wie eine Operation an einem geschieht . Ein kurzer , wahnsinnig schmerzhafter Eingriff . Aber die Hand , die ihn tut , ist geübt und fest . Es ist gleich vorbei . Und kaum ist es überstanden , so denkt man nicht mehr an sich ; es gilt , den Geburtstag zu retten , die anderen zu beobachten , ihren Fehlern zuvorzukommen , sie in ihrer Einbildung zu bestärken , daß sie alles trefflich bewältigen . Sie machen es einem nicht leicht . Es erweist sich , daß sie von einer beispiellosen Ungeschicklichkeit sind , beinahe stupide . Sie bringen es zuwege , mit irgendwelchen Paketen hereinzukommen , die für andere Leute bestimmt sind ; man läuft ihnen entgegen und muß hernach tun , als liefe man überhaupt in der Stube herum , um sich Bewegung zu schaffen , auf nichts Bestimmtes zu . Sie wollen einen überraschen und heben mit oberflächlich nachgeahmter Erwartung die unterste Lage in den Spielzeugschachteln auf , wo weiter nichts ist als Holzwolle ; da muß man ihnen ihre Verlegenheit erleichtern . Oder wenn es etwas Mechanisches war , so überdrehen sie das , was sie einem geschenkt haben , beim ersten Aufziehen . Es ist deshalb gut , wenn man sich beizeiten übt , eine überdrehte Maus oder dergleichen unauffällig mit dem Fuß weiterzustoßen : auf diese Weise kann man sie oft täuschen und ihnen über die Beschämung forthelfen . Das alles leistete man schließlich , wie es verlangt wurde , auch ohne besondere Begabung . Talent war eigentlich nur nötig , wenn sich einer Mühe gegeben hatte , und brachte , wichtig und gutmütig , eine Freude , und man sah schon von weitem , daß es eine Freude für einen ganz anderen war , eine vollkommen fremde Freude ; man wußte nicht einmal jemanden , dem sie gepaßt hätte : so fremd war sie . Daß man erzählte , wirklich erzählte , das muß vor meiner Zeit gewesen sein . Ich habe nie jemanden erzählen hören . Damals , als Abelone mir von Mamans Jugend sprach , zeigte es sich , daß sie nicht erzählen könne . Der alte Graf Brahe soll es noch gekonnt haben . Ich will aufschreiben , was sie davon wußte . Abelone muß als ganz junges Mädchen eine Zeit gehabt haben , da sie von einer eigenen , weiten Bewegtheit war . Brahes wohnten damals in der Stadt , in der Bredgade , unter ziemlicher Geselligkeit . Wenn sie abends spät hinauf in ihr Zimmer kam , so meinte sie müde zu sein wie die anderen . Aber dann fühlte sie auf einmal das Fenster und , wenn ich recht verstanden habe , so konnte sie vor der Nacht stehn , stundenlang , und denken : das geht mich an . » Wie ein Gefangener stand ich da « , sagte sie , » und die Sterne waren die Freiheit . « Sie konnte damals einschlafen , ohne sich schwer zu machen . Der Ausdruck In-den-Schlaf-fallen paßt nicht für dieses Mädchenjahr . Schlaf war etwas , was mit einem stieg , und von Zeit zu Zeit hatte man die Augen offen und lag auf einer neuen Oberfläche , die noch lang nicht die oberste war . Und dann war man auf vor Tag ; selbst im Winter , wenn die anderen schläfrig und spät zum späten Frühstück kamen . Abends , wenn es dunkel wurde , gab es ja immer nur Lichter für alle , gemeinsame Lichter . Aber diese beiden Kerzen ganz früh in der neuen Dunkelheit , mit der alles wieder anfing , die hatte man für sich . Sie standen in ihrem niederen Doppelleuchter und schienen ruhig durch die kleinen , ovalen , mit Rosen bemalten Tüllschirme , die von Zeit zu Zeit nachgerückt werden mußten . Das hatte nichts Störendes ; denn einmal war man durchaus nicht eilig , und dann kam es doch so , daß man manchmal aufsehen mußte und nachdenken , wenn man an einem Brief schrieb oder in das Tagebuch , das früher einmal mit ganz anderer Schrift , ängstlich und schön , begonnen war . Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen Töchtern . Er hielt es für Einbildung , wenn jemand behauptete , das Leben mit andern zu teilen . ( » Ja , teilen - « , sagte er . ) Aber es war ihm nicht unlieb , wenn die Leute ihm von seinen Töchtern erzählten ; er hörte aufmerksam zu , als wohnten sie in einer anderen Stadt . Es war deshalb etwas ganz Außerordentliches , daß er einmal nach dem Frühstück Abelone zu sich winkte : » Wir haben die gleichen Gewohnheiten , wie es scheint , ich schreibe auch ganz früh . Du kannst mir helfen . « Abelone wußte es noch wie gestern . Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett geführt , das im Rufe der Unzugänglichkeit stand . Sie hatte nicht Zeit , es in Augenschein zu nehmen , denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen über an den Schreibtisch , der ihr wie eine Ebene schien mit Büchern und Schriftstößen als Ortschaften . Der Graf diktierte . Diejenigen , die behaupteten , daß Graf Brahe seine Memoiren schriebe , hatten nicht völlig unrecht . Nur daß es sich nicht um politische oder militärische Erinnerungen handelte , wie man mit Spannung erwartete . » Die vergesse ich « , sagte der alte Herr kurz , wenn ihn jemand auf solche Tatsachen hin anredete . Was er aber nicht vergessen wollte , das war seine Kindheit . Auf die hielt er . Und es war ganz in der Ordnung , seiner Meinung nach , daß jene sehr entfernte Zeit nun in ihm die Oberhand gewann , daß sie , wenn er seinen Blick nach innen kehrte , dalag wie in einer hellen nordischen Sommernacht , gesteigert und schlaflos . Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein , daß sie flackerten . Oder ganze Sätze mußten wieder durchgestrichen werden , und dann ging er heftig hin und her und wehte mit seinem nilgrünen , seidenen Schlafrock . Während alledem war noch eine Person zugegen , Sten , des Grafen alter , jütländischer Kammerdiener , dessen Aufgabe es war , wenn der Großvater aufsprang , die Hände schnell über die einzelnen losen Blätter zu legen , die , mit Notizen bedeckt , auf dem Tische herumlagen . Seine Gnaden hatten die Vorstellung , daß das heutige Papier nichts tauge , daß es viel zu leicht sei und davonfliege bei der geringsten Gelegenheit . Und Sten , von dem man nur die lange obere Hälfte sah , teilte diesen Verdacht und saß gleichsam auf seinen Händen , lichtblind und ernst wie ein Nachtvogel . Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit , Swedenborg zu lesen , und niemand von der Dienerschaft hätte je sein Zimmer betreten mögen , weil es hieß , daß er zitiere . Die Familie Stens hatte seit je Umgang mit Geistern gehabt , und Sten war für diesen Verkehr ganz besonders vorausbestimmt . Seiner Mutter war etwas erschienen in der Nacht , da sie ihn gebar . Er hatte große , runde Augen , und das andere Ende seines Blicks kam hinter jeden zu liegen , den er damit ansah . Abelonens Vater fragte ihn oft nach den Geistern , wie man sonst jemanden nach seinen Angehörigen fragt : » Kommen sie , Sten ? « sagte er wohlwollend . » Es ist gut , wenn sie kommen . « Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang . Aber dann konnte Abelone » Eckernförde « nicht schreiben . Es war ein Eigenname , und sie hatte ihn nie gehört . Der Graf , der im Grunde schon lange einen Vorwand suchte , das Schreiben aufzugeben , das zu langsam war für seine Erinnerungen , stellte sich unwillig . » Sie kann es nicht schreiben « , sagte er scharf , » und andere werden es nicht lesen können . Und werden sie es überhaupt sehen , was ich da sage ? « fuhr er böse fort und ließ Abelone nicht aus den Augen . » Werden sie ihn sehen , diesen Saint-Germain ? « schrie er sie an . » Haben wir Saint-Germain gesagt ? streich es durch . Schreib : der Marquis von Belmare . « Abelone strich durch und schrieb . Aber der Graf sprach so schnell weiter , daß man nicht mitkonnte . » Er mochte Kinder nicht leiden , dieser vortreffliche Belmare , aber mich nahm er auf sein Knie , so klein ich war , und mir kam die Idee , in seine Diamantknöpfe zu beißen . Das freute ihn . Er lachte und hob mir den Kopf , bis wir einander in die Augen sahen : Du hast ausgezeichnete Zähne , sagte er , Zähne , die etwas unternehmen ... - Ich aber merkte mir seine Augen . Ich bin später da und dort herumgekommen . Ich habe allerhand Augen gesehen , kannst du mir glauben : solche nicht wieder . Für diese Augen hätte nichts da sein müssen , die hattens in sich . Du hast von Venedig gehört ? Gut . Ich sage dir , die hätten Venedig hier hereingesehen in dieses Zimmer , daß es da gewesen wäre , wie der Tisch . Ich saß in der Ecke einmal und hörte , wie er meinem Vater von Persien erzählte , manchmal mein ich noch , mir riechen die Hände davon . Mein Vater schätzte ihn , und Seine Hoheit , der Landgraf , war so etwas wie sein Schüler . Aber es gab natürlich genug , die ihm übelnahmen , daß er an die Vergangenheit nur glaubte , wenn sie in ihm war . Das konnten sie nicht begreifen , daß der Kram nur Sinn hat , wenn man damit geboren wird . « » Die Bücher sind leer « , schrie der Graf mit einer wütenden Gebärde nach den Wänden hin , » das Blut , darauf kommt es an , da muß man drin lesen können . Er hatte wunderliche Geschichten drin und merkwürdige Abbildungen , dieser Belmare ; er konnte aufschlagen , wo er wollte , da war immer was beschrieben ; keine Seite in seinem Blut war überschlagen worden . Und wenn er sich einschloß von Zeit zu Zeit und allein drin blätterte , dann kam er zu den Stellen über das Goldmachen und über die Steine und über die Farben . Warum soll das nicht darin gestanden haben ? es steht sicher irgendwo . « » Er hätte gut mit einer Wahrheit leben können , dieser Mensch , wenn er allein gewesen wäre . Aber es war keine Kleinigkeit , allein zu sein mit einer solchen . Und er war nicht so geschmacklos , die Leute einzuladen , daß sie ihn bei seiner Wahrheit besuchten ; die sollte nicht ins Gerede kommen : dazu war er viel zu sehr Orientale . Adieu , Madame , sagte er ihr wahrheitsgemäß , auf ein anderes Mal . Vielleicht ist man in tausend Jahren etwas kräftiger und ungestörter . Ihre Schönheit ist ja doch erst im Werden , Madame , sagte er , und das war keine bloße Höflichkeit . Damit ging er fort und legte draußen für die Leute seinen Tierpark an , eine Art Jardin d ' Acclimatation für die größeren Arten von Lügen , die man bei uns noch nie gesehen hatte , und ein Palmenhaus von Übertreibungen und eine kleine , gepflegte Figuerie falscher Geheimnisse . Da kamen sie von allen Seiten , und er ging herum mit Diamantschnallen an den Schuhen und war ganz für seine Gäste da . « » Eine oberflächliche Existenz : wie ? Im Grunde wars doch eine Ritterlichkeit gegen seine Dame , und er hat sich ziemlich dabei konserviert . « Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf Abelone ein , die er vergessen hatte . Er ging wie rasend auf und ab und warf herausfordernde Blicke auf Sten , als sollte Sten in einem gewissen Augenblicke sich in den verwandeln , an den er dachte . Aber Sten verwandelte sich noch nicht . » Man müßte ihn sehen « , fuhr Graf Brahe versessen fort . » Es gab eine Zeit , wo er durchaus sichtbar war , obwohl in manchen Städten die Briefe , die er empfing , an niemanden gerichtet waren : es stand nur der Ort darauf , sonst nichts . Aber ich hab ihn gesehen . « » Er war nicht schön . « Der Graf lachte eigentümlich eilig . » Auch nicht , was die Leute bedeutend nennen oder vornehm : es waren immer Vornehmere neben ihm . Er war reich ; aber das war bei ihm nur wie ein Einfall , daran konnte man sich nicht halten . Er war gut gewachsen , obzwar andere hielten sich besser . Ich konnte damals natürlich nicht beurteilen , ob er geistreich war und das und dies , worauf Wert gelegt wird - ; aber er war . « Der Graf , bebend , stand und machte eine Bewegung , als stellte er etwas in den Raum hinein , was blieb . In diesem Moment gewahrte er Abelone . » Siehst du ihn ? « herrschte er sie an . Und plötzlich ergriff er den einen silbernen Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht . Abelone erinnerte sich , daß sie ihn gesehen habe . In den nächsten Tagen wurde Abelone regelmäßig gerufen , und das Diktieren ging nach diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter . Der Graf stellte nach allerhand Papieren seine frühesten Erinnerungen an den Bernstorffschen Kreis zusammen , in dem sein Vater eine gewisse Rolle spielte . Abelone war jetzt so gut auf die Besonderheiten ihrer Arbeit eingestellt , daß , wer die beiden sah , ihre zweckdienliche Gemeinsamkeit leicht für ein wirkliches Vertrautsein nehmen konnte . Einmal , als Abelone sich schon zurückziehen wollte , trat der alte Herr auf sie zu , und es war , als hielte er die Hände mit einer Überraschung hinter sich : » Morgen schreiben wir von Julie Reventlow « , sagte er und kostete seine Worte : » das war eine Heilige . « Wahrscheinlich sah Abelone ihn ungläubig an . » Ja , ja , das giebt es alles noch « , bestand er in befehlendem Tone , » es giebt alles , Komtesse Abel . « Er nahm Abelonens Hände und schlug sie auf wie ein Buch . » Sie hatte die Stigmata « , sagte er , » hier und hier . « Und er tippte mit seinem kalten Finger hart und kurz in ihre beiden Handflächen . Den Ausdruck Stigmata kannte Abelone nicht . Es wird sich zeigen , dachte sie ; sie war recht ungeduldig , von der Heiligen zu hören , die ihr Vater noch gesehen hatte . Aber sie wurde nicht mehr geholt , nicht am nächsten Morgen und auch später nicht . - » Von der Gräfin Reventlow ist ja dann oft bei euch gesprochen worden « , schloß Abelone kurz , als ich sie bat , mehr zu erzählen . Sie sah müde aus ; auch behauptete sie , das Meiste wieder vergessen zu haben . » Aber die Stellen fühl ich noch manchmal « , lächelte sie und konnte es nicht lassen und schaute beinah neugierig in ihre leeren Hände . Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden . Ulsgaard war nicht mehr in unserm Besitz . Mein Vater starb in der Stadt , in einer Etagenwohnung , die mir feindsälig und befremdlich schien . Ich war damals schon im Ausland und kam zu spät . Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen . Der Geruch der Blumen war unverständlich wie viele gleichzeitige Stimmen . Sein schönes Gesicht , darin die Augen geschlossen worden waren , hatte einen Ausdruck höflichen Erinnerns . Er war eingekleidet in die Jägermeisters-Uniform , aber aus irgendeinem Grunde hatte man das weiße Band aufgelegt , statt des blauen . Die Hände waren nicht gefaltet , sie lagen schräg übereinander und sahen nachgemacht und sinnlos aus . Man hatte mir rasch erzählt , daß er viel gelitten habe : es war nichts davon zu sehen . Seine Züge waren aufgeräumt wie die Möbel in einem Fremdenzimmer , aus dem jemand abgereist war . Mir war zumute , als hätte ich ihn schon öfter tot gesehen : so gut kannte ich das alles . Neu war nur die Umgebung , auf eine unangenehme Art. Neu war dieses bedrückende Zimmer , das Fenster gegenüber hatte , wahrscheinlich die Fenster anderer Leute . Neu war es , daß Sieversen von Zeit zu Zeit hereinkam und nichts tat . Sieversen war alt geworden . Dann sollte ich frühstücken . Mehrmals wurde mir das Frühstück gemeldet . Mir lag durchaus nichts daran , zu frühstücken an diesem Tage . Ich merkte nicht , daß man mich forthaben wollte ; schließlich , da ich nicht ging , brachte Sieversen es irgendwie heraus , daß die Ärzte da wären . Ich begriff nicht , wozu . Es wäre da noch etwas zu tun , sagte Sieversen und sah mich mit ihren roten Augen angestrengt an . Dann traten , etwas überstürzt , zwei Herren herein : das waren die Ärzte . Der vordere senkte seinen Kopf mit einem Ruck , als hätte er Hörner und wollte stoßen , um uns über seine Gläser fort anzusehen : erst Sieversen , dann mich . Er verbeugte sich mit studentischer Förmlichkeit . » Der Herr Jägermeister hatte noch einen Wunsch « , sagte er genau so , wie er eingetreten war ; man hatte wieder das Gefühl , daß er sich überstürzte . Ich nötigte ihn irgendwie , seinen Blick durch seine Gläser zu richten . Sein Kollege war ein voller , dünnschaliger , blonder Mensch ; es fiel mir ein , daß man ihn leicht zum Erröten bringen könnte . Darüber entstand eine Pause . Es war seltsam , daß der Jägermeister jetzt noch Wünsche hatte . Ich blickte unwillkürlich wieder hin in das schöne , gleichmäßige Gesicht . Und da wußte ich , daß er Sicherheit wollte . Die hatte er im Grunde immer gewünscht . Nun sollte er sie bekommen . » Sie sind wegen des Herzstichs da : bitte . « Ich verneigte mich und trat zurück . Die beiden Ärzte verbeugten sich gleichzeitig und begannen sofort sich über ihre Arbeit zu verständigen . Jemand rückte auch schon die Kerzen beiseite . Aber der Ältere machte nochmals ein paar Schritte auf mich zu . Aus einer gewissen Nähe streckte er sich vor , um das letzte Stück Weg zu ersparen , und sah mich böse an . » Es ist nicht nötig « , sagte er , » das heißt , ich meine , es ist vielleicht besser , wenn Sie ... « Er kam mir vernachlässigt und abgenutzt vor in seiner sparsamen und eiligen Haltung . Ich verneigte mich abermals ; es machte sich so , daß ich mich schon wieder verneigte . » Danke « , sagte ich knapp . » Ich werde nicht stören . « Ich wußte , daß ich dieses ertragen würde und daß kein Grund da war , sich dieser Sache zu entziehen . Das hatte so kommen müssen . Das war vielleicht der Sinn von dem Ganzen . Auch hatte ich nie gesehen , wie es ist , wenn jemand durch die Brust gestochen wird . Es schien mir in der Ordnung , eine so merkwürdige Erfahrung nicht abzulehnen , wo sie sich zwanglos und unbedingt einstellte . An Enttäuschungen glaubte ich damals eigentlich schon nicht mehr ; also war nichts zu befürchten . Nein , nein , vorstellen kann man sich nichts auf der Welt , nicht das Geringste . Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten zusammengesetzt , die sich nicht absehen lassen . Im Einbilden geht man über sie weg und merkt nicht , daß sie fehlen , schnell wie man ist . Die Wirklichkeiten aber sind langsam und unbeschreiblich ausführlich . Wer hätte zum Beispiel an diesen Widerstand gedacht . Kaum war die breite , hohe Brust bloßgelegt , so hatte der eilige kleine Mann schon die Stelle heraus , um die es sich handelte . Aber das rasch angesetzte Instrument drang nicht ein . Ich hatte das Gefühl , als wäre plötzlich alle Zeit fort aus dem Zimmer . Wir befanden uns wie in einem Bilde . Aber dann stürzte die Zeit nach mit einem kleinen , gleitenden Geräusch , und es war mehr da , als verbraucht wurde . Auf einmal klopfte es irgendwo . Ich hatte noch nie so klopfen hören : ein warmes , verschlossenes , doppeltes Klopfen . Mein Gehör gab es weiter , und ich sah zugleich , daß der Arzt auf Grund gestoßen war . Aber es dauerte eine Weile , bevor die beiden Eindrücke in mir zusammenkamen . So , so , dachte ich , nun ist es also durch . Das Klopfen war , was das Tempo betrifft , beinah schadenfroh . Ich sah mir den Mann an , den ich nun schon so lange kannte . Nein , er war völlig beherrscht : ein rasch und sachlich arbeitender Herr , der gleich weiter mußte . Es war keine Spur von Genuß oder Genugtuung dabei . Nur an seiner linken Schläfe hatten sich ein paar Haare aufgestellt aus irgendeinem alten Instinkt . Er zog das Instrument vorsichtig zurück , und es war etwas wie ein Mund da , aus dem zweimal hintereinander Blut austrat , als sagte er etwas Zweisilbiges . Der junge , blonde Arzt nahm es schnell mit einer eleganten Bewegung in seine Watte auf . Und nun blieb die Wunde ruhig , wie ein geschlossenes Auge . Es ist anzunehmen , daß ich mich noch einmal verneigte , ohne diesmal recht bei der Sache zu sein . Wenigstens war ich erstaunt , mich allein zu finden . Jemand hatte die Uniform wieder in Ordnung gebracht , und das weiße Band lag darüber wie vorher . Aber nun war der Jägermeister tot , und nicht er allein . Nun war das Herz durchbohrt , unser Herz , das Herz unseres Geschlechts . Nun war es vorbei . Das war also das Helmzerbrechen : » Heute Brigge und nimmermehr « , sagte etwas in mir . An mein Herz dachte ich nicht . Und als es mir später einfiel , wußte ich zum erstenmal ganz gewiß , daß es hierfür nicht in Betracht kam . Es war ein einzelnes Herz . Es war schon dabei , von Anfang anzufangen . Ich weiß , daß ich mir einbildete , nicht sofort wieder abreisen zu können . Erst muß alles geordnet sein , wiederholte ich mir . Was geordnet sein wollte , war mir nicht klar . Es war so gut wie nichts zu tun . Ich ging in der Stadt umher und konstatierte , daß sie sich verändert hatte . Es war mir angenehm , aus dem Hotel hinauszutreten , in dem ich abgestiegen war , und zu sehen , daß es nun eine Stadt für Erwachsene war , die sich für einen zusammennahm , fast wie für einen Fremden . Ein bißchen klein war alles geworden , und ich promenierte die Langelinie hinaus bis an den Leuchtturm und wieder zurück . Wenn ich in die Gegend der Amaliengade kam , so konnte es freilich geschehen , daß von irgendwo etwas ausging , was man jahrelang anerkannt hatte und was seine Macht noch einmal versuchte . Es gab da gewisse Eckfenster oder Torbogen oder Laternen , die viel von einem wußten und damit drohten . Ich sah ihnen ins Gesicht und ließ sie fühlen , daß ich im Hotel » Phönix « wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte . Aber mein Gewissen war nicht ruhig dabei . Der Verdacht stieg in mir auf , daß noch keiner dieser Einflüsse und Zusammenhänge wirklich bewältigt worden war . Man hatte sie eines Tages heimlich verlassen , unfertig wie sie waren . Auch die Kindheit würde also gewissermaßen noch zu leisten sein , wenn man sie nicht für immer verloren geben wollte . Und während ich begriff , wie ich sie verlor , empfand ich zugleich , daß ich nie etwas anderes haben würde , mich darauf zu berufen . Ein paar Stunden täglich brachte ich in Dronningens Tværgade zu , in den engen Zimmer , die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen , in denen jemand gestorben ist . Ich ging zwischen dem Schreibtisch und dem großen weißen Kachelofen hin und her und verbrannte die Papiere des Jägermeisters . Ich hatte begonnen , die Briefschaften , so wie sie zusammengebunden waren , ins Feuer zu werfen , aber die kleinen Pakete waren zu fest verschnürt und verkohlten nur an den Rändern . Es kostete mich Überwindung , sie zu lockern . Die meisten hatten einen starken , überzeugenden Duft , der auf mich eindrang , als wollte er auch in mir Erinnerungen aufregen . Ich hatte keine . Dann konnte es geschehen , daß Photographien herausglitten , die schwerer waren als das andere ; diese Photographien verbrannten unglaublich langsam . Ich weiß nicht , wie es kam , plötzlich bildete ich mir ein , es könnte Ingeborgs Bild darunter sein . Aber sooft ich hinsah , waren es reife , großartige , deutlich schöne Frauen , die mich auf andere Gedanken brachten . Es erwies sich nämlich , daß ich doch nicht ganz ohne Erinnerungen war . Genau solche Augen waren es , in denen ich mich manchmal fand , wenn ich , zur Zeit da ich heranwuchs , mit meinem Vater über die Straße ging . Dann konnten sie von einem Wageninnern aus mich mit einem Blick umgeben , aus dem kaum hinauszukommen war . Nun wußte ich , daß sie mich damals mit ihm verglichen und daß der Vergleich nicht zu meinen Gunsten ausfiel . Gewiß nicht , Vergleiche hatte der Jägermeister nicht zu fürchten . Es kann sein , daß ich nun etwas weiß , was er gefürchtet hat . Ich will sagen , wie ich zu dieser Annahme komme . Ganz innen in seiner Brieftasche befand sich ein Papier , seit lange gefaltet , mürbe , gebrochen in den Bügen . Ich habe es gelesen , bevor ich es verbrannte . Es war von seiner besten Hand , sicher und gleichmäßig geschrieben , aber ich merkte gleich , daß es nur eine Abschrift war . » Drei Stunden vor seinem Tod « , so begann es und handelte von Christian dem Vierten . Ich kann den Inhalt natürlich nicht wörtlich wiederholen . Drei Stunden vor seinem Tod begehrte er aufzustehen . Der Arzt und der Kammerdiener Wormius halfen ihm auf die Füße . Er stand ein wenig unsicher , aber er stand , und sie zogen ihm das gesteppte Nachtkleid an . Dann setzte er sich plötzlich vorn an das Bettende und sagte etwas . Es war nicht zu verstehen . Der Arzt behielt immerzu seine linke Hand , damit der König nicht auf das Bett zurücksinke . So saßen sie , und der König sagte von Zeit zu Zeit mühsam und trübe das Unverständliche . Schließlich begann der Arzt ihm zuzusprechen ; er hoffte allmählich zu erraten , was der König meinte . Nach einer Weile unterbrach ihn der König und sagte auf einmal ganz klar : » O , Doktor , Doktor , wie heißt er ? « Der Arzt hatte Mühe , sich zu besinnen . » Sperling , Allergnädigster König . « Aber darauf kam es nun wirklich nicht an . Der König , sobald er hörte , daß man ihn verstand , riß das rechte Auge , das ihm geblieben war , weit auf und sagte mit dem ganzen Gesicht das eine Wort , das seine Zunge seit Stunden formte , das einzige , das es noch gab : » Döden « , sagte er , » Döden . « 3 Mehr stand nicht auf dem Blatt . Ich las es mehrere Male , ehe ich es verbrannte . Und es fiel mir ein , daß mein Vater viel gelitten hatte zuletzt . So hatte man mir erzählt . Seitdem habe ich viel über die Todesfurcht nachgedacht , nicht ohne gewisse eigene Erfahrungen dabei zu berücksichtigen . Ich glaube , ich kann wohl sagen , ich habe sie gefühlt . Sie überfiel mich in der vollen Stadt , mitten unter den Leuten , oft ganz ohne Grund . Oft allerdings häuften sich die Ursachen ; wenn zum Beispiel jemand auf einer Bank verging und alle standen herum und sahen ihm zu , und er war schon über das Fürchten hinaus : dann hatte ich seine Furcht . Oder in Neapel damals : da saß diese junge Person mir gegenüber in der Elektrischen Bahn und starb . Erst sah es wie eine Ohnmacht aus , wir fuhren sogar noch eine Weile . Aber dann war kein Zweifel , daß wir stehenbleiben mußten . Und hinter uns standen die Wagen und stauten sich , als ginge es in dieser Richtung nie mehr weiter . Das blasse , dicke Mädchen hätte so , angelehnt an ihre Nachbarin , ruhig sterben können . Aber ihre Mutter gab das nicht zu . Sie bereitete ihr alle möglichen Schwierigkeiten . Sie brachte ihre Kleider in Unordnung und goß ihr etwas in den Mund , der nichts mehr behielt . Sie verrieb auf ihrer Stirn eine Flüssigkeit , die jemand gebracht hatte , und wenn die Augen dann ein wenig verrollten , so begann sie an ihr zu rütteln , damit der Blick wieder nach vorne käme . Sie schrie in diese Augen hinein , die nicht hörten , sie zerrte und zog das Ganze wie eine Puppe hin und her , und schließlich holte sie aus und schlug