war ; des letzten Spazierganges durch steinernkühle sonntagsstille Gassen und durch alte , menschenleere Höfe , und seiner Ahnungslosigkeit , daß all dies zum letzten Male war . Denn am nächsten Tag erst war der Brief gekommen , der furchtbare Brief , in dem es geschrieben stand , daß sie ihm den Schmerz des Abschieds hatte ersparen wollen , und daß sie , wenn er diese Worte läse , längst über die Grenze sei , auf der Fahrt nach der neuen , fremden Stadt . Die Straße belebte sich . Freundliche Villen erschienen , von kleinen Gärtchen behaglich umgeben ; gelinde hinter den Häusern stiegen bewaldete Hügel empor . Noch einmal breitete das Tal sich aus , und der scheidende Tag ruhte über Wiesen und Feldern . In einem großen , leeren Wirtshausgarten waren die Laternen angezündet . Eilige Dämmer schienen von allen Seiten zugleich heranzuschleichen . Nun war die Wegkreuzung da . Georg und Heinrich saßen ab und zündeten sich Zigaretten an . » Rechts oder links ? « fragte Heinrich . Georg sah auf die Uhr : » Sechs ... und ich muß um acht in der Stadt sein . « » Da können wir also nicht miteinander nachtmahlen ? « sagte Heinrich . » Leider nein . « » Schade . So fahren wir gleich den kürzeren Weg , über Sievering , hinein . « Sie zündeten ihre Laternen an und schoben die Räder auf langgestreckten Serpentinen durch den Wald . Der Reihe nach sprang ein Baum nach dem andern aus dem Dunkel in den Schein der Lichtkegel und trat wieder in die Nacht zurück . Stärker rauschte der Wind durchs Laub , und Blätter raschelten nieder . Heinrich fühlte ein ganz leises Grauen , wie es ihn manchmal bei Dunkelheit in der freien Natur überfiel . Daß er den Abend allein verbringen sollte , empfand er wie eine Enttäuschung . Er war verstimmt gegen Georg und ärgerte sich daher auch über dessen Verschlossenheit ihm gegenüber . Er nahm sich nicht zum erstenmal vor , von jetzt an auch über seine eigenen , persönlichen Angelegenheiten nicht mehr mit Georg zu reden . Es war besser so . Er bedurfte niemandes Vertrauen , niemandes Teilnahme . Am wohlsten war ihm doch immer zumute gewesen , wenn er allein seines Weges ging . Das hatte er nun oft genug erfahren . Wozu also einem andern seine Seele erschließen ? Ja , Bekannte zu gemeinsamen Spaziergängen und Fahrten , zu kühlen , klugen Gesprächen über allerlei Dinge des Lebens und der Kunst , Frauen um sie flüchtig zu umarmen ; doch keines Freundes , keiner Geliebten bedurfte er . So floß das Dasein würdiger und ungestörter hin . Er schwelgte in diesen Vorsätzen , fühlte sich hart und überlegen werden . Die Waldesdunkelheit verlor ihre Schauer , und er wandelte durch die leise rauschende Nacht wie durch ein verwandtes Element . Die Höhe war bald erreicht . Sternenlos lag der dunkle Himmel über der grauen Straße und über den nebelhauchenden Wiesen , die sich beiderseits in täuschender Weite zu den Waldhügeln dehnten . Vom nahen Mauthäuschen schimmerte ein Licht . Wieder bestiegen sie die Räder und fuhren nun so rasch nach abwärts , als die Dunkelheit es gestattete . Georg wünschte sich bald am Ziel zu sein . Seltsam unwahrscheinlich kam es ihm vor , daß er in anderthalb Stunden schon das stille Zimmer wiedersehen sollte , von dem niemand wußte als Anna und er ; den dämmrigen Raum mit den Öldrucken an der Wand , dem blausamtenen Sofa , dem Pianino , auf dem die Photographien unbekannter Leute und eine gipsweiße Schillerbüste standen ; mit den hohen , schmalen Fenstern , gegenüber denen die alte , dunkelgraue Kirche ragte . Laternen brannten längs des Weges . Noch einmal wurde die Straße freier , und ein letzter Blick nach den Höhen öffnete sich . Dann ging es eiligst , zuerst noch zwischen wohlgehaltenen Landhäusern , endlich über eine menschenerfüllte , lärmende Hauptstraße , tiefer in die Stadt hinein . Bei der Votivkirche stiegen sie ab . » Adieu « , sagte Georg , » und auf Wiedersehen morgen im Kaffeehaus . « » Ich weiß nicht ... « , erwiderte Heinrich ; und als Georg ihn fragend ansah , fügte er hinzu : » Es ist möglich , daß ich verreise . « » O , ein so plötzlicher Entschluß ! « » Ja , es packt einen eben zuweilen ... « » Die Sehnsucht « , ergänzte Georg lächelnd . » Oder die Angst « , sagte Heinrich und lachte kurz . » Dazu haben Sie wohl keine Ursache « , meinte Georg . » Wissen Sie das ganz sicher ? « fragte Heinrich hämisch . » Sie haben mir doch selbst erzählt ... « » Was ? « » Daß Sie jeden Tag Nachricht haben . « » Ja , das ist schon wahr , jeden Tag . Zärtliche , glühende Briefe bekomme ich . Jeden Tag zur selben Stunde . Aber was beweist das ? Ich schreibe ja noch viel glühendere und zärtlichere und doch ... « » Nun ja « , sagte Georg , der ihn verstand . Und er wagte die Frage : » Warum bleiben Sie eigentlich nicht bei ihr ? « Heinrich zuckte die Achseln . » Sagen Sie doch selbst , Georg , käme es Ihnen nicht ein wenig komisch vor , wenn man so einer Liebschaft wegen seine Zelte abbräche , mit einer kleinen Schauspielerin in der Welt herumzöge ... « » Ich persönlich würde es natürlich sehr bedauern ... aber komisch ... was sollte daran komisch sein ? « » Nein , ich habe keine Lust dazu « , schloß Heinrich hart . » Aber wenn Ihnen ... wenn Ihnen sehr viel daran gelegen wäre ... wenn Sie es direkt verlangten ... gäbe die junge Dame nicht vielleicht die Karriere auf ? « » Möglich . Aber ich verlange es nicht . Ich will es nicht verlangen . Nein . Lieber Schmerzen als Verantwortungen . « » Wäre es denn eine so große Verantwortung ? « fragte Georg . » Ich meine nämlich ... ist das Talent der jungen Dame so hervorragend , hängt sie überhaupt so sehr an ihrer Kunst , daß es ihr ein Opfer wäre , wenn sie die Sache aufgäbe ? « » Ob sie Talent hat ? « sagte Heinrich , » ja das weiß ich selbst nicht . Ich glaube sogar , sie ist das einzige Geschöpf auf der ganzen Welt , über dessen Talent ich mir ein Urteil nicht zutraue . So oft ich sie auf der Bühne gesehen habe , hat mir ihre Stimme geklungen wie die einer Unbekannten und gleichsam ferner als alle andern Stimmen . Es ist wirklich ganz merkwürdig ... Aber Sie haben sie ja auch spielen gesehen , Georg . Was hatten Sie für einen Eindruck ? Sagen Sie es mir ganz aufrichtig . « » Ja , offen gestanden ... ich erinnere mich nicht recht an sie . Sie entschuldigen , ich wußte ja damals noch nicht ... Wenn Sie von ihr reden , da seh ich immer so einen rotblonden Schopf vor mir , der ein bißchen in die Stirne fällt , und in einem kleinen , blassen Gesicht sehr große , schwarze , herumirrende Augen . « » Ja , irrende Augen « , wiederholte Heinrich , biß sich auf die Lippen und schwieg eine Weile . » Leben Sie wohl « , sagte er dann plötzlich . » Sie schreiben mir doch ? « fragte Georg . » Ja natürlich . Und übrigens komm ich wohl einmal wieder « , setzte er hinzu und lächelte starr . » Glückliche Reise « , sagte Georg , reichte ihm die Hand und drückte sie mit besonderer Herzlichkeit . Das tat Heinrich wohl . Dieser warme Händedruck gab ihm plötzlich nicht nur die Sicherheit , daß Georg ihn nicht lächerlich fand , sondern merkwürdigerweise auch die , daß die ferne Geliebte ihm treu und daß er selbst ein Mensch sei , dem mehr erlaubt war als manchem andern . Georg sah ihm nach , wie er auf seinem Rad eiligst davonfuhr . Wieder , wie vor wenigen Stunden bei Leos Abschied , hatte er die Empfindung , als entschwände ihm einer in ein unbekanntes Land ; und in diesem Augenblick wußte er , daß er mit keinem von den beiden bei aller Sympathie jemals zu einer unbefangenen Vertrautheit gelangen werde , wie sie ihn noch im vorigen Jahre mit Guido Schönstein und vorher mit dem armen Labinski verbunden hatte . Er dachte darüber nach , ob das vielleicht in dem Rassenunterschied zwischen ihm und jenen begründet sein mochte und fragte sich , ob er , ohne das Gespräch der beiden , durch das eigene Gefühl dieser Fremdheit sich so deutlich bewußt geworden wäre . Er zweifelte daran . Fühlte er sich nicht gerade diesen beiden und manchen andern ihres Volkes näher , ja verwandter , als vielen Menschen , die mit ihm vom gleichen Stamme waren ? Ja spürte er nicht ganz deutlich , daß manchmal irgendwo in die Tiefe zwischen ihm und diesen beiden stärkere Fäden liefen , als von ihm zu Guido , ja vielleicht zu seinem eigenen Bruder ? Aber wenn es so war , hätte er das nicht diesen beiden Menschen heute Nachmittag in irgendeinem Augenblick sagen müssen ? Ihnen zurufen : vertraut mir doch , schließt mich nicht aus . Versucht es doch , mich für einen Freund zu halten ! ... Und als er sich fragte , warum er das nicht getan und an ihrem Gespräch kaum teilgenommen hatte , da ward er mit Verwunderung inne , daß er während dessen ganzer Dauer eine Art von Schuldbewußtsein nicht los geworden war , gerade so als wäre auch er sein Lebenlang von einer gewissen leichtfertigen und durch persönliche Erfahrung gar nicht gerechtfertigten Feindseligkeit gegen die » Fremden « , wie Leo selbst sie nannte , nicht frei gewesen und so sein Teil zu dem Mißtrauen und dem Trotz beigetragen , mit dem so manche sich vor ihm verschlossen , denen entgegenzukommen er selbst Anlaß und Neigung fühlen mochte . Dieser Gedanke erregte ihm ein wachsendes Unbehagen , das er sich nicht recht deuten konnte , und das nichts andres war , als die dumpfe Einsicht , daß reine Beziehungen auch zwischen einzelnen reinen Menschen in einer Atmosphäre von Torheit , Unrecht und Unaufrichtigkeit nicht gedeihen können . Immer schneller , als gälte es diesem Unbehagen zu entfliehen , fuhr er heimwärts . Zu Hause angekommen , kleidete er sich rasch um , damit Anna nicht allzulange warten müsse . Er sehnte sich nach ihr wie noch nie . Es war ihm , als käme er von einer weiten Reise heim , zu dem einzigen Wesen , das ihm ganz gehörte . Viertes Kapitel Georg stand am Fenster . Gerade darunter wölbten sich die steinernen Rücken der bärtigen Riesen , die auf gewaltigen Armen das verwitterte Adelswappen eines längst versunkenen Geschlechtes trugen . Gegenüber , aus dem Dunkel uralter Häuser hervor , kam die Stiege geschlichen , bis vor das Tor der grauen Kirche , die im Flockenfall wie hinter einem wallenden Vorhang verdämmerte . Das Licht einer Straßenlaterne auf dem Platz schimmerte blaß durch den sinkenden Tag . Noch stiller an diesem Feiernachmittag als sonst ruhte unten die beschneite Straße , die mitten in der Stadt und doch abseits von allem Treiben hinzog . Und wieder einmal , wie stets , wenn er die breite Treppe des alten zum Mietshaus gewordenen Palastes emporgestiegen und in das geräumige , niedrig gewölbte Zimmer getreten war , fühlte Georg , seiner gewohnten Welt entronnen , sich wie zum andern Teile eines wundersamen Doppeldaseins eingegangen . Er hörte einen Schlüssel in der Türe knirschen und wandte sich um . Anna trat ein . Georg schloß sie beglückt in die Arme und küßte sie auf Stirn und Mund . Die dunkelblaue Jacke , der breitrandige Hut , die Pelzboa , alles war ganz beschneit . » Du hast ja gearbeitet « , sagte Anna , während sie ablegte , und wies auf den Tisch , wo neben der grünbeschirmten Lampe beschriebene Notenblätter lagen . » Das Quintett hab ich mir durchgesehen , den ersten Satz . Es ist doch noch manches daran zu machen . « » Aber dann wird ' s wunderschön sein . « » Das wollen wir hoffen . Kommst du von Hause , Anna ? « » Nein , von Bittners . « » Wie , heut am Feiertag ? « » Ja . Die zwei Mädeln haben durch die Masern viel versäumt , das muß nachgeholt werden . Ist mir übrigens sehr angenehm , schon aus finanziellen Gründen . « » Die Riesensumme ! « » Und dann entgeht man wenigstens auf ein paar Stunden dem trauten Heim . « » Na ja « , sagte Georg , legte Annas Boa über eine Sessellehne und strich zerstreut mit den Fingern über das Pelzwerk hin . Annas Bemerkung , aus der es , und nicht zum erstenmal , wie ein leiser Vorwurf gegen ihn herausklang , hatte ihn nicht angenehm berührt . Sie setzte sich auf den Diwan , führte die Hände an die Schläfen , strich leicht über das dunkelblonde , gewellte Haar nach rückwärts und blickte Georg lächelnd an . Er , beide Hände in den Saccotaschen , stand an die Kommode gelehnt und begann von dem gestrigen Abend zu erzählen , den er mit Guido und der Violinspielerin verbracht hatte . Seit einigen Wochen nahm die junge Dame , auf des Grafen Wunsch , bei dem Beichtvater einer Erzherzogin katholischen Religionsunterricht ; sie ihrerseits hielt Guido an , Nietzsche und Ibsen zu lesen . Doch war als Resultat dieses Studiums , nach Georgs Bericht , bisher nichts anderes zu verzeichnen , als daß der junge Graf seine Geliebte nach jener wunderlichen Gestalt aus » Klein Eyolf « scherzhafterweise Rattenmamsell zu nennen pflegte . Anna wußte über den gestrigen Abend wenig Heiteres mitzuteilen . Sie hatten Besuch gehabt . » Zuerst « , erzählte Anna , » die zwei Cousinen von Mama , dann ein Bureaukollege von Papa zum Tarokspielen . Auch Josef hat sich der Häuslichkeit ergeben , ist auf dem Diwan gelegen von drei bis fünf , dann ist sein neuester Spezi gekommen , Herr Jalaudek , der mir erheblich den Hof gemacht hat . « » So , so . « » Er war berückend . Ich sage nur : eine violette Krawatte mit gelben Tupfen , da kannst du dich verstecken . Übrigens hat er mir den ehrenvollen Antrag überbracht , in einer sogenannten Akademie beim wilden Mann , zugunsten des Währinger Kirchenbauvereins mitzuwirken . « » Du hast natürlich zugesagt . « » Ich habe mich mit meinem Mangel an Stimme und an Frömmigkeit entschuldigt . « » Na was die Stimme anbelangt ... « Sie unterbrach ihn . » Nein , Georg « , sagte sie leicht , » die Hoffnung hab ich endgültig aufgegeben . « Er sah sie an und suchte in ihrem Blick , der aber klar und frei blieb . Leise und dumpf klang die Orgel aus der Kirche herüber . » Ja richtig « , sagte Georg , » das Billett für morgen zu Carmen hab ich dir mitgebracht . « » Dank schön « , erwiderte sie und nahm die Karte entgegen . » Gehst du auch ? « » Ja . Ich hab eine Loge im dritten Stock und lad mir den Bermann ein . Die Partitur nehm ich mir mit , wie neulich zu Lohengrin und üb ' mich wieder im Dirigieren . Im Hintergrund natürlich . Du kannst dir nicht vorstellen , was man dabei lernt . Ich möcht dir übrigens was vorschlagen « , setzte er zögernd hinzu . » Willst du nicht nach dem Theater mit mir und Bermann nachtmahlen gehen ? « Sie schwieg . Er fuhr fort . » Es wäre mir wirklich angenehm , wenn du ihn näher kennen lerntest . Er ist bei allen seinen Fehlern ein interessanter Mensch und ... « » Ich bin keine Rattenmamsell « , unterbrach sie ihn scharf und hatte gleich ihr bürgerlich strenges Gesicht . Georg verzog die Mundwinkel . » Das trifft mich nicht , liebes Kind , ich unterscheide mich auch in mancher Beziehung von Guido . Aber wie du willst . « Er ging im Zimmer hin und her , sie blieb auf dem Diwan sitzen . » Du gehst also heute Abend zu Ehrenbergs ? « fragte sie dann . » Du weißt ja . Ich habe schon zweimal abgesagt in der letzten Zeit . Ich konnte diesmal nicht recht ... » Du brauchst dich nicht zu entschuldigen , Georg . Ich bin auch geladen . « » Wo denn ? « » Auch bei Ehrenbergs . « » Wirklich « , rief er unwillkürlich aus . » Was wundert dich denn dran so sehr ? « fragte sie spitz . » Offenbar wissen sie dort noch nicht , daß man mit mir nicht mehr verkehren kann . « » Aber Anna , was hast du denn heut ? warum bist du denn gar so empfindlich ? Selbst wenn man wüßte ... glaubst du , das würde die Leute hindern , dich einzuladen ? Im Gegenteil . Ich bin überzeugt , Frau Ehrenberg bekäme geradezu Respekt vor dir . « » Und klein Elschen würde mich vielleicht gar beneiden . Glaubst du nicht ? Sie hat mir übrigens ganz nett geschrieben . Da ist ihr Brief , willst du ihn lesen ? « Georg flog ihn durch , fand ihn von etwas absichtlicher Liebenswürdigkeit , äußerte sich nicht weiter und gab ihn Anna wieder . » Da ist übrigens noch einer « , sagte Anna , » wenn er dich interessieren sollte . « » Von Doktor Stauber ? So ? Wär es ihm recht , wenn er wüßte , daß ich ihn zu lesen bekomme ? « » Was bist du denn plötzlich so rücksichtsvoll ? « Und wie strafend fügte sie hinzu : » Es wär ihm wahrscheinlich manches nicht recht . « Georg las den Brief rasch für sich durch . In trockener , zuweilen etwas humoristisch gefärbter Art berichtete Berthold vom Fortgang seiner Arbeiten im Pasteurschen Institut , von Spaziergängen , Ausflügen und Theaterbesuchen und ließ es auch an Bemerkungen allgemeinem Charakters nicht fehlen ; doch enthielt der Brief auf seinen acht Seiten keinerlei Anspielung auf Vergangenheit oder Zukunft . Georg fragte beiläufig : » Wie lang bleibt er denn noch in Paris ? « » Wie du siehst , schreibt er noch kein Wort vom Zurückkommen . « » Deine Freundin Therese erwähnte neulich , daß seine Parteigenossen ihn gerne wieder hier haben möchten . « » Ah , ist sie wieder im Kaffeehaus gewesen ? « » Ja . Vor zwei oder drei Tagen hab ich sie dort gesprochen . Ich amüsier mich wirklich sehr über sie . « » So ? « » Anfangs ist sie nämlich immer sehr hochmütig , auch mit mir . Offenbar , weil ich auch mein Leben so mit Kunst und ähnlichen Dummheiten vertrödle , während es doch so viele wichtigere Dinge auf der Welt zu tun gibt . Aber wenn sie ein bissel wärmer wird , dann kommt ' s heraus , daß sie sich für alle möglichen Dummheiten geradeso interessiert , wie wir gewöhnlichen Menschen . « » Sie wird leicht warm « , sagte Anna unbeweglich . Georg ging auf und ab und sprach weiter . » Köstlich war sie ja neulich beim Fechtturnier im Musikvereinssaal . Wer war übrigens der Herr , mit dem sie oben auf der Galerie gesessen ist ? « Anna zuckte die Achseln . » Ich hatte nicht den Vorzug , dem Turnier beizuwohnen . Und übrigens kenn ich die Begleiter Theresiens nicht alle . « » Ich nehme an « , sagte Georg , » es war ein Genosse , in jeder Beziehung . Sehr düster und ziemlich schlecht angezogen war er jedenfalls . Wie Therese nach Felicians Sieg applaudiert hat , hat er sich vor Eifersucht geradezu zusammengerollt . « » Was hat dir Therese eigentlich von Doktor Berthold erzählt ? « fragte Anna . » O « , scherzte Georg , » man interessiert sich ja noch sehr lebhaft , wie es scheint . « Anna antwortete nicht . » Also « , berichtete Georg , » ich kann dir die Mitteilung machen , daß man ihn im Herbst für den Landtag kandidieren will , was ich übrigens sehr begreiflich finde , mit Rücksicht auf seine glänzenden Rednergaben . « » Was weißt denn du ! Hast du ihn schon sprechen gehört ? « » Natürlich , erinnerst du dich denn nicht ! In Eurer Wohnung ! « » Du hast ' s wirklich nicht notwendig , dich über ihn lustig zu machen . « » Aber das fällt mir ja gar nicht ein . « » Ich hab ' s ja gleich bemerkt , er ist dir damals ein bißchen komisch vorgekommen . Er , und sein Vater auch . Du hast ja geradezu die Flucht ergriffen vor ihnen . « » Ganz und gar nicht , Anna . Du tust sehr unrecht , mir solche Dinge zu insinuieren . « » Sie mögen ja ihre Schwächen haben , beide , aber sie gehören wenigstens zu den Menschen , auf die man sich verlassen kann . Das ist auch etwas . « » Hab ich das bestritten , Anna ? Wahrhaftig , niemals hab ich dich so unlogisch reden gehört . Was willst du denn eigentlich von mir ? Hätt ich vielleicht eifersüchtig werden sollen wegen dieses Briefes ? « » Eifersüchtig ? Das fehlte noch , du mit deiner Vergangenheit . « Georg zuckte die Achseln . In seinem Geist tauchten Erinnerungen auf , an ähnliche Wortzwiste im Verlaufe früherer Beziehungen , an jene plötzlichen rätselhaften Uneinigkeiten und Entfremdungen , die meist nichts anderes zu bedeuten gehabt hatten , als den Anfang vom Ende . Sollte er mit seiner klugen , guten Anna heute wirklich schon so weit sein ? Verstimmt , beinahe traurig ging er im Zimmer auf und ab . Zuweilen warf er einen flüchtigen Blick nach der Geliebten , die schweigend in ihrer Diwanecke saß und leicht die Hände aneinanderrieb , als wäre ihr kalt . In das Schweigen des mit einmal trübselig gewordenen Raums klang die Orgel schwerer als zuvor , singende Menschenstimmen wurden vernehmbar , und die Fensterscheiben klirrten leise . Georgs Blick fiel auf den kleinen Weihnachtsbaum , der auf der Kommode stand und dessen Kerzen vorgestern Abend für ihn und Anna gebrannt hatten . Halb gelangweilt , halb zerstreut nahm er Zündhölzchen aus der Tasche und begann die kleinen Kerzen eine nach der andern anzuzünden . Da klang plötzlich Annas Stimme zu ihm her : » In einer ernsten Sache « , sagte sie langsam , » würde ich mich doch keinem andern anvertrauen , als dem alten Doktor Stauber . « Befremdet wandte sich Georg nach ihr um , und blies ein brennendes Zündhölzchen aus , das er noch in der Hand hielt . Er wußte sofort , was Anna meinte , wunderte sich , daß er seit dem letzten Zusammensein selbst nicht mehr daran gedacht hatte , trat zu ihr hin und faßte ihre Hand . Nun erst schaute sie auf , undurchdringlich , mit bewegungslosen Zügen . » Du Anna sag doch ... « , er setzte sich an ihre Seite auf den Diwan , ihre beiden Hände in den seinen . Sie schwieg . » Warum redest du nicht ? « Sie zuckte die Achseln . » Es ist eben gar nichts Neues zu berichten « , erklärte sie dann einfach . » So « , sagte er langsam . Es ging ihm durch den Sinn , ob nicht ihre heutige sonderbare Gereiztheit schon als ein Anzeichen des Zustandes zu deuten war , auf den sie anspielte , und Unruhe stieg in seiner Seele auf . » Aber sicher ist die Sache deswegen noch lange nicht « , sagte er in etwas kühlerm Tone , als er eigentlich wollte . » Und ... und wenn auch « , setzte er mit gekünstelter Lebhaftigkeit hinzu . » Also du würdest mir verzeihen ? « fragte sie lächelnd . Er drückte sie an sich und war plötzlich ganz aufgeräumt . Eine lebhafte , etwas gerührte Zärtlichkeit flammte in ihm auf für das sanfte , gute Geschöpf , das er in den Armen hielt , und von dem ihm , er fühlte es tief , niemals ein ernstliches Leid kommen konnte . » Es wäre wahrhaftig nicht so schlimm « , sagte er heiter . » Du würdest eben Wien für einige Zeit verlassen , das ist alles . « » Na , gar so einfach wär das allerdings nicht , wie du dir ' s plötzlich vorzustellen scheinst . « » Warum nicht ? Eine Ausrede ist bald gefunden . Im übrigen , wen geht ' s denn an ? Uns zwei . Niemanden andern . Und was mich anbelangt , so weißt du , ich kann jeden Tag fort . Kann auch ausbleiben , so lange ich will . Ich habe noch nicht einmal einen Kontrakt fürs nächste Jahr unterschrieben « , setzte er lächelnd hinzu . Dann erhob er sich , um die Wachskerzchen auszulöschen , deren kleine Flammen beinahe ganz heruntergebrannt waren ; und immer lebhafter sprach er weiter . » Es wäre sogar wunderschön . Denk doch , Anna ! Ende Februar , oder anfangs März würden wir abreisen , in den Süden natürlich , nach Italien , ans Meer vielleicht . Würden an irgendeinem stillen Ort wohnen , wo kein Mensch uns kennt , in einem schönen Hotel mit einem Riesenpark . Und arbeiten könnt man da unten , Donnerwetter ! « » Also darum ! « sagte sie , wie in plötzlichem Verstehen . Er lachte , nahm sie fester in seine Arme , und sie drängte sich an seine Brust . Von draußen kam kein Laut mehr . Orgel und Menschenstimmen waren verklungen . Vor den Fenstern schwebte der Schneevorhang nieder ... Georg und Anna waren glücklich wie niemals zuvor . Während sie im Dunkel ruhten , sprach er von seinen musikalischen Plänen für die nächste Zeit und erzählte ihr Heinrichs Opernstoff , soweit er es vermochte . Mit schimmernden Schatten füllte sich der Raum . Einen märchenhaften Königssaal durchrauschte ein Hochzeitsfest . Ein leidenschaftlicher Jüngling schlich sich ein und zückte seinen Dolch auf den Fürsten . Ein dunkles Urteil , geheimnisvoller als der Tod , wurde verkündet . Auf dämmernder Flut trieb ein träges Schiff unbekannten Zielen entgegen . Zu Füßen des Jünglings ruhte eine Prinzessin , die eines Herzogs Braut gewesen . Ein Unbekannter nahte auf leuchtendem Kahn mit seltsamer Botschaft ; Narren , Sterngucker , Tänzerinnen , Höflinge schwebten vorbei . Schweigend hatte Anna gelauscht . Am Ende war Georg neugierig zu erfahren , was für einen Eindruck sie von den flüchtigen Bildern empfangen hätte . » Ich kann ' s nicht recht sagen « , erwiderte sie . » Jedenfalls ist es mir heut noch ganz rätselhaft , wie aus dem ziemlich wirren Zeug jemals irgendwas Wirkliches werden soll . « » Natürlich kannst du dir das heute noch nicht vorstellen besonders nach meiner Erzählung ... Aber den musikalischen Hauch , der aus der Geschichte herausweht , den spürst du doch , nicht wahr ? Ich hab mir sogar schon ein paar Motive aufnotiert , und ich möchte sehr gern , daß Bermann sich bald ernstlich an die Arbeit machte . « » An deiner Stelle , Georg ... ich darf doch was sagen ? « » Natürlich , red nur . « » Also ich an deiner Stelle würde doch zuerst einmal das Quintett abschließen . Es kann ja jetzt nicht mehr viel dran fehlen . « » Viel nicht und doch ... Übrigens darfst du nicht vergessen , daß ich in der letzten Zeit allerlei anderes angefangen habe . Die zwei Klavierstücke , dann das Orchesterscherzo das ist sogar ziemlich weit gediehn . Aber es gehört unbedingt in eine Symphonie . « Anna erwiderte nichts . Georg merkte , daß ihre Gedanken abschweiften , und er fragte sie , wohin sie ihm denn schon wieder entrückt sei . » Nicht gar so weit « , entgegnete sie . » Mir ist nur so durch den Kopf gegangen , was alles geschehen sein kann , bis die Oper einmal wirklich fertig sein wird . « » Ja « , sagte Georg langsam , beinahe etwas befangen , » wenn man so in die Zukunft blicken könnte . « Sie seufzte ganz leise , und er drängte sich näher an sie , fast mitleidig . » Sei ruhig , mein Schatz , sei ruhig « , sagte er , » ich bin ja da ... und ich werde immer da sein . « Er glaubte zu fühlen , wie sie dachte : Kann er nichts Besseres sagen ? ... nichts Stärkeres ? nichts , das alle Angst , und das sie für immer von mir nähme ? Und unaufrichtig , wie mit dem Gedanken sich in eine Gefahr zu begeben , fragte er sie : » Woran denkst du ? « Und noch einmal , als sie beharrlich schwieg : » Anna , woran denkst du denn ? « » An etwas sehr Sonderbares « , erwiderte sie leise . » Woran ? « » Daß das Haus schon steht , wo es zur Welt kommen wird , und wir haben keine Ahnung wo ... daran hab ich denken müssen . « » Daran « , sagte er seltsam berührt . Und mit neu aufflammender Zärtlichkeit sie an sein Herz pressend : » Ich werde euch nie verlassen , euch beide ... « Als es