Erde , alles war mit Steinen bedeckt . Über eine Brücke ging er , aber auch die Ufer des Flusses waren mit Steinen vermauert . Da fiel ihm ein , daß in dieser Stadt ein Kind geboren werden konnte und aufwachsen , das gar nicht wußte , wie Erde aussieht , und wie ein Wald und ein Kornfeld und eine Wiese aussieht ; und als er das dachte , hatte er ein großes Mitleid mit sich selbst . So ging er , und die Füße taten ihm weh und die Schultern , und ein Ring lag ihm um die Stirn , und war ihm , als habe er sich ausgeweint und könne nicht mehr weinen . In solcher Verfassung blieb er , indem es begann zu dunkeln , und die Laternen wurden angesteckt und die Läden mit stechendem Licht erleuchtet , und die Menschen rasten immer gleichgültig vorbei . Am Ende trat er aus Müdigkeit in eine Wirtschaft , und weil er sich graute vor seinem Zuhause und es zudem doch noch am Anfang des Semesters war , so beschloß er , hier in der Wirtschaft zu Abend zu essen und nicht zu Hause , und wollte hier so lange bleiben , bis es spät genug war , daß er zu Bette gehen konnte . Eine Kellnerin brachte , was er bestellte und setzte sich dann zu ihm an seinen Tisch , indem sie sagte , er sei gewiß erst seit kurzem in Berlin , und dann erzählte sie , ihr gefalle es sehr gut hier . Hans antwortete in der Weise , wie er gewohnt war , mit allen Menschen zu sprechen ; da stand sie plötzlich auf , mitten in seinem Satze , in einer Art , als sei er ihr ganz verächtlich , und nachher war sie ganz fremd zu ihm , als habe sie nie freundlich an seinem Tische gesessen . Inzwischen füllte sich die Wirtschaft mit Gästen , und die meisten taten sonderbar vertraulich zu den Kellnerinnen , und es war , als ob alle , die hier in dem rauchigen und niederen Raum saßen , miteinander nahe bekannt seien . Nach einer Weile setzte sich an Hansens Tisch ein junger Mann , der aussah wie ein Künstler ; dem brachte die Kellnerin ein Glas Bier und zwei Butterbrote , die aß er gierig , als sei er sehr hungrig . Wie er mit dem Essen zu Ende war , knüpfte er ein Gespräch an und erzählte , er wolle eine Operette komponieren und spiele hier in der Wirtschaft abends Klavier , wofür er fünfzig Pfennige und das beschriebene Abendbrot erhalte ; aber von diesem Erwerb könne er nicht leben , und wenn nicht die gutherzigen Kellnerinnen wären , so müßte er verhungern , und seine Operette würde viel besser werden wie der » Zigeunerbaron « . Wie Hans antwortete , daß er dieses Werk nicht kenne , vertiefte sich der andre in musikalischen Erörterungen , und zwischenhindurch klagte er bitter über das Los der Künstler in der heutigen Gesellschaftsordnung . Am Ende verbeugte er sich mit großer Eleganz vor Hans , daß dieser sehr verlegen wurde , und ging zum Klavier , setzte sich , fuhr mit den Fingern durch sein langes und dichtes Haar und begann mit großer Geläufigkeit Tänze zu spielen ; sein Spiel schien Hansen aber ganz seelenlos , obschon das Pianino viel besser war wie des Lehrers im Dorfe altes Klavier . Bald darnach fragte die Kellnerin Hansen , ob sie dem Klavierspieler ein Glas Grog bringen solle , weil er sich doch mit ihm unterhalten habe , und indem Hans dachte , das müsse wohl so sein , bejahte er die Frage , aber er schämte sich doch sehr für den Musiker . Dieser nahm das Glas , wendete sich zu Hans , nickte ihm dankend zu , führte es an den Mund und fing dann gewandt einen neuen Tanz an . Den ganzen Abend quälte sich Hans mit dem Gedanken , daß er nachher der Kellnerin ein Trinkgeld geben sollte , denn das kam ihm unzart und beleidigend vor , weil es nicht mit Herzlichkeit geschehen konnte und deshalb keine Freundlichkeit war , die den Empfänger zu ihm in solche menschliche Beziehung brachte , daß dessen menschliche Würde die gleiche bliebe , sondern er hatte das Gefühl , daß er das Mädchen dadurch unter sich drückte , ebenso wie am Mittag den Kellner und vorhin den Musiker . Viel Schmutz muß ein Mensch erst an seinen weißen Kleidern haben , bis er gleichmütig das Geldstück in die vorgestreckte Hand eines dienernden Menschen gleiten läßt und unbewußt jede Liebenswürdigkeit , die ihm ein Niedrigerstehender erwiesen , durch eine kleine Münze vergilt , statt durch einen einfachen Dank ; und nicht nur seinen Bruder zieht er herab , sondern auch sich selbst . Wie Hans den peinlichen Augenblick überstanden hatte und sich zum Gehen wendete , verspürte er mit den geschärften Sinnen , die ein Mensch innerhalb einer feindlichen Umgebung hat , daß die Kellnerin sich hinter seinem Rücken gegen eine andre über ihn lustig machte , wie schon einmal an dem Tage die Wirtstochter gegen ihre Mutter getan . So wurde immer stärker das Bewußtsein in ihm , daß er lächerlich und dumm sei , und alle andern Leute waren viel gewandter , klüger und erfahrener wie er ; denn solange wir die Welt noch nicht kennen , wissen wir die sittlichen Gegensätze nicht zu verstehen und beurteilen und halten sie für Gegensätze des Verstandes und der Erfahrung , und ist das einer der Gründe , weshalb mancher junge Mensch schlecht wird , der von Natur nur oberflächlich war . Langsam und müde ging Hans heimwärts , und war es eben nach zehn Uhr , wie er an sein Haus kam , und deshalb war es schon dunkel auf den Treppen , aber er tastete sich schnell am Geländer nach oben . Als er fast oben angekommen , trat er auf einen Menschen , der dalag . Wie er schon ohnehin in erregter Verfassung war durch alles vorige , so stieß er einen Schrei aus und prallte zurück , daß er fast die steile Treppe hinabgefallen wäre . Auf das Geräusch wurde die Korridortür geöffnet und Hansens Wirtsleute , später auch die Nachbarn erschienen mit Lichtern , und da zeigte sich , daß eine betrunkene Weibsperson von etwa fünfzig Jahren auf den Stufen lag , die sich hatte auf den Hausboden schleichen wollen , um dort zu nächtigen , und nun hier von Trunkenheit und Schlaf übermannt war . Der finstere und schwarzbärtige Wirt Hansens stieß das Weib mit dem Fuße an , bis sie sich halb erhob in ihren stinkenden Lumpen , und starrte mit dem aufgedunsenen Gesicht sinnlos in die Lampe , die der Mann in der Hand hielt ; er brüllte , er wolle die Polizei holen , und gab ihr allerhand gemeine Schimpfworte , das Weib aber schien nichts zu merken , sondern hockte da und sah zwinkernd mit rotgeränderten und tränenden Augen in die Lampe . Deshalb versetzte der Mann ihr wieder Fußtritte , um sie zum Aufstehen zu bewegen ; aber da empfand Hans einen wilden Schmerz im Innern und rief , er solle das lassen und die Frau menschlich behandeln . Hierüber war der Mann erstaunt und erwiderte , wenn er selber betrunken sei , so werde er auch so behandelt , und das noch dazu von den Schutzleuten , die doch von den Steuern lebten , die er zahle , diese Person jedoch zahle keine Steuern . Über diese Worte aber schien seine Frau sich zu ärgern , denn die rief ihm verächtlich zu , er verdiene doch nichts und bezahle auch keine Steuern , und da lachten die andern Leute . Das brachte den Mann in Wut , so daß er sich nun mit seinen Schimpfworten an seine Frau wendete , und die Tochter griff mit in den Streit ein , indem sie in derselben verächtlichen Weise zu ihm sprach wie die Mutter . Da wollte der Mann die beiden schlagen , aber indem nun die Tochter kreischend fortlief und die fette Frau , die Arme in die Seite stemmend , ihn mit wackelndem Busen erwartete , hielten ihn die Nachbarn fest und suchten ihn zu beruhigen . Inzwischen hatte sich die Betrunkene unsicher erhoben , und weil sie noch ihren alten Plan in dem umnebelten Gehirn festhielt , so wollte sie höher steigen , sie trat aber auf ihre Lumpen , fiel halb , hielt sich mit den Händen an den schmierigen Stufen und starrte wieder in die Lampe . Nun erschien ein Schutzmann , den ein andrer geholt hatte . Der packte die Betrunkene und stieß sie vor sich her die Treppe hinunter , daß sie hätte kopfüber stürzen müssen ; aber sie klammerte sich am Geländer fest und wimmerte . Hans konnte den Anblick nicht mehr ertragen , denn ihm wurde , als sei er krank , deshalb ging er in seine Stube , schloß hinter sich zu und schob den Riegel vor . So verlief der erste Tag von Hansens Studentenleben , und noch nie war er so unglücklich gewesen wie an dem Abend . Weshalb er ein so heftiges Gefühl von Jammer hatte , konnte er sich nicht klarmachen , und es war auch gut , daß er es sich nicht klarmachen konnte , denn sonst wäre er gänzlich verzweifelt . Denn dieser Tag führte den ersten und heftigsten Streich gegen seinen Glauben , und von heute an wurde ihm , Stück für Stück , Gott geraubt , denn alle diese Menschen , die er getroffen hatte , waren ohne Würde gewesen : der Lehrer , der mechanisch sein Pensum ablas , und der Kellner , der gleichmütig seine Speisen brachte , und die Wirtin , und der Musikant , und die Betrunkene endlich . Und wenn es Menschen gibt , die keine Würde haben , so müssen wir an unsrer eignen Würde zweifeln : nicht mit dem Verstande , denn das ist alles über den Verstand , aber wir können nicht mehr den reinen Glauben und die klare , unschuldige Zuversicht haben . Und wenn wir an unsrer Würde zweifeln , so können wir an keinen Gott mehr glauben , der über uns ist und durch den unser kleines Leben einer Eintagsfliege am Sommertage eine Bedeutung bekommt , die höher ist wie die Bedeutung von Millionen Welten ; und auch dieser Zweifel kommt nicht aus dem Verstande , denn dieser ist noch weit mehr über allem Verstande ; aber er kommt aus unserm ganzen Menschen . Dergestalt bereitete sich bei Hans der Glaube vor , daß er ein Rad sei neben andern Rädern in einem großen Räderwerk , das für sich keinen Sinn hatte , welches die allgemeine Ansicht der Menschen war , mit denen er nun zusammenkam . In einer philosophischen Vorlesung fand Hans seinen Platz neben einem älteren Studenten , der ihm durch seine eigne Art sehr auffiel , denn er hatte seine Stelle genau ausgemessen und durch Bleistiftlinien bezeichnet und erklärte Hansen , wie er das unumschränkte Recht innerhalb dieser Linien habe , außer daß er seine Nachbarn zur andern Seite müsse bei sich vorüber zu ihren Plätzen gehen lassen , und wenn jemand Bücher oder Hefte über die Linien hinaus neben ihn lege , so dürfe er die zurückschieben . Mit diesem jungen Mann wurde Hans schon beim zweiten Wiedersehen näher bekannt , indem sich die beiden nach jugendlicher Art über die philosophischen Fragen unterhielten , welche die ihre Generation beschäftigenden waren ; und indem sie nicht wußten , daß das , was jeder für sich gedacht , von vielen Altersgenossen geteilt wurde , waren sie recht verwundert über häufige Übereinstimmungen ihrer Ansichten und empfanden die als Veranlassung zu engerem Verkehr ; und es bewirkte der Jahresunterschied gleich , daß Hans als der Nehmende erschien und Heller , denn so nannte sich der andere , als der Gebende , der ihm lehrte mit Freude und Genugtuung . Dieses war das erste Mal , daß Hans das Gefühl der Freundschaft empfand , welches der Liebe verschwistert ist , und so folgte er mit Bewunderung , Glauben und Zuversicht allem , was ihm Heller sagte ; der aber stand völlig , wie er sich ausdrückte , auf dem modernen Standpunkt und hatte auch einen Kreis von gleichgesinnten Freunden , die zu bestimmten Zeiten zusammenkamen , das waren Studenten , junge Kaufleute , junge Schriftsteller , Maler , Musiker und ähnliche . Bei diesen führte er Hansen ein , wiewohl der eine große Besorgnis hatte , daß er werde vor solchen Leute nicht bestehen können mit seinem kleinen Wissen und Vermögen , und saßen sie in einem engen Hinterzimmer einer geringen Wirtschaft , das an den übrigen Tagen von Gesellschaften und Vereinen kleiner Bürger eingenommen war , die sich in sonntäglicher Gewandung und mit Bierfässern hatten photographieren lassen , um die Wände des Zimmers zu schmücken . Hans fand seinen Platz zwischen zwei jungen Mädchen , die sich mit großem Eifer an den Reden beteiligten . Die eine war eine Russin und hatte einen russischen Studenten als Begleiter , mit dem sie in freier Liebe lebte ; das war ein schweigsamer Mensch , von einer leuchtenden Blässe des Gesichtes , mit hoher Stirn und ganz dunklem Haar und langem schwarzen Bart , den er unablässig strich . Der lange Bart , den bei uns einer als Vierzigjähriger haben würde , sah sehr merkwürdig aus in dem ganz jugendlichen Gesicht . Eine Zeitungsnotiz wurde in der Ecke gelesen und besprochen , die mitteilte , daß des Russen Bruder , der als ein hervorragender Revolutionär galt , in Petersburg gefangen genommen war und in Schlüsselburg untergebracht ; und wie über den Tisch herüber der Russe nach der Art des Gefängnisses gefragt wurde , machte er mit unverändertem Gesicht eine Handbewegung , die bedeutete , daß sein Bruder dort sterben werde , dann bat er mit fremdartiger Aussprache seinen Nachbarn um eine Zigarette . Er war ärmlich gekleidet , und es wurde erzählt , er sei sehr wohlhabend und gebe fast alles für die Unterstützung der Arbeiterbewegung aus ; auch die Frau trug sich sehr einfach und schien dazu unordentlich und sollte von sehr vornehmer Abkunft sein und aus Überzeugung ihre Familie verlassen haben . Hans kam in eine weihevolle Stimmung , und ihm war , als sitze er neben Aposteln ; denn diesen Leuten erschien ihre Pflicht einfach , und sie taten sie ohne Ruhmredigkeit . So erzählte der Russe , er wolle mit seiner Frau bald in sein Vaterland zurückkehren und hoffe , daß er etwa ein Jahr lang wirken könne , bis man ihn nach Sibirien schicke . Am allgemeinen Gespräch beteiligte er sich sehr wenig und hatte eine sonderbare Art , verächtlich über Menschen und Gedanken zu reden . Die andere Dame , welche Helene genannt wurde , hatte die Begleitung ihres Bruders , und waren die beiden das erstemal in der Gesellschaft und wurde von ihnen erzählt , daß sie soeben sich von ihren Eltern getrennt hätten und allein lebten ; der Vater der beiden war ein kleiner Kaufmann , dessen älterer Sohn war befreundet mit einem Mitglied des Kreises , der offiziell zur sozialdemokratischen Partei gehörte ; der hatte ein Paket verbotener Schriften bei seinem Freunde hinterlegt , weil bei dem niemand einen Verdacht haben werde ; der Vater aber hatte die Schriften gefunden , wie er in argwöhnischer Besorgnis seines Sohnes Sachen durchsuchte , und war mit ihnen gleich auf die Polizei gegangen aus Angst und aus unbedachtem Ärger über seines Sohnes Verkehr . Weil nun einige Schriften in mehreren Stücken vorhanden waren , so nahm die Polizei an , das Paket sei zur Verbreitung bestimmt , und verhaftete den Sohn des Angebers zu dessen großer Bestürzung , und weil sich bei weiterem Nachsuchen der eigentliche Besitzer leicht ermitteln ließ , nachher auch den sozialdemokratischen Freund . Der andre Sohn und die Tochter waren über die Handlung ihres Vaters so entrüstet , daß sie erklärten , sie wollten nunmehr nicht mehr in ihrer Familie bleiben , gingen von Hause fort und mieteten sich zwei Zimmer , um für sich zu leben , was ihnen dadurch möglich war , daß sie beide Geld verdienten , nämlich der junge Mann als Reisender und das Mädchen als Buchhalterin in einem Geschäft . Der junge Mann , der sich in der fremden Gesellschaft einsam fühlte , begann ein Gespräch mit Hans , weil der gleichfalls hier unbekannt war , und als ein redegewohnter Herr fing er bald an zu erzählen , und Hans hörte zu . Er erzählte aber mit Stolz , welche Kunstgriffe er auf seinen Geschäftsreisen anwende , um den Bürstenbindern , denn sein Artikel war Schweineborsten , Ware zu verkaufen ; so habe er auf einer Tour dem jungen Mann eines Konkurrenten alle Aufträge vorweggenommen , indem er sich mit ihm angefreundet habe und ihn abends eingeladen und so betrunken gemacht , daß er sein Notizbuch durchsehen konnte . Über diese Erzählung erstaunte Hans sehr und sagte , eine solche Handlungsweise sei doch nicht redlich , der andre aber erwiderte , im Geschäft sei das nun einmal nicht anders , und wer ein guter Geschäftsmann sein wolle , der er selbst auch wirklich sei , der müsse so handeln . Die Schwester aber nickte Hansen zu und gab ihm recht ; und indem sie sagte , daß sie zu ihrem Bruder schon immer ähnlich gesprochen habe wie er , setzte sie ihre Worte so , daß gleich eine freundliche und vertrauliche Beziehung zwischen ihr und Hansen entstand . Dann sagte sie zu ihm , er dürfe es nicht unpassend finden , daß sie zwischen so vielen jungen Herren sei , denn die seien doch alle Männer , die das Höchste wollten , und zudem werde sie ja auch von ihrem Bruder beschützt . Inzwischen hielt jemand einen Vortrag darüber , ob man wohl auf der Bühne das wirkliche Leben ganz genau darstellen könne , und kam zu dem Ende , daß das nicht möglich sei , weil man ja auf der Bühne immer eine Wand fehlen lassen müsse , nämlich nach dem Zuschauerraum hin ; über diesen Vortrag bezwangen die meisten ein Lachen , Heller aber lobte den Redner laut , das Hansen sehr von seinem Freunde verdroß , denn es schien ihm unehrlich . So folgten noch allerhand Reden und Gespräche . Hans brach mit den Russen zugleich auf , und wiewohl es schon recht spät war , nahmen ihn die beiden doch noch mit sich in ihre Wohnung . Dieselbe bestand aus drei recht elenden Räumen , die hatten aber eine besondere Bedeutung , denn ein großer Teil der Freiheit , welche das Paar genoß , wurde durch diese Wohnungseinrichtung erzeugt . Sie wollten nämlich wie zwei gute Kameraden zusammen leben , nicht so , wie es in der heutigen Ehe sei , daß das Weib vom Manne unterdrückt und ausgebeutet wird ; deshalb hatte der Mann eine Stube für sich , und die Frau hatte eine Stube ; und nur in wichtigen Fällen und nach besonderer Anfrage und Einwilligung durfte einer des andern Raum betreten ; in der Mitte aber lag ein Zimmer , das ihnen beiden gemeinschaftlich gehörte und vornehmlich für die Einnahme der Mahlzeiten bestimmt war . Hatte einer Lust , mit dem andern zu plaudern , so ging er in dieses Zimmer und klopfte an der Tür des andern , und wenn der wollte , so kam er heraus , wenn er aber nicht wollte , so beachtete er das Klopfen nicht , und jener ging wieder in seine Stube zurück . Auf dem Tisch in diesem Mittelzimmer stand eine russische Teemaschine , deren Schlot der Mann mit Kohlen füllte , die er schnell zum Glühen brachte , und unterdessen legte die Frau einen Hering , in Zeitungspapier gewickelt , auf die Tafel , ein Brot und ein Messer . Das geschah beim Schein einer alten Petroleumlampe , der die Glocke fehlte . Der Mann ging mit weiten Schritten in dem Stübchen auf und ab , und indem er seinen weichen und schwarzen Bart langsam strich , blickte er gradeaus ins Leere , wie wenn er in weiter Ferne ein Ziel sehe , das für andre unsichtbar war durch die Wände mit den schmutzigen Tapeten ; dazu erzählte er in abgebrochenen Sätzen mit fremdartigen Tönen von Schlüsselburg , daß dort die Zellen der Gefangenen unter dem Wasserspiegel lägen , und die Gefangenen würden nach zwei oder drei Jahren wahnsinnig . Die Lampe flackerte durch den Luftzug , wenn er vorbeiging . Seine Frau saß auf dem verdrückten und lumpigen Sofa und hatte die Beine auf den Sitz gezogen und die Arme um die Knie geschlagen ; sie starrte unbeweglich vor sich hin . Der Bruder war ein Künstler gewesen , ein Musiker . Ganz zarte , weiche Hände hatte er gehabt , die schonte er ängstlich seiner Kunst wegen , daß er sogar im Bette des Nachts Handschuhe trug . Ein merkwürdiges Leben hatte er in seinen Fingerspitzen ; einmal durchblätterte er ein Buch , da sagte er plötzlich , das Blättern mache ihn krank , und war ganz blaß geworden und hatte fieberige Augen . Wie nun sein erstes Werk gedruckt wird und er der Korrekturen wegen in der Druckerei zu tun hat , da sieht er , wie die Bogen von der Maschine gebracht werden , in hohen Stößen , an einen Tisch , wo Kinder sitzen , welche die Bogen falzen müssen ; ganz kleine Kinder waren das , von neun Jahren höchstens , Knaben und Mädchen , die sahen blaß aus und hatten fieberige Augen , und griffen eilfertig ein jedes zu , nahmen den Bogen vor sich und falzten . Als er sie befragte , antworteten sie , daß sie oft Kopfschmerzen haben , weil sie vierzehn Stunden lang jeden Tag gedruckte Bogen von einem Stoß nehmen müssen , knicken und falzen ; aber es war nicht wegen der Fingerspitzen , die waren hart geworden . Zum Spielen hatten sie keine Lust , sondern sie wollten Geld verdienen und hofften , wenn sie erst erwachsen waren , so wollten sie sich Branntwein kaufen , jetzt nahmen ihnen die Eltern immer ihr Geld weg . Wie er das gehört hatte , da warf er seinen kostbaren Pelz ab und schenkte den einem Kinde , es solle ihn seinem Vater geben , und dann setzte er sich zu den Kindern , nahm einen Stoß Notenbogen und falzte Bogen , und wie seine Fingerspitzen bald rot wurden und feurig , da begann er plötzlich irr zu reden und wurde nach Hause gebracht in einem Wagen und verfiel in eine schwere Krankheit , in der er nichts von sich wußte , sondern schrie beständig , daß er Kinder gemordet habe , und einmal schrie er auch , er habe Kinderfleisch gegessen . Wie er wieder aufstand , mochte er nichts mehr von seiner Kunst hören , sondern kleidete sich in Lumpen und ging ins Volk , pilgerte auf der Landstraße , arbeitete , was seine schwachen Kräfte konnten , und sagte den Leuten , der Kaiser und die Beamten und die Reichen müßten ermordet werden . Einmal banden ihn die Arbeiter , die ihm zuhörten , und führten ihn vor den Richter , aber er entsprang wieder aus dem Gefängnis . Ein verlorenes Mädchen lachte ihm zu , eine ganz niedrige Dirne , die von den Soldaten geliebt wurde . Zu der sagte er , daß er sich vor ihr schäme , weil sie ein größeres Leiden trage , wie einem Manschen möglich sei , da weinte sie , ging mit ihm und diente ihm . Zuletzt wollte er sich als Arbeiter verdingen bei einem Bau , wo er Gelegenheit hatte , etwas gegen den Kaiser zu unternehmen , da wurde er verhaftet , und nun wird er bald sterben , denn er ist ganz krank . Eine Zeitlang ging der Mann stumm auf und ab . Dann sagte seine Frau : » Ich weiß , woran er sterben wird , an der Lüge . Denn wir sind alle krank an der Lüge . « Darauf sprach sie ein heftiges Schimpfwort gegen die Deutschen . » Ich habe uns durchforscht « , erwiderte der andre , » und ich glaube , wir lügen nicht . Aber wir sind feige . Das ist das Verzehrende . « Nun begannen die beiden einen Streit und erniedrigten jeder sich selbst und einer den andern , und ein sonderbarer Haß war in ihnen , und ihre Augen leuchteten voll Feindseligkeit . Auf Hansen nahmen sie gar keine Rücksicht , als sei er nicht vorhanden , und begannen russische Sätze zu sprechen , und plötzlich , inmitten einer großen Erbitterung , sprang die Frau vom Sofa und warf ihre Arme um den Hals des Mannes und redete ihn mit heftigen Liebkosungen an ; da strömten aus seinen Augen die Tränen , und sie beklagte ihn , wollte ihn begütigen und war glücklich und froh . Indessen kam unter dem Sofa ein Kätzchen hervor , das dehnte sich , sprang auf das Polster und machte einen krummen Rücken , da eilte Natascha zu ihm und liebkoste es stürmisch . In übler Verfassung verließ Hans das Haus der Russen , und mochte es gegen drei Uhr in der Nacht sein , wie er durch die verödeten Straßen fröstelnd ging . Straßenreiniger mit einer sonderbaren Maschinerie begegneten ihm . An der Ecke stand ein Mann , der in einem blankgeputzten Kessel warme Würstchen zum Verkauf bot , dessen Kundschaft bestand vornehmlich aus Studenten , die in später Nachtstunde nach Hause gingen , und von diesen sowie in Erinnerung an vorige Tage , die besser waren , hatte er sich ein eignes Wesen angewöhnt . Hans blieb vor der jammervollen Gestalt mit dem aufgedunsenen Gesicht zerstreut stehen . » Dic , cur hic ? « redete ihn der Mann an , dann holte er mit der Gabel ein Würstchen hervor und begann mit Berliner Redensarten seine Anpreisung . Hans nahm und bezahlte , und wie der Mann sein Gesicht sah , fuhr er mit Erzählungen und Ruhmredigkeit fort und sagte , Hans habe wohl keinen Sinn für das studentische Leben , und ein jeder müsse der Gottheit folgen , die ihn antreibt ; so habe er für seine Person immer eine besondere Neigung zur Germanistik gehabt , und wenn er nicht durch den Trunk so heruntergekommen wäre , so könnte er jetzt wohl auf einem Lehrstuhl sitzen mit mehr Recht wie mancher andre , der weniger wisse wie er . Aber auch so , wie er jetzt nachts an der Straßenecke stehe , sei noch ein Drang zum Höheren in ihm , wie in jedem Menschen , denn er sei Volksanwalt und setze für das Volk Klageschriften und Gesuche auf , und wenn er freie Stunden habe , so lese er ; so habe er Claurens sämtliche Schriften durchstudiert , weil der Mann heute unterschätzt werde , denn keiner von den gelehrten Herren gebe sich die Mühe , ihn durchzulesen . Über diesem Geschwätz befiel Hansen ein heftiger Widerwille und zugleich eine sonderbare Angst , daß er sich von dem Manne losmachte und weiterging ; und es war nun das erstemal , daß ihn die Angst befiel , die ihn von dieser Zeit an immer begleiten sollte . Sie war ganz unbestimmt und richtete sich auf nichts nach vorwärts noch nach rückwärts , aber ihm war , als begehe er ein großes Verbrechen . Jetzt schien ihm das Gefühl noch sonderbar , und er suchte nach Gründen oder Ursachen ; und wie er in seinem Verstande nichts fand zur Erklärung , so wurde sie immer heftiger , daß er am Ende Furcht hatte vor dem Alleinsein und nicht nach Hause gehen mochte . In solcher Verfassung traf er einen jungen Dichter namens Krechting , den er vorher in der Gesellschaft gesehen ; den begrüßte er und folgte ihm in ein Café . Krechting war ein kleiner und verwachsener Mensch , der schweigend mit langen und dünnen Beinen rüstig ausschritt , bis sie an ihren Ort kamen . Da setzten sie sich , und Krechting blickte finster vor sich hin ; ganz unvermittelt fragte er dann Hansen , ob er bei den Russen gewesen sei , und wie der bejahte , pfiff er leise und trommelte mit den Fingern auf dem Marmortischchen . In dem hellen Raum saßen viele verlorene Mädchen , die sich geschminkt und geputzt hatten und deren Augen glänzten ; einige suchten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen , viele aber waren müde und ausdruckslos . Hans hatte den Drang , von sich zu erzählen , und hätte mögen über seine Angst klagen , wenn der andre ihn nicht so kalt und zerstreut angesehen hätte , daß er nicht sprechen konnte . Auf der Schule hatte er den Namen Krechtings gelesen und eine undeutliche Kunde von ihm war zu seinen Ohren gedrungen , daß er eine große Achtung vor ihm gehabt ; aber dieser Mensch hier entsprach gar nicht seiner Vorstellung . So stieg seine Angst und Unruhe , bis er aus Verlegenheit eine gleichgültige Erzählung begann , der Krechting eben mit so viel Aufmerksamkeit zuhörte , indem er flüchtig eine Zeitung überflog , daß Hans nicht verstummte ; einmal machte er eine bissige Bemerkung über einen Schriftsteller , dessen Namen in dem Blatt erwähnt war , dann legte er es weg und sah trübsinnig vor sich hin . Endlich begann auch er zu reden und sprach abgerissen und fast für sich selbst , daß er nun zehn Jahre so lebe , indem er die Nächte durch irgendwelches Geschwätz anhöre , dann an solch ekelhaften Ort gehe wie hier , und in der Frühe komme er nach Hause ; den Tag verbringe er mit sinnlosem Tun , und er wisse gar nicht , wozu das alles sei . Unterdessen seien alle seine Freunde zu Ruhm und Reichtum gestiegen , um ihn aber bekümmere sich kein Mensch . Deshalb habe er