mit geronnenem Blut bedeckt war , zu waschen und zu verbinden , Rosa in warme Decken zu hüllen und auf ihrem Lager sorglich zu betten . Nach einiger Zeit fing die rückkehrende Wärme an , das todähnliche Gesicht etwas zu beleben ; Rosa schlug die Augen auf , sah matt umher , schloß sie aber gleich wieder und gab kein Zeichen des Bewußtseins . Der Tag war inzwischen vollends angebrochen ; Vittoria schickte den Bruder , die Signora Amadei zu benachrichtigen , andere Kleider für Rosa herbeizuschaffen und einen Arzt zu rufen . Sie blieb bei der Verwundeten und endlich gelang es ihren Bemühungen , diese vollends erwachen und zum Bewußtsein zurückkehren zu sehen . Doch nur nach und nach besann sich Rosa auf das Erlebte und fand sich mit ihren Gedanken in ihrer Umgebung zurecht . Ein matter Strahl von Freude flog über ihr Antlitz , als sie sich in Vittorias Händen fand und bald genug stellte es sich heraus , daß sie dort vorerst werde bleiben müssen ; denn als der Arzt erschien , erklärte er sie für sehr krank ; das heftigste Fieber stellte sich ein , und sie zu transportieren wäre Gefahr für sie geworden . Zudem erschien die Signora Amadei in voller Entrüstung über die » Streiche Rosas « , wie sie es nannte , in der Nacht fortzurennen , ohne sie zu benachrichtigen und wer weiß was zu beginnen , einem fremden Prinzen nachzulaufen . Sie habe es immer gesagt , daß diese Vertraulichkeit schlimm enden werde ; nun sei Rosas Ruf auf immer verloren und sie müsse sich schämen , ihre Beschützerin gewesen zu sein . Aber sie werde es auch laut erklären , daß sie sich von der leichtsinnigen Person lossage ; schon fange man an , darüber zu reden , daß Rosa die Geliebte des Prinzen gewesen und in der Nacht zu ihm gelaufen sei , weil der Prinz eilig Rom habe verlassen müssen , um in seine Heimat zurückzukehren . Alles dies schrie sie hervor in häßlichstem Zorn , vor Rosas Bett stehend , die in furchtbarer Qual die Augen schloß und ihrem Eifer nicht wehren konnte , bis Vittoria , die aus dem Zimmer gewesen war , eintrat und die Wütende ohne weiteres zum Zimmer hinausschob , indem sie in gerechter Entrüstung ihr Betragen tadelte . Die Amadei höhnte sie , daß eine Popolana es wage , ihr Verweise zu geben und eilte weg . Der Eindruck , den dieser Vorgang und die Gewißheit trauriger Verleumdung auf Rosa gemacht hatten , zeigte sich bald in erhöhtem Fieber , das in Delirium ausartete und sie wochenlang zwischen Leben und Tod erhielt . Vittorias aufopfernde Liebe wachte über ihr mit mütterlicher Sorgfalt ; sie hatte ihr kleines Heim für Rosa eingerichtet , so gut es gehen wollte , sie schlief neben ihr auf der Erde , um sie auch in der Nacht keinen Augenblick zu verlassen . Beppo mußte den Laden und das Geschäft besorgen . Die Amadei war fort mit dem größten Teil der Einnahmen , die Rosa gehörten . In Rom sprach man einige Tage lang von nichts anderem als von der plötzlichen Abreise des Prinzen und dem rätselhaften Verschwinden der Improvisatrice , das man damit in Verbindung brachte . Einige behaupteten , er habe sie mitgenommen , andere sagten , sie habe sich getötet aus Schmerz über sein Fortgehen . Daß auch die schöne Herzogin gleichzeitig mit dem Gemahl abgereist war , erregte zuerst einiges Bedenken , wurde aber durch des Kardinals Fürsorge in ganz natürlicher Weise erklärt und weiter nicht beachtet . Bald verfiel jedoch das alles der Vergessenheit , wie es zu gehen pflegt , und neue Vorkommnisse beschäftigten die müßige Neugier und das skandalsüchtige Publikum . Es war wieder Frühling in Rom . Seit jenen Ereignissen waren mehrere Jahre verflossen . Vittoria war noch immer die schöne , ernste , tätige Frau , als die wir sie früher gekannt haben . Ja , sie hatte ihre Tätigkeit verdoppelt und ihre Bottega wurde vom Morgen bis zum Abend nicht leer von Kaufenden , da ihre Ware immer die frischeste und beste im ganzen Stadtviertel war . Die Nachbarn , die Ähnliches feilboten , sagten oft : » Die Vittoria muß bald reich sein , die bekommt Quattrini ! « - Aber niemand neidete es ihr , denn sie war die rechtschaffenste Frau ihres Gewerbes und dabei gern hilfreich und erbarmungsvoll gegen fremde Not . Viele Männer hatten Wohlgefallen an der stattlichen Witwe gefunden und versucht , sich ihr zum Ersatz für den früh verlorenen Gatten anzubieten ; doch hatte sie alle derartigen Versuche freundlich , aber bestimmt abgewiesen , und wenn man sie fragte , warum sie es vorziehe , allein zu bleiben , und scherzend hinzusetzte , was sie denn mit all ihren Quattrinis anfange , da antwortete sie jedesmal , sie sei nicht allein und habe schon jemanden , für den sie sorgen müsse . Da sie aber streng zurückhaltend in ihrem Benehmen war und nie jemanden aufforderte , in ihre Wohnung zu kommen , so wußte man nicht recht , was es damit für eine Bewandtnis habe , und nach und nach ließ man sie in Ruhe und bekümmerte sich nicht mehr darum . Sie aber , wenn sie gegen Abend ihre Bottega schloß , ging nie nach Hause zurück , ohne irgend etwas einzukaufen , das nicht bestimmt schien , einem Bedürfnis abzuhelfen , sondern eher als etwas Überflüssiges , aber Angenehmes Freude zu machen : ein Buch oder hübsches Schreibpapier und dergleichen oder auch nur ein Stück feine Seife , eine kleine Näscherei usw. Kam sie dann nach Hause , so gab sie ihrem Gesicht den freundlichsten Ausdruck , obwohl ihr Sorge tief im Herzen saß ; sie trat in ihr früheres Zimmerchen ein , das sie so freundlich wie möglich eingerichtet hatte und in dem jetzt eine Ordnung und Reinlichkeit , ja eine einfache Anmut herrschten , die darauf deuteten , daß hier nicht die beschäftigte Frau des mühsamen Erwerbes , sondern eine feineren , ästhetischen Bedürfnissen zugewandte Existenz vorwaltete . An der offenen Fenstertür , die auf eine kleine Loggia führte , von der man ins Freie , auf die melancholische Schönheit der Campagna und die in blauen Duft gehüllte Linie des Gebirges sah , saß denn auch an einem mit Papieren und Büchern bedeckten Schreibtisch eine zarte weibliche Gestalt , wie es schien in tiefes Nachsinnen verloren , wohl über den Inhalt des Buches , das aufgeschlagen vor ihr lag . Sie hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Stirn ruhte in ihrer feinen wachsbleichen Hand , und so tief schien sie in Gedanken versunken , daß sie Vittorias Eintreten nicht eher bemerkte , bis diese neben ihr stand und sagte : » Guten Abend , meine liebe Signorina , wie geht es heute , wie ist der Tag gewesen ? Haben Sie auch nicht zuviel studiert ? « Die Angeredete erhob den Kopf und ein freundliches Lächeln überflog das bleiche , vergeistigte Gesicht , das trotz der unverkennbaren Spuren des Leidens doch eine fast noch rührendere Lieblichkeit zeigte als in vergangenen Tagen . » Gute Vittoria , ich danke dir , es geht mir immer gut in dieser traulichen Heimat , die du mir bereitest mit dem Blick auf die Campagna und die Berge , die ich liebe , und mit meinen Freunden hier « - dabei zeigte sie auf die Bücher ; » wie sollte es mir nicht wohl sein in Gesellschaft der erhabensten Geister , die je gelebt ? Mit Plato , mit Dante und solchen Auserwählten umzugehen , das ist ein Vorgeschmack des Paradieses . « » Ach , aber so einsam , meine teure Signorina , und noch so jung , « wendete Vittoria ein . » Laß doch das Signorina weg , du Gute ; ich muß es dir immer wieder sagen , nenne mich Rosa , « sagte diese , sie unterbrechend . » Du , die mehr wie eine Mutter für mich ist , meine Wohltäterin , die mir das Leben erhielt , die mich ernährt und für mich arbeitet . - Ach , Vittoria , es ist zuviel , was du für mich tust ; ich kann es nicht vergelten , ich armes , hilfloses Geschöpf ; aber da , wo die stille , verborgene Tugend belohnt wird , da wird dein Name heller glänzen als der der vielen , die die Welt preist . « Sie ergriff die von der Arbeit rauhe Hand Vittorias und führte sie an ihre Lippen , während Tränen ihre Augen füllten . » Aber meine Signo - meine Rosa , « versetzte Vittoria , indem sie rasch ihre Hand zurückzog und sich bemühte , ihre eigene Rührung zu verbergen . » Was tue ich denn ? Ihre Gegenwart macht mich glücklich ; daß ich es bin , die die gefeiertste Dichterin Roms beherbergen darf ; daß niemand außer mir weiß , daß sie überhaupt lebt , und wo - ist das nicht wert , daß ich das Wenige , was ich erwerbe , mit ihr teile ? « » Ach , Liebste , sprich nicht mehr von der Dichterin , « sagte Rosa und senkte das Haupt , während eine Träne langsam über ihre Wange rollte und auf das vor ihr liegende Buch fiel ; » die Dichterin , die Improvisatrice , ist lange tot , nie fließen ihr mehr melodische Bilder und Formen zu , wie einst ; ja , wenn das noch wäre , dann könnte sie dir vergelten . « Tränen erstickten ihre Stimme . » Liebe , teure - Rosa , « rief Vittoria und umschlang zärtlich ihren Hals , » um aller Heiligen willen , weinen Sie nicht , regen Sie sich nicht auf . Sie wissen , wie der Doktor jede Gemütsbewegung verboten hat , die dem armen , kranken Herzen schaden kann . Es wird schon wieder kommen , das herrliche Dichten , und was Sie da jetzt alles schreiben , das ist gewiß ebenso schön , wenn ich es auch nicht so gut verstehe . Wenn wir es nur erst einmal gedruckt hätten . « » Ja , das ist es eben , es ist nicht nach dem Geschmack der Leute und deshalb wird es nie gedruckt werden , « sagte Rosa . » Es wird schon alles kommen , « tröstete Vittoria , » und da habe ich einstweilen Gedichte eines anderen mitgebracht ; der Buchhändler sagt , sie seien so schön . « » O , Leopardi , « rief Rosa erfreut , als sie den Titel des Buches sah , das Vittoria ihr reichte , » den habe ich mir schon lange gewünscht ; ich kenne erst einzelne Gedichte von ihm ; das ist der Sänger des Schmerzes , der das Leiden und die Hoffnungslosigkeit so verklärt , mit so ergebener Schönheit überkleidet , daß man sich schämen muß , kleinmütig und verzagt zu sein . Wie danke ich dir , Vittoria , für diese neue Gabe , aber - nun hast du dich wieder beraubt - dir irgend etwas versagt ... « » Nein , nein , « sagte Vittoria lachend , » ich habe nichts nötig ; ich bin gesund und jemehr ich arbeite , je besser ist ' s mir , und tun Sie denn nicht auch etwas ? Ist etwa nicht das Haus in Ordnung und so schön rein und lieblich , wenn ich abends nach Hause komme ? Und steht nicht das Abendbrot schon zubereitet auf dem Tisch ? Ist nicht mein Leben dadurch auch viel leichter ? Und dann den guten Einfluß , den Sie auf den Beppo haben ! Seit er die Marietta verließ , nachdem er erfahren hatte , auf welche Weise sie die gute Stellung und die reiche Mitgift , die sie ihm anbot , erhalten hatte und seitdem Sie hier im Hause sind , ist der Beppo ein ganz anderer geworden , ein braver , ernster Mensch , auf den ich stolz bin . « » Der gute Beppo ! « sagte Rosa ; » ja , es war schön von ihm , daß er seine Liebe zur Marietta bezwang , als er hörte , daß sie ihre Herrin verraten hatte , um den doppelten Gewinn zu haben . Und - hätte sie es nicht getan , wie anders wäre wohl alles gekommen ! Was die Herzogin gewollt hatte , wäre gelungen , und welche Folgen ... « » Ach , denken wir der Vergangenheit nicht mehr , « unterbrach sie Vittoria , die die Wirkung der Erinnerungen auf Rosa fürchtete und stets , wenn sie das Gespräch dahin wendete , etwas zu erfinden wußte , was schnell davon ablenkte , denn sie wußte es nur zu wohl , daß sich bei Rosa infolge der Gemütsbewegungen und der langen heftigen Krankheit ein Herzleiden entwickelt hatte , das keine Heilung zuließ , besonders auch weil die Mittel nicht hinreichten , alles das zur Genesung zu tun , was sie vielleicht hätte herbeiführen können . Aber selbst wäre dies möglich gewesen , so hätten doch die Folgen des Schlages , der so früh die Blüten ihres jungen Herzenslebens geknickt hatte , langsam zehrend ihr Dasein vernichtet . Was vorzüglich in der Tiefe ihrer Seele dem Schmerz um das Verlorene immer neue Nahrung gab , obgleich sie sich darüber nie aussprach , war der Gedanke , daß Waldemar nicht geschrieben , nicht Erkundigungen nach ihr eingezogen hatte . Aber sie wußte nicht , wie eifrig das in der ersten Zeit geschehen war . Da man indes im Hause , wo Rosa gewohnt hatte , nur antwortete : die Damen seien fort und man wisse nicht , wohin sie sich gewendet , da auch der Kardinal , an den der Prinz selbst schrieb , berichtete , man wisse nicht , was aus der Improvisatrice geworden , und mit feiner Ironie andeutete , man glaube allgemein , sie sei einem Stern , den sie im Norden erblickt habe , nachgezogen , nachdem endlich auf die Anfrage nach einer berühmten Improvisatrice in verschiedenen Städten Italiens keine Auskunft gekommen war , - hatten die Nachforschungen allmählich aufgehört . Daß es so war und daß auch sie nichts mehr wußte von dem , dessen Bild noch immer wie eine fern leuchtende Sonne in ihrer Seele stand , war ein heimlich nagendes Weh , das auch ihre größten Anstrengungen nicht zu überwinden vermochten . Doch kam , wie gesagt , nie ein Wort über ihre Lippen . Sie hatte es selbst gewünscht , in der Welt für tot zu gelten , denn nicht nur , daß ihr körperliches Leiden ihr jede Anstrengung und Aufregung unmöglich und schädlich machte , es war auch seit der schweren Krankheit die Gabe des Improvisierens absolut verschwunden . Vittoria hatte oft den Versuch gemacht , um sie zu zerstreuen und der Schwermut zu entreißen , die sich ihrer zuweilen bemächtigte , ihr ein Thema vorzuschlagen , wobei sie scherzend sich und den Bruder als genießendes Publikum nannte , aber Rosa schüttelte nur immer leise und wehmutsvoll den Kopf , denn die Quelle war versiegt und keine Anstrengung vermochte sie wieder zu öffnen . Sie hatte Vittorias liebevolles Anerbieten , bei ihr zu bleiben , angenommen , da sie keine andere Zuflucht in der Welt besaß , und der Einblick , den sie während ihrer kurzen Laufbahn in der Gesellschaft in diese getan hatte , ließ sie die hingebende Liebe und Aufopferung dieser einfachen , reinen , redlichen Natur doppelt hochschätzen . Was sie tun konnte bei ihrer körperlichen Schwäche , um Vittoria zu vergelten , tat sie , indem sie sich der Pflege des kleinen Hauswesens annahm und in den Stunden des Zusammenseins den beiden Geschwistern aus dem Schatze ihres Wissens und ihres fortwährenden Studiums mitteilte , was deren Sinn und Verständnis zugänglich war und die angeborenen edlen Gefühle der rechtschaffenen Menschen noch verstärkte und verfeinerte . Denn nicht minder als Vittoria verehrte Beppo die Signorina . Von dem Augenblick an , als er sie in seinen Armen wie eine Leblose zur Schwester trug , hatte er ihr einen ehrfurchtsvollen Kultus in seinem Herzen geweiht , der , seit sie mit ihm unter einem Dache lebte und er sie täglich sah und sprach , zu einer stillen , anbetenden Liebe geworden war , vor der das Bild der leichtsinnigen , unedlen Marietta bis auf den Grund erlosch . Aber diese Liebe in des ehrlichen Burschen Herz war die Liebe zu einer Heiligen , der man in Demut und Hingebung naht und die nur der Gedanke im Gebet in den Himmelshöhen erreichen kann , denen sie zuschwebt . Immer zu ihrem Dienste bereit , vergaß er sogar oft die Arbeitszeit bei seinem Meister , wenn sie gerade irgendeinen Wunsch hatte , den zu erfüllen sein höchstes Glück war . Als dann der Meister unzufrieden wurde über die häufige Versäumnis , sagte er sich von diesem los , richtete sich eine eigene kleine Schreinerwerkstatt in dem Hause , in dem sie wohnten , ein , wo er zugleich immer wachsam sein konnte , daß es Rosa an nichts fehle , und außer den Arbeiten , die zum Verdienst und Beitrag zum Haushalt nötig waren , fand er noch Zeit , manches , was zu Rosas Bequemlichkeit dienen oder ihr kleines Zimmer wohnlicher machen konnte , anzufertigen . So lebten die zwei Geschwister in unbegrenzter Hingebung für ihren holden Gast und hielten sich überreich belohnt für ihre Treue , wenn ein stilles Lächeln Rosas Antlitz erheiterte und ein flüchtiges Rot auf den bleichen Wangen erschien . Und Rosas engelhaftes Gemüt ließ sie mit zarter Sorgfalt vermeiden , was den Geschwistern Kummer machen konnte . Sie schien ganz glücklich und heiter in dem stillen , anspruchslosen Leben , und nie erfuhren es Bruder und Schwester , wie manche stille Träne ungesehen floß und wie tief oft die Sehnsucht nach einer , ach zu kurz gekannten Seligkeit ihr krankes Herz füllte . So verging die Zeit ; da kam eines Mittags Beppo und brachte einen Strauß schöner Blumen und ein deutsches Zeitungsblatt . » Das hat mir ein Herr von der deutschen Gesandtschaft gegeben , um mein Werkzeug darin einzuschlagen ; ich hatte bei ihm Reparaturen gemacht . Vielleicht freut es Sie , liebe Signorina , es zu lesen , da Sie die deutsche Sprache so gut kennen . Ach , wie ich Sie beneide um das viele Wissen , « setzte Beppo seufzend hinzu . » Du beneidest mich , Beppo , das hätte ich nicht von dir geglaubt , « sagte Rosa scherzend und lächelte . » O nein , so mein ' ich ' s nicht , « rief der ehrliche Bursche ganz erschrocken . » Bei der heiligen Mutter Gottes , ich wollte , der Himmel schüttete alles Glück auf Sie nieder , das er seinen Engeln gibt . Ich meine nur , es muß so herrlich sein , soviel zu wissen , und ein großer Trost . « » Das ist es auch , guter Beppo , « sagte Rosa ; » es ist ein Glück , mit großen Geistern zu verkehren , aber höher noch als alles Wissen ist ein Herz wie das Vittorias und das deine , glaub es mir , Beppo ; solche Herzen kommen unmittelbar von dem Urquell der Liebe , von Gott ; das Wissen muß erst erworben werden und führt erst langsam zu Gott zurück . « Beppo hörte immer , gerade wie seine Schwester , mit gefalteten Händen und in andächtiger Ekstase zu , wenn seine » Heilige « so sprach , und wenn er sie auch nicht immer ganz verstand , so fühlte er doch etwas in seinem Gemüt vor sich gehen , wie wenn Weihrauchwolken in einem Heiligtum nach oben steigen und vom Altarbild eine Madonna Raffaels mit holdselig verklärtem Lächeln auf uns niederschaut . Tränen in den Augen und in geweihter Stimmung ging er still aus dem Zimmer , um sich an seine Arbeit zu begeben . Rosa sah ihm freundlich nach und dachte : » Ja , im Reiche Gottes werden solche Herzen Ehrenkleider tragen , während der Purpur und die Kronen der Erde als Staub des Vergänglichen verweht sind . « Da fiel ihr Blick auf die deutsche Zeitung , die Beppo ihr gebracht ; halb mechanisch nahm sie diese und warf einen Blick hinein . Bald aber fing ihre Hand an zu zittern , über ihr Antlitz verbreitete sich der Ausdruck unsäglichen Schmerzes und ihr Auge folgte unverwandt den verhängnisvollen Worten , die ihr entgegenstarrten wie lauter Speere , deren ein jeder ihr Herz mit tötender Schärfe traf . Sie las : » Noch ist unser ganzes Land unter dem Eindruck der tiefen Bestürzung und namenlosen Trauer , die das unerwartete , schreckliche Ende des allgemein geliebten Kronprinzen und Thronfolgers Waldemar hervorgerufen hat . Der Eindruck ist um so tiefer und erschütternder , als die schreckliche Katastrophe durch die edle , großmütige Selbstaufopferung und den hochherzigen Mut dieses seltenen Fürstensohnes herbeigeführt worden ist . Er war hingeeilt , um den durch die furchtbaren Überschwemmungen dieses Frühjahrs in tiefes Elend geratenen Bevölkerungen Hilfe und Trost zu bringen . Da , wo die Wasser sich schon verlaufen hatten , war sein Erscheinen wie ein erster belebender Hoffnungsschimmer für die Betroffenen . Aber es blieben Distrikte , wo noch alles unter Wasser stand und die reißenden Fluten unbarmherzig nicht nur die Hoffnungen des Landmannes auf den schon bestellten Fluren , seine geringe Habe und sein Obdach vernichteten , sondern auch schon mehrere Menschenleben zum Opfer verlangt hatten . Als Prinz Waldemar ankam , war ein ganzes Dorf in dem tobenden Meer versunken und die Bewohner desselben hatten mit verzweifelnder Angst ihr Hab und Gut untergehen gesehen und nichts als das nackte Leben gerettet . Nur ein Häuschen stand noch auf einer kleinen Anhöhe inmitten der Wogen , die aber bereits bis zum Fuße des schwachen Bauwerks gelangt waren und höher zu steigen drohten , um es mit in den Strudel hinabzureißen . Da erhob sich plötzlich ein lauter , einstimmiger Weheruf der am Ufer versammelten Unglücklichen , die bisher wie erstarrt in stummer Verzweiflung dem Werk der Vernichtung zugeschaut hatten . Auf dem Dach des bedrohten Häuschens erschien ein Weib , in jedem Arm ein kleines Kind , und mit verzweifelnden Gebärden hilfeflehend nach den Geretteten schauend . Heiliger Gott , das ist die Margaret ! riefen mehrere Stimmen auf einmal : sie war draußen auf dem Feld , ihre Ziege heimzutreiben , als die Wasser ankamen , und stürzte ins Haus , um ihre Kleinen zu holen , die darin im Schlafe lagen . Inzwischen sind die Wasser so schnell gestiegen , daß sie nicht fortkonnte . Wer rettet , wer rettet sie ? So schrie man durcheinander . Die Frauen rangen die Hände , die Männer sahen sich untereinander bestürzt an , aber keiner wagte sich hervor , sich zum Retter anzubieten . Prinz Waldemar trat vor und rief : Ist denn ihr Mann nicht da , der das Leben für sie wagt ? Sie ist Witwe , Herr - die bravste Frau vom ganzen Dorf - die rüstigste Arbeiterin von Morgen bis Abend , um ihren Kindern Brot zu schaffen - ja - ja , das ist wahr , so tönte es von allen Seiten . Wer wagt es , sie zu retten ? rief der Prinz ; hier ist Geld , es wird sein Lohn sein und noch mehr ! Dabei hielt er einen gefüllten Beutel in die Höhe . Aber niemand rührte sich , keiner der Bauern hatte den Mut , sich auf das tobende Element zu wagen . Ein Boot her ! befahl der Prinz und als man es brachte , rief er : Wer wagt mit mir die Fahrt ? Ein Schauer der Ehrfurcht und Bewunderung durchlief die Menge , aber die kleine Liebe zum Leben und die Furcht waren größer als die Bewunderung des Heldenmutes , und keiner trat hervor . Der Begleiter des Prinzen , Baron Raden , stürzte auf ihn zu und bat und beschwor ihn , sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen . Der Prinz blieb unerschütterlich ; schon stieg die Flut bereits bis zur Haustür hinan . Es ist kein Augenblick zu verlieren , rief er , machte sich von dem ihn umklammernden Kammerherrn los und sprang in das Boot . Mit Ihnen denn , wenn es sein muß , in den Tod ! rief Raden und sprang ihm nach . Nein , mit Gott , dem Allmächtigen , er wird helfen ! schrie die Menge . Memmen , Memmen ! schalten die Weiber die Männer , die betroffen und beschämt dastanden . Seht , das ist einer ! Juchhe , wenn der unser König wird ! jauchzten die Weiber , plötzlich durch den Anblick der wunderbar schönen Heldentat des Jünglings dem Gedanken an ihr Elend entrückt ; seht , wie kräftig die die Ruder führen , als hätten sie ihr Lebtag nichts anderes getan als rudern . Schämt euch , ihr anderen , die ihr nichts könnt , als hinter dem Pflug hergehen - seht - seht - jetzt sind sie dem Hause nah - das Boot schwankt auf und ab von den Wellenstößen - jetzt sind sie dran - sie winken der Margaret - Heiliger Gott ! Sie wirft ihnen den ältesten Buben hinunter - - sie haben ihn - sie haben ihn ! Nun auch den kleinen - ewige Barmherzigkeit ! Auch der ist im Boot ! Der Prinz hat ihn im Arm gefangen und legt ihn ins Boot ! Hu ! wie die Wasser toben - wie das Boot schwankt ! Die Margaret zögert - winkt ihnen , fortzufahren , nun die Kinder gerettet sind - der Prinz will nicht , befiehlt ihr , herabzuspringen - da - sie springt - Allmächtiger ! Die Erschütterung ist zu groß - das Boot ist umgekippt - alle im Wasser ... Hu , ich mag nicht mehr hinsehen ! rufen einige . Doch - doch - seht , sie erscheinen wieder ! rufen andere . Sie schwimmen - der Prinz hat ein Kind erfaßt und hält es schwimmend fest , der andere Herr auch - Gott ! wie sie kämpfen müssen mit der mächtigen Flut - die Wogen bedecken sie fast - da - da kommt der Kammerherr wieder zum Vorschein mit dem Kind - der Prinz auch ... Aber was ist ' s denn ? Was hängt so schwer an ihm , daß er gar nicht weiter kann ? Gott , es ist die Margaret , die den Prinzen in ihrer Todesangst umklammert hat ... Himmel , hilf - seht - da stürzt das Haus in die Flut ; ha ! der Herr mit dem Kind ist glücklich auf dem trockenen Land - gerettet - gelobt sei Gott ! Aber wo ist der andere - der Prinz ? Allmächtiger ! Das zu große Gewicht der Frau hat ihn hinabgezogen - kommt er nicht wieder zum Vorschein ? Erbarmer , nein ! Das Wellengrab hat sich über ihm geschlossen ... ... wehe ... wehe ! ... Der Baron , halb tot schon von der eigenen Anstrengung , schaut händeringend auf die Wasser , die sich über dem anderen geschlossen ... Leute ! herbei mit Booten , mit Stangen , mit Stricken ... es gilt , einen König , den herrlichsten der Menschen zu retten , mir nach ... ich muß ihn wiederfinden . Mit diesen Worten stürzt er aufs neue in die Wassermenge , und - auch ihn sieht man nicht wieder . Nach drei Tagen , als die Wasser gesunken waren , fand man die Leichen des Prinzen , des Barons , der Mutter und des Kindes . Die Sprache hat keine Worte , um den Schmerz der königlichen Familie und des ganzen Landes zu beschreiben , das in diesem jungen Fürstensohn die Hoffnung auf eine ideale Zukunft untergehen sieht , denn in ihm vereinigte sich alles , was den Menschen befähigt , wie ein leuchtendes Vorbild jeder Tugend , würdig zu sein , eine Krone zu tragen . « Das Blatt entfiel Rosas Hand ; sie saß eine Weile regungslos , tränenlos ; ihr Herz schien stillzustehen und die Welt schien ihr zu versinken in das Chaos , in die planlose Urnacht , wo alles Empfinden , alles geistige Werden im Schoß des elementaren Lebens verschwunden ist . Erst nach und nach erwachte das Bewußtsein , und das Ungeheure , Tragische , ergriff sie mit unerschütterlicher Gewalt : Das Tragische , das ja eben darin besteht , daß das Elementare , sei es im Menschen oder in den äußeren Umständen , sich auflehnt gegen das Ideale , Geisterzeugte und ihm im titanischen Kampf den Untergang bereitet . Wie aber aus der Tragik selbst der Trost hervorwächst , der uns mit dem Schmerz versöhnt , indem das dem Vergänglichen noch Untergebene , befreit von den Fesseln der Endlichkeit , aufsteigt in eine höhere Region , wo es nun als leuchtendes Gestirn in unsterblicher Schöne glänzt und uns in Liebe nachzieht - so erhob sich für Rosa aus den dunkeln Wogen des Schmerzes die verklärte Gestalt des Freundes , der sein Leben mit einer idealen Tat besiegelt hatte . Eine immer höher steigende Ekstase erfüllte sie fast mit Wonne . Mit Erstaunen sahen die Geschwister sie an , als sie sich am Abend zusammenfanden ; sie schien ihnen wie verklärt , von neuem Leben durchdrungen , so daß Vittoria ganz fröhlich sagte : » Oh , meine teure Rosa , Sie sehen heute so gut aus ; ich bin überzeugt , der Frühling bringt Ihnen die volle Gesundheit wieder . « Rosa antwortete nur mit einem sanften Lächeln . Kein Wort von dem , was sie erfahren , kam über ihre Lippen ; es wäre ihr unmöglich gewesen , hätte ihr wie Entweihung geschienen , davon zu sprechen . Sie war nur noch liebevoller als gewöhnlich mit den treuen Menschen und lohnte ihnen durch Blicke und Lächeln für ihre hingebende