man es so nimmt , wenn man zwischen Himmel und Erde pendelt . « Aber der Pastor wollte jetzt allerlei heilige Fragen gleich mit Einhart lösen , um ihn in die Enge zu bringen . Denn daß da ein Heide vor ihnen saß , war gleich allen , auch den Bauern und dem Wirte , geschweige dem Kenner des Evangeliums , von Anfang an klar gewesen . » Wir haben vier Fragen , die wir uns bestimmt beantworten müssen , « sagte der Geistliche sehr hingenommen von der Sache . » Die Menschenseele - - - ? « » Ja , die Menschenseele ! - ist wie eine Luftblase , an die ein Leichnam gebunden ist . Die Luftblase zergeht , und der Leichnam fällt zu Boden . Oh mein Gott ! gut , wenn man noch wandern kann ! « sagte Einhart heiter lächelnd . » Die Menschenseele ist unsterblich , « sagte der Geistliche mit Ruhe und sah Einhart durchdringend an . » Nun gewiß ! « sagte Einhart , » alles , was der Mensch sich träumt , stimmt ! « » Und die Seele ist auch frei ! « sagte der Geistliche . » So lange sie sich nicht ausreckt und in den Obstkorb der Hökerin auf dem Markte langfingerig hineingreift , Herr Pastor . Denn sonst kommt der Gendarm , « lachte Einhart übermütig . Aber der Pastor blieb ernst und voll Würde und war heimlich im Zorn . » Und Gott - - - ? « » Einer , der einen Kopf hat , wie Sonne , Mond und Sterne zusammen , wie eine blaue Glaskuppel , oder eine mitternächtige Himmelsgrube , wer kann noch sagen , wohin der sieht mit seinen Augen , und wie er heißen soll ? Der Glieder hat , wie große Weltenkörper , aus eitel Fels gefügt , der erglänzt in alle Weiten mit schnellem Strahle , schneller wie Wind , schneller wie das Schnellste , wohin hat der Mühe endlich zu dringen ? und wie kann man seine Ziele wissen ? « » Gott ist unser Vater ! « sagte der Geistliche . » Auch unsere Väter können zum Rätsel werden , Herr Geistlicher , « sagte Einhart . » Und Ihr glaubt auch nicht an Jesus , seinen eingeborenen Sohn ! « rief der Geistliche erregt . Da kam Einhart lange kein Wort . Da stand das Jesusland plötzlich klar und nahe vor seinen Augen . Einen Jesus kannte er in sich . Einen , der in Menschenliebe an einem schönen See aufrecht saß , und Liebe sein Wort und Liebe seine Tat , sanft Erkennen und Gewährenlassen und sich dargeben ohne Groll Kindern und Sündern . » Wenn ich an nichts glaube , an den glaube ich , « sagte Einhart leise fast . Daß es dann stumm blieb unter den Beiden . Daß dann endlich der Geistliche zufrieden war . Daß endlich der Geistliche aufsprang und rief : » Glück auf den Weg ! « Daß Einhart sagte : » Ich bin ein Künstler , Herr Pastor . « Er sagte es sogar heiter wieder . Er sagte auch : » Ich werde Euch einmal einen Jesus malen ! ach Gott ! « » Segne der Himmel Ihren Entschluß ! « sagte der Geistliche , als er ihm die Hand reichte und ging . 4 Einhart kam mit Vorsätzen in die Stadt zurück . Er hatte gleich den Weg nach der kleinen Konditorei gemacht und war mit einer heimlichen Neugier mit der Klinke in der Hand noch eine Weile erst unschlüssig dagestanden . Er zögerte , weil er sehr verwahrlost aussah . Aber er besann sich auch gleich auf seine besseren Träume und mußte lachen , was und wen er hier alles noch finden würde ? Alles war hier beim Alten . Schon in den Straßen fuhren hin und her die Tramwaywagen und dieselben Karren und Omnibusse . An den Ecken standen wie immer die blaukitteligen Männer und warteten auf Aufträge , die sie von irgend wem zufällig erhalten könnten . Die Akademie ragte noch . Der Portier hatte vor der Tür gestanden und Einhart groß angesehen . Meister Teodors lachendes Gesicht hatte gerade aus einer Fensterung über den Vorhang hinweg nach der Straße geblickt . Schüler kamen über die Treppe herab . In Summa alles wirbelte und drängte hervor ganz in Trott und Melodie , die er kannte . Sodaß das heimliche Verlangen , Neues zu hören , wozu man durchgedrungen , ihn jetzt noch mehr aufregte , als die Tage , die er einsam mit sich in Luft und Raum , im Blätterwirbel der Landstraße , seinen Weg herangekommen . Einhart war wirklich bewegt , wie er endlich die Tür der alten Konditorei aufgetan . Der alte Lampenputzerstab lehnte noch immer in der Ecke im Vorzimmer . In der Mitte des Hauptzimmers an einem Rundtisch saß noch immer ein junger , vornehmer Krüppel mit verbildeten Händen und Füßen und starrte unverwandt , die wulstigen , glühen Lippen hängend , auf die Beinfiguren des Brettes . Einhart hatte diesen Menschen in seiner Akademiezeit Tag um Tag so beim Schachspiel gesehen . Wie die Punschtorte , die je und je täglich neu , von welchen Händen immer , an die alte Stelle geschoben wurde , so humpelte dieses junge Dreibein stets zur bestimmten Stunde an seine Statt . Auch derselbe Alte war es noch , der ihm gegenüber vertieft auf das gefelderte Brett herniedersah . In der Künstlerstube waren einige fremde Gesichter . Alle sahen Einhart mit Rückhaltung an . Einmal schon , weil er selber jetzt heimlich Fragen tat für sich um all des seltsamen Eines mit früher , und um dessen , was hier sich damals zum Höheren verwandeln gewollt . Kam er denn noch als Einhart Selle ? Als einer dieser jungen Prahlhänse , die jetzt wieder im Kreise um ihn saßen ? Kam er denn noch , um es mit Worten zu erstreiten ? Kam er denn noch um den hellen Tag mühselig vor irgend einem Modell in der Obhut Meister Teodors zu sitzen ? Oder sich Professor Soukoups Kunstabsichten zur vermeintlichen Erlösung der ganzen Menschheit anzuhören zum hundertsten und wieder hundertsten Male ? Kam er denn überhaupt noch als einer , der sich um irgend etwas draußen , um etwas Fremdes und Herzugetragenes an Kunst mühen wollte , um dann im Cafee und auf der Straße oder im engen Stubenschlitze zu lumpen und zu leben , was man so leben nennt ? War er nicht erfüllt jetzt neu von verheißenden , beglückenden Bildern ? War er nicht gekommen gerade nur , um jetzt zu versuchen mit aller Strenge , endlich ein Bild d.h. ein Abbild zu malen dessen , was sein Sinnen und Leben gewesen , und was nicht anders volle Gestalt gewann , als indem er es vor aller Leute Blicke hinschreiben würde mit ganzer leibhaftiger Allgewalt ? Fragwürdig sah er aus ? Nun gewiß . Die Stiefel waren vom Wege mehr als abgetreten . Das alles fühlte er wohl in achtloser Empfindung . Er war sehr freundwillig in den Kreis an den Rundtisch herangetreten , sanft grüßend und mit verlegener Scheu . Neue Gesichter machten ihn immer schüchtern . Obwohl ihm alle die Hand hin streckten . Auch die Fremden kannten ihn längst . Man hatte bei seinem Eintreten gleich heimlich Selles Namen herumgegeben . Alle sahen mit innerem Prüfen das eigengeartete Zigeunerwesen Einharts und sein jetzt wirklich ob all des neuen Alten einfältiges , zurückhaltendes Lächeln . Einhart war auch geradezu überwältigt . Er hatte eine unglaublich fein ausschwingende Seele . Nicht nur sehr matt hatte ihn das lange Wandern gemacht , daß er erschöpft in den Lehnstuhl sank , den man ihm instinktiv frei gemacht , gerade ein Unbekannter , der garnicht gewußt , daß Einhart dort immer zu thronen gepflegt . Einhart war durchkreuzt von Erinnerungen und garnicht fähig , etwas zu sagen . Es war also richtig eine Stille entstanden . Natürlich besann man sich allmählich und redete in dem Abgebrochenen zögernd weiter . Da hörte Einhart , wie auch der alte Geist von einst noch immer umging . Es kamen dieselben Worte aus dem Blute auf , wie ehedem . Ganz als ob in diesem engen Halbdunkel mit der dumpfen Luft , die mit Vanillensüße und Staub und Rauchgeruch geschwängert , derselbe unsichtbare Geist eingesperrt säße , jede Lippe neu zu bewegen in derselben Melodie . Und der Kampf um Topf und Teller der Kunst begann zu Einharts Staunen wie einst scharf zu werden , ohne daß die erhitzten Großsprecher je merkten , was Einhart jetzt wußte , daß noch immer der Braten vergessen oder manchem auch unversehens heruntergefallen . Einhart lachte dann nicht mehr . Er sagte nur , daß er weit her käme und zu Fuß . Die fremden Gesichter behielten ihn immer heimlich im Auge . Erst wie Grottfuß kam , in vollendeter Vornehmheit mit Gamaschen über den Stiefeln , mit einem Zylinder auf dem blonden Haupte , mit künstlicher Achtlosigkeit im Blick , gab es ein lautes Lärmen und ein freies Großtun der Freundschaft aus ihm , daß die andern stummer und stummer wurden , je mehr Grottfuß mit Einhart vertraulich redete . Grottfuß sah stets sehr geistig und fein aus , gegen Einharts alte , dunkle Verwahrlosung wirklich recht abstechend . Außerdem war Grottfuß schon mit Erfolgen tätig gewesen . Er hatte einige Bilder verkauft und wußte , daß er im Frühling sich würde an einer Wand der Ausstellung breitmachen können . Er hatte eine reiche Familie gefunden , deren eine halbreife Tochter sich in ihn verliebt hatte , die er malte und in Ton bildete . Er war ganz von oben ein sehr gewandter Mann geworden . In der Konditorei behandelte man ihn mit mehr als gewöhnlicher Achtung . Wie er hörte , daß Einhart mittellos ankäme , gab er ihm gleich ein Goldstück aus der Westentasche . Er tat kaum , als wenn er es groß bemerkte . Er erzählte dabei auch , weil sie jetzt ganz allein beieinander saßen , daß er der glücklichste Mensch von der Welt wäre . Er hätte sich mit Margit verlobt , sagte er . » Verlobt « , das klang Einhart unglaublich unbekannt . Er hatte immer nur so unbestimmt gedacht , daß seine Mutter sich einst verlobt hätte mit Herrn Geheimrat . Und daß wohl auch die Geheimratstöchter sich verloben würden . Gewissermaßen , als wenn man ein Zensurbuch da erst unterbreiten oder ein Dokument , das man abgab , vorher müßte stempeln lassen . Daß ein Künstler sich je an so etwas entzücken könnte , war ihm bisher nicht in den Sinn gekommen . Außerdem war Einhart wie ein spröder Stein noch immer zu den Feingefühlen der Liebe . Es war noch immer , wie wenn er ergriffe , ohne zu begehren . Die Dirnen liefen ihm zu . Gewöhnlich mehr amüsiert und belustigt war er , als in jäher Erregung . Das mußte sein Blut sein . Aber Grottfuß war in hellem Enthusiasmus . Margit hieß sie also . Öffentlich sollte es erst werden . Ein ganz feines , blondes Mädchen . Er brachte Photographien . Und allerlei , was er von ihr bei sich trug , zeigte er . Einen breiten Ring trug er von ihr . Er war gleich in einer sinnlosen Anpreisung all ihrer Tugenden und Schönheiten . » Du hast sie also schon einmal gemalt ? « sagte Einhart . » Natürlich , in allen Façons , « sagte Grottfuß . » Ich brauche auch ein nacktes Weib , die ich gern als Sünderin malte gegen Christus « , sagte Einhart . » Nein , bitte , Selle ! « sagte Grottfuß ganz piquiert , » bitte , werde nicht zynisch ! entweihe mir nicht meine heiligsten Gefühle ! « sagte Grottfuß mit Vollklang , der das profane Modellsitzen mit Einharts Ernst und Drange verwechselte . Einhart tat es gleich leid , daß Grottfuß gekränkt war , weil Grottfuß ihm dann auch Nachtquartier anbot in seinem Atelier und ihm überhaupt für das erste in allem wollte behilflich sein . So ging der Abend hin , in einer gewissen Neugier heimlich in Einhart , und offen in einer recht freien Hingabe vonseiten Grottfußes , der immer nur wieder auf das Glück zurücklenkte , das er in der Liebe gefunden . Bis sie betrunken heimschwankten in Halbgedanken und lustigen Bildern . Einhart hatte sich völlig übernommen . Er hatte ewig sein Glas Sekt erhoben , auf die blonde Braut zu trinken . Er hatte den allertollsten Philosophien Ausdruck gegeben , mit seinen spitzen Augen blitzend , wo der Mund schon kaum reden konnte , und mit Weisetun und Einfältigaussehen . Arm in Arm mit Grottfuß ging Einhart durch die Straßen und stieß seine Worte heraus . » Nämlich die Kunst - - nämlich die Kunst - - Grottfuß ! komm einmal her ! bleib einmal stille stehn im Lichte dieser Laterne ! « sagte er , sich gewichtig zusammenraffend , » ich werde jetzt eine tiefe Weisheit reden : nämlich die Kunst , « sagte Einhart , » ist nichts , als die Liebe des Menschen . Und du hast sie gefunden . Aber ich hab sie auch gefunden . Wir beide haben das Kleinod gefunden , Grottfuß ! Aber du wirst zeitig genug damit fertig werden . Und ich werde euch allen erst zeigen , wie und was Kunst ist ! - Grottfuß ! « - - » Grottfuß ! « rief er immer von neuem : » Ich werde deine Braut als Sünderin malen vor Christus ! « Einhart lag in Grottfuß ' Atelier einsam im Dunkel halbentkleidet auf einem Liegesofa und murrte es immer noch vor sich hin . Grottfuß war längst heimgeschwankt in die Wohnung der Mutter , wo er jetzt noch wohnte . 5 Das Leben in der Stadt begann wieder , aber doch mit ganz anderer Art und Aussicht , als es früher gewesen . Schon weil Einhart jetzt die Akademiekneipe fast ganz mied . Es war ihm einfach zuwider , sich leeres Geschwätz anzuhören , jenen verdünnten Widerhall der weisen Akademielehren , die ihm noch dazu in der Erinnerung mit dem faden Geruch alter Süßigkeiten gemischt erschienen . Einhart dachte auch gar nicht daran einen seiner alten Lehrer zu besuchen . Auch Professor Soukoup nicht . Gelehrtes , nur mit Worten ergreifendes Wissen und Wesen der Kunst lag ganz hinter ihm . Er war darüber klar geworden , daß die Hochmomente des wirklichen Erlebens sich anfangs wie kleine , feine Sterne vor die Schau und Sinne stellen , genau und genauer besehen Keime Licht , die zu einigen Bildern und vollen Gleichnissen des eigenen Ganges und Schicksals aufwachsen . Daß es schließlich in Klängen oder Farben oder Ideen dann und wann etwas gibt , was wie ein Glück , wie ein Geschenk aus der Seele springt , geeint wie ein geschliffener Stein , unmittelbar und klar dem schauenden Wesen , ein Unvergeßliches an Gestalt und Gehalt . Wer könnte es greifen , als der Träumer , der ganz dem Wachstum jener heimlichen Funken ergeben hin starrt und hinstaunt ? und wer könnte es weiter geben , als nur der in Klang oder Farbe die Weise findet , die dann draußen klingt , was innen und ungeboren und verhüllt war . Einhart war den Jahren nach jetzt ein junger Mann . Er war gegen vierundzwanzig Jahr und machte sich jetzt ziemlich bestimmte Verheißung dessen , was er aus seiner Seele als der einzigen Lebensquelle schöpfen wollte . Am ersten Morgen , als Einhart in Grottfuß ' Atelier aufgewacht war , hatte er sich nicht lange umgeblickt . Er hätte am liebsten gleich das Tintenfaß vom Tische genommen , um es nach diesem ganzen Unvermögen auszuspritzen . Grottfuß war offenbar völlig bergab gegangen . Er hatte allerlei kopiert . Aber wo er versuchte , einen eigenen Fischzug aus dem Meere des noch Ungedeuteten selber zu tun , geriet es ins Meister Teodorische , wurden es blöde Zusammenstellungen von sehr bekannten Dingen in sehr bekanntem Singen . Einhart war gleich an dem Tage neben Grottfuß hergegangen wie ein heimlich Anfragender . Einen Witz hatte Einhart gemacht , wie Grottfuß eintrat , aber ins Ungewisse nur . Er hatte sonst nichts geredet weiter . Er glaubte im Punkte der ersehnten Lebensverkündigung aus Grottfuß etwas wie einen spöttischen Wehmutston von Verzicht gleich heraus zu hören . » Nun bin ich nur begierig , « hatte Grottfuß gesagt , » wohin du geraten bist ? ob du zum blühen bringst , was du uns immer verheißen ? « lachte er ein wenig sonderlich . » Was ? « fragte Einhart . » Ja , mein lieber Freund Selle , in den Jahren damals machten wir alle große Worte . Du suchtest immer nach der Wunderblume . « » Ja , du ! Ich habe seit lange mit niemand groß davon reden können und hab also keinen Namen für die Sache mehr gebraucht . Aber den Drang , den kenne ich noch besser , wie damals . Mir ist überhaupt ganz klar geworden , worauf es ankommt . Daß es nur darauf ankommt , etwas zu malen , was nur ich malen kann , was meine eigenen , persönlichsten Sehnsuchten stillt . Freilich muß man eigene , höchst eigene Sehnsuchten wirklich haben . Ich habe sie . Ich bin jetzt dahinter gekommen , « sagte Einhart mit aller Strenge . Einhart war dahinter . Das sah Grottfuß bald , als er Einhart vor seinen Leinwanden sah . Die Malweisen allein regten Grottfuß auf . Die ganze Zeit , die er bei Einhart stand , grübelte er . Was hatte Einhart nicht alles entworfen gleich in den ersten Tagen : Tänzerinnen , eine Hochzeit zu Kana , Jesus im Tempel , die Ehebrecherin . Und alles sonderlich . Einstweilen nur gezeichnet , aber streng auf Wesen und Ereignis drängend . Wenn auch Einhart dann mit der Farbe und seinem Experimentieren in Leim und allerhand manchmal nicht weiter kam , und es mit manchem dieser Entwürfe eines Tages zu hapern anfing . Jedesmal wenn Grottfuß bei Einhart gewesen , ging er mit zernagter Miene von dannen , weil er aus Einharts Arbeitsraum den Atem von etwas mit forttrug , das wie Blumen oder Bäume mit starkem Eigensinn aus sich aufwuchs . Denn wo Einhart ging und stand , sann er sich jetzt in die Typen der Menschen hinein . An Ecken und Enden der Straßen und Plätze und in den Lokalen kannte er Mienen und Geberden und all die Stimmungen und Ereignisse . Sein Blick war fremdartig und sicher , weil er etwas darin jetzt besaß , was wie Härte von Steinen stach . Er hatte etwas Blinzelndes und Souveränes , wenn er so innerlich suchte . Er sah jeden Menschen darauf an , ob er ihm zu einem Bilde dienen könnte , zu einem Jünger aus Emmaus oder zu einem Fischer am See oder zu Jairi Töchterlein oder gar zu dem bleichen , sanften Gottessohne selber ? Und Einhart saß jetzt wieder bald wirklich fest und zeichnete und malte . Er brachte dazu eine Achtlosigkeit des Lebens , daß man einfach nicht begriff , wie es möglich war so auszukommen . Er rührte sich buchstäblich Tage und Wochen nicht aus seinen Wänden . Er aß ein Stück Brotrinde und trank Kaffee tagelang . Er mühte sich . Er zeichnete mit peinlicher Sorgfalt seine Entwürfe und begann dann mit neuartigen Grundierungen , versuchte allerlei Mittel der Alten und rang zu dem leuchtensten Ausdruck in Farben durchzudringen . 6 In einer Vorstadt unter alten , mächtigen Kastanien , die jetzt kahl standen , und die der Westwind mit nassen Flocken bestrich , lag eine Villa wie ein großer , marmorner Würfel mit weißen Fächertreppen in den Garten nieder und mit weißen Statuen oben an den Zinnen gegen den Himmel . Rings schlief ein fein gepflegter Garten , der im Sommer wie ein erlesenes Bukett erblühte , in dessen Schattengängen dann eine melancholische , sehnsüchtige , bleiche Dame wandelte , oder zwei Kinder von etwa zehn Jahren , ein blonder Knabe und ein rotbraunes Mädchen sich jagten , oder wo Fräulein Margit , die älteste Tochter des Hauses , in einer Laube , von blauen Glycinen umsponnen , manchmal saß und schrieb . An dem hohen , eisenblumigen Gittertor , das jetzt von Naßschnee triefte und einsam lag , las man in goldnen Buchstaben den Namen : » Rehorst « . Herr Rehorst war einer der größten Fabrikanten der Stadt . Sein Vermögen galt als ungeheuer und war in diesen Jahren derart im Wachsen , daß er nichts scheute , was den Träumen seiner leidenschaftlichen und tiefsinnigen Frau irgend konnte zu Licht und Leben verhelfen . Frau Rehorst kannte in dieser Welt keinerlei Dinge mehr , an die sich ihr Fuß hätte stoßen können . Nichts , was je ihr Auge beleidigte oder ihren Sinn verletzte , oder von dem sie auch nur von Ferne erwogen , daß es unerfüllbare Wünsche wären . Wenn man eintrat , auch jetzt in der naßkalten Zeit , duftete die warme , teppichweiche Vorhalle nach fremden , wunderbaren Blumen . In die Dämmerung des Raumes , der von oben seitlich ringsum Licht erhielt , fielen bunte Scheine durch die blauen Lünetten der Wölbung , und die Wandflächen hielten in kühlen , blauen Tönen schimmernde Gemälde . Die Innenräume waren weit wie Säle , tief einsilbig , da und dort in Nische oder Erker mit einer Statue versehen . Der Hauptton von dem einzigen , großen Meistergemälde der Mittelwand gleich im ersten Zimmer stimmte ein in die blaßorangenen Seidenbezüge der Wandflächen , und gegen ein mächtiges Mittelfenster stand eine reiche , helle Marmorgruppe als wundersames Schattenspiel . Man wandelte hin in Duft und Stille . Man sah auf Ecktischen einsame Blumenkelche in Vasen , und in der Ferne durch hohe Türen leuchteten von den Wänden neue Farbenakkorde mit stillen Seen in Buschwerk , wo Liebende wandeln . Alles lud wie eine Traumstätte ein , weil aus halberschlossenen Räumen ohne rechte Begrenzung Träume einen grüßten . Hier ging Frau Rehorst um , eine schlanke , schöne Frau , still und verhärmt , mit tausend Träumen zur Beglückung der vielen , die Gott nicht beglücken konnte , und sie war oft achtlos gegen Margit und gegen ihre beiden jüngeren Kinder . Alle drei Kinder hingen an der Mutter außermaßen . Alle sahen sie mit Entzücken in ihren wallenden , langen Falbelkleidern herschweben in Hoheit . Alle hörten mit Hingabe den weichen Schattenklang ihrer Rede . Alle wußten , daß sie der Geist des Hauses war mit ihrer ungestillten Sehnsucht nach hohen Dingen . Sie war großen , dunklen Gesichts , voll feiner Schmäle , langsam und sicher in ihrer beseelten Bewegung , heftig , aber ganz verhalten . Immer beschäftigt , den Wohlfahrtseinrichtungen der großen Rehorstschen Unternehmungen einen edlen Sinn und eine wahrhaft menschliche Belebung zu geben , kamen die Kinder ihr nicht immer zu passe , vornehmlich , weil in einem jeden auch der Vatergeist mit tätiger Achtlosigkeit lebte , der im Tun ganz Freude sah , ohne immer gleich nach der Höhe und nach letzten Zielen zu fragen . Nun in Margit ganz und gar . Margit war sehr nach dem Vater . Deshalb hatte es Frau Rehorst auch gern gesehen , daß Grottfuß sich Margit gewählt . Denn außer ihren inbrünstig ausfüllenden , sozialen Pflichten kannte Frau Rehorst nichts Lieberes , als die Künste . Mit sehnsüchtig feiner Sammlung trat sie meist allein unter die neuen Bilder der Frühlingsausstellung und sann sich in die Seele einer Landschaft , wie in eigene , dumpfe , oder lachende Akkorde , und ermaß aufs Kennerischste Tongebung und Pinselstrich , verhaltenes Hoffen und Drängen oder rohe , kalte Erkenntnis der Dinge , die aus Farben zu ihr sprechen konnte . Sie war es gewesen , die an einem Grottfußschen Bilde , das im Frühling mit zur Schau kam , ein besonderes Gefallen gefunden , und die Grottfuß deshalb persönlich zu sehen und zu sprechen gewünscht . Einhart war nun auch in den Bannkreis von Frau Rehorst eingetreten . Grottfuß hatte es veranlaßt . Margit hatte ihn ausdrücklich aufgefordert . Ein paarmal äußerst launig und lustig , wie sie es konnte . Und Einhart war in der schlichten Ärmlichkeit gekommen , die er selber kaum beachtete . Es war ihm alles ein sehr neuer Eindruck . Schon das Eintreten ins Haus machte ihn zögern und um sich blicken . Er erinnerte sich dunkel ein solches Gefühl der Stille und Abgeschiedenheit einmal empfunden zu haben , als er in eine leere Kirche hineingesprungen , die gerade offen war , um jemandes Blicken auszuweichen . Den Diener , der das Eisentor geöffnet hatte , hatte Einhart feierlich mit Hutabnehmen gegrüßt und war schüchtern , wie ein Knabe . Und wie dann ein ganzer Kreis Menschen unter den vielen Kronen aus Glitzern und Flammen schwankte , und Margit ihn zu Frau Rehorst geführt , hatte Einhart in vollendeter Einfalt gelächelt . Es war eine richtige , große Gesellschaft . Grottfuß benahm sich wie ein Herr . Grottfuß hatte sich wie ein Weltmann in Smoking geworfen und ging im Hause herum , als wenn er der Gastgeber wäre . Frau Rehorst behandelte ihn mit aller Bestimmtheit als einen der Ihren . Aber sie war mit ihren sanften , traurigen Augen auch so lieb und gütig gleich zu Einhart , daß Einhart lange bei ihr stehen blieb , obwohl er gar nichts zu sagen wußte . Er wußte in diesem Augenblick wirklich nicht sich zu bewegen . Frau Rehorst mußte es ihm sehr zutraulich selber erst angeben , daß er den jungen Leuten eine Freude machen würde , zu ihnen zurückzutreten . Einhart tat in einiger Verlegenheit , was sie ihm geheißen . Er hatte den Ton dieser dumpfen Stimme im Ohr und lächelte zu Fräulein Margit hinüber . » War das ihre Mutter ? « sagte er ganz im Banne und behielt dann Frau Rehorst immerwährend in seinen Augen . » Ach Gott , meine gute Mutter , « sagte Margit mit einem Ton Resignation . » Oh ! « sagte Einhart nur und lächelte wieder hin . Einhart war so einfältig und scheu , wie er seit Jahren nicht gewesen . Und so bekam er auch eine ganz eigene Empfindsamkeit . Als wenn er auf den heimlichen Zusammenklang aller derer , die allmählich hier versammelt waren , hören könnte , und es erhören könnte zu Eins . Allenthalben schwebten und schwirrten die jungen Gesichter . Es waren Freundinnen von Margit geladen . Die heiteren Köpfe der Mädchen regten sich lustig schwatzend und abwehrend im Geplauder hin und her . Die Gestalten fein in Spitzen und Seiden und Mousselinen und zartem Fleisch und vollen Haarzierden leuchtend , die schlanken , jungen Arme in langen Handschuhen . Alles erschien Einhart durchaus merkenswert . Die jungen Männer waren meist im Frack . Sie schwänzten sehr dienstfertig herum , noch ehe getanzt wurde . Einhart kannte einige . Auch Professor Soukoup und Meister Theodor kamen . Beides war Einhart sehr unangenehm plötzlich . Er glaubte schließlich gar , er hätte etwas versehen . Ein jeder würde sich mit Leidenschaft an früher erinnern . Von Meister Teodor war das anzunehmen . Besuchen konnte Einhart den in keinem Falle . Aber daß er Professor Soukoup nicht besucht hatte , fiel ihm jetzt auf die Seele . » Wie ein Freund ist er zu mir gewesen , « dachte Einhart , » und es ist unverantwortlich von mir ... « Aber wie er dann neben Professor Soukoup zu stehen kam , daß der ihn sehen mußte , und neben Meister Teodor , war es ein gleichgültiges , fliehendes Erkennen , und nichts . Als wenn er den Herren verhallt wäre , wie sie ihm , dachte er und lachte er . Einhart begriff zum ersten Male , was ihm beim Gruß seines Klassenlehrers bei seiner ersten Heimkehr schon hätte in den Sinn kommen müssen , daß es eine Zutraulichkeit gibt , die die Seele zu jedem Dinge hat , also daß sie der persönlichen Seele , die sie sich gern zugute schriebe , gar nicht gegolten . Solche Zutraulichkeit hat keine Erinnerung . Die persönliche Seele , die gern nach der alten Stätte fragt , findet dort keine Spur . In Einhart ging solch stilles Sinnen vorüber , wie ein heiteres Gefühl . Und er fand in diesem Gefühle einen Halt , daß er sich ein wenig freier unter den Anwesenden zu bewegen begann . Man machte eine Zeitlang Musik . Eine junge Frau sang Lieder . Ein alter , beweglicher Herr mit weißem , vollen Haarschopf und mehreren Orden spielte einige verwickelte Klavierstücke . Einhart , der sich von den Tönen ganz umspinnen gelassen , hatte sich in eine Ecke gesetzt und kam sich in dem Trubel der Töne wirklich lange wie ertrunken vor . Er erwachte rein neu , als wenn er in eine sonderbare Art gegenstandslosen Kampfes hineingefallen , darin gebannt und gerüttelt worden und nun wieder zu sich käme . Alles war ihm neu . Die großartigen Darbietungen rühmte er in übertriebenen Worten zu Margit . Und zu Grottfuß , der ihm gegenüber bei allem immer so tat , als wenn er diesen ganzen Hochton in den Darbietungen eitel selber hervorgebracht . Grottfuß stand den ganzen Abend mit selbstsicherer Geste . Margit war kindlich beglückt , sinnlich und lustig . Sie wendete sich oft zu Einhart . Auch die anderen Freundinnen versuchten mit Einhart zu sprechen . Auch einige der geladenen Künstler . Alle hatten schließlich nach ihm gefragt . Er , der wie ein dürftiger Jüngling , so alt er nun schon war , in der Ecke sich hielt , und den fetten Haarsträhn in der späteren Stunde längst in der Stirn hatte , wie ein richtiger Zigeuner . Und dessen Augen nun noch schärferblickend und suchend geworden , wenn ihn nicht eine Anrede zu einfältiger Freundlichkeit zurückrief . Die Erscheinung von