und schreibt kein anderer . Auch hat er das höchste Sillan-Zeichen , welches wir kennen . « » Wissen wir denn genau , daß es das höchste ist ? « » Freilich nicht . Es ist ja möglich , daß es ein noch höheres giebt . « » Nicht nur möglich , sondern ganz gewiß ! « » Effendi ! Da widersprichst du dir doch selbst ! « » Nein ! « » Gewiß ! Wenn es ein höheres Zeicher giebt , so ist auch ein höherer Sill da . Der es trägt , steht also über dem Mirza ! « » Das ist ein logisch richtiger , aber ein praktisch falscher Schluß . Er trägt sie nämlich beide ! « » Beide ? Das sagst du mit solcher Sicherheit ? Woher weißt du es ? « » Ich bitte dich , nachzudenken . Als Oberster ist er im Besitze sämtlicher Zeichen , die es giebt . Er hat ja auch den Tuman an der Kette . Ich bin überzeugt , daß er , falls er es für nötig hält , auch den silbernen Ring ansteckt , um sich für einen gewöhnlichen Sill auszugeben . Wenn er dagegen als Aemir in der Versammlung seiner Päderahn erscheint , wird er das höchste Zeichen tragen . Du hast aber gehört , daß er sich zu fürchten hat . Er wird in dieser Versammlung ganz gewiß sein Gesicht maskieren . Außerhalb derselben , im gewöhnlichen Leben , kann er es nicht verbergen . Wird er sich da durch das Tragen des höchsten Zeichens verraten ? « » Nein , gewiß nicht . Ein Zeichen muß er aber auch da tragen . Warum nimmt er da nicht einen gewöhnlichen Ring ? « » Alter Psycholog ! « scherzte ich da . » Weißt du denn noch nicht , daß das Laster selbstgefälliger als die Tugend , die Häßlichkeit eitler als die Schönheit ist ? Und grad dieser Mann besitzt eine Gefallsucht , die ihresgleichen wohl kaum wiederfindet . Du hast ja seinen Anzug und sein Pferdegeschirr gesehen . Alles an ihm ist Prunk , Flitter , Prahlerei und Flunkerei ! Einen gewöhnlichen Ring wird er nur aus Hinterlist anstecken . Wenn sich solche Leute einmal herablassen , haben sie stets die Bosheit im Nacken sitzen . Für einen seiner Päderahn gehalten zu werden , das giebt sein Hochmut , sein Eigendünkel nicht zu . Dieser Dünkel läßt sogar die Vorsicht außer Acht . Er steigt bis an die letzte Grenze der Gefahr hinauf . Wenn er sich nicht als Fürst der Schatten zu erkennen geben darf , so soll man ihn aber doch für eine hervorragende Charge halten . Hast du noch nicht gehört , daß sich das Verbrechen unter seinesgleichen größer zu machen strebt , als es in Wahrheit ist ? Die Sorge um sein Leben und seine Sicherheit gebietet ihm , sich kleiner zu machen ; aber mehrere Schritte tiefer zu steigen , das fällt ihm gar nicht ein . Er thut wahrscheinlich nur einen einzigen . Er ersinnt ein Zeichen , welches scheinbar tiefer weist , aber auch nur scheinbar , denn ich bin überzeugt , daß nur er allein , aber kein anderer ein solches Gürtelschloß besitzt . Wer es sieht , wird ihn für einen hohen Sill halten , wenn auch nicht für den höchsten . Auf diese Weise wird er beiden gerecht , seiner Vorsicht und auch seiner Eitelkeit . Nun aber habe ich eins zu fragen : Er sagte heut vor der Dschemma : Ihr seht mich jetzt zum ersten Male . Auch mein Name war euch bisher unbekannt . Ihr wißt also nicht , wer und was ich bin . Wie konnte er in dieser Weise sprechen ? Waren seine Person und sein Name euch wirklich so unbekannt , wie er glaubte ? « » Nein , « antwortete der Ustad . » Er glaubte es auch nicht . Er weiß vielmehr sehr genau , daß besonders ich ihn kenne , weil ich ihn schon öfters getroffen und auch mit ihm gesprochen habe . « » Das ist es , was ich wissen wollte ! Sein Hochmut hat ihn verleitet , mehr zu sagen , als er beabsichtigte . Ihr kennt seine Person und seinen Namen . Das weiß er . Er behauptete trotzdem , ihr wisset nicht , wer und was er sei . Er muß also Jemand und Etwas sein , was außerhalb des Namens Ahriman Mirza liegt . Was ist das nun ? Etwas Gewöhnliches oder etwas Bedeutendes . Ich meine das Letztere , denn er sagte in Beziehung hierauf : Meine Freundschaft kann selig machen , und meine Feindschaft kann verdammen . Wer das sagen kann , muß sich für den Höchsten im ganzen Reiche halten ! In welcher Beziehung aber ist er dies ? In gutem oder in bösem Sinne ? Im guten , in gesetzlichem Sinne ist es der Schah . Es bleibt also nur die Kehrseite des Guten , also das Böse . Wer da sagt : Meine Feindschaft kann verdammen , ist unmöglich ein guter Mensch . Hierzu kommt die Erwägung , daß er das , was ihm seine Macht verleiht , heimlich halten muß . Es ist also etwas Verbotenes , etwas Ungesetzliches . Das sind die einzelnen Posten . Ziehen wir nun die Summe ! « » Laß mich es thun ! « bat der Pedehr . » Ich will doch auch mitsprechen ! « » Gut ! Thue es ! « antwortete ich , weil ich mich über sein Bemühen freute , mir mit Aufmerksamkeit zu folgen . » Das Ergebnis ist überraschend , « sagte er . » Es giebt zwei Gewalten im Reiche , eine gute und eine böse . Die gute ruht in den Händen des Schah-in- die böse übt Ahriman Mirza aus . Da aber , wie wir wissen , der Aemir-i-Sillan diese Macht in den Händen hat , so muß Ahriman Mirza der Fürst der Schatten sein . Ist es so richtig , Effendi ? « » So ungefähr . Sag , Ustad , bist auch du mit dieser Summe einverstanden ? « » Vollständig ! Sie ist richtig ! « erklärte er . » So will ich darauf verzichten , euch weitere Beweisesgründe zu bringen , obgleich ich noch mehrere habe . Für mich sind Ahriman Mirza und der Aemir-i-Sillan eine und dieselbe Person ! Auch das stimmt , daß er und sein Henker nahe beisammen sind . Er läßt ihn nicht aus den Augen . Nachdem wir uns hierüber klar geworden sind , kommt ein anderes . Nämlich die Frage : Was will der Mirza hier bei den Dschamikun ? Welche heimlichen Gründe und Absichten haben ihn hierher geführt ? Diese Frage giebt mir zu denken ; ja , sie könnte mir sogar , wie ich fühle , Kopfschmerzen machen ! « » Warum ? « fragte der Ustad . » Du siehst etwas zu schwarz ! « » Sag lieber : Ich sehe in das Schwarze ! Es ist nicht zu leugnen , daß er direkt hat hierherkommen wollen . Daß er auf diesem seinem Wege auch die Kalhuran aufsuchte , geschah seinem Henker zuliebe . Was wollte er hier ? « » Die Blutrache ! « warf der Pedehr ein . » Die berührte ihn nicht , sondern nur den Multasim . Auch war er schon unterwegs nach hier , ehe es eine Veranlassung zur Blutrache gab . « » So war es , um die Rede zu halten , die wir von ihm gehört haben ! « » Damit schießest du zwar nicht daneben , aber auch nicht in den Mittelpunkt ! Er wollte euch einen andern Scheik geben . Wißt ihr , was da heißt ? Er kam zu den Dschamikun , um den segensreichen , geistigen Einfluß ihres Ustad zu vernichten . Und wie glaubte er , dies am besten anfangen zu müssen ? Indem er vor allen Dingen den Pedehr beseitigte , dessen Beruf es ist , den Dschamikun die geistigen Erzeugnisse ihres Ustad auf materiellem Wege zu übermitteln . Er sollte durch irgend einen Tifl ersetzt werden , der sich zwar nur einer Kerbelsuppen-Erziehung rühmen kann und einiger Pflaumen wegen die ganze Welt in Aufruhr schreit , aber doch die hochwillkommene Eigenschaft besitzt , für jeden bockbeinigen Gaul und für jede abgetriebene Mähre , die man ihm bringt , ein sattelfester Reiter zu sein ! Der Mirza war überzeugt , er brauche den Dschamikun nur solche alte , hartmäulige Gäule und spatkranke Mähren vorreiten zu lassen , um aus ihnen gefügige Massaban16 zu machen ! « » Du weißt , wie er mit diesem seinem Vorschlage von uns abgewiesen worden ist , « versetzte der Pedehr . » Kopfschmerzen würden also überflüssig sein ! « » Denkst du ? Er hat sich aber nicht abweisen lassen , sondern er will ihn am Tage des Wettrennens wiederholen und wird da wohl versuchen , seinen Worten in irgend einer Weise Nachdruck zu geben . « » Es wird aber denselben Mißerfolg haben . In dieser Beziehung braucht es dir nicht bange zu sein ! « » Gewiß nicht ! Als ich von dem Mittelpunkte sprach , den du nicht getroffen hast , schwebte mir etwas anderes vor . Ich erwähnte es schon einmal , als ich meine Vermutung aussprach , daß der Aemir-i-Sillan wahrscheinlich schon hier gewesen sei , wenn auch nur heimlich . « » Solltest du dich nicht wenigstens diesmal irren ? « » Möglich ! Denn ich habe keinen Beweis . Es ist nur Vermutung . Aber es giebt Vermutungen , die schon durch den Umstand , daß sie einem überhaupt kommen können , bestätigt werden ! Ich habe euch auf den Umstand aufmerksam zu machen , daß euer Duar den Sillan nicht so ganz unbekannt ist , wie ihr zu glauben scheint . « » Das wäre uns allerdings neu ! « » Mir nicht ! Wie hat es der Multasim heut gemacht ? Er hat die Pferde nicht weit draußen vom Duar gelassen , wie man doch thut , wenn man die Verhältnisse nicht kennt , sondern er ist erst ganz in der Nähe desselben abgestiegen . « » Er kannte die Oertlichkeit , weil er heut am Tage zweimal dort vorübergeritten ist ! « » Das macht mich um so bedenklicher ! Er traf grad dort auf den Wächter , welcher dann schnell kam , uns zu warnen . Warum hat er nicht angenommen , daß am Abende erst recht ein Wächter da sein werde ? Hätte der Sohn desselben nicht zufälligerweise an seine Schafe gedacht , so wäre der Multasim nicht entdeckt worden ! Dann schlich er sich quer nach der hinteren Seite des Duar . Er kannte also die Lage desselben genau . Die Häuser und Zelte liegen in zwei Reihen nach dem Aufgange zum hohen Hause hin . Es war kein Mondenschein . Kann da ein vollständig Fremder unbemerkt durchkommen ? Sodann der vielgekrümmte Weg herauf zum Hause ! Ich kenne ihn . Rechne ich die Länge des Duar hinzu , so hätte ein im Anschleichen geschulter Indianer gewiß wenigstens zwei volle Stunden gebraucht , um bis herauf an das Thor zu kommen . Vom Verlöschen unserer Lichter an bis zum Erscheinen des Multasim war aber nur die Hälfte dieser Zeit vergangen . Der Weg scheint ihm also nicht unbekannt zu sein . « » Er hat aber bewiesen , daß er im Anschleichen außerordentlich geschickt ist ! « » Das ändert nichts , denn ich habe einen wenigstens ebenso geschickten Indianer angenommen , und der Henker war ja nicht allein . Es befanden sich zwei Begleiter bei ihm , die durch ihre so prompt besorgte Gefangennahme bewiesen haben , daß sie es nicht einmal verstanden , sich genügend zu verstecken ! Nein , nein ! Dieser nächtliche Besuch kann unmöglich der erste sein ! Ich werde den Multasim vornehmen , ehe ich ihn früh entlasse . Vielleicht gelingt es mir , etwas aus ihm herauszufragen . « Die erwähnten Einwürfe waren mir von dem Pedehr gemacht worden . Jetzt schien der Ustad sich auf etwas zu besinnen . Er richtete die Frage an ihn : » Wie war es doch mit jenem fremden Perser , den wir hier pflegten , bis sein verstauchter Fuß heil geworden war ? Aus welchem Grunde hatte er das Mauerwerk erstiegen ? « » Um nach Altertümern zu suchen , « antwortete der Gefragte . » Er war aus Teheran und hatte dort einen Laden , in welchem solche Sachen verkauft werden . Es war an einem Dienstag früh , als wir ihn fanden . « » Und da denke ich auch noch an jenen Arzt aus Hamadan , der an einem Montage sich so lange weigerte , bei uns zu bleiben . « » Der hatte sich verirrt . Man traf ihn , als es schon dunkel war , und führte ihn zu uns herauf . Er wollte sich gar nicht halten lassen , obwohl er keinen wirklich triftigen Grund dazu angeben konnte . Diese beiden Personen kommen hier gar nicht in Betracht . Sie waren ehrliche Leute , aber keine Sillan . Dagegen fiel mir soeben etwas anderes ein . Erinnerst du dich der Peitsche , welche Tifl fand , als er hinüber auf die Mauern stieg , um nach wildem Kekik otu17 für seine Küche zu suchen ? « » Natürlich weiß ich das . Es ist noch gar nicht lange her , und die Peitsche liegt dort hinter meinen Büchern . Ich schrieb den Tag , an welchem sie gefunden wurde , auf einen Zettel dazu , um dadurch vielleicht auf den Verlierer zu kommen . Sie gehörte keinem Dschamiki . Das fiel mir damals nicht auf . Jetzt aber beginne ich , bedenklich zu werden . Fällt dir sonst noch etwas ein ? « » Nein . « » Mir auch nicht . « Da rief ich aus : » Es ist auch genug , vollständig genug ! Was seid ihr doch für liebe , gute , unbefangene Menschen ! « » Siehst du auch hier einen Grund , Verdacht zu hegen ? « fragte der Ustad . » Einen nur ? Zehn , zwanzig Gründe habe ich ! Bitte , zeige mir zunächst die Peitsche ! « Er holte sie . Es war eine Reitpeitsche . Am Griffe hing ein Zettel . Darauf stand : Dienstag den 9ten Ssäfär . Dieser Griff war schwarz lakiert . An einer Stelle , wo der Lack abgesprungen war , sah ich helles Blech . Er war also hohl . Der ebenso schwarze Knauf war dick und schwer , jedenfalls mit Blei ausgegossen . Ich versuchte , ihn zu drehen . Es gelang . Als ich ihn heruntergeschraubt hatte , war die Höhlung offen . Es steckte etwas Dunkles darin . Ich zog es heraus . Es war ein Stück schwarzer , dichter , zusammengerollter Seidenstoff , den ich auseinanderzog . Drei Löcher ! Für Mund und Augen ! Vier Schnuren , um über den Ohren und hinten am Halse zusammengebunden zu werden . » Was ist das ? « fragte ich , indem ich mir die Seide vor das Gesicht hielt . » Eine Larve ! « rief der Pedehr . » Ja , eine Larve ! « bestätigte der Ustad . » Und von wem habe ich vermutet , daß er jedenfalls maskiert vor die Pädärahn trete ? « » Von dem Aemir-i-Sillan , « antwortete der letztere . » Am Dienstag gefunden ! Wann aber ist der Tag des Soldes , von welchem der Pädär-i-Baharat sprach ? « » Des Montags . « » An was für einem Tage wollte sich der Arzt aus Hamadan nicht bei euch halten lassen ? « » Eines Montag abends . « » An was für einem Tage wurde der Altertümerhändler mit verstauchtem Fuße angetroffen ? « » Dienstags früh . « » Ustad ! Pedehr ! Seid ihr auch jetzt noch blind ? « Sie antworteten nicht . Sie sahen mir , vor Erstaunen starr , in das Gesicht . » Glaubt ihr noch immer , daß kein Sill bei euch gewesen sei ? « fuhr ich fort . » O , es ist sogar noch schlimmer , als ich dachte ! « » Noch , noch schlimmer ? ! « wiederholte der Ustad meine Worte . » Ja ! Leider ! Drei Montage , drei Montage ! Bedenkt es doch ! « » Sprich deutlicher ! « forderte er mich auf . » Noch deutlicher ? Der Montag ist doch der Versammlungstag der Pädärahn ! « » Chodeh ! Chodeh ! « rief er da fast schreiend aus . » Auf was für einen Gedanken willst du mich bringen ! Es ist unmöglich , ihn zu fassen , und es wäre Wahnsinn , ihn auszusprechen ! « » Und er muß , muß , und muß aber dennoch ausgesprochen werden ! Wenn ihr es nicht wagt , so werde ich es thun : Es sind nicht nur Sillan bei euch gewesen , sondern sie verkehren ganz regelmäßig hier . Ja , die Obersten der Sillan , die man Pädärahn nennt , halten an den Montagen des Soldes ihre Zusammenkünfte hier auf euerem Gebiete , wahrscheinlich in den Ruinen , in denen diese Peitsche gefunden worden ist ! « Der Eindruck dieser meiner Worte ist gar nicht zu beschreiben ! Es war , als ob die Beiden , zu denen ich sie gesagt hatte , vollständig sprachlos geworden seien . » Und in diesen Versammlungen pflegt der Fürst der Schatten persönlich zu erscheinen ! « fuhr ich fort . » Er ist hier gewesen . Er läßt sein Gesicht niemals sehen . Er hat diese Larve getragen . Diese Reitpeitsche ist die seinige . Ob er sie verloren oder vergessen hat , das ist mir gleich . Er fand sie der Dunkelheit wegen nicht wieder , und bis zum hellen Tage konnte er nicht verweilen , weil er sonst von euch gesehen worden wäre . Kam denn der Arzt aus Hamadan zu euch geritten ? « » Nein . Als er getroffen wurde , war er zu Fuße , « antwortete der Pedehr kleinlaut . » Aber er kann doch nicht den weiten Weg von Hamadan hierher gelaufen sein ! « » Freilich nicht . Er hatte ein Pferd . « » Wo ? « » Es war weit draußen vor dem Duar am Ufer des Sees angepflockt . « » Ich vermute , daß der Altertümler auch eines gehabt hat ? « » Ja . « » Wo ? « » An derselben Stelle . « » Habe es mir gedacht ! Und das ist euch nicht aufgefallen ? « » Mußten wir es nicht für einen Zufall halten ? « » Zufall ! Es giebt ja überhaupt keinen Zufall . Alles , was sich ereignet , geschieht aus gewissen Gründen oder nach einem bestimmten Willen . Wille und Gründe aber schließen jeden Zufall aus . Das sollte man doch endlich einmal einsehen ! Und selbst wenn du an das Vorhandensein des Zufalles im allgemeinen glaubtest , so konnte doch in diesen beiden besonderen Fällen von ihm keine Rede sein . Man hatte die Pferde doch nicht aus Zufall zurückgelassen , sondern jedenfalls in der ganz bestimmten Absicht , sie zu verstecken , damit sie nicht gesehen werden sollten . Wenn die Pädärahn kommen , so müssen sie nach einem solchen Ritte vor allen Dingen ihre Pferde tränken . Darum steigen sie am See ab , wahrscheinlich immer an derselben Stelle . Ich werde sie mir zeigen lassen . « » Darf ich dich hinbegleiten ? « fragte er . » Ja . Doch sage keinem Menschen etwas davon ! « » Nicht ? - Warum ? « » Die Sillan , welche hier im Duar wohnen , könnten es erfahren « . » Effendi , du bist - - - toll , hätte ich beinahe gesagt ! Du glaubst an das geradezu Unmögliche ! « Er sagte das in größter Aufregung . Doch um so ruhiger sprach ich weiter : » Ich bin überzeugt , daß das , was ich vermute , nicht stattfinden könnte , wenn die Feinde hier keine Helfershelfer hätten . « » Wenn das wahr wäre , so hätten diese sich doch des am Fuße verletzten und auch des in der Nacht verirrten Sill angenommen ! « » Hatte sich der Letztere wirklich verirrt ? Als er ertappt wurde , sagte er dies als Ausrede . Wer so nahe am Duar vom Pferde steigt und es an den See zur Tränke führt , der will erstens den Duar überhaupt vermeiden und könnte sich zweitens auf keinen Fall verirren , weil er die Zelte und Häuser grad vor der Nase liegen hat . Und wer in den Ruinen herumkriechen will , um nach Altertümern zu suchen , der thut dies doch wohl nicht des Nachts , nachdem er sein Pferd so sorgfältig versteckt hat . Er kommt des Tages , um sich als Fremder Auskunft , Erlaubnis und einen Führer zu erbitten ! Ihr seid von einer Arglosigkeit gewesen , die geradezu kindlich ist . Du meinst , die hiesigen Sillan würden sich des Altertümerhändlers angenommen haben . Ich aber denke mir , daß sie von seinem Unfalle nichts wußten . « » Ich kann dennoch deinen Verdacht nicht zu dem meinigen machen . Es giebt bei uns keinen Menschen , der den Ring der Sillan trägt . « » Weißt du das so genau ? « » Beschwören freilich könnte ich es nicht . Ich weiß nur , daß ich nie einen Ring mit diesem Zeichen gesehen habe . « » Das halte ich ja gar nicht für erforderlich . Es trägt ganz bestimmt nicht jeder Sill einen Ring . Wer einen hat , ist gewiß ein Sill . Ebenso gewiß aber ist es , daß nicht jeder Soldat , dem die Tapferkeitsmedaille fehlt , nicht als Soldat zu gelten habe . « » Das ist ja ein neuer Gedanke ! Du hältst den Ring also nicht für ein Erkennungs- , sondern für ein Anerkennungszeichen ? « » Ja . Der Fürst der Schatten wird sich hüten , jedem seiner Sillan , also auch denen , die sich noch gar nicht bewährt haben , einen Ring zu geben ! Wenn du bei einem Menschen das Kainszeichen gewahrst , so darfst du getrost annehmen , daß er kein Anfänger im Bösen ist ! Hat bei euch noch niemand es zu diesem Zeichen gebracht , so ist das noch kein Beweis , daß es unter euch gar keine Sillan gebe ! Bei der Arglist , mit welcher der Aemir verfährt , ist es sogar möglich , daß man Sill sein kann , ohne es bestimmt zu wissen . Ja , du darfst nicht einmal von dir selbst behaupten , daß du noch nie in irgend einer Weise in seinem Dienst gestanden habest ! Du hörst , daß ich keinen deiner Dschamikun direkt verdächtigen will ; aber ich frage dich , ob du vielleicht behaupten willst , daß in eurem kleinen Reiche nichts als nur Licht vorhanden sei ! « » Leider ist dies nicht der Fall . Diese ganze Gegend war früher von den Massaban besetzt , jenen Unglücklichen , welche verführt worden waren , auf allen möglichen Irrwegen für ihre Unterhaltung zu sorgen . Sie stürzten sich vollständig skrupellos über alles her , was ihnen in die Hände kam , und selbst der edle Lumpenhändler , der hier des Weges fürbaß zog , war ihnen noch willkommen und konnte dann mit leeren Händen weitergehen . « Als der Pedehr bis hierher gekommen war , ergriff der Ustad , der zuletzt geschwiegen hatte , mit neu erwachter Lebendigkeit das Wort : » Es war die schlimmste Wegelagerei , die man sich unter Menschen denken kann , und niemand war hier seines Eigentums sicher . Es gab bei dem Gesindel kein Bedenken und keinen Unterschied . Heute fiel man über einen Reichen her , und morgen wurde dann in ganz derselben Weise ein armer Schelm bis auf das Letzte ausgeplündert . Ich glaube fast , man hätte nicht einmal das geistige Eigentum geachtet und selbst die Manen eines Schiller , Goethe um ihre Jungfrau , ihren Faust beraubt ! Am liebsten hielten sich die Massaban da drüben in den alten Mauern auf , in denen einst die Frömmigkeit verschwundener Völker wohnte . In diesem Schutze wußten sie sich sicher . Und wie sie dort gehaust , das kannst du sehen , wenn du hinüber gehst , um Heiliges zu suchen . Du findest nichts , als nur die Ueberbleibsel der Zerstörung , die alles einst Erhabene vernichtet hat ! « Jetzt warf er einen forschenden Blick auf mich und fragte : » Hast du verstanden , was ich sprach , Effendi ? « » Ja , « antwortete ich . » Ich habe ja nach diesen Massaban nicht weit zu suchen , grad ich ! Sie haben ja auch mich bis auf die Stiefel ausgezogen , obgleich ich doch kein Schiller und kein Goethe bin . Ich traute ihrem scheinbar ehrenhaften Dinarun-Gebaren . Dann aber sah ich freilich ein , daß es ihnen nur daran lag , sich meine Person und meine Waffen gegen brave Menschen dienstbar zu machen . Da begleitete ich sie denn in ihre eigene Falle , den Todessprung nicht scheuend , der über ihren Abgrund mich zu bringen hatte . Jetzt hörst du wohl , daß ich begriffen habe , wen du meintest ? Sie hatten noch die Blödigkeit , mich vor diesem Sprung zu warnen , ich aber that ihn doch und ließ sie in dem Thal des Sackes stecken . « » Und rettetest dich grad in jene Gegend , von welcher aus sie einst ihr lichtscheues Rittertum betrieben hatten ! « fügte der Ustad hinzu . » Könntest du den Haß ermessen , den sie auf mich warfen , als sie sich von mir aus dieser Gegend verdrängt sahen ! Sie , die sich unter einander selbst nie etwas gönnten , sich unaufhörlich mit einander herumbissen und gegenseitig stets die Zähne fletschten , sie fühlten sich sofort als liebe Herzensfreunde , sobald es galt , sich gegen mich zu wenden . Du kennst ja ihren allerletzten Zug , den sie , mich zu verderben , unternahmen ! Da waren alle schnell bereit , und keiner wollte fehlen ! Sogar die Weiber schlossen sich mit an ! Und alles , was man sonst Bagage heißt , das wurde mit den Ochsen und mit den Eseln hintendrein geschleppt , um an dem leicht erhofften Siege teilzunehmen ! Das ist so ganz , so recht die Weise dieser Leute , die ich zwar nur als Massaban , als Unglückselige bezeichnen lasse , weil ich auch noch im Feind den Menschen sehe , doch dürften auf sie wohl auch noch ganz andre Namen passen , die weniger als dieser den Klang der milden Nachsicht haben ! - - - Es war kein leichtes Werk , ihr einstiges Gebiet von ihnen ganz zu säubern . Sie gaben es ja nicht freiwillig auf . Wir hatten schwere Kämpfe zu bestehen . Und als sie mit Gewalt nichts mehr erreichen konnten , da griffen sie zur List . Ich bin nie den Gedanken los geworden , daß hier in den Ruinen noch etwas steckt , wovon sie angezogen werden . Vielleicht so etwas Aehnliches wie unten im Birs Nimrud , was dort von euch gefunden und an das Tageslicht gezogen wurde . Wir haben noch nach langer Zeit die Spuren fremder Füße im alten Bau gesehen , und noch bis in die Gegenwart kam es zuweilen vor , daß sich hier Leute niederlassen wollten , die ich nach stiller Prüfung wieder gehen hieß . Es waren auch Verwandte von einigen der Dschamikun dabei , die mir es , wie es scheint , nicht ganz vergessen können , daß ich den fremden Anhang nicht geduldet habe . Und das wird es wohl sein , was der Pedehr mit der Bemerkung meinte , daß auch bei uns nicht lauter Licht vorhanden sei . « Als er dieses sein Geständnis ausgesprochen hatte , knüpfte ich schnell an dasselbe an : » Was du jetzt gesagt hast , führt mich auf die Frage zurück : Was will der Mirza eigentlich hier ? Warum ist ihm grad diese Gegend so wichtig , daß er alle seine sonstige Vorsicht vernachlässigt , nur um den früheren Einfluß wieder zu gewinnen ? « » Ich weiß es nicht . Kannst du es dir wohl denken ? Vermuten kann ich auch , doch klar zu sehen ist mir noch nicht möglich . « » Vergegenwärtige dir seine Reden ! Er hat uns ja in Dreistigkeit sein bisher stets verschwiegenes Programm entwickelt . Daß er , der Schlaue , heut zu dieser Dummheit förmlich hingerissen wurde , das muß uns doch verraten , wieviel für ihn hier auf dem Spiele steht ! Ihm widerstrebt die geistige und sittliche Kultur . Wo sie erblüht , hat er die Macht verloren . Er muß den Stumpfsinn pflegen , der weder sieht noch hört , und mit ihm jene Unzufriedenheit , die stets nach Hilfe schreit , weil sie zu faul und unerfahren ist , sich selbst zu helfen . Er muß den wahren , unverfälschten Gottesglauben töten , der Kraft und Mut zum Lebenskampf verleiht , dagegen aber jene Schwachkopf-Frömmigkeit beschützen , die jeden , der sie an den Wangen streichelt , sofort für einen Engel ihres Himmels hält . Da darf es auf der Erde keinen Frühling geben , der alles , was veraltet , von den Fluren fegt . Der Staub hat meterdick auf Stadt und Land zu liegen , und wo ein Wasser fließt , da muß es trüb und schleichend sein ! Dann kommen jene nächtlichen Gespenster , die alles , doch nur keine Geister sind . Sie flattern überall ,