müde und strebte einer Bank zu . Sie wußte , daß sie um jene Ecke herum eine finden würde , beschleunigte ihre Schritte , wandte sich , wie der Weg es wollte , - stand vor der Bank . Die war besetzt . Und der darauf saß , den kannte sie . Er sprang auf und stand vor ihr , in seiner ganzen Länge . » Sie ? « Einen Augenblick war die Erinnerung angstvoller Zeiten schreckhaft in ihr aufgefahren . » Warum nicht ? « » Was - führte Sie - hierher ? « » Nichts . Mich führt seit langem nichts . Aber manchmal jagt es mich - von irgendwoher nach irgendwohin . « » Und können Sie - so beliebig gehen , wohin Sie wollen ? « » Überallhin , wo man sich nachts mit der Geige ernähren kann . « » Noch immer - das ? « » Was sonst ? « Sie gingen nebeneinander her . War es die Friedensfülle der Landschaft , die sie so eindringlich aufgenommen hatte , und die jetzt diese dunklen Gefühlswellen , die in ihr aufgestiegen waren , in sich zusammensinken ließ , daß sie wesenlos zerflossen ? ... Er erkundigte sich nach ihrem Leben hier , und sie berichtete . Sie sagte ihm sogar , wohin sie ging , - zu der Versammlung des » Bundes « ; und , wie einst , hörte er ihr mit verstehender Fühlung ihres Wesens zu . Die Erquickung des milden Abends erfüllte beide , und es war vielleicht im gleichen Augenblick , daß die beiden Menschen wußten , daß hier ein banges Stück Vergangenheit von einer neuen , vernunftstarken Gegenwart hochgehoben , umgewandelt und zu einem brauchbaren Stück Leben verändert worden war . Als sie sich , am Ende des Tiergartens , zu Beginn der Bellevuestraße , die , an den modernsten Hotelpalästen vorbei , in das Innere des Westens zum Potsdamer Platz führt , trennten , waren sie sich klar geworden und hatten es ausgesprochen : daß sie sich wieder sehen würden und daß sie es durften ; daß das » Alte « nimmer aufleben würde und konnte , - daß aber eine gute Freiheit zwischen ihnen war , die die Fremdheit hob und ihnen gewährte , einander sonder Scheu zu berichten , durch welche Tage ihre Wege sie führten . An diesem Abend nahm sie an der Diskussion teil , trat zum erstenmal in Berlin als Rednerin auf . Man kannte in der Frauenbewegung ihren Namen . Sie griff in einer Art in die Polemik ein , die nicht gewöhnlich war ; gerade an jenen Stellen des Referates , - das ein holländischer Gelehrter über das Problem des Neomalthusianismus gehalten hatte , - gerade an jenen Stellen , welche mehrdeutiger Auslegung unterlagen , setzte sie ein , hob das einzig Wesentliche heraus , trassierte mit schnellen , kräftigen Zügen die unausgesprochenen Voraussetzungen und Folgerungen des Vortrages und leitete so , aus materialreicher Fülle , zu den reinen Linien der Idee , der diese Fülle nur Gewandung gab . Sie sprach , - im Gegensatz zu der gewöhnlichen Art der » Rechtlerinnen « - vollkommen phrasenfrei , beinahe nüchtern ; ihr großes und doch gedämpftes Organ , das glatt , schallend , mühelos den Saal beherrschte , diente ihr wie ein willfähriges , zureichendes , nie versagendes Instrument . Sie gewann , sowie sie das Podium betrat , auch an physischer Persönlichkeit . Die Gestalt , in einem dunkelblauen Kleid von modernem Reformschnitt , den sie erst in Berlin genau kennen gelernt hatte , schien kräftig und beweglich ; das Gehäuse des Kopfes , unter dem Minervahelm ihres kupfernen Haares , zeichnete sich in bedeutenden Konturen ; die dunklen Augen , die bei der ersten Anregung des Sprechens aufleuchteten , sich dann mählich tief umflorten , bekamen eine Art von gläubigem Ausdruck . Am Schluß der Versammlung lernte sie die führenden Personen der Bewegung kennen : neben ihnen auch andere . Ein vornehmes Ehepaar fiel ihr auf , das mit drei blühenden , schönen Töchtern zwischen 16 und 22 Jahren hier anwesend war ; dann eine alte , kleine Dame , die auf Krücken ging ; sie erzählte ihr von ihrem Sohne , der mit seiner Frau in einem Dorf in den Appeninen lebt ; er sei Schriftsteller . Sie , die Mutter , hatte sich bis zu einer schweren Krankheit , die sie der Bewegungsfreiheit beraubte , niemals wesentlich um Fragen der Allgemeinheit bekümmert ; sie war früher leidenschaftliche Skatspielerin gewesen ; aber als sie nicht mehr ihre gewohnten Wege gehen konnte , mehr als ein Jahr gelähmt ans Zimmer gefesselt war und die früheren Skatgenossen ausblieben , da habe der Sohn , der damals noch zu Hause war , sie mit Büchern versorgt , die ihr Interesse für diese Fragen so geweckt hatten , daß sie nun , in ihren alten Tagen , fast einen neuen Lebensinhalt gewonnen hatte ; der Sohn selbst hatte sich einer ihm heiligen Dreieinigkeit verschrieben : seiner Frau , - Italien - und der Dichtkunst , vor allem der Lyrik , die er fast ausschließlich pflegte . Frau Ullmann erzählte das alles in ihrer schnellen , etwas monotonen Art , während sie schon das schwarze Kapotthütchen auf dem spärlichen Scheitel hatte , und sich fest auf ihre Krücken stützte . - - - Eine Dame von bräunlichem Teint , gelbgefärbtem Kraushaar , kleiner Gestalt , mit Geschmack gekleidet - Fräulein Gerber - stellte sich Olga als » Kampfgenossin « vor . An der Plauderstunde im Café , die den Abend beschloß , nahm noch ein Reichtagsabgeordneter , ein freigesinnter Pastor , und der Vortragende selbst teil , - ein seit Jahren in Holland ansässiger Deutscher , mit scharfgeschnittenem , grauhaarigem Charakterkopf . Nicht mehr mit ins Café gegangen war die Vorsitzende . Diese alte Frau war es , deren Erscheinung Olgas tiefstes Interesse wachgerufen hatte , seit sie sie zum ersten Mal in dieser Vereinigung erblickte . Erst heute hatte sie Frau Dr. Wallentin persönlich kennen gelernt . Sie mochte von den Siebzig nicht mehr weit sein ; die zarte , fast mädchenhafte Gestalt war in ein schwarzes Samtkleid gehüllt , das in antikem Schnitt an ihr herabfloß ; weiße , beinahe jugendliche Arme sahen aus den weiten Ärmeln hervor , nur an den Händen sah man das Alter wieder . Die großgeschnittenen Züge waren von dem erfüllten Blick leuchtender , blauer Augen durchstrahlt ; silbrigweißes Haar fiel , in langen Locken , frei auf die Schultern herab . Diese Frau , die Vorsitzende des Bundes , war die Gattin eines verstorbenen Forschers , Dr. Wallentin , Weltreisenden und Entdeckers unbekannter Erdstriche , gewesen . Sie war die Mutter dreier Söhne , von denen nur einer in Berlin war und zeitweilig mit seiner Frau , einer schwedischen Dichterin , im Bunde erschien . Die beiden anderen Söhne , - der älteste , der als Soziologe einen bedeutenden Ruf hatte und der jüngste - befanden sich , wie man hörte , auf einer Weltreise , deren Zweck nicht bekannt war . Die Gattin des ältesten Sohnes , Frau Lucinda Wallentin , lebte in Berlin , stand aber den Bestrebungen ihrer Schwiegermutter und ihres Gatten so fern , wie nur irgend denkbar ; sie führte ein Haus , in dem lediglich formalästhetische , sowie okkulte und mystische Interessen gepflegt wurden . Die Wallentins galten als reich , und Mutter und Söhne verwendeten , so hieß es , ihre Mittel vor allem für ihre großen , sozialpolitischen Pläne . Ihre aktive Teilnahme an der Versammlung brachte Olga in Beziehung zu all diesen verschiedenen Menschen und erweckte ihr Interesse an ihnen in hohem Grade . Am Ende der » Tafel « , die durch das Aneinanderrücken einiger runder Kaffeehaustische entstanden war , saß , zwischen Fräulein Gerber und einer Dame , die eindringlich , ja fast aufgeregt auf ihn einsprach , der holländische Professor . Obwohl er eine verbindliche Miene beibehielt , rückte er doch unbehaglich auf seinem Platz hin und her und ließ den Blick über die Tischgesellschaft wandern , als erwarte er von da Ablösung von seinem Posten . Denn sowohl Fräulein Gerber , die mit süßlichem Lächeln , das keinen Moment von ihren Lippen wich , da saß , als auch die andere Nachbarin ließen den Gast keinen Augenblick locker . Während aber Fräulein Gerber meist persönliche Bemerkungen , in Form schmeichelhafter Phrasen , von sich gab , sprach die Dame , die sich an der anderen Seite des Professors niedergelassen hatte , über das Thema des Abends mit dem Rüstzeug einer Ausdrucksweise , die einen wissenschaftlichen Anklang hatte ; besonders solche Ausdrücke , die dem Gebiet der Physiologie entnommen waren , wendete sie häufig an . Sie war den meisten der Anwesenden nicht bekannt , hatte sich als Frau Dr. Bergmann vorgestellt . Offenbar war sie der Vorsitzenden nicht fremd , da ihr Frau Dr. Wallentin beim Verlassen des Versammlungslokals freundlich die Hand gedrückt hatte . Sie unterschied sich von den anderen Damen wesentlich durch ihre Kleidung . Denn während die meisten der anwesenden Frauen im Stil der neuen Frauentracht , die von Berlin aus langsam ihren Weg ins Gebiet der konventionellen Mode nahm , gekleidet waren , - farbensatte Stoffe trugen , von einem Gürtel unterhalb der Büste gerafft , deren Blusenteil häufig mit jenen neuartigen , dichten Handstickereien , in farbiger Seide oder in metallischen Borten , bedeckt war , die diesen fließenden Gewändern den Eindruck leichter Konfektion benahmen , - trug Frau Dr. Bergmann einen schweren , grauen Lodenrock , in dem eine gewöhnliche , herrenhemdartige , gestreifte Bluse steckte , dazu einen steifleinenen Stehkragen und einen schwarzen Ledergürtel . Auf dem Kopf , um den das natürlich gekräuselte , hellbraune Haar herumstand , saß ein grünes Jägerhütchen , dessen kurzflügeliger Federnschmuck hinten hochstand und der noch jugendlichen Frau mit den nicht unsympathischen Zügen einen Stich ins Komische gab . Frau Dr. Bergmann hatte sich am Schluß der Versammlung auch Olga vorgestellt und nickte ihr nun wiederholt mit der Miene einer alten Kameradin , die ihrer Befriedigung mit ihr Ausdruck geben wollte , zu . Olga saß am anderen Ende des Tisches mit dem Ehepaar , das ihr mit seinen drei schönen , lebhaften Töchtern aufgefallen war , - es war die Familie eines Hamburger Großkaufmanns , der sich ins Privatleben zurückgezogen hatte . An derselben Ecke saßen auch das Reichstagsmitglied und der graubärtige , revolutionärgesinnte Pastor . Olga wunderte sich über die vertraulich erscheinende Art , mit der ihr Frau Dr. Bergmann zunickte , und betrachtete , von ferne , interessiert ihr Gesicht . Aus dem Oval sprang eine Nase heraus , die sich stark zum vorgerückten Kinn herabbog ; auffällig war eine kleine Unregelmäßigkeit der braunen Augen , deren eines ein wenig höher saß , auch etwas kleiner war , als das andere . Diese Augen verrieten eine Unruhe , die der freundlich lächelnde , schmallippige Mund nicht zu bestätigen geneigt schien . Die Muskulatur der einen Gesichtshälfte , in der das größere , tiefergelagerte Auge saß , war etwas kräftiger entwickelt , als die der anderen . Trotz dieses Mangels an Symmetrie war das Gesicht nicht ohne Reiz . Kurz vor Abgang der letzten Vorortzüge brach die Gesellschaft auf . Man sagte sich draußen , vor dem Portal des großen Cafés , in dessen Sälen sich die Menschen noch stauten , Adieu . Der Potsdamer Platz war überfüllt vom Verkehr ; ein dünner , linder Regen fiel , und der nasse Asphalt glänzte in der Lichtflut . Olga strebte an der Kreuzung der Königgrätzer Straße mit dem Potsdamer Platz über den Fahrdamm . Drüben angelangt , bedachte sie sich einen Augenblick , ob sie in eine elektrische Bahn einsteigen sollte . Aber nach dem langen Aufenthalt in den rauchigen Sälen , war das Bedürfnis nach frischer Luft zu stark in ihr . Sie beschloß , aus dem Trubel heraus , in die ruhige Tiergartenstraße abzubiegen und zu Fuß zu gehen . Sie wohnte in der Nähe des Lützowplatzes , den sie durch den Tiergarten auf gutbeleuchteten Wegen erreichen konnte . Während sie durch die kurze , verbindende Bellevuestraße ging , vorbei an den glänzend erleuchteten Hotelvestibulen , schien es ihr , als folge ihr jemand mit leichten , eiligen Schritten dicht auf dem Fuß . An der Ecke , an welcher die Bellevuestraße in den Tiergarten einmündet , gerade da , wo sich vor etwa sechs Stunden Koszinsky von ihr verabschiedet hatte , war es , daß sie von hinten ihren Namen rufen hörte . » Fräulein Diamant ! « Es war eine Frauenstimme , in hohem , scharfem Diskant , die sie anrief . Die Stimme betonte und verlängerte das i und hackte , nach norddeutscher Art , die Vokale ohne verbindenden Hiatus scharf auseinander , so daß es klang » Dii-amant . « Die Angerufene blieb stehen , wandte sich um und fand sich Frau Dr. Bergmann gegenüber . » Ich bitte Sie , - - mich nicht der Dreistigkeit zu zeihen , - aber es drängte mich , Ihnen Aug ' in Aug ' gegenüberzustehen ; auch haben wir , denke ich , ein gut Teil Weges gemeinsam . « » Zeihen - - Aug ' in Aug « - - Olga fielen sowohl die Stimme als auch diese Wendungen auf . Frau Dr. Bergmann trabte nun , die Hände in die schrägen , tiefen Taschen ihrer Lodenjoppe versenkt , ohne Schirm , mit ihren kurzen , eiligen Schritten neben ihr her . Olgas Einladung , mit unter ihren Schirm zu kommen , lehnte sie ab . Sie bediene sich nie eines Schirmes . » Als ich Sie heute sprechen hörte , « begann sie nach kurzer Pause , - - » da hatte ich den Eindruck : voilà , hier steht ein Mensch . « Olga wußte nichts zu erwidern , und Frau Dr. Bergmann fuhr fort . » Und weil ich nach einem Menschen - - dürste , so sagte ich mir , - - eh bien , Erika , fasse Mut ! - - Und darum bin ich jetzt hier , - neben Ihnen . « Sie legte den Kopf auf die Seite und wandte Olga , mit eindringlichem Lächeln , ihr Gesicht zu , so daß sie im Schein der Gaslaterne das Flackern ihrer Augen sehen konnte . Ihr Interesse an Frau Dr. Bergmann wurde durch deren Bemerkungen nicht gerade verstärkt . Die manirierte Art ihrer Ausdrucksweise empfand sie als peinliche Reizung ihrer Nerven , die sie nach dem lebhaften Abend mit besonderem Unbehagen erfüllte ; sie hätte jetzt gerne Ruhe gehabt . Aber es wäre ihr ganz ungehörig erschienen , irgendeine Seele , die sich , um menschlichen Anteil bittend , an sie wandte , abzuweisen . Und so sagte sie : » Es soll mich freuen , wenn ich Ihnen nützen kann . « » Nützen - - o du grundgütiger Gott ! Ich brauche keinerlei Nutzen von irgend jemand . « » Der Verkehr von Menschen , der für alle Teile ganz nutzlos bleibt , kann wohl als sinnlos und überflüssig gelten . « » Da haben Sie recht , meine sehr Verehrte « , rief Frau Dr. Bergmann lebhaft und es klang aufgeregt , bestärkend . » Ja , ja , - - selbst eine Beziehung , die der ganzen Welt sinnlos scheint , braucht es nicht zu sein , wenn - - wenn - - dieser heilige Nutzen für die Seele da ist , von dem Sie wohl sprechen ; o davon wüßte ich viel zu sagen , - - viel , viel . « Da Olga schwieg , fuhr sie fort : » Und gerade Ihnen möchte ich das alles sagen , - - denn Sie , - - Sie unter allen , werden verstehen , was den anderen - über den kleinen Horizont geht . « » Ich bin dessen nicht ganz so sicher « , meinte Olga , als wolle sie sich den Bekenntnissen , die nun offenbar folgen sollten , entziehen . Aber vergebens . Frau Dr. Bergmann kam jetzt in immer stärkere Erregung , sie schien sich an ihren eigenen Worten zu entzünden , - beinahe gewaltsam , als wolle sie sich Gehör und Verständnis erzwingen , rüttelte sie an der Zurückhaltung der anderen : - - - - - » Das einfache Wesensgeschehen - - daß eine Frau einen Menschen findet , - - bei dem sie das Gefühl hat - - daß er ihr das Paradies , Leben zu erschließen vermag , - - daß sie zu diesem Manne strebt , - ohne Besinnen - - unter vollständiger Preisgabe von allem , was sie bisher besaß , - - daß sie an die Macht ihres Willens unfehlbar glaubt , - daß sie ihre Liebe hegen will , solange ein Atemzug in ihr ist - - solange noch eine Nervenfaser in ihr vibriert - - daß sie glaubt , ja weiß - - « , hier zuckte ihr Gesicht , wie vom Krampfe verzerrt , - - » daß er dieser Liebe folgen muß , - - das - das ist es , was die - - Geringen , - die Kreaturen des Alltags - - nicht begreifen wollen , - - wofür sie sie gequält haben , mit lächerlichen Fragen . - - « Und angstvoll drang sie in sie ein : » Aber Sie - - Sie begreifen ? ! « » Es ist nichts Neues und nichts Unbegreifliches , daß eine Frau , um der Liebe willen , alles preisgibt , was sie bisher besaß . « » Sehen Sie , - - sehen Sie - - ich wußte , Sie würden mich verstehen ! « frohlockte Erika . » Aber - - Sie sagten da etwas von der Macht des Willens , - derer es bedarf , daß der Mann dieser Liebe folge , - - und das ist mir nicht ganz klar , meinte Olga . « » Er wird , - - er wird , - - er muß ja « , stieß die andere hervor . » Er muß , - wie ist das zu verstehen ? Will er denn nicht dasselbe wie Sie ? « Unwillkürlich war sie stehengeblieben . Der Regen rauschte auf die Blätter der Bäume nieder . Unruhig warf Erika den Kopf zurück . » Ach Gott , - - daß sind diese Fragen , die mir so - - so überflüssig erscheinen . « » Verzeihen Sie - aber wenn Sie selbst sich so weit mitteilen , - so sind solche Fragen wohl unvermeidlich . « » Vergeben Sie , - o vergeben Sie ! Sie haben ganz recht ! Ich meinte nur , - ein Weib von Delikatesse bedarf nicht erst der Versicherung eines Mannes , - - daß - - er - - sie liebe . « » Nicht in Worten , gewiß nicht , - - aber in Taten . « » Auch das nicht . « Olga sah sie erstaunt , beinahe erschrocken an . Geheimnisvoll , im Flüsterton , fuhr Erika fort : » Ein großgeartetes Weib - - wissen Sie - - wird hingehen - - wird ihm tief ins Auge blicken - - wird vielleicht - - sagen : - - ich liebe Sie , « - - die Stimme hob sich wieder zum schrillsten Diskant , - - » ich liiiebe Sie - - und muß darum meinen Mann und mein Kind verlassen . « » Und was ist ' s mit dem Manne , dem diese Frau ihre Liebe auf solche Art bekennt ? « Erika zuckte scheinbar gleichmütig die Achseln , aber aus ihrem gehetzten Blick kroch Qual über ihr ganzes Gesicht . » Er , mein Gott - - er handelt , wie ein Mann seiner Art eben handeln muß , er - - er - - « es schien , als grabe sie angstvoll in sich selbst nach , - - und dann kam es wieder , geheimnisvoll und überzeugt , von ihren Lippen : » Er prüft mich . « » Wodurch ? « » Ja sehen Sie , eine andere würde - - wankend werden , wenn - - wenn er - - so tut - - als - - als ob er nichts von ihr wissen wollte ... aber nicht ich . « » Wenn er was tut ? « » Nun - - wenn er sich scheinbar nicht um mich bekümmert ... « » Wie ? Sie haben Mann und Kind verlassen , und er bekümmert sich nicht um Sie ? « » Offen - - darf er es nicht . Aber « , sie blickte sich scheu um , - - » Sie müssen wissen - - er verliert mich nicht aus den Augen . « » Wo und wie verkehren Sie mit diesem Manne ? « » Ich verkehre nicht direkt mit ihm , - aber , - - aber , er läßt mich ständig beobachten . « Wieder blickte sie sich um , aber weit und breit war niemand zu sehen . - - » Oh - - das habe ich herausbekommen ! « » Und ihn selbst , - - wann sehen Sie ihn ? « » Er sieht mich nicht , - - er begegnet mir nicht ... das - - das ist ja eben , - die Prüfung . « Tief betroffen wandte ihr Olga den Blick zu . » Worauf bauen Sie ? « fragte sie gespannt . » Auf die Macht meines Willens « , sagte Erika mit funkelnden Augen . » Oh , ich werde ihn zwingen . Unablässig sende ich ihm - - Strömungen - - meines Willens . « » Was hat er Ihnen gesagt , - - damals , als Sie Ihre Familie verließen « , beharrte Olga . » Ach , - - das kümmert mich nicht « , sagte Erika in wegwerfendem Ton , aber ihre Stimme zitterte . » Er tat natürlich , als wäre er sehr erstaunt über meinen Entschluß , - - redete Worte , die nichts bedeuteten , - - ich hätte auf ihn keine Hoffnungen zu setzen , - - sagte meinem Mann , meine - - Ideen - - wären ihm unbegreiflich , - - und er habe mit alledem - nichts zu schaffen ... aber was kümmert mich das ? « stieß sie leidenschaftlich hervor . Und hartnäckig fuhr sie fort : » Ich weiß ja doch , daß das nur Prüfungen sind . Habe ich sie alle bestanden , - - « ein fanatisch verklärter Schein kam in ihr Gesicht , - - » dann wird es angefahren kommen , - das Glück . « Olga hatte begriffen . Sie schlug nun die einzige Methode ein , diesen Vorstellungen auf den Grund zu kommen , - sie fragte mit ernsthafter Sachlichkeit : » Warum glauben Sie das ? « » Weil ich das Glück ersehnte , wollte , - - , - - wie ein Verhungernder die Nahrung , - - all die Jahre lang . Ich wartete darauf in meiner Ehe , - - ich rief es ! Ich gebar vier Kinder , von denen eines lebt , - - aber ich hungerte und suchte ; eines Tages fand ich , was ich suchte und sagte mir : jetzt ist es Zeit . Um alles zu gewinnen - - mußte ich alles wagen , - alles aufs Spiel setzen . « » Wollte - - ergierte - - suchte - - wagte ... « Olga verstand nun ganz . Eine Gewalttat am Schicksal , eine Erpressung an der Vorsehung , das war es , was sich ihr enthüllte . Wie mußte die Buße sein , die auf diese Tat gesetzt war ! Und plötzlich tauchte , wie eine Vision , das Bild einer anderen Frau vor ihr auf , - - die nichts ergierte , die nichts tat , was das Verderben lockte , - - die trug und wartete . Eva Nestors Bild stand plötzlich vor ihrem inneren Auge . Erika fuhr indessen fort , von den Prüfungen zu erzählen , die ihr auferlegt seien . Der Geliebte - - er wäre ihr scheinbar nie näher getreten als ein gewöhnlicher Bekannter - - tat , als kümmerte er sich nicht um sie , aber sie wußte - oh , sie wußte ! ... In harter Mühsal verdiente sie sich , seit sie ihren Mann verlassen , als Kontoristin ihr Brot ; aber davon wolle sie Olga ein andermal erzählen . - Und wenn er ihre Liebe noch hundertmal stärker auf die Probe stellte , - ihr sollte es nur recht sein . Oh , daß sie leiden durfte , um ihrer Liebe willen , - - das war ihres Daseins » bittersüße Wonne « . Wortlos folgte Olga den exstatischen Ausbrüchen dieser modernen Griseldis . Sie waren nun an der Friedrich-Wilhelm-Straße angelangt , die von der Tiergartenstraße zum Lützowplatz hinaufführt . Olga blieb einen Augenblick stehen , um auszuruhen . Sie sah die nächtlichen Portale der Villen , die Gärten , deren gelbes , regennasses Blattwerk hinter den eisernen Gartengittern raschelte ; sie sah die Biegung der einsamen , regenglänzenden Straße , über welcher die hohen Bogenlampen schwebten , und das tiefe Dunkel des Tiergartens , das , wie ein schwarzer Wall , die Straße auf der anderen Seite begrenzte . In all seinen Einzelheiten drang das nächtliche Bild in ihre Seele . Schweigen war ringsum . Nur oben vom Lützowplatz drang gedämpftes Wagenrollen bis hierher . Das Gesicht der Frau Erika Bergmann war bleich , und ihre Augen irrten unstet . Das grüne Hütchen hatte sich verschoben und saß ein wenig schief auf der Seite . Schweigend gingen sie bis zum Lützowplatz . Als Olga in eine Seitenstraße einbog und bald vor dem Hause stand , in dem sie wohnte , sagte ihr Frau Erika Bergmann in ihrem hohen , scharfen Diskant » Auf Wiiiedersehen « - - und mit ihren kurzen , eiligen Schritten trabte sie , in Nacht und Regen , davon . Eines Tages erhielt Olga einen Brief aus Dresden , mit unbekannter Handschrift . Als sie den Umschlag öffnete , fielen zwei dichtbeschriebene Bogen heraus . Die Schrift , die diese Blätter bedeckte , war dick , fast ohne Haarstriche , die Buchstaben enganeinander und steil . Der Brief war von Werner Hoffmann . Stanislaus hatte ihr kürzlich erzählt , daß er in einem Sanatorium in der Nähe Dresdens sei ; eine schwere Erschöpfung hatte ihn gezwungen , um einen Urlaub einzukommen . Auf Empfehlung eines Arztes war er in der Anstalt unter Bedingungen aufgenommen worden , die ihm den Aufenthalt da ermöglichten . Der Brief trug keine Überschrift . » Ich muß sprechen und wissen , daß ich gehört werde . Darum schreibe ich . Wenn ich alles gesagt haben werde , was in dieser Stunde zu sagen ist , - dann werde ich nachdenken , ob ich auch adressiere - und ich werde es sehr schnell wissen . Auf die Gefahr hin , eine falsche Adresse gewählt zu haben , werde ich den Brief dann absenden . Das wird kein Liebesbrief , dazu ist meine eigene Verwirrung zu groß . Verwirrung im Felde der Voraussetzung , - Verwirrung im Gebiete der Objekte . So sieht die Sache erkenntnistheoretisch aus . Aber aus dem Mannigfaltigen und Hemmenden wächst das Einfältige und Eindeutige und treibt und schiebt zur Tat . Es wächst der Wunsch ; mit ihm nicht - der Mut . Natürlich wage ich nichts , - was sich nicht , im gegebenen Falle , als mißverständlicher Unsinn deuten ließe , wert , einer freundlichen Ofenflamme überliefert zu werden . Und doch ist es eine Tat . Hervorgelockt aus dem grotesken Gestrüpp der - Begier ist ein kleines , schwaches , schlechtes Wort . Aber Wunsch nach jenem Zustand , in dem Ich überwunden wird . Daß es gelänge , - daß es vernichtet würde . Ich ist ein sonderbares Ding : immer allein und doch tausendfältig gebunden . Vielleicht reizt Sie das Problem ? Ein Wort der Erwiderung erbitte ich . Denn hat je einer weniger gelogen als ich ? Man sage mir ein Wort . Und sei es nur - Sei still mein Freund - wenn man nicht sagen kann : Hier blüht das schwere Schweigen , - Hier findest du , was dich dir nimmt . Hier wallt , in rotem Purpur , Vergessenheit und blickt dich an , Zerstäubt zu Millionen Kräften , Löst sie dein Schicksal von dir ab , Trägt es dahin , von wo es kam . - - Natürlich Ihr sehr ergebener Hoffmann . Nachschrift vom Tage : Frau Baronin v. Kellenberg wird Sie aufsuchen ; sie hat ihre Gedichte unserm Verlag angeboten . Ich sende Ihnen mit gleicher Post das Manuskript . Mein Urteil : eine respektable Kraft , im Rhythmus der Nüchternheit , die letzten Wünsche der Exstase ausdrücklich zu machen . Ihre Meinung , bitte ! « Nach zwei Tagen erwiderte Olga : » Es gibt Briefe , denen man es ansieht , daß sie erst nach zehnmaligem Versuche der Abfassung entstanden sind . So verräterisch war mir der Ihre . - Was man sucht , glaube ich zu erkennen : Man sucht eine brauchbare Form . Form sein , heißt Weib sein , - zugegeben . Aber diese Form erwartet einen bestimmten Inhalt , - der das Gewebe ihrer selbst durchdringe und erfülle , ohne daß es Störung , Zerstörung bedeute ; der also vom selben Stoff sei , wie sie , nur fließender , füllender . Vergessenheit - lädt mich nicht ein . Für mich ist - Deutlichkeit . Nur was deutlich in mir ist , gibt mir Fülle . Ich will nicht taumeln , - will gehen , mit sicheren Schritten und offenen Augen ; will wissen . Verwirrung im Felde der Voraussetzung , ja der Objekte ? - - - Das ist , als trüge ein werdender