, Yang hung , mit dem er sich aber längst wieder versöhnt hatte , war darunter . Bei jedem Neueintretenden begannen die Beglückwünschungen und Verbeugungen von neuem . Die Aelteren begrüßten sich untereinander mit dem » Ta kong « , indem sie nach einer tiefen Verbeugung die Arme bis zur Höhe der Augenbrauen hoben und dann wieder sinken ließen , wobei wohl darauf zu achten war , daß die Hände von den Aermeln bedeckt blieben . Tschun dagegen , als ein Jüngerer , warf sich vor Lin te i nieder , mit viermaligem Kopfbeugen , und begrüßte so mit » Pai nien « das Jahr . Aber trotz aller Geschenke und Zeremonien wollte keine Feststimmung aufkommen , und das Gespräch ging immer wieder auf das Thema über , das alle beschäftigte - und das war , wie schlimm doch die Anzeichen für dies eben begonnene Jahr sich anließen . Zu allen schon umlaufenden Gerüchten brachte der Vetter Sin schen von einem Besuch in Li lien yings Hause noch eine unheimliche Kunde : » Der bisherige Gouverneur von Schantung , Yü Hsien , ist in Peking eingetroffen , « erzählte er . » Die Kaiserin hat ihn von dort abberufen , weil er die Mörder eines fremden Teufels zu offenkundig begünstigte und dessen Gesandtschaft hier Einsprache erhob . Aber sie hat ihn bei seiner Ankunft gleich aufs gnädigste empfangen und ihm ein von ihr selbst gemaltes Glückszeichen geschenkt . Jetzt will sie ihn gar zum Vizekönig von Schansi ernennen . « » Da sehen freilich alle Beamten , woher der Wind weht , « murmelte Kuang yin , indem er die Asche von seiner Zigarette streifte , » und keiner wird mehr den Mut haben , diesen Mordbrennern entgegenzutreten . « » Aber wer beeinflußt denn die göttliche Mutter so , daß sie diesen schrecklichen Leuten ihren Schutz leiht ? « fragte ein Vetter mit ängstlicher Stimme . Und Sin schen antwortete leise : » Oh , da gibt es sehr große Herren , die der Bewegung wohlwollen , Li lien ying selbst erwartet Wunderdinge von ihr , und er rät der göttlichen Mutter , sie gewähren zu lassen . « » Natürlich , von dem konnte man sich ' s denken ! « rief der fortschrittlich gesonnene Wang pao . » Aber noch andere stecken dahinter . Kang yi und vor allem Prinz Tuan sind es , die die Kaiserin aufstacheln . Und sie soll ja ganz unter Tuans Einfluß geraten sein , seit dem Unheilstag , wo sie seinen Sohn zum Thronerben ernannt hat . Der Vizekönig Liu ku nyi wußte wohl , warum er von dieser Wahl abriet . Tuan haßt ja alles , was nicht zum reinsten Mandschublut gehört , er ist roh , grausam und von beschränktem Verstande . Er trägt die Verbitterung in sich ob seiner früheren langen Ungnade und möchte sich an allem rächen , was während seiner Verbannung entstanden . Er hat nichts in der Zeit gelernt und haßt , was neu ist . Tzü Hsi hat er für die Wahl seines Sohnes zum Ta a ko durch das Versprechen gewonnen , ihr gegen die Fremden beizustehen , aber sie wird diese Wahl noch bereuen ! Und wir können noch was erleben , wenn er ans Regiment kommt ! Und er arbeitet mit allen Mitteln darauf hin , die Gewalt an sich zu reißen . Jetzt liegt er der Kaiserin in den Ohren , sie möge die Großmessermänner als einen Teil der Armee offiziell anerkennen und ihn selbst zu ihrem Chef ernennen , dann verspräche er ihr , mit den Fremden im ganzen Lande kurzen Prozeß zu machen . « Die Verwandten hörten ihm staunend zu . Wang pao aber , der sich vor Sin schen auch einmal hoher Beziehungen rühmen wollte , fuhr fort : » Ihr könnt mir glauben , daß es so ist . Ich habe es aus der unmittelbaren Umgebung Yung Lus . Der scheint beinah der einzige zu sein , der klaren Blick bewahrt hat und die Kaiserin davor warnt , sich nicht auf diesen Schwindel der Großmessermänner einzulassen . « » Wie ist es überhaupt möglich , den Unsinn , den die behaupten , ernst zu nehmen ! « meinte Kuang yin geringschätzig . Aber da fiel der alte Yang hung ein : » Redet nicht so verächtlich ! denn es gibt höchst ehrenwerte , glaubwürdige Leute , die versichern , die Großmessermänner geböten tatsächlich über unerklärliche Kräfte . « Und geheimnisvoll flüsternd erzählte er : » Gestern sprach ich meinen alten Geschäftsfreund aus Schantung , bei dem ich Seifensteinfiguren einkaufe . Der hat zugesehen , wie diese Leute vor ihren Altären bei einbrechender Nacht ihre Uebungen verrichten . Er sagt , sie werfen sich unzählige Male nieder und rufen dabei laut die Helden der Vorzeit an , denn obschon die Großmessermänner ja meist ganz ungelehrte Landleute sind , kennen sie doch die Namen jener ruhmreichen Männer aus den Stücken der herumziehenden Theatertruppen und von den Geschichtenerzählern . So beschwören sie Hi nen ti , den Geist des Nordpols , der im Großen Bären wohnt , den Herzog Tsche u , den sie ihren Ahnherrn nennen , und vor allem den sagenhaften Nephritkaiser Yü Huang . Dadurch hoffen sie zu gleichen Taten wie jene fähig zu werden , und sie flehen sie an , ihren Leib im Kampf zu schützen . Auch murmeln sie allerhand Zauberformeln und verschlucken gelbe Papierstreifen , auf denen geheime Hexensprüche stehen . Danach werden sie von Krämpfen befallen , Schaum steht ihnen vor dem Munde , und sie wälzten sich am Boden wie Tobsüchtige . Das ist der Augenblick , wo die Geister in sie fahren , und von da an sind sie unverwundbar . Mein Freund war selbst dabei , wie sie sich nachher mit schweren Ziegelsteinen , ja sogar mit Säbeln geschlagen haben - und kein Blut ist geflossen . « » Na , den Kugeln der Fremden würde ihre Haut schwerlich standhalten , « murmelte Kuang yin . Doch niemand achtete auf seinen Einwand , so gespannt lauschten sie alle auf des alten Yang hungs sonderbare Erzählung . Mit Ausnahme von Wang pao schienen die heidnischen Zuhörer alle völlig von der Wahrheit seiner Worte überzeugt , und auf ihre Art glaubten auch die Christen daran , sie erinnerten sich der Geschichten von den Besessenen in der Bibel und bekreuzigten sich rasch im Gedanken an diese neuesten Offenbarungen des Teufels . Yang hung aber fuhr fort : » Wir werden es vielleicht alle bald selbst sehen können , denn sie sollen gar nicht mehr so weit von Peking sein . Sie ziehen in ungeheuren Horden heran , und Scharen junger Knaben eilen ihnen voran . Aber das sind eigentlich gar keine wirklichen Knaben , sondern Geister , die diese Gestalt angenommen haben . Und sie tragen Flaggen mit der Aufschrift : » Geister und Fäuste helfen sich . « Der alte halb blinde Großonkel Lin te i nickte beifällig , und sein runzliges Gesicht glich dabei der verhuzelten Haut einer zusammengeschrumpften getrockneten Feige . Mit zitternder Stimme sagte er : » Ganz Aehnliches wird in den Annalen der Han-Dynastie von den gelben Turban-Insurgenten erzählt , die auch unter dem besonderen Schutz des sagenhaften Nephritkaisers Yü Huang standen , und seitdem sind immer wieder solche geheime Gesellschaften erstanden . - Vor vielen Jahren , als ich noch jung war , gab es in Schensi eine Sekte , die genau dieselben Wunder vollbrachte . Aber damals kam es zu nichts Entscheidendem . - Nun , ich freue mich , das Kommen dieser wackeren Großmessermänner noch zu erleben ! Möchte es ihnen doch endlich gelingen , die fremden Teufel endgültig zu vertreiben . Verdient haben sie es reichlich ; sie haben Stücke unseres Landes genommen und machen sich bei uns breit , als seien sie Herren im Hause . Das wäre wahrlich ein großer Tag , wo wir von ihrem Fleische essen und auf ihren Häuten schlafen könnten . « Niemand widersprach ihm , nicht einmal der bei den Fremden bedienstete Kuang yin , und Tschun schwieg , wie es seiner Jugend ziemte . Nur Wang pao erwiderte : » Das ist alles ganz gut und schön , aber auf jeden Fall würden dabei auch viele von uns selbst mit umkommen , und viel guter chinesischer Besitz ginge zugrunde . « » Das mag sein , « sagte Lin te i gleichmütig , » aber damit muß man sich abfinden . Der Weise sagt : wenn aus dem Berge Kun Lun Feuer sprüht , wird kostbarer Nephrit mit wertlosem Gestein zugleich vernichtet . « Plötzlich sprach man dann auch in den Gesandtschaften von den nahenden Großmessermännern . Man nannte sie » Boxer « . Niemand wußte recht , woher diese Bezeichnung zuerst gekommen , ob sie von einer früheren Geheimgesellschaft stamme , die sich Pflaumenblütenfäuste nannte , auf gymnastische Uebungen anspiele oder von dem Faust bedeutenden Schriftzeichen herrühre , das in ihrem chinesischen Namen vorkam . Aber sie klang komisch . Und die ganze Sekte mit ihrem Aberglauben der Unverwundbarkeit hatte ja auch etwas sehr Komisches . Einstweilen lachte man noch über sie , wenn man auch gleichzeitig vor dem offiziellen China sehr entrüstet tat über alle Greuel , die diese merkwürdigen Boxer auf ihrem Zuge verübt haben sollten . Man hörte von Haufen , die dicht vor Peking ständen und Fahnen trügen , auf denen » Schutz dem Kaiserreich , Tod den Fremden « zu lesen war , aber man empfand das weit mehr als eine Frechheit denn als wirkliche Gefahr . An die Möglichkeit gar einer ernsten Bedrohung in Peking selbst glaubte vorläufig kein Mensch , und wem solch Gedanke jemals durch den Sinn ging , der verscheuchte ihn alsobald . Niemand wollte der erste sein , der Angst gehabt . Und die jungen Herren , die das ständige Gefolge der Taitai bildeten , beteuerten ihr alle einzeln , halb lachend und doch mit einem gewissen Enthusiasmus , sie könnten sich gar nichts Schöneres denken , als zu ihrem Schutz mit allen Boxern und deren übernatürlichen Helfern kämpfen zu dürfen , und sie sehnten diesen Augenblick förmlich herbei . Aber die Taitai sollte solches Schutzes gar nicht bedürfen , denn der Ta-jen erhielt ein Telegramm , das ihm nun wirklich seine Versetzung auf den so begehrten Posten ankündigte und ihm gleichzeitig anbefahl , sich möglichst rasch an seinen neuen Bestimmungsort zu begeben . Sobald die Nachricht bekannt geworden , kamen alle Mitglieder der Gesandtschaft , dem Ta-jen und der Taitai zu gratulieren , denn es war ja eine sehr ehrenvolle Ernennung , und auch die anderen Fremden erschienen , ihnen zu der Auszeichnung Glück zu wünschen . Aber Tschun fand , daß manche dabei recht süß-saure Gesichter machten . An der Aufrichtigkeit der Gefühle der jungen Herren dagegen , besonders aber des hübschen weißen , konnte niemand zweifeln . Sie gebärdeten sich alle ganz untröstlich , und jeder wollte in dieser letzten Zeit noch möglichst viel mit der Taitai zusammen sein , mit ihr ausreiten oder ihr bei Kommissionen in den Antiquarläden helfen oder für sie noch rasch photographische Aufnahmen machen . Nur der böse Herr , den die Taitai immer weniger beachtet hatte , stand mürrisch dabei . Es ging nun an ein großes Packen . Tischler machten Kisten , in denen die Möbel verschwanden . Madame Angèle faltete mit kummervollem Gesicht Berge von chinesischen Seiden und Stickereien . Und die Boys wickelten von früh bis spät all die vielen Porzellane , Bronzen , Elfenbeinund Nephritnippes ein , die der Ta-jen und die Taitai in Peking gesammelt hatten und zu denen sie in aller Eile noch immer mehr hinzukauften . Die chinesischen Kuriositäten schienen das einzige zu sein , was sie jetzt noch an China interessierte , mit all ihren Gedanken lebten sie offenbar schon ganz auf der langen Reise und an dem neuen Posten . Während Tschun sie so von Orten und Dingen reden hörte , die ihm fremder wie der Mond , weil nie gesehen , waren , empfand er so recht die Kluft , die zwischen seinesgleichen und diesen Ausländern bestand . Vorübergehende blieben sie doch immer , und falls ihr Wesen überhaupt Wurzeln besaß , so ruhten die in ganz anderem , unbekanntem Boden . Tschun hatte früher oft sehr heftig den Wunsch gehegt , die ferne Welt der Fremden selbst zu sehen und das kennen zu lernen , was diese scheinbar Heimatlosen Heimat nannten . Und jetzt bot sich ihm plötzlich die Gelegenheit . Die Taitai erklärte , sie wolle ihn gern mitnehmen , und es solle ein großer Vorrat seidener Anzüge für ihn angefertigt werden , damit sie auf dem neuen Posten Staat mit ihm machen könne . Ein merkwürdiger Ort mußte das sein , dachte Tschun , wo niemand einen Boy hatte , sondern alle Diener , sogar die Ofenheizer , weiße Menschen sein sollten ! Er konnte sich das nicht recht vorstellen , denn alle Fremden , die er bisher gekannt , waren doch Herren , sogar die gramvolle Madame Angèle blieb immerhin ein höheres Wesen , das keine grobe Arbeit tat , sondern dazu einer chinesischen Amah bedurfte . - Aber während die Taitai noch mit ihm sprach , schrumpfte sein einstmaliger großer Wunsch immer mehr zusammen , wurde klein und kleiner , war plötzlich ganz fort . Er hätte selbst nicht recht sagen können , wie das zugegangen . Aber die Taitai schien ihm plötzlich viel fremder als damals , wo er sich zuerst zu ihr geflüchtet hatte . Sie sagte , daß sie ihn mitnehmen wolle , daß es ihr leid tun würde , ihn zu verlieren , doch er empfand , daß er nur mitkommen solle wie das Hündchen Tin chau oder die chinesischen Stoffe und Nippes - als eine Kuriosität , die andere nicht besaßen , eine Staffage , die sich gut ausnehmen würde auf dem malerischexotischen Hintergrund , den die Taitai allerwärts für sich und ihre tausend schillernden Gewänder zu schaffen liebte . Er kam sich ganz losgelöst von der Taitai vor , als habe er gar nicht die Jahre hier bei ihr gelebt . Er hätte unmöglich mit ihr und von allem Gewohnten fortreisen können ! So machte er der Taitai seine allertiefste Verbeugung und dankte für die Gnade , die sie ihm habe erweisen wollen , die er aber nicht annehmen könne , da seine Mutter in letzterer Zeit sehr alt und kränklich geworden sei , wo es sich für einen Sohn nicht zieme , sich außer Landes zu begeben . » Ach , das sind Ausflüchte , « sagte die Taitai ärgerlich , » wenn Ihr Chinesen etwas nicht tun wollt , habt Ihr immer kranke Mütter . « Ueber Tschuns junges Gesicht glitt das uralte , leise überlegene und zugleich nachsichtige Lächeln seiner Rasse , womit Ostasiaten antworten , wenn Leute kindlich unerfahrener Völkerschaften sich einbilden , sehr schlau zu sein und sie zu durchschauen . » Die Taitai weiß alles , « antwortete er ehrerbietig , » aber diesmal ist es doch wirklich so , wie ich sagte . « Und er sprach die Wahrheit , denn seit Neujahr war die Mutter tatsächlich noch viel hinfälliger geworden . Während der folgenden Tage schien die Gesandtschaft dann ganz leer geworden ; all die vielen Dinge , die den Abreisenden gehörten , waren endlich fertig verpackt in Kisten und Koffern ; nun wurden sie in langen Zügen von Maultierwagen zur Station gebracht , und von da würden sie per Bahn nach Tientsin und dann weiter zu Schiff über das große Wasser fahren . Der Ta-jen und die Taitai machten Abschiedsbesuche , und sie wurden von allen anderen Fremden der Reihe nach noch einmal zu großen Mahlzeiten eingeladen , denn , ob man sich nun geliebt oder gehaßt , Abschiedsfeste gab man jedem Scheidenden . Und während ihnen die Boys zum letzten Male mongolische Wildschweinsköpfe und Pekinger Riesenenten servierten , wurden auf den Ta-jen und die Taitai auch schöne Trinksprüche ausgebracht , die voll von Anerkennung , Bedauern ob ihrer Abreise und guten Wünschen waren . Auch der alte Bischof kam , um dem Ta-jen und der Taitai Adieu zu sagen . Er sah sorgenvoll aus , und Tschun hörte ihn beim Tee sagen : » Ich kann Sie zu Ihrer Abreise nur beglückwünschen , denn ich habe die Empfindung , daß wir hier in den ärgsten Sturm treiben , den die Fremden je in China erlebt haben . « » Wirklich ? Doch nicht etwa wegen dieser Boxer ? « frug der Ta-jen mit höflich unterdrücktem Unglauben . » Ja , « sagte der Bischof , » ich weiß wohl , daß es zum guten Ton gehört , über sie zu spotten , aber ich sehe in ihnen eine furchtbare Gefahr . « » In ihrer vermeintlichen Unverwundbarkeit ? « frug die Taitai lächelnd . » Nein , natürlich nicht in ihr , « antwortete der Bischof , » aber weil so blind an sie geglaubt wird . Dieses abergläubische Zutrauen hat schon die weitesten Kreise erfaßt und fanatisiert , und es wird sie , in der Zuversicht auf Gelingen , zu den wildesten Taten hinreißen . « » Aber die Autoritäten können doch nicht so verblendet sein , das zuzulassen ? « entgegnete der Ta-jen . » Sie werden sich im entscheidenden Augenblick wirklich schlimmen Ausschreitungen sicher widersetzen , denn sie müssen sich doch sagen , daß äußerstenfalls von den fremden Geschwadern leicht Mannschaften gelandet und nach Peking gesandt werden könnten . « » Die Autoritäten werden im entscheidenden Augenblick vielleicht gar nicht mehr können , wie sie wollen , « sagte der Bischof bedächtig . » Die Kaiserin soll ja zwar noch immer schwanken zwischen dem Einfluß der wenigen Vernünftigen , wie Liu ku nyi und Yung Lu einerseits und Prinz Tuan , Kang yi und den zahllosen sonstigen Boxergenossen andererseits . Ihre persönlichen Wünsche und Sympathien sind aber unzweifelhaft bei den letzteren . Und dazu kommt noch etwas , das , meiner Ansicht nach , bei ihr ausschlaggebend sein wird : durch die letzten Boxerproklamationen , die mir von meinen Missionaren zugegangen sind , geht nämlich ein Ton der Anklage gegen die Dynastie ; sie wird für das ganze Elend des Landes und seine korrupten Zustände , vor allem aber auch für die Gebietsabtretungen an auswärtige Mächte verantwortlich gemacht . Es heißt darin , das Kaiserhaus sei dazu wie zu der Einführung von Bahnen und sonstigen Neuerungen , ganz ebenso wie die Mandarine , von den Fremden mit Geld bestochen worden . Ich führe diese Ausstreuungen auf den Prinzen Tuan zurück , und sie haben einen besonderen Zweck . Er will nämlich die in China besonders leichtgläubige öffentliche Meinung dadurch erregen und sie für Ausführung seines eigentlichen geheimsten Planes vorbereiten - der aber ist , beim ersten günstigen Vorwand sich und seinen Sohn öffentlich an Stelle von Tzü Hsi und Kwang Hsü zu setzen . Sobald nun die Kaiserin erkennt , welche Gefahren für sie aus dem Glauben an solche Anschuldigungen entstehen können , wird sie sich offen auf Seite der Boxer stellen , um sich so zu entlasten und die Wut der wilden Horden von sich ab- und ausschließlich auf die Fremden zu lenken . « Andere Besucher kamen , und des Bischofs Ausführungen wurden unterbrochen . Aber sie mußten doch einen gewissen Eindruck auf den Ta-jen gemacht haben , denn später erzählte er das Gespräch dem ersten Sekretär , der ihn bis zur Ankunft des neuen Gesandten vertreten sollte . » Vielleicht täten Sie gut , diese Ansichten des Bischofs nach Hause zu melden , « sagte der Ta-jen , der , immer mehr ein Mann des geschriebenen Wortes wie der Tat , in der Berichterstattung den Hauptzweck des Dienstes sah und durch seinen glänzenden Aufstieg ja auch von der Richtigkeit dieser Auffassung überzeugt wurde . » Ach , Exzellenz , « antwortete der Sekretär , » es ist ja ganz klar , daß der Bischof nur deshalb so schwarz sieht , weil all die Ausschreitungen sich gegen die Missionare und die von ihnen beschützten Konvertiten richten . Das Christentum ist nun mal in China nicht beliebt , und eigentlich kann man sich kaum darüber wundern , denn die ehrwürdigen Herren mischen sich zu sehr in die irdischen Angelegenheiten ihrer chinesischen Gläubigen und wollen ihnen allerhand Begünstigungen sichern , um ihnen zu beweisen , daß ihre Religion nicht nur fürs Jenseits vorteilhaft ist . Darüber kann man ja die chinesischen Behörden immer wieder klagen hören . Sollte es indessen wirklich schlimmer werden , so kann man ja mal eine scharfe Note an das Tsungli-Yamen richten . « » Gewiß , gewiß , Sie haben sicher recht , « sagte der Ta-jen , der geglaubt hatte , aus Gewissenhaftigkeit sprechen zu müssen , in Wirklichkeit aber nur zu froh war , die Seite des Lebensbuches , auf der das Wort China stand , nun endgültig umwenden zu dürfen . Dann kam der Tag der Abreise . Früh schon standen die beiden grünen Sänften bereit , in denen der Ta-jen und die Taitai so oft , sei es zu langwierigen Verhandlungen ins Tsungli-Yamen , sei es zu mehr oder minder kurzweiligen Gesellschaften getragen worden waren , und die sie nun zum letztenmal für den Weg zur Station besteigen sollten . Früh auch waren alle Trabanten der Taitai zur Stelle , mit Blumen in den Händen , Abschiedsschmerz im Herzen und hohen gelben Stiefeln an den Füßen , um der scheidenden Angebeteten reitend das Geleit zur Eisenbahn zu geben . Als die Reisenden nun aus der Haustür auf die zum Garten herabführenden Stufen traten , sah der kleine graue Ta-jen ernster noch aus als sonst , reckte die unscheinbare Gestalt und blickte sich feierlich um , als erwarte er , daß hier an seinem bisherigen Tätigkeitsfeld , zur Erinnerung an sein Wirken , Lorbeeren von selbst zu sprießen begännen . Die Taitai dagegen schien so gleichgültig , als handle es sich um einen alltäglichen Ausgang . So setzten sie sich in die Sänften , auf Kommando hoben die Träger sie empor , und schwingenden Schrittes ging es hinaus aus dem großen Tor . Im selben Augenblick aber ertönten laute , langanhaltende Salven von Feuerwerk und Schwärmern , vor denen zu fliehen eine der Eigentümlichkeiten chinesischer böser Geister sein soll , und die daher bei Abreisen stets in reichlichem Maße abgebrannt werden . Der unmittelbar sichtbare Erfolg war indessen , daß die Ponies der jungen Herren zu scheuen und schlagen begannen , um dann im Galopp mit ihren Reitern durch die von Gaffern gefüllte Gesandtschaftsstraße zu jagen . In Maultierkarren folgten die Boys mit dem Gepäck . Tschun saß auf dem Schaft des Wagens , in dem Madame Angèle mit Tin chau fuhr . Die stets Kummervolle schien beinahe lustig , so froh war sie , Peking zu verlassen . » Mein armer Tschun , « sagte sie , » ich glaube , Du hast unrecht getan , nicht mit uns kommen zu wollen . Heute nacht träumte mir , ganz Peking brenne . Es sah aus wie Paris während der Kommune . « Während sich Madame Angèle noch in allerhand düsteren Prophezeiungen erging , starrte Tschun vor sich hin in die Straßen . Gedankenlos zuerst , dann aber mit plötzlich erwachter Aufmerksamkeit . Denn es wollte ihm scheinen , als sei die Menge in den Straßen anders als sonst . Nicht mit dem gewohnten gleichgültigen Stumpfsinn schauten die Leute dem Zug der Fremden nach , sondern etwas ausgesprochen Feindliches lag heute in all den kleinen , tückischen Aeuglein . Und Gesichter waren darunter zerstreut , die aus anderen Landesteilen stammen mußten . Am Hatamen herrschte arges Gedränge . Fuhrwerke und Fußgänger hatten sich in dem tiefen Torweg gestaut . Der Maultierkarren mußte halten . Von dem vorwärtsdrängenden Gewühl wurden zwei wild aussehende Leute dicht herangeschoben , und Tschun hörte den einen sagen : » Da flüchten einige der fremden Teufel , « worauf der andere antwortete : » Die übrigen werden wir rasch genug ins Jenseits befördern . « Dann wandte sich der erste direkt an Tschun : » Du gehörst wohl auch zu ihnen ? Hüte Dich , Euch Teufeln zweiten Grades , die Ihr zu den Fremden haltet , wird ' s am schlimmsten gehen . « Doch nun hatte sich das Knäuel gelöst , das Maultier zog an , und es ging weiter auf langer , breiter Straße , an dem Himmelstempel vorbei , bis hinaus zum Bahnhof . Da standen schon wartend viele Freunde der Reisenden . Man sagte sich Adieu und sprach von Wiedersehen auf anderen Posten . Viel gute Wünsche für eine glatte Ueberfahrt wurden laut , und niemand schien zu denken , daß vielleicht gerade die Zurückbleibenden den weitaus schlimmeren Stürmen entgegengehen könnten . Der hübsche weiße Herr streichelte das Hündchen Tin chau zum Abschied . » Du hast es besser als ich , « sagte er , indem er es der Taitai in den Waggon hinaufreichte . Der böse Herr sah dem zu , mürrisch und zugleich schadenfroh , als dächte er : Sehe ich sie nicht , siehst doch auch Du sie nicht mehr . - Dann pfiff die Lokomotive , Hüte und Taschentücher wurden geschwenkt , die Boys beugten zum letztenmal das Knie vor der scheidenden Herrschaft . Der Zug setzte sich in Bewegung : langsam zuerst . Einige der jungen Herren liefen noch ein Stückchen am Waggon mit , aber schneller und schneller drehten sich die Räder und führten die Taitai davon ; fort aus dem Bereich der hohen finstern Pekinger Stadtmauern und seiner dräuenden Türme - hin zu neuen Städten , wo vieles ganz anders sein mochte , wo sich aber sicherlich auch wieder junge Herren einstellen würden , die gern schönen Frauen auf einem Stückchen Lebensweg das Geleit geben . Tschun zog nun wieder zu seiner Mutter , denn er und die anderen Boys hatten vorläufig keine Beschäftigung in der Gesandtschaft ; nur Kuang yin sollte darin verbleiben und das Haus hüten , in dem die Taitai einst gewohnt . Die übrigen warteten und hofften später in die Dienste des künftigen Gesandten zu treten . Tschun begleitete jetzt manchmal die Mutter , wenn sie in den Petang ging , um sich bei der Schwester Apothekerin Rat und Arzneien zu holen . Es war nicht mehr dieselbe , die einst , als Tschun ein ganz kleiner Junge gewesen , das Loch an seiner Stirn verbunden hatte . Aber eigentlich hätte es dieselbe sein können , so gleich war beider Art. Auch sie hatte dieselbe ruhige Güte , den unerschütterlichen milden Gleichmut gegenüber den trübsten Seiten des Lebens . Und das alles tat Tschun wohl . Es mußte wohl den Bedürfnissen seines geheimsten Wesens entsprechen . Denn irgend etwas in ihm war nicht mehr so recht froh und zuversichtlich . Es gab da eine wunde Stelle . Er grübelte . Hatte er sich vielleicht im Weg geirrt , damals als er ihn so selbstentscheidend gewählt ? Es sollte doch alles schön werden durch die Fremden , die so viel Neues und Gutes brachten . Und rasch sollte es so werden . Er selbst hatte es so eilig gehabt , zu dieser neuerstehenden Welt zu gehören . Aber was war denn seitdem anders und besser geworden ? Man konnte jetzt mit der Bahn von Tientsin nach Peking in vier Stunden fahren , statt wie früher in ebensoviel Tagen im Boot den gewundenen Peiho hinauf . Das war eigentlich alles - und das machte ein Volk nicht besser , noch glücklicher . Das einzigste Mal aber , wo wirklich der Versuch gemacht worden , Reformen einzuführen , da hatten die Fremden das Werk nicht unterstützt , hatten nur verständnislos und untätig zugeschaut , wie zerstört wurde , was doch sie zuerst gesät . Und durch den damaligen leichten Sieg ermutigt , hatten sich seitdem all die dunklen Mächte zusammengerottet und stiegen jetzt aus unheimlichen Tiefen auf , um nunmehr auch jene zu vernichten , die sie als Ursprung alles Uebels ansahen und dafür verantwortlich machten . Und wieder schauten die Fremden unschlüssig zu , obschon es doch so klar war , daß die Losung diesmal gegen sie ganz persönlich gerichtet war , und sie konnten sich nicht einigen , welche Gegenmaßregeln zu ergreifen seien . Einzig der weise alte Bischof schien die Dinge zu sehen , wie sie wirklich waren . Ihm strömten die Nachrichten aus tausend Quellen zu ; von den bedrängten Missionaren im Innern , von den vielen Christen , die aus ihren Städten und Dörfern vor den Boxern hatten fliehen müssen , und die nun anfingen , scharenweise nach Peking einzuströmen , um sich ganz selbstverständlich nach dem Petang zu wenden und ebenso selbstverständlich dort aufgenommen zu werden . Sie füllten schon ganze Abteilungen des weiten umwallten Missionsgrundstücks , arme Leute zumeist , die nur das Leben gerettet hatten , und , von den Wogen der Verfolger vor sich hergetrieben , oft nicht einmal wußten , wo ihre nächsten Angehörigen geblieben sein mochten , in diesem Sturm , der so vernichtend über ihre kleinen , kümmerlichen Existenzen hereingebrochen war . Alle brachten sie dieselben Erzählungen mit , von der raschen Ausdehnung der Bewegung , von Boxeremissären , die mit aufreizenden Proklamationen durch das ganze Land zögen , von Edikten , die die Regierung dagegen erließ , um scheinbar zu Ruhe und Ordnung zu ermahnen , die aber von niemand beachtet wurden , da jeder wußte , daß sie nur erfolgten auf Drängen der fremden Gesandtschaften in Peking und um sie in Sicherheit zu wiegen , daß sie aber gar nicht ernst gemeint seien , da ja die Mandarine selbst den Boxern Schutz gewährten ; ja sogar von regulären Truppen erzählten die Flüchtlinge , die angeblich zur Bekämpfung der Aufständischen ausgesandt , alsobald selbst zu ihnen übergingen . Alle auch schilderten die Boxer in ihrem grausamen Wüten wie Besessene , die keine Gewalt mehr über sich anerkennen und sich vor nichts auf Erden fürchten , weil sie sich selbst für durch überirdische Macht Gefeite halten . - Verwundungs- und Todesmöglichkeiten