen . » In einer wichtigen Sache möchte ich Sie heute abend sprechen . Wichtigkeit ist ein relativer Begriff - was mir eine ist , braucht Ihnen keine zu sein . Aber ich denke doch , der Ritterlichkeit eines Mannes ist das Anliegen einer etwas vereinsamten Frau immer wichtig . Sie wissen , zurzeit ist mein Gatte , dessen Arbeit ich bewundere , einer neuen chemischen Entdeckung auf der Spur , und dann geht es ihm wie den Heineschen Grenadieren : Was schiert mich Weib , was schiert mich Kind . « So schrieb sie , und ihre Anrede lautete : » Lieber Freund ! « Bin ich das schon ? Das geht ja flink , dachte Allert . Die Dornesche Wohnung , eine geräumige zweite Etage am Alsterufer , war seit kurzem fertig eingerichtet . Alle Wohnräume wurden aber tags wie abends in Halbbeleuchtung gehalten . Die Sonne kam durch dünne seidene rosa Stores , das elektrische Licht war immer rotgelb umschleiert . In dieser Beleuchtung erschien Frau Julia in ihrer Anmut und mit ihren dunklen Feueraugen von mädchenhafter Jugendlichkeit . Und Allert bewunderte ganz objektiv die Kunst dieser Frau , sich zu dekorieren . Auch an diesem Abend verführte ein mildes , warmes Licht Augen und Nerven . Man war sofort in eine Sphäre vollkommener Weltabgeschlossenheit versetzt . Und im leisen rötlichen Schein bewegte sich Frau Julia . Ihr fast unwahrscheinlich dünnes Chiffongewand hatte einen Saum von dicken , graugelben Spitzen . Hals und Arme schimmerten durch den dünnen Stoff . Allert sah sonst keine Frauenkleidung . Er verstehe nichts davon , behauptete er . Aber dies hier fiel ihm durch die Schönheit und das Raffinement doch auf . Und in ihm wollte sich der kleine Spott rühren , den Männer haben können , wenn sie kalten Sinnes dringliche Bemühungen bemerken . » Sie haben befohlen , meine gnädigste Frau , hier bin ich . « » Ja . Ich habe das Gefühl , Ihrer Billigung zu bedürfen zu einem Schritt , den ich getan habe , « sagte sie , sich malerisch , schmächtig , schmiegsam in einen Sessel drückend . » Was Sie tun und lassen , hat doch nur Ihr Mann zu billigen , und da es sich um etwas schon Geschehenes handelt , käme es auch nur auf eine nachträgliche Billigung hinaus wie beim Reichstag nach Etatsüberschreitungen . « » Nein , nein . Es geht schon ein wenig Sie an . Oder Ihre Mutter . Es könnte so aussehen , als wollte ich mich mit Vorsatz gerade da in die Hamburger Gesellschaft hineinlancieren , wo auch Ihre Mutter offene Türen fand . Ich wünschte Ihnen zu erklären , daß es Zufall ist . « » Ich verstehe kein Wort , « versicherte Allert , der bemerkte , daß Frau Julia hellgrüne Seidenstrümpfe in ebensolchen Schuhen trug . - Fabelhaft geschmackvoll , dachte Allert , und fabelhafte Vergeudung - falls dies für mich ist . Frau Julia erzählte in ihrer stockenden , die Satzbildung bedenkenden Weise : » Mein Mann sowohl als auch ich haben einige Beziehungen zu hier wohnenden Menschen oder könnten Beziehungen schaffen . Aber Sie wissen : jede Umwelt hat ihre besonderen Matadore , und wer in X. eine maßgebende Persönlichkeit ist , wird eine unbrauchbare Nebenfigur , wenn er nach Z. zieht . Und ich habe festgestellt , daß die Personen und Familien , an die wir hier geraten könnten , nicht zur allerersten Gesellschaft gehören . Geradezu bei den Spitzen Besuche zu machen , dazu ist hier der Rahmen zu groß . Wir haben noch kein eigenes Haus , kein Auto . Mein Mann , dessen Klugheit ich bewundere , sagt , man muß den Gang der Geschäfte abwarten . Da dachte ich denn , auf irgendeine andere Weise anzuknüpfen . Es gibt ja so viele Wege . Zum Beispiel durch literarische , musikalische , wohltätige Vereine . In den letzteren findet man erfahrungsgemäß eher die Damen der ersten Gesellschaft als in den literarischen . Eine auswärtige Freundin riet mir , mich an den Verein der Senatorin Amster anzuschließen . « » So , hat die einen Verein ? « fragte er trocken . Aber er merkte scharf auf . » Ja , zur Rettung gefährdeter Mädchen aus dem Volke , zum Schutz unehelicher Kinder und so dergleichen . Ich bin gestern zu ihr gefahren , ließ mich in Vereinssachen melden , wurde angenommen und gern als Mitglied akzeptiert . Wie kann man eine Vorsitzende besser bestricken , als wenn man Vereinsmitglied mit vierfachem Beitrag wird . Ich brachte ihr auch einen Gruß von meiner , ihr freilich weiter nicht bekannten Freundin , die ein gerettetes Mädchen vom Verein bezogen hatte , und es interessierte die Senatorin sehr , zu hören , daß jenes Mädchen doch gleich wieder weggelaufen sei . - Daß mein Mann Ihr Kompagnon ist , kam natürlich zur Sprache . - Ja - und nun werde ich im Verein tüchtig mitarbeiten - allmählich wird man bekannter - es werden sich gesellschaftliche Beziehungen daraus entwickeln lassen , wenn man es klug anfängt . « » Ich habe das Vertrauen , daß Sie alles klug anfangen , « sagte er , während er ganz benommen dachte : dann war es doch dieser Lurch - der mit den Paketen - » Kluge Frauen sind bei Euch Männern nicht beliebt . « Es war eine jähe Wendung - mehr im Ausdruck und im Ton als in den Worten selbst . So ein gewisses Etwas , das sich herausspürte wie : die Vorrede ist erledigt . » O doch . Wenn sie auch Gefühle haben . Bei den Dummen fürchtet man die Sentimentalität . « » Sentimentalität ist schrecklich . Sie bedroht den Mann in der Liebe mit Szenen . Alle sentimentalen Frauen sind zäh und anklebend . Ich habe noch nie eine gesehen , die es verstand , sich in das Ende einer Liebe zu finden , « plauderte Julia . » Das verstehen auch die Klugen nicht . Jede Frau denkt , sie ist die Eine , die Auserwählte , die Liebe ohne Ende erwecken kann . « » Oh , « sagte sie mit funkelnden Augen , » es gibt auch Frauen , die die Poesie und die beglückende Schönheit eines Rausches begreifen - die nach dem Erwachen nicht klagen , sondern danken . Die das Wort Lebewohl ohne Bitterkeit sprechen . Die wissen , das Glück ist des Schmerzes wert . Die fühlen , durch Vorwürfe und Jammer entweiht man , was doch göttlich war « - - Sie schwieg . Eine lange Pause entstand . Allert sah ihr in die Augen - eine Welt von Sinnlichkeit schwamm darin . Er schwieg sehr lange . Nun schien sie das Gespräch ändern zu wollen - vielleicht , um es auf einem Umwege wieder zu schwülen Erörterungen zu bringen . Denn sie wußte wohl : es gibt keine bequemere Brücke als Redensarten über die Psychologie der Liebe . » Ich bin sehr viel allein . Mehr eigentlich , als erlaubt ist . Aber ich bewundere den Fleiß meines Mannes . « » Ja , er ist ein leidenschaftlicher Arbeiter . « Seine Blicke wanderten umher - er fühlte sich nervös , unfähig zu einem vernünftig sich fortspinnenden Gespräch . Er fragte gedankenlos nach einer Büste , an der seine Blicke zufällig hängenblieben - Julia stand auf - er mußte ihr folgen ; denn sie lud ihn mit einer Handbewegung ein , das Kunstwerk in der Nähe zu besichtigen . Mit einigem guten Willen erriet man , daß es den Dr. Dorne vorstellte . Julia legte die Rechte an den Sockel ; so neben der Säule mit dem Bildwerk nahm sie sich im rotgelben Licht sehr schön aus . » Es ist von mir selbst . Ich modellierte eine Zeitlang eifrig . Knud Mohr war mein Lehrer . Er war auch mein Freund - er war es , der mein Talent entdeckte - aber so ohne Mitarbeiter , ohne gleichgestimmten Freund hat man keine Inspiration . - Ach , es war schön damals - ich denke so gern daran zurück ! « - Allert sah und hörte ja , was das alles war . Eine von den Frauen war sie , die immer ihre geistige Richtung vom Mann bestimmen lassen , mit dem sie ein Verhältnis haben , die sogar in ihrer Anpassungsfähigkeit , die ihnen die Begierde gibt , ein dem seinen verwandtes Talent in sich aufblühen sehen . - Er wußte , das war das Satyrspiel zu einem tiefen , großen Naturwillen . Er sah ja auch , die Frau war auf der Suche . Wenn sie nicht gerade seines Teilhabers Frau gewesen wäre . - Kein Mann spielt gern eine Stockfischrolle . - Und einen Augenblick kecken Genießens - bei solchen Frauen vorwurfsfrei mitzunehmen - warum nicht ... » Inzwischen , « sprach sie halblaut weiter , » inzwischen habe ich auch begriffen , daß in unserer Zeit viel wichtigere Aufgaben im Vordergrund der Beschäftigung auch für die Frau stehen müssen . Ich versuche , mich mit den industriellen und merkantilen Fragen und der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage Deutschlands vertraut zu machen . Aber ich sehe schon , ich begreife nichts , alle Mühe wird verloren sein , wenn Sie mir nicht ein wenig dabei helfen . « » Leider bin ich ja ein mit Arbeit überhäufter Mensch « - » Aber wenn ich Sie bitte ? Und ist es nicht auch eine Arbeit , die sich lohnt , einer Frau , die sich weiterbilden will , zu helfen ? « Sie streckte ihm die Hand hin , die er nahm , um sie ausfürlich zu küssen . Er dachte nicht an eine schroffe Haltung und an ein plump beschämendes Ablehnen . Gerade hier mußte das ja mit einer gewissen Grazie gemacht werden . In diesem Augenblick hörte man deutlich draußen vor der Tür den kurzen Gewohnheitshusten des Doktors Dorne . Und ganz unwillkürlich änderten Allert und Julia ihre Stellung . » Mein Mann ! « sagte sie grenzenlos und sehr ärgerlich erstaunt . Und dann kam er auch schon herein und reichte Allert nebenbei die Hand und hatte einen hastigen Ausdruck in seinen hellen Augen und erzählte etwas zu ausführlich , daß er sich doch noch entschlossen habe , seine Arbeit für eine Stunde zu unterbrechen , um zu Hause zu Abend zu essen . Er lud Allert ein , mitzuspeisen . Der aber lehnte ab und ging . » Nimmst Du Herrn von Hellbingsdorf nicht etwas zu oft in Anspruch ? « fragte der Mann ängstlich . Er sah , wie schön seine Frau geschmückt war , und das beunruhigte ihn immer . » Aber nein . Er ist doch scharmant . Ich mußte ihm loyalerweise das mit der Amster sagen . - Und dann - er braucht ein wenig der zarten , letzten Abschliffe durch Frauenhand - Du weißt , ich erziehe gern ... « Er war verwundert ; gerade Allerts Formen hatte er so sicher und angenehm gefunden , und die Mutter war so fein - Menschen aus guten Kinderstuben . - Aber Julia sagte : » Schließlich ist die Mutter doch Berufsfrau . Und die Art Frauen haben weder Zeit noch Blick , ihren Söhnen die letzte Modellierung des Wesens zu geben . Das bleibt dann die Aufgabe , die uns ganz weiblichen Frauen zufällt . Und weißt Du - ich denke - zwar ist Ingeborg erst fünfzehn - aber Allert von Hellbingsdorf wäre doch mal eine Partie für sie « - Der Ehemann streichelte ihr ganz sacht die durchsichtig bekleidete Schulter . Ja , so war nun seine Frau - voller mütterlicher Instinkte , wo sie sah , daß sie lenken und veredeln konnte . - Er begriff selbst nicht mehr , was ihn so hergejagt hatte - - und nicht diese qualvolle Nervosität , die ihn immer antrieb , draußen zu husten . - Unterdes ging Allert voll Ingrimm an der Alster entlang , unter der Bahnüberführung hindurch , wo gerade ein gewaltiger , hellerleuchteter D-Zug über seinem Kopf hindonnerte , und dann wartete er an der Esplanade auf die Ringbahn . Ausdrücklich hatte er seinem Teilhaber erzählt : » Ihre Frau wünscht mich zu sprechen , ich fahre für eine Viertelstunde zu ihr hinaus . « Und trotzdem war ' s ja gerade , wie der Gatte unverhofft kam , als sei man ertappt . Ein scheußliches und , gottlob ! grundloses Gefühl . Aber was so eine unbedenkliche Frau alles anordnen kann : ein bißchen rosa Licht , ein bißchen sonderbar schöne Kleidung , uralter Aufwand von entgegenkommenden Blicken und Worten , dazu die Ritterlichkeit des Mannes , der nicht mit plumpkeuscher Tugendgeste seinen Mantel aus ihren Händen reißen mag - und die erste Szene ist gestellt ! Daraus dann nach und nach in sorgsamem Aufbau das vieraktige Sittenstück weiterzuentwickeln , würde sich Julia schon zutrauen . Das heißt , alle Sittenstücke sind ja eigentlich Unsittenstücke ... Heimfahrend dachte Allert ganz frauenfeindliche Sachen : Das sind so die Weiber , die einen auch ehescheu machen können ! Das hat sich doch einst aus Liebe oder meinetwegen bloß aus Verstand geheiratet . Wie auch immer : man hat sich die ersten Jahre gut vertragen . - Da sind die Kinder - man war sich jedenfalls klar und ist es sich noch , daß Interessen , Ehre , Empfindungen gemeinsamer Kult sein sollte . - Und doch ! Die Frau , vielleicht mannstoll veranlagt oder so schamlos eitel , daß sie sich am Verlangen und der Bewunderung der Männer nicht sättigen kann - die Frau macht aus ihm einen Narren . Und er - so ' n wissenschaftlich gebildeter Mann ! - Unruhig ist er wohl , will aber blind sein , läßt sich dumm machen - warum ? In der verfluchten Hörigkeit , in die jeder von uns hineingeraten kann ! Wer darf sich vermessen , er sei dagegen gefeit ? Das kommt ganz darauf an , was für ' ner Frau man in die Hände fällt ... Schade , daß es keine Statistik gibt über die Männer , die Junggesellen bleiben , weil sie bei ' ner verheirateten Frau zu genauen Unterricht hatten ... Und er ließ alle Riesen und Helden von Herkules und Simson an vor seinem Gedächtnis Revue passieren , von denen Sage und Geschichte erzählen , daß sie Frauenknechte und -opfer waren . Während er sich mit solchen unterhaltenden und erbitternden Schulbeispielen gegen die Ehe stärkte , fiel ihm noch ganz etwas anderes plötzlich ein - viel Naheliegenderes . - Seine Teilhaberschaft mit dem Doktor Dorne bekam einen starken Schlagschatten . Klug war der Mann , ein Chemiker von Rang . Geld hatte der Mann genug , um mit seinem Anteil dem Geschäft Aufschwung und neue Lebenskraft zu sichern . Aber grünseidene Strümpfe und Schuh und spinnwebene Kleider kosten Geld und - » Talente « kosten Geld , wenn man immer neue entdeckt und immer andere Lehrer dazu braucht . - - Und schließlich war Dorne bloß wohlhabend ; kein Krösus . Und dann ein Mann , der innerlich gehetzt ist ! Und es sich nicht eingestehen will , was ihn hetzt ! Hieß es nicht für einen Aufstrebenden : » Du sollst keinen Götzen haben neben dem Geschäft ? « ... Und Allert sah Gewölk heraufsteigen . - Dann kam ja das Fest bei den Amsters . Allert holte die Mutter ab . Sie spürte gleich : er war zerstreut und verstimmt . Er schob es auf Geschäfte . Von der Spannung , die in ihm brannte , sagte er nichts . Stumm saß er im Auto , das im Halbrund des Weges innerhalb des Vorgartens nur langsam vorrückte , denn ein abscheuliches Schneetreiben erschwerte Auffahrt und Aussteigen der Gäste . In der Herrengarderobe war dann wieder dieser ältliche Diener , dieser Lurch - Allert empfing auch die kleine weiße Karte , auf welcher der Name der Dame stand , die er zu Tisch führen sollte : Fräulein Marieluis Amster . Ganz selbstverständlich , weil er zum erstenmal als Gast hier war und immerhin schon weit die gesellschaftliche Rangstufe der jungen Dächse von Referendaren , Leutnants , Volontären und anderem Tanzgebein überragte . Aber er fühlte sein Herz klopfen . Dann waren da zwei große , sehr volle Räume , in denen nichts zu sein schien wie Menschen und Kristallkronen - so waren alle Möbel vom Gedränge verdeckt . Und voll Würde gleich vorn bei der ersten Tür der ihm schon bekannte Senator , der ihn seiner Frau vorstellte . Die blonde Frau mit den hübschen , aber scharf gewordenen Zügen und der bedeutenden Haltung lächelte sehr verbindlich und sagte ihm ein Dutzend sehr schmeichelhafter Worte über seine Mutter und überließ ihn dann seinem Schicksal und seinem Stern , weil auf seinen Hacken schon andere Gäste warteten , um ihrer Begrüßung teilhaftig zu werden . Sein Stern nun war seine Mutter . Er sah , wie bekannt sie hier schon mit allen Menschen schien , und mit welcher liebenswürdigen Heiterkeit sie sich bewegte . Na ja , das war ihr Feld - aus diesem Boden wuchsen ihr die Aufträge zu . - Sie sagte ihm : » Ich stelle Dich vor - auch der Tochter des Hauses . « - Nun mußte er sich da und dort verbeugen und sechsmal die Frage : » Sind Sie bei Ihrer Mutter zum Besuch ? « beantworten : » Ich lebe hier , habe mich hier niedergelassen . « Und achtmal hören : » Haben Sie schon das Bild von Marieluis Amster gesehen ? Es wird fabelhaft . « Drei Leute fragten ihn auch , ob er sich schon eingelebt habe . Und dann kam sehr eilig , elegant , hoch und schmal Thea Daister herangerauscht und nahm ihn unter ihre Fittiche , wie sie es nannte . Und weil gerade seine Mutter vom Generalkonsul Haimburgk festgehalten wurde , dessen beide Knaben sie ja malen sollte , bat sie rasch Thea Daister : » Bringen Sie ihn zu Marieluis . « Das war Allert lieb . Seine Mutter hatte ihm zu feine Ohren , zu scharfe Augen für das , was vielleicht gleich kam . Und da war es auch schon . - Er hatte sie schön und ernst und gelassen und überlegen und gereift und - und - er wußte nicht , was alles - gefunden - im langen Mantel , im dunkeln Hut . Nun sah er : Es war die Verkleidung einer Prinzessin gewesen . Hier stand ein Wesen , das einen merkwürdigen und doch stillen Glanz auszustrahlen schien - ein hochgewachsenes Mädchen mit blondem Haar und feinen Zügen - klug und grau die Augen - Schultern , Arme - ach , Allert fehlte der vernünftige Vergleich dafür . Und er hatte auch einen unbestimmten , allgemeinen Eindruck von blaßblauer Seide und großen , dunkeln Veilchensträußen . Seine Führerin strebte emsig durch die Menschen auf diese junge Fürstin zu . Wenn Thea Daister jemand so geleitete , hatte es etwas Pflichtvolles , Genaues , höchst Dringliches . Am liebsten hätte Allert sie am Arm fest- und zurückgehalten . Und nun sah auch Marieluis ihn und erglühte in völligster Ueberraschung . » Auf Wiedersehen , « sagte Thea Daister , » ich muß noch flink oben an der Tafel mal zusehen , wo mein Mann seinen Platz hat - ich bin Ihre Tischnachbarin links - hier Marieluis : der Sohn von Frau Hellbingsdorf . « Marieluis , die ihre gewöhnliche Farbe schon wieder hatte , reichte ihm die Hand . » Ich habe rasch eine große Verehrung für Ihre Mutter gewonnen . « » Das macht mich stolz . Ich werde viel zu tun haben , um hier für mehr angesehen zu werden als bloß für einen Sohn . « Marieluis lächelte ein wenig . » Den Eindruck hab ' ich eigentlich nicht bekommen , daß Sie das Talent haben , unbemerkt zu bleiben . « » So ? Also ich hab ' vordringlich gewirkt ? Vielleicht haben Sie Ihren Eltern schon eine entsprechende Schilderung von jenem Mann gegeben , der Ihnen beistand ? Dann bitt ' ich : Schonen Sie mein Charakterbild , damit es nicht in der Geschichte schwankt wie das mancher Helden , und decken Sie meine Identität nicht auf . « » Ich habe zu keinem Menschen von jenem Vorfall gesprochen . « Das machte ihn irgendwie glücklich . » Ich auch nicht , « sagte er leise . » Es war mir zu nebensächlich , « fügte sie hochmütig hinzu . Gott - diese jungen Mädchen ! dachte er . » Dory , erlaubst Du : Herr von Hellbingsdorf - Fräulein Dory Vierbrinck . « Er verneigte sich vor einer zierlichen jungen Dame , die einen uneingefaßten Kneifer trug , einen schmalen Rosenkranz auf kastanienfarbenem Haar und entzückende Grübchen hatte . » Dory ! Zum Unterschied von Laura , Fanny , Mimi , Evelyn und Helene Vierbrinck , die hier ebenfalls anwesend sind . Vierbrincke , teils vom Senator , teils von Vierbrinck Sohn & amp ; Compagnie , teils vom Konsul Vierbrinck , « sagte sie munter . » Ich bin schon lange genug in Hamburg , um diesen hier so viel bedeutenden Namen zu würdigen , « sagte Allert , » und darf ich fragen : » Von welchem Zweige dieser ansehnlichen Familie ? « » Vierbrinck Sohn & amp ; Compagnie . « Sie lachten . Und er dachte : Dory ? Das war also die Dory , die an jenem Abend davonlief . Sie aber konnte ihn gar nicht erkennen . Das war ihm lieb . Es lag ihm im Gefühl : Das muß zwischen » ihr « und mir bleiben . - Er wartete - horchte auf . - Nein , Marieluis sagte nichts . - Wenn es ihr sonst zu » nebensächlich « war , gerade Dory nun zu erklären : Denke Dir , es ist Herr von Hellbingsdorf , der mir damals beistand - das hätte sich doch fast von selbst verstanden ... Wie viel Nähe hatten sie schon zueinander - das berauschte ihn . - Welche Kluft war zwischen ihnen - er fühlte es in der nächsten Stunde mit Erbitterung . - Man saß bei Tisch . Alles ist bester Stil , dachte Allert , vornehm , nicht protzig , trotz der Menge alten Silbers und edlen Kristalls - trotz der erlesenen Speisen - wie sind sie sicher und bedacht zusammengestellt . In zwei Sälen saßen etwa hundert und mehr Personen . Die ungezwungene Fröhlichkeit , das lebhafte Gespräch brachte jenes gleichmütige , ununterbrochene Geräusch hervor , das dem einzelnen gestattet , vom Nachbar ungehört zu bleiben . Aber zunächst kam Allert nicht zu seiner Aussprache mit Marieluis . Seine andere Tischnachbarin war voll Unruhe . Sie ließ ihre Serviette fallen und dann ihre Handschuhe , und während ihr Tischherr sich bückte , fragte sie Allert was und hörte nicht seine Antwort . Dann fragte sie ihren Tischherrn und achtete nicht auf seine Auskunft , sondern wollte wieder etwas von Allert . » Können Sie meinen Mann entdecken ? « fragte sie in ihrer geschwinden Sprache . » Aber - Sie kennen ihn ja nicht - pardon , wie dumm von mir - ich bin furchtbar mucksch mit meinem Mann , aber aufpassen muß ich doch , ob er nicht zu nett mit seiner Dame ist . Wenn man sich mit dem Gatten gründlich erzürnt hat - nicht wahr ? So seid Ihr Männer ! Er ist imstande , einer anderen den Hof zu machen . « Und sie bog ihren langen Hals nach rechts , nach links . - » Was denn ? Erzürnt mit Ihrem Mann ? « fragte Allert . » Wenn ich mir eine indiskrete Bemerkung gestatten darf : Ich habe von Ihnen wie von Turteltauben - natürlich in moderner Variante , sprechen hören . « » Bleib mal einer Turteltäubchen , « sagte Thea Daister , » wenn man plötzlich hört : wir können nur acht Tage in St. Moritz bleiben , es kostet zu viel , und unser Leben in Berlin schluckt alles . - Pa und Ma sind immer vier Wochen mit mir hingegangen ... Und im Frühling können wir nicht nach Cannes . - Ich bin starr . - Mußt ich da nicht mal auftrumpfen ? « Wie recht hatte Raspe , dachte Allert , die Ansprüche nehmen sie aus den Elternhäusern mit in die Ehe ... » Sie können sich hinter Ihre Eltern stecken , gnädige Frau , « tröstete Allert , » wenn man so vorsichtig in der Wahl seines Vaters gewesen ist ... « Marieluis sprach mit vorsichtiger Stimme hinein , aber doch nur zu ihm : » Die Eltern haben den Etat so groß bemessen , daß er nicht überschritten werden darf . Thea hat ja Geschwister . « Die junge Frau bemühte gerade ihren Tischherrn mit der Entdeckung des Gatten und hörte nicht , was ihre Cousine sagte . » Nun , die Verstimmung wird nicht ernst sein , « äußerte Allert . Es interessierte ihn wenig . Er fühlte die Nähe dieses Mädchens wie ein beklemmendes , betäubendes Glück . Für ihn war sie das höchste Bild von Frauenschönheit ; seine Natur wollte sie - sie ! Ganz und gar sie - wie sie da saß , in beherrschter Haltung , mit vollen Schultern , schlanken Armen und diesem fein geformten Kopf , den köstliche , blonde Haare locker umgaben . - Diesem ernsten Gesicht mit den klugen , großen Augen und den tiefen Mundwinkeln . - » Es kommt mir ganz phantastisch vor , wenn ich Sie so sehe - in diesem Rahmen - in diesem Kleid - wenn ich auch nichts davon verstehe - es scheint mir köstlich und das Geschmackvollste von der Welt - ich möchte mich an den Kopf fassen : Sind Sie es wirklich , die ich im klebrig-schwarzgelben Nebel von einem grölenden Trunkenbold bedrängt sah ? « » Ja - bei der Arbeit gibt ' s eben mal andere Situationen . « » Es ist keine Arbeit für Sie ! « sagte er mit Entschiedenheit . » Barmherzigkeit ? Keine Frauenarbeit ? Welche ist es mehr ? « sprach sie und sah ihn mit großen Augen an . » Es gibt Dinge , « begann er erregt , » über die man sich kaum mit Worten verstehen kann . So wie die Empfindungen sich zu Gedanken bilden - nicht wahr : Denken und Worte - das ist dasselbe - alles Denken ist stummes Sprechen - ja , gleich sind schon die Schwierigkeiten da . Wie sollte Barmherzigkeit nicht Frauenarbeit sein ? ! Sie ist die allererste ! Keine Legende ist rührender als die vom Rosenwunder , das der heiligen Elisabeth geschah . « » Nun also ... « » Und doch ... Sehen Sie , früher waren die Frauen auch barmherzig - jede , sofern sie ein echtes Weib war - wirkte in ihrem Kreis , mit offenen Händen und offenem Herzen - nur mit dem Herzen . - Und solche Frauen gibt es gewiß auch überall heute - die nichts anderes wollen als wohltun . Aber da sind die vielen , die arbeiten - ja , sie nennen es Arbeit - was liegt oft in dem Wort , in diesem Zusammenhang ! - Und