für meine Notdurft . « Er hob sich im Sattel und machte mit dem Hängmooser Weidbrief eine symbolische Bewegung . Ein hundertstimmiger Zornschrei flog über die Straße hin . Und dem Seppi Ruechsam fielen plötzlich siebzig Jahre vom Buckel herunter . Wie ein Zwanzigjähriger in blindem Jähzorn , so sprang er gegen den Reiter hinauf , faßte ihn mit beiden Fäusten an den Eisenplatten der Brust - und rutschte wie ein müder Greis wieder auf die Erde herunter . Hatte Marimpfels Hand einen neuen Irrtum begangen ? War einer von den Fußknechten unvorsichtig mit dem Spieß dazwischengefahren ? Niemand wußte , wie es gekommen war , daß dem Seppi Ruechsam , der sich jetzt ganz ruhig verhielt , ein dickes Blutbächlein über das braune Runzelgesicht und über die Bartstoppeln herunterfuhr . » So , so ? « sagte er in verständiger Besinnung und wollte mit der zitternden Hand das Blut vom Gesichte wischen . » Jetzt geht der Seppi Ruechsam zum deutschen König . Was denn sonst ? « Dann fiel er um und war tot . » Mordio ! Mordio ! « kreischten die Ramsauer . Sie griffen nach den Messern , rissen Prügel vom Zaun , und die Weiber hoben Steine von der Straße auf , während die Kinder in grillender Angst davonrannten , über die Planken kletterten und durch die Ache patschten . Runotter , mit einer Stimme , die den tobenden Lärm noch übertönte , schrie gegen des Seppi Ruechsam Haus hinüber : » Soldmann ! Soldmann ! « Marimpfel sah einen gepanzerten Kriegsknecht mit blitzendem Bidenhänder über den Hügel herunterspringen , schlug seinem Gaul die Sporen in die Weichen und brüllte : » Hofleut ! Durch ! Die verschimpfen den Fürsten ! Die machen Meuterei ! « Wie ein von einem Riesenhammer getriebener Keil , so fuhr der Trupp der Pfändleute mit Reitern , Fußknechten und Troßbuben unter dem Schellengerassel der galoppierenden Kühe in den Schwarm der schreienden Menschen hinein . Der kreischende Hauf wich auseinander und flutete wieder zusammen in einen wirren Knäuel . Und alle mit Schimpfworten und Flüchen hinter den Gadnischen Hofleuten her . Prügel wirbelten durch die Luft , und Steine flogen . Und in dem wüsten Lärm unterschied man nimmer , was ein Todesschrei oder eine Stimme des Lebens war . Mit entfärbtem Gesichte , in der Rechten den zerbrochenen Stab des Friedens , stand Runotter neben dem Seppi Ruechsam , der nicht von der Stelle gekommen und doch zum mächtigsten aller Könige gegangen war . Und mit der Linken hielt der Richtmann den Arm des Malimmes umklammert . » Bleib Mensch ! Tät ich dich schlagen heißen , das wär Unrecht . Doppelt Unrecht Dein Bruder ist dabei . Man soll nit Bruder gegen Bruder hetzen . « Malimmes sagte mürrisch : » Bei einer Fehd heißt ' s Freund oder Feind . Da ist kein andres Wörtl nit . « Er sah den Seppi Ruechsam an , dessen Gesicht wie von einem roten Tuch umwickelt war . » Bauer ? Was hat ' s denn gegeben da ? « » Schier weiß ich ' s nit . Ist mir alles wie ein böser Nebel . Das haben die Herren nit wollen . Schlechte Diener sind für die Herren ein Elend und ein übler Ruf . « » Herr oder Knecht ? Sag lieber : Narretei der Leut . Die macht so Herr wie Knecht zu blindwütigen Gockeln . « Sie hörten ein wildes Geschrei . » Komm , Mensch ! « sagte Runotter . » Da müssen wir abwehren ! « Die beiden liefen der Straße nach , dem tobenden Lärm entgegen . Aus den Fenstern und Türen der Hütten guckten verstörte Kindergesichter heraus . Dann liefen drei Kühe vorüber , mit rasselnden Schellen , mit klunkernden Eutern und gestreckten Schwänzen , die Stricke schleifend , die von ihren Hörnern herunterbaumelten . » Guck « , sagte Malimmes , » für die ist auch der Hänfene ein lützel mürb gewesen . « Wie ein steifes Holz lag ein Mannsbild auf der Straße , und ein schreiendes Weib war hingeworfen über seine rote Brust . » Ist der Schwarzecker ! « stammelte Runotter . » Der so fest hat pfeifen können . « » Komm ! Den pfeift man nimmer herein ins Leben . Ist schon draußen . « Fünf Kühe kamen gezottelt , klatschten durch das reißende Wasser der Ache , blieben drüben auf einer Wiese stehen , guckten dumm herum und fingen zu weiden an . Hinter den Stauden sprang ein Mensch , der sich nicht sehen lassen , sich immer verstecken wollte . Es war der Mareiner vom Taubensee . Der packte zwei von den Kühen an den Schellengurten , spähte ängstlich nach allen Seiten und zerrte die Kühe davon . Immer näher kamen die zwei springenden Männer dem tobenden Lärm auf der Straße . Und plötzlich schien es , als flute das Geschrei zurück . Man hörte fernher eine schmetternde Trompete . Rennende Menschen erschienen bei einer Straßenwendung , es folgte ein dicker Schwärm , und schrille Stimmen waren zu hören : » Da kommen Herren und Hofleut , zwanzig Reiter , vierzig , sechzig , hundert ! « Andere Stimmen schrien wieder etwas anderes . Der flüchtende Haufe kam ins Stocken , die Leute guckten und fragten , und dann hörte man eine kreischende Weiberstimme , die immer die gleichen Worte schrie : » Hilf in der Not ! Das ist Hilf in der Not ! Hilf in der Not ! « Männer mit erhitzten Gesichtern kamen gelaufen und holten den Schwarzecker und den Seppi Ruechsam . Zwischen dem Leuthaus und dem Hag des Richtmannes legte man die zwei Toten auf die Straße hin . Und noch zwei andere legte man dazu : einen jungen hübschen Buben , an dem man keine Wunde sah , und ein Weib , dessen Gesicht vom Todesschreck verzerrt und in dieser Grimasse des Grauens wie versteinert war . Diese vier Stummgewordenen sollten reden für die Not der Ramsauer und sollten mit schweigendem Betteln die Straße sperren vor einem geistlichen Fürsten , der da geritten kam . 6 Vor dreizehn Tagen war Herr Konrad Otmar Scherchofer , Propst von St. Zeno zu Reichenhall , mit Gefolge nach Salzburg geritten , um einer Provinzialsynode beizuwohnen , die ein Heilsames wider das grassierende Konkubinat der Kleriker und wider das ketzerische Unwesen des freien Geistes beschließen sollte . In zehn Sitzungen hatten die zu Salzburg versammelten geistlichen Fürsten , Kanoniker und Doktoren zahlreiche Kirchengesetze beschlossen und verkündet . Und es gab doch der Kirchengesetze bereits so viele , daß auch der gewissenhafteste Christ nicht mehr imstande war , sie alle zu kennen und zu befolgen . Da konnte kein Tag vergehen , ohne daß nicht jeder Mensch , ob Kleriker oder Laie , ahnungslos durch irgendein Wort oder irgendeine Tat in die Exkommunikation oder in eine andre schwere Kirchenstrafe verfiel . Es war unmöglich , alle zu bestrafen , die sich versündigten . So wurden die vielen und strengen Gesetze lächerlich , die Übertretung bekam Humor . Diese Wahrheit hatte Herr Konrad Ottmar Scherchofer , der als Priester auch kluger Weltmann war , auf der Synode zu Salzburg ausgesprochen . Er hatte gesagt : » Wird ein Mensch ermordet , so ist das ein übles und trauriges Ding , das allen Rechtschaffenen Schmerz bereitet und ihren strafenden Zorn erregt . Werden zehntausend erschlagen , erstochen , gehenkt , geviertelt , gerädert und verbrannt , so verwandelt die widersinnige commulatio den Menschenmord zu einem grinsenden Schembartspiel der irdischen Torheit , das auch den ernstesten der Menschen lachen macht . Exemplum trahit . Ein Gesetz ist heilsam , tausend Gesetze werden zu einer Fäulnis , zu einem Brunnengift des Lebens . Gott , in Güte und Nachsicht , hat der Menschenseele , die von des Teufels schmutzigem Boden zu reinlicher Höhe möchte , tausend Wege und immer noch einen gegeben . Versperrt ihr sie alle bis auf einen , so wird die suchende Menschenseele einem hungernden Esel gleichen , der zwischen tausend vernagelten Gotteskrippen die eine nimmer findet , wo er nach eurem Willen fressen soll . Der Esel sind unzählbar viele . Sie haben nicht Platz vor einer Krippe . Sie müssen zupfen dürfen , wo Gott ein Gräslein oder eine Distel wachsen ließ . « Wie der berittene Hofmann auf der Ramsauer Straße brüllte : » Willst du meinen Herren verschimpfen ? « - so hatte im Salzburger Synodensaal ein Erzürnter geschrien : » Willst du uns Esel heißen ? « Herr Konrad Scherchofer hatte lächelnd erwidert : » Ich darf auch andere heißen , was ich mich selber heiße . Vermute ich auch , daß ich unwürdiger bin als ihr seid , so glaub ich doch , kein schlechter Mensch zu sein . Ich bin als Mensch so gut , wie es die andern mir zu sein gestatten . Und diese andern sind , wie ich bin und wie ihr seid : vor allem schwach von Gedächtnis . Es ist in mir nur noch ein blasses Erinnern an die Gesetze , die wir gestern und ehegestern verkündet haben . Und heute zur Nacht , in einer schlaflosen Stunde , begann ich nachzurechnen , wie oft ich als abschreckend schlechter Christ und als leidlich guter Mensch in den hundertachtzig Tagen dieses halb erfüllten Jahres schon dem Kirchenbann und eurer Hölle verfallen mußte . Lasset mich die kummervolle Zahl verschweigen , die ich gefunden . Als ich beim Rechnen an die zwanzig Mal mit meinen Fingern zu Ende war , da hatte ich verdammenswerter Sünder die Vision eines Heiligen und sah , wie Gott in seiner reinen Himmelsglorie heiter lächelte . Ihr , meine würdigen Brüder in diesem geweihten Saale , lasset einen Trompeter kommen und heißt ihn hinausblasen zum Fenster , bis da drunten die guten Menschen zusammenlaufen nach Tausenden . Dann leeret einen Karren Sand zum Fenster hinaus , indessen ein kräftiges Lüftlein bläst . Und jedes verwehte Sandkorn wird einen Menschen treffen , der zu Bann und Hölle verdammt ist nach irgendeinem von euren vielen Gesetzen . Und zahllose Sandkörner werden es sein , die der Wind zurückbläst in diesen Saal . Meine würdigen Brüder ! Wir sollten uns versammeln , um Gesetze zu streichen , nicht um neue zu ersinnen . « Solche und andre Worte , die er lächelnd sprach , hatten ihm eine Antwort eingetragen , die ihn bei seiner Klugheit beredete , von der Salzburger Provinzialsynode im schützenden Grau des Morgens davonzureiten , bevor sie nach Sonnenaufgang mit festlichem Tedeum beschlossen wurde . Der vorsichtige Propst zu Reichenhall hatte von den drei Straßen , die ihm für die Heimkehr zu Gebote standen , die beste , fast völlig ebene über Wals und Marzoll aus dem Grunde vermieden , weil sie zu lange auf Salzburger Boden blieb . Er war auch nicht die Straße geritten , die durch die Höfe des Berchtesgadnischen Stiftes zum Hallturm und zum Grenzpfahl mit dem Wappen des heiligen Zeno führte . Er wäre da ohne eine aus Gründen der Courtoisie unerläßliche Visite nicht durchgekommen . Aber mit Herrn Peter Pienzenauer , der von der Synode ferngeblieben war , sprach sich Herr Otmar nicht gut um verschiedener Dinge willen , die seit Jahren an den Grenzen zwischen Berchtesgaden und Reichenhall ein chronisches Leiden waren . So hatte er als empfehlenswertesten Weg die schlechte Karrenstraße gewählt , die unterhalb des Stiftsberges von Berchtesgaden durch hüllende Wäldchen führte und nach beträchtlichem Umweg wieder einlenkte auf die Straße zum Tal der Ramsau . Und just diese dritte , durch Klugheit und Vorsicht anempfohlene Straße sollte sich als ein übler , folgenschwerer Weg erweisen . Und so kam nun Herr Konrad Otmar Scherchofer durch die Ramsau , in der eine Not des Lebens mit hundert Stimmen brüllte . Daß dabei vier stillgewordene Stimmen schon ausgeschieden waren , das machte in dieser Fülle der Flüche und des Jammers keinen merklichen Unterschied . Herr Otmar war nicht begleitet von hundert Reitern , nicht von sechzig , nicht von vierzig , auch nicht von zwanzig . Ihm zur Linken ritt sein mit staatsmännischen Gaben gesegneter Kaplan Franzikopus Weiß . Hinter den beiden kamen vier Berittene , nicht reich gekleidet , aber gut bewaffnet . Dann folgte ein mit vier Maultieren bespannter Gepäckwagen . Und vor dem Zelter des Propstes trappelten zwei magere Läufer und ritt ein junger Trompeter . Der hatte sein Instrument in Hörweite des Berchtesgadnischen Stiftes schweigen lassen . Jetzt aber blies er alle dreißig Schritte ein paar schmetternde Töne , die verkündeten : Es kommt ein hoher Herr , die Straße ist freizuhalten von Schweinen , Vieh und Hunden , von Mistkarren , Heuwagen und sonstigem Hindernis . Und weil die Trompete beinahe so weit zu hören war wie ehemals ein Fingerpfiff des nun still gewordenen Schwarzeckers , drum ahnten die verstörten Ramsauer nach einem äffenden Schreck diese nahende Hilfe in der Not , noch ehe ihnen Herr Konrad Otmar Scherchofer klar erkennbar zu Gesichte kam . Als die Kavalkade bei dem rauschenden Windbach vorbeigeritten war und den Verzweiflungslärm der Ramsauer schon wie dumpfes Murren vernehmen konnte , begegnete ihr ein sonderbarer Zug , der sich eilfertig bewegte und dennoch langsam von der Stelle kam : ein berittener Spießknecht , dem das Blut von der Faust heruntertröpfelte , ein zweiter Spießknecht , der seinen lahmen Braunen führte , ein Söldner und drei Troßbuben , die ihre verprügelten Köpfe hängen ließen und dazu noch zwei entseelte Menschen zu tragen hatten . Herr Otmar erkannte die Berchtesgadnischen Farben . Segnend machte er mit der Hand das Zeichen des Kreuzes , tat keine Frage und ritt vorbei . So schweigsam wie der Herr , so schweigsam blieben die Diener . Doch ehrfürchtig entblößten sie die Köpfe vor dem Tod , der da getragen wurde . Dann sagte Herr Otmar über die Schulter zu einem der Seinen : » Reite zurück ! Wenn die Ärmsten Stärkung oder Verbandzeug nötig haben , soll man es ihnen reichlich geben aus meinem Wagen . « Nachdenklich betrachtete er das Gesicht seines Kaplans . » Franzikopus ? Witterst du Gefahr ? « » Ich glaube , hier ist geschehen , was nützlich werden kann . « Der Kaplan lächelte . » Betrachte dir die Lage und Biegung dieses wundervollen Tales , geliebter Herr ! Sieht es nicht aus , als hätte Gott sich dieses Tal gedacht als den seitwärts gestreckten Daumen der Hand von Reichenhall ? Daß Hand und Daumen voneinander getrennt sind , ist wider die Natur . « » Franzikopus ? « Leiser Unmut war in der Stimme des Propstes . » Wann wirst du anfangen , als Mensch zu denken ? « » Sobald ich aufhöre , als dein Kaplan für unsern Vorteil zu sinnen . « Schweigend ritten sie weiter . Nun sahen sie auf hundert Schritte den Leichnamsriegel , der wie ein bunter , splitterig verbogener Balken die Straße sperrte . Und hinter ihm standen die hindert Ramsauer wie eine bewegliche Mauer . » Herr , sieh diese Menschen an ! « sagte Franzikopus leise . » Es ist einleuchtend , daß ihnen geschah , was wir als schweres Unrecht bezeichnen müssen . Sie scheinen Hilfe von dir zu erwarten . Willst du solche Hilfe nicht bieten als Fürst , so mußt du sie bieten als der gütige Mensch , der du sein willst . Und bedenke , daß die Ramsauer zur bayrischen Burg Plaien nicht weiter haben als zum Dache des heiligen Zeno . Was du verschmähst , fällt einem andern in die Tasche . « Jetzt vermochten die Ramsauer deutlich Herrn Otmars Gesicht zu sehen , dieses blasse , feingeschnittene , auch im Ernste noch ein bißchen lächelnde Mannsgesicht . Und da streckten sich plötzlich zweihundert Arme , und hundert Stimmen schrien in Furcht und Hoffnung : » Hilf uns , hilf uns , hilf uns ! « Herr Konrad Otmar Scherchofer hob die Hand , an der ein Smaragd in der Sonne blitzte . Fast lautlose Stille entstand . Und die Ache rauschte . » Ihr guten Leute ! Ich sehe Blut und Tod vor euren Füßen , sehe Gram und Sorge in euren Gesichtern . Was ist da geschehen ? Seid ihr Gebüßte , die ein Unrecht begingen ? « Alle Stimmen kreischten : » Bei uns ist das Recht ! Das Recht ! « Wieder hob Herr Otmar die Hand . » Einer rede ! « Viele schrien : » Richtmann ! Jetzt tu das Maul auf ! Red ! « Runotter streckte sich . Sein Gesicht war aschengrau , sein Auge traurig . » Ich red nit . Richtmann bin ich nimmer . Mein Stab ist zerschlagen . Erst muß mir der Fürst einen neuen geben . Nachher red ich . Aber bei dem , was heut die Gnotschaft will - Hilf und Spruch wider unsern Fürsten von einem fremden Herren heischen - da tu ich nit mit ! « » Recht hast ! « sagte Malimmes , an dessen Arm sich zitternd das blonde Mädel aus dem Leuthaus klammerte . Das Wort des Soldknechts ging unter in einem ohrenbetäubenden Geschrei . Geballte Fäuste streckten sich gegen Runotter . In Furcht und Zorn beschimpften ihn seine Dorfbrüder als Feind der Gnotschaft , als fürsichtigen Liebdiener und als Hofmannslecker . Einer schrie es ihm an die Nase hin : » Ein Untreuer bist ! Schau den Seppi Ruechsam an ! Der ist ein Treuer gewesen . « Runotter packte den Schreier an der Schulter und drückte ihn gegen den Seppi Ruechsam nieder : » Frag den Seppi ! Kann sein , er sagt dir ' s noch , wo er stehen tät , herüben bei mir oder drüben bei euch ! « Was der Richtmann weiter noch redete , versank in dem brüllenden Lärm der andern . Da sagte Herr Otmar in lateinischer Sprache zu Franzikopus : » Es wäre mir lieber , wenn dieser eine zu mir um Hilfe käme und die andern wären dagegen . « Der Ältestmann der Gnotschaft , der etwas rot und grau Geflecktes zwischen den Händen hatte , stieg über den Seppi Ruechsam hinüber , trat vor den ruhig am Zaune kauenden Zelter des Propstes hin und erzählte die Geschichte der Hängmooser Ochsen und der siebzehn gepfändeten Milchkühe . Ganz ehrlich erzählte der Ältestmann diese Geschichte , genau aufs Härchen , wie er sie erlebt zu haben glaubte . Und dennoch war diese Geschichte etwas völlig andres als die Wahrheit . Aber das Recht , von dem der Ältestmann berichtete , konnte er beweisen - mit zitternden Händen hob er zu dem Propste den knitterbrüchigen , vom grauen Sattelschmutz des Marimpfel und vom roten Blut des Seppi Ruechsam befleckten Weidbrief hinauf . Herr Otmar zog die Hand zurück . » Franzikopus , lies ! « Während der Kaplan sich in das Studium der halberloschenen Schrift vertiefte , hörte man neben dem Rauschen der Ache nur das schwere Atmen dieser hundert harrenden Menschen . Nun sprach der Kaplan . Zu seinem Herrn nur . Doch seine Stimme klang so laut , als spräche er zu vielen . » Herr , das ist klares Recht ! Da fehlt kein Hauch und kein Stäublein . Auch Wachs und Siegel waren da . Man erkennt noch deutlich die Stelle . Ich muß entscheiden , daß diesen braven Leuten schweres Unrecht geschah . « Runotter sagte : » Das haben die mutwilligen Knecht - « Er wurde von hundert Stimmen überschrien , während Franzikopus dem Ältestmann das rot und grau gefleckte Pergament zurückgab . Herr Otmar , der die Hand erhoben hatte , wollte sprechen . Doch Franzikopus kam seinem Herrn zuvor und sagte , wieder nur zu seinem Propste , aber sehr laut und langsam : » Herr ! Diese armen Leute erbarmen mich . Sie sind in harter Lage . Zu Berchtesgaden wird man immer fragen : Ochsen oder Kühe ? Da wird man sagen : Meuterei ! In solchem Falle straft man zuerst . Und dann untersucht man . Ich sehe zu meiner Sorge , daß an der Ramsauer Straße alte Ulmen mit starken Ästen stehen . « Aus der dumpfen Bewegung der hundert Ramsauer klang eine heitere Stimme heraus : » Kann sein , da blüht mir der fünfte Hänfene ! Oder der sechste ? Ich weiß nimmer recht . « Franzikopus guckte einen Augenblick verwundert den stämmigen Soldknecht an . Dann sprach er bekümmert weiter : » Kommen die Exekutierer , so werden diese guten Menschen aus Irrtum ihres Fürsten morgen ärmer sein um viele Ochsen , Kühe , Ziegen , Schafe und Schweine . Auch ärmer um einige Köpfe . Nein , lieber Herr , es liegt mir ferne , diesen redlichen Leuten einen unbegehrten Rat erteilen zu wollen . Doch jeder Mensch darf menschlich denken . Wenn ich heut ein Ramsauer wäre , würde ich mich noch vor Dunkelheit mit Weib , Kind , Vieh und Sack davonmachen und mich einem Heiligen anvertrauen , der hilfreich ist . In seinem Schutze kann man geduldig eine bessere Zeit erwarten . « Runotter rief : » Solang ich in mir noch einen redlichen Schnaufer hab , will ich nit hoffen , daß die Gnotschaft so was tut . « Schnell redete der Kaplan in den Lärm hinein , der diesen Worten folgte : » Gewiß nicht ! Nein ! Ihr müsset Recht bei eurem Fürsten suchen . Er kann auch gnädig sein . Wenn er es immer wäre , müßte bei so redlichen Menschen , wie ihr es seid , dieses schöne Tal ein Haus des Glückes in einem Rosengarten sein . Ein gütiger Fürst macht seine Bürger froh und füllt die Truhen seiner Holden mit dauernden Schätzen . Meines Herren schönes , friedliches Hall heißt nicht umsonst : das reiche . Wir Chorherren zu Hall sind arme Leute , die sich mit trockenem Brot begnügen . Doch meines Herren Untertanen leben in Überfluß , in Freiheit und Freude . Bei manchem Nachbar ist es umgekehrt . « Ein so sehnsüchtiger Lärm entstand , daß Herr Otmar wieder die Hand erheben mußte . Er betrachtete seinen Kaplan mit einem ehrlichen Blick des Unwillens und sprach : » Ihr Leute ! Hört nicht auf diesen Schmeichler ! Suchet Recht und Gnade bei eurem Fürsten , wie es sich für treue Holden gebührt . « In seine Stimme kam ein seltsam unsicherer Klang , als müßte er aus dunklen Gründen sprechen , was er selbst nicht sagen wollte . » Solltet ihr gerechte Gnade bei eurem Fürsten nicht finden , dann mögt ihr in Gottes Namen tun , was euer verbrieftes Recht entschuldigt und eure bittere Not begehrt . « Er gab seinen Leuten einen Wink . Der eine Läufer hob den Seppi Ruechsam zur Linken hin , der andre zog den Schwarzecker um eine Menschenlänge nach rechts , und Herr Otmar Scherchofer begann zu reiten . Viele Hände streckten sich zu ihm hinauf , viele Stimmen bettelten und fragten . Herr Otmar sprach kein Wort mehr . Doch immer wieder machte er segnend das Zeichen des Kreuzes mit der schlanken Hand , daran der Smaragd seines Hirtenringes in der Sonne blitzte . Und als die verstörten Menschen den Zelter des Propstes umdrängen wollten , ritten die vier Bewaffneten mit freundlicher Achtsamkeit neben ihren Herrn hin . Die Pferde begannen zu traben , der nachkommende Wagen ratterte hinter den galoppierenden Maultieren , die Läufer sprangen voraus , und der Trompeter blies von Zeit zu Zeit drei schmetternde Töne . Franzikopus lächelte behaglich , doch Herr Otmar hatte ein mißmutiges Gesicht . Er war unzufrieden mit sich selbst . Und während der tobende Lärm der Ramsauer hinter ihm zu versinken begann , sagte er leise : » Heute bin ich schon wieder siebenmal des Kirchenbannes und der Hölle schuldig . « » Nicht um dieser letzten Stunde willen . Klugen Erwerb begreift und verzeiht die Kirche . Von Gott weiß ich es nicht mit Sicherheit . Aber ich traue ihm das beste zu und hoffe , er wird die guten Ramsauer noch heute zum heiligen Zeno schicken . « » Franzikopus , manchmal redest du wie ein Verbrecher , manchmal siehst du aus wie ein nützlicher Mensch . Zu welcher Gattung gehörst du ? « Der Kaplan schmunzelte . » Viellieber Herr ! Am schwersten unterscheidet man die Menschen auf der schmalen Kippe zwischen einem Verdammten und einem Heiligen . « » Verdammte kenn ich zur Genüge . Jetzt hab ich Sehnsucht , nur ein einziges Mal einem Heiligen zu begegnen , der noch auf Erden wandelt . « » Warum willst du das ? « » Um zu erforschen , wie ein Heiliger bei lebendigem Leibe riecht . « Die grauen Augen des Kaplans wurden rund . » Ich verstehe meinen geliebten Herrn nicht . « » Dann will ich es dir erklären . Menschen , die eine das reinliche Maß übersteigende Liebe zu Tieren besitzen , riechen bitter und schlecht . Tiere , die eine tiefe Neigung zu Menschen fassen , bekommen in des geliebten Menschen Nähe einen köstlich duftenden Atem . Wie schön und rein muß jeder Hauch eines Menschen werden , wenn er zu lieben beginnt , was wertvoller ist und höher steht als seine eigne Erbärmlichkeit . Du , Franzikopus , säuerst ! Ich fürchte , es wird mit dir ein böses Ende nehmen . « Heiter lachte der Kaplan . Doch plötzlich spähte er über die Straße voraus und sprach : » Das ist heut ein Tag der Dinge , die vielfältig sind und doch immer ein gleiches bleiben . Wir haben den Tod auf den Schultern des Lebens gesehen und den Tod im Staub der Straße . Jetzt kommt der Tod im Sattel . Wir wollen abseits reiten , lieber Herr . Jedes dritte Omen macht mich abergläubisch . « Sie ritten von der Straße gegen die Wiesen hinaus , und weil sie sich vom Ufer der Ache entfernten , deren Rauschen stiller wurde , hörten sie wieder deutlich den Stimmenlärm der Ramsauer . Die lieferten einander von Nase zu Nase ein erbittertes Wortgefecht , bei dem schon bald die brüderlichen Fäuste zur Mitwirkung bereit erschienen . Der Haufe , der vor dem Hof des Leuthauses durcheinander wühlte , hatte sich durch Zulauf noch vergrößert . Und immer neue Menschen kamen von allen Seiten über die Wiesenhügel heruntergerannt . Von den Kindern standen die einen in Neugier oder mit erschrockenen Gesichtern herum , andre pritschelten heiter in der Ache , warfen Steine nach den Forellen oder trieben sonstwie ihre gewohnten Spiele . Die Ordnung der Gnotschaft war völlig in Fransen gegangen . Nicht nur die Spruchbaren redeten . Alle schrien durcheinander , Männer und Weiber , Erbrechter und hörige Schupfgütler . Nur ein einziger schwieg : Malimmes . Während ihm das blonde Mädel wieder und wieder , verstört und zitternd , ein paar Worte zuflüsterte , stand er an der Ecke des Leuthauses auf die Kreuzstange seines Bidenhänders gelehnt und blickte aufmerksam in den tobenden Schwärm hinein . Immer waren seine Augen beim Runotter , der sich in dem drängenden Haufen umherschob , bald den einen , bald den andern am Kittel faßte und ernst auf ihn einredete . Aber da fruchtete keine verständige Mahnung mehr . In den ratlos furchtsam Gewordenen hatte die Staatsklugheit des Franzikopus Weiß drei vernunftfressende Worte zurückgelassen : das Wort von den Schätzen , mit denen ein gütiger Fürst die Truhen seiner Holden füllt , das Wort von den Exekutierern und den vielen Ochsen , Kühen , Schafen und Ziegen , das Wort von den hohen Ulmen mit den festen Ästen . Je tiefer diese drei Worte sich einbohrten , um so mehr verlor für die Ramsauer der heilige Peter von Berchtesgaden an vertrauenswürdigen Eigenschaften . In gleichem Maße gewann der heilige Zeno von Reichenhall an schutzbietender Kraft . Schon mehrmals hatte der Ältestmann umsonst versucht , von diesen schreienden Menschen gehört zu werden . Nun stieg er auf einen Zaunpfosten des Leuthauses . Und weil seine Stimme in dem tobenden Lärm versank , hob er zwischen seinen zitternden Händen den Hängmooser Weidbrief in die Höhe , dieses grau und rot gefleckte Heiligtum des Seppi Ruechsam . Mit gekrümmtem Rücken und eingeknickten Knien stand der greise Mann da droben und wartete geduldig , bis halbe Stille entstand . Dann sprach er : Es wäre mit allen Stimmen der Spruchbaren wider die einzige Stimme des Runotter ein Fürschlag ausgeredet , den alle hören und gutheißen müßten , die zur Ramsau und zum Schwarzeck , zum Tauben- und Hintersee gehören ; man soll die vier Toten dem Pfarrherrn vor das Widum legen zu christlichem Begräbnis ; man soll vor Nacht alles Vieh von den Ahnen holen und beim Taubensee zusammentreiben ; neuer Albmeister ist der Hinterseer Fischbauer , der soll die gesiegelten Rechtsbriefe mit der Truhe des Seppi Ruechsam in Verwahr nehmen und haften dafür mit Leib und Leben , mit Gut und Seligkeit ; für jeden Schwerkranken und vor Alter Müden soll man einen halbwüchsigen Buben daheim lassen zu Treuung und Pfleg , bei jedem eine Milchgeiß und das Geflügel , das sich vor Nacht nimmer fangen läßt , einen versteckten Sparpfennig , ausreichendes Brot , dazu noch Mehl und Schmalz und Salz ; was sonst in der Ramsau und auf dem Schwarzeck , am Tauben- und Hintersee ein Lebendiges ist , Mannsleut , Weiber und Kinder , mit allem nutzbaren Vieh , mit Geld und beweglichem Gut , mit Wehr und Eisen , mit Sack und Karren , soll bis Mitternacht Zulauf suchen beim Taubensee . » Auf daß wir zur Wahrung von Hab und Leib einen andächtigen Bittgang tun zum heiligen Zeno , der uns ein mächtiger Fürsprech sein wird beim gütigen Herrn im Himmel , bei Jesuchrist und seiner barmherzigen Mutter . Wer dawider ist , daß man den Bittgang macht , der tu seine Faust in die Höh ! « Eine einzige Faust erhob sich , die des Runotter . Dann streckten sich noch zwei Arme . Von den drei Knechten des Runotter stimmten zwei wie ihr