ist die Geldaristokratie , und wahrlich , meine Herren , sie ist noch platter und prosaischer , sie hat nicht einen Funken von Poesie , und gerade das Extrem des Adels , das trostlose Geschäft , schwingt sich im Gewande der Industrie auf den Thron ; mir schaudert vor dieser neuen , bloß rechnenden Herrschaft , wo die Herzen nichts mehr gelten . « Ich gab ihm recht und gestand zu , daß wir sehr auf der Hut sein müßten , uns den Sieg nicht stehlen zu lassen , den Sieg der Bildung . » Immer aber , « fuhr ich fort , » ist das doch ein großer Schritt weiter , wenn der Erbaristokratismus gestürzt ist , und wir vielleicht leider beim Geldaristokratismus angekommen sind , so ekelhaft dieser auch sein mag . Die nächste Morgenröte kann mir das Geld , einige Jahre können mir die Gelehrsamkeit , das Wissen bringen - keine Ewigkeit , kein Gott kann mir eine Vergangenheit , lächerliche Ahnen geben , wie sie der Adel verlangt . Und darin liegt das Fundament zukünftiger Zeit , die vielleicht jetzt in Frankreich beginnt . Alle Wege müssen offen sein zu allem - nicht unbedingte Gleichheit , aber unbedingt gleiche Befugnis zu allem , das ist die Losung des neuen Jahrhunderts . « » Erbt nicht der Sohn des Millionärs auch die Million ? « warf abgehend von meinem Schlußsatze der Graf ein . Hippolyt antwortete für mich : » Er kann sie morgen ganz oder zum Teil verlieren , und sein Nachbar kann sie gewonnen haben . Sie können Ihre Ahnen nicht verlieren , kein Nachbar kann sie gewinnen , darin ruht der Widerspruch mit der neuen Theorie : alles muß für alle erreichbar sein . « Graf Fips meinte , ich hätte der feinen Manieren nicht erwähnt , die würden nach diesen barbarischen Ansichten ganz zugrunde gehen . Ich erwiderte ihm , daß ich die feinen Manieren allerdings für ein Produkt der Zivilisation ansähe , daß ich aber keineswegs an ihren Untergang ohne den Adel glaubte . » Manches von dem , « fuhr ich fort , » was Sie , Herr Graf von Fips , so nennen , dürfte allerdings verloren gehen ; manches von dem , was der Adel darunter versteht , der aber nur eine Frucht mit schöner Schale will , die ihren Zweck durch ihr Aussehen erreicht habe , nimmer aber geöffnet zu werden brauche - die eigentlichen feinen Manieren sind ein Ergebnis der höchsten Kultur , und die meisten feinen Leute kennen sie nicht , weil sie eben nicht kultiviert genug sind . Es handelt sich dabei natürlich nicht um ein Kompliment oder diese und jene Floskel , das ist nichts als Turnüre , die durch einige Übung wie das Tanzen von jedem erlernt werden kann und erlernt werden soll , denn sie ist die Bedingung des Erscheinens , und das Erscheinen soll schön sein . Es handelt sich aber um das höchste geistige Verständnis und um die schönste und gewandteste und geeignetste Erscheinung des Geistigen . Es kommt dem sogenannten feinen Menschen nicht im geringsten darauf an , die geistigen Interessen einer Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen , wenn er das nur mit einem zierlichen Komplimente tut - man spreche das Wichtigste , erzähle , lese das Interessanteste : ein gesellschaftliches Unding , das sich eben ereignet , bricht es ab , stört , und kein Mensch mit feinen Manieren fragt , welcher Gedanke , welche Folgerung unterbrochen worden sei - darum weil diese Manieren ihnen nur der Form , nicht der Gedanken halber da sind ; der Gedanke erzeugt bei ihnen nicht die Form , sondern die Form den Gedanken . Darum ist ihr Gipfel die Förmlichkeit , und nur die Auserwählten werden das , was die Römer formosi nannten , äußerlich schön , mehr aber nicht . Jedermann aber weiß , daß Roms größte Männer nicht die formosi gewesen sind . Das ist z.B. gute seine Manier , um Ihnen durch ein Beispiel anzudeuten , was ich darunter verstehe , dem andern durch alle Schlangenwindungen des Gedankenprozesses zu folgen , wo er strauchelt , ihm die Hand zu reichen , wo er eilt und fliegt , nachzueilen , nachzufliegen , und wenn ' s wirklich geflogen ist und man artig sein will , dies bemerken - alle geistigen oder sonstigen Interessen des anderen zu den eigenen machen und mit Teilnahme verfolgen , der geistigen oder moralischen Atmosphäre , die um ihn ist , ungeteilte Aufmerksamkeit schenken - da kann manches Äußere , eine herabgefallene Nadel , ein Zwirnknäuel übersehen werden ; wenn man dem Besten des Menschen sich anschmiegt , so hat man die besten Manieren , alles andere ist angenehme Zugabe . « » Wird es aber zur Hauptsache gemacht - « setzte Hippolyt fort , - » so wird es Leerheit , Abgeschmacktheit , Unkultur , und die feinen Personen , die sich immer und nur darin wohlbefinden können , dürfen nicht zu unseren gebildeten Ständen gezählt werden , weil sie von Bildung nichts wissen und an hohlen Spielereien , an Firlefanz und Puppenkram genug haben . Und meinen Sie denn , daß jene feinen Manieren ein Prärogativ des Adels seien ? Wir haben solcher bürgerlichen Affen genug . Es ist eine lächerliche Schwäche von uns , daß wir den arroganten Titel Adel noch immer gestatten , daß wir ihn selbst in unserer Polemik noch immer gebrauchen ; man nenne es Junkerei oder ähnlich . « Man war still , wir hatten zu heftig gesprochen ; ich fürchte , unsere hiesige Gesellschaft ist der Auflösung nahe . Ich sehe durch meine Glastür Kamilla einsam wandeln - leb ' wohl für heute , ich will ernstlich zu erfahren versuchen , welcher Kummer das liebe Mädchen drückt , ich habe sie sehr gern . Leb ' wohl ! 19. Kamilla an Ludoviko . Grünschloß . Ich habe unrecht gegen Sie , Ihre gegen mich gerichteten Vorwürfe sind gerecht . Aber ehrlich und offen will ich gegen Sie bleiben ; Sie haben mir Ihre Liebe und Hand angetragen , Sie haben mich damals überrascht , ich war ein unerfahren Ding ; ich wußte nicht , was ich versprach . Warum mußten Sie aber auch so lang von mir bleiben ; warum kamen Sie nicht , wie Sie versprachen , dies Frühjahr ! Wieviel Schmerz wäre mir erspart worden . Ich habe die Treue gegen Sie gebrochen . Ihr Verlobungsring liegt im Kasten . Fürchten Sie nicht die Nachricht eines Exzesses , es gilt nur die Treue meines Herzens . Valerius , ein Poet , kam zu uns , er warb um niemand , lebte ruhig , harmlos , dem Anschein nach ohne Wunsch , ohne Verlangen nach irgend etwas an unserer Seite und gewann sich somit das , was er nicht suchte , unsere Teilnahme . Ich hatte ihn gern , und nur zuweilen dämmerte die Vermutung in mir auf , daß er Ihnen gefährlich werden könnte . - Erlauben Sie mir dies Wort ; Ihr letzter Brief berechtigt mich noch dazu . Aber ich schüttelte lächelnd den Gedanken von den leichten Schwingen meines Wesens ; ich hoffte nichts als einen lieben , zuverlässigen Freund in ihm zu gewinnen . Sein unwandelbarer Gleichmut bestärkte mich darin . Wie ein Blitzstrahl traf mich das Wetter . Vor einiger Zeit such ' ich ihn und Alberta , die im Garten promenierten . Ich biege um eine hohe Zypressenreihe und sehe in der Tiefe des Gartens zwischen Bäumen eine Gruppe , die mich erstarren machte , und mir eine traurige Gewißheit über mein Inneres brachte . Alberta ruht an der Brust des Valerius . Heiße Tränen stürzten aus meinen Augen , ich fühlte , daß ich Ihnen untreu geworden , daß ich jenen unglückseligen Mann liebte . Keine Macht der Erde würde dies Geständnis über meine Lippen gebracht haben ; Ihnen bin ich ' s schuldig . Vergeben Sie mir , vergessen Sie mich . Denken Sie mit Teilnahme an unser grünes Schloß , wo außer meinem Leid ein breites Feld von Trauer sprießt . » Ein Jüngling liebt ein Mädchen , Das hat einen andern erwählt ; Der andre liebt eine andre Und hat sich mit dieser vermählt . « Der Stifter meines Unheils wird selbst unglücklich : Alberta liebt seinen Freund Hippolyt , ach und ich fürchte , dieser liebt die schöne Gräfin Julia , die vor kurzem hier angekommen ist . Das Unglück hat sich hier eingenistet . Grüßen Sie innigst Ihre Schwester ; o daß ich mein Leid in ihren Busen weinen könnte . Die Bitte , mir nicht zu antworten , darf ich wohl nicht erst aussprechen . Vergeben Sie mir ! Kamilla . 20. Hippolyt an Julia . Wir sind in einem Hause , und ich muß das tote geschriebene Wort an Sie richten , dem warmen lebendigen gestatten Sie keinen Zugang . Warum verschließen Sie sich in Ihrem Zimmer , warum nehmen Sie mir meinen Tag , das Licht Ihrer Augen ? Ist es meine Schuld , daß ich Sie später gesehen als die gute Alberta ? Ich habe ein heißes glühendes Herz , mein Fräulein , ich schwöre es Ihnen , ich will , ich werde Ihr kaltes Gemüt erwärmen ; nur Ihre Hand reichen Sie mir , durch die Fingerspitzen will ich mein Leben bis zu Ihrem Herzen treiben . Nie habe ich einem Weibe meine Liebe erklärt , Ihnen , Julia , sage ich , daß ich vergehe in Liebessehnsucht nach Dir . Du bist meine Sonne , mein Mond , der ganze gestirnte Himmel meiner Wünsche , meine Erde , meine Welt , meine ganze Hoffnung auf Seligkeit . Antworten Sie mir , meine ganze Seele fleht , antworten Sie mir gütig , öffnen Sie Ihre Zimmer , ich muß Sie sehen , ich verschmachte in dieser Wüste . Ihr Anblick ist mir die erfrischende Quelle ; ich renne mir den Kopf ein in dieser Nacht . Sie sind mein Licht , o leuchten Sie mit dem Meere des Lichts in Ihren Augen . Ich zünde das Schloß an , um Sie aus den Flammen zu tragen , Sie in Dampf und Glut zu küssen . - Weib , das mich unterjocht , ich liebe Dich Julia , Du weißt nicht , was das heißt . Antworte mir , erscheine ! - 21. Valerius an Konstantin . Warum schreibst Du keine Zeile , Mensch ? Lebst Du nicht mehr ? Ich muß alle Stärke des Gemüts zusammennehmen , um in diesem Drange der Dinge fest zu stehen . Sollte Dir ein Unglück begegnet sein , laß es uns bald wissen ; ich will zu Dir kommen , Du hast ja für die Freiheit gefochten , für das einzige Unwandelbare im Leben . Hier ist viel Unheil . Kamilla weicht mir aus , steht mir nicht Rede . Das tut mir unendlich weh . Alberta liegt krank , Hippolyt hat ihr das Herz gebrochen , der Südländer ist rasselnd in ihm aufgesprungen , er rast in Liebe für die schöne Julia . Diese flieht ihn wie ein Reh den Wolf , und hält sich mehrere Tage in ihren Zimmern verschlossen . Heut ' kam sie zu Tisch ; im Augenblick als wir uns setzten , fuhr die Fürstin Konstantie vor . Nun ist die Verwirrung vollständig . Hippolyt schäumt wie ein Eber , ich habe meine Not , ihn in zivilisierten Schranken zu halten . Wäre dieser Mensch ohne Bildung , man sähe die Taten eines blutigen Barbaren . Der Graf ist äußerst niedergeschlagen und sprach heute wehmütige , rührende Worte mit mir . » Ich bin alt geworden « - sagte er - » und kann der Zeit nicht mehr voraus , sie übereilt und mordet mich und mein armes Kind . « - Später . Eben erhalte ich eine Ausforderung von unbekannter Hand . Es werden da soviel Nichtswürdigkeiten auf mich gehäuft , daß ich ein entsetzlicher Verbrecher sein muß . Es ist doch unangenehm , auch nur für einen einzigen Menschen ein solcher Gegenstand des Abscheues zu sein . Ich sinne hin und her , weil mir der Gedanke aufsteigt , die Handschrift schon irgendwo gesehen zu haben . Ich kann ' s nicht aussinnen . Alle Anschuldigungen sind indes so unklar , unbestimmt ausgedrückt , daß ich durchaus nicht genau weiß , welcher Übeltat ich angeklagt werde . Weiber scheinen dabei beteiligt zu sein ; es ist also wohl ein eifersüchtiger oder Ritterdienst tuender Mann . Und somit ist die Sache vielleicht ein Mißverständnis , denn ich wüßte doch wahrlich nicht , wem ich der Weiber halber etwas getan haben sollte . Der gute Mann verlangt keine Antwort , sondern wird sich in kurzem selbst melden . Soll ich offenherzig sein ? Die Sache ist mir unangenehm ; ich habe es neuerdings immer gefürchtet , in eine Duellangelegenheit verwickelt zu werden , weil ich den fatalen Kampf meiner gesunden Ansicht mit meiner schwächlichen Empfindsamkeit voraussah . Das Duell ist mir verhaßt , und wenn ich an die sogenannten Skandäler auf der Universität zurückdenke , so kommen auch alle die Harlekinaden mit , aus deren bunten Lappen das ganze Studentenleben bestand , und jene Paukereien erscheinen mir wie ein ernsthaftes Spiel , bei dem leicht ein Unglück geschieht . Wenn man aber die Harlekinsjacke ausgezogen hat , soll man auch das Spielen lassen . Ich würde es von Staats wegen niemand verbieten , weil es eine Beschränkung der persönlichen Freiheit wäre , und weil es wirklich Verhältnisse gibt , von deren feinen Linien das bürgerliche Recht keine Kenntnis haben kann , da es seiner Natur nach al fresco gemalt sein muß . Ich kann es niemand wehren , an den Vorteilen der Zivilisation keinen Anteil nehmen zu wollen , sobald er einen andern , der das will , nicht stört . Wenn also ihrer zwei außer dem Gesetze begriffen sein und ihre Angelegenheit durch Degen oder Kugel schlichten wollen , so soll man sie gewähren lassen . Aber man betrachte jedes Duell mit also mißtrauischen Augen , als man es noch immer mit günstigen tut . Man gestatte jedem , es unbeschadet seiner äußeren Ehre zurückzuweisen ; man blamiere , verlache diese mittelalterliche Courage , das Vorrecht von Studenten und Soldaten , die es in Ermangelung eines besseren Kerns zum Mittelpunkte ihres Lebens gemacht haben , bei denen man keiner andern Eigenschaft bedarf , um für vollkommen zu gelten . Die besten Männer der Weltgeschichte dürften leichtlich nichts taugen , wenn man diesen Duellmaßstab bei ihnen anlegen wollte , und doch ist es Mode geworden , selbigen Maßstab an uns alle anzulegen . Sind wir nicht wie die Kinder ? Wenn sich einer vor Dummheiten nicht fürchtet , so ist er ein tüchtiger Mann , vor Klugheiten aber Furcht zu haben , ein Dummkopf zu sein , das tut der Ehre nichts . Ich habe mich auf der Universität geschlagen , weil - nun ja , weil ich Student war ; ich werde mich wahrscheinlich jetzt wieder schlagen , weil ich schwach bin , oder wenigstens nicht den Mut habe , allein stark zu sein . Aber ich will mich bessern , ich will mich an das Schreckbild gewöhnen , für feig zu gelten ; es gehört ja doch wahrlich mehr Mut dazu , ihm ins Angesicht zu sehen als einer schmalen Kugelmündung . Wenn meine Besserung nicht so schnell vonstatten geht , daß ich schon meinen jetzigen Ausforderer heimschicke , so soll er doch der letzte sein , mit dem ich diese Narrheit treibe . Laß mich Dir ' s gestehen , daß meine Schwäche durch meine Umgebung gesteigert wird : der Adel sieht seinen Duellmut für eine Prärogative an , womit er seine andern Prärogativen verdiene ; wenn ich ihm den Unsinn des Duells noch so klar beweise , so zuckt er doch die Achsel und schwappt sich auf den Bauch und spricht : » Man sieht ' s doch gleich « usw. - Unter den Indianern mußt Du erst an den Götzen , welchen sie verehren , geglaubt haben , eh ' Du ihnen beweisen kannst , daß der Götze ein Götze sei . Ich will noch einmal mich gläubig stellen , und dann auf offenem Markte das Götzenbild zertrümmern . Es ist ja doch gar zu lächerlich , jedem Laffen preisgegeben zu sein , sei ' s auch nur den Zeitpunkt betreffend , in welchem ich ihm zu Dienst sein muß . Man beschäftigt sich mit den höchsten Interessen der Menschheit und ist den alten Resten der Blutrache , dem faustrechtlichen Larifari unterworfen ; man predigt auf der Kanzel und sündigt hinter der Kirche . Der Krieg im allgemeinen bleibt immer noch ein Akt der Barbarei , welcher wegen der Verschiedenartigkeit der Stufen , auf denen die Völker stehen , noch immer nicht abgeschafft werden kann ; aber den Krieg im kleinen sollten wir doch wahrlich dämpfen können . Es ist eine ebenso große Dummheit , als wenn man den Kriegerstand den übrigen voranstellt . Ist es wohl schon jemand eingefallen , die Kanone mit Verehrung anzusehen , weil man damit eine Masse Menschen niederschießen kann ? Aber es ist der alte Rest der Eroberung , des Lehenwesens , der Barbarei , wo nur das gelten konnte , was große physische Gewalt entwickelte , was Furcht einflößte . Die Kultur beginnt mit Zerstören : man haut Wälder nieder , tötet die wilden Tiere - wollen wir denn immer im Beginn der Kultur stehen bleiben ? Man lehre die Jugend , den Tod nicht zu fürchten , aber man lehre es auf eine zivilisiertere Weise . - Die Fürstin hat viel Gefolge mitgebracht . Es ist ein buntes festliches Treiben hier eingekehrt , es geht alles geputzt , und doch ist niemand vergnügt - wir leben auf einem Totenacker , den man mit bunten Blumen beworfen hat . Hippolyt steht knirschend wie ein Todesengel da und ist vernichtend in Wort , Blick und Gebärde . Ich habe ihn nie so beißend witzig , verständig , vornehm gesehen . Die kecke Fürstin richtet oft das Wort an ihn , er wirft Dolche statt Worte zurück . Gestern fragte sie ihn nach Desdemona . Mit einer fürchterlichen Kälte erwiderte er : Eine Schlange hat ihr Leben vergiftet und sie von dem Ort vertrieben , wo sie glücklich war - jetzt ist sie wahnsinnig . Konstantie erbleichte . Ich fragte ihn später , ob es gräßliche Erfindung seines Grimmes sei . Nichts weiter , erwiderte er , und reichte mir einen Brief . Er war aus Wien und von Desdemona angefangen ; sie schrieb mit herzzerreißender Sehnsucht , ihre Liebe stand auf einer Höhe , vor der ich selbst schwindelte - die Fortsetzung war von einer uns unbekannten Dame , welche Hippolyt mitteilte , daß Desdemona in ein hitziges Fieber verfallen sei , und daß die Ärzte für ihr Leben und für ihren Verstand alles besorgten . Möge es Dir besser ergehen als uns . Leb ' wohl . 22. Julia an ihre Mutter . Wie es mir geht , meine liebe , liebe Mutter ? Gut - schlecht - die Worte passen nicht dafür ; unglaublich wunderlich . Für Augenblicke fühl ' ich mich beseligt , ich schwimme in Blütendüften , und dann kommt wieder ein langer Tag unaussprechlicher Angst , kindischer Verzweiflung . So leiten die Dichter gewöhnlich ein , wenn sie ein verliebtes Mädchen einführen wollen ; ich weiß , wie oft Papa darüber lachte , aber hier ist es doch ein wenig anders . Ein junger Mann , von aller Welt kurz Hippolyt genannt - er soll der Sohn eines spanischen Grand sein - macht mir auf eine beispiellose Weise den Hof . Sein stürmisches Wesen , mit dem er mich übereilte , hat mich tödlich erschreckt ; was ich von der Fürstin Konstantie , die seit einigen Tagen hier ist , vernehme , was ich an der unglücklichen Alberta sehe , die ihn glühend liebt , und plötzlich von ihm verlassen ist , flößt mir ein Grauen vor dem Menschen ein . Und dabei ist er zauberhaft schön , beredt , liebenswürdig - ach meine liebe Mutter ! dafür ist der Ausdruck erfunden : er ist ein gefährlicher Mensch . Wenn alles wahr ist , was man vereinzelt von ihm hört , so ist er ein solcher Ausbund von Lasterhaftigkeit , eine solche Größe von Untugend , daß man versucht wird , ihn zu bewundern . Er weiß z.B. um Albertas heftige Neigung für ihn , er hat sie hingenommen wie ein angenehm Geschenk , und vom Tage meiner Ankunft an nicht die mindeste Notiz mehr davon gezeigt . Meinst Du nun aber , daß er in ihrer Gegenwart befangen , auch nur im mindesten befangen wäre ? Gott bewahre ; er unterhält sich harmlos , als ob gar nichts vorgefallen sei . Mich verfolgt er mit den feurigsten Versicherungen seiner Liebe ; aber selbst in seinen Bitten liegt etwas Wildes , Herausforderndes . Der Himmel weiß , was die Fürstin gegen ihn hatte , sie nahm in der ersten Zeit ihres Hierseins unglaublich leidenschaftlich Partei gegen ihn , sie war immer so erregt , wenn sie von ihm sprach , daß ich eine Zeitlang glaubte , sie habe eine glühende Neigung in die Livree des Hasses gekleidet - es war ein auffallender Anblick , diese stolze gewaltige Frau und den imponierenden Hippolyt einander gegenüber sitzen zu sehen : Konstantie sah ihm vornehm , fest , starr in die Augen , als erzähle sie ihm eine Geschichte von seiner eigenen Nichtswürdigkeit ; er gab die Blicke sprühend zurück und warf einen ganzen blitzenden Wolkenhimmel mit lauter Zerstörung und Verachtung in ihre Augen , der verächtlich heruntergezogene Mund sprach die Erläuterung jener fürchterlichen Blicke . So oft er den Namen Desdemona aussprach , war der Stolz der Fürstin gebrochen , ihre Schlacht verloren - es ist unverkennbar , daß sich die beiden Leute gekannt , und vielfache Beziehungen zueinander haben . Konstantie ist heftig , leidenschaftlich , sogar rachsüchtig , weil sie nicht nur eitel , sondern stolz ist - sollte es ihr vielleicht mit Hippolyt wie der armen Alberta ergangen sein ! Ich will doch genau achthaben , oder Hippolyt selbst einmal fragen - erinnerst Du Dich nicht , liebe Mutter , wie verwegen sie vorigen Winter in Berlin über dergleichen Dinge sprach , wenn sie des Donnerstags in unsere kleineren Gesellschaften kam ? Ich habe mich immer vor ihrer Art zu lieben gefürchtet ; ihre Neigungen sind ein glühender Sirokko , und sie paßt eigentlich ganz zu Hippolyt . Die gute Alberta hat einige Tage unaussprechlich gelitten , jedoch es scheint mir wie eine hitzige Krankheit mit Heftigkeit , aber schnell vorübergehen zu wollen . Ihr zum Glück und uns allen zur Freude ist ein Herr Valerius hier , der auf alle den wohltätigsten Einfluß ausübt . Er ist der einzige , mit dem Hippolyt in seiner jetzigen Leidenschaft , die aus allerlei Ingredienzien zusammengesetzt ist , redet . Ich glaube , Hippolyt haßt die Fürstin ebenso , wie er mich zu lieben glaubt , und wenn ich dem Manne heute sagte , ich liebe ihn , so teilte ich wahrscheinlich in einigen Wochen das Schicksal seiner Verlassenen - ich will aber mein Schicksal mit niemand teilen , ich will mich durch nichts hinreißen , übereilen lassen , ich will nicht diesen Gefühlsaufwand , diese Stürme , diese Unebenheiten , dies unersprießliche Geräusch . Liebe Mutter , ich bin meines Vaters Tochter , schilt mir nicht dies mein Wesen . Es macht diese innere Ordnung nur mein Glück . Könntest Du Dich mit mir hier umsehen , wie die Neigungen , Leidenschaften , Verhältnisse bunt durcheinander liegen , wie in einem ungeordneten Zimmer , Du würdest mit mir davor zurückschrecken . Solche Unklarheit , Verworrenheit meiner inneren Dinge ist immer ein Unglück für mich , das mich zu Tode hetzte wie ein Gespenst . Darum lobte ich den Herrn Valer ; fast alle lehnen sich an ihn , weil er allein fest zu stehen scheint . Es ist , als ob er mit Alberta in magnetischem Rapport stände , sowie er zu ihr tritt , schließt sich die Blume ihres Schmerzes mit ihren Tränen , und das liebe Mädchen ist mild , sanft , ja manchmal sogar heiter . Er spricht sehr schön , nicht so glänzend wie Hippolyt , aber eindringlicher , gediegener ; alle seine Eigenschaften sind nicht so blendend wie bei diesem , aber alle sind sicherer , fester , abgemachter . Ich liebe das sehr . Auch Graf Topf ist ihm sehr zugetan , und die Fürstin , welche ihn anfänglich ignorierte , weil er etwas sparsam in den Annäherungs- und Höflichkeitsformen ist , geizt jetzt förmlich mit seinen Gesprächen . Er schafft uns die einzigen heimlichen Abendstunden ; wir sitzen auf der Plattform des Schlosses unter dem Zelte , sehen auf der einen Seite nach den fernen Bergen , auf der andern nach der nahen Stadt und dem Flussesspiegel , der zu ihr hinzieht ; Hippolyt rastet selten lange dabei , sondern stürmt meist zu Pferd durch die Ebene , und Valerius bringt uns in das liebenswürdigste Geschwätz . Er hat zwar eigentlich selbst abscheuliche Grundsätze über Ehe , Staat und Menschen , aber er versteht es , das Wildeste geordnet vorzutragen , interessant , wünschenswert zu machen ; die freien Dinge , welche Konstantie äußert , sind eigentlich bei weitem nicht so arg als die seinen , und doch klingen sie mir soviel greulicher . Es kommt vielleicht daher , weil sie mir unweiblich dünken . Die Fürstin verteidigt zum Beispiel den Genuß aller Vergnügungen , auch wenn sie nach unseren bürgerlichen Ansichten zu den verbotenen gehören . Sie hält z.B. die Ehe nur für eine Form , welche der äußeren Dinge wegen da sei , und namentlich den materiellen Besitz des Weibes sichere . Es wird mir unheimlich , wenn ich eine verheiratete Frau so sprechen höre - wenn dergleichen verwirklicht werden sollte , so müßte ja ein trostloses Durcheinander entstehen . Valer , welcher die Frauen selbständiger gestellt sehen will , und wunderlich genug von den neuen verwirrenden Zeitbewegungen viel für uns erwartet , opponierte der Fürstin in vielen Dingen . Er machte sie darauf aufmerksam , wie gerade jetzt das äußere Leben der Frauen in der Luft schwebe , wenn sie ihren einzigen Haltpunkt , die Ehe , aufgäben ; wie nur die stärksten und edelsten Weiber einen Übergang zu besserem freierem Gesellschaftsleben dadurch bilden könnten , daß sie sich der Ehe nicht unterwürfen , die neuen Begriffe aber auf alle Weise unterstützten , weil nach der politischen Revolution die soziale vor den Toren läge , durch welche das Weib eine gesellschaftliche Stellung erlangen würde . Das Christentum habe das Weib nur zur Hälfte frei gemacht , es müsse es ganz werden ; der jetzige Durchgangspunkt aber bringe wie jedes Ringen nach neuen Zuständen , wie alles Halbe sehr viel Unglück , und die Frauen müßten sehr auf ihrer Hut sein , da die öffentliche Meinung noch keineswegs soweit gebracht sei , Toleranz gegen sie zu üben . Die alten Verhältnisse seien wie die alte Kirche in Auflösung begriffen , die Rettung sei nahe , aber die Gefahr doppelt groß . Ich schreibe Dir diese Dinge aus meinem treuen Gedächtnis ; ich verstehe wenig oder gar nichts davon , und sie würden mich wie alles Ändern beunruhigen , sähen sie nicht in dem Vortrage Valers so abgemacht aus . Die Fürstin protestierte feurig dagegen . Sie gab die eigentliche Auflösung der Ehe und Kirche in den höheren Ständen zu , fand die Auflösung vernünftig , verlangte aber das Beibehalten der alten Formen , welche die Gebildeten schützten und doch nicht beengten , der großen Masse aber notwendig seien . Valer nannte das lächelnd Aristokratismus und gebrauchte den garstigen Ausdruck , daß auf diese Weise die Welt verfaule . Geschwüre müsse man aufschneiden , auch wenn es schmerze . Fi , - wie häßlich klingt das , und doch fällt es mir jetzt erst auf ; im Munde des Mannes klang ' s nicht so . Herr William , einer der hiesigen Gäste , verteidigte hart und unduldsam das Bestehende , und tadelte beide Ansichten , sie seien unchristlich und darum unsittlich , lösten das Fundament der Zivilisation und untergrüben die Grundprinzipien der Gesellschaft ; sie seien die Ausgeburt des menschlichen Dünkels , welcher die Gottheit spielen und die ewigen Gesetze umändern wolle . Die Menschen hätten zu hundert Malen versucht , das Christentum abzuschaffen , und seien immer zuschanden geworden ; ihm verdankten wir alle Art von Bildung , und es heiße auf die Barbarei zurückdrängen , wenn man dergleichen Auflösung predige - menschlicher Verstand ordne keine Welt , der göttliche sei uns in Christo zu Hilfe gekommen , und es heiße Gott lästern , wenn man seine eigenen Institutionen verbessern wolle . Valer nahm das Gespräch gegen ihn auf ; ich kann Dir ' s nicht wiederholen , weil es für mich zu gelehrt wurde . Die Fürstin lud beide ein , in einigen Wochen auf ihrem Lustschloß einzukehren , wo sich einen Monat hindurch viel Gesellschaft zusammenfände . Es sei ein Gesundbrunnen in der Nähe , welcher Valers nicht ganz fester Gesundheit sehr zuträglich sein werde . Alberta sah aufmerksam und fast ängstlich drein und horchte . William nahm die Einladung sehr dankbar an , Valer schlug sie aus . Die Fürstin war verletzt . Alberta schien erfreut ; wir trennten uns . - - Soeben ist der Graf aus der Stadt zurückgekommen und hat die wunderliche , aber wie er meint , zuverlässige Nachricht mitgebracht , daß sich unter den hiesigen Poeten ein verkappter Prinz aus einem sehr vornehmen Hause befinde . Du kannst denken , welche Neugier diese Nachricht erregte ; die Meinungen waren alle dafür , es könne nur Hippolyt oder Valerius sein . Natürlich dauerte es auch nicht lange , daß beide aus dem Fragen , Zischeln , Ausholen erfuhren , um was es sich handle