daß sein Lederanzug unangetastet bereit für ihn liege . Jetzt nun aß er mit uns , langsam und in der Weise eines Mannes , der sich in gebildeten Kreisen bewegt . Das Herzle sieht es außerordentlich gern , daß es ihren Gästen schmeckt . Ihr Gesicht strahlte jetzt vor Vergnügen . Ich hatte so meine eigenen Gedanken über ihn , sagte aber nichts . Auch Pappermann hätte wohl gar zu gern etwas Näheres über ihn erfahren ; aber der Indianer machte trotz seiner Jugend einen derartigen Eindruck auf ihn , daß er es nicht wagte , ihn mit Fragen zu belästigen . Aber meine Frau , meine Frau ! Der ist jede Unklarheit zuwider ! Die muß in allen Dingen genau wissen , woran sie ist . Von indianischer Geduld und Zurückhaltung ist sie äußerst wenig entzückt . Sie beobachtete den » jungen Adler « . Ich sah es ihr an , daß er ihr außerordentlich gefiel . Und wehe dem , der ihr gefällt ! Sie klopft ihm an das Herz , und was da drin ist , muß heraus , er mag wollen oder nicht . Nicht etwa , daß sie neugierig oder gar zudringlich ist ; nicht im geringsten . Aber wenn sie Jemand in Verlegenheit sieht und ihm helfen will , so hat sie eine ganz eigene Art , zu erfahren , in welcher Art und Weise das am besten zu geschehen vermag . So auch hier ! Wir waren der alten Henne , die man uns auch mit vorgesetzt hatte , noch nicht bis auf das Gerippe gekommen , so hatte der » junge Adler « ihr schon gesagt , und zwar scheinbar ganz von selbst , daß ihm seine Waffen mit gestohlen worden seien , daß er kein Geld mehr habe und daß er nach dem Süden wolle ; wohin , das gab er aber doch nicht an . Hierauf warf sie mir einen Blick zu , den ich verstand . Ich sollte ihn einladen , mit uns zu reiten . Und das war ja grad der Grund gewesen , weshalb ich drei Pferde und nicht nur zwei hatte haben wollen . Ich legte ihm die betreffende Frage vor . Da ging ein frohes Leuchten über sein Gesicht . Er sprang auf , setzte sich aber sogleich wieder nieder , denn ein Indianer soll weder Freude noch Schmerz so offen zeigen . An diesem Aufleuchten seines Gesichtes sah ich , daß er , obwohl er mich nie gesehen hatte , doch vermutete , wer ich war . » Ich bin Apatsche , « antwortete er . » Ich wollte zunächst nach dem Nugget-Tsil . « Während er dies sagte , sah er mich nicht an , sondern er schaute vor sich nieder ; aber ich fühlte förmlich , wie gespannt er darauf lauschte , was ich hierauf antworten werde . » Wir auch , « erwiderte ich so ganz unbefangen , als ob ich garnicht daran denke , ihn zu beobachten und zu durchschauen . Und mich an Pappermann wendend , fragte ich ihn : » Kennt Ihr vielleicht die Devils pulpit , die hier in der Nähe liegen soll ? « » Ja , « antwortete er . » Und der junge Adler kennt sie auch , denn er sagte mir damals vor vier Jahren , daß er von da oben heruntergekommen sei . Wollt Ihr hin ? « » Ja . « » Soll ich Euch führen ? « » Wenn Ihr wollt ? « » Welche Frage ! Ob ich will ! Ich habe nur eine Bedingung , eine einzige . « » Welche ? « » Ich getraue mich kaum , sie Euch zu sagen . « » Nur heraus damit ! Alte Kameraden dürfen aufrichtig miteinander sein ! « » Auch wenn sie Papperman heißen ? Maksch Pappermann ? Verteufelt unglückseliger Name ! Sprecht ihn doch einmal englisch aus ! Da klingt er noch viel schlimmer ! Alle Welt lacht über ihn ! « » Heißt , wie Ihr wollt , doch redet von der Leber weg ! « » Well ! So sei es gewagt ! Also , ich führe Euch nach der Devils pulpit , wenn Ihr mir erlaubt , dann noch weiter mit Euch zu reiten ! « Da fiel das Herzle schnell ein : » Er erlaubt es - er erlaubt es ! « » Oho , oho ! « warf ich in strengem , widerstrebendem Tone ein . » Oho , oho ! « lachte sie . » Laßt Euch ja nicht abschrecken , Mr. Pappermann ! Er hat Euch gern , sehr gern , und ich auch . Und er hat drei Pferde und drei Maultiere , also mehr , als wir brauchen . Und vor allen Dingen , wenn er Euch nicht mitnehmen will , so muß er allein reiten , denn ich bleibe hier sitzen und weiche und wanke nicht von Eurer Seite ! « Da wurden die Augen des alten , guten Menschen feucht . Er reichte ihr seine Hand hinüber und sagte : » Gott segne Euch , Mrs. Burton ! Wie dankbar bin ich Euch ! Er muß mich nun schon deshalb mitnehmen , weil ich mich verpflichtet fühle , für Euch durch jedes Wasser und jedes Feuer zu gehen ! « » Aber Euer Hotel hier - Euer Hotel ? « fragte ich . » Geht mich nichts mehr an ! Habe weder Etwas darunterliegen , noch Etwas darauf stehen . Bin überhaupt abgebrannt vollständig abgebrannt . Bin ärmer , als eine Kirchenmaus . Und nun so alt , so alt ! Ja , wenn ich anders hieße ! Nicht Pappermann ! Das ist ja der Grund , der einzige Grund , daß ich stets nur durch Pech und Elend waten mußte ! Nehmt mich mit , bitte ich , nehmt mich mit ! Noch bin ich nicht ganz unbrauchbar geworden , und meine letzte Kraft und mein letztes bißchen Leben soll Euch gehören , Mr. Shatterhand - - - « Er hatte sich von seinem Herzenswunsche fortreißen lassen ; er war zu weit gegangen ; er hielt erschrocken inne . Da ging ein liebes , sonniges und dabei doch gerührtes Lächeln über das Gesicht des jungen Indianers , und er sagte : » Nicht erschrecken , nicht erschrecken ! Es ist kein Verrat . Ich wußte es . Und ich hätte es nicht verschwiegen , daß der Bruder unsers großen Winnetou und der beste Freund meines Volkes von mir erkannt worden ist . Ich war verpflichtet , ihm dies zu sagen . « Da schlug das Herzle die Hände hoch zusammen und rief aus : » So wird es ja , wie ich wünsche ! Sie dürfen Beide mit , Beide ? « » Ja . « antwortete ich . » Der junge Adler wird den dritten Schwarzschimmel reiten . Unser Pappermann bekommt die drei Maultiere mit dem Zelte . Er wird unser Majordomo . Er führt die Aufsicht über die Hauswirtschaft und natürlich auch über die Frau ! « Wie glücklich der alte Westmann war ! Er erging sich in allen möglichen Ausdrücken der Dankbarkeit . Der Indianer aber war still , ganz still , umso tiefer aber grub sich das Glück in sein Inneres ein . Nach dem Essen sorgten wir zunächst dafür , daß das Zelt wieder abgebrochen , zusammengeschnallt und mit allen dazugehörenden Utensilien von dem freien Platze herein in das Haus geschafft wurde ; da war es mir sicherer als draußen . Während dies geschah , zeigte Papperman hinaus nach dem erwähnten Platze und sagte : » Schaut da hinaus ! Was kommt dort gelaufen ? « » Das Maultier , das vierte Maultier ! « antwortete meine Frau . » Ja ! Es ist den Spitzbuben entkommen ! Es ist obstinat geworden ! Es hat sich losgerissen ! Es wollte zu seinen Kameraden zurück ! Ich hole es herein , sogleich - sogleich ! « Hierdurch gewannen wir eine Kraft zum Tragen des Gepäckes mehr , und die Zahl der Tiere , welche man Old Surehand gestohlen hatte , war nun wieder voll . Später ging ich noch einmal in die Stadt , um für den » jungen Adler « ein Gewehr und einen Revolver zu kaufen ; sein Messer hatte er noch . Dann diktierte ich dem guten Pappermann einen Brief , den ich nicht gern selbst schreiben wollte . Er war an Hariman F. Enters gerichtet und lautete : » Habe Wort gehalten und mich hier eingestellt . Lernte hier Eure Freunde Corner und Howe kennen . Bin darum weit eher fort , als ich eigentlich wollte . Trotzdem bleibt , was ich versprach . Wenn Ihr ehrlich seid , werde ich wieder zu Euch stoßen und Euch nach den beiden Orten führen , die Ihr sehen wollt . Aber nur eben dann , wenn Ihr ehrlich seid ! Burton . « Es war keine Kleinigkeit für Pappermann , diesen Brief zu schreiben . Er schwitzte dabei wie ein Holzhacker . Gegen drei Stunden dauerte es , ehe er fertig war , denn er mußte wegen Fehlern , Fettflecken und Klexen , die er machte , so oft wieder neu anfangen , daß er schließlich wütend ausrief : » Ist das eine Plage ! Und ist das eine Qual ! Einmal und nie wieder ! Lieber sterben und verderben , als weißes Papier mit Tinte so schwarz machen müssen , daß man es dann lesen kann ! Ich bin wahrhaftig zu Allem bereit für Euch und für Eure Frau , für solche Marter aber nicht ; nehmt es mir nicht übel ! « Daß ich mich unter den jetzt gegebenen Umständen nicht nach Trinidad setzte , um die Ankunft der Brüder Enters abzuwarten , verstand sich ganz von selbst . Wir hatten Besseres und Wichtigeres zu tun . Wie mein Name verschwiegen worden war , so sagten wir auch keinem Menschen , wohin wir von hier aus gingen . Auch der Wirt erfuhr es nicht . Am Abend kehrten die Verfolger der Pferdediebe heim ; sie hatten keinen Einzigen von ihnen erwischt . Und der , welchen wir freigelassen hatten , schien doch nicht gleich wieder zum Dieb geworden zu sein , denn wir hörten davon , daß irgend Jemandem ein Pferd weggekommen sei , nichts . Schon am nächsten Morgen verließen wir die Stadt , um in westlicher Richtung zunächst hinauf nach dem sogenannten Parkplateau zu kommen . Nicht einmal einen ganzen Tag waren wir in Trinidad gewesen . Und doch , so kurz dieser Aufenthalt , so bedeutend waren seine Folgen für uns . Das Wenigste davon war , daß wir nun zu Vieren anstatt nur zu Zweien ritten und daß wir nun infolge des Zeltes und seiner Ausstattung imstande waren , uns die Reise bequemer zu machen , als dies uns vorher als möglich erschienen war . Die Verteilung der Tiere war so , wie ich schon angegeben habe . Meine Frau , ich und der » junge Adler « hatten die Rappschimmel , während Pappermann das beste der Maultiere ritt und die drei andern zum Tragen des Zeltes und des Lederpaketes des Indianers verwendete . Was für Dinge oder was für einen Gegenstand dieses Paket enthielt , das wußten wir nicht . Wir fragten auch nicht danach . Dem Gewicht nach schien es Eisen zu sein , aber kein gewöhnliches , sondern sehr wertvolles Eisen . Das schlossen wir aus der Sorgfalt , welche der Eigentümer während des Auf- und Abladens auf das Paket verwendete . Es ist mir für das , was ich zu erzählen habe , leider nur der Raum eines einzigen Bandes gestattet , während ich mit diesen Ereignissen doch recht gut vier oder auch fünf Bände füllen könnte , ohne meine Leser zu ermüden . Darum muß ich so kurz wie möglich sein und so Manches auslassen , was ich nur sehr ungern übergehe . Dahin gehört vor allen Dingen die ausführliche Beschreibung des Weges , den wir nahmen . Ich muß mich darauf beschränken , zu sagen , daß es hinauf nach dem Ratongebirge ging , hinter dem das herrliche Tal des Purgatorio sich niedersenkt , um es von den gigantischen Massen des » spanischen Pik « zu trennen . Es war ein großes , ein herrliches Gebirgspanorama , dem wir entgegenritten . Wir kamen ihm von Stunde zu Stunde näher , bis wir es erreicht hatten und uns dann immerfort inmitten von landschaftlichen Schönheiten befanden , die kein Ende nehmen wollten , sondern sich im Gegenteile stetig vermehrten und vergrößerten . Meine Frau , die jetzt zum ersten Male mit da drüben war und stets gelächelt hatte , wenn ich der Meinung gewesen war , daß die Schönheiten des Harzes , des Schwarzwaldes , ja sogar der Schweiz sich unmöglich mit den landschaftlichen Wundern der Vereinigten Staaten vergleichen könnten , sah sich jetzt gezwungen , diese Zweifel fallen zu lassen . Sie wurde still , ganz still . Und wenn sie das wird , so störe ich sie nicht , denn ich weiß , daß diese Wortlosigkeit bei ihr die Stille der Anbetung ist . Es war um die Mittagszeit des dritten Tages , als wir an einem klar fließenden Wasser Halt gemacht hatten . Da sprach ich mit ihr über die Unterschiede der landschaftlichen Schönheiten der Ebene und der Berge . Der » junge Adler « hörte nach seiner Gewohnheit bescheiden schweigsam zu . Pappermann gab zuweilen ein treffendes Wort dazu , denn er hatte sehr viel gehört und sehr viel nachgedacht und war trotz der Niedrigkeit seines Lebensweges keineswegs unbegabt . Jetzt sagte er : » Diesen Unterschied werdet Ihr morgen in einem sehr sprechenden Beispiele vor Augen haben . Da kommen wir an einen See der Ebene , der aber zwischen himmelhohen Bergen liegt . « » Kenne ich ihn ? « fragte ich . » Weiß nicht , « antwortete er . » Es ist der Kanubisee . « » Von dem habe ich gehört . Sein Ebenbild oder vielmehr sein Urbild liegt im Staate Massachusetts . Ich bin von Lawrence aus dort gewesen . Dieser letztgenannte Kanubisee spielt in der Vergangenheit einiger Indianerstämme , besonders der Seneca eine sehr wichtige Rolle . Seine im Sonnenscheine funkelnden Wasser , seine weit und schön ausgebuchteten , mit sattem Grün geschmückten Inseln und Ufer waren so recht geeignet , der friedlichen Entwickelung des Stammeslebens als Unterlage zu dienen . Ich konnte mich von dem Anblick dieses Sees kaum trennen . Ich weiß , daß man einem hier oben liegenden Bergsee denselben Namen gegeben hat , und bin neugierig , zu sehen , ob er ihn verdient . « » Wahrscheinlich verdient er ihn , « sagte Pappermann . Er holte dabei tief , tief Atem . » Waret Ihr mehrmals da ? « fragte ich . » Wie oft ! - Wie oft ! « Wieder tat er einen tiefen Atemzug . War dieser See vielleicht eine Stätte trüber Erinnerungen für ihn ? Ich schwieg , um ihm nicht wehe zu tun . Er sah lange , lange vor sich hin , dann begann er selbst damit : » An diesem See habe ich jenen niederträchtigen Schuß in das Gesicht bekommen , der mich für das ganze Leben entstellte und verbitterte . « » Von wem ? « fragte ich . » Von einem gewissen Tom Muddy . Habt Ihr vielleicht jemals von diesem Schurken gehört ? « » Nein . « » Er hieß wohl eigentlich nicht so , sondern anders . Seinen eigentlichen Namen habe ich nicht erfahren . « » Seid Ihr ihm wieder begegnet ? « » Niemals , niemals , leider , leider ! - Obgleich ich ein ganzes Menschenleben lang nach ihm gesucht habe , wie der Bettler nach dem ersparten Dollar , den er verloren hat und nicht wiederfinden kann . Ich spreche nicht gern davon ; aber wenn es mich überkommt , wie stets , sobald ich den See erblicke , so erzähle ich es Euch vielleicht heut Abend . Für jetzt will ich Euch nur sagen , daß das mit den Seneca richtig ist . « » Was ? « » Daß sie da unten in Massachusetts am Kanubisee wohnten . Wißt Ihr ihren eigentlichen Namen ? Wie sie eigentlich heißen ? « » Ja . Senontowana . « » Das stimmt . Der Name Seneca ist ihnen von den Weißen gegeben und aufgezwungen worden . Einer ihrer größten Häuptlinge hieß Sa-go-ye-wat-ha . Er liegt in Buffalo begraben . Man hat ihm da ein großes Denkmal gesetzt - - - « » Obgleich er vor seinem Tode gebeten hat , ihn nur unter seinen roten Brüdern zu begraben , nicht etwa bei Bleichgesichtern ! « fiel meine Frau da ein . » So kennt Ihr ihn ? Habt von ihm gehört ? « fragte er sie . » Wir waren an seinem Grabe , « antwortete sie . » Gott segne Euch dafür ! Ich meine nämlich , wenn Ihr ein Grab besucht , so tut Ihr das nicht aus Neugierde , sondern weil Euch das Herz dazu treibt . Und ich habe eine ganz besondere Vorliebe grad für die Nation der Seneca . « » Aus welchem Grunde ? « » Weil - - weil - - weil - - - hm ! Ich werde es Euch heut Abend erzählen , nicht aber jetzt . Herunter muß es nun doch einmal , weil diese alte Saite begonnen hat , zu klingen und zu zittern und gewiß nicht eher wieder aufhört , als bis wir den See im Rücken haben . Für jetzt aber erlaubt , daß ich schweige ! « Der Nachmittag führte uns immerwährend bergan , bis wir eine Höhe erreichten , von welcher aus wir über eine weite , unter uns liegende , sich nach Westen dehnende Hochebene blickten . Die Sonne war im Sinken . In ihrem Strahle leuchtete aus der Mitte der Ebene ein großer funkelnder Diamant herauf zu uns , der rundum von einem weiten Kranze grüner Smaragde eingefaßt schien , deren Konturen flimmerten und glühten . » Das ist der Kanubisee , « sagte Pappermann . » So nahe er uns zu liegen scheint , so weit ist er entfernt . Drei Stunden sind es von hier aus , bis man ihn erreicht . Darum lagern wir hier . Und zwar , wenn es Euch recht ist , an demselben Orte , an dem ich schlief , als ich zum ersten Male in diese Gegend kam . « Er führte uns nach einer auf drei Seiten ganz und auf der vierten auch noch halb eingeschlossenen Stelle , welche sehr guten Schutz gegen den hier oben sehr kühlen Nachtwind bot . Ein Wasser war in der Nähe . Futter für die Pferde gab es auch . So konnten wir uns also keinen bessern Lagerplatz wünschen . Das Zelt wurde schnell errichtet und ein Feuer angebrannt . Das Zelt war immer nur für meine Frau . Wir Männer zogen es vor , im Freien zu schlafen . Es war jetzt die wundersame Zeit des Indianersommers , in der man es selbst auf solcher Höhe des Nachts außerhalb des Zeltes aushalten kann . Während des Essens wurde es Abend . Der Mond ging auf . Er stand im ersten Viertel . Die Luft war ohne Nebel , vollständig rein und klar . Wir konnten weit sehen , fast so weit wie am Tage , nur daß die Konturen jetzt unbestimmter waren und ineinander flossen . Der leuchtende Diamant war jetzt zur weißsilbernen Perle geworden . Pappermann begann , ohne von uns aufgefordert worden zu sein , zu erzählen . » Genau so wie heut , « sagte er , » lag der See damals vor meinen Augen . Es zog mich zu ihm hinab . Ich wachte sehr zeitig auf und setzte mich auf das Pferd , um fort zu reiten , ohne eigentlich ausgeschlafen zu haben . Es war in der Morgenfrühe kühl . Darum ritt ich ziemlich rasch und erreichte grad mit Sonnenaufgang den See . Ich sah im Grase Spuren von Menschen , von Indianern . Ich nahm mich also in Acht , versteckte mein Pferd und ging den Spuren vorsichtig nach . Sie führten durch die Büsche an das Wasser . Dort angekommen , sah ich Hütten stehen , oder vielmehr Häuser . Nicht halbwilde Wigwams oder Zelte , sondern wirkliche Häuser , aus Balken , Bohlen , Planken und Schindeln hergestellt , genau so wie die Gebäude , aus denen früher , ehe die Weißen kamen , die Städte und Dörfer der Indianer bestanden . Mehrere Boote lagen am Ufer . Fischernetze waren zum Trocknen aufgehängt . Außerrordentliche Sauberkeit überall . Nirgends ein Schmutz , eine Waffe , ein blutiger Rest eines Wildes , ein Zeichen von Jagd und Tod . Tiefes Schweigen rings umher . Nichts regte sich . Die Türen waren geschlossen . Man schlief noch , und zwar ganz ohne Sorge , denn einen Wächter sah ich nicht . Es schien heut ein Ruhetag zu sein . « » Ich schlich mich näher , bog um eine Ecke des Gebüsches und sah - - sah - - sah das schönste Mädchen , ja bei Gott , das schönste , das allerschönste Mädchen , welches meine alten Augen , so lang ich lebe , jemals erblickten ! Ich bitte , es mir zu glauben ! Sie saß auf einem hohen Steinblock des Ufers und schaute nach Osten , wo die Sonne soeben erschien . Sie war in weiche , weißgegerbte Tierhaut , mit roten Fransen verziert , gekleidet , und ihr langes , dunkles Haar hing , mit Blumen und Kolibris geschmückt , weit über den Rücken herunter . Als die Kolibris im ersten Strahle der Sonne zu funkeln begannen , erhob sie sich von ihrem Sitze , breitete die Arme aus und sagte im Tone der Andacht und Bewunderung : O Manitou , o Manitou ! Weiter sagte sie nichts . Dann faltete sie die Hände . Aber ich sage Euch , daß ich niemals in meinem Leben ein besser gemeintes und aufrichtigeres Gebet gehört habe , als diese einzigen zwei Worte . So stand sie lange , lange , in die Sonne schauend . Ich blieb nicht stehen . Sie zog mich an wie ein Magnet , dem man nicht widerstreben kann . Ich schritt auf sie zu , aber langsam , zögernd , leise , in beinahe heiliger Scheu . Da sah sie mich . Sie erschrak nicht etwa . Sie bewegte keinen Fuß , keinen Finger , kein einziges Glied . Sie sah mich nur an . Aber mit so großen , offenen , erwartungsvollen Augen ! In diesen Augen lag dieselbe Sonne , die dort im Osten aufgegangen war . Vor so viel Seltenheit und Schönheit wurde ich zum Dummkopf , zum Tölpel . Ich vergaß , zu grüßen . Heut kann ich mir wohl denken , wie klug und wie geistreich ich damals ausgesehen habe ! Ich wußte und bemerkte nur das Eine , nämlich daß sie erwartete , von mir angesprochen zu werden . Das tat ich denn auch . Aber anstatt höflich zu sein und zu grüßen , beging ich die größte Unhöflichkeit , indem ich sie fragte : Wie heißest du ? Sie antwortete : Ich heiße Aschta ! Das kam mir zunächst wie ein Kosename vor ; später aber erfuhr ich , daß Aschta ein wirkliches Indianerwort ist und so viel wie Güte bedeutet . Also , sie hieß die Güte , und das war sie auch . Ich habe sie niemals anders als still , fromm , wohltätig , rein und gütig gesehen . Kein Flecken war je an ihrem Gewande , und kein unlauteres Wort ist je über ihre Zunge gekommen . Ich kann Euch sehr wohl sagen , daß ich damals sehr oft am Kanubisee gewesen bin und mich monatelang in seiner Nähe herumgetrieben habe . Ich bin stundenlang und tagelang an ihrer Seite gewesen , habe aber nicht ein einziges Mal Etwas von ihr gesehen und gehört , wovon ich sagen konnte , das war nicht schön , das war nicht gut von ihr . Darum war ich auch nicht etwa der Einzige , dem sie so ausnehmend gefiel . Wer da kam , der wollte nicht wieder fort , allein nur ihretwegen . So auch Tom Muddy und - - - der Siou Ogallallah . « Er machte hier eine Pause . Das benutzte meine Frau , ihn auf eine Unterlassungssünde aufmerksam zu machen : » Aber , Mr. Pappermann , Ihr habt doch noch gar nicht gesagt , wem die Häuser am See gehörten und wer ihr Vater war ! « » Habe ich noch nicht ? Hm ! Ja , ganz richtig . Sie kommt bei mir immer voran , und dabei vergesse ich alles Andere . So war es schon damals auch . Ihr Vater war ein Medizinmann der Seneca . Nicht etwa einer jener Quacksalber und Possenreißer , die sich heutzutage Medizinmänner nennen lassen , sondern ein wirklicher und berühmter ! Der hatte , von den Weißen wegen seines großen Einflusses auf die Roten verfolgt und bedrängt , mit noch einigen ihm gleich edelgesinnten Indianern seine Heimat verlassen , um sich vor ihnen nach dem wilden Westen zu retten . Er kam in diese Gegend . Er sah diesen See . Er war entzückt über seine Aehnlichkeit mit dem heimatlichen , schönen Wasserbecken . Er blieb da , mit seinen Begleitern . Sie bauten sich Häuser , ganz in der alten Weise ihres Stammes , und nannten den See so , wie der in der Heimat geheißen hatte , nämlich Kanubisee . Diese neue Ansiedelung wurde sehr bald unter den weißen und roten Jägern des Westens bekannt und viel besucht . Sie bildete eine Friedensstätte für sie , an der sich Rot und Weiß , Freund und Feind treffen durften , ohne den Ausbrüchen des Hasses unterworfen zu sein . Denn es war zur Gewohnheit , ja , zum Gebot geworden , daß jede Feindschaft zu schweigen und nur Liebe und Friede zu walten habe . « Er hielt für einige Augenblicke inne , holte tief Atem und sagte : » Es war eine liebe , schöne Zeit ! Die einzige Zeit meines Lebens , in der ich einmal wirklich Mensch gewesen bin , und zwar ein guter Mensch . Ich bitte Euch , mir das zu glauben ! « Dann fuhr er in seiner Erzählung fort : » Zu den Weißen , welche am Kanubisee verkehrten , gehörte Tom Muddy , und zu den Roten ein junger Medizinmann der Sioux Ogallallah , der zu dem Vater von Aschta gekommen war , um sein Schüler zu sein und die Geheimwissenschaften der roten Rasse bei ihm zu studieren . Wo er eigentlich wohnte , das wußte niemand . Er verschwieg es , um in der tiefen Einsamkeit , die er für seine Studien brauchte , nicht gestört oder nicht etwa gar von einem Feinde belästigt zu werden . Aber ich vermutete , daß er sich unten an einem Nebenwasser des Purgatorio seine Hütte errichtet habe , die er nur verließ , um zu seinem Lehrer hinaufzusteigen und neue Anweisungen zu holen . Er war ein schöner , junger Mann , in allen Waffen geübt , und dennoch so friedlich gesinnt , als ob es auf der ganzen Erde überhaupt noch nie eine Waffe gegeben habe . Daß Aschta ihn allen andern , die da kamen , vorzog , war gar kein Wunder . Ich aber wußte hievon nichts , sondern ich erfuhr es erst durch Tom Muddy . Der war weder ein schöner , noch ein häßlicher Kerl , aber zudringlich und roh . Niemand wollte etwas von ihm wissen . Er hatte ein Auge auf Aschta , oder sogar alle zwei ; sie aber wich ihm auf Schritt und Tritt aus und vermied so viel wie möglich alle Gelegenheit , mit ihm sprechen zu müssen . Das ärgerte ihn gewaltig . Denn er hatte es sich wirklich in den Kopf gesetzt , daß sie seine Frau werden solle . Ich glaube gar , er liebte sie nicht nur , sondern er haßte sie auch , eben weil sie ihm ihre Abneigung so offen und ehrlich zeigte . Das stritt und kämpfte in seinem Innern . Am liebsten verkehrte er mit mir . Warum , das weiß ich eigentlich noch heute nicht . Wahrscheinlich weil ich der wertloseste von allen war und es nicht über das Herz brachte , mich von ihm derart zurückzuziehen , wie die andern es taten . Ich hütete mich natürlich sehr , ihn merken zu lassen , daß auch in meinem Herzen eine herrliche , große und von allen Sünden reine Liebe aufgegangen war und daß ich mein Leben tausendmal hingegeben hätte , um der schönen Indianerin dies beweisen zu können . Zuweilen kam mir freilich der Gedanke , sie stehe mir zu hoch , aber in gewissen Stunden , in denen ich mich selbst betrachtete , faßte ich doch eine Art von Mut . Da sagte ich mir , daß ich doch kein so ganz übler Bursche sei und mich mit manchem , manchem andern sehr wohl vergleichen und messen könne . Das waren die Augenblicke , in denen ich mir vornahm , offen und ehrlich mit ihr zu reden . Aber sobald ich dann in ihre Nähe kam , sank mir das Herz wieder vor die Füße , und es fiel mir kein einziges Wort von alledem ein , was ich ihr hatte sagen wollen . Da kam ich eines schönen Tages von einer längeren Jagdstreife zurück und erfuhr von Tom Muddy , daß der Siou Ogallallah bei dem Vater von Aschta um sie geworben und die Erlaubnis erhalten habe , sie des Nachts zu rauben - - - « » Zu rauben ? « wurde er von meiner Frau unterbrochen . » War das notwendig ? « » Nicht nur