der Nachbarin sagen konnte . Und wie sie dann mit ihm zum Schneiderfranzl ging , der zwei Anzüge anmessen mußte . Einen schwarzen dabei auf den besonderen Wunsch des Vetters , damit sich die Sache gleich geistlich ansah . Das gab ein Staunen und Bewundern , als der schwarze Rock fertig war ! Er hing dem kleinen Sylvester über die Knie herunter , die Schulternaht saß auf halber Brusthöhe , und die Ärmel streckten sich vor bis auf die Fingerspitzen . Überall war der Rock zu weit und zu lang . Aber der Schneiderfranzl sagte , so wäre es recht , und so müsse es sein . Denn die engen Röcke sähen so windig aus und paßten nicht für das studierte Wesen . Da lachte die Veronika Mang von Herzen vergnügt und freute sich über den kleinen Sohn und den großen Rock . Und dann mußte Sylvester seine schuldige Aufwartung machen beim alten Pfarrer Maurus Held . Der lachte auch , wie er den neuen Lateiner sah , und sagte : » Du schaust ja aus wie nochmal ein geistlicher Rat . Verlier nur den Mut nicht ! Discendo crescimus oder crescendo discimus muß es bei dir heißen ; im Wachsen lernen wir . Wenn dir der Rock einmal knapp sitzt , hernach bist du schon ein Gelehrter . « Und er holte sein Lieblingsbuch vom Spinde herunter , Forsteneichers Naturbilder . » Das will ich dir schenken , parvule , « sagte er , » es ist ein herrliches Buch . Darin sollst du lesen , wie brav es der liebe Gott meint mit unserer Welt . « Dann schrieb er auf die erste Seite : » Perfer et obdura , labor hic tibi proderit olim . Halte aus und arbeite , kleiner Sylvester , später wird es dir nützen . Denke zuweilen an deinen geistlichen Lehrer Maurus Held . « Wohl dachte er oft an den gütigen Mann , der ihn später fragte , ob er auch die Kraft fühle für den geistlichen Stand . » Es ist nicht immer leicht , auf dem einsamen Weg zu gehen . Manches Mal hält man den Schritt an und möchte lieber umkehren ! « Damals durfte er die Frage heiter bejahen . Er lernte gern und dachte nicht über die Schule hinaus . Oder nur so , daß er sich auf die Ferien freute . Auf das Herumschlendern in des Herrgotts grünem Wald , an der Seite des würdigen Pfarrers Held . Der fragte ihn ordentlich aus , ob er Pflanzen und Tiere kenne und die Sprache der Natur verstehen lernte aus den Schilderungen des Meisters Forsteneicher . Und Sylvester bestand die Prüfung mit Ehren . Denn ihm selber war das Buch , welches so treuherzig erzählte , lieb geworden . Und dann mußte er ihm berichten , wie das Studium vorwärts ging . Der Alte hörte lächelnd zu , wenn der Junge in Eifer kam und die Schönheit des Gelernten rühmte . » So ist es recht , parvule . Bleib nur dabei und verlier mir die Wärme nicht ! « - » Es wird einmal trockener kommen , « sagte er ein anderes Mal , » die artes liberales werden in den Winkel gestellt , wenn es über die Dogmatik und Homiletik hergeht . Vergiß darüber nicht alles , was dich jetzt freut . Libri amici optimi ; die Alten bleiben uns gute Freunde . « Und an einen Tag erinnerte sich Sylvester oft und gerne . Es war ein Sonntag im August . Nach der Kirche gingen Held und er über die Felder gegen Webling zu . Das Korn stand in der Reife . Von Hügel zu Hügel dehnte sich der goldgelbe Segen . Über den Wald herüber kam der frische Morgenwind und rauschte in den Kronen der Bäume . Dann ging er liebkosend über die Fluren . Die Halme bogen sich , und leichte Schatten liefen über das Gold vom Fuße des Hügels bis hinauf , wo die Ähren in den blauen Himmel ragten . Da nahm Maurus Held den Hut ab und sah mit leuchtenden Augen in die schöne Gotteswelt . » So denke ich mir den Herrn Christus am liebsten , « sagte er , » wie er segnend durch die Felder wandelt . Und just so müßte sich das ansehen wie hier . Daß es wie ein Hauch geht über die Halme , die sich ehrfürchtig beugen vor des Menschen Sohn . Vor der Menschen Freund , parvule , der die Armut weihte und den Reichen den Himmel verwehrte ; das haben wir von ihm als besten Gewinn , daß er das Leben der Kleinen und die Arbeit verklärte . Die Menschen wissen es freilich nicht mehr und die am wenigsten , welche seine Lehre den Fürsten und Herren mundgerecht machen . Auch du kannst mich heute nicht verstehen , parvule . Nein , nein ! Später einmal , wenn dir die tiefe Weisheit klar wird , daß aus dem alten Fluche ein Segen wurde . Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen ! « Sylvester verstand den Alten nicht , aber er dachte wohl , daß es gut sei , wie alles , was er sagte . Er hing mit gläubiger Verehrung an dem Manne , und es war sein erster großer Schmerz , als ihm die Mutter nach Freising schrieb , die Woche vorher sei Pfarrer Held nach längerem Leiden gestorben . Das war wenige Monate nach jenem Sonntage . Als Sylvester zu Ostern heimkam , war sein erster Gang in den Friedhof . Da stand auf prunkvoller Marmortafel der Name Maurus Held . Und darunter der Satz : » Er lebte einzig seinem Gotte und fand sein Labsal nur im Gebete . « Seine wohlhabende Schwester hatte ihm dieses Denkmal gesetzt , das jedem in die Augen fiel . Sylvester war nicht zufrieden damit . Am wenigsten mit der Inschrift . Er wußte es besser als viele , daß der heitere Mann seine Erholung nicht ausschließlich im Gebetbuche suchte und fand . Er hatte von ihm oft kräftige Worte gehört , wenn er diese Welt pries , welche nur Dummköpfe als schlecht verschreien . Ein eifriger Kooperator hatte sogar arge Zweifel gehegt , ob Pfarrer Held sein Brevier fleißig lese . Er steckte wohl das heilige Buch in die Tasche , wenn er in den Garten ging , aber er nahm es selten heraus . Nun hatte Sylvester keine unehrerbietigen Bedenken gegen die Erwähnung des Gebetes ; er fühlte nur , daß dieses übliche Lob seinem Wohltäter nicht gerecht wurde und den Nachkommen nichts erzählte von den trefflichen Eigenschaften ihres alten Pfarrers . Sie hätten auf das Denkmal schreiben müssen , daß er keinen Menschen haßte , in allem das Gute suchte und die Armen nach des Heilandes Vorbilde liebte . So wäre es recht gewesen und nützlich für die Erlbacher . Sylvester bemerkte mit Unmut , daß geheime Einflüsse schon in den ersten Monaten das Andenken an Maurus Held trübten . Seine eigene Mutter schüttelte einmal bedenklich den Kopf , als er den Verstorbenen rühmte , und sie meinte , es wäre wohl alles schön , aber ob der selige Herr so recht eifrig im Christentum gewesen sei , das wisse sie nicht . Er fuhr zornig auf und wollte wissen , woher sie das habe . Und die alte Veronika Mang hatte Mühe , ihn zu beschwichtigen . Es sei nur ihre Meinung gewesen , und sie wolle nur ja dem guten Herrn Held nicht Unrechtes nachsagen . Aber weil er doch selbigesmal abgeredet habe , wie dem jetzigen Paulimann sein Vater tausend Mark hergeben wollte für eine Mission , daß die Kapuziner in Erlbach predigen sollten . Und da habe der Herr Held gesagt , es sei besser , wenn er das Geld dem Spital schenke . Deswegen habe sie das so gemeint . Daß auch der neue Pfarrer hinter dem Gerede steckte , sagte sie lieber nicht . Aber Sylvester ahnte es und dachte , es könne nicht ohne Zusammenhang sein , daß seine Mutter sagte , was er auch sonst zu hören bekam . Zum ersten Mal sah er den Undank und das oberflächliche Urteil der Menschen . Seine Begeisterung ließ ihm diese Fehler größer erscheinen , und er mußte die Enttäuschung stärker empfinden , weil es ihm an Erfahrung fehlte . Traurig und verstimmt kehrte er nach Freising zurück . Auch hier blieb ihm der Verlust fühlbar genug . Gerade in diesem letzten Halbjahre , welches er noch auf dem Gymnasium zubrachte , mußte er sich immer wieder an den väterlichen Freund erinnern . Sein treuer Rat fehlte ihm , und dann sein Beifall , als er die abschließende Prüfung bestand . Er wäre wohl freudiger an das Berufsstudium gegangen , wenn er noch das Beispiel Helds lebendig vor Augen gehabt hätte . Wenn er sich die Aufmunterung bei ihm hätte holen können . Das war nun alles so anders geworden . Als er mit der roten Absolventenmütze heimkam , ging er in den Pfarrhof . Es war ihm , als müsse er neben den Rosenstauden im Garten den weißhaarigen Herrn sehen und die freundliche Stimme hören . » Ei , sieh da , parvule , mit der farbigen Mütze ! Nun bist du hineingewachsen in den Rock und in die Gelehrsamkeit . Salve confrater in litteris ! « Aber der Mund war geschlossen für immer ; die lieben Augen , in denen ein gütiges Lachen saß , waren gebrochen . Zwei andere blickten Sylvester an . Zwei kalte Augen mit grünlichem Schimmer , und eine gleichgültige , harte Stimme fragte : » So , Sie sind der hiesige Student ? Ich habe von Ihnen gehört . Sie wollen Geistlicher werden ? « » Ja . « » Man sagt mir , daß mein Amtsvorgänger Sie unterstützt hat . « » Ich verdanke ihm viel . « » Hat er Ihnen pekuniär geholfen ? « » Nein , das nicht . « » Ich fragte nur , weil ich bemerken wollte , daß ich nicht in der Lage bin zu so was . « » Ich danke Ihnen , Herr Pfarrer . Aber ich habe , was ich brauche . « » Ihr Vetter , der Spanninger von Pasenbach ... « » Der läßt mich studieren , ja . « » Da brauchen Sie freilich keine Hilfe . Es kommt nur zu oft vor , daß man uns in Anspruch nimmt . In meiner ersten Pfarrei , in Breitenau , mußte ich bei zwei mittellosen Studenten ab und zu aushelfen . Man tut es ja gerne , wenn es einigermaßen geht . Nun , Sie bleiben in den Ferien hier ? « » Ja . « » Da sehen wir uns wohl oft in der Kirche . Also guten Tag ! « Die grünlichen Augen blickten Mang während des Gespräches lauernd an . Sie glitten an ihm hinauf und hinunter , und wenn er sie fest ansah , huschten sie weg . Und dann schoben sich feuchtkalte Finger in die Hand Sylvesters und zogen sich wieder zurück : ohne Druck , glatt , wie sie gekommen waren . Sylvester verabschiedete sich . Der ehrliche Bursche hatte nasse Augen , als er das Haus verließ . Aus allen Ecken heraus hatten ihn Erinnerungen gegrüßt . Nun war es so ganz anders ; ein bitteres Gefühl der Verlassenheit überkam ihn . Und verließ ihn nicht mehr alle die folgenden Wochen . Er hörte zerstreut zu , wenn seine Mutter von der schönen Zukunft erzählte . Von der ersten heiligen Messe , bei welcher Veronika Mang den glückbringenden Segen ihres Sohnes erhalten sollte ; von dem großen Pfarrhofe , in welchem Veronika Mang ihre alten Tage beschließen würde , und von dem seligen Absterben , welches nunmehr der Veronika Mang durch die Gnade des Himmels beschieden sein werde . Hier und da mußte er lächeln , wenn die Alte über die Jahre hinwegsprang und sich in die Frage vertiefte , ob der künftige Pfarrer die Ökonomie selber betreiben oder lieber verpachten sollte . Aber fröhlich wurde er darum nicht . Und dann war Sylvester allein in der großen Stadt . Von seinen Schulfreunden blieben die meisten in Freising , und die wenigen , welche nach München kamen , stolzierten mit farbigen Bändern herum und lüfteten kaum die Mützen , wenn ihnen der unscheinbare Mang begegnete . Es wurden Versuche gemacht , den langen Sohn Erlbachs für katholische Verbindungen zu erwerben . Aber er hatte kein Verständnis dafür : weder für die trinkfesten Künste , noch für die politische Bedeutsamkeit dieser Gelbschnäbel . Und in ein Seminar wollte er auch nicht eintreten , trotz des lebhaften Wunsches seiner Mutter . Die alte Veronika wußte nichts von den pädagogischen Vorzügen dieser Anstalten , aber die Tracht ihrer Jünger gefiel ihr über die Maßen . Vor Jahren herbergte der Alumnus Stephan Freutsmiedel von Webling des öfteren in Erlbach . Und wenn er mit flatterndem Gewande durch die Dorfgasse schritt , schaute Veronika Mang ehrfürchtig durch das Fenster und malte sich im Geiste aus , wie stattlich dereinst ihr Sohn in diesem Kleide dahingehen werde . Sie mußte ihre Sehnsucht bezwingen , denn Sylvester sträubte sich gegen den Schmuck und saß lieber einsam und frei in seinem Kämmerlein . Hoch oben im vierten Stocke als Zimmerherr der königlich bayerischen Sekretärswitwe Kornelia Rottenfußer , welche sich oft über den freudenarmen Jüngling wunderte . Der blieb so manchen Abend daheim und las . In den ersten Tagen der akademischen Freiheit hatte er , zögernd und doch von einem unwiderstehlichen Wunsche angetrieben , Bücher gekauft , vor denen man ihn als Schüler eindringlich gewarnt hatte . Es waren die Werke ungläubiger Dichter , welche in jungen Herzen Zweifel und Unruhe erregen mußten . Nur wer im reiferen Alter gefestigten Glauben erworben habe , könne ihnen ungefährdet nahen , hatte der Professor gesagt . Die Namen Lessing , Wieland , Kleist leuchteten nicht am Freisinger Himmel , Schiller stand nicht in hohem Ansehen ; Goethe war ein Heide . Und nun erfreute sich Sylvester mit empfänglichen Sinnen an den Geschmähten . In seine Bewunderung drängte sich ein beklemmendes Gefühl . Warum hatten die Berater seiner frühen Jugend so feindselig geurteilt ? Er sah nichts von allem , was sie getadelt hatten , und er begriff nicht , wie sie in der Schönheit Schlechtes suchten , noch weniger , wie sie es fanden . Dazu kamen andere Enttäuschungen . Es lag nichts Vorlautes in seinem Wesen , und er wetzte nicht frühreifen Verstand an den Worten der Lehrer . Aber er fühlte sich unbefriedigt von einer Wissenschaft , die mit trockenen Schlüssen an die ewigen Geheimnisse herangeht und wieder auf halbem Wege stehen bleibt , um den Glauben anzurufen . Darin lag eine harte Probe für sein rechtschaffenes Gemüt , das sich gegen Selbsttäuschung sträubte . Und so hatte Sylvester über vieles nachzudenken , wenn er allein in seiner kleinen Stube saß . Auch darüber , wie schmerzlich die Einsamkeit für ein junges Herz ist . Da führte ihm das Schicksal einen Freund zu . Als er sein Zimmer gemietet hatte , fragte er bescheiden bei der Sekretärswitwe an , ob er täglich ein wenig auf der Geige spielen dürfe . Frau Rottenfußer sagte , ihr wäre es recht , und auch der alte Revoluzzer werde nichts dagegen haben . Wer das sei , der alte Revoluzzer , fragte Sylvester . Da zwinkerte Frau Rottenfußer mit den Augen und hielt die Hand an den Mund . » Net so laut ! Den alten Herrn mein ' ich , der neben Ihnen wohnt . « Sie schlich auf den Zehenspitzen vorwärts und bückte sich vor der nächsten Türe zum Schlüsselloche hinunter . » Er is schon daheim und hockt wieder am Fenster mit an Buch in der Hand . Ich frag ' ihn nachher gleich wegen dem Geigenspielen . « » Ich möcht ' ihn nicht stören , « sagte Sylvester . » Na , na ! Er is net so arg . Bloß daß er net unter d ' Leut geht . Wissen S ' , weil er bei da Revoluzzion dabei war . Mei Schwager hat ma ' s erzählt . Da san viele dabei g ' wesen , de später de schönsten Stellen kriegt hamm . Aber der Herr Schratt hats Maul net g ' halten , wie er scho Assessor war . Natürli hamm ' s ' n pensioniert und er mag nix mehr wissen von de Leut ' . Aber wie g ' sagt , er is gar net so uneben , und i frag ' n no heut . « Frau Rottenfußer meldete bald , daß der Revoluzzer gesagt habe , er höre gerne Musik , besonders wenn der Herr Mang kein Anfänger sei . Sylvester spielte nun häufig . Von seinem Zimmernachbar hörte er lange Zeit nichts mehr . Da ging er an einem Wintertage von der Universität nach Hause . Es hatte die Nacht vorher geregnet , und dann war Kälte eingetreten , so daß die Wege mit Glatteis überzogen waren . Plötzlich sah Sylvester vor sich einen alten Herrn , der bei jedem Schritte ausglitt und nun hilflos stehen blieb . Er stützte ihn und führte ihn sorgsam über die gefährlichen Stellen . Vor dem Wohnhause Sylvesters hielt der alte Herr und sprach seinen Dank aus . Da stellte es sich heraus , daß er der Revoluzzer der Frau Kornelia Rottenfußer war . Die erste Bekanntschaft war geschlossen , und wenn Sylvester nun musizierte , kam Schratt von seinem Zimmer herüber , hörte zu und gab durch seine Bemerkungen zu erkennen , daß er in der edlen Kunst wohl erfahren war . Das führte bald zu regerem Verkehre . Schratt fand Gefallen an dem offenen Wesen Sylvesters , und dieser fühlte sich hingezogen zu dem Alten , aus dessen Gesichte so fröhliche Augen blickten . Der trug eine unverwüstliche Jugend in sich herum , wie alle die Männer , welche in der politischen Sturmzeit das neue Deutschland errichten wollten . Das gärte noch unter den weißen Haaren , und sie wurden ihr Leben lang keine kühlen Rechner . Eines Abends fragte Schratt seinen jungen Freund nach Heimat und Eltern . Als Sylvester Erlbach nannte , wurde er aufmerksam . » Erlbach ? Das Dorf bei Nußbach ? « » Ja . Waren Sie dort ? « » Einmal , vor Jahren . Ich besuchte den Pfarrer Held . « » Den Herrn Maurus Held ? Kannten Sie ihn ? « » Ob ich ihn kannte ? « Der Alte lächelte und wurde wieder ernst . » Er war mein Freund . « Da sprang Sylvester vom Stuhle auf und schüttelte ihm die Hand und sagte , daß er den verehrten Mann wie einen Vater geliebt habe . Es tat ihm wohl , daß er von ihm erzählen durfte . Und dann kam die hastige Frage : » Er war Ihr Freund ? Wo haben Sie ihn kennen gelernt ? « » Das erzähle ich Ihnen ein anderes Mal , Herr Mang . Heute ist es zu spät , aber wenn Sie morgen herüberkommen , will ich einen langen Faden spinnen . « Sylvester ging den nächsten Abend zu Schratt , dessen Wohnzimmer sich beim Lampenlicht ungemein behaglich ansah . Die lange Wand neben der Türe war mit einer hohen Bücherstelle verkleidet ; zwischen den beiden Fenstern stand der umfangreiche Schreibtisch , und darüber hingen alte Stahlstiche in hellbraunen Rahmen , deren Leisten in schwarzen Vierecken zusammenliefen . Einige Steindrucke in ovalen Rahmen waren dazwischen angebracht , Brustbilder von Männern in altväterlichen Tachten . Einer schaute absonderlich verwegen von der Wand herunter , hatte die Arme über der Brust gekreuzt und einen breitkrempigen Hut in die Stirne gedrückt . Vom Hute herab wallte eine Feder mit kühnem Schwunge . Sylvester trat näher hinzu und las die Unterschrift : Friedrich Hecker seinem Freunde und Mitkämpfer Hans Schratt zur Erinnerung an den 20. April 1848 . » Der Hans Schratt war mein Bruder , « sagte der Alte , » aber nun setzen Sie sich . Ich will sehen , daß Madame Rottenfußer Tee bringt . « Sylvester setzte sich auf das geblümte Sofa , über welchem eine Silhouette neben der andern hing ; meist jugendliche Köpfe mit bunten Mützen . Frau Rottenfußer setzte den Teekessel über die Spiritusflamme , Schratt stopfte seine lange Pfeife und hüllte sich in duftende Wolken . » Also , ich habe Ihnen die Erzählung versprochen . Wie ich gut Freund wurde mit dem Gottesgelahrten Maurus Held . Das heißt , damals ist er noch nicht soweit gewesen . Anno 1848 gesegneten Andenkens . « Der Alte schwieg eine Weile , dann sagte er lächelnd : » Gesegneten Andenkens , jawohl ! Trotz allem , was seither gesagt und geschrieben wurde . Die gescheiten Menschen von heute zucken die Achseln über das tolle Jahr . Ich sage Ihnen , junger magister in artibus , die Herzen waren heiß und der Verstand nicht immer kühl damals . Aber in den Leuten war mehr Weisheit , als in den trockenen Dienern der Nützlichkeit , die heute die Nasen rümpfen und sich das bißchen Freiheit wegstehlen lassen , was ihre Väter errungen haben , - - Und jetzt nehmen Sie Tee . Er kommt aus Fukian , wie mein trefflicher Freund Sporner versichert . « Sylvester trank und nahm eine aufmerksame Miene an . Der Alte unterbrach sich oft ; in den Pausen blies er den Rauch vor sich hin . » Sechsundvierzig Jahre . Und just so lange ist es her , daß ich mit dem Studiosus Held Stuhl an Stuhl in der Kneipe saß und von der rosenroten Zukunft redete . Er war noch länger als Sie . Mager , derbknochig , gute Bauernrasse aus der Tölzer Gegend . Er redete nicht viel , und ich glaube fast , daß er heimlich über die Freunde lachte , welche die Welt verteilten . Na , es ist auch manches mit untergelaufen , was man nicht ernsthaft nehmen konnte . Obenan die große Revolution in München , die nichts anderes war als ein bischöflich genehmigtes Haberfeldtreiben . Die Freiheit lag damals in der Luft . So einen Vorfrühling hat die Welt nicht mehr gesehen . Es war wie eine Ahnung in die Menschen gefahren , daß diesmal mit den Knospen noch ein anderes aufkeimen müßte , und wer jung war , hielt freudig die Nase in die Höhe . Man hat unsern lieben Altbayern hinterher eingeredet , daß sie auch die Flügel rührten , als der Freiheit Hauch mächtig durch die Welt ging . Es war aber nicht so schlimm , junger Herr Mang . Wenn Sie den Freisinger Abscheu vor den Revolutionen haben , dürfen Sie ihn nicht auf unsere braven Mitbürger ausdehnen . Sie haben nichts gegen ihre Gewissen und ihre Gewissensräte getan . Wer damals die Finger ins Maul steckte und seinen erhabenen Herrscher auspfiff , tat es in honorem ecclesiae , zu Ehren der Mutter Kirche . Auch wenn er es nicht wußte . Also , unser Maurus Held . Der hörte zu , wenn wir die großen Reden hielten , und schwieg . Er hat die Übertreibungen nicht altklug verachtet oder gar aus Angst vermieden . Den hat nur seine Bescheidenheit von den großen Gebärden abgehalten , und als etwas geschah , was sein rechtlicher Sinn nicht billigte , hat er gezeigt , daß er kein Hasenfuß war . « Der Alte klopfte die Pfeife aus und füllte sie wieder . » Ja , und das war zu Anfang Februar . Ein schöner , warmer Tag , nur etwas bewegt . Die Krämer hatten ihre Läden geschlossen und trieben sich mit den akademischen Bürgern in der Ludwigstraße herum . Die Biederkeit erging sich im Freien und wartete , ob nichts geschähe . Und es geschah auch was . Von der Universität herunter kamen die Alemannen . Sie wissen , das Leibkorps der Lola . Schlechte Kerle , ganz gewiß . Schon deshalb , weil sie in jungen Jahren auf Karriere spekulierten . Aber warum beim Anblick dieser unreifen Pagen das Volk in Wut geriet , warum ehrwürdige Greise ihre Hausschlüssel aus den Taschen holten und so greulich darauf pfiffen , das kann man nicht so einfach erklären . Die Guten haben vorher und nachher den Anblick von schlimmeren Fürstenknechten ertragen . Damals aber schien es mir recht und billig . Ich schrie brav mein Pereat mit und drängte mich heran . Ein Graf Hirschberg von den Alemannen zog seinen Dolch , als man ihm zu nahe auf den Pelz rückte . Er wollte einmal spanisch kommen . Da erhob sich ein Geschrei unter den Manichäern , ohrenzerreißend ! Sie führten Reden , in denen keine Liebe zum Hause Wittelsbach atmete . Die Hispanier rissen aus , und wir zogen weiter in den Hofgarten . Mit einem Mal erscheint mitten unter den brüllenden Hafnermeistern der Gegenstand der Volkswut . Lola Montez selber , in eigener Person . Schneid hatte das Frauenzimmer und eine Verachtung gegen diese sittsamen Spießbürger , die mir später imponierte . Ich stand keine zehn Schritte von ihr entfernt und sah die blitzenden Augen . Links und rechts von mir bückte sich die bürgerliche Ehrbarkeit bis auf den Boden . Diesmal nicht aus Ehrfurcht , sondern um Steine und Kot aufzuraffen . Neben mir steht ein behäbiger Herr und nimmt sich eine Handvoll . Er zieht kräftig aus , damit sein Wurf ausgiebig sei , aber er warf nicht . Jemand schlug ihm den Kot aus der Hand mit den Worten : Pfui Teufel ! Gegen ein Frauenzimmer ! Ihr schämt Euch nicht ? Meine Hafnermeister das hören und auf den Jemand losfahren , war eines . Auch so ein Lolaner ! Nieder mit dem Kerl ! Aber sie merkten schnell , daß ein tölzer Bauernbub ' sich besser wehren kann wie ein Frauenzimmer . Es ist ihm nichts geschehen , dem Maurus Held , und die Geschichte hat keine Steigerung gegen den Schluß . Aber sie zeigt , daß Ihr Freund seine brave Meinung gegen die vielen behauptet hat . Und die Eigenschaft ist ihm geblieben . « » Sind Sie später oft mit ihm zusammengekommen ? « fragte Sylvester . » Oft ? Nein . Ich war einige Zeit in betrübsamer Lage und hätte Freunde kompromittiert . Den Maurus hätte es wohl nicht angefochten , aber ich wollte nicht . Es war genug , daß ihm mein Bruder Hans zu schaffen machte . Der da , ober Ihnen , mit der roten Mütze . Ihm zulieb ' hat Held seine Zukunft aufs Spiel gesetzt , und es fehlte nicht viel zum Verlieren . Der Hans war einige Jahre älter als ich und saß in Lindau als junger Arzt , wie der große Wind wehte . Von Lindau ist ' s nicht weit nach Konstanz , und als dort Hecker im April den Aufstand proklamierte , fuhr mein Hans ein bißchen hinüber . War auch dabei im Gefecht von Kandern und half den General Gagern totschießen und floh mit den anderen in die Schweiz . Ein Jahr später krakeelte er in der Pfalz drüben , bis die Preußen auf Bestellung Ruhe schafften . Mein Bruder wurde in contumaciam zum Tode verurteilt . Erschrecken Sie nicht , er starb erst vor zwei Jahren als wohlhabender Mann in Genf . Aber damals hätten ihn die Preußen erschossen ; sie waren dazu engagiert . Er ließ sich nicht erwischen und lebte einige Jahre in Straßburg . Auf einmal packte ihn die Sehnsucht , heimzukommen . Eine fürchterliche Dummheit ! Was einen damals nach Bayern treiben konnte , ist mir rätselhaft . Die Polizei des Herrn von der Pfordten spürte meinen Hans in München auf ; ich wurde noch rechtzeitig gewarnt und lief mit ihm den Abend und die Nacht bis Sachsenkamm . Im Kloster Reutberg saß unser gemeinschaftlicher Freund Held als Kooperator und Beichtvater der Franziskanerinnen . Jeder andere hätte sich besonnen ; der Maurus überlegte keinen Augenblick . Er gab dem Verfolgten Quartier und schickte ihn nach ein paar Tagen über die Grenze . Damit aber die Tiroler den Hans ohne Bedenken durch ihr glaubenstreues Land pilgern ließen , hing er ihm sein geistliches Gewand um . Und der Hans ist auch richtig mit schuldiger Ehrfurcht behandelt nach Rorschach gekommen . Für seinen Retter kamen unangenehme Tage . Die Polizei erfuhr die Sache , und Held mußte Rede stehen . Er log nicht lange ; sagte es frei heraus , und das war eine Sache damals . Wenn Sie sich schon einmal gewundert haben , warum dieser feinsinnige und gelehrte Priester bis zu seinem Ende in Erlbach blieb , so wissen Sie jetzt den Grund . Die Herren oben vergessen nichts . Und wir wollen ihn auch nicht vergessen , den Maurus Held . Er war ein aufrechter Mann . Und damit gute Nacht , Herr Sylvester ! « Die beiden wurden Freunde . Schratt war in seiner Vereinsamung nicht grämlich geworden und hatte nichts von der Weisheit , welche vergangene Tage lobt und die Gegenwart mißachtet . Es machte ihm Freude , ein junges Herz unmerklich , ohne lehrhafte Schwerfälligkeit , zu bilden . Und hier war die Aufgabe nicht schwer . Sylvester besaß klaren Verstand ; seine Anlagen setzten der umformenden Hand nicht spröden Widerstand entgegen . Es war ein junger Baum , der mit starker Pfahlwurzel im aufgelockerten Boden saß . Vollsäftig und entwicklungsfähig ; reiche Verästung hatte er freilich nicht angesetzt . Schratt lächelte oft im stillen , wenn er die Ergebnisse der klerikalen Schule vor Augen hatte . Alles Befreiende war dieser Bildung genommen . Ohne Fühlung mit der Gegenwart , schöpfte sie aus der Vergangenheit keine lebendigen Kräfte . Mit ängstlichem Bemühen waren die Schranken aufrecht gehalten , in denen von jeher der Geist verkümmerte . Das zeigte sich am deutlichsten in der Art , wie Geschichte gelehrt worden war . Hier war alles geschehen , um einer späteren Erkenntnis vorzubeugen . Die anerzogenen Vorurteile