ja , da fühlt man sich selbst so weit und leer wie eine große , große Blase . Da sind nun die Damen nötig , die machen es wieder um einen eng und warm . « » Das muß schön sein bei Nacht auf den Heuhaufen « , äußerte Lydia . » Ach ja , « meinte der Graf , » nur zu starker Duft , man wacht am Morgen mit Kopfschmerzen auf , als ob man die ganze Nacht getrunken hätte . « Gertrud Port flatterte jetzt heran , sie wollte auch teilhaben an dem interessanten Fremden . » Nicht wahr , Herr Graf , « fragte sie , » man ist in Rußland sehr musikalisch ? « » O ja , « erwiderte der Graf und ließ seine Blicke einen Augenblick zerstreut auf Gertruds spitzem Gesichtchen ruhen , » wir singen viel , singen geht langsamer als sprechen , aber wir haben so viel Zeit . « Als aber Lydia sich mit einer Frage an Gertrud wandte , entschuldigte sich der Graf , stand auf und ging zu Egloff und dem Grafen Bützow hinüber , die beieinander standen . » Meine Herren , « sagte er , » bis zum Souper ist wohl noch Zeit , Ihre Gäste sind versorgt , Baron , wie wäre es mit einem kleinen Preferencechen ? « » Sie haben Eile , Graf « , bemerkte Egloff . » Ach was , Eile , « meinte der Graf , » ich habe nur bemerkt , daß es nichts Besseres für den Appetit gibt , als ein paar Runden Preference kurz vor dem Essen . « Sie gingen in das Spielzimmer hinüber , mit einem wohligen Seufzer setzte der Graf sich an den Kartentisch , breitete mit seiner fetten , beringten Hand die Karten aus , damit die Plätze gezogen würden , und meinte : » Hier ist man zu Hause . « Egloff mischte nervös ein Kartenspiel , er war schlechter Laune . Während der Graf sein Gast war , hatte er seit längerer Zeit wieder viel und hoch gespielt , und es ärgerte ihn zu bemerken , daß das Spiel ihn stärker erregte , ihm mehr auf die Nerven ging als früher . Der Baron Port und Doktor Hansius , die sich in das Spielzimmer zurückgezogen hatten , um zu rauchen , traten heran und schauten gespannt und mißbilligend dem Spiele zu . Endlich war es Zeit , zum Souper zu gehen . Die Baronin Egloff nahm den Arm des Baron Port , und in feierlichem Zuge begab man sich in den Speisesaal . Das rosa Fräulein von Teschen schauerte wohlig in sich zusammen , als es die Serviette auseinanderfaltete . » Sie finden es wahrscheinlich unpoetisch und materiell , « sagte sie zu ihrem Nachbar , dem Leutnant von Klette , » wenn ein junges Mädchen sich so stark auf das Essen freut , aber das Essen hier in Sirow ist immer so herrlich . « » Durchaus nicht , « erwiderte der Leutnant , » ich liebe es , wenn ich die Gefühle der Damen verstehen kann , und dieses verstehe ich . « Am anderen Ende des Tisches klang wieder Dachhausens herzliches Lachen herüber , der mit dem lila Fräulein von Teschen scherzte . » Ihr Gemahl , « sagte Graf Schutow zu Lydia , » hat ein so angenehmes Lachen , ich höre so gern lachen . « » Ja , « sagte Lydia und zog die Augenbrauen ein wenig empor , » er ist eine heitere Natur . « Aber Adine von Dachhausen , die gegenübersaß , rief den Grafen mit ihrer lauten , heiteren Stimme an : » Lachen Sie selbst gern , Herr Graf ? « » Ich lache zuweilen ganz gern , « erwiderte der Graf zerstreut , » aber ich höre lieber , wenn andere lachen , dann habe ich das Vergnügen und keine Mühe . Wie meinen Sie ? « wandte er sich an den Diener , der ihm eine Schüssel reichte . » Ah ! Spielhahnpastete « , und er wandte seine ganze Aufmerksamkeit der Pastete zu . Egloff hatte ziemlich einsilbig und mißmutig der Gräfin Bützow zugehört , die über das Befreiende , ja geradezu Moralische in Mozarts Musik sprach . In einer Pause flüsterte Fastrade ihm zu : » Bist du unglücklich ? « » Ich bin wütend « , erwiderte Egloff leise . » Wozu diese Anhäufung gleichgültiger Menschen und Speisen ? Am liebsten würde ich jedem mit einer Grobheit antworten , würde sagen : O ja , gewiß , Esel oder : Sie haben ja ganz recht , dumme Pute . « » Still « , sagte Fastrade und legte den Finger auf die Lippen . Egloff beugte sich wieder auf seinen Teller nieder . Der eigentliche Grund , daß er sich unglücklich fühlte , war das Bewußtsein , daß er alle diese Menschen und die lange Mahlzeit nur deshalb verfluchte , weil er ungeduldig war , wieder im Spielzimmer zu sitzen und das Spiel fortzusetzen , und das fand er primitiv und gewöhnlich . Jetzt erhob sich der Baron Port zu einer Rede , er sprach lange und ernst , sprach davon , daß es ein Segen sei , wenn die alteingesessenen Familien sich miteinander verbinden , das sei ein Bollwerk gegen die neuen , zerstörenden Ideen , alte bewährte Traditionen werden auf junge Schultern gelegt , werden gestärkt und zu neuer Blüte gebracht . Die Baronin Egloff weinte , die anderen hörten mit zerstreuter Andacht zu , als säßen sie in der Kirche bei einer zu langen Predigt . Um so lauter wurde » Hoch « gerufen , als die Rede zu Ende war . Die Mahlzeit ging ihrem Schluß entgegen ; erhitzt lehnten sich die Gäste in ihre Stühle zurück , und die Unterhaltung floß nur träge . » Das ist der Fehler der guten Sirowschen Soupers , « sagte der Referendar zu Adine von Dachhausen , » daß es hier zu viel zu essen gibt . Ich habe das Gefühl , als seien die Speisen in der Übermacht . « - » Oh , ich lasse mich nicht so leicht einschüchtern « , erwiderte Adine resolut . Doch war es allen willkommen , daß die Baronin Egloff die Tafel aufhob ; die Herren setzten die Damen im Saale ab und eilten in das Rauchzimmer . Die Damen saßen beieinander und fächelten sich mit den großen Federfächern Luft zu . Egloff ging auf die Veranda hinaus , er lehnte sich über das Eisengitter und schaute in den dunkeln Garten hinein . Stille und Dunkelheit , das war es , was ihm jetzt nottat , und dann hoffte er , Fastrade würde herauskommen und in der Dämmerung der Maiennacht vor ihm stehen , aufrecht und weiß wie die Narzissen unten auf den Beeten . Das Rascheln einer Frauenschleppe ließ ihn auffahren . Es war Lydia . Sie blieb vor ihm stehen , ein Lichtstrahl vom Saal her traf ihre Schultern und ihr Gesicht , in dem die Augen seltsam schwarz schienen . Sie begann leise und klagend zu sprechen : » Und ich , was wird aus mir ? « Sie legte dabei die Hand auf die Brust , mitten in die Rosen hinein , eine Rose löste sich ab und fiel zu Boden . Egloff bückte sich und hob sie auf . » Ich denke , « sagte er langsam , indem er die Rose vorsichtig entblätterte , » ich denke , wir kehren zu unserer Pflicht zurück . « » Pflicht , « wiederholte Lydia , » wenn man , wie wir , gelogen und betrogen hat , dann gibt es nur Pflichten , die wir gegeneinander haben . Es gibt doch so etwas wie Treue von Spießgesellen . « » Sie sind geistreich , gnädige Frau « , bemerkte Egloff . - » Du wunderst dich darüber , « entgegnete Lydia , und Egloff wußte nicht , war es ein Lachen oder ein Schluchzen , das ihre Stimme zittern ließ , » du wunderst dich darüber , aber wenn wir in großer Not sind , dann werden wir alles , sieh , Dietz , es kann nicht aus sein . Ich habe mein ganzes Leben in dieses eine Erlebnis hineingelegt , ich habe sonst nichts . « » Ich glaube , gnädige Frau , « bemerkte Egloff , » Sie überschätzen dieses Erlebnis . « » Wie soll ich das ? « klagte Lydia , » ich will ja weiter lügen und betrügen , aber aus darf es nicht sein . Ich habe ja nichts , nichts als deine Liebe . « Egloff schwieg und sah diese Frau an , wie sie vor ihm stand , wie aus dem Dunkel des Samtes und der Dämmerung ihre blasse Nacktheit hervorleuchtete , diese Frau , die mit ihrer leidenschaftlichen Klage sich an ihn klammerte , sich ihm bedingungslos hingab , das ergriff ihn . Aber es klang dennoch sehr kühl und ruhig , als er sagte : » Ich glaube , gnädige Frau , Sie überschätzen auch diese Liebe . « Lydia beugte den Kopf , beugte ihn auf die Rosen an ihrer Brust nieder , und Egloff sah , wie die kleinen , spitzen Zähne sich in eine Rose eingruben wie in eine Frucht . Im Saale hatte sich der Baron Port zu Fastrade gesetzt , er wollte von ihr erfahren , ob ihr Vater und Ruhke dieses Jahr mit der Gründüngung ernst machen würden . Fastrade gab nur zerstreute Auskunft . Durch die offene Verandatür sah sie ein Stück von Lydias Samtschleppe und dieses nahm ihre Aufmerksamkeit seltsam stark in Anspruch . Und da war noch einer im Saal , der diese Schleppe nicht aus den Augen ließ : Dachhausen . Er hatte Lydia auf die Veranda folgen wollen , aber die Gräfin Bützow hielt ihn auf , sie wünschte seine Ansicht über die Pferde , die sie sich neulich gekauft hatte , zu hören , und der Arme stand da und sprach über Pferde , er wußte selbst nicht , was , und starrte in großer Erregung die Schleppe dort auf der Veranda an . Endlich gab die Gräfin ihn frei , da eilte er hinaus . » Ihr genießt hier die Abendluft « , sagte er in möglichst natürlichem Tone . Lydia erwiderte nichts , wandte sich um und ging in den Saal zurück . » Ja , ein seltsam warmer Abend « , meinte Egloff . Dann standen die beiden Männer da in der Dunkelheit schweigend beieinander . Jetzt müßte ich etwas sagen , dachte Dachhausen , das entscheidet , das Klarheit schafft , und Egloff war es , als spürte er die Aufregung des kleinen Mannes , der unruhig vor ihm auf und ab zu gehen begann . Will er etwas , weiß er etwas ? fragte sich Egloff . Da ertönte wieder Dachhausens freundliche Stimme : » Der Flieder duftet so stark . « » Ja , sehr stark « , erwiderte Egloff . Aus dem geöffneten Fenster des Spielzimmers klang die singende Stimme des Grafen Schutow herüber . » Meinen Rest « , sagte sie . » Ah , die sind schon beim Quinze , « bemerkte Egloff , » kommst du auch ? « » Nein , ich spiele nicht , « antwortete Dachhausen , » ich bleibe noch ein wenig hier . « Egloff ging ins Spielzimmer ; dort saßen die Herren am Kartentisch , Graf Schutow , bleich und träge wie immer , Graf Bützow sehr rot , denn er war stark im Verlust . Der Leutnant und der Referendar nahmen vorsichtig am Spiele teil . » Wir sind schon an der Arbeit « , rief Graf Schutow . » Gut , gut « , sagte Egloff ; er ließ sich ein großes Glas Sekt geben , trank es schnell und durstig herunter und setzte sich an den Spieltisch . Draußen im Saale langweilten sich die Damen , da die Herren fast alle im Spielzimmer waren , nur die älteren Herren gingen ab und zu , Baron Port , Herr von Teschen , Doktor Hansius , sie kamen mit besorgten Mienen aus dem Spielzimmer , flüsterten da etwas von » rasendem Spiel , unglaublich ! « und über der Gesellschaft lag das quälende Gefühl , als vollzöge sich drüben im Spielzimmer etwas Unheimliches und Verhängnisvolles . Die Stimmung wurde unerträglich , und die Damen bestellten ihre Wagen . Der Aufbruch war allgemein . Die Herren aus dem Spielzimmer erschienen , um von den Damen Abschied zu nehmen . Egloff stand im Flur und hielt Fastrades Mantel , sein Gesicht war leicht gerötet , eine Haarsträhne fiel ihm in die Stirn und seine Augen hatten einen seltsam flackernden Glanz . Fastrade verabschiedete sich noch von Lydia . » Sie erlauben , daß ich Sie küsse , « sagte Lydia , » ich möchte so gern , daß wir uns näher kennen lernen . « Egloff lächelte , - die Lust an der Verstellung an sich , dachte er . Dann hüllte er Fastrade in den Mantel , er beugte sich vor und wollte sie küssen , aber in einer unwillkürlichen Bewegung wandte Fastrade den Kopf , und ein Ausdruck der Angst flog über ihr Gesicht . Sofort richtete Egloff sich auf , er zog ein wenig die Brauen zusammen , lächelte spöttisch , küßte Fastrades Hand und flüsterte : » Ist das der Anfang der Erziehung ? « Fastrade erwiderte nichts , sie ging zur Tür , dort aber wandte sie sich um , lächelte unendlich gütig und mitleidig . » Armer Dietz « , sagte sie und bot ihm ihre Stirn zum Kusse hin . Die Herren gingen in das Spielzimmer zurück , die Baronin Egloff stand im leeren Saale unter dem Kronleuchter , der Ausdruck ehrwürdiger Liebenswürdigkeit war von ihrem Gesicht gewichen , es sah alt und angstvoll aus . Sie faßte Fräulein von Dussas Arm , wies mit dem Kopfe zum Spielzimmer hin und sagte leise : » Das dort ist nicht gut . « Fräulein von Dussa nickt bekümmert mit dem Kopfe . » Meine Liebe , « fuhr die Baronin fort , » glauben Sie mir , dieser Russe ist der Satan . « Vierzehntes Kapitel Egloff hatte sich nicht einmal ausschlafen können , der Graf Schutow fuhr am Morgen fort , und Egloff mußte aufstehen , um von ihm Abschied zu nehmen . Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und rechnete . Er hatte gestern wie ein Wahnsinniger gespielt , da ging ja wieder ein großer Teil des Sirowschen Waldes darauf . Jetzt mußte er einen Brief an Mehrenstein schreiben , damit dieser Geld besorge . Am Nachmittag wollte Egloff ins Städtchen fahren , um das Geld dem Grafen Schutow zu bringen , der im » Kronprinzen « auf ihn wartete . Widerwärtig all das ! Heute war wieder solch ein Tag , wie er in seinem bewegten Leben immer wiederkehrte , ein Tag , da alles um ihn her zu zerbröckeln schien , alles ungeordnet und häßlich war , und ein großer Ekel ihn schüttelte . Und unnütz war das alles , er sah nicht ein , warum all solche Erlebnisse gerade zu ihm gehören sollten , aber sie hängten sich an ihn wie ein lästiger Hund , den wir immer wieder forttreiben , und der sich doch immer wieder an unsere Fersen heftet . Nun , darüber nachzudenken machte die Sache nicht erträglicher . Am Nachmittage fuhr Egloff nach Grobin . Er hatte sich einen bequemen Wagen bestellt , denn er wollte unterwegs schlafen , nichts denken und nichts sehen , sondern schlafen . Er drückte sich in die Wagenecke und schloß die Augen . Es war angenehm , wie in dem Halbschlummer , in den er verfiel , das Rauschen des Waldes , durch den er fuhr , ein Amselschlag , das Bellen eines Hundes , der Gesang eines Hüterjungen hineintönten wie Klänge einer Welt , die sehr fern von ihm war . Das Stoßen des Wagens auf dem Stadtpflaster machte ihn wieder munter . Es war Samstag , unter einem mit hellgrauen Wolken bedeckten Himmel sah das Städtchen alltäglich genug aus , die Fenster der Häuser waren geöffnet , und Mägde standen auf den Fensterbrettern und wuschen die Scheiben . Töchterschülerinnen gingen langsam über die Straße und schwenkten gelangweilt ihre Mappen . Adine von Dachhausen kam aus einem Laden ; sie hatte einen Sommerhut auf mit zu viel roten Rosen ; sie liebte stets das Auffallende . Egloff ließ am Klub halten , er wollte den Weg bis zu Mehrensteins Haus zu Fuß zurücklegen . Alles an dem Mehrensteinschen Hause war ihm zuwider , die hellpolierte Tür , der Kristallknopf der Hausglocke , ihr schriller , aufdringlicher Klang , der dunkle Flur , in dem es nach Gewürzen und Küche roch . Mehrensteins Tochter kam ihm entgegen , ein schönes , schweres Mädchen mit einem Wald schwarzer Haare auf dem Kopfe und mit ganz großen , braunen Augen . » Bitte , treten Sie näher , Herr Baron « , sagte sie ernst und traurig und öffnete die Tür zum Wohnzimmer . Egloff trat in dieses Wohnzimmer , das er so gut kannte . Die Möbel mit dem hellblauen Ripsbezug , all die vielen , ein wenig verstaubten Sachen , sie hatten sich seinem Gedächtnis eingeprägt , wie es eben nur Sachen tun , die den peinlichen Augenblicken unseres Lebens assistieren . Da war die Kommode mit den alten silbernen Kannen und Leuchtern , da war die große Landschaft an der Wand , ein Kastell , Bäume , ein Reiter , alles aus Kork geschnitzt und unter Glas . » Bitte , nehmen Sie Platz , « sagte Fräulein Mehrenstein ernst , sie blieb jedoch stehen , als Egloff sich gesetzt hatte , » mein Vater wird gleich kommen , er ist bei meiner Mutter , unsere Mutter ist sehr krank . « » Oh , das tut mir leid « , murmelte Egloff und schaute in die großen braunen Augen ; da lächelten die vollen Lippen des Mädchens , ein mattes , gewohnheitsmäßiges Lächeln , aber das Gesicht wurde gleich wieder kummervoll . » Wir glaubten diese Nacht , es würde aus sein , « fuhr Fräulein Mehrenstein fort , » und jetzt ist es sehr schlimm . « Ihre Augen wurden feucht , und zwei dicke Tränen rannen ihre Wangen entlang . » Nun will ich den Vater holen « , schloß sie und verschwand hinter einem grünen Vorhang . Seltsam , Egloff hatte an dieses Haus immer nur als an den Ort gedacht , an dem man Wechsel und ungünstige Kontrakte unterschrieb , und nun wurde hier auch geweint und gestorben . Der grüne Vorhang raschelte wieder und Mehrenstein erschien . Er trug einen Hausrock und Pantoffeln , auf denen große rote Rosen gestickt waren . Feierlich und traurig reichte er Egloff eine schlappe , feuchte Hand . » Sie haben Sorgen « , sagte Egloff . Mehrenstein zuckte ein wenig die Achseln und seufzte . » Eine entsetzliche Nacht « , murmelte er . Er ging zu seinem Geldschrank , holte ein Wechselformular herbei , legte Tinte und eine Mappe auf den Tisch , setzte sich und begann zu schreiben . » Das Geld ist da , « sagte er , » es war schwer , in so kurzer Zeit eine so große Summe zu beschaffen . « Er seufzte . » Die Bedingungen wie immer ? « fragte er . Egloff machte eine Handbewegung , die bedeuten sollte , ihm sei alles gleichgültig . Da sah Mehrenstein auf und versetzte in vorwurfsvollem Tone : » Ja , ich muß meine Kinder sicher stellen , kommt der Waldverkauf zustande , so kann vielleicht einiges von den Prozenten abgerechnet werden . « Er schrieb weiter , nahm dann das Sandfaß und streute Sand über das Geschriebene . » Diese Nacht , « meinte er , » erwarteten wir jeden Augenblick das Ende . Gegen Morgen trat ein wenig Ruhe ein , aber Hoffnung ist keine . Bitte , Herr Baron « , er schob Egloff das Formular hin und reichte ihm die Feder . Während dieser unterschrieb , lehnte Mehrenstein sich in seinen Stuhl zurück , seine Augen wurden feucht und seine Lippen zitterten . » Nach dreißigjähriger Ehe sich trennen zu müssen , « sagte er , » Sie wissen nicht , was das ist , Herr Baron , und ich kann sagen , in diesen dreißig Jahren hat es keine Minute gegeben , in der ich mit der Frau nicht zufrieden war , sie war eine gute Frau . « Er stand auf und ging zum Geldschrank , um ein Paket Banknoten zu holen . » Der liebe Gott weiß , was er tut « , fügte er seufzend hinzu . Langsam und aufmerksam zählte er das Geld auf den Tisch , schob es in ein Kuvert und legte es vor Egloff hin . » Ich habe getan , was ich konnte , « nahm er mit leiser Stimme , als spräche er in einem Krankenzimmer , die Unterhaltung wieder auf , » ich habe nicht gespart , was habe ich der Apotheke und den Doktoren Geld gezahlt , um das Geld wäre mir nicht leid , wenn es nur etwas geholfen hätte . « Egloff steckte das Geld zu sich und erhob sich . » Man muß die Hoffnung nie verlieren , « sagte er , » guten Abend , Herr Mehrenstein . « Mehrenstein schüttelte traurig den Kopf und reichte seine schlappe Hand hin . » Wegen des Waldes , Herr Baron , komme ich zu Ihnen hinaus « , bemerkte er noch kummervoll . Egloff war froh , auf der Straße zu sein , diese Mischung von Tod , Geld und Wechseln hatte ihn wie ein Alp bedrückt . Langsam schlenderte er dem » Kronprinzen « zu . Dort erfuhr er , der Graf Schutow sei zwar im Bette , habe aber den Befehl erteilt , Baron Egloff vorzulassen . Egloff fand den Grafen im Bett , Tee trinkend . » Ah , unser Baron , « rief er ihm entgegen , » ich hoffe , Sie haben sich nicht meinetwegen inkommodiert . « » Ich bringe Ihnen hier meine Schuld « , sagte Egloff . » Das hatte ja keine Eile , « bemerkte der Graf und warf das Kuwert auf den Tisch neben seinem Bette , » aber wollen Sie Tee ? Oder einen Kognak ? nicht , hier sind Zigaretten , so setzen Sie sich doch . « Egloff zündete sich eine Zigarette an und setzte sich : » Sind Sie krank ? « fragte er . Der Graf lehnte sich behaglich in seine Kissen zurück . » Durchaus nicht , « erwiderte er , » es ist nur meine Gewohnheit , nach einer durchspielten Nacht den folgenden Tag bis zum Abend im Bett zu bleiben . So bin ich denn gleich zu Bett gegangen , als ich hier ankam . Auf diese Weise holt man am besten die ausgegebene Nervenkraft wieder ein . « » Praktisch ! « bemerkte Egloff . » Wer nur stets Zeit hätte , sich so für das Spiel zu trainieren . « » Der soll auch nicht spielen , « entgegnete der Graf etwas feierlich , » mit kranken Nerven zu spielen ist Dilettantismus , und der ist gefährlich . Sie waren gestern auch viel zu nervös und hitzig . « Egloff blies nachdenklich den Rauch seiner Zigarette vor sich hin . » Sagen Sie , Graf , « begann er , » warum spielen Sie eigentlich ? Um zu gewinnen ? « Dabei klang ihm Fastrades Stimme im Ohr , wie sie an jenem Abend in Sirow dieselbe Frage an ihn richtete . Der Graf verzog sein Gesicht : » Erbarmen Sie sich , wie Sie fragen , warum ? Ich weiß nicht , natürlich um zu gewinnen . Charles Fox sagte : Das Beste im Leben ist im Spiel Gewinnen , das nächstbeste im Spiel Verlieren . « » Also dann ist es nicht das Gewinnen « , wandte Egloff ein . Der Graf warf sich unbehaglich im Bette hin und her . » Sie wollen philosophieren , « sagte er , » ein Zeichen des schlechten Zustandes Ihrer Nerven . Nun hören Sie , was ein Freund von mir , ein gewisser Klebajew , sagte . Er war ein Narr , zuletzt verrückt und erschoß sich . Er sagte also : Ich spiele jede Nacht , weil es mich jede Nacht wieder interessiert , mich mit dieser geheimnisvollen und unbegreiflichen Kanaille , die wir Glück nennen , herumzuschlagen . « » Ein wenig pathetisch , « bemerkte Egloff , » aber es läßt sich hören . Warum erschoß er sich denn ? « » Weil er verrückt war « , entgegnete der Graf . » In letzter Zeit sprach er immer davon , er sei es gar nicht selbst , der jeden Abend spielte , das sei der andere , und der andere spiele absichtlich schlecht , und er , Klebajew , müsse immer die Spielschulden des anderen bezahlen , und er habe es nun satt , die Spielschulden des anderen zu bezahlen . Nun , und da schoß er sich tot . Eben ein Verrückter . « Egloff schwieg eine Weile und sprach dann nachdenklich vor sich hin : » Ja , darauf kommt es immer heraus , die Schulden des anderen zu bezahlen . « Der Graf richtete sich ein wenig auf und schaute Egloff verwundert und besorgt an . » Hören Sie , Baron , Sie sollten sich doch noch ein Zimmer nehmen und zu Bett gehen , Sie tun ja so , als ob Sie das verrückte Zeug verstehen . « Egloff lachte und erhob sich . » Ein Spaziergang wird wohl dieselben Dienste tun , « meinte er , » leben Sie wohl , lieber Graf , gute Besserung . « » Danke , danke , « sagte der Graf , » vielleicht kommen Sie heute abend in den Klub , ich bin jeden Augenblick zur Revanche bereit . « » Ich weiß nicht , « erwiderte Egloff , » ich fürchte , die Kanaille , wie Ihr Freund sagt , ist jetzt nicht auf meiner Seite . « » Unsinn , « protestierte der Graf , » also leben Sie wohl . « Egloff ging hinaus , draußen nahm er seinen Hut ab , der Kopf schmerzte ihn ; er schlug den Weg zu den Stadtanlagen ein . Gewaltsam grün standen die Alleen gegen den lichtgrauen Himmel , die Amseln lärmten in den Zweigen . Die Anlagen waren um diese Zeit noch leer . Hie und da saß ein Gymnasiast mit einem Buche auf einer Bank , und ein Kindermädchen schob schläfrig einen Kinderwagen vor sich her . Wunderlich abgelöst und wie nicht zu ihm gehörig , erschien Egloff diese Umgebung heute wie eine Traumwelt , die wir über uns ergehen lassen . Aber das kannte er von früheren durchzechten und durchspielten Nächten , ja er selber , der Herr im hellen Frühlingsanzuge , empfand sich als etwas nicht Zugehöriges , als etwas , das er über sich ergehen ließ . An einer Biegung des Weges blieb er stehen . Das war ja die echte Traumwelt , in der das Unwahrscheinliche vor uns steht , wie selbstverständlich . Da kam Lydia Dachhausen auf ihn zu , im hellbraunen Frühjahrskostüm , einen weißen Flügel auf dem grauen Hut , das Gesicht rosig , die Augen blank . Lächelnd blieb sie vor ihm stehen und reichte ihm die Hand . » Da sind Sie « , sagte sie . » Haben Sie mich denn erwartet ? « fragte Egloff erstaunt . » Ja , « erwiderte Lydia , » Adine sagte mir , Sie seien in der Stadt , und da dachte ich , Sie würden hier sein . Wollen Sie mich die Allee hier hinunterbegleiten ? « und sie begann langsam neben ihm herzugeben . » Wenn Sie darauf Gewicht legen « , erwiderte Egloff nicht eben höflich . » Gewiß lege ich darauf Gewicht « , versetzte Lydia . » Ich muß es eben schon früher gewußt haben , daß ich Sie hier treffen werde , denn ich wachte heute morgen auf mit dem Entschlusse , in die Stadt zu fahren . Ich wußte nicht warum , aber es stand fest bei mir . Ja , so was gibt es , nicht wahr ? « Sie schaute lächelnd zu ihm auf . » Es freut mich , Sie so heiter zu sehen « , bemerkte Egloff trocken . » Ja , es ist seltsam , « plauderte Lydia weiter , » zuweilen wache ich am Morgen auf und bin heiter . Es scheint mir dann , daß alles , was traurig und schwierig war , gut werden wird , das Leben ist plötzlich wieder angenehm , und ich freue mich darauf ganz ohne Grund . Passiert Ihnen das nicht auch zuweilen ? « Da Egloff nicht antwortete , fuhr sie fort : » Dieses Licht bekommt mir auch gut , zu viel Sonne vertrage ich nicht , aber heute geht man ja wie unter einem lichtgrau seidenen Lampenschirm . Ach ja , denken Sie sich , die rosa Lampenschirme , über die Sie einmal gespottet haben , kommen fort , und ich schaffe mir lichtgrau seidene an , die werden mit weißer Seide gefüttert , damit sie recht hell sind , das kann hübsch sein , nicht wahr ? « » Das kann hübsch sein « , wiederholte Egloff . Dieses zuversichtliche Geplauder beruhigte ihn , er wollte es weiter hören . » Gertrud Port , « berichtete Lydia , » behauptet , das würde den Teint bleich und grau machen , aber sehen Sie doch , wie heute die Farben rein und deutlich sind . Nun ja , die arme Gertrud ist immer besorgt , daß