vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer betriebenen Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand entdeckt werden konnte , der auf einen bestimmten Ort oder einen bestimmten Menschen führte , daß selbst hohe Belohnungen keine einzige befriedigende Anzeige veranlaßten ? Deshalb muß Caspar eine Person sein , mit deren Leben oder Tod weittragende Interessen verkettet sind , folgerte Feuerbach . Nicht Rache und nicht Haß konnten Motive zur Einkerkerung gewesen sein , sondern er wurde beseitigt , um andern Vorteile zuzuwenden und zu sichern , die ihm allein gebührten . Er mußte verschwinden , damit andre ihn beerben , damit andre sich in der Erbschaft behaupten konnten . Er muß von hoher Geburt sein , dafür sprechen merkwürdige Träume , die er gehabt und die sonst nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen aus früher Jugend , dafür sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und die daraus sich ergebenden Schlüsse ; er wurde freilich im Kerker gehalten und spärlich ernährt , aber man hat Beispiele von Menschen , die nicht in böswilliger , sondern in wohltätiger Absicht eingekerkert wurden , nicht um sie zu verderben , sondern um sie gegen diejenigen zu schützen , die ihnen nach dem Leben getrachtet . Vielleicht auch , daß durch sein bloßes Dasein ein Druck ausgeübt werden sollte auf jemand , der mit zauderndem Gewissen an der Unternehmung teilgehabt und doch nicht wagen durfte , Einspruch zu erheben Es wurde Sorgfalt und Milde an Caspar geübt ; warum ? Warum ha ihn der Geheimnisvolle nicht getötet ? Warum nicht einen Tropfen Opium mehr in das Wasser getan , das ihn bisweilen betäuben sollte ? Das Verlies für den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres für der Toten . Wenn nun in irgendeiner hohen , oder nur vornehmen , oder nur angesehenen Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wäre , ohne daß man über dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen , etwas in Erfahrung brachte , so müßte doch längst öffentlich bekannt sein , in welcher Familie dies Unglück vorgefallen . Da aber seit Jahren und unerachtet Caspars Schicksal ein weitbesprochenes Ereignis geworden , nicht das mindeste davon verlautet hat , so ist Caspar unter den Gestorbenen zu suchen . Das will heißen : ein Kind wurde für tot ausgegeben und wird noch jetzt dafür gehalten , welches in Wirklichkeit am Leben ist , und zwar in der Person Caspars ; das will heißen , ein Kind , in dessen Person der nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen sollte , wurde beiseite geschafft , um nie wieder zu erscheinen ; es wurde diesem Kind , das vielleicht gerade krank gelegen , ein andres , totes oder sterbendes Kind unterschoben , dieses als tot ausgestellt und begraben und so Caspar in die Totenliste gebracht . War der Arzt im Spiel , hatte er Befehl , das Kind zu morden , fand er jedoch in seinem Herzen oder in seiner Klugheit Gründe , den Auftrag scheinbar zu vollziehen und das Kind zu retten , so konnte der fromme Betrug leichterdings vollzogen werden . Hier handelte jeder auf höhere Weisung , aber wo war der gebietende Mund ? Wo der mächtige Geist , der ein solches Gewicht von Verantwortung für ewige Zeiten zu tragen unternahm ? Wo das Haus , in welchem das Unerhörte geschah ? An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten , tagelang , wochenlang . Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut , sondern mit dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn , der des Unheils und Verderbens sicher ist , wie immer die Schlacht auch enden möge . Die Krone von einem Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten , hieß das nicht , die Majestät auch des eignen Königs beleidigen , geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten , die unmündigen Völker zum Widerpart stacheln ? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt . Er nannte das Haus mit Namen . Er wies nach , daß das alte Geschlecht jählings , in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im Mannesstamm erloschen sei , um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen Nebenzweig Platz zu machen . Nicht etwa in einer kinderlosen , sondern in einer mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben ereignet , und nur die Söhne starben , die Töchter aber lebten weiter . So wurde die Mutter zur wahrhaften Niobe , doch traf Apollos tötendes Geschoß ohne Unterschied Söhne und Töchter , hier aber ging der Würgengel an den Töchtern vorüber und erschlug die Söhne . Und nicht bloß auffallend , sondern einem Wunder ähnlich , daß der Würgengel schon an der Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der Reihe blühender Schwestern . Wie wäre es erklärbar , fragte Feuerbach , daß eine Mutter demselben Vater drei gesunde Töchter gebiert und als Söhne lauter Sterblinge ? Darin ist kein Zufall behauptete er furchtlos , sondern System , oder man muß glauben , die Vorsehung selbst habe einmal in den gewöhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Außerordentliches getan , um einen politischen Streich auszuführen . Nicht lange nach dem Erscheinen Caspars hat sich in Nürnberg das Gerücht verbreitet , Caspar sei ein für tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts , und immer wieder redeten die dunkeln Stimmen , sogar von einer angeblichen Geistererscheinung wurde , wie öffentliche Blätter erzählten , die Behauptung gewagt , daß die gegenwärtigen Regenten den Thron durch Usurpation besäßen und daß noch ein echter Prinz am Leben sei . Gerüchte sind freilich nur Gerüchte ; aber sie fließen oft aus guten Quellen ; sie haben , wo es geheime Verbrechen gibt , häufig ihre Entstehung darin , daß ein Mitschuldiger geplaudert , oder mit seinem Vertrauen zu freigebig gewesen , oder eine Unvorsichtigkeit begangen oder sein Gewissen erleichtern wollte , oder seine getäuschten Hoffnungen zu rächen sich vorgesetzt , oder im stillen die Entdeckung der Wahrheit herbeizuführen gesucht , ohne die Rolle des Verräters spielen zu müssen . Der Präsident nannte nicht bloß die Dynastie mit Namen und das Land , das ihr erbeigen war , er nannte auch den Fürsten , dessen plötzlicher Tod vor mehr als einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte , er nannte die Fürstin , die , von hocherlauchter Abkunft , in selbsterwählter Einsamkeit ein unfaßbares Geschick betrauerte ; er nannte diejenigen , die so über Leichen hinweg zum Thron geschritten , und neben dem Bild eines schwachen , doch ehrgeizigen Mannes tauchte die Gestalt eines Weibes auf , voll von dämonischem Wesen , der regierende Wille über dem grausen Geschehen . Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen Hinweisen des Präsidenten . Denn er kannte die höfische Welt , in der Tücke und Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerüchen gebettet sind und wo die Niedertracht ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betäubt ; er hatte ihre Luft geatmet , er hatte von ihren Tischen gespeist , von ihrem Gift genossen , den besten Teil seines Lebens und seiner Kräfte in ihrem Dienst vergeudet und war für die reinste Hingebung mit Schmach und Verfolgung belohnt worden ; er kannte ihre Kreaturen und Helfershelfer , er kannte sie , denen die Geschichte nichts bedeutet als eine Stammbaumchronik , Religion eine Priesterlitanei , Philosophie einen fluchwürdigen Jakobinismus , Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und Protokollen , der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe , Menschenrechte ein Pfänderspiel , der Monarch ein Schild ihrer eignen Größe , das Vaterland ein Pachtgut und Freiheit das sträfliche Vermessen aberwitziger Toren . Die unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen Worten hervor , erlittene Zurücksetzung und ein verfinsterter Geist . Er wollte seiner selbst nicht gedenken , doch die Worte entschleierten seinen Gram , wenn auch nicht für das Auge des Königs , der nur zu lesen brauchte , was geschrieben stand . Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt , damit sie in keine andern Hände als in die des Regenten gerate , und der Präsident wartete von Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung , auf einen Bescheid , auf irgendein Zeichen . Da kam die Kunde von dem Mordanfall auf Caspar . Feuerbach reiste nach Nürnberg ; seine eignen Maßnahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei . Am zehnten Tag seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der königlichen Privatkanzlei , worin mit gebührendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz genommen und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns in der Entwirrung verwickelter Verhältnisse gedacht war , das aber in allen wesentlichen Punkten eine spröde Zurückhaltung zeigte ; man werde prüfen ; man werde überlegen ; man müsse abwarten ; gewichtige Rücksichten seien zu beachten ; leicht erklärliche Beziehungen legten unbequeme Pflichten auf ; die Natur des Unglaublichen selbst veranlasse eher zur Verwunderung , zur Bestürzung als zu unbesonnenem Eingreifen ; doch verspreche man , ja man verspreche ; vor allem werde Schweigen empfohlen , unbedingtes Schweigen ; bei Verlust aller Gnade dürfe keine derartige Kunde als authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach außen dringen : man erwarte über den Punkt Verständigung und Unterwerfung . Die Wirkung dieses geheimen Erlasses , mit welchem man ihm zugleich schmeichelte und drohte , der einer freundlich dargereichten Hand glich , worin der geschliffene Dolch blitzte , war um so heftiger , als der Inhalt längst geahnt und gefürchtet war . Feuerbach schäumte . Er zertrat das Sendschreiben mit den Füßen ; er rannte mit keuchender Brust , die Fäuste gegen die Schläfen gedrückt , eine ganze Weile im Zimmer auf und ab , dann stürzte er aufs Bett , das Sausen seiner Pulse beängstigte ihn , und er erlöste sich schließlich in einem lauten , langen Gelächter voll Wut und Zorn . Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das einzige Wort : Schweigen , Schweigen , Schweigen . An demselben Nachmittag war der Bürgermeister Binder mehrmals im , Gasthof gewesen und hatte den Präsidenten zu sprechen gewünscht . Der Kellner war stets mit dem Bescheid zurückgekommen , sein Pochen sei vergeblich , der Herr Staatsrat scheine zu schlafen oder wünsche nicht gestört zu werden . Gegen Abend kam Binder wieder und wurde endlich vorgelassen . Er fand den Präsidenten in ein Aktenheft vertieft , und seine Entschuldigung wurde mit der verletzend kurzen Bitte erwidert , er möge zur Sache kommen . Der Bürgermeister trat betroffen einen Schritt zurück und sagte stolz , er wisse nicht , wodurch er sich das Mißfallen Seiner Exzellenz zugezogen haben könne , doch wie dem auch sei , er müsse eine derartige Behandlung zurückweisen . Da erhob sich Feuerbach und entgegnete : » Ums Himmels willen , Mann , lassen Sie das ! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort , hat einigen Grund , wenn er die Regeln der Höflichkeit vergißt ! « Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert . Dann erklärte er den Zweck seines Besuchs . Daß Daumer die Absicht habe , Caspar aus seinem Haus zu entfernen , sei dem Präsidenten wahrscheinlich bekannt . Da nun der Jüngling soweit hergestellt sei , habe sich Daumer entschlossen , damit nicht hinzuwarten , sondern ihn baldmöglichst zu den Beholdischen zu bringen , die Caspar mit Freuden aufnehmen wollten . Alles dies sei genügend besprochen und man wünsche nur , den Präsidenten zu unterrichten , und bitte um seine Gutheißung . » Ja , ich weiß , daß Daumer die Geschichte satt hat « , antwortete Feuerbach verdrießlich . » Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus . Niemand hat Lust , sein Haus zu einer umlauerten Mordstätte werden zu lassen , obwohl dagegen Maßregeln ergriffen werden können , werden müssen . Von heute ab soll Caspar unter genauer polizeilicher Überwachung stehen ; die Stadt haftet mir für ihn . Doch warum hat Daumer solche Eile ? Und warum gibt man Caspar in die Familie Behold , warum nicht zu Herrn von Tucher oder zu Ihnen ? « » Herr von Tucher ist während der nächsten Monate berufshalber gezwungen , seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen , und ich - « der Bürgermeister zögerte , und sein Gesicht wurde vorübergehend bleich , » was mich betrifft , mein Haus ist kein Ort des Friedens . « Rasch schaute der Präsident empor ; sodann ging er hin und reichte Binder stumm die Rechte . » Und was ist es mit diesen Beholds ? Was sind es für Leute ? « fragte er ablenkend . » Oh , es sind gute Leute « , versetzte der Bürgermeister etwas unsicher . » Der Mann jedenfalls ; ist ein geachteter Kaufherr . Die Frau ... darüber sind die Meinungen geteilt . Sie gibt viel auf Putz und dergleichen , verschwendet viel Geld . Böses kann man ihr nicht nachsagen . Da es für Caspar , wie wir ja verabredet , von Vorteil ist , wenn er jetzt die öffentliche Schule besucht , genügt schließlich die bloße Beaufsichtigung in einem Kreis anständiger Menschen . « » Haben die Leute Kinder ? « » Ein dreizehnjähriges Mädchen . « Der Bürgermeister , dem es wie aller Welt wohlbekannt war , daß Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte , wollte noch etwas hinzufügen , um sein Gewissen zu beruhigen , doch da wurden Daumer und der Magistratsrat Behold gemeldet . Der Präsident ließ bitten . Alsbald zeigte sich das freundlich grinsende Gesicht des Rats ; der feierliche schwarze Kinnbart stand in einem komischen Gegensatz zu dem schon ergrauten Kopfhaar , das in feuchten Strähnen pomadeduftend über die Stirn hing . Unter beständigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu , der ihn nur eines flüchtigen Grußes würdigte und sich sogleich an Daumer wandte . Dieser wagte kaum dem forschenden Auge des Präsidenten zu begegnen , und die Frage , ob man Caspar die innere und äußere Anstrengung eines so durchgreifenden Wechsels schon zumuten dürfe , beantwortete er durch verlegenes Schweigen . Als sich Herr Behold ins Gespräch mischte und versicherte , Caspar solle in seinem Haus wie ein leiblicher Sohn betrachtet werden , unterbrach ihn der Bürgermeister mit den fast widerwillig hervorgepreßten Worten , darauf halte er nichts ; wie man an Caspar selbst sehe , gebe es ja Eltern , die ihre leiblichen Kinder verkümmern ließen . Der Rat machte ein verlegenes Gesicht , rieb seine ausgemergelten Finger an der Stuhlkante und stotterte , er könne nichts weiter sagen ; was an ihm läge , wolle er tun . Der Präsident , stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden , sah die beiden Männer abwechselnd an . Darauf trat er dicht vor Daumer hin , legte die Hand auf dessen Schulter und fragte ernst : » Muß es denn sein ? « Daumer seufzte und entgegnete bewegt : » Exzellenz , wie hart mein Entschluß mich ankommt , das weiß nur Gott . « » Gott mag es wissen « , versetzte der Präsident grollend , und seine untersetzte feiste Gestalt schien plötzlich drohend zu wachsen , » aber wird er es darum schon billigen ? Wenn man Stein und Stahl zusammenschlägt , gibt es Funken ; wehe aber , wenn bloß Schmutz und Krümel vom Stein fliegen . Da ist keine Dauer und keine Tüchtigkeit der Natur . « Er kanzelt mich schon wieder ab , dachte Daumer , und die Röte des Unwillens stieg ihm ins Gesicht . » Ich habe getan , was in meinen Kräften stand « , sagte er hastig und mit Trotz . » Ich verschließe Caspar nicht mein Haus . Und mein Herz schon ganz und gar nicht . Aber erstens kann ich keine Gewähr für seine Sicherheit mehr leisten , und ich glaube , niemand kann es . Wie ist es möglich , Säemann zu sein auf einem Acker , unter dem ein verderbliches Feuer gloset und jeden Samen verbrennt ? Und dann , was mehr ist , ich bin enttäuscht , ich gestehe es , ich bin enttäuscht . Nie will ich vergessen , was mir Caspar gewesen ist , wer könnte ihn auch vergessen ! Aber das Wunder ist vorüber , die Zeit hat es aufgefressen . « » Vorüber , ja vorüber , « murmelte Feuerbach düster , » das Wort mußte fallen . Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht . Die Söhne werden verstoßen , wenn sie unsrer Liebe ein Übermaß abnötigen . Aber der Bettler kriegt seine Bettelsuppe . Meine geschätzten Herren , « fuhr er laut und förmlich fort , » tun Sie , wie Ihnen beliebt ; in jedem Fall , dessen seien Sie eingedenk , bleiben Sie mir für das Wohl Caspars verantwortlich . « Als Daumer auf der Straße war , ärgerte er sich noch immer über den Ton und die Worte des Präsidenten . Doch zugleich konnte er sich seine Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen . In einer der verödeten Straßen nahe der Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig . Daumer war froh , eine Ansprache zu haben , und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne . Von Anfang an lenkte der Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar , und Daumer bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken , daß die Gesprächigkeit des Rittmeisters einen hohnvollen Beigeschmack hatte . » Eine geheimnisvolle Sache , das mit dem Vermummten « , meinte Herr von Wessenig , plötzlich deutlicher werdend . » Sollte es Leute geben , die daran ernstlich glauben ? Am hellichten Tag dringt ein Kerl , ein Kerl mit Handschuhen , bitte , dringt in ein bewohntes Haus , hängt sich einen Schleier übers Gesicht und zieht ein Beil aus der Tasche ? Oder sollte er das Beil vorher offen über die Straße getragen haben ? Mit Handschuhen , wie ? Beim heiligen Tommasius , das ist eine gewaltige Räuberhistorie ! « Da Daumer nichts antwortete , fuhr der Rittmeister eifrig fort : » Nehmen wir einmal an , der famose Vermummte hat die Absicht gehabt , den Burschen zu töten . Warum dann die unbedeutende Wunde ? Er brauchte ja nur ein bißchen kräftiger zuzuschlagen , und alles war aus , der Mund , der ihn verraten mußte , war stumm . Man muß rein glauben , der behandschuhte Mörder hat sein Opfer einstweilen nur ein bißchen kitzeln wollen . Wahrhaftig , eine kitzlige Geschichte . Alle meine Bekannten , parole d ' honneur , lieber Professor , sind empört über die Leichtgläubigkeit , die sich von so albernem Spuk zum besten halten läßt . « Daumer hielt es für unter seiner Würde , Zorn oder Entrüstung zu zeigen . Er stellte sich , als hätte er nicht übel Lust , dem Rittmeister beizustimmen , und fragte gelehrig , wie man sich aber den ganzen Vorgang zu denken habe . Herr von Wessenig zuckte vielsagend die Achseln ; er mochte heftiges Aufbrausen und scharfe Zurechtweisung erwartet haben , und weil dies nicht eintraf , legte er sein verhaltenfeindseliges Wesen ab , war jedoch vorsichtig genug , sich nur in allgemeinen Vermutungen zu äußern . » Vielleicht ist der gute Hauser betrunken gewesen und auf der Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt , um sich interessant zu machen . Das wäre ja noch harmlos . Andre sehen bei weitem schwärzer ; man traut dem Halunken schon zu , daß er seine Wohltäter durch einen feingefädelten Streich hinters Licht geführt hat . « Jetzt vermochte Daumer nicht mehr , an sich zu halten . Er blieb stehen , wehrte mit beiden Händen ab , als drängen die Reden seines Begleiters wie giftige Fliegen auf ihn ein , und stürzte ohne Wort noch Gruß davon . Das ist also die Welt , das sind ihre Stimmen , dachte er bestürzt ; das zu denken , ist möglich , es auszusprechen , steht jedem Mund frei ! Und dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen , armer Caspar ! Wenn du auch nicht der Himmelszeuge bist , den ich wähnte , über ihnen schwebst du doch wie der Adler über Koboldsgezücht . Freilich , sie werden dir die Flügel brechen ; vergebens wird die Schuldlosigkeit aus deinem Innern strahlen , sie werden es nicht sehen ; vergebens wirst du vor ihnen weinen und vergebens lächeln , du wirst ihre Hand fassen und vor Kälte schaudern , du wirst sie anblicken , und sie werden stumm sein , angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen , und Verrat führt dich auf den verderblichsten von allen ... Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt ; man kennt die Menschen , man weiß , daß das Feuer brennt , daß die Nadel sticht , und daß der Hase , wenn er angeschossen wird , ins Gras fällt und stirbt ; man kennt die Folgen dessen , was man tut , nicht wahr , Herr Daumer ? Aber ist dies etwa ein Grund , den Geschehnissen , wie einem Feind , der das Schwert erhoben hat , in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden ? Nein , es ist kein Grund . Oder ist es nur Grund , ein kleines Entschlüßchen rückgängig zu machen ? Nein , es ist kein Grund . Darin haben die Idealisten und Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern . Man geht nach Hause , philosophierend geht man nach Hause , legt sich schlafen , und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als am gestrigen , reichlich verstimmten Abend . Das Amselherz Vierundzwanzig Stunden später hält eine Kutsche vor dem Daumerschen Haus , und Frau Behold selber kommt , um Caspar zu holen . Wirklich , Frau Behold hat sichs etwas kosten lassen , eine schwarzlackierte Kutsche mit zwei Pferden und einen Mann mit goldenen Knöpfen auf dem Bock . Caspar wird von Daumer und den beiden Frauen zum Tor geleitet , auch der Kandidat Regulein verläßt seine Junggesellenklause . Anna kann sich der Tränen nicht erwehren , Daumer blickt finster vor sich hin , Frau Behold gibt dem Kutscher ein Zeichen , die Rosse schnauben , die Räder rollen , und die Zurückbleibenden schauen stumm in die Dunkelheit , die das Gefährt verschlingt . Das war der Abschied , und Caspar wars , als gehe es weit fort . Aber es ging nur von einem Haus auf der Schütt zu einem Haus am Markt . Es war dies ein schmales , hohes Haus , welches so eingepreßt stand zwischen zwei andern , daß es aussah , als fehle ihm die Luft zum Atmen . Es hatte einen gezinnten Giebel , steilabhängend wie die Schultern eines verhungerten Kanzlisten , die Fenster hatten nichts Freischauendes , sondern etwas Blinzelndes , das Tor war seltsam versteckt , und innen wand sich eine dunkle Treppe in vielen Biegungen , gleichsam in vielen Ausreden durch die Stockwerke ; die alten Treppen knarrten und stöhnten bei jedem Schritt , und wenn die Türen geöffnet wurden , floß nur ein dämmeriges Licht aus den Stuben . Caspar wohnte in einem Gemach gegen den viereckigen Hof ; vor den Fenstern lief eine Holzgalerie mit verschnörkeltem Geländer , auf jeder Seite waren grünverhangene Glastüren , und unten stand ein eiserner Brunnen , aus dem kein Wasser floß . Das Wunderliche lag darin , daß draußen der Markt war , wo viele Menschen laut redeten , wo die Händler ihre kleinen Läden und Verkaufszelte hatten , wo von morgens bis abends Frauen feilschten , Kinder kreischten , Rosse wieherten , das Geflügel gackerte , und daß man bloß das Tor hinter sich zu schließen brauchte , und es wurde so still , als ob man in die Erde hineingestiegen sei . Dies machte Caspar im Anfang Spaß . Es glich einem Versteckenspiel ; er fand es lustig , sich zu verstecken , und gelegentlich sah er es darauf ab , ein andres Gesicht zu zeigen , als ihm zu Sinn war , oder andre Dinge zu sagen , als man von ihm erwartete . An einem der ersten Tage verlor Frau Behold ein silbernes Kettchen ; Caspar behauptete , es im Vorplatz gesehen zu haben , obwohl er es keineswegs gesehen hatte . Es wurde ihm verboten , ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen . Er fragte , wer es verboten habe , da wurde ihm geantwortet , Frau Behold habe es verboten , und als er sich an Frau Behold wandte , sagte sie , der Magistratsrat habe es verboten , und als er sich an den Magistratsrat wandte , sagte der , der Präsident habe es verboten . Dermaßen war alles verzwickt und versteckt in diesem Haus . Einmal wollte Frau Behold in sein Zimmer gehen ; sie fand es versperrt , er hatte von innen zugeriegelt . » Was sperrst du dich denn ein am hellichten Tag ? « fragte sie und schnüffelte auf dem Tisch herum , wo seine Bücher und Schularbeiten lagen . » Fürchtest du dich vielleicht ? « fuhr sie zungengeläufig fort . » Bei mir brauchst du dich nicht zu fürchten , bei mir gibt es keine vermummten Spitzbuben . « Er gab zu , daß er sich fürchte , und das schmeichelte Frau Behold , sie nahm eine grimmige Beschützermiene an und lächelte herausfordernd . Jeden Vormittag , wenn er von der Schule kam , er besuchte jetzt zwei Stunden täglich die dritte Klasse des Gymnasiums , erkundigte sich Frau Behold , wie es ihm gegangen sei . » Schlecht ists gegangen « , entgegnete er dann trübselig , und in der Tat , er hatte wenig Freude davon . Die Lehrer klagten , daß seine Gegenwart die andern Schüler der Aufmerksamkeit beraube ; der Umstand , daß auf der Gasse stets ein Polizeidiener hinter ihm herging und daß die Polizei Tag und Nacht das Haus bewachte , in dem er wohnte , dünkte die Knaben aufregend sonderbar , und sie belästigten ihn mit den albernsten Fragen . Seine Schweigsamkeit wurde natürlich ganz falsch gedeutet , und wenn er von selbst unbefangen das Wort an sie richtete , wichen sie entweder scheu zurück oder höhnten ihn , denn er war in ihren Augen nichts weiter als ein großer dummer Teufel , der , fast doppelt so alt als sie , noch in den Anfangsgründen der Wissenschaft steckte . Es kam häufig vor , daß er während des Unterrichts aufstand und eine seiner kindischen Fragen stellte ; da brach dann die ganze Klasse in Gelächter aus , und der Lehrer lachte mit . Einmal , während eines gewaltigen Sturmwinds , der draußen heulte , verließ er seinen Platz und flüchtete in die Ofenecke ; da kannte das Vergnügen der andern keine Grenze , und als ihn der dicke Lehrer hervorzog und zu den Bänken schob , begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik . Am eigentümlichsten war es aber anzusehen , wenn er auf dem Nachhauseweg mitten unter der Knabenschar ging , still , verschlossen und sorgenvoll unter den Lärmenden und Unbekümmerten , männlich unter den Halbwüchslingen , und ihm zur Seite beständig der Wächter des Gesetzes . Sehr häufig sprach Daumer vor , um bei den Kollegen Auskunft über Caspar einzuholen . » Ach , « hieß es da , » er hat freilich den besten Willen , aber leider nur einen mittelmäßigen Kopf . Er erweist sich anstellig , aber es bleibt nicht viel haften . Wir können ihn nicht tadeln , aber zu loben ist auch nichts . « Daumer war gekränkt . Ihr könnt nicht tadeln , ihr Herren , ei , und tadelt doch , dachte er ; Tadel ist leicht , besonders wenn er den Tadler lobt , wie es sein Merkmal ist . Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte ihm eine Lobpreisung auf Caspar förmlich abzulisten , aber Herr Behold war kein Freund von offenen Meinungen , Er war ein einschichtig lebender Mensch , der seine Tage in einem düstern Kontor am Zwinger verbrachte , und wer von ihm etwas haben wollte , erhielt gewöhnlich die Antwort : » Da müssen Sie sich an meine Frau wenden . « Daumer glich fast einem unglücklichen Liebhaber darin , wie er jetzt achtsam und bekümmert den Wegen seines früheren Pfleglings folgte , wobei er aber gern vermied , Caspar zu sehen und zu sprechen . Mit großem Mißtrauen verfolgte er insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold , und er zerbrach sich den Kopf darüber , weshalb diese so gierig getrachtet hatte , den Jüngling in ihre Nähe zu bekommen . » Was willst du , « meinte Anna , die ebensoviel gesunden Menschenverstand besaß wie ihr Bruder phantastischen Pessimismus , » es ist ja ganz klar , sie braucht eine Spielpuppe , eine Unterhaltung für ihren Salon . « » Eine Spielpuppe ? Sie hat doch ein Kind , und sie vernachlässigt sogar dieses Kind , wie man hört . « » Freilich ; aber daran ist nichts Merkwürdiges , ein Kind zu haben wie alle andern Leute ; es muß etwas sein , wovon man redet , was Interessantes muß es sein ; man kann dabei die große Dame spielen und liest hie und da den eignen Namen in . der Zeitung . Auch gilt man nebenher für eine Wohltäterin , der Herr Gemahl kann einen hohen Orden bekommen , und was die Hauptsache ist , man vertreibt sich die Langeweile . Die Person kenn ich , als ob ichs selber wäre . Der Caspar tut mir leid . « Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause , wenn sie Gäste hatte . Sie mußte immer Menschen sehen , sie liebte wohlgekleidete , gutgelaunte Menschen , Männer mit Titeln und Frauen von Rang , liebte Feste , Schmuck und prächtige Gewänder . Man hätte sie eine joviale Natur nennen dürfen , wenn der Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht hätte ; sie wäre bisweilen behäbig , ja gemütlich erschienen ohne eine gewisse ziellose Neugierde , von der sie bis ins Innerste , bis in den Schlaf der Nächte behaftet war . Sie hatte eine Unmasse französischer Romane verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig geworden , und das gute Teil Phlegma , das ihrem Temperament beigemischt war ,