10 Aktien 1400 Pfund wert waren . Na , ich hab mir die Sache überlegt und dann der Herzogin , einer politisch einflussreichen Frau , die man sich warm halten muss , schliesslich drei Aktien gesandt und 7 Pfund retourniert und dazu geschrieben , die Rubies seien so gesucht , dass ich nicht mehr hätte auftreiben können . « In Schanghai , so teilte uns Bartolo mit , ist das schönste Haus am Bund für das Direktorium der Ruby Mines Co. Ltd. gemietet worden . » Ja , « fuhr er fort , » die Sache soll im grossen Stil betrieben werden , darüber sind wir uns in London ganz einig . Ein grosses Haus in Schanghai , eines in Peking und Reklame gemacht und Gesellschaften gegeben ; vor allem wollen wir auch die Chinesen ranziehen , Feste und Diners , und dann so beim Kaffee und Likör die noch schwebenden Fragen glatt und rasch erledigt . Das ist so mein Prinzip . Meine jungen Mitarbeiter hier werden mich trefflich sekundieren . « Dabei deutete er auf zwei Sprösslinge vornehmer Häuser , die ihn begleiteten und die er uns als Marchese del Monte Victorioso und Vicomte le Ruinard vorgestellt hatte . Der Marchese del Monte Victorioso , der diesen Titel seines Vaters leihweise und für überseeische Zwecke trägt , ist ein schöner junger Mensch , das glückliche Resultat italienischer und angelsächsischer Blutmischung . Ob die Rechnung für seinen Frack , dem es nicht gelang , diese herrliche Antinousgestalt zu verunzieren , wohl bezahlt ist ? Chi lo sa . Aber manche der anwesenden Damen warfen ihm unter den grossen malerischen Hüten recht vielversprechende Blicke zu ; und ich sagte mir , dass Jugend , Schönheit und ein wenn auch nur geliehener Titel wohl Gewinn bringenderes Kapital als alle Rubin-Minen-Aktien sind . Ich kann mir Monte Victorioso schon als Hauptfigur beim Korso des Bubbling Well Road , den Rennen , dem Country Club und all den sonstigen sozialen Vereinigungen denken , mit denen man in Schanghai wie anderswo die Leere des Daseins zu verbergen sucht . Geschäftlich wird er wohl so wenig wie sein Begleiter dem guten Bartolo viel nützen , aber diesem scheinen diese betitelten Jünglinge an sich eine Freude zu sein , obgleich es nur schwarze oder zum mindesten graue Schafe sind , die er ihren betreffenden Familien für eine Weile freundlichst abnimmt . Le Ruinard wird von seinen Eltern verschickt , um ihn dem Einfluss einer kostspieligen Pariserin zu entziehen . Er sass ziemlich niedergeschlagen da , bis er erfuhr , dass wir lange in Peking gewesen . Da taute er auf und verlangte allerhand Auskünfte über das soziale Leben der chinesischen Hauptstadt . Ich hörte ihn meinem Bruder leise zuflüstern : » et les dames de la cour de Pékin ? quelque chose à faire ? « Ich fürchte , es gibt die verschiedenartigsten Enttäuschungen für Leute , die nach Peking auswandern . Die zwei brillanten Attachés der Ruby Mines Co. Ltd. empfahlen sich übrigens bald , denn sie reisen morgen mit Bartolo via San Francisko nach China , und sie wollten offenbar ihren letzten Abend in der vollen Zivilisation geniessen . Wir blieben zurück mit Bartolo und Dr. Silberstein , der , auf der Rückreise aus Asien , jetzt einige Zeit hier bleiben will , um eine englische Ausgabe seines Buches über China vorzubereiten . Ich fragte nach beider Meinung über die beunruhigenden Telegramme aus Peking . Bartolo erklärte , das seien alles nur künstlich von einigen Spekulanten lancierte Nachrichten , um die Rubies zu drücken und sie billig kaufen zu können . Silberstein aber nahm die Nachrichten sehr ernst und sagte , sie seien der erste offene Ausdruck dessen , was man schon seit langem habe kommen sehen können . » Seit Monaten , « sagte er , » beginnt sich etwas tief in den Untergründen der dortigen Welt zu regen , als ob der Drache , der im Schoss der Erde ruht , sich missmutig dehne und recke . In die innerste chinesische Volksmasse ist Leben gekommen . Lange haben die gelben Millionen nicht als Faktor gegolten , der bei Zukunftsrechnungen in Betracht kam . Jetzt scheint es , als wollten sie ihre lange Apathie abschütteln und mir ist oft , als holten sie zu einem grossen Schlage aus . « » Aber bester Herr , « unterbrach ihn Bartolo , » die Chinesen sind doch ein zufriedenes , leicht zu regierendes Volk ! « » Ja , das sind sie , « meinte Silberstein , » aber die Unzufriedenheit ist diesem resigniertesten aller Völker künstlich beigebracht worden . Sie verlangten nur das Leben mit all seinen Unvollkommenheiten ruhig weiter gleiten zu lassen , wie es seit den Tagen der Klassiker geschehen , aber immer zahlreichere Leute sind gekommen , die ihnen von Fortschritt und Wechsel sprachen und die alle irgend einen Artikel hatten , den sie ihnen als unentbehrlich aufdrängen wollten , Religionen , Kriegswaffen , Eisenbahnen und Dampfschiffe . Die fremden Maschinen haben Tausende um ihre kleinen Erwerbe zittern lassen und nicht genug , dass sich die Lebenden bedroht fühlten , auch die Toten wurden in ihrer Ruhe gestört , denn bei den neuen Bauten auf den fremden Konzessionen und bei der Trace der Eisenbahnen konnte man nicht Rücksicht nehmen auf die durch das ganze Land zerstreuten Gräber . Dies erscheint allen Chinesen als höchster Frevel . Sie mussten auch sehen , wie die Konvertiten des neuen Glaubens durch ihre geistlichen Hirten in all ihren weltlichen Angelegenheiten starken Schutz fanden , zum Nachteil ihrer heidnischen Brüder . So wurden diese religiös indifferenten Menschen aus ganz irdischen Gründen allmählich fanatisch und ihr politischer Hass erwachte , als sie immer mehr gewahr wurden , dass die Fremden China geringschätzig als eine Melone ansahen , die reif ist , in Stücke geteilt zu werden . - Seitdem sind Sekten entstanden zur Vertreibung der Fremden ; zuerst liessen die Autoritäten sie nur gewähren , heute schützen sie sie schon offen . « » Lieber Doktor , « sagte Bartolo , » Sie sind wie so mancher in der Melancholie eines prolongierten Aufenthalts in Peking zum Schwarzseher geworden . Ich bitte Sie , all unsere Nachrichten lauten doch ausgezeichnet , na , und sollten die chinesischen Autoritäten wirklich mal etwas Schwierigkeiten machen , mit der richtigen Mischung von Drohung und klingenden Gründen hat man sie noch immer überzeugt , und ernsthaft werden Sie doch nicht von Gefahr durch chinesische Aufständische reden wollen - ist ja elendes Pack ; werfen Sie einem chinesischen Volkshaufen eine Hand voll Kupferkäsch hin , und sie werden alles vergessen , um sich darum zu raufen , und vor einem europäischen Soldaten laufen hundert chinesische davon . « » Ja , ich weiss , « antwortete Silberstein . » Das ist die Ansicht der modernen Schule über China . Ich teile sie nicht und glaube , dass wir vor grossen Ereignissen stehen , die nichts mehr abwenden kann , und die sich logisch aus unserm eigenen Verschulden aufbauen . « 39 New York , 5. Juni 1900 . Der grosse Bartolo und seine beiden eleganten Adjutanten sind abgereist . Vorher sandten sie mir noch einen riesigen Korb voll tief purpurroter Rosen , der sehr passend mit rubinfarbenen Bandschleifen verziert war . Ihre Karten lagen dabei in einem Kuvert , auf dem das Motto prangte : » Rubi gagne « . Ich hatte mich heute Morgen gerade hingesetzt , um Ihnen dies zu beschreiben , als ich die Zeitung aufnahm und die erstaunlichen Nachrichten fand , dass die Huangtsung-Station an der Peking-Bahn von Boxern verbrannt worden ist und dass französische und belgische Ingenieure von der Luhan-Bahn vor den Rebellen nach Tientsin geflüchtet sind , wo sie nach grossen Leiden eintrafen . Missionare sind an verschiedenen Orten mit Konnivenz der Mandarine ermordet worden . In Tientsin selbst wird ein Angriff der Boxer erwartet , und in Peking soll sich die Lage sehr verschlimmert haben . Während der letzten Tage waren die Telegramme gerade ganz beruhigend gewesen ; es hiess , dass seit der Ankunft der Gesandtschaftswachen völlige Ruhe in Peking herrsche . So hatte ich denn Boxer und alle anderen Realitäten vergessen und hatte weiter Märchen geträumt . Und nun kam das Erwachen , und mir ist , als sei ich unsanft aufgerüttelt worden . Wie ich gerade all die Nachrichten gelesen hatte , kam Miss Tatiana de Gribojedoff ganz aufgeregt zu mir gestürzt und sagte , sie habe gehört , dass wir wieder in New York eingetroffen seien , und wir wären gerade diejenigen Menschen , mit denen sie alles besprechen müsse . Dabei zog sie gleich eine Zeitung aus ihrem Beutel und las mir die Telegramme mit bebender Stimme vor . Sie ist entrüstet , dass nichts vorgesehen und geschehen sei , um alledem vorzubeugen . In allen chinesischen Begebenheiten sieht sie nur das Ergebnis russischer Aufwiegeleien , die zu konterkarrieren die Angelsachsen von Gott berufen sind , und im Tone von jemand , der persönlich Rechenschaft verlangen kann , fragte sie : » I wonder what Salisbury is about ? « Darauf konnte ich ihr keine befriedigende Antwort geben , aber statt dessen musste ich ihr über alle chinesischen Lokalitäten Auskunft erteilen . Der Beutel enthielt auch noch eine zusammenlegbare Karte Chinas . Die wurde ausgebreitet und ich musste Miss Tatiana alle Punkte zeigen und auf tausend Fragen antworten . Mir war recht bang zu Mute , aber lachen musste ich doch , wie Miss Tatiana die Stirn kraus in die Höhe zog und all meinen Ausführungen auf der Karte mit einem Ernste folgte , als laste auf ihr die Verantwortung für die Disposition eines Feldzuges . Sie setzte mir auseinander , Amerika habe in China eine grosse Mission , es müsse die Ruhe herstellen , die offenbar nur durch russische Umtriebe gestört sei , und darüber wachen , dass diese Begebenheiten nicht zum Vorwand für Länderräubereien benutzt würden . Zum Schluss kündigte sie mir an , sie werde , bis die Lage sich geklärt habe , in New York bleiben und häufig zu uns kommen , um mit uns zu konferieren . Wir Menschen kämen ohne Sorgen offenbar vor Langeweile um , und Miss Tatiana , die keine einzige wirkliche hat , schafft sich daher selbsterwählte auf politischem Gebiet . 40 New York , 14. Juni . Seit Tagen habe ich die Empfindung , als liesse die ganze Welt sich treiben , ohne zu wissen wohin , als laste Umheimliches , Undurchdringliches auf ihr . Und die heutigen Telegramme sind wie ein Zerreissen des Schleiers - wie wenn bei Schiffahrt im Nebel plötzlich ein Felsen in drohender Nähe auftaucht . » Gesandtschaftsmitglieder in P. attackiert , die englische Sommergesandtschaft zerstört , Prinz Tuan und andere Fremdenfeinde in das Tsungli-Yamen ernannt . « Und nur die ganz kleinen Gesandtschaftswachen ! Was können die ausrichten , wenn es ernst wird ? Heute steht ein Telegramm vom amerikanischen Gesandten in Peking in den Zeitungen ; er bittet um 2000 Mann . Aber wann können die dort sein ? Ich muss immerwährend an Hofer denken . Man solle Kavallerie in der Nähe bereit halten , das sei das Wichtigste , sagte er . Ach wie recht hatte doch dieser streitbare Kirchenmann ! Er und manch andere Missionare und auch die China-Association in Hongkong haben gewarnt , und schon in den Schanghaier Märzzeitungen stehen eindringliche Artikel über eine grosse kommende Gefahr . Es ist als hätte alle Welt das Unheil nahen sehen , nur nicht die eigens dazu aufgestellten Schildwachen . Unbeachtet sind die Warnrufe verhallt . Man wollte sich im bequemen , tatenscheuen optimistischen Glauben , dass ja alles ganz gut stände und die Welt ein netter behaglicher Aufenthaltsort sei , nicht stören lassen , wollte Weitläufigkeiten , Parteinahmen und Einmischungen vermeiden , und in der grossen Sehnsucht nach Ruhe alle dem aus dem Wege gehen , wodurch neue Aktenrubriken entstehen können . Und besondere Umstände kamen noch dazu . Die Amerikaner sagen es selbst in ihren Zeitungen , dass sie nicht in der Lage seien , Landtruppen nach China zu senden , weil sie sie in den Philippinen brauchen . Die Engländer haben gerade genug mit den Buren zu tun . » Unsere Zähne sind leider in Afrika « , hat ihr grosser Mann geantwortet , als man neulich in ihn drang , den Chinesen die Zähne zu zeigen . Die Franzosen haben auch ein besonderes Interesse daran , dass es in China ruhig bleibt , denn in Ausstellungsjahren soll immer alles eitel Glück und Freude sein . Ausstellungen sind für Völker , was Verlobungen im Familienkreise sind ; da stellt man sich auch an , als sei alles herrlich und schön , alle Fehden werden für ein Weilchen begraben und man tut so , als sei Grund zu allgemeiner Freude . Aber die dunkeln , unerforschten Kräfte , die uns treiben , die unerbittliche Schicksalsmacht , die über uns steht und das werden lässt , was wir nachher Geschichte nennen , - die kehren sich nicht an Völker - und Familienfeste , nehmen keine Rücksicht auf das müde Ruhebedürfnis alternder Geschlechter - die führen uns unaufhaltsam weiter , wir wissen nicht wohin - und im dichten Nebel ragen dann plötzlich vor uns drohende Felsen aus dem Meere empor . 41 New York , 17. Juni 1900 . Mit Angst und Spannung heute früh die Zeitung geöffnet , Schlimmes erwartend , aber doch nicht dies Entsetzliche : » Die Gesandtschaften angegriffen , ein Gesandter ermordet « - und diese Mitteilung selbst - dunkel , gerüchtweise , wie Unheilsbotschaften sich im Osten stets verbreiten , so dass man noch tausendfach Unheimlicheres dahinter vermutet . Alle telegraphische Verbindung mit Peking ist abgeschnitten . Die Nachrichten sickern durch auf geheimnisvollen Umwegen . Es ist , als ob hinter einer verschlossenen Türe eine grausige Tragödie sich abspielte - plötzlich hört man Stöhnen , Blut rinnt über die Schwelle , man weiss nicht , was geschehen ist , fühlt nur , dass es Furchtbares , Unerhörtes sein muss , da , hinter der Tür - man möchte helfen , das Schloss sprengen , die Tür einstossen , eilen und retten - und man kann und kann nicht . Es ist wie ein quälendes Alpdrücken . 42 New York , 19. Juni 1900 . Die Taku-Forts sind eingenommen . Das muss doch die Chinesen einschüchtern ! Und nun wird doch sicher die Entsatzkolonne , die Admiral Seymour führt , bald in Peking anlangen oder vielleicht schon dort sein . Ein paarmal wurde ihre Ankunft schon gemeldet , dann aber widerrufen . Aber wie ist es denn nur alles möglich ? Das fragen wir uns immer wieder . Etwas Traumhaftes hat das Ganze , und man ringt , endlich erwachen und all den nächtlichen Spuk abschütteln zu können . Wenn ich an unsere stillen monotonen Pekinger Jahre zurückdenke , sage ich mir oft , » dies ist ja alles nur ein verrücktes Märchen , an das niemand glauben kann « . Über wie vieles wurde doch in China geklagt ! Über Hitze , Staub und Moskitos , Überarbeitung , Ärger durch das eigensinnige Tsungli-Yamen oder über die grossen Herren zu Hause , denen China ein Buch mit fünf Siegeln ist und die doch alles besser wissen wollen . Aber dass Gefährdung der persönlichen Sicherheit je zum Gegenstand gerechter Beschwerde gegen das Schicksal und die Chinesen werden könnte , wäre keinem in den Sinn gekommen . Unmöglich wäre es uns allen erschienen , und was wir jetzt hören , klingt kaum glaublich - - aber wenn ich dann die Zeitungen mit den gross und fettgedruckten Telegrammen sehe und höre , wie alle Menschen nur von China reden - dann weiss ich , dass das Abenteuerlichste , Wildeste und Unwahrscheinlichste in unsern Tagen Wahrheit geworden ist . Wir haben die Chinesen nur als arme , gedrückte Menschen gekannt ! Knechtung , Erpressung und Ungerechtigkeit , wie auch grosse verheerende Naturkatastrophen schienen sie geduldig zu tragen ; vielleicht sahen sie in ihnen nur die verhältnismässig gleichgültigen Begleiterscheinungen des einen grossen Übels , des Lebens . Jahrhundertelang sind sie gezüchtet worden in einem System , dessen Erpressung , Ungerechtigkeit und Betrug so recht auf der ewigen Trägheit und Feigheit der grossen Massen beruhen . Jeder hatte dort immer Mächtigere zu versöhnen , umzustimmen , zu erkaufen . Die einzige Erleichterung und Rettung vor der ungeheuren Last war schlaue Überlistung der Bedrücker . Wie so oft in menschlichen Verhältnissen , knechtet dort der Stärkere den Schwächeren und wird dafür von ihm hintergangen . Leicht zu befriedigen schienen mir eigentlich die Chinesen , verlangten nicht mehr , als dass die paar Kupfermünzen , die sie täglich verdienten , ihnen nicht von einem ihrer Peiniger abgerungen würden ; dass dies aber oft vorkommen muss , sahen sie alle als alte Weltenregel an , in die man sich philosophisch fügt , wenn man sie nicht listig zu umgehen weiss . Arme , durch Bedrückung schlau und gemein gewordene Menschen , deren Geist viel mehr nach kleinen Schlichwegen , spitzfindigen Verdrehungen und Betrügereien als nach grossen Taten zu sinnen schien . Und sie alle sollen mit einemmal zu rasenden Kämpfern geworden sein , die es mit den Herren der Welt aufnehmen wollen ? Ein Rätsel im rätselreichen China . Seltsam klingt es uns auch jetzt , in hiesigen Zeitungen zu lesen , dass diese selben so elend und stumpf dahinlebenden Chinesen eigentlich Wesen von erstaunlich nervöser Anlage seien , die von Fanatikern hypnotisiert wurden zu wildem Fremdenhass und blindem Glauben an eigene Unverwundbarkeit und Siegesgewissheit . Mir aber will es scheinen , dass diese Hypnotiseure vor allem ihre Kraft an den Fremden in Peking ausgeübt haben müssen , sie in wunderbaren Sicherheitswahn wiegend . Miss Tatiana besucht mich häufig und hält lange Reden , in denen sie alle Ministerien der verschiedensten Länder zur Verantwortung zieht . Silberstein traf bei mir mit ihr zusammen und meinte nachher : » Das ist eine Dame , die einen Band Junius-Briefe schreiben sollte . « Die beiden verhandelten lange über die chinesischen Ereignisse , und Miss Tatiana kam immer wieder darauf zurück , warum nichts von alledem von den angelsächsischen Staatsmännern , denen sie ihr Leben lang vertraut , vorgesehen worden sei . Der Journalist meinte : » Ja , die Nachrichten aus China sind freilich so recht geeignet , die Fundamente des Glaubens an vorausschauende Staatsweisheit stark zu erschüttern . Aber es wird überhaupt viel weniger geplant und gelenkt , als man uns im Geschichtsunterricht lehrt . Die grössten Ereignisse kommen meist unerwartet . Man hat sich treiben lassen , ohne viel zu fragen , wohin und steht plötzlich vor überraschenden Tatsachen . Das landläufige Heroentum besteht dann eigentlich nur immer darin , sich mit Geschick aus Schwierigkeiten zu ziehen und es nachträglich so darzustellen , als habe man alles vorausgesehen . « » Aber « , fragte Miss Tatiana , » hat man denn nicht von Anfang an erkannt , dass diese fremden- und fortschrittsfeindliche Partei unseren kommerziellen Interessen notwendigerweise grossen Schaden zufügen muss ? Warum hat man sie überhaupt je so anwachsen lassen ? « » Um sie erfolgreich zu bekämpfen « , antwortete er , » hätte man sich offen zum Kaiser und zu seinen Reformfreunden bekennen müssen . Es gab vielleicht einen Moment , wo man das gekonnt hätte . Aber dazu hatte niemand den Mut und niemand sah wohl ein , wieviel auf dem Spiele stand . Die Schicksalsstunde für China war der Staatsstreich der Kaiserin Witwe im September 1898 . Dass damals die ganze Welt zuschaute , wie aller Fortschritt vertilgt wurde , nachdem er so lange gepredigt worden war und endlich eine Partei eifriger Bekenner gefunden hatte , und dass man zuliess , dass die finstere Reaktion an seine Stelle trat - das rächt sich heute , denn es rächt sich immer , aus Bequemlichkeit und Angst vor Komplikationen wissentlich das Höhere unterdrücken zu lassen , so schlau es auch im Moment erscheinen mag , Einmischungen zu vermeiden . Wer heute von idealen Gesichtspunkten in der Politik redet , begegnet nur mitleidigem Achselzucken , und doch wäre die Macht , die damals für das ideale Streben der Reformpartei eingetreten wäre , heute wohl die führende in China , und die unvermeidlichen anfänglichen Schwierigkeiten , denen sie begegnet wäre , hätten sicher nicht die Tragweite des Konfliktes angenommen , dessen kleines Vorspiel wir eben erst erleben . Die Vereinigten Staaten hätten diese Rolle übernehmen können , um so mehr , als sie China gegenüber reine Hände haben . Aber um solche Entschlüsse fassen zu können , gehören grosse , leitende Gedanken - und der Laden , wo Ideen für Staatsmänner und Diplomaten und Bücherstoffe für Autoren verkauft werden , existiert leider noch immer nicht . « 43 New York , den 21. Juni 1900 . Der entsetzliche Traum dauert weiter , keine Nachricht aus Peking , und schlimmer als alles , keine Nachricht von Ihnen . Ach , wo sind Sie , lieber Freund ? Meine tägliche Hoffnung ist , ein Telegramm von Ihnen zu erhalten , dass Sie in Schanghai von Ihrer grossen Reise ins Innere zurückgekehrt sind . Um diese Zeit müssten Sie doch dort eingetroffen sein . Was kann Sie so lang aufgehalten haben ? Ich sehne mich so sehr danach , von Ihnen zu hören , dass das Warten zu einem physischen Schmerz wird . Die Hitze liegt bleiern auf der Stadt . Tag und Nacht keine Abkühlung . Die Nächte sind am schlimmsten . Sie scheinen so endlos mit den wirren Gedanken , dem fiebrigen Einschlummern und den verschwommenen beängstigenden Visionen , die sie bringen . Dann wird die Hitze zu einem greifbaren Wesen , im Dunkeln lastet sie auf mir wie ein Alpdrücken , ich glaube sie fühlen und fassen zu können . In den Zeitungen steht , wie alle Jahre , es sei dies ein anormaler Sommer , noch nie hätten Menschen und Tiere so sehr unter der Hitze gelitten , noch nie seien so viel Hitzschläge vorgekommen . Es scheint , als sei es den Menschen ein Trost , sich einzubilden dass gerade ihre Leiden ausnahmsweise gross seien , so gross , dass sie dadurch von einer gewissen Bedeutung würden . Und es ist doch alles bedeutungslos . Leiden scheint nur ausnahmsweise gross , wenn es gerade unser persönliches Leiden ist . Könnten wir den Begriff unseres Ichs erweitern und dadurch mehr Leiden umfassen , so würden uns diese neuen Qualen , die wir bisher kaum ahnten , auch wieder als ganz ausnahmsweise gross erscheinen . Wenn einst in Millionen von Jahren die Erde tot und eisig durch die Weltenräume kreist , wer wird dann nach den kleinen Wesen fragen , die mal auf ihr an Hitzschlag starben ! Die Stadt ist ganz leer . Wir sind noch hier . Ich möchte auch gar nicht fort . Gerade hier in der furchtbaren Hitze glaube ich manchmal wirklich dort zu sein , wo all meine Gedanken sind . Hinter den hohen Pekinger Stadtmauern . Allein schon die Hitze dort in dieser Jahreszeit , ohne alles andere - welche Marter ! Ich bilde mir ein , daran teilzunehmen , von hier aus mittragen zu helfen . Wie schön wäre es doch , wenn man für andere tragen könnte , wenn man sagen könnte : » Ruh Du Dich jetzt aus , denn nun schieb ich die Schulter unter die Last . « Das Weh der Welt ist aber nicht wie ein Brot bestimmter Grösse , je mehr davon essen sollen , desto kleiner müssen die Teile werden . Nein , es wächst mit jedem neuen Gast , es ist immer in Überfluss auf dem Tisch und kämen auch immer wieder neue Millionen hinzu . Tragen helfen ! auch so eine Illusion , mit der die grosse Hoffnungslosigkeit verborgen werden soll . Jeder trägt , was schon mit ihm in der Wiege lag , was mit ihm selbst gewachsen ist , trägt , weil es eben nicht anders geht . Und vor , neben und hinter ihm stehen unabsehbare Reihen von Wesen , die auch alle tragen , jedes seine Last . In Wahrheit abnehmen kann keiner dem andern etwas , so dass der wirklich frei aufatmete - wir können nur zum eigenen Leid uns noch das des anderen hinzudenken - mit ihm mitleiden . Mitleiden - ach , wie sehr leide ich hier mit jenen , die ich in Peking gelassen , leide mit Ihnen , lieber Freund ! Bald suchen meine Gedanken Sie hinter den düstern Stadtmauern , die mit unheimlichem Schweigen unbekanntes Schicksal so vieler umgeben , bald in dem grossen , brodelnden China , von dem aus allen Teilen Nachrichten über Aufstände und Metzeleien eintreffen . Und mit all meinem Mitleid kann ich so gar nichts helfen ! 44 New York , den 22. Juni 1900 . Lieber Freund ! In diesen Zeiten wachsender Angst und Sorge denke ich so unablässig an Peking und an alles , was sich dort zutragen mag , dass es mir oft ist , als sei ich selbst dort und ich mich kaum noch erinnere , wo ich mich in Wirklichkeit befinde . Redet mich jemand an , so fahre ich auf , wie aus einem Traume gerissen und muss mich erst wieder besinnen auf die mich umgebende Welt . Stundenlang liege ich nachts wach und sinne nach und suche durch die Gewalt des Willens den Schleier zu lüften , der undurchdringlich zwischen uns liegt . Ich lausche , ob durch das tiefe Schweigen nicht doch eine einzige Stimme dringt , die mir Kunde brächte . Und dann am Morgen das fieberhafte Warten , bis die Zeitungen kommen , der jedesmalige sichere Glauben , heute müssen sie erlösende Nachrichten enthalten - und das jedesmalige Zusammensinken aller Hoffnung , die bittere Enttäuschung - immer das gleiche tiefe Schweigen . Bilder aus jenen vergangenen Zeiten ziehen unablässig an meinen Augen vorbei , und ich möchte jede kleinste Erinnerung an all die damaligen Ereignisse festhalten , wenn sie auch anderen gleichgültig erscheinen - sind sie doch meine Schätze - das Einzige vielleicht , was mir geblieben . Als ob von einem alten verblassten Gemälde der Staub gewischt würde und man nun die Züge wieder gewahrt , so fällt mir tausend Vergessenes ein . Die Geschichte jener Jahre , in denen wir uns trafen und kannten , rollt sich wieder vor mir auf , und beständig glaube ich zu sehen , wie Sie mich aus den Tiefen der Vergangenheit anschauen . Beim ersten Anblick mancher Menschen habe ich die dunkle Empfindung gehabt , sie früher schon gekannt zu haben , obschon ich doch genau wusste , dass ich sie in diesem Leben zum erstenmal sah . Wo , wann mochten wir uns wohl getroffen haben ? Was war es , das uns früher einmal vereinigt hatte und woran die Erinnerung mich plötzlich leise zu mahnen schien ? Niemals habe ich das so sehr empfunden , lieber Freund , als an dem Tage , da ich Sie zum erstenmal sah . Erinnern Sie sich dessen noch ? Es war bei einem Diner in Peking , im Hause des langjährigen Gesandten von * * * , eines der letzten Repräsentanten jener alten politischen Schule , die noch an die unüberwindliche Macht Chinas glaubte und in der Behandlung dieses asiatischen Völkergebildes als ebenbürtigen Grossstaates eine Befriedigung der eigenen Diplomateneitelkeit fand . Ich entsinne mich , dass , als mein Bruder und ich eintraten , die meisten Gäste schon versammelt waren . Der Hausherr erklärte gerade einem neu eingetroffenen Kollegen die verwickelte Frage der Audienzen fremder Gesandten beim Kaiser von China . Er wurde ganz wehmütig über die immer neuen Zugeständnisse , die die Gesandten in der Art ihres Empfanges erlangt hätten , und man merkte ihm an , dass er innerlich ganz auf seiten der Chinesen stand , denn es gewährte ihm eine unendliche Genugtuung , an einem Hofe akkreditiert zu sein , was man bei Republikanern ja mitunter findet , und er nahm es persönlich übel , wenn man diesen seinen Spezialhof nicht so recht als voll gelten lassen wollte . Als ich ihn einmal unmittelbar nach solch einer Audienz traf , sagte er mir würdevoll : » I have just been in the presence of Royalty . « Ein Stab junger Dolmetscher umgab den alten Gesandten . Mit ihrer Hilfe richteten die Fremden einige Sätze an einen Minister des Tsungli Yamen , eine lebende Mumie , die sich unter den Geladenen befand und kein Wort einer europäischen Sprache kannte . Auch zwei jüngere Chinesen waren zugegen ; sie trugen über langen , seidenen Gewändern , weitärmelige Jacken aus zart gefärbtem Damast und auf dem Kopf schwarze Atlas-Käppchen , mit einer grossen Perle über der Mitte der Stirn . Offenbar Pekinger Gigerl ! Sie wurden mir als Marquis Tschiao fenglo und Bruder vorgestellt , die sehr gut englisch könnten . Ich redete den einen , der mir der ältere schien , als Marquis an , erhielt aber die Antwort : » my brother he be Marquis , me be plain Esquire . « Im verblüffendsten Pidgin Englisch erklärten mir dann die Brüder , dass der ältere nur ein adoptierter Sohn des verstorbenen Marquis Tschiao sei . Während sie mir noch die verwickelte Frage von Adoption in China zu erklären suchten trat unser Wirt an mich heran . Sie folgten ihm . Er stellte Sie vor . Und sobald ich zu Ihnen aufschaute , hatte ich die ganz bestimmte Empfindung , Sie früher schon gekannt zu haben - und ich wusste doch ganz genau , dass ich Sie zum erstenmal erblickte . Es war ein ganz seltsames Gefühl . Mir war , als stände ich an jener Tür , die für uns verschliesst , was wir gewesen vor diesen paar kurzen Erdenjahren , für die unser schwaches Gedächtnis gerade mühsam reicht - und mit Anstrengung aller Fähigkeiten des Denkens und Erinnerns suchte ich diese Tür für einen Augenblick spaltenweit zu öffnen . Bei dem Diner sassen Sie ziemlich weit von mir , wenn ich mich aber etwas vorbog , konnte