ist demütig und wunschlos . Also liebe sie denn , liebe sie , bis du den letzten Hauch deines Atems erschöpft hast . « Da atmete sein Herz und lechzte : » Ich möchte heimlich zu ihr , ungesehen bei ihr wohnend und beständig mit ihr lebend , was sie irgend selber lebt , jede Stunde , jede Sekunde , vom Grüß Gott des Morgens , wenn sie die Fensterläden öffnet , bis zum Gut Nacht am späten Abend . « » Ja , tue das « , erlaubte Viktor . Und das Herz tat , wie es gesagt hatte , und lebte ungesehen mit ihr vom Morgen bis zum Abend , vom Grüß Gott des Morgens , wenn sie die Fensterläden öffnete , bis zum Gut Nacht am müden Abend . Und wenn sie sich zum Mittagessen setzte , nickte es : » Iß und sei fröhlich « , und wenn sie sich zum Ausgehen rüstete , flüsterte es : » Nimm nicht das Alltagskleid , sondern das neue , das helle , das köstliche ; denn du bist schön und lieb ; das bedeutet : wo du bist , waltet alle Tage Festtag . « Und weiter atmete das Herz und lechzte : » Ich möchte in ihr eigen Herz tauchen , tief bis in den Quell ihres Gefühles , und aus ihrem Herzen alles liebhaben , was sie selber lieb hat , angefangen von ihrem Mann und ihrem Kinde bis zu dem Blumenstöcklein vor ihrem Fenster . « » Ja « , erlaubte Viktor , » tue das . « Und das Herz tat , wie es gesagt hatte , und tauchte in Theudas Herz bis in den Quell ihres Gefühles , und liebte aus ihrem Herzen alles , was sie selber liebte , und sprach zu ihrem Manne : » Bruder , du hast einen Freund , von dem du nicht weißt , und einen Helfer , den du nicht vermutest ; getrost , was auch die Zukunft dir schicke , ich bin da , ich werde dir beistehen . « Und sprach zu ihrem Kinde : » Deine Füßlein taumeln ins Ungewisse , und deine Äuglein lächeln in Nebel und Ferne ; ich aber weiß Rat ; ich will dich vor Fehlgang und Schaden behüten . « Und zu dem Blumenstöcklein vor dem Fenster sprach es : » Du mußt fleißig sein , damit du mit deinen Farben ihr lustig leuchtest und mit deinem Hauch ihren Mut erquickest , denn bedenke , deine Ranken ragen in ein besonderes Stüblein . « Und wieder atmete das Herz und lechzte : » Ich möchte mich in einen Segen verwandeln und wie ein guter Geist Gottes ihre Schritte umschweben , sie aufrichtend , wenn sie mutlos ist , und von ihr jedes Unheil abwehrend , das nächtens ihre Schwelle umschleicht . « » Das ist recht und statthaft « , erlaubte Viktor , » tue das . « Und das Herz tat , wie es gesagt hatte , und verwandelte sich in einen Segen . Und beim Morgenblaßlicht küßte es Theudas Augen : » Der Hahn ist wach ; steh auf und fürchte dich nicht , denn dieser Tag ist ein fröhlicher Tag . « Und wenn sie betrübt war , so sprach es : » Irrtum ! du darfst nicht traurig sein , denn du bist der Menschen Lust und Wonne . « Und zu dem Unheil , das nächtens ihre Schwelle umschlich , wehrte es : » Halt ! Wer da ? Täuschung ! Dieses Haus ist gefeit , denn hier wohnt Theuda-Imago . « » Nun wohl , mein Herz « , rief Viktor , » wonach deine Liebe lechzte , das hab ich dir alles gewährt . Hast du nun Genüge ? Oder begehrst du noch mehr ? « Ihm antwortete das Herz : » Ich habe nimmer Genüge ; denn meine Liebe gebärt Liebe ; je mehr ich die Einzige liebe , desto mehr begehrt mich , sie zu lieben . Siehe , ich habe ihre dermalige Gestalt mit meiner Andacht umwoben , nun will ich es auch mit der vormaligen tun ; mit meiner Ahnung ihre verbliebene Erscheinung grüßend , so wie sie einst gewesen , ehe sie geworden , rückwärts über ihre Mädchenjahre bis in die Tage der Kindheit , und von ihrer Kindheit hinauf nach ihrem Ursprung über der Welt , wo ihre Seele keimte , ehe sie den Wandel nach Erden antrat . Allein das vermag ich nicht aus mir ; gebiete deiner Phantasie , daß sie mich in jene Höhen enttrage . « » Ja « , erklärte Viktor , » das soll dir werden . « Und befahl seiner Phantasie : » Du loses , unnütz Vögelein , das mir immerfort Unfug und Unmuß stiftet , mit Truggesichtern mich täuschend , daß ich der Torheiten unzählige begehe , auf ! erweise dich einmal nützlich . Hast du gehört , was mein Herz von dir heischt ? Also rüste deine verwegensten Flügel und enttrage meine Ahnung über die Welt in die Pflanzstatt der Seelen . « Ihm erwiderte die Phantasie , im Glanzlachen erstrahlend : » Das ist es ja eben , was ich immer ersehnte . Denn dort oben bin ich zu Hause . « Sprachs und enttrug mit verwegenem Fluge seine Ahnung hinaus über alle Welt in die traumumdämmerte Brutstatt der Seelen . Daselbst , mit den Fühlern der Liebe den Pfad erratend , den einst ihre Seele nach Erden angetreten , versuchte Viktor auf ihren Spuren ihr verwichenes Leben nachzuleben , mit dichtendem Geiste ihre irdischen Erstlingsjahre zurückrufend , den Abglanz ihrer Mädchengestalt an den Wäldern ihrer Heimat ablesend , die Felsen grüßend , die ihr staunend Kinderauge zum ersten Male mochte geschaut haben . Ob dieser Arbeit offenbarten sich ihm Neuschöpfungslandschaften mit Durchblicken auf jenseitige Welten , mit Lichtschimmern und Wolkenzügen anderer Gattung , davor seine Seele schauerte . Die Wirklichkeit schwand , die Zeit versenkte sich vor seinen Füßen . Allein von der Überfülle der Fernwunder erschöpft , versagte sein schwaches Menschenhirn , und sein reisemüder Geist ermattete . » Genug ! Gnade ! Zuviel ! « Doch zornig schüttelte die Phantasie die Schwingen . » Umsonst habe ich nicht diese Höhe erschwungen ; hier ist meine Lebensluft , hier will ich kreisen . Ihrer Seele Keim wolltest du erspüren , ertrage auch ihrer Seele Krönung . « Und ungeachtet seines Flehens und Sträubens offenbarte sie , höher kreisend , dem Bebenden ein Zukunftsgesicht , unerwünscht und aufgedrungen , doch unauslöschlich : Einen Jüngling schaute er neben einer Jungfrau , deren Doppelseele sämtliche Seelen der Welt aufgesogen hatte , also daß außer diesem Paare nichts Lebendiges im unendlichen Raum sich regte . Und dieser Jüngling und diese Jungfrau wandelten zusammen über die Himmelswiese und flüsterten sich zu und blickten einander ins Auge mit einer süßen Innigkeit , gegen welche die zerstückelte Einzelliebe auf Erden bloß ein nichtswürdiges Affenspiel vorstellt . » Was habe ich mit diesem Jüngling und dieser Jungfrau zu schaffen ? « unterbrach Viktors Herz ärgerlich . Siehe , da hatte die Allerseelenjungfrau das Antlitz Imagos . So vergnügte sich Viktor mit seiner neugeborenen Liebe . Sein Herz umspielte Theudas leiblichen Wandel , seine Phantasie brachte ihm Imagos Lichtgestalt aus der Höhe über den Wolken . Lieben nannte er sein Geschäft , Segnen seine Erholung . Da er aber seine Liebe so rein und schön verspürte , wunschlos in andächtigem Gottesdienst , und ihm die Phantasie unablässig neue Offenbarungen zutrug , armvoll in gehäuften Garben , überquoll endlich seine Wonne , so daß ihm der Atem nicht mehr genügte , sondern daß er mit der Stimme singen mußte , bald in stammelnden Jauchzern , bald leise vor sich hin trällernd , zuweilen in langgezogenen schmelzenden Tönen . Auch mochte er etwa ein Stück Papier mit Linien durchqueren , schräg und krumm mit ungeübter Hand , und seine Jauchzer als Notenkettchen zwischendurch schlingen . Der Worte dagegen bedurfte seine Sangesseligkeit nicht . » Störe ich etwa ? « scholl des Statthalters väterliche Stimme ; und nach einigen nichtssagenden Einleitungssätzen knüpfte er bald hier , bald dort ein wissenschaftliches Gespräch an , doch unstet , mit verlegener Miene , wie wer etwas hinter der Rede hält . Endlich rückte er zaghaft hervor : » Am vierten Dezember , wie Sie jedenfalls längst wissen , feiert die Idealia ihr Stiftungsfest . Für diesen Anlaß habe auch ich ebenfalls - wie soll ich sagen ? man kann es einen Prolog nennen - einige bescheidene , anspruchslose Verse ( fünffüßige Jamben mit je einem Anapäst ) in Form eines Dialoges , die alte und die neue Kultur gegenüberstellend - Ob Sie nicht da vielleicht - ich habe an Sie gedacht , weil ich als Gegensprecher einen hochschulgebildeten Mann brauche ( es kommen ja selbstverständlich auch griechische und lateinische Zitate vor ) - ich würde in diesem Fall , das heißt natürlich nur , wenn Sie einverstanden sind , die alte und Sie die neue Kultur , - doch , wie gesagt , ganz nach Ihrer eignen Wahl , vorausgesetzt , daß Sie überhaupt Lust und Zeit dazu vorrätig haben - « Und da sich Viktor gerne zu jeder beliebigen Kultur erbötig erklärte , atmete der Statthalter erleichtert auf . » Ja , und daß ich das nicht vergesse : Meine Frau ist hocherfreut über Ihre Aussöhnung mit meinem Schwager , und warum man Sie denn nie mehr sehe ? « Richtig , jetzt erst fiel es ihm ein : er hatte über dem Eifer seines Gottesdienstes die Gottheit selber völlig vergessen . Das Bedürfnis nach ihrem Anblick hatte sich eben nicht gemeldet ; jetzt freilich , von ihr gemahnt , mußte er sich wohl bequemen ; und da er es mußte , mochte er es auch . Wie er dann nach einigen Tagen nach der Münstergasse pilgerte , tat er es in der Stimmung eines getauften Heiden , der zur ersten Kommunion schreitet ; ein Schritt furchtsam , ein Schritt gefaßt . Gewiß , er konnte sichs nicht verhehlen , es nisteten noch manche Motten im Hermelin seiner Gerechtigkeit , allein seine Bekehrung war doch echt , seine Buße gründlich , seine Liebe rein ; und die Götter sind ja gnädig . Zudem hatte er ja nun den Kurt auf seiner Seite . Huldvoll empfing sie ihn ( Wirkung des Kurt ? oder las sie ihm die Andacht aus dem Gesichte ? ) , ohne den mindesten Nachhall der alten Feindseligkeit ; großartig , mit einem einzigen Pinselstrich die Erinnerung an die frühere Mißhelligkeit ausgelöscht . Sie berichtete ihm den Todesfall einer entfernten Verwandten , welche verwichene Nacht unvermutet verschieden wäre , nur so zwischenhinein , wie ein Nebensatz , mitten in die Vorbereitungen zum Stiftungsfest . Während des Berichtes rollten ihr einige Tränen über die Wangen . Die fing er mit unmerklich vorgeschobener Hand auf , als wäre es Weihwasser . Hernach wurde noch dies und das gesprochen ; endlich , zum Abschied , reichte sie ihm freundlich die Hand ; zum ersten Male seit der Parusie . Die Sorge um den Prolog ( alte und neue Kultur ) nötigte ihn in der Folge noch öfter zum Statthalter ; und wenn das Geschäftliche bereinigt war , mochte er jeweilen noch ein Viertelstündchen im Hause säumen , wo er dann meistens schweigend dasaß , mit den feinen Augen eines Onkels , der die Familie hinterrücks in sein Testament gesetzt hat . Dabei gestattete er seiner Liebe den Schmaus , Theudas Bewegungen und Gebärden zu verfolgen , die dem Bekehrten jetzt wie Neuigkeiten vorkamen . Und da er sie nunmehr in ihrem natürlichen Wesen beobachten durfte , so wie sie gewöhnlich war , während er sie ja vordem nie anders als in Verteidigungsstellung gesehen hatte , entdeckte er beglückten Herzens neben den früher bemerkten Vorzügen eine Menge von neuen . Beglückten Herzens , weil ja jede ihrer Tugenden eine Rechtfertigung seiner abgöttischen Liebe , eine Widerlegung der lauernden Einwürfe bedeutete . Nun brauchte er nicht mehr die Zweifel wegzuschrecken ; im Gegenteil : er lud sie ein , um sich an ihrer Beschämung zu weiden . » So kommt doch , ihr Nörgler , spähet , so scharf ihr wollt , setzt meinetwegen Brillen auf : Seht ihr , wie sie freundlich mit ihren Dienstboten umgeht ? Habt ihr nicht selber immer behauptet , an der Behandlung der Untergebenen könne man am zuverlässigsten erkennen , ob eines Menschen Kern gut oder böse sei ? Darum bekennet : sie ist gut . « » Gut , allerdings , das ist sie . « » Und jetzt wieder dem Bettler , wie sie ihm das Almosen nicht etwa gnädig herablassend hinreicht , sondern von gleich zu gleich . Darum gestehet : sie ist barmherzig . « » Barmherzig ist sie , zugestanden . « » Geduld , ihr werdet noch mehr zugestehen müssen . Habt ihr bemerkt , wie niemals ein neidischer Zug ihr Antlitz entstellt , wenn die Schönheit einer andern Frau gerühmt wird ? wie auch keine Spur von Gefallsucht in ihrer Seele Raum findet , so daß sie die Huldigungen fremder Männer , die meinige eingeschlossen , gar nicht einmal wahrnimmt , oder , wenn sie sie wahrnimmt , nicht beachtet , vielmehr eher als eine Belästigung verspürt ? Ist euch nicht aufgefallen , daß von sämtlichen Menschen , die sie der Ehre ihres Umgangs würdigt , auch nicht einer ist , der nicht lauteren Charakters wäre ? Und ihre Bescheidenheit , ihre Pflichttreue , ihre Häuslichkeit , ihre stille Hingebung an ihr Kind ? Bitte , bestreitet mir das alles , wenn ihrs könnt . « » Niemand bestreitet ja im mindesten die Menge ihrer außerordentlichen Vorzüge , nur daß du sie als eine Art Gottheit - « » Genug ! kein Wort mehr ! Wer jetzt noch zweifelt , verrät bösen Willen . « Trotzdem - er mochte sich ihre Vollkommenheit noch so begeistert einreden - , ihre körperliche Gegenwart störte ihn eher , als daß sie ihn befriedigte . Nicht ihre menschlichen Schwächen - er wußte ja , daß sie ein Mensch war und liebte , daß sie es sei - dagegen eine gewisse Lässigkeit in ihrer äußeren Haltung , die nicht immer zu seinen Wünschen und Bedürfnissen stimmte . Sie ließ sich nämlich zuweilen eine ausdruckslose Miene , eine unansehnliche , nicht bildgemäße Stellung , einen matten Blick zuschulden kommen , kurz , sie war nicht jede Minute völlig sie selber , nicht von Morgen bis Abend ununterbrochen Imago , so daß ihm mitunter beinahe der Verdacht kommen wollte , sie sei sich ihrer Aufgabe , der Phantasie Symbol zu stehen , gar nicht einmal bewußt . Dazu ein Augengreuel : ihrem Hauskleid waren schwarze Samtbändlein aufgenäht , unten nahe dem Saume eine doppelte Reihe , und wieder oben am Halse eine , rund um den Ausschnitt . Nein , Imago in der Tracht einer Choristin im Freischütz , als wollte sie den Jungfernkranz singen , davor entsetzte sich sein Auge , darüber stolperte seine Andacht . Dies und dergleichen erzeugte dann in seinen Gefühlen ein unruhiges Hin und Her , dem er das Alleinsein mit ihr in seiner Phantasie vorzog . Dagegen suchte er angelegentlich ihre Freunde und Bekannten heim , also die Leute der Idealia , um von ihren traulichen Gesichtern den Widerschein Theudas abzulesen ; und jedesmal , wenn beiläufig ihr lieber Name verlautete , glänzte es durch die graue Unterhaltung , als ob ein Zauberzündhölzchen aufsprühte , mit einem farbigen Sternlein im Feuer . Aber mit seinem eigenen Mund ihren Namen auszusprechen , wagte er nicht , weil er schon errötete , wenn er nur das Wort Münstergasse sagen sollte . Hierbei traf er auch einmal mit dem Kurt zusammen . Der eilte ihm freudebleckend entgegen : » Allerkünstedirnen , welche ihre Seele mit jedem hergelaufenen Lumpen von Meisterwerk prostituieren ! Greulich , abscheulich , aber famos ! « Und ein halbes Stündchen später , als Viktor gegen die vereinigte Moralpriesterei des Pfarrers und des Statthalters den Satz behauptete : » Eine Religion , die sich um die Moral kümmert , ist nicht wert , daß ein ehrlicher Mensch einen Gedanken daran verschwende « , kam der Kurt auf ihn zu und fragte herzlich und bescheiden : » Wann können wir einmal miteinander allein sprechen ? « Von da an , so oft der Viktor und der Kurt sich in einer Gesellschaft begegneten , setzten sie sich zueinander . Es konnte nicht ausbleiben , daß Viktors erbaulicher Gesinnungswechsel in der Idealia bemerkt wurde ; die Wendung war zu auffallend . Er , der einst so anmaßlich auftrat , der sich gegen jedermann der Unleidlichkeit befliß , der die Flucht ergriff , sobald ein Klavierflügel nur von ferne Miene machte aufzuklappen , der mit seinem höhnischen Überlegenheitslächeln jede Unterhaltung zu Boden schwieg , er hörte jetzt mit weit aufgesperrten Augen den längsten Familiaden nicht bloß zu , sondern rief von Zeit zu Zeit dazwischen : » Nicht möglich ! « » was Sie sagen ! « » wirklich ? « , erkundigte sich nach den Fortschritten der Buben in der Schule , fragte , ob die Gertrud bereits die Masern , der Mimi schon die Sucht gehabt habe , ja , er bettelte aus freiem Antrieb , ihm doch ums Himmels willen etwas zu singen . Kurz , er war auf einmal , wie durch ein Wunder , gemütlich geworden . Vor allem aber seine nunmehrigen vernünftigen Ansichten über das heilige weibliche Geschlecht erregten freudiges Aufsehen . War das wirklich der nämliche Viktor , der jetzt Aussprüche hören ließ , wie dieser : » Keineswegs die leichtfertigen Weiber sind die poetischen , sondern die züchtigen sind es ; denn die Poesie des Weibes heißt Hingebung , der Name des liederlichen Weibes aber lautet Selbstsucht . « Oder : » Die engherzigste Sittenteufelin wird an Lieblosigkeit noch von der Vielmännerfrau übertroffen . « Ah ! Das lass ich mir gefallen ! Das tönte jetzt anders ! Leider verdarb mitunter ein bedauerlicher Nachsatz wieder die Erbauung , die sein frommer Vers gestiftet . Nachdem er zum Beispiel das Lob des tugendhaften Weibes mit einem Schwung gepriesen , daß mans hätte für fünfstimmigen Chor mit Orchester setzen mögen , konnte er hinzufügen : » Was in aller Welt aber , bitte , sagt mir , fange ich mit einem tugendhaften Weibe an ? « Es war noch nicht ganz das ; es haperte noch hier und da ein wenig mit seiner Bekehrung . Immerhin , der bußfertige Wille war unverkennbar , und alle Vollkommenheit auf einmal , nicht wahr , darf man doch billigerweise nicht erwarten . So daß bereits die Hoffnung munkelte , er werde sich vielleicht doch noch mit der Zeit als Tenor im Chor brauchen lassen . Indessen , was wollte in dieser wichtigen Zeit Viktor , was überhaupt ein einzelner besagen ! Das Stiftungsfest der Idealia rückte heran , und Adventsstimmung bemächtigte sich der Gemüter . Endlich wurde sie Gegenwart , die große Woche , unglaubliche , doch unleugbare Gegenwart . Am Vortage des Festes ergab sich , gewissermaßen von selber , durch die Unfähigkeit , sich mit etwas anderem zu beschäftigen , im Verein mit der ungewöhnlich milden Witterung ( elf Grad Celsius im Schatten ! ) eine Art Vorfeier , indem ein Teil der Mitglieder , darunter Viktor als Gast ( sonst fast lauter Damen ) , verabredeten , nachmittags draußen vor der Stadt in der Waldegg zusammenzukommen ; leider ohne Frau Direktor , welche durch Zurüstungen zum Fest ferngehalten war . Nach genossenem Kuchen belustigte sich das muntere Trüpplein mit körperlichen Freispielen , im besondern mit Platzvertauschen , eins zwei drei , husch von einem Baum zum andern ; und der gezähmte Viktor sprang zwischen den Idealianerinnen wacker mit wie der Wolf zwischen den Lämmern im Paradiese . Unter dem zahlreichen Volk , das der sonnige Tag in die Waldegg gelockt hatte , saß auch Frau Steinbach ; die schaute dem minniglichen Ereignisse mit sonderbaren Augen zu , als gewahrte sie ein Fastnachtwunder . Nicht wenig schämte sich Viktor vor ihr , bestrebt , möglichst korpulente Baumstämme zwischen sich und ihren beobachtenden Blick vorzuschützen . Allein auf das Schämen kommt es ja schließlich nicht an , wofern einem nur bei der Sache , worüber man sich schämt , wohl zumute ist . Und so wagte er sich denn allmählich dreister vor , unbekümmert um die gescheiten Augen der Freundin durch die vordersten Baumreihen springend . Am Haupttage dann , abends um acht Uhr im Museumssaal , wickelte sich das umsichtig geordnete und fleißig einstudierte Programm zufriedenstellend ab . Zunächst der Prolog zwischen dem Statthalter und dem Viktor ( alte und neue Kultur ) , wobei sich , wie der Pfarrer witzig bemerkte , die alte Kultur der neuen entschieden überlegen zeigte ; nämlich Viktor vermochte zeitlebens keine zehn Verse textrichtig auswendig zu lernen . Hierauf , nach etlichen Gesangsvorträgen , kam das gewaltige Festspiel des Kurt an die Reihe . Aber o weh ! Bestürzung ! Ein Bär sollte zwischen die Nymphen und Meergreise fahren ; und jetzt schickte wahrhaftig der Apotheker Röthelin im letzten Augenblick den kostbaren Bärenpelz zurück ; so leid es ihm täte , allein eine plötzliche Erkrankung seines Vaters - er müsse unbedingt mit dem nächsten Zug verreisen . Allgemeine Aufregung ; nur der Kurt selber , den es doch in erster Linie anging , blieb bewunderungswürdig ruhig ; es gehe auch ohne den Bären , tröstete er seine Gemeinde ; wiewohl etwas gezwungen , denn ärgerlich war ihm der Ausfall doch . Da kam ihm der Viktor lachend entgegen : » Es wird wohl keine so schwierige Kunst sein , Herr Neukomm « , meinte er , » ein bißchen zu brummen . Falls ich also aushelfen kann - « und duckte sich , von Beifall begleitet , in den Bärenpelz ; brummte auch in der Tat gar nicht schlecht , soweit es seine kraftlose Stimme erlaubte . Zum Schluß folgte eine rätselhafte Nummer : Als der Vorhang auseinanderwich , sah man auf der Bühne einen Pflanzenwald mit einer mannshohen glänzenden Schmetterlingspuppe aus Flitterpapier zwischen den Blättern . Frau Direktor Wyß , als Ehrenpräsidentin der Idealia , sang drei Strophen , deren Text auf Verwandlung deutete ; dann tupfte sie mit einem Zauberstabe auf die Puppe ; die Hülle fiel , und aus der Hülle schlüpfte , statt eines Schmetterlings , zwei wacklige Fühlhörnchen in den Haaren , das mit Blumen und Kränzen lieblich geschmückte Idealkind . Das sogenannte Idealkind war ein begabtes , hübsches Waisenmädchen , das Frau Direktor Wyß und Frau Regierungsrat Keller in ihren Schutz genommen hatten und auf ihre Kosten erziehen ließen . Mit scherzhafter Anspielung auf die Idealia wurde es das Idealkind getauft , machte übrigens auch seinem idealen Namen durch vortreffliche Schulzeugnisse alle Ehre . Das Idealkind nun lispelte , die Fühlhörnchen schüttelnd , einige Verse des Dankes , tat ein paar zierliche Knickse , hierauf wurde es von der Bühne geholt , von den Damen um die Wette abgeküßt und heimlich in den Winkeln mit Geschenken überhäuft . Hiermit war der feierliche Teil des Festes zu Ende ; und ein unendliches Erlösungs-Tanzen hub an , mit dem Idealkind als Lieblingsgeschöpf , welches Idealgeschöpf übrigens , ungeachtet ihrer lenzknospigen Jugend , nicht übel nach dem Kurt äugelte . Aber auch Viktor erfreute sich der Bevorzugung , zum Lohn für seine Mitwirkung und gefällige Aushilfe . Kaum ein Paar glitt an ihm vorüber ( denn selber zu tanzen fühlte er sich nicht aufgelegt ) , ohne ihm eine Artigkeit oder eine neckische Anspielung auf seinen Bären oder seine Kultur zuzuwerfen , in verschiedenen Geistesgraden , aber immer im liebenswürdigsten Tone . Ja , den Witzigsten gelang sogar , mit einem als Lasso kühn geschleuderten Gedankenfaden den Bären und die Kultur geschickt zu verknüpfen : » Ich hätte gemeint , der Bär passe besser in die alte Kultur als in die neue « oder : » Haben Sie uns am Ende mit Ihrer neuen Kultur einen Bären aufbinden wollen ? « Ein Strom von harmlosem Wohlwollen flutete ihm entgegen , so daß er sich der schlecht verdienten Gewogenheit ordentlich schämte . Und jählings quollen aus seiner Beschämung Rührung und Dank , die nun wieder aus seinem Herzen dem gutartigen Volke zurückfluteten und endlich im dritten Rückprall ihn selber mit einem gänzlich neuartigen , nie vorher verspürten Glück erfüllten , dem Glück des Gemeingefühls . Er , der eingefleischte Sonderling , lernte heute durch die allgemeine Gunst den Segen der Genossenschaft werten . O spöttle nur , Frau Steinbach , mit deinen gescheiten Augen ! Leuchter der Weltgeschichte sind sie ja nicht , zugegeben ; allein gute , liebe Menschen sinds , und das ist die Hauptsache . Friede innen , Friede außen , versöhnt mit sich selber und aller Welt , er wußte gar nicht , wie ihm geschah und wie er die tausendstimmige Harmonie aushalte . Und als er nun gar am nächsten Morgen ein Brieflein - ists möglich ? von ihr ! ! - erhielt , das erste seines Lebens , tat ihm der Überschwang der Seligkeit ordentlich weh . Zwar eigentlich enthielt das Brieflein soviel wie nichts , wenigstens nichts fürs Gemüt ; sie ersuchte ihn einfach um die Gefälligkeit , im Museum nachzufragen , ob man nicht ihren Fächer aufgefunden habe . Allein es waren doch Zeilen von ihrer Hand ; und darüber hatte sie gesetzt : Hochgeehrter Herr und darunter Ihre Theuda Wyß . Ob er sich schon vorsagte , das sind leere Formeln , so erhob und berauschte es ihn trotzdem , daß sie ihn einen hochgeehrten Herrn zu betiteln nicht für unwert erachtete . Mit der Unterschrift aber unternahm er ein listiges Kunststücklein : er schnitt mit der Nagelschere von den drei Worten Ihre Theuda Wyß kreisum die zwei ersten säuberlich aus , das dritte unterschlagend . Siehst du jetzt : sie unterschreibt sich Ihre Theuda . Das heißt meine Theuda ; sie bekennt sich demnach als mir gehörig . Und versorgte das gefälschte Bekenntnis in die Kapsel seiner Uhrenkette . » Nun hab ich sie sozusagen in meinem Besitz « , jubelte sein Herz . Jetzt überlief ihm die Seligkeit in die Nerven , daß er vor Ausgelassenheit irgend etwas recht Närrisches hätte beginnen mögen , er wußte nur nicht , was . Einstweilen stellte er sich vor den Spiegel und schnitt Grimassen , oder er ahmte Tierstimmen und menschliche Dialekte nach , was bei ihm den Gipfel der Fröhlichkeit bedeutete . Nein wirklich , im Ernst , er wußte nicht mehr , ob es ihm eigentlich wohl oder weh tue , so unausstehlich glücklich war er . Herzeleid Eines Tages jedoch wußte ers , ob es ihm wohl oder weh tat . Er hatte sie eines Vormittags , als er Frau Doktor Richard besuchte , dort vorgetroffen , munter gestimmt und zu harmlosen Scherzen aufgelegt wie er selber ; kurz , sie verstanden sich heute . So war man denn in traulichem Geplauder sitzen geblieben , länger verweilend , als beabsichtigt gewesen , wie an die Stelle gebannt durch den freundlichen Geist der Stunde . Vom Nachhall der Übereinstimmung betört , entschlüpfte ihm unten auf der Straße , wie sie ihm zum Abschied mit gutem Blick die Hand reichte , eine kindische Frage : » Und Sie kommen also jetzt nicht mit mir ? « » Natürlich nicht « , antwortete sie belustigt , » hoffentlich nicht . « » Wohin denn sonst ? « » Diese Frage ! Heim zu meinem Mann und meinem Buben , die hungrig aufs Mittagessen warten . « » Und ich ? ich bin also ausgeschlossen ? « » Ei , durchaus nicht . Kommen Sie nur mit ; mein Mann wird sich freuen . « Sie war nicht sein ! Und wie eine Katze , die einen Schuß bekommen hat , floh er nach Hause . Sie war nicht sein ! Und er , der gemeint hatte , seine Liebe wäre wunschlos ! Als ob es menschenmöglich wäre , jemand zu lieben , ohne allermindestens seine bleibende Gegenwart zu begehren . Sie war nicht sein ! Schlimmer noch : sie gehörte einem anderen , einem Fremden ! Gewußt hatte er ja das freilich längst ; allein heute zum ersten Male spürte er es auch , da sie ihn verließ , um zu einem andern zu ziehen . Und das nannte sie heimgehen ! Die Katze , wenn sie den Schuß hat , verkriecht sich ; doch das Schrot nimmt sie mit , und die Wunde , die anfänglich mehr schreckte als schmerzte , beginnt im stillen Winkel und arbeitet . Welch ein unerhörtes Vorrecht ! was für eine empörende Ungleichheit ! Tag für Tag , Jahr um Jahr bis ans Ende der Ende soll der andere mit ihr wohnen dürfen , er nie . Nicht einen Sommer , nicht einen Monat , nicht einmal ausnahmsweise einen Tag . Jenem alles , ihm nichts . Und nicht bloß mit ihr wohnen , sondern - hinweg , Gedanken ! Denn weil der dort ohnehin zuviel hat , schenkt sie ihm zu ihrer Gegenwart noch Liebe und Freundschaft obendrein . Ist jener traurig , so tröstet sie ihn ; ist er krank , sie härmt sich um ihn ; stirbt er , ihre Sehnsucht folgt ihm übers Grab ; gibt es eine Auferstehung , ihr erwachender Blick sucht jenen . Was hat denn der Anmaßliche für einen einzigartigen Wert voraus , daß ihm solch ein schwindelhafter Preis zuteil wird ? Ist er etwa nicht auch ein Mensch ? oder besitzt er für sich allein mehr Vorzüge und Verdienste als die übrige Menschheit zusammen ? Und keine Hoffnung ! Nichts zu ändern ! weder zu erklügeln noch zu ertrotzen ; rundum nirgends eine Möglichkeit . Im Gegenteil : jede vorüberziehende Stunde , so bei Tag als Nacht , so bei Regen wie Sonnenschein , welches auch sonst ihr Inhalt sei , eines tut ihrer jede sicherlich , die eine wie die andere : sie