Abschied noch den Rat , sich diesem Soldaten nicht zu widersetzen , der Ihn ins Laboratorium bringen wird . Laß Er sich jetzo die Hände fesseln . « Entsetzt blickte ich nach dem Soldaten , der einen Strick in der Hand hielt und Miene machte , ihn anzuwenden . Ich stürzte zum Fenster und schrie aus voller Kehle : » Hilfe ! Hilfe ! « Aber da hatte mich der Soldat auch schon gepackt , blitzschnell meine Hände gefesselt und einen Knebel in meinen Mund gezwängt , daß mir das Schreien verging . Gebieterisch streckte der Mönch den Arm nach der Tür , und der Soldat zerrte mich fort . Ich mußte neben ihm die Treppe hinuntergehen und in einem Wagen , so im Hofe mit Pferden bespannt unser harrte , an seiner Seite Platz nehmen . Gleich darauf fesselte mir der Soldat auch die Füße und verband meine Augen . Die Wagentür ward zugeschlagen , und wir fuhren eilig ab . Außerstande , mir zu helfen , ergab ich mich in mein Schicksal . Daß wir die Moldaubrücke passierten , verriet das Rauschen des Flusses , dann ging es bergan . Als kein Laut von Menschen mehr , nur Wipfelsäuseln zu vernehmen , tat der Soldat das Tuch von meinen Augen und erlöste mich vom qualvollen Knebel , wofür ich ihm meinen Dank sagte . Nachdem wir eine Stunde durch Wald gefahren waren , wurden mir die Augen aufs neue verbunden , ich vernahm nahes Hundegebell und Hähnekrähen , und merkte , daß wir durch ein Dorf kamen . Wieder im Walde , ward ich von der Binde frei , und der Soldat gab mir aus mitgenommenem Vorrate zu essen und zu trinken , genoß auch selber davon . Als die Sonne hinter die Tannenwipfel sank , wurden noch einmal meine Augen verhüllt , und ich merkte bald darauf am dumpfen Widerhall und Klappern der Hufschläge , daß wir durch ein Tor in einen gepflasterten Hof fuhren . Dann hielt der Wagen , mir wurden die Augen frei gemacht und die Fesseln abgenommen . Aus dem Wagen gestiegen , sahe ich mich um und war im Hofe einer Burg , deren Tor hinter uns zugetan und von Soldaten bewacht war . Mein Begleiter übergab mich einem Manne , der in der Rechten einen entblößten Degen , in der Linken einen Bund Schlüssel hatte und mit einem scharfen Blicke mir gebot , fürder seinen Weisungen zu folgen . Während der Soldat zurückblieb , führte mich mein Vogt ein paar Treppen hinan in einen langen düstern Gang und schloß an dessen Ende eine Tür auf : » Hier wird Er hausen . « Mein Gemach war geräumig und von wohnlicher Einrichtung . Hatte ein stattlich Himmelbett , einen runden Tisch von Eichenholz , geschnitzte Stühle und einen Polstersessel . Tröstlich ward mein Herz berührt , als ich an der Wand ein Gestell voller Bücher bemerkte . Das Fenster führte in den Burghof und war stark vergittert . » Sogleich wird der Herr sein Nachtmahl erhalten , mag Er inzwischen das Laboratorium betrachten , es liegt hier nebenan . « Hierauf verließ der Vogt mein Gemach , nicht ohne es zu verschließen . Ich begab mich in das Laboratorium und nahm in der Abenddämmerung seine Hauptteile wahr . Ein Kreuzgewölbe mit zwo steinernen Säulen . Die vergitterten Fenster führten zum Burghof . Am einen war ein großer Tisch mit Retorten , Tiegeln , Phiolen . Längs der Wände gingen Gestelle , und in Büchsen , Kästen , gläsernen Gefäßen waren Minerale und Lösungen . In der Ecke hatte es Mörser verschiedener Größe . Staunend trat ich an den seltsamen Schmelzofen . Aus gebranntem Ton war er geformt , in Gestalt des biblischen Behemot oder Nilpferdes . Die Feuerung ward eingeführt durch des Ungeheuers Maul . Auf dem Rücken war eine Stätte für den großen Kessel . Um sie zu erreichen , mußte man mehrere Stufen empor zu einer gemauerten Erhöhung steigen . Des Tieres Hinterteil ging ins Gemäuer zum Schornstein . Auffallend war noch , daß zwischen den Nüstern des Behemot der Buchstabe A , auf der Hüfte aber ein Z stund . Wieder in meinem Gemache , erhielt ich Speise und Wein . Dann eröffnete mir der Burgvogt , er werde mir in all meinen Wünschen gefällig sein , so zur Beförderung der chymistischen Arbeiten dienen ! Meine Wohnung dürfe ich einstweilen nicht verlassen , später aber zum Lustwandeln den Burghof verwenden , falls es der Pater Aloisius gestatte . Einförmig gingen mir die Tage hin . Ich wußte zunächst nichts anzufangen , als die Bücherei zu durchstöbern . Fand mehrere Schriften über göttliche Dinge und menschliche Weisheit . Hinein versunken , fühlte ich mich für Stunden frei , und die philosophische Materie paßte besser für meinen Seelenzustand als das Studium der Chymisten . Die Goldmacherei war mir dermaßen zuwider , daß ich in den ersten Wochen das Laboratorium mied . Meinen Vogt , der mich zur Rede stellte , betrog ich mit der Ausflucht , es tue mir zuvörderst das Studium alchymistischer Bücher not , deren Rezepte ich später durch die Tat erproben werde . Daß in schlaflosen Nächten Gram mich heimsuchte , ist aus der Natur eines Menschen verständlich , der erst dreiundzwanzig Sommer zählte und die Beraubung der Freiheit zum allerersten Male empfand . Manchmal hatte ich solch Mitleid mit mir selbst , daß ich in Tränen ausbrach und , die Hände zusammengekrampft , gen Himmel flehte , er möge mich doch durch ein Wunder erretten , möge mir einen Ausweg ins Freie weisen . Allmählich sammelte ich meine inneren Kräfte , daß mir der Kummer weniger anhaben konnte . Zur Erbauung gereichte mir das Andenken an Waldhäuser . In tiefer Meditation prüfte ich seine Worte über die geistige Bedeutung der Alchymie und setzete mir ernstlich für , im Laboratorio meiner Seele meine Triebe und Leidenschaften zu läutern und zu edlerem Metalle umzuwandeln . Was mir dabei zustatten kam und innigen Trost spendete , waren dichterische Versuche . In früheren Jahren hatte ich zwar hin und wieder ein Poem verfaßt , aber nur nach Schulfuchsen-Weise . Erst in jener feierlichen Nacht , da Waldhäuser auf seinem Altan die Flöte gespielt und an der Bahre des Knäbleins ein Gedicht gesprochen , war mir die Ahnung aufgegangen , es könne des Poeten Kunst weit mehr sein , denn Spiel und Schmuck für müßige Stunden . Des Liedes Muse hatte mich damals an eine Pforte gehoben , durch die ich den Himmel offen sahe ; nun ward ich inne , daß ich zu selbiger Pforte einen eigenen Schlüssel in mir trage . Wie Gottesdienst war mir nun der hippogryphische Flug zum Olymp . Und seltsam , während meine Träume zu Versen sich gestalteten , vernahm ich oft Musik in der Nähe , so deutlich , als singe ein Engel zur Harfe . Wehmütig süß war es mir , an die Tage zurückzudenken , die ich in Schlesien und dann zu Prag verlebt . Als eine sanfte Blume schwebte vor mir Elfriedens blasses Gesicht , und meine Liebe zu ihr ward um so zarter und geistiger , je mehr ich in Sicsatis das Hexlein Schlangenglatt erkannte , das die Sinne bezaubert , Eitelkeit und Untreue im Busen . Für Elfrieden errichtete ich in meinem Herzen einen Altar und schmückete ihn mit den Blüten meiner Phantasei . Den ganz flüchtigen Verkehr mit der Patientin in Warmbrunn spann ich träumend zu einem bunten Gewebe von Minneabenteuern aus , von Zusammenkünften und Gesprächen , die sich gar nicht begeben hatten . War das nun Alchymie nach Waldhäusers Lehre ? Monde waren vergangen , und ein gelbes Blatt , vom Wind in den Burghof verweht , kündete den eingetretenen Herbst . Da rasselte der Schlüssel meines Gemaches , zu einer Stunde , wo ich sonst keinen Besuch des Vogtes empfing . Schrecken durchfuhr mich , als der Dominikaner eintrat , während der Vogt an der Tür Posto faßte , den blanken Degen in der Faust , wie bei meiner Ankunft . Finster sprach der Pfaff : » Wie ich vernehme , macht Er einen schlechten Gebrauch von seiner Muße und mißachtet der Befehle , so ich Ihm zu Prag eingeschärft habe . Warum unterzieht Er sich nicht seinen alchymistischen Aufgaben ? Warum hat Er kein einzig Mal den Schmelzofen heizen lassen ? Bilde Er sich nicht ein , mit mir sein Spiel treiben zu dürfen . Daß Er es weiß : wir haben Mittel , Ihn zu kirren ; denn wie es mir freistehet , Ihm den Aufenthalt in dieser Burg angenehm zu machen , so kann ich auch Weisung geben , daß Ihm die gute Kost und die Bibliothek , der Er allzuviel Eifer widmet , entzogen wird . Ja , mehr noch : zeigt Er sich andauernd renitent , so mag Er im finstern Burgverließ logieren , und als letztes Mittel , das dem Verbrechen der Zauberei rechtens gebührt , bleibet noch die Tortur . « Meine Angst , bei dieser Rede immer mehr gesteigert , ging auf einmal in rasende Empörung über , und mit krallenden Händen wollte ich den Feind erwürgen . Doch den Degen gezückt , sprang der Vogt zwischen uns und stieß mir die Faust ins Gesicht , daß ich taumelte . Dabei kam mir die Besonnenheit wieder , ich beruhigte die keuchende Brust . Mit verächtlicher Kälte sprach der Pfaffe weiter : » Nun Antwort ! Warum hat Er das Laboratorium vernachlässigt ? « Ratlos rang ich nach Worten , bis mir eine List beifiel . Zuckte also die Achseln und sprach wegwerfend : » Was soll mir das Laboratorium , da ich doch keinen Gebrauch davon machen kann ! « Der Mönch horchte auf : » Warum denn nicht ? Hundert Alchymisten würden Ihn um dies Laboratorium beneiden . Was fehlet daran ? « - » Was daran fehlet ? Ein Gefängnis ist es ; nur in Freiheit kann der Alchymist etwas ausrichten . « » Keine Flausen ! « lautete die Antwort . Ich aber fuhr fort , mich zu verstellen : » Foltert mich ! Doch wenn ich auch in Stücke gerissen werde , bleibe ich dabei : Wohl habe ich beim Schmirsel jenes Stücklein Gold hergestellt , so in Eure Hände gelangt ist . Es mag auch sein , daß mir die Goldbereitung das eine Mal wirklich gelungen ist , obschon Herr Waldhäuser meint , das gewonnene Gold sei schon zuvor in den vermischten Stoffen gewesen , ich habe es nur nicht gewußt . Angenommen , ich habe in Wahrheit Gold bereitet , so bin ich damals durch einen Zufall begünstigt worden . Den aber hat die launische Fortuna nie wiederkehren lassen , wiewohl ich mich abgemüht , die gleichen Stoffe und Verhältnisse von neuem zustande zu bringen . Ich könnte Euch ja nun freilich mit leeren Hoffnungen eine Weile am Narrenseil herumführen ... « - » Wehe ihm ! « dräuete der Pfaff . - » Eben darum ! « fuhr ich fort : » ich will Euch nicht hinhalten , sondern beizeiten über die Schwierigkeit informieren . Wohlan , lasset mich eine Stelle zitieren aus der Schrift : Mysterium chymicum . « Ich holte das Buch , blätterte und las : » Von Paracelso sagt sein Schüler Basilius , er habe mit Hilfe der Mondblume ein rosenfarben Öl gewonnen und damit Silber tingiert , so daß es gutes Gold worden . « Da ich nun schweigend den Pfaffen ansahe , zuckte er hochmütig mit dem Kopfe : » Was soll mir das Zitat ? Ähnliche Stellen , so auf Geschwätz und Aberglauben zurückgehen , sind häufig in Goldmacherschriften . « Ich nahm mich zusammen , daß ich im Tone der Überzeugung erwiderte : » Mit dieser Stelle hat es eine eigene Bewandtnis . Bedenket , daß ich kurz vor meiner Prager Goldbereitung aus einem Gemisch von Kräutern , die mir meistens unbekannt , einen Absud gekocht habe , und daß hiervon ein Rest in jenem Glase verblieben ist , das nach Aufnahme der Massae das rosenfarbene Wunderöl herfürbrachte . Wahrscheinlich ist die Mondblume unter den Kräutern gewesen . « - » Nun , so schaffe er die Mondblume herbei ! « sagte der Mönch . Ich aber erwiderte : » Leicht gesagt . Wenn mir nur bewußt wäre , welch Kraut mit dem Namen Mondblume bezeichnet wird . Jedenfalls werden die Kräuter , besonders seltene , in den unterschiedlichen Gegenden nicht immer gleicherweise benamset . Es gilt , herauszubringen , wie die Mondblume aussiehet . Erst dann bin ich in der Lage , sie zu beschaffen . Diesen Zweck nun verfolget mein theoretisch Studium . Drum wollet mir nicht dazwischen fahren . Dem Mitgliede eines hochgelahrten Ordens ist doch bewußt , daß alle Kunstfertigkeit nur aus der Wissenschaft quillet . Sendet mir Bücher , in denen sich Angaben über die Mondblume vermuten lassen . Ohne sie gleiche ich mit allem Experimentieren nur einem Narren , so um Mitternacht im Wald umhertappet , einen Sonnenstrahl aufzufinden , den er zwölf Stunden zuvor deutlich gesehen . « Forschend ruhte des Mönches Auge auf mir , nach etlicher Überlegung sprach er : » Also gut , mag Er zunächst studieren , und was die Bücher betrifft , so will ich Ihm schicken , wonach Er begehret . Indessen befehle ich hiermit , daß Er neben der Theorie auch das Experiment emsig betreibe . Kein Tag darf vergehen , ohne daß Er im Laboratorio arbeitet , und wofern mir hierüber kein zufriedenstellender Bericht wird , so sollen Strafen erfolgen . Ernstlich hat Er zu bedenken , daß alle Wünsche , die Er in seiner jetzigen Lage hegen mag , sich nur auf eine Weise erfüllen lassen , wenn Er nämlich die Transmutatio zustande bringet . Sein Glück , sein Befreier , sein Heiland nächst Gott und unserm Herrn Jesu ... « bei diesen Worten bekreuzigte sich der Pfaffe ... » heißet Gold . « Und nun verließ mich mein Quälgeist . Wie die Tür verschlossen war , sank ich zitternd in den Sessel . Hatte zwar für den Augenblick die Attacke abgeschlagen , wußte aber , der mächtige Feind würde unerbittlich zurückkehren . Wie seltsam verstehet doch das Schicksal seine Mittel zu wählen ! Meine alchymistischen Versuche waren nicht umsonst . Sie führten zwar nicht zur Transmutatio , doch zu einer Erfindung , und diese half mir zur Freiheit . Ich hatte einen Absud von Kräutern mit Alaun und Spirito vini vermenget und versehentlich die Massa über ein aufgeschlagen Buch fließen lassen . Die wasserklare Flüssigkeit machte zuerst keine Flecken . Wie erstaunte ich aber , als ich einen Monat später das Buch zur Hand nahm und die begossenen Stellen nunmehr braun fand . Ich zog hieraus den Schluß , die ausgegossene Flüssigkeit sei so beschaffen , daß ihre Flecken auf dem Papier , anfangs unsichtbar , erst nach geraumer Zeit dunkel werden . Versuche ergaben , daß nach drei Wochen das benetzte Papier sich dunkel zu färben begunnte . Wie diese Tinte zu meiner Befreiung angewandt ward , soll der nächste Verlauf meiner Chronica melden . Auch insofern half mir mein Experimentieren , als es mich dazu brachte , den Schmelzofen näher zu untersuchen . Weil mir bei einer gewissen Witterung der Rauch ins Gewölbe schlug , war ich auf Remedur bedacht . Kroch also in den Rachen des Behemot hinein und richtete mich im Innern auf , so daß mein Kopf in den Schornstein kam . Mit einer Laterne leuchtete ich in den rußigen Schlund , er war geräumig ; im Gemäuer waren Lücken , und den Fuß hineinsetzend , konnte man wie auf einer Leiter empor gelangen . Nach dieser Entdeckung begab ich mich gleich zurück ins Laboratorium . Hätte es bedauert , wenn mein Wärter mich innerhalb des Ofens gefunden und also diesen Ausweg aus dem Gefängnis bemerkt hätte . Mein erster Gedanke war , einen Strick zu beschaffen . Von den Ton- und Glasgefäßen , so mit Pergament verschlossen waren , tat ich die Fäden hinweg und knüpfte diese aneinander . Indem ich den so gewonnenen Faden achtfach zusammendrehte , erhielt ich einen Strick von doppelter Mannslänge . Ich verlängerte ihn noch dadurch , daß ich ans eine Ende meinen Leibgurt , ans andere ein zusammengerollt Linnentuch band . Pochenden Herzens harrete ich der Nacht , den entdeckten Ausweg näher zu untersuchen . Wie sonst um die neunte Stunde löschte ich mein Licht , damit die Wache vom Hofe her nicht zu ungewöhnlicher Zeit Helligkeit bei mir bemerke . Um zehn Uhr jedoch zündete ich die Laterne an , schob sie in den Schmelzofen und kroch hinterdrein . Den Strick um den Leib , kletterte ich im Schornstein aufwärts , indessen mir die unten verbliebene Laterne leuchtete . An der Mündung des Schornsteins reckte ich mich ins Freie . Der Mond netzte silbern das Dach und beleuchtete waldige Hügel . Im Nachthauche säuselten die Tannenwipfel , eine Eule schrie . Den Riemen um den Schornstein geschlungen , rutschte ich an den Rand des äußeren Burgdaches und lugte hinab . Wie schwer , auf diesem Wege zu entrinnen ! Wofern ich selbst einen genügend langen Strick hätte , würde ich in den tiefen Graben gelangen , der die Burg umzingelte ; und wie sollte ich hinausklettern ? Während ich überlegte , vernahm ich drunten Schritte nebst Waffengerassel und sah im Mondlicht einen Soldaten jenseits des Grabens den Rundgang um die Burg tun . Derweilen ich mich anschickte , wieder rückwärts zu kriechen , löste sich ein Dachziegel und stürzte polternd in den Burggraben . Aber der Wachtposten kehrte nicht zurück , und so rekognoszierte ich weiter . Die Burg war in Form eines Vierecks gebaut und hatte an den Ecken vorspringende Türme . Vom Dache einer jeden Burgfront ragten mehrere Schornsteine . Ringsum nichts als Waldgebirge , keine Spur eines Dorfes . Wie ein Nachtvogel flog mein Träumen über die Wipfelwogen dem Isergebirge zu und suchte das traute Häusel des Oheims , der jetzo in friedlichem Schlafe lag , ahnungslos , daß sein Johannes gefangen sei und sehnsüchtig auf Befreiung sinne . Auf einmal klang ein melodisch Summen , das ich früher schon bemerkt , jedoch für Einbildung gehalten . Vom nächsten Schornstein kam es her . Ich rutschte rittlings die Dachfirste entlang , und in den Schornstein hineinhorchend , vernahm ich Harfenschall und den Sang einer weiblichen Stimme . Nach längerem Lauschen beschloß ich , mich ein Stück in den Schornstein hinunterzulassen , um zu erkunden , wer die Sängerin sei , und ob ihr Gemach meine Flucht begünstigen könne . Den Strick befestigte ich oben am Schornstein , ließ das andere Ende in die Höhlung und glitt behutsam hinab . In die Schlinge des unteren Endes steckte ich den Arm und schwebte nun im Schornstein nahe der Mündung eines Kamins , durch den die Musik empordrang . Deutlich vernahm ich den Harfenschall und die Worte , von sanfter Mädchenstimme gesungen : Es kämmte die Gräfin ihr flutend Haar , Zur Minne täte sie taugen . Da wallte vorbei der junge Scholar Und hub die schmachtenden Augen . » Scholar , so halt deine Augen in Hut , Daß sie zu hoch nicht fliegen ! Wer nicht geboren aus Adelsblut , Darf keine Gräfin kriegen . « - » Und ist mein Schatz auch hoch und fern , Mein Minnen soll daran hangen , Wie ich liebe des Himmels hehrsten Stern . Wer mag ihn zur Erde langen ? « - » Scholar , von der Erde gehörst du fort , Hast schon des Himmels Weihen , Bist gar so rein wie die Engel dort , Die lieben , ohne zu freien . Du Keuscher bist höher geboren denn ich , Dein Adel reicht über die Fürsten . Du hebst mich hinan , ich fühle mich Nach himmlischer Minne verdürsten . « Das war kein Lied , wie es eine Tochter des Vogtes oder ein dienend Weib hätte singen können , im Ausdruck lag etwas Adeliges und Trauriges . Ich wußte nicht , was tun , ob ich mich wieder entfernen oder noch länger lauschen solle . Auf einmal riß das Linnentuch , mit dem ich meinen Strick verlängert hatte , und ich stürzte , wobei sich mein Kopf derart an einem vorspringenden Stein stieß , daß mir die Sinne schwanden . In mein Gesicht gespritztes Wasser brachte mich wieder zu mir . Ich lag auf der Diele eines fremden Gemaches , ängstlich starrten mich zwei von Kerzenschein beleuchtete weibliche Gesichter an . Das eine gehörte einer etwa zwanzigjährigen schönen Jungfer . Die groß aufgetanen Augen hatten braune Sterne , bleich wie Marmor die feine Haut , die Wangen rosa . Um die Schläfen wallten dunkle Locken . Die zarte Hand hatte soeben meine Stirn mit Wasser benetzt , ich fühlte noch die wohltuende Berührung . Der Jungfer Kleidung war schlicht , doch voller Anmut . Die andere Frau , schon ältlich , hatte eine trauervolle Güte im runden Gesicht ; sie war wohl eine Dienerin . » Er kommt zu sich , Jungfer Gräfin ! « sagte sie , » die Wunde scheint nicht schlimm . « » Gott sei gelobt ! « entgegnete die Jungfer mit beklommener Stimme . Mich freundlich anblickend fuhr sie fort : » Unbesorgt , junger Gesell ! Wir sind Ihm nicht feind . Können uns denken , Er ist der gefangene Goldmacher und hat versucht , übers Dach zu entkommen . Was mich betrifft , so bin ich des Grafen Schlick jüngste Tochter , mit Namen Thekla , und dies ist meine treue Kammerfrau Marianka . Wir beide sind auch nichts anderes denn Gefangene . Diese Burg Wasenstein , die mein Vater seinen Kindern vermacht hat , ward unser Gefängnis . Und dieselben Peiniger halten uns fest , so auch Ihn , junger Gesell , hier eingesperrt haben . Vielleicht lässet sich zwischen uns gemeinsame Sache machen , so daß einer dem andern zur Freiheit hilft . Aber nun sag Er , wie Er sich befindet , und ob seine Kopfwunde sehr schmerzet . « Solche Worte waren mir noch holdere Musik , als das Lied zur Harfe . Ich richtete mich auf und lächelte : » Dank für des Fräuleins Gnade und ebenfalls Euch , gute Kammerfrau , Dank für den Beistand . Dem Himmel Dank , daß ich euch gefunden habe ! « Meinen Kopf betastend , erklärte ich die Verletzung für unbedeutend und erhub mich vom Boden . Auch die Frauen stunden auf , und nachdem sie ein nasses Tuch zu meiner Kühlung gereicht hatten , war unsere erste Überlegung , wie wir uns vor Überraschung sichern könnten . Die Kammerfrau gab den Rat , ihre Herrin solle mit Harfen fortfahren . Das sei der Wärterin , deren Schlafgemach hinter der einen Wand gelegen , und auch der Burgwache im Hofe unverdächtig . Zur Musik möge ich meine Geschichte erzählen . Gesagt , getan . Und nun lauschten voll inniger Teilnahme die beiden Frauen meinem Berichte . Als ich auf den Dominikaner und den Prager Herrn zu sprechen kam , in dessen Schloß ich verhaftet worden , sagte das Fräulein bitter : » Mein sauberer Oheim , der Graf Slawata ! Und sein tückischer Helfershelfer Pater Aloisius - auch uns gegenüber ein rechter Teufel und Folterknecht . Mein Oheim will seine Nichte um ihre Habe bringen , nachdem er dazu beigetragen , daß mein teurer Vater unter Henkers Schwerte verbluten gemußt . Zum Klosterfräulein wollen sie mich machen , und weil ich mich widersetze , ist diese Gefangenschaft über mich verhängt . « Ich starrte die Jungfer an : » Unter Henkers Schwerte ist Euer Vater verblutet ? « - Nach einem tiefen Seufzer kam die Antwort : » Mein Vater gehörte zu jenen böheimischen Empörern , so für die Glaubensfreiheit kämpften , jedoch am Weißen Berge geschlagen und zum Teil dem Scharfrichter überliefert wurden . « Ergriffen neigte ich mich und hauchte einen Kuß auf der Jungfer Hand . » Spielet weiter auf der Harfe ! « mahnte Marianka . Doch die Gräfin versetzte trüb : » Ich kann es nicht mehr , nachdem die schreckliche Erinnerung an meines Vaters Tod heraufbeschworen ist . So wird es denn am besten sein , wir löschen das Licht und fahren mit leiser Stimme in unserm Gespräche fort . Stelle dem Jüngling Wein hin . Er mag neben meinem Bette im Sessel Platz nehmen , derweilen ich mich hinstrecke . « Nun lauschte ich im Dunkeln dem Raunen der holden Jungfer . Es war eine Nacht voll wundersamer Gefühle . Zu unserer Furcht vor Entdeckung gesellete sich das Gaukelspiel der Hoffnung , zu den Seufzern , die unsere traurigen Berichte erpreßten , das heimliche Glück einer schnell geknüpften Freundschaft . » Mein teurer Vater « - sagte die Gräfin . » Ich sehe ihn noch , wie sein gebräunt Antlitz strahlete und keck sein Auge blitzete zur Zeit , da uns das Glück noch lächelte . Was dann der Gram aus ihm machte , mag ein Bildnis zeigen , das der Verurteilte mir überbringen ließ . Gleichwohl war sein letzter Gang aufrecht , daß er der Sieger schien , während seine Gegner scheu zur Seite blickten . Ich war damals noch ein Kind ; aber deutlich steht in meiner Erinnerung das grausige Schauspiel , das ich nebst meiner älteren Schwester Elisabeth und meiner treuen Marianka vom Fenster eines Hauses auf dem Altstädter Ring mit ansah . Kopf an Kopf wogte drunten die Menge , während Soldaten mit geladenen Musketen und vorgestreckten Picken das Blutgerüst umgaben . An den Fenstern des Rathauses zeigten sich der Altstädter Rat , die Königsrichter und andere Würdenträger in Prunkgewändern . Unten am Blutgerüst harrete eine Schar von Männern mit bleichen , finsteren Gesichtern , Ketten an Händen und Füßen , darunter mein Vater , schwarz gekleidet . Es waren die verurteilten Rebellen , denen das Haupt , zum Teil auch noch die Schwurhand abgeschlagen werden sollte . Ein Böllerschuß zeigte an , daß die Exekution beginne . Wie der Oberrichter den Stab zerbrochen hatte , traten unter Fanfarengetön drei rotgekleidete Scharfrichter auf das Blutgerüst , und einer entblößete sein breites Schwert . Mit Namen aufgerufen , kam mein Vater zuerst an die Reihe , und ihm wurden die Ketten abgenommen . Stark und hoch gewachsen wie er war , sprang er mit zween gewaltigen Schritten die Treppenstufen hinan , wechselte etliche Worte mit dem Scharfrichter und entblößete rasch den Nacken . Da trat neben ihn ein Jesuiter und hielt meinem Vater unter Beschwörung den Kruzifixum vors Angesicht . Einen Triumphschrei fand ich inmitten meiner Angst , wie auf einmal mein Vater den Jesuiter mit einem Tritt vom Blutgerüst in die johlende Menge warf . Gleich darauf riß mich Marianka vom Fenster zurück und umschlang mich weinend , während draußen ein dumpfer Schlag erscholl , worauf die Menge hohl wie stöhnender Wald murmelte . Ich durfte nicht mehr zum Fenster , und es weinten lange die Frauen , so um mich waren . Marianka reichte mir zum Trost meines Vaters Bildnis , in eine silberne Kapsel gemalt . Ich will es Ihm , Herr Johannes , weisen . Mach für ein Weilchen Licht , Marianka ! « Beim Kerzenschein nahm ich die dargereichte Kapsel und betrachtete das Bildnis . Graf Schlick hatte ein bärtig Antlitz , wachsbleich von der Gefangenschaft , umrahmt von braunen Locken , mit blauen Augen , deren trutzige Kühnheit und Hoheit kein Kummer bewältigt hatte , obwohl Spuren davon den Mund umzogen . Auffällig war die Art , wie die Hände auf der Brust lagen . Die Linke streckte Daumen und Zeigefinger rechtwinklig voneinander . Darunter lag die Rechte mit gleichfalls gespreiztem Daumen , der den Zeigefinger der andern Hand berührte . So war angedeutet der lateinische Buchstabe : Die Jungfer erläuterte das Zeichen folgendermaßen : » Mein Vater , dem es während seiner Gefangenschaft bis zum letzten Stündlein verwehrt blieb , seinen Kindern von Angesicht zu Angesicht oder auch nur brieflich zu begegnen , hat uns eine Mahnung geben wollen , die er nur bildlich auszudrücken vermochte . Seinen Maler , der zu ihm ins Gefängnis gekommen war , wies er an , diese symbolische Geberde zu malen , vermutlich weil das Z als letzter Buchstabe ans Ende des Lebens und an die letzten Dinge erinnert . « Ich stutzte , bedenkend , daß ja auch am Schmelzofen ein Z angebracht war , und zwar am hintern Teil des Behemot , während auf dem Maule ein A stund . Als ich der Jungfer davon Mitteilung machte , wechselte sie mit ihrer Kammerfrau einen Blick der Überraschung : » Das ist allerdings seltsam und bringt auf die Vermutung , daß der Buchstabe Z doch eine andere Bedeutung haben kann , als ich bisher annahm . « Als nach diesem Gespräch das Licht wieder ausgelöscht worden , grübelten wir alle drei eine Weile über das Rätsel . Dann meinte ich : » Die gnädige Jungfer hat etwas gesagt , was mir noch unverständlich : daß nämlich das Z auf dem Schmelzofen von ihrem Vater herrühre . Wie denn ? Hat er sich einmal hier aufgehalten ? « - » Gewiß doch ! « entgegnete das Fräulein . » Habe ich das noch nicht erwähnt ? Die Burg , auf der wir uns befinden , ist meiner Familie Eigentum , gern hat mein Vater hier gehauset und hat das Laboratorium nach eigenem Plane angelegt , selber der Alchymie beflissen . « Nach all den kummervollen Gesprächen schlug unsere Stimmung in jugendlichen Übermut um . Jungfer Thekla erhub sich vom Lager , nahm die Harfe und sang dazu ein Lied von der Prinzessin zu Nirgendheim , die eine Krone aus Mondschein trage und in ihrem Wiegenbettlein gleichwie in einer Karosse durch ihre bunten Lande schaukle . Der Rundreim hieß : » Hasche dein Glück , wann es kommt geschaukelt , Weil es sonsten vorübergaukelt . « Diese holdselige Gräfin war mir die Prinzessin von Nirgendheim und war wohl auch mein Glück . Der Mond schien durchs vergitterte Fenster und