das helle Unterholz , die Stadt und die Menschen schienen so weit fort . » Ja , mit vollen Kräften möchte ich auch an die Arbeit kommen , wenn ich endlich komme . Was für Jahre habe ich schon verloren . « » Hast du jetzt an Allersen geschrieben ? « fragte Reinhard , und sie wurde etwas verlegen . » Nein , aber in den nächsten Tagen - sowie ich dort draußen bin . « » Es muß geschehen - Ellen , manchmal begreife ich dich nicht recht . Er muß doch erfahren , daß du ihm nicht mehr gehörst . « » Ach - das weiß er schon lange - er hat die ganze Zeit nur hier und da ein paar flüchtige Worte von mir - und es ist so schwer . « » Was ist schwer ? « » So über einen Menschen hinwegzugehen . Ihm plötzlich sagen : Alles ist aus . Das quält mich dann wieder , und ich möchte jetzt an nichts Quälendes denken . « Reinhard richtete sich auf , und sie sah jetzt , daß er ernstlich unzufrieden war : » Nein , Ellen , darin mußt du noch anders werden , endlich einmal lernen , klar gegen dich selbst zu sein . Du hast diese sonderbare Neigung , alles Unangenehme von dir fortzuschicken , bis es von selbst über dich kommt , und dann würdest du am liebsten noch fortlaufen , um es los zu sein . « » Das kommt von meinem ganzen bisherigen Leben . Denk dir einmal : wenn man durch Jahre immer in der Erwartung lebt : was wird morgen geschehen ? Ich fahre heute noch zusammen , wenn die Post kommt oder die Haustür klingelt . « » Armes Kind - ich weiß es ja auch . Und es soll meine Hauptsorge sein , daß dein Leben jetzt wirklich einmal aufblüht . Aber über dies Letzte mußt du jetzt noch weg - die letzten Hindernisse nehmen , Ellen - . « Dann sprach er davon , daß sie doch heiraten wollten , über kurz oder lang , denn wann es sein konnte , ließ sich nach seiner unsicheren Praxis noch nicht sagen . Ellen wurde etwas unruhig dabei , ihr war , als schöbe sich wieder eine graue Wolke über ihren hellen Himmel hin . » Ach , Reinhard , warum müssen wir denn gleich wieder an Verloben und Heiraten denken ? Ich habe einen förmlichen Schrecken vor dem bloßen Wort . Und dann muß ich auch jetzt erst einmal ganz ins Blaue hineinleben - ich muß wenigstens vier , fünf Jahre ganz für mein Studium haben , das geht allem andern vor . « » Auch mir und unserm Glück ? « » Das darf dir nicht weh tun , und du darfst es nicht verkehrt verstehen . Wenn ich in der Kunst nicht zu dem komme , was ich will , kann ich dich auch nicht glücklich machen und nicht glücklich sein . « » Ellen , du sollst ja deine Kunst haben und alles , was ich dir schaffen kann . Und ich werde nie verlangen , daß du sie aufgibst , um eine gute Hausfrau zu werden . Siehst du , ich habe mir das alles überlegt - vor dem nächsten Frühjahr können wir nicht an Heiraten denken , ich fasse es auch nicht so auf , daß man nun festgeschmiedet ist . Ich will damit zufrieden sein , wenn du immer ein halbes Jahr bei mir bist und die übrige Zeit dich in Berlin oder München weiterbildest . - Wie weit denkst du überhaupt mit deinen sechshundert Mark zu reichen , in diesem Jahr werde ich dir so gut wie gar nicht helfen können . « » Ach , das findet sich alles , wenn ich nur erst dort bindu bist so gut , Reinhard « , - ihr war immer noch etwas beklommen - » aber jetzt wollen wir das noch erst mal ruhen lassen , nicht wahr ? « Als Ellen in dem kleinen Badeort ankam , regnete es in Strömen . Nachmittags kam ein Telegramm von Allersen , das Lisa ihr nachgeschickt hatte : » Warum so lange keine Nachricht , bin in Unruhe ? « So setzte sie sich in der niedrigen Bauernstube an den Tisch und schrieb einen langen Brief an ihn , während schwere Tropfen an die Scheiben schlugen und die Kühe draußen in den Wiesen dumpf gegen den Himmel brüllten . Sie wurde traurig und nachdenklich dabei - wieder etwas , das sich von ihr loslöste , und es schien ihr eine ewige Wiederholung , daß sie Liebe wollte und Liebe nahm und im Grunde doch immer nur an sich selbst dachte - geliebt sein wollte , aber ohne etwas dafür hinzugeben . Nun lag auch das hinter ihr , das letzte , was sie an die Vergangenheit band . Jeden Sonntag fuhr sie in die Stadt zu Reinhard und wohnte jedesmal in demselben Hotel , das seiner Wohnung gegenüberlag . Die Leute kannten sie schon und lächelten , wenn Ellen mit ernster Miene ein Balkonzimmer nach Norden verlangte . Reinhart holte sie von der Bahn mit seinem übermütigsten Gesicht , und sie drängten sich zusammen durch das sonntägliche Gewühl , um in den Wald hinauszukommen . Draußen in ihrem Badeort lebte Ellen anfangs ganz für sich allein . Ihr war , als ob das Leben jetzt Flügel bekommen hätte , die sie hintrugen , wo es schön und sonnig war . Malen , den ganzen Tag malen , oder ein Boot nehmen , stundenlang auf den Wellen umhertreiben , ohne sich um Zeit und Stunde zu kümmern , mit dem wundervollen Gefühl , daß kein Mensch auf der weiten Welt ihr mehr dreinredete . An ihrem Mittagstisch waren meist langweilige Ehepaare und einzelne Damen , dann kam noch ein älterer , kränklicher Herr dazu , mit dem Ellen bald Freundschaft schloß . Er wußte die ganze Gesellschaft durch seine bissigen Bemerkungen und schlimmen Witze in Spannung zu halten - und sah aus wie ein kranker Teufel mit dem spitzen , grauen Bart und den verglasten , fahlen Augen . Aber Ellen konnte ihn gut leiden und stimmte zum Entsetzen der übrigen in seinen Ton ein , sie genoß es wie einen Triumph , wenn die ganze Tafelrunde sich still oder laut empörte . Er fragte die jungen Frauen , wie viele Kinder sie hätten , schlug dann die Augen zum Himmel und legte seine Hand auf die Ellens . » Haben Sie gehört ? - Fünf Kinder ! - Sehen Sie , ich wollte Ihnen schon einen Antrag machen , aber so weit brächten wir es nimmer - ich habe höchstens noch zwei Jahre zu leben . « » Nein , dieser Zynismus geht doch zu weit « , sagte eine behäbige , blonde Witwe , nachdem er fort war . » Sie sind noch so jung und können das nicht so verstehen , aber auf solche Scherze sollten Sie wirklich nicht eingehen . « Und nun erhoben sie alle ihre warnenden Stimmen , sie fanden es schon lange befremdlich , daß Ellen so allein stand , und hätten sie gerne etwas unter ihre schützenden Flügel genommen . Bald darauf fehlte er bei Tisch . » Wo ist Herr Markus ? « fragte Ellen . » Krank - besuchen Sie ihn doch ! « klang es im Chor in einer Tonart , die deutlich sagte : » Sie werden doch nicht - - « » Ja , das ist wahr , wo wohnt er denn ? « Gleich nach Tisch ging sie hin , er lag im Bett , blaß wie die Wand , mit schrecklich verdrehten Augäpfeln . Von nun an kam sie jeden Tag , brachte ihm Blumen , räumte sein Zimmer auf , das in arger Unordnung war , und ließ sich seine Leiden erzählen . » Sie sind ein gutes Kind « , sagte er , » aber es bringt kein Glück , wenn man so weichherzig ist . Was haben Sie davon , wenn Sie einen alten Krüppel besuchen und sich ins Gerede bringen . Ja , wenn ' s ein junger Kerl wäre . « Aber sie verstand sich so gut mit dem kranken Teufel und liebte diese Stunden , wo sie an seinem Bett saß und er über die verdammten Weiber schimpfte und ihr immer wieder die Schwindsucht weissagte , weil sie hustete . » Aber lachen Sie nur , lachen Sie nur , es vergeht früh genug . « Inzwischen lernte Ellen andere Menschen kennen . - Sie ruderte eines Abends in ihrem kleinen weißen Boot aus dem Hafen . Eben vor ihr war eine größere Segelbarke hinausgefahren , und nun erschien jemand am Kai , der sich verspätet hatte , rief sie an und bat , sie möchte ihn bis zum Segelboot mitnehmen . Der Wind war schwach , und sie hatten es bald erreicht . Ellen kannte niemand von der Gesellschaft , aber es schien ein lustiges Volk zu sein . Alles lachte und lärmte durcheinander und Weinflaschen gingen von Hand zu Hand . Ihr Begleiter ließ ihr keine Ruhe , bis sie ihr Boot festmachte und mit einstieg . Aber er schien nicht mehr ganz sicher auf den Füßen zu sein , und beinahe wären sie zusammen ins Wasser gefallen , gaben sich aber noch zur rechten Zeit einen Ruck und stürzten nun über ein paar Schultern und Köpfe weg mitten ins Schiff hinein . Da lagen sie beide auf den Knien und sahen sich verwirrt an , während die andern ringsum in die Höhe fuhren , aufschrien oder lachten . Ein paar Herren sprangen auf , um Ellen zu helfen : » Sehr liebenswürdig von Ihnen , uns so zu überraschen , darf man fragen , wo Sie so gut springen gelernt haben ? Das war ja schon mehr geflogen . « » Von dem da « , sagte Ellen , während sie vorsichtig aufstand , denn der Boden war voller Glasscherben . » Leonhard « , stellte er sich jetzt rasch vor , immer noch auf den Knien , » ich bitte tausendmal um Verzeihung - aber schön war es doch « , und mit einem andächtigen Blick küßte er ihr die Hand . Die übrigen hatten sich inzwischen von ihrem Schrecken erholt und stimmten ein lautes Jubelgeschrei an : » Sehr schön - bravo Leon ! Leon soll leben - die junge Dame soll leben . - Festhalten , sonst springt sie auf der andren Seite wieder hinaus . - Wein her - wo ist der Wein ? « Sie bekamen jetzt einen Platz auf der Bank , und alle stießen mit ihnen an . » Hab ' ich ' s vielleicht nicht gut gemacht ? « rief Leonhard in den Lärm hinein . » Wir fahnden nämlich schon eine ganze Zeit auf Sie « , wandte er sich zu Ellen , » die alten Hexen aus Ihrer Pension haben uns allerhand erzählt . - Sie sind hier nur noch die junge Dame mit dem Herrn Markus . « Ellen sah ihn jetzt etwas genauer an - er hatte rötlich blondes Haar , das dicht und wirr um den Kopf stand , und redete alles mit einer Heiterkeit , der nicht zu widerstehen war . Es sah aus , als lachte der ganze Mensch bei jeder Bewegung . Und diese strahlende Lebensfreude schien sich seiner Umgebung mitzuteilen , sie lachten alle mit , wenn er anfing zu sprechen . Er mußte ihr nun erklären , wer die andern waren . Ein bunt zusammengewürfelter Kreis war es , der sich hier oben an der See gefunden hatte . Er selbst , Leonhard , kam vom Rhein her mit zwei Freunden , von denen einer kurzweg als » der Regierungsrat « vorgestellt wurde , der zweite mit dem fliegenden roten Schlips war Opernsänger , und man nannte ihn Harry . Dann gab es noch ein internationales Ehepaar , das unter sich französisch sprach , mit zwei Töchtern , eine stellenlose Gesellschafterin und ein paar junge Leute , die nicht weiter in Betracht kamen . Im ganzen wußte man nicht viel voneinander , man vergnügte sich nur zusammen und - damit schloß er seinen Vortrag - Ellen sollte von nun an mittun , da sie jetzt glücklich eingefangen war . Und das tat sie denn auch . Das Gelage wurde immer lauter und fröhlicher , je weiter sie auf die See hinauskamen , und anfangs achtete niemand darauf , daß der Himmel sich bezog und leise Donner in der Ferne rollten . Allmählich ballten die Wolken sich immer dunkler zusammen - die Damen wurden ängstlich und ließen den Schiffer umwenden . Aber der Wind ließ nach und es ging sehr langsam . » Wenn Sie jetzt in Ihrem kleinen Ruderboot allein hier draußen wären « , sagte Ellens Nachbar . » O , ich käme rascher damit vorwärts wie so . « » Aber so weit hinaus können Sie mit dem Dings doch nicht rudern . « Das stachelte ihren Ehrgeiz . » Wollen wir wetten , daß ich eher daheim bin wie Sie ? « Und ehe er sie zurückhalten konnte , war sie schon beim Steuer und kletterte in ihr Boot hinab . Wieder gab es Tumult . » Sie ist des Teufels - halt sie , Leon - fang sie ! « Aber Leon kam zu spät . Das Gewitter zog rasch herauf und einzelne heftige Windstöße fuhren in die Segel . Ellen blieb eine Zeitlang neben der Barke , die dann plötzlich rasch vorwärtstrieb . Man winkte und rief , aber sie konnte nichts mehr verstehen , denn das Unwetter brach jetzt los . Schwere Donnerschläge rollten über den Himmel und schienen unten im Wasser zu widerhallen . Dann folgten sie sich immer schneller , und sie konnte kaum mehr sehen , so blendeten die Blitze , es kam ihr vor , als ob sie rechts und links neben ihr in die Wellen hineinzuckten und wieder aufsprühten . Dann klatschte der Regen nieder in langen hellen Streifen , in einem betäubenden Gewirr von Ringen und Tropfen . Das Boot schaukelte vorwärts , rückwärts , legte sich auf die Seite und tanzte wie unter einer Peitsche . Ellen verlor ein Ruder , fing es glücklich wieder auf , dabei flog der eine Ruderpflock heraus , und nun rutschte es bei jedem Schlag hin und her . Endlich war sie bei den Büschen angekommen , die am Ausgang des Hafens das Fahrwasser markierten . Das war eine Strecke , die sie sonst in fünf Minuten zurücklegte , aber jetzt brauchte es fast eine halbe Stunde , bis sie endlich triefend im Hafen ankam - das Boot war halb voll Wasser - die ganze Segelgesellschaft stand unter ihren Schirmen am Ufer und daneben der Fischer , dem das Boot gehörte . Sie empfingen Ellen mit großem Lärm und zogen sie mit in die Strandhalle , um einen Grog zu trinken . Leonhard rückte ganz nah an sie heran und schüttelte den Kopf : » Furchtbar toll - Sie sind furchtbar toll . - Sagen Sie mal , was fällt Ihnen eigentlich ein ? « Sie war noch ganz berauscht von der wilden Fahrt und von der Gefahr , ihre Augen leuchteten : » Aber schön war es doch ! Am liebsten möchte ich gleich noch einmal hinaus . « » Kind , Kind « , sagte er , » spielen Sie nicht so mit Ihrem Leben . Wir haben Sie schon oft gesehen , wenn Sie sich auf dem Wasser herumtrieben und die Meergreise von Ihrem Mittagstisch am Ufer die Hände rangen . - Wer sind Sie denn eigentlich ? « Da legte plötzlich jemand die Hand auf ihre Schulter und Markus stand hinter ihr , schweigend stellte er ein Glas Kognak vor sie hin und sah zu , wie sie es austrank . » O unglückselige Ellen « , sagte er dann mit seiner schneidenden Stimme . » Sehen Sie , junger Mann - die Schwindsucht hat sie schon im Leibe und dabei säuft sie wie ein alter Seemann . Nein , nein , ich würde Sie doch nicht heiraten , obgleich Sie mich kompromittiert haben . « » Wie schade « , sagte Ellen , » ich gleich . « Und nun legte er feierlich die eine Hand aufs Herz und reichte ihr die andre : » Heirate mich und sei mein Weib , - damit wie du ich froh und glücklich sei . « Ellen schlug ein , der lärmende Chor rief Bravo und wollte Markus mit an den Tisch ziehen , aber er schlug seinen Mantel um sich und wandelte stumm hinaus . » Also Ellen « , sagte Leon wie in tiefem Nachdenken . » Ellen - die furchtbar tolle Ellen . « Von nun an war Ellen tagtäglich mit ihren neuen Bekannten zusammen . Kam sie morgens an den Strand hinunter , so sah sie schon von ferne Leon mit beiden Armen winken und hörte seine jubelnde Stimme : » Da kommt sie , da kommt meine tolle Ellen « , und dann schwenkte er sie im Kreise rundum , bis sie um Gnade bat und beide sich außer Atem ins Gras warfen . Für jeden Tag wußte er neue Unternehmungen , sie ruderten und segelten , wanderten zur Ebbezeit weit auf den festen , grauen Schlamm hinaus , spannten des Strandwirts Ackergäule vor einen klappernden alten Leiterwagen , fuhren von Dorf zu Dorf und durchschwärmten nach der Rückkehr die halben Nächte im Freien vor den Gasthäusern . Es war ein ununterbrochenes Fest ; wo sie hinkamen , gab es Leben und übermütige Lust . Ellen gab sich diesem stürmichen Sommerleben in gedankenloser Freude hin . Bald war ja ihre Zeit sowieso abgelaufen - Reinhard war zu seinen Eltern gereist , und wenn er zurückkam , wollten sie noch ein paar Tage zusammensein , dann kam München . Es lag alles so klar und froh vor ihr , sie schrieb glückselige Briefe an Reinhard und erzählte ihm von ihren Freunden und den tollen Fahrten . Der Tag ihres Scheidens rückte heran , und es kam hier und da ein wehmütiger Ton in ihr Beisammensein mit dem frohen Gefährten . » Kind , Kind , nun soll ich dich hergeben « , sagte Leon , » und du gehst ebenso lachend fort , wie du gekommen bist . « Dann wurde sie wohl einen Augenblick ganz still , aber gleich darauf faßte sie ihn bei den Schultern und schüttelte ihn . » Nein , ich möchte gerne noch bei dir bleiben , aber ich freue mich doch auch so darauf , ihn wiederzusehen . Kannst du dir nicht denken , wie ich mich freue ? « Er nahm ihre Hand , mit der andern fuhr sie ihm langsam durch die Haare . » Leon , ich darf mich nicht in dich verlieben , das wäre wirklich schlimm . « » Auch nicht für einen Tag , wenn du doch so bald schon fortgehst ? Kind , eigentlich waren wir doch alle beide verliebt , diese ganze Zeit , oder glaubst du nicht ? - Und das Heute gehört uns noch , laß morgen morgen sein . « Zu guter Letzt waren sie noch einmal alle zusammen nach einer von den kleinen weißen Sandinseln hinausgesegelt . Es sollte eigentlich eine Seehundsjagd sein , man hatte Flinten mitgenommen und lag den ganzen Nachmittag hinter den großen Strandsteinen auf der Lauer . Aber die meisten von ihnen hatten noch nie einen Seehund gesehen , und kam eins der runden schwerfälligen Tiere zum Vorschein , dann brachen sie in ein so schallendes Gelächter aus , daß es gleich wieder den Rückzug antrat . Keiner dachte auch nur daran , ihm einen Schuß nachzuschicken . Aber das war so vergnüglich , daß der Schiffer mehrfach zur Abfahrt mahnen mußte , und als sie schließlich aufbrachen , war die Flut schon so weit vorgerückt , daß man das Boot nur watend erreichen konnte . Lachend , schwankend und durchnäßt kamen sie endlich an Bord . Ellen und Leon wanderten , bis an die Brust im Wasser , noch dreimal um das Boot herum - sie wollten von einem alten Seemann erfahren haben , das sei ein sicheres Mittel gegen alle Seeunfälle . Dann sprangen sie wie bei Ellens erstem Auftreten mitten in das Schiff hinein , während das Wasser von ihren Kleidern niederrann . » Ihr beiden « , sagte der Regierungsrat und wiegte seinen schon etwas grauen Kopf hin und her , » was schaut ihr euch denn so an ? Gebt euch doch lieber einen Kuß . - Was soll nur aus dir werden , Leon , wenn du sie nicht mehr hast ? « » Uns hat Gott geschieden « , sagten sie einstimmig in feierlichem Ton und küßten sich vor aller Augen . Während der langen Heimfahrt senkte sich allmählich eine matte Stimmung über die sonst so unermüdlich frohe Gesellschaft . Einer nach dem andern suchte sich einen bequemen Platz auf der Bank oder am Boden und schlief ein . - Der Schiffer legte die langen Ruder aus , um dem schwachen Wind nachzuhelfen - bei jedem Schlag leuchteten die durchschnittenen Wellen in grünlichem Schimmer auf , und von den Rudern rann es wie flüssiges , vielfarbiges Silber . Ellen saß mit Leon beim Steuer , er hatte sie in einen großen Mantel gewickelt und hielt sie an sich gedrückt wie ein kleines Kind . Sie sahen dem Meerleuchten zu und sprachen leise miteinander . Erst nach Mitternacht kamen sie heim , einige zogen sich gleich zurück , um zu schlafen , die andern gingen durchfroren und in ihren nassen Kleidern zur Strandhalle . Sie alarmierten das ganze Haus , gingen selbst in die Küche , wirtschafteten am Schenktisch herum und deckten im großen Saal den Tisch . Wer wollte wohl an Schlafen denken , heute mußte noch bis zum Morgen gefeiert , Kälte und Müdigkeit weggejubelt werden . Und sie feierten und jubelten , und die Wellen der Freude gingen immer höher . Nach Tisch setzte Harry , der Opernsänger , sich ans Klavier und raste wilde Tanzmelodien herunter , die andern tanzten um die Tische , durch den Saal und zur Tür hinaus durch die Straßen . Mit gefüllten Gläsern klopften sie an die Fenster derer , die schon zur Ruhe gegangen waren und ließen nicht nach , bis sie wieder herauskamen und mittaten , meist in wunderlichen Kostümen , Schlafröcken oder rasch übergeworfenen Mänteln . Hier und da öffneten sich auch noch andere Fenster , und scheltende Stimmen wurden laut , denn in dieser Nacht kam keiner von den Badegästen zu einer ruhigen Stunde Schlaf . Zwischendurch fanden Ellen und Leon sich auf der Bank vor dem Hause zusammen . » Küsse mich , Kind « , bat er immer wieder , » nur heute , nur heute noch , - laß morgen morgen sein . « Und sie sagte nicht mehr nein . » Liebst du ihn denn wirklich so ? « fragte er . Ja ; und sie glaubte , daß sie sehr glücklich mit ihm sein würde . » Ach , wie können wohl zwei Menschen auf die Länge glücklich miteinander sein ! « Ellen wußte , daß er verheiratet war , und hörte nachdenklich zu , wie er darüber sprach - auch dieser lachende Mund kannte das Lied von der unausbleiblichen Enttäuschung und Ernüchterung . Und sie dachte sich noch die Liebe wie einen immerwährenden Rausch - nur mußte es dann wirklich die eine , große Liebe sein . - Aber das hatte sie ja schon jedesmal geglaubt , wenn sie liebte . » Und immer kommt wieder ein anderer « , dachte Ellen . - Sie war so sicher gewesen , daß sie Reinhard liebte und von nun an alle ihre Gedanken nur ihm gehören würden . Und nun saß sie da in der Sommernacht und wußte dem strahlenden Verlangen , das sie umwarb , nicht nein zu sagen - laß morgen morgen sein . - Noch als der Festlärm längst verklungen und alle schlafen gegangen waren , gingen die beiden langsam durch dämmernde Straßen und küßten sich wieder und wieder . Ziemlich bleich und übernächtigt fand sich die wilde Tafelrunde um Mittag wieder zusammen . Ellen hatte heute nicht den Mut , sich bei Tisch in ihrer Pension sehen zu lassen , denn die ganze Badegesellschaft war nur noch ein einziger Sturm von Entrüstung über das nächtliche Gelage . Wie sie beim Kaffee saßen und die ermatteten Lebensgeister sich wieder zu regen begannen , kam Markus . Er hatte eine Drehorgel umgehängt , blieb an der Tür stehen und sang mit hohler Stimme ein altes Leierkastenlied : » Am Weidenbaum , am Weidenbaum Da fand ich ein Gerippe : Da zog sie aus den Krinolin Verfluchte sich - und es - und ihn Und hing sich an die Strippe . « Als der Beifallssturm sich wieder gelegt hatte , kam er an den Tisch und setzte sich neben Ellen und Leonhard : » Da sitzen sie wieder Hand in Hand und trinken Kognak . - Ja , lachen Sie nur , in dem Lied steckt tiefe Lebensweisheit . Hüten Sie sich , Ellen , die Welt hat Fallstricke und Gefahren . « » Ich reise ja heute abend schon « , sagte sie , » vormittags war ich bei Ihnen , um adieu zu sagen . « » Ja , ja - deshalb bin ich auch hergekommen « , er faßte ihre beiden Hände und sah sie an , » lieben Sie nur weiter , Kind , so lange es was zu lieben gibt . Und denken Sie manchmal an den grämlichen , alten Kerl , dem Sie etwas von Ihrem Sonnenschein gegeben haben . « Ein paar Stunden später sah Ellen vom Kupeefenster aus noch einmal Leons blonde Mähne im Abendlicht flattern und hörte noch einmal seine frohe Stimme : » Leb ' wohl , du furchtbar tolles Kind . « Sie zog wieder in ihr altes Quartier bei Lisa Seebald ein . Für einen der nächsten Abende hatte die ein kleines Verlobungsfest in Szene gesetzt . Detlev war gekommen , um seine Schwester noch einmal zu sehen , ehe sie nach München ging , und Reinhard wollte ein paar Freunde mitbringen . Als Ellen gegen Abend in ihrem Zimmer war und ihren Koffer packte , brachte das Dienstmädchen ihr einen Brief herauf - darin lag eine Karte mit Versen : Fahr ' wohl , mein Lieb , der Abend graut - Fahr ' wohl , wir müssen uns trennen . Das Scheiden ist ein bittres Kraut , Von heißen Tränen ist ' s betaut Und seine Blätter brennen . Dort drüben am Meer eine Weide steht - Die Äste hängen hernieder - Ein Blatt sich wirbelnd zur Erde dreht , Wer weiß , wohin es der Wind verweht : Zurück kehrt ' s nimmer wieder . Schau ' mich noch einmal lächelnd an , Das will ich zum letzten bitten . Du hast mir viel zulieb getan Und treulich wollt ' ich zu dir stahn - Die Welt hat ' s nicht gelitten . Drum fahr ' wohl , Ellen , fahre wohl . Das Glück mög ' dich geleiten . Seit unsrem Abschied , das weißt du wohl , Ist Leon toller noch wie toll . Er kann das Scheiden nicht leiden . Und in ganz kleiner Schrift am Rand : » Als traurigen Abschiedsgruß von deinem traurigen Leon . « Ellen saß auf dem Koffer , die Karte in der Hand , und sah abwesend vor sich hin . Wehmütig lockend zog es wieder an ihr vorüber , die ganze frohe Zeit - sein Lachen , - die Sommernachtsstunde vor dem Wirtshaus . Dann hörte sie unten die Haustür gehen und viele Stimmen durcheinandersprechen . Lisa rief , und sie mußte hinuntergehen . Das Zimmer sah festlich aus mit Blumen und Weinranken und den grünen Römern auf weißgedecktem Tisch . Detlev ging herum , stellte sich vor und machte die Honneurs . Er umarmte Reinhard halb im Scherz als Schwager . » Daß ihr euch verlobt habt - richtig verlobt . - Ich finde , Ellen ist ganz aus der Rolle gefallen - aber ich bin sicher , sie kommt doch mit einem Skizzenbuch unter dem Arm zur Trauung . Und jetzt wollen wir eine gehörige Orgie feiern , um der Sache etwas von ihrem Spießbürgertum zu nehmen . Nicht wahr , Lisa ? « » Ja , wenn Detlev Olestjerne nur Weingläser sieht , ist ihm jede Familienfeier recht « , sagte die . Ellen war dem Bruder von Herzen dankbar , daß er mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit alle ins Gespräch zog und immer wieder zum Lachen brachte , während sie sich um den Tisch sammelten , anstießen , einer von Reinhards Freunden am Klavier den Brautgesang spielte und Lisa sie der Reihe nach mit Weinranken bekränzte . Ihr gingen immer noch Leons Verse durch den Sinn und sie lächelte etwas mühsam , wenn Reinhard sie ansah und fragte : » Fehlt dir etwas , Ellen , du bist heute so still ? « München , 20. August In München - . Ich kann immer noch nicht begreifen , daß es kein Traum ist . Es ist etwas so ganz Neues , allein zu leben und nur mit sich selbst zu reden , und jetzt fühle ich erst , wie mir das not tat . Ich möchte mir doch endlich einmal angewöhnen , für mich selbst über mein Leben Chronik zu führen . Bisher sind solche Versuche immer gescheitert - man bekommt das dumme Gefühl , als ob man vorm Spiegel steht und Monologe darüber hält , wie man aussieht . Die Malschulen feiern noch bis Oktober , so arbeite ich in einem Atelier , das fünf Malerinnen zusammen haben - vormittags Zeichnen und nachmittags Modellieren . Meine Wohnung ist nur ein paar Häuser