mich stehen sehen und fragte mich , ob das Buch vielleicht dir oder mir gehöre , und ich sagte nein , weil ich ja Alles kenne , was du hast . Er mußte es also behalten . Als ich nun vorhin zu dir ging , mußte ich an seiner Tür vorüber . Er sah mich kommen und fragte mich , ob ich lesen könne , was in dem Buche stehe . Ich sagte wieder nein , weil es nicht arabisch war . Aber ich kam auf den Gedanken , es dir mitzunehmen , denn es war doch nicht ganz und gar unmöglich , daß es dein Eigentum sei . Oder wenn nicht , so steht vielleicht ein Name darin , der uns sagt , wem man es zu geben hat . Der Baja möchte wahrscheinlich gern einen Finderlohn haben . Darf ich es dir zeigen ? « » Natürlich ! « Es war ein in blaue Seide gebundenes , sichtlich vielgebrauchtes Damennotizbuch , auf dessen Vorderseite ich die beiden goldenen Buchstaben M.W. las . Das Gold war freilich fast verblichen . Beim oberflächlichen Durchblättern sah ich , daß es teils englisch und teils deutsch geschrieben war und Notizen über weibliche und häusliche Angelegenheiten enthielt , denen ich das , was ich wissen wollte , nicht entnehmen konnte . Am hintern Deckel des Einbandes war , wie in solchen kleinen Büchern fast immer , ein Täschchen angebracht . Es enthielt eine Photographie in Visitenkartenformat . Als ich sie herauszog , kam mir zuerst die hintere Seite vor die Augen . Da sah ich in weicher , schöner , regelmäßiger Frauenhandschrift und deutscher Sprache die Zeilen geschrieben : » Zwei Geister streiten sich um Dich , ein guter und ein böser , der eine nur angeblich , der andre wirklich fromm . Heut bist Du wie der eine und morgen wie der andere . Gott gebe Dir und mir ein frohes Resultat ! « Die andere Seite enthielt das Bild der Schreiberin . Eine schöne , vielleicht vierzig Jahre zählende Frau , die mir bekannt vorkam , um so bekannter , je länger ich die Photographie betrachtete . Wo hatte ich diese warmen Seelenaugen geschaut , deren Blick unablässig um irgend Etwas zu bitten schien ? Vielleicht bestand diese Bitte in den letzten der umstehenden Worte : » Gott gebe Dir und mir ein frohes Resultat ! « Als ich das Bild wieder in das Täschchen zurücksteckte , sah ich in der letzteren noch ein zusammengefaltetes Papier , augenscheinlich oft gebraucht . Ich nahm es heraus und faltete es auseinander . Man denke sich die Größe meines Erstaunens , als mein Blick auf die vier Zeilen fiel , welche der Wind der Tochter des Missionars in Kairo zugeweht hatte , nicht etwa in Abschrift , sondern das Original , von meiner Hand geschrieben ! Nun wußte ich auf einmal , daß die beiden Buchstaben den Namen Mary Waller zu bedeuten hatten . War sie etwa mit ihrem Vater hier in Colombo ? Die Möglichkeit lag vor , weil sie die Absicht gehabt hatten , sich längere Zeit in Indien zu verweilen . Mochte das nun sein , wie es wollte , das Notizbuch war Marys Eigentum , und sie mußte es wiederbekommen . Hier im Hotel wohnten Wallers nicht ; ich hatte ja das Fremdenbuch gelesen . Sie waren nun entweder im Galle Face-Hotel oder ganz draußen im Hotel Lavinia zu suchen , beide Häuser ersten Ranges : in einem anderen wohnten sie gewiß nicht . Ich beschloß also , das Buch zu behalten und morgen Erkundigung einzuziehen . Darum gab ich Omar für den Baja eine Rupie Finderlohn , fügte aber keine weitere Auskunft hinzu . Als er gegangen war , mußte ich an jenes Erlebnis in Kairo und an den Pyramiden denken . Wir hatten uns im freundschaftlichsten Wohlwollen von einander getrennt , aber es war inzwischen eine ganze Reihe von Monaten vergangen ; ich hatte viel , sehr viel erlebt und durfte annehmen , daß auch meine damaligen Gefährten neue Bilder in sich aufgenommen hatten , von denen die alten vielleicht verdrängt worden waren . Auch ist es eine alte , wohlbewährte Regel der Klugheit , Reisebekanntschaften wenn möglich nur als Episoden zu betrachten . Pflegt man sie später fort , wenn die Wanderpoesie verflogen und verklungen ist , so geschieht es nur zu oft , daß man es zu bereuen hat . Ich war zwar überzeugt , daß Waller und seine Tochter sich freuen würden , mich wiederzusehen , aber dieses Wiedersehen mußte ihn an frühere Schwächen erinnern , und das konnte ich ihm ersparen . Uebrigens , wenn ich sie fand , so war ich gezwungen , mich ihnen zu widmen , und es erschien mir sowohl für sie als auch für mich vorteilhafter , auf die persönliche Freiheit nicht so ohne zwingenden Grund zu verzichten . Diese Betrachtungen brachten mich zu dem Entschlusse , Wallers , wenn sie hier sein sollten , nicht aufzusuchen , sondern ihnen das Buch auf einem anderen , unauffälligen Wege zuzustellen . Wie es auf die Straße im Pettah gekommen war , das brauchte nicht ein Rätsel zu sein , welches gerad ich zu lösen hatte . Aber in Beziehung auf das Gedicht fühlte ich , daß mir die Finger nach der Feder zuckten . Der Wind hatte es Mary zugeweht . Wie würde sie sich wundern , wenn sie jetzt bei dem Anfange eine Fortsetzung von derselben Hand erblickte ! Wie würde sie sinnen und nachdenken , auf welche Weise sich das zugetragen habe ! Vielleicht öffnete sie nicht jetzt , sondern erst später , nach Monaten , nach langer , langer Zeit das Blatt ; wie groß erst dann das Staunen ! Leider hatte ich damals das Gedicht nicht fertiggeschrieben , weil mir die Disposition nicht ganz klar erschienen war . Ich hatte das Sujet in vier Vierzeiler fassen wollen , war aber zu der Ansicht gekommen , daß die Fassung in zwei Achtzeiler sinnentsprechender sei . Der erste war fertig geworden , der zweite aber nicht , weil ich Anderes und Notwendigeres zu tun gehabt hatte . Aber das war ja vollständig hinreichend zu dem jetzigen Zwecke , die junge Freundin durch dieselbe Handschrift von demselben Verfasser zu überraschen . Ich glättete also die Falten des Papieres möglichst aus , probierte die hiesige Tinte , ob sie von derselben Schwärze sei , und fügte dann vier neue Zeilen hinzu , so daß die Strophe nun folgendermaßen lautete : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden , Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus , So stehe es für Euch im Völkerfrieden . Gebt , was Ihr bringt , doch bringt nur Liebe mit , Das Andre alles sei daheim geblieben . Grad weil sie einst für Euch den Tod erlitt , Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben . « Eben war ich mit diesen Zeilen fertig , als sich im Nebenzimmer rechter Hand ein Geräusch vernehmen ließ . Es war bisher zu beiden Seiten so still gewesen , daß ich geglaubt hatte , die zwei benachbarten Räume seien unbesetzt ; dies schien nun aber , wenigstens in Beziehung auf den einen , nicht der Fall zu sein . Ich unterschied zunächst zwei Stimmen , welche sprachen . Es wurden Stühle gerückt und heraus auf den Söller geschafft . Da klangen die Worte natürlich deutlicher . Ich hörte Jemand sagen , und zwar in englischer Sprache : » Also mein letzter Abend in Indien , speziell auf Ceylon ! Wie freue ich mich , daß ich diese lange und gefährliche Arbeit zum Abschlusse gebracht habe und nun die Heimat wiedersehen darf ! « Wenn ich mich nicht irrte , so kannte ich diese Stimme . Ich hielt sie für diejenige des graubärtigen Herrn , welcher unter die Rickschah des Tamilen geraten war . Er hatte zwar nur wenige Worte mit mir gesprochen , aber ja erst heut , also vor so kurzer Zeit , daß mir der Klang seines Organes noch nicht wieder verloren gegangen war . » Und dieser letzte Tag auch nicht ganz ohne Gefahr , « bemerkte der Andere . » Unter die Hufe der Pferde zu geraten , das hätte schlimmer enden können , als es glücklicherweise ausgefallen ist ! « » Das ist nicht zu bestreiten , obgleich ich nur unter die Rickschah , nicht aber unter die Hufe der Pferde geraten bin wie die Eingeborenen , die ich verletzt auf der Straße liegen sah . Soll es etwa so weit kommen , daß schließlich der ganze Orient unter den Hufen des Occidentes liegt ? Fast scheint es so ? Ueberall , wohin ich hier gekommen bin , habe ich zwei dunkle , unheilvolle Mächte an der Arbeit gesehen , diese nichts weniger als christliche Aufgabe zu vollenden , nämlich die religiöse Ueberhebung und den nationalen Hochmut . Wer da behauptet , Gott sei so haarspaltend und pedantisch , daß er nur die weiße Hautfarbe liebe und auf einer ganz bestimmten Art und Weise des Händefaltens bestehe , der lästert ihn , denn er setzt ihn tief unter den gewöhnlichen Durchschnittsmenschen herab . Solche Sünder gegen die Völker- und Menschenrechte gehören eigentlich unter Gewahrsam , weil sie gemeingefährlich sind , und darum freut es mich , daß es mir gelungen ist , die Namen der sogenannten zivilisierten Herren und Damen zu erfahren , welche sich ein Vergnügen daraus machten , der anderen Rasse zu zeigen , was eigentlich Rasse ist . Ich habe ihre Bestrafung gefordert , und der Gouverneur versprach sie mir . Hoffentlich läßt er sich durch meine Abreise nicht verleiten , die Untersuchung einschlafen zu lassen ! - Setzen wir uns ! Wir haben noch Zeit bis zum Diner , und ich liebe es nicht , der Erste an der Tafel zu sein . « Die Stühle draußen knackten ; es trat eine Redepause ein . Also meine Vermutung bewahrheitete sich ; es war der graubärtige Herr , welcher , wie seine Aufforderung zum Setzen erraten ließ , der jetzige Besitzer des Nebenzimmers und also mein Nachbar war . » Diese lästigen Abschiedsbesuche , « seufzte er . » Immer und immer in full dress , sogar beim Essen ! Ungesund und zeitraubend ! « Diese Worte waren für mich scheinbar nebensächlich aber auch nur scheinbar . Da der heutige Abend sein letzter hier auf Ceylon war , so reiste er also morgen ab , und ich folgerte : Er war den Reitern nachgeeilt und dann , während ich mich noch im Pettah befand , in das Hotel gegangen , um für den Gang zum Gouverneur den Gesellschaftsanzug anzulegen . Später hatte er Abschiedsvisiten gemacht und saß nun mit irgend einem Bekannten drüben in seinem Zimmer , um die Zeit bis zum Abendessen zu verplaudern . Das Gespräch , welches ich nun zu hören bekam , handelte von den Erlebnissen und Erfahrungen , welche er in Indien gemacht hatte . Er schien Gelehrter , speziellen Berufes , wahrscheinlich Arzt , zu sein und war von Amerika nach dem Oriente gekommen , um die Krankheiten , besonders die Pest , zu studieren . Sein Aufenthalt im Morgenlande hatte fast zwei Jahre in Anspruch genommen , und das , was ich hörte , überzeugte mich , daß seine Studien sich nicht nur auf die materiellen , sondern auf die geistigen Verhältnisse der betreffenden Völker erstreckt hatte . Er war ein sehr scharfsinniger , kluger Mann und dabei ein vorurteilsloser , edel denkender Menschenfreund . Er sprach zuweilen Worte , für welche ich ihm hätte die Hand herzlich drücken mögen . » Es ist für den Westen gefährlich , sich den Osten als abgetan zu denken und seine Völker als untergehende Nationen zu bezeichnen , « sagte er . » Die Bibel erzählt , daß der Garten Eden im Morgenlande gelegen habe . Die Flüsse dieses Paradieses sind nicht nur für die sogenannten Auserwählten Gottes , sondern für alle Welt geflossen ; aber der Mensch , welcher in das Eden gesetzt wurde , es zu pflegen , zu bebauen und seinen Nachkommen zu erhalten , vergaß nur allzu bald , daß dies eine Aufgabe sei , die ihn zwar zum Pfleger , aber nicht zum Herrn des Paradieses machen sollte . Er wollte sein wie Gott ! sagt die heilige Schrift ; das heißt , er wollte bestimmen , ohne nach den göttlichen Gesetzen zu fragen . Der Herr warnte ihn , warnte ihn in seiner Güte nur durch das kleine Verbot eines Apfels , welchen stehen zu lassen bei der unendlichen Früchtefülle des Gartens so leicht war und gar keine Selbstüberwindung kostete . Aber der allbegehrliche Mensch wollte nun gerade diesen , und - - - er hat ihn genommen . Doch diese Habsucht , welche in ihrer Grenzenlosigkeit trotz ihres unendlichen Reichtums nicht auf einen einzigen , kleinen Apfel verzichten , sondern den rechtmäßigen Herrn um Alles bringen wollte , hat sich durch ihre ungehorsame Begehrlichkeit selbst um Alles gebracht ; sie bezahlte den einen Apfel mit dem ganzen Paradiese . Das ist die Geschichte des Sündenfalles in Beziehung auf das ganze Menschengeschlecht , auf die Nationen und auf jeden einzelnen Menschen . « Er hielt inne ; der Andere sagte nichts . Es schien mir , als habe der Schluß der Rede nicht das gebracht , was der Anfang versprochen hatte ; da aber fuhr der Sprecher fort : » Jedes Volk hat nicht nur das Recht , sondern auch die volle Kraft , sich auszuleben . Und jedes Volk hat die heilige Pflicht , andere Völker sich ausleben zu lassen . Aber der Teufel der Hab- und Selbstsucht , welcher sich in das Paradies eingeschlichen hatte , um den Menschen aus dem Glücke desselben heraus in das von ihm selbst beherrschte Elend zu locken , hat nicht bloß diesem einen Kain gegen diesen einen Abel die Keule in die Hand gedrückt , sondern ist , zum Brudermorde reizend , an den Thronen und in den Hütten aller Zeiten und aller Völker ein finsterer Gast gewesen und schleicht sich auch durch unsere Gegenwart . Und wie es das Heiligste auf Erden , die Verehrung Gottes war , aus welcher damals die egoistische , liebeleere Faust des Mörders den scheinbaren Grund zu dem Verbrechen zog , so hat von Anfang an bis auf den heutigen Tag jeder Opfernde seinen Altar für den einzigen gehalten , der Gott gefallen müsse . Wo sind die Stätten , deren wohlgefälliger Opferduft geradeauf zum Herrn gestiegen ist ? Und wer zählt die angeblichen heiligen Orte , deren schwerer , dunkler Rauch nicht zum Himmel steigen konnte , sondern verderbenbringend weithin auf die Länder fiel ? So lange die Erde steht , hat das Heilige dem Unheiligen , die Menschenliebe der Eigensucht , die Zivilisation der Rücksichtslosigkeit als Vorwand gedient , und ich suche vergeblich nach einem sanften , frommen Abel unter den Völkern , den nicht irgend ein Kain gehindert hätte , sich auszuleben . Wer kann die materiellen Summen und die geistigen Reichtümer berechnen , welche für die Menschheit ungehoben blieben , weil Kulturformen von der Erde verschwunden sind , welche nicht nur trotz , sondern gerade wegen ihrer Eigenart für die Allgemeinheit gewiß unermeßlich viel geleistet hätten , wenn es ihnen erlaubt worden wäre , sich bis zur Vollendung ihrer Aufgabe zu entwickeln ! « Er machte jetzt wieder eine Pause , welche der Andere nicht schweigend vorübergehen ließ , denn er sagte , und zwar in einem Ton , dem ich es anhörte , daß er dabei lächelte : » Ihr Lieblingsthema , lieber Professor ! Aber mehr für zartfühlende Frauen als für uns Männer , die wir mitten im rücksichtslosen Leben stehen , welches uns zwingt , uns zu wehren , weil wir eben auch den Wunsch haben , uns ausleben zu dürfen . Wenn Sie in dieser Weise sprechen , ist es mir , als ob ich Miß Mary , Ihren Liebling , vor Ihnen sitzen sähe , um Ihrem Völkerevangelium gerade ebenso zu lauschen , wie einst eine andere Mary zu den Füßen eines anderen und , wenn Sie gestatten , größeren Meisters saß , um ihm zuzuhören . « » Ja . Fügen Sie aber auch hinzu , daß dieser Meister , Christus , zu der Schwester dieser Mary sagte : Mary hat den besten Teil erwählt ; der wird nicht von ihr genommen werden ! Mary Waller ist körperlich die Tochter ihres Vaters , seelisch das Kind ihrer Mutter , geistig aber das meinige , und ich bin stolz darauf , daß sie das ist . Wollen Sie mir entschlüpfen , indem Sie von ihr sprechen ? « » O nein . Sie wissen ja , daß auch ich zuweilen über solche Dinge nachdenke , wenn ich dabei auch nicht zu denselben Schlüssen komme wie Sie . Für mich sind , wie auch jeder einzelne Mensch , die Völker abgetan , sobald sie nichts mehr leisten . « » Der einzelne Mensch auch ? « » Ja « . » Darf Ihr Arbeiter schlafen ? « » Welche Frage ! Natürlich , ja ! « » Aber er leistet doch nichts , während er schläft ! « » Er wird , wenn er heut Abend schlafen geht , dann morgen um so mehr leisten , je besser er geschlafen hat . Er holt sich vom Schlafe neue Kräfte . « » Well ! Auch Völker schlafen . Ihr Schlaf währt freilich länger als nur eine Nacht , und wer die Notwendigkeit dieses Schlafes nicht begreift , der kann leicht versucht sein , ihn für den Tod und sie für abgetan zu halten . Aber diese schlafenden Völker wachen wieder auf , wenn ihnen der Atem nicht genommen wird . Sie haben während der Ruhe neue Kraft gesammelt , und wenn ihr Morgen kommt , dann wehe dem , der sie für tot gehalten und sich als lachender Erbe in ihren Rechten eingenistet hat ! Ich meine , daß man besonders hier im Oriente vorsichtig zu sein habe . Es gibt da schlafende Riesen , welche man , wenn auch nicht für schon tot , ober doch für sterbend hält . Wenn ein Schlafender zuweilen eines seiner Glieder bewegt , soll man das nicht für Todeszuckung halten . Ein solcher Riese ist der Islam . Er schläft , und darum sehen wir an ihm nur das , was wir positives , unwillkürliches Leben nennen . Wir dürfen ihn berühren , seinem Kopfe , seinem Arme , seiner Hand vorsichtig eine andere Lage geben . Wenn wir keine Mörder sind , wird er erwachen , unbedingt erwachen , und es steht bei uns , ob dieses Erwachen ein freundliches , friedliches sein wird oder nicht . Die Seele kehrt am Morgen in den Körper zurück , mit ihr das Leben aller seiner Glieder , das Selbstbewußtsein und der Wille mit dem Tatendrang . Der Islam ist das Medium der Seelen aller Völkerschaften , die sich zu ihm bekennen . Die Glieder dieses Riesenleibes ruhen jetzt ; sie verhalten sich passiv . Wer hat Mut , ihn durch irgend eine Gewalttat aufzuwecken ? « » Ich nicht ! « scherzte der Andere . » Lassen wir ihn schlafen , bis er von selbst erwacht . Er wird sich dann freilich sehr verwundert die Augen reiben , wenn er bemerkt , daß er , die Majestät von Muhammeds Gnaden , inzwischen Christ geworden ist . Halten Sie Buddha , Tao , Lao und Konfucius vielleicht auch für solche Schläfer ? « » Nein , denn in keiner der von ihnen gelehrten Anbetungsformen liegt die Aggressivität , welche dem Christentum und dem Islam eigen ist . Hier liegt die Gefahr für uns nicht auf dem eigentlich religiösen Gebiete . Es handelt sich um den friedlichen Ausgleich zweier ganz verschiedener , in vielen Beziehungen heterogen entwickelter Menschenrassen , der weißen und der gelben . Die rote haben wir glücklich hingemordet , denn was von ihr noch übrig ist , das sind nur noch die letzten , ersterbenden Hauche einer vierhundert Jahre langen , ununterbrochenen Todesklage . Aber für die gelbe Rasse wird uns die Weltgeschichte keinen Kortez und keinen Pizarro liefern , und das ist ein Glück für uns , denn diese Weltgeschichte ist zwar langmütig aber auch unerbittlich gerecht , und das Land , in welchem einst die Sonne nicht unterging , ist durch den Fluch , der auf den Taten seiner einstigen Konquistadoren ruht , und trotz aller seiner berühmten Silberschiffe so klein und arm geworden , daß es weder Raum noch trockenes Brot und Wasser für die wenigen noch lebenden Indianer haben würde . Ein gewaltig ernstes Menetekel für uns , die wir uns eben unterfangen , den Besitz der gelben Rasse unter uns aufzuteilen ! Es steht im Buche des Schicksals geschrieben , daß wer China erobern will , der muß Chinese werden . Es gibt in dieser Rasse ein Ferment , dem keine Rasse widerstehen kann . Sie wird jeden Feind assimilieren , und wer mit ihr verkehren , dabei aber dieser Aufsaugung entgehen will , der muß beherzigen , daß es nur ein einziges Mittel gibt , nämlich Freund anstatt Feind zu sein ! « » Welch ein Glück für unsern Freund Waller ! « erklang es wieder scherzend . » Er wird nicht assimiliert , denn er kommt ja doch als Freund ! « » Irren Sie nicht ! Der Chinese schätzt seinen Glauben nicht niedriger ein als wir den unserigen ; ja , in Beziehung auf seine mehrtausendjährigen Sitten und Anschauungen wird er uns trotz aller sonstigen Ueberlegenheit doch nicht anders als nur Barbaren nennen . Er wird Jeden , der zu ihm kommt , um ihm für seine Religion eine andere anzubieten , für einen Dummkopf halten , und wenn dieser Ignorant bei seinem Vorsatze bleibt , so ist bis zur Feindschaft nur ein kleiner Schritt . Dazu kommt leider Wallers krankhafte Eigenart . Er ist erblich belastet . « » Ihre alte Meinung , lieber Professor ! Ich aber halte ihn zwar für außerordentlich nervös , doch nicht für geisteskrank . « » Das habe ich auch nicht gemeint . Erblich belastet kann man auch in anderer als nur ärztlicher Beziehung sein . Erblich belastet ist für uns der Chinese in Hinsicht auf seinen Ahnenkultus , den er von den Vorfahren geerbt hat . Erblich belastet für den Chinesen ist Waller bezüglich seiner religiösen Unduldsamkeit , welche jedem Gliede seiner Familie seit Generationen anerzogen worden ist . Hält er doch sogar jeden Christen , der nur im Geringsten anders denkt oder glaubt als er , für ewig verdammt und verloren ! Auf religiöse Kontroversen sich mit ihm einzulassen , ist geradezu unmöglich , weil er jede andere Meinung als Beleidigung behandelt . Und dabei gehört sein Christentum nicht einmal einem gewissen kirchlich abgegrenzten Bekenntnisse an , sondern es beruht auf den Lehrsätzen , welche sich in seiner Famile nach und nach herausgebildet haben und von den Eltern auf die Kinder vererbt worden sind . Dazu kommt , daß er seinem Vater hat versprechen müssen , Missionar zu werden , um durch die Verbreitung dieser religiösen Familientraditionen möglichst viele Heiden zu bekehren und dadurch für sich und seine Vorfahren bei Gott ein Verdienst zu erwerben , welches ihnen im Jenseits angerechnet werden muß . « » Vorfahren ? Das grenzt ja an den chinesischen Ahnenglauben ! « » Natürlich ! Und doch wettert er so gegen ihn ! Seine verstorbene Frau , eine wahre Engelsseele , milderte , so viel sie konnte . Sie hätte ihn , wenn sie am Leben geblieben wäre , wohl nicht nach China gehen lassen . Es ist ihm gelungen , durch Verbreitung jener religiösen Traditionen so eine Art von Sekte um sich zu bilden , zu welcher sehr reiche Leute gehören . Diese haben es für ein Gott wohlgefälliges Verdienst gehalten , ihn nach dem Tode seiner Frau mit den nötigen Mitteln zum Beginnen seines Missionswerkes auszustatten . Diese Mittel sind so ansehnlich , daß sie ihm sogar erlaubt haben , vorher eine Rekognoszierung durch den Orient vorzunehmen . Als mir seine Tochter das schrieb , war ich auch schon hier im Morgenlande . Später teilte sie mir ihre Abreise mit , und wir bestimmten ein Rendezvous in Cambay , wo wir uns auch glücklich trafen . Sie ist in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten , mit der ich , der Nachbar und entfernt Verwandte , sie erzogen und unterrichtet habe , und ich hoffe für ihn gute Wirkung davon , daß er sie mitgenommen hat . Uebrigens scheint er in neuerer Zeit einen Anstoß erhalten zu haben , seine Lehrsätze nicht so , wie früher , für absolut unfehlbar zu halten . Mary sprach aus Rücksicht auf den Vater nicht davon , und so unterließ ich es , mich zu erkundigen ; aber sie unterhielten sich oft von einem Deutschen , mit dem sie in Kairo zusammengetroffen sind . Mit ihm und zwei Chinesen haben sie wiederholt Ausflüge gemacht , und ich glaube , aus ihren Bemerkungen schließen zu dürfen , daß es diesem Germanen gelungen ist , wahrscheinlich aber ohne daß er es beabsichtigt hat , den Vater zu vermögen , über seine religiöse Starrheit nachzudenken . Er kann zwar grad noch so aufbrausend und absprechend wie früher sein und genau noch so gegen heidnische Tempel und Säulen wettern , aber plötzlich wird er still , sinnt nach , und dann kommt eine weiche , friedliche , menschenfreundliche Bemerkung , die aus diesem Munde früher eine Unmöglichkeit gewesen wäre . Ich habe mein Möglichstes getan , diese Augenblicke zu benützen , ihn für solche gute Stimmungen empfänglicher zu machen , glaube aber nicht , viel gewirkt zu haben , da wir uns so bald wieder trennen mußten . « » Sind sie dann direkt nach China ? « hörte ich den Zweiten fragen . » O nein . Er ist ja Herr seiner selbst und Missionar aus eigener Machtvollkommenheit . Darum kann er reisen , wann , wie und wohin er will . Sein nächster Zweck war , Indien kennen zu lernen und quer durch das Land nach Kalkutta zu gehen . Dort angekommen , hat er mir geschrieben . Der Brief wurde mir nachgeschickt ; ich habe ihn heut erhalten . Er wird noch einige Touren an der Ostküste unternehmen und bittet mich , ihm meine Antwort nach Penang zu senden . Ich hatte heut nicht Zeit , zu schreiben , muß es aber dann nach dem Diner gleich tun , denn ich habe Mary ihr Notizbuch zu schicken , welches - - ach , ja , ich habe es nicht hier in diesem vertrackten Salonanzuge , sondern dort in der Brusttasche des Jacketts . Als sie mich zum letzten Male besuchte , notierte sie sich Etwas und vergaß dann , es mitzunehmen ; ich fand es zwar später , doch waren sie schon abgereist . Horch ! Klang da nicht das Gong ? « » Ja . Man giebt das Zeichen zum Essen . « » Wir können noch warten ! « Sie verweilten sich noch einige Zeit , doch kam das durch den Tamtam unterbrochene Gespräch nicht wieder auf denselben Gegenstand . Und das war mir sehr lieb , denn wenn Mary Waller wieder erwähnt wurde und dieser Professor abermals an das Notizbuch dachte , so konnte er auf den Gedanken kommen , es aus dem Jakett zu nehmen , in welchem es ja nicht mehr steckte . Es war ein ganz eigentümliches Zusammentreffen von Umständen , welche sich so miteinander verbanden , als ob ein bestimmter Wille sie gerade so gelenkt hätte und nicht anders hätte lenken wollen . Man pflegt das Zufall zu nennen ; für mich aber ist diese Verlegenheitserklärung nicht vorhanden . Der Mensch glaubt , zu schieben , und er wird geschoben . Tritt ihm ein Ereignis nahe , welches er nicht selbstgefällig auf seine eigene Rechnung setzen kann , obwohl sich später zeigt , daß es von großem Einfluß auf sein Leben ist , so geniert es ihn , einzugestehen , daß hoch über ihm eine weise , mächtige Führung waltet , welche ihn nicht um die Erlaubnis fragt , mit ihm tun zu dürfen , was sie für richtig hält , und so hat er das vollständig nichtssagende und inhaltslose Wort Zufall erfunden , mit welchem er zwar seine Ohnmacht eingesteht , weil er nicht anders kann , aber auch keine ihn beherrschende und bewußt handelnde Potenz anerkennt . Mein Leben ist sehr reich an solchen sogenannten Zufällen , welche sich später als für mich außerordentlich wichtig erwiesen , und wenn ich dann auf sie zurückblickte , so entdeckte ich , daß sie mit einer logischen Folgerichtigkeit an mich herangetreten waren , die mich als denkenden Menschen zwang , sie nicht einem willenlosen , blinden Ungefähr , sondern einer außerhalb mir und jenseits dieser Tatsachen existierenden , unendlichen Güte zuzuschreiben . Darum war auch das Ineinandergreifen der gegenwärtigen Umstände kein Zufall für mich , sondern ich nahm diese Tatsachen mit der Ueberzeugung hin , daß sie sich ganz gewiß als jetzige Ursachen späterer Folgen erweisen würden . Das , was der Professor über Waller gesagt hatte , erklärte mir Alles , was mir an dem Letzteren bisher unverständlich gewesen war . Der Missionar besaß nicht das wahre , echte , allgemeine , sondern ein ganz besonderes persönliches Christentum , welchem gerade deshalb , weil es ein individuelles , durch scharfe , psychologische Konturen eng begrenztes war , die Hauptsache , nämlich die Nächstenliebe fehlte , ohne die es ja gerade das nicht geben kann , was das Christentum der Menschheit bringen soll , nämlich die Erlösung . Waller hatte die Vokation zum Glaubensboten sich selbst erteilt , ohne dazu berufen und geeignet zu sein , und die Lehren Christi ebenso wenig begriffen wie die Unklugheit der Forderung , daß jeder Andersdenkende weiter nichts zu sagen habe als : » Vergieb mir nur , du einzig Auserwählter , daß ich