sich ab . » Lot em giern bit an den Dullboom to Woter liggen , Harm : dat weiht jo ne un nix ! « Er gönnte sich und seinem Knecht erst Ruhe , als der ganze Kahn voll Sand war . » Nu wöt wi utscheiden , Harm « , sagte er väterlich , setzte sich auf den Dollbaum und wartete auf die Flut , die den beladenen Kahn flottmachen sollte , der nun hoch und trocken auf dem langen Sandrücken saß . Harm betrachtete besorgt den großen Sandhaufen , aber er getraute sich nicht , etwas dagegen zu sagen , weil er nicht ausgelacht werden mochte , und weil Störtebeker seiner Sache und seines Fahrzeuges so sicher war . » Wenn achtern Swiensand Seils in Sicht kommt , denn ist Floot « , sagte Störtebeker gleichmütig , » dat durt ober noch wat « , setzte er hinzu , als er Jakob Derner und Karsten Wubb , die Aalfischer , mit ihren Kähnen vorbeirudern sah , denn die wollten ja vor der Flut noch ihre Körbe überholen und die Aale herausnehmen . Die beiden Jungen spielten deshalb erst noch Kriegen auf dem Fall , sie bewarfen sich mit Sand , sie sammelten die großen Elbmuscheln , die Adam und Eva heißen , sie jagten die Möwen und Krähen auf , die an der Fahrwasserkante saßen , daß sie sich wie eine riesige , schwarz-weiße Wolke über dem Wasser erhoben , sie griffen die Nesen und Weißfische , die in den Prielen schwammen , und wateten in den tiefen Löchern , mit denen der Fall bedeckt war . Zuletzt saßen sie aber wieder auf dem Bordrand und suchten nach flutkündenden Segeln . » Nu ist Stallwoter « , sagte Störtebeker , » kiek , Harm ! « Und er wies nach den Blasen auf dem Wasser , die stillstanden . Dann setzte Donar das Trinkhorn des Riesen ab ( Die Ebbe wird künden von Asenkraft , bis einmal alles vergeht ! sagt die Edda ) , und die Flut kam , die Flut , die Flut ! Zuerst stiegen die Wasserblasen langsam stromauf , unmerklich fast , wie vom Hauch bewegt , aber ihre Geschwindigkeit nahm allmählich zu , wurde stärker und stärker : gelassen wischte das Wasser mit leiser , zaghafter Hand über den Sand und stieg schüchtern über die ersten Sandrillen , besann sich noch , bevor es eine Muschel umspülte , dann aber nahmen Kraft und Strömung unaufhaltsam zu und wurden stark und wild , denn es war Neumond und springende Tide . Wie kletterte das Wasser , wie sprang , wie lief , wie wallte es ! Flot , Schipper , Flot , Flot ! Die Möwen und Krähen erhoben sich in die Luft und flogen davon , ihnen folgten die Störche und Reiher , als das reißende Wasser immer mehr vom Sand fraß . Im Fahrwasser ließen die elbab segelnden Schiffe die Draggen fallen , weil sie die Flut nicht bemeistern konnten : dafür erschienen bei Schulau Dampfer über Dampfer und hinter dem Schweinesand Segel bei Segel . Geruhig saß Störtebeker auf dem Bordrand , baumelte mit den Beinen und ließ die lebendige Flut um seine Füße strömen . » Gliek sünd wi flott , Harm ! « rief er , » kiek mol , wat dat Woter kummt ! « Seines Genossen Besorgnis aber war angesichts der starken Strömung zur Angst geworden , und er wagte es , wieder davon anzufangen , daß sie zu viel Sand eingeladen hätten , daß der Kahn es nicht tragen könne , und daß sie gut täten , etwas auszuwerfen , Störtebeker indessen verzog geringschätzig den Mund , nannte ihn eine Bangbüx und verfolgte mit Freude , wie ein Stück des Sandes nach dem andern im Wasser verschwand . Nun war der ganze Sandfall unter , der Kahn schwamm inmitten der großen Wasserfläche - und schwamm doch nicht , sondern saß fest und rührte sich nicht . Er habe sich am Ende festgesogen , bemerkte Störtebeker , sie wollten doch mal dümpeln , krempelte die Hosen weiter auf und riß an dem Fahrzeug , um es in Gang zu bringen , aber das lag fest wie ein großer Stein und war nicht zu bewegen , so sehr der Junge sich auch mühte . » Wat hebb ik di seggt , wat hebb ik di seggt « , jammerte sein Kamerad , » wi flott ne , wi flott ne , lot uns gau utsmieten ! « » Dat wür scheun ! « sagte Klaus , » kumm hier , ward nix mokt ! « Und er bemühte sich eifriger , den Kahn zu bewegen , er stieg auf die Ducht und nahm den Riemen zur Hand , aber es war , als wenn das Fahrzeug angewachsen wäre , jedenfalls rührte es sich nicht . » Dat is jo rein , as wenn dat Diert behext wür « , scherzte er , als er sich dann aber über den Dollbaum beugte und fand , daß nur noch eine Handbreit nach war , da wurde auch er bedenklich und ging hastiger mit dem Riemen zur Kehr .. » Bang bün ik ober ne « , sagte er ... Der Kahn blieb fest sitzen . Der Macker begann zu weinen : » Wi buddelt af , wi versupt ! « klagte er und begann , um Hilfe zu rufen : » Hilpt uns , hilpt uns ! « Aber der Deich war weit , und die aufsegelnden Fischerjollen waren noch in der Ferne . Wenn nicht ein Jäger in den Binsen oder im Reet saß , wer sollte sie dann retten ? Die Aalfischer waren schon längst zurückgerudert . Störtebeker warf Sand aus . Wie flog die Schaufel , wie blitzte sie in der Sonne , wie flog der Sand , wie spritzte das Wasser auf ! » Hilpt uns , hilpt uns ! « » Nu lot doch bloß mol dien Geschricht van Murd un Dotslag no ! « sagte Störtebeker barsch , » smiet man mit ut , denn sünd wi gliek flott ! « » U , ik bün jo so bang , Klaus ! « » Denn kannst du ne no See hin ! Ik bün keen beten bang ! Smiet doch bloß mit ut , du Knappen ! « Er hatte das Gesicht voll von Wasser und Schweißtropfen , aber er warf unverdrossen aus . » Mol schuben , Harm ! « Sie stemmten sich , auf dem Dollbaum stehend , mit aller Macht gegen die Riemen , und wirklich rührte das Fahrzeug sich jetzt .. » Huroh , wi hebbt em « , rief Störtebeker , » noch een lütt beten , denn geiht de Reis los ! « Er schaufelte emsig , denn die Reling lag jetzt mit dem Wasser gleich , und mitunter spritzte schon eine kleine See in den Kahn . Vielleicht wäre es Störtebeker in seinem Eifer doch gelungen , ihn im allerletzten Augenblick zu retten , aber da kam die hohe , mächtige Dünung eines großen , schwarzen Amerikadampfers , der schon bei Teufelsbrücke qualmte , den Störtebeker bei seiner dringlichen Arbeit aber nicht gesehen hatte , in starken Wellen über den Nienstedter Fall gelaufen , fegte über den Bordrand und füllte den Kahn mit Wasser , wischte den Sand glatt und brachte das Euschfatt zum Treiben . Da war nichts mehr zu machen , obschon Störtebeker das Euschfatt ergriff , um das Wasser auszugießen : es war zu spät . » Wi versupt , wi versupt ! « Sie standen schon bis an die Enkel im Wasser , auf den Duchten . Störtebeker meinte freilich , das wäre spaßig , so auf dem Wasser zu stehen . Er tröstete Harm und sagte , er solle nicht bange sein ; bis das Wasser ihnen an die Knie ginge , wären die Jollen dreimal da und könnten sie holen ; schade wäre es nur um den schönen Sand . Er guckte aber doch mit Besorgnis umher , ob nicht vom Deich ein Boot käme , denn der Wind war still geblieben , und die Segel kamen nur langsam näher . Als das Wasser ihnen bis über die Knie reichte , band er die Riemen an die Fangelleine und hieß Harm sich daran festhalten , damit der starke Strom ihn nicht umrisse . Es war eine böse Lage . Nun begann auch Störtebeker laut zu rufen , nachdem er versichert hatte , daß er nicht bange sei . Aber sie konnten wohl am Deich vor den Eschen und Pappeln nicht gesehen und wegen der weiten Entfernung nicht gehört werden , denn kein Boot ließ sich sehen . Immer höher stieg das Wasser , es reichte ihnen schon an die Hüften . Störtebeker tröstete seinen frierenden Macker , er solle sich an ihm festhalten , damit er nicht über Bord komme . Dann sagte er ihm , sie wollten warten , bis das Wasser ihnen bis unter die Arme gehe : wenn dann noch keine Rettung gekommen sei , wollten sie die Leine losmachen und sich mit den Riemen treiben lassen . » De drägt uns as een Beesenbült « , sagte er zuversichtlich . » Wat is dat Woter kold , wat früst mi ! Hilpt uns , hilpt uns , hilpt uns ! « Störtebeker stützte ihn und hielt tapfer aus , denn die ersten Boote kamen heran und konnten sie am Ende schon sehen . Mehr als an den Riemen klammerte er sich an den Gedanken : ne bang wardn , anners kummst du ne mit no See ! Er begann zu winken ! Da antwortete das erste Boot : der Fischer hob die Hand und steckte schnell die Riemen aus , um durch Rudern schnellere Fahrt zu machen . » Nu hol di fast « , sagte Störtebeker . Bis an die Brust standen die beiden Gesellen im Wasser , als das Boot sie erreichte und Jan Focks Junge , Peter Husteen , sie über den Setzbord zog . » Junge , du kannst wat moken « , sagte er zu Störtebeker , » wat meenst woll , wenn Peter Husteen ne so bannig seilen kunn , denn harrn ji hier doch afsopen as son poor Rotten ! « » Non , denn lot di man een Medallje geben « , antwortete Störtebeker und zog die Riemen ein , nachdem er sie losgeknotet hatte . » Nu büst doch mol bang wesen , wat ? « » Dat lügst du , Peter ! Ik bün ne bang wesen ! Kannst Harm frogen ! Wat schreest du denn nu noch ? « wandte er sich an seinen Leidensgefährten , aber der antwortete nicht , er schluchzte nur noch mehr , denn er dachte an die Schläge , die zu Hause seiner warteten . Daran dachte Störtebeker nicht , denn seine Gedanken waren bei seinem gesunkenen Fahrzeug und den Möglichkeiten , es zu heben . » Segg den Düker man Bescheed « , sagte er am Neß zu dem Fischerjungen , als sie gelandet wurden . Der Empfang , den Gesa , die schon unruhig geworden war , ihrem Jungen bereitete , war nicht ohne , aber er dachte : Utschillers deit ne weh , un Togels durt ne lang , und sagte schließlich , als er wieder seine Prügel hingenommen hatte , ohne auch nur ein einziges Mal zu schreien , und sich zum Abendbrot hinsetzte : » Bang wesen bün ik ober doch keen beten , Mudder ! « Den andern Tag ging der Jäger los , um den Kahn zu bergen . Störtebeker wollte ihn mit aller Gewalt begleiten , und weil er das nicht sollte , wurde er zuletzt in den Keller gesperrt und mußte einen Tag brummen . Neunter Stremel . » Der Allmächtige , der Herr der Götter , vor dem der Engel niederfällt , Gott redet donnernd aus dem Wetter und ruft voll Majestät der Welt ! Anbetend sinkt der Erdkreis nieder , der Wald ertönt , es bebt die Flur ! Und Blitze sagen ' s Blitzen wieder ; Gott ist der Herrscher der Natur ... ... u , wat een harten Slag ok doch ! Klaus , ik bitt di üm allens inne Wilt , stoh doch up ! Kiek doch mol , wat dat lücht ! De ganze Heben steiht in Für un Flammen ! « Störtebeker aber , der im Bett lag , sagte mürrisch : » Lot mi doch slopen , Mudder , ik bün so so meud ! « Und er machte die Augen wieder zu . Sie las mit bebender Stimme im Gesangbuch weiter und fuhr bei den harten Donnerschlägen ängstlich zusammen . Der warme Sommertag hatte ein Gewitter gebraut , das gegen Abend in einer dunkelblauen , schweren Wolkenwand mit den unheilvollen , weißen Flecken auf der Elbe stand . Es wetterleuchtete schon in der Dämmerung : nun es Nacht geworden war , griff es mit Riesenhänden über den Heben und brach mit Regen-und Windflagen herein . Ununterbrochen blitzte es an allen Ecken , und der Donner rollte in einem fort , bis zuzeiten ein scharfer Knall alles Grollen übertönte . Überall am Deich hatten die Frauen sich erhoben , die Kinder notdürftig angekleidet und saßen nun in Angst und Bangnis bei dicht verhängten Fenstern , laut betend . Denn die Gewitter sind schwer auf der Elbe , sehr schwer : sie liegen wie verankert über dem Eiland und sitzen wie in einer Mausefalle , die von den Blankeneser und Harburger Bergen und den Häusern und Türmen von Hamburg gebildet wird . Sie können weder vorwärts noch seitwärts : wie wirbeln sie da hin und her ; wie gefangene Tiere toben sie und bleiben stundenlang liegen . Sie müssen sich über dem Eiland austoben , das flach wie ein Teller und naß wie ein Keller ist und keinerlei Ausstrahlungspunkte hat . Der Wind vermag sie nicht zu vertreiben , sie liegen steinfest , ja , sie ziehen mitunter trotzig gegen die Luft . Nur die Flut hat Gewalt über sie : die nimmt sie mit und drängt sie mit Gewalt über Hamburg hin : aber bis es Flut ist , oft stundenlang , wankt und weicht selten ein Gewitter . Licht auf Licht fiel vom Heben , der Regen rauschte auf dem Wasser , wenn die Donner einen Augenblick schwiegen , der Gewitterwind brauste durch die Bäume , und die Fenster klirrten bei den harten Schlägen . Oft bebte das Haus in seinen Grundfesten . Gesa saß in der Küche , bei dicht zugezogenem Fenster , damit sie die grellen Blitze nicht so scharf sehen konnte , und las laut , denn sie war bange vor Gewittern . Sie war angekleidet und trug ihr Geld , ihre Papiere und ihr Sparkassenbuch in der großen Tasche unter der Schürze , damit sie wenigstens etwas rette , wenn es einschlüge . Störtebeker blieb geruhig im Bett liegen , denn Gewitterfurcht hatte sein Vater ihm ausgeredet . Ein furchtbarer , blauer Blitz , ein kurzer , entsetzlich knallender Schlag : es mußte in der Nähe eingeschlagen haben ! » Klaus , nu steihst du batz up ! « Gesa lief in die Schlafkammer und holte den Widerstrebenden aus den Federn , suchte sein Zeug her und drängte ihn in die Küche . Da konnte es denn nicht helfen , er mußte sich unter Blitz und Donner anziehen : er nahm aber die Gelegenheit wahr und holte seine Siebenmeilenstiefel her , damit er draußen waten könne , wenn es einschlüge , wie er sagte . Recht war es ihm nicht , er hätte lieber geschlafen . So sah es ja aus , als wenn er bange wäre , er konnte ja morgen nicht zu den Jungen sagen : » Ik bün beliggen bleben ! « » Hür doch mol , Klaus , wat dat innen Schosteen pultert ! « » Jo , dat is meist , as wenn de Schosteenfeger dor togangen is « , sagte der Junge in schläfrigem Ton , » lot mi man wedder to Koi gohn ! Vadder geiht bit Gewidder ok uppen Bitt , seggt he ! « » Non , un wat dien grote Vadder deit , dat müßt du ok dohn , ne ? « » Jo , dat is gewiß , Mudder ! « » Wat een Slag ! « » Junge , jo « , sagte Klaus anerkennend , » dat wür een eulichen ! Petrus hett alle Negen smeeten bit Kegeln ! « » Junge , lot den droken Snack ! « » Err , - hett Vadder ober seggt ! « » Jo , neem dien Vadder woll klüst bi düt Wedder . « » De , Mudder ? De is up See un hett all de Seils dolsmeten un ligt inne Koi un slöppt ! « » Dat gläuf man ne ! « » Dat gläuf man jo ! He hett mi dat sülben seggt . Büst du denn fix bang , Mudder ? « » Och , Junge , ik zitter un beef annen ganzen Lief . « » Wat kann dat angohn : ik bün gor keen beten bang , Mudder ! « » Wennt obers insleit , Klaus ? « » Sleit ne in , Mudder ! « Wieder knallte der Donner . » Wees still , Junge ! Wat ut di un dien Vadder noch mol wardn schall , weet de lebe Gott : ji sünd beid veel to driest ! « Du un dien Vadder , - das hörte Störtebeker am liebsten ... Das Gewitter stand nun steil über ihnen , und die Blitze jagten einander . » Nu hett dat inslogen ! Nu hett dat gewiß inslogen « , rief Gesa bei jedem Knall , bis Störtebeker es zuviel wurde . » Wennt jedesmol inslogen harr , müß ganz Finkwarder woll all upfluckert wesen « , sagte er , schlug die Vorhänge zurück und guckte in die Nacht hinaus . Gesa prallte zurück vor dem grellen Feuer , er aber sah geruhig in die Blitze : er wußte von seinem Vater , daß sie ihm nichts taten . » Brinnt gornix , Mudder ! Kiek , een ganzen gelen ! Junge , de süht ut ! Heitmann , wat is dat : inne Besen dor blitzt dat ? Junge , eben son ganzen kwatterwatschen , Mudder , ik gläuf , dat würn Kugelblitz ! « » Klaus , mok de Kolosen to , innen Blitz kieken , dor kannst blind van wardn . Dink leber mol an dien Vadder , du ! « » An Vadder dink ik jümmerto . « Störtebeker wurde gesprächiger . » Bi sun Gewidder loopt de Ool fix , Mudder . Morgen sitt de Körf vull . Un de vunnacht pöddert , de kriegt gewiß söben Ammers vull ! Un de Buern ward all de Melk sur vunnacht : morgen möt wi swarten Kaffe drinken ! « Unter Blitz und Donner schlichen so zwei Stunden hin , dann , als es bald hell werden wollte und der Hahn schon einmal gekräht hatte , verstärkte sich das Toben , der Wind schwoll an , und der Hagel prasselte gegen die Scheiben . » Schullt woll al Floot wesen ? « fragte Störtebeker und holte den Hamburger Almanach hinter dem Spiegel hervor . Die Mutter sah nach : » Jo , is Floot ! Gott Loff un Dank , nu tütt dat Gewidder woll weg , nu kummt de Wind dor woll achter ! « Der Junge horchte auf , denn er wollte gern zu Bett . Plötzlich sagte er , er wolle mal ausgucken , ob die Wolken schon zögen , stand auf und trat ungeachtet des mütterlichen Widerspruches aus der Tür , in den nachlassenden Regen hinein . Der Deich war aufgeweicht und bildete eine große Pfütze . Am Heben war nicht viel zu unterscheiden , aber das Schlimmste schien überstanden zu sein , denn die grellsten Blitze glommen jetzt im Osten und der Donner rollte verhaltener . Störtebeker blickte nach der Elbe und sah zwei dunkle , große Segel unweit des Bollwerks : ein Ewer segelte vorbei . Da hörte er in einem donnerschwachen Augenblick , wie die Kette durch die Klüse rollte , scharf und deutlich ! Da wußte er , daß es sein Vater war , und er rief , so laut er gröhlen konnte : » Höh , Vadder ! Höh , Vadder ! « Und vom Wasser antwortete es : » Höh , Störtebeker ! « Er stürmte ins Haus : » Mudder , Mudder , Vadder is hier ! He ligt hier afward ! Kiek man bloß mol ut ! « » Ist wohr , Klaus ? « » Jo , jo , he ist ! Ik hebb ober em ropen , un he hett mi eben antert , « - damit sauste er hinaus , und als sie auf der Schwelle stand , mit der Schürze über dem Kopf , da war er schon Gott weiß wie weit , da war er schon nach dem Sielgraben gelaufen , hatte seinen Kahn , den glücklich geborgenen , losgemacht und wriggte im Regen nach dem Ewer hinaus , dessen rote Seitenlaterne sein Kompaß war . » Vadder , ik komm all ! « Die Reise dauerte einige Zeit , denn er mußte den reißenden Flutstrom überwinden , dann aber stand er an Deck zwischen den Seefischern , die tief im Ölzeug steckten und deren Gesichter glänzten . Er stand bei ihnen , als sie die Segel fierten , und achtete des Regens nicht , er nahm Hein Mück die Laternen ab , trug sie nach der Diele und pustete sie aus , und er legte Hand mit an , als sie das Boot vom Deck setzten . Was kümmerten ihn Regen und Blitz , was ging ihn der Donner an , er war ja bei seinem Vater an Bord ! Als die erste Arbeit getan war , wollten Knecht und Junge sich niederlegen , aber Klaus Mewes nahm sie mit an Land , denn wenn Gesa auf war , konnten sie auch erst noch Kaffee trinken . Als sie abstießen , Störtebeker als Lotse mit seinem Kahn voran , standen über Blankenese schon einige Sterne : das Gewittergewölk saß über Hamburg . Der Regen hatte aufgehört . Im Reet piepten die Wasserküken , am Nienstedter Loch lärmten die jungen Möwen , und im Fahrwasser tutete ein Dampfer . Binnendeichs schrie eine katernde Katze in wilder Leidenschaftlichkeit . Die Linden tropften noch , als sie auf dem Deich angelangt waren . Gesa stand in der Tür , warm und licht im Schein der Lampe , und wirklich , sie hatte keine Angst mehr , nur noch Freude in den Augen . Wie lieb erschien sie Klaus Mewes , der eine ganze Nacht nur in Blitze gesehen und nichts als Regen gehört hatte , wie freute er sich ! Als die Leute und der Junge in die Küche gegangen waren , hielt er sie fest , zog sie aus dem Licht heraus und nahm sie unter den leckenden Linden in die Arme . Drinnen aber öffnete Kap Horn seinen Packen , den er mitgebracht hatte : da war das Ölzeug , das er gemacht hatte , da war eine Ölbüx , lang und weit genug , da war ein Ölrock mit großen , blanken Knöpfen , da war ein Südwester mit blauen Sturmbändern , alles hellgelb und noch klebend , aber Störtebeker probte es doch gleich an , damit er wußte , wie es paßte . Er zog die Hose mit dem Strick zu , ließ sich von dem Knecht die drang gehenden Knöpfe zumachen , und setzte den Südwester vor dem Spiegel auf . Er zupfte und riß an dem Zeug herum , endlich aber war er fertig und ging vor dem Spiegel auf und ab wie ein Staatsminister . Knecht und Junge lobten ihn und sagten , nun wäre er ein kleiner Fischermann ; ihm fehlte aber noch das gewichtigste Urteil , das seines Vaters . » Schipper , wat ist , könnt wi nu anmustern ? « rief er übermütig und guckte um die Ecke . Sein Vater und seine Mutter ließen einander schnell los , denn sie hatten noch nie vor dem Jungen geliebkost . Sie kamen herein und bestaunten ihn . Sogar die Mutter mußte über ihn lachen , als er so freiherrlich dastand . » So , Vadder , Stebeln un Eultüch hebb ik : nu kannt no See gohn ! « » Jo , Störtebeker , nu ist so wiet , - nu kummst du mit no See ! « sagte Klaus Mewes und sah Gesa groß und gewaltig an , daß sie fühlte , dagegen gäbe es ebensowenig ein Auflehnen wie gegen das Schicksal selbst . Sie schwieg , aber in ihrer Seele schrie es nach ihrem Mutterrecht . » Mudder , du hest hürt ? Kap Horn , du hest hürt ? Hein Mück , du hest hürt ? Ji hebbt alltohoopen hürt : ik schall mit no See , ik schall mit no See , huroh ! « rief der Junge , setzte den Südwester ab , unter dem ihm reichlich warm geworden war , und sprach im Tonfall seines Vaters , mit verstellter , grober Stimme : » Non denn so wiß : ich selbst bin Klaus Störtebeker ! « - daß alle lachten . Beim Kaffeetrinken kamen freilich auch seine letzten Schandtaten an den Tag , darunter als Hauptstück die große Haverei . Kap Horn aber erhob den grauen Kopf und sprang ihm bei : er sähe kein Unrecht darin , denn der Junge habe es gut gemeint . Und Klaus Mewes nickte und sagte , wenn die Sache vor ein Seeamt käme , erhielte Störtebeker ein Lob wegen seiner Umsicht und Ruhe . Anderseiner wäre dabei ertrunken , meinte Hein Mück , um auch etwas zu sagen . » Non , denn ist god , he kriegt jo mol wedder recht « , sagte Gesa , in deren Herzen die Bitterkeit wieder aufstieg , » denn nimm em hin ! Goht hin un verdrinkt alltohoopen ! « Die Tränen kamen ihr . » Ochott , wat ist een Hartleed mit mi arme Froo ! Klaus Mees , Klaus Mees , du weeß ne , wat du deist , un dinkst noch mol an mi . Uns Herr Christus is bloß eenmol för di storben : ik starf jede Nacht üm di ! Un nu wullt du mi ok noch den Jungen nehmen ! « Klaus Mewes aber ging es wie dem wallensteinischen Kürassier : wo sie die Not nur sah und die Plag , schien ihm des Lebens heller Tag . Unbeirrt ging er in der Küche auf und ab , als die Leute wieder an Bord waren und Störtebeker schon schlief . Er begriff es nicht , daß sie immer wieder umkehrte auf dem Wege zur Sonne . Er dachte an seinen Großvater , der geblieben war , an seinen Vater , der verschollen war , als er vierzehn Jahre alt war , an seine Stürme und Unwetter - und fand sein Leben doch groß und stark und schön , daß er sich kein anders wünschte und auch seinem Jungen kein andres verschaffen wollte : Klaus Mewes war ein Fischername , und die ihn trugen , sollten immerdar Fischer bleiben . » Gesa ? « » Wat schall ik noch ? « Sie war müde , körperlich und seelisch . » Wat kummst du merden inne Nacht mit son Gedanken vertüch ? Seefischerfroo dött ne bang wesen , dat weeß du doch ? « » Bün ik een Seefischerfroo , Klaus Mees ? « Sie schüttelte trübe den Kopf , als wenn sie hinzusetzen wolle : ich bin keine und werde niemals eine werden ! » Noch ne , Gesa , ober du wardst noch een ! Weeß wat , Diern ? Goh mit an Burd ! Man to ! Denn sünd wi uppen Dutt un brukt ne uppenanner to teuben ! Man to , büst jo so jung un so stark ! Goh mit ! Schallst mol sehn , wo moi dat up See is ! « Er faßte sie bei den Händen an , aber sie wich seinen Blicken aus und schüttkopfte . » Ik kannt ne , Klaus , gläuf mi dat ! Mi groot all vör de Elw , wat schull dat ierst up See wardn ? Ik bleew vör Angst dot ! « In dieser Nacht hatte Klaus Mewes zwischen seiner Frau und seinem Kinde zu wählen , und er wählte den Jungen . * * * Bei ihm , dem sturen Fischer , gab es keinen langen Streek an Land : wenn er Proviant eingenommen hatte , lag er nicht lange am Neß , sondern ging mit der ersten Tide seewärts , um möglichst schnell wieder in die Fischerei zu kommen . So begann er auch diesmal sofort mit der Ausrüstung , als er mit seinem Ewer von Altona gekommen war . Kap Horn , der Janmaat , war es zufrieden , daß sie schon abends fuhren , obgleich er dann eine Hochzeit versäumte , bei der er auf der Harmonika spielen sollte . Er war aber kein Passatmatrose , der nur bei gutem Wetter etwas taugte , sondern er stand jederzeit seinen Strängen . Und Störtebeker ? Das zu sagen , erübrigt sich : ihm dauerte dieser Tag schon zu lang , und er hätte am liebsten gesehen , wenn sie schon mittags den Anker aufgehievt hätten , denn je länger es dauerte , desto eher konnte noch etwas dazwischen kommen und er womöglich noch wieder abgemustert werden . Nur einem paßte der Kram nicht , dem guten Hein Mück , der auf einen Sonntag gehofft hatte . Ihn verlangte nach der Musik , denn er hatte plenty money in der Tasche und wollte den Bauernknechten mal preußische Taler unter die Nase