für Schmutz über mich ausgießt ! Wer ist diese Tante Ludmilla ? Nichts Schmutziges und Gemeines , das sie nicht ausdenken könnte ! Eine betrunkene Betschwester , ich kenn sie gut ! Ja , Marie , so ist ' s. Widrig an der Seele wie häßlich am Körper , mit ihren blutunterlaufenen Glasaugen und ihrer Schandzunge . Geht hinein und seht meine Gesellschaft an und vergleicht ! Ach , ihr ! Hätte sie nicht Geld , so würdest du vor ihr schaudern , meine sanfte Marie - schäme dich ! ganz einfach . « Der Zorn übermannte die beleidigte Frau . » Schäm dich ! « rief sie , und stieß mit wuchtiger Armbewegung die Tante Ludmilla mit ihren Verleumdungen weit von sich . - Die Tür ward plötzlich geöffnet . Niemand hatte Schritte gehört . Hoch und schwarz , mit seiner stolzen Haltung und seinem strahlenden Gesicht , den Hut in der Hand , stand vor den feindlichen Schwestern Bernsteins Kamerad ... » Hovannessian , « sagte er , sich vorstellend , und neigte tief den Kopf vor Josefine . Und dann , unschlüssig , schüchtern fast , mit einem unwillkürlichen , freudigen Lächeln sah er auf die Frau nieder . » Man hat mir gesagt ... Wo ist diese Versammlung ? « So groß sah er aus in dem kleinen Zimmer , so fremd und so freundlich - die Stimme war so männlich - die dunklen Augen blickten so bekannt - - » Hier ! « antwortete eine zarte , frohe , befangene Frauenstimme , Josefines Stimme . War es die ihre ? Sie blickten einander an , und jeder sah nur den anderen . So sprichst du ? sagte sein Blick , sprichst du so milde , fremde Frau ? Ich freue , freue mich ! antwortete der Blick der Frau . Ist es wahr ? Bin ich dir willkommen ? Willkommen ! Willkommen ! Ja ! Hast du mich erwartet ? Kann ich dir in etwas helfen ? fragte sein Auge . Es war so dunkel eben noch , und da kamst du ! erwiderte das ihre . » Hier , « wiederholte Josefine laut , und ohne einen Gedanken , der nicht Er war , ging sie durch das plötzlich hell gewordene Zimmer auf den hellen Flur hinaus und in die Versammlung . Der Gast folgte . - Als Josefine lächelnd , mit aufgeschlossener Seele , mit schwingendem Schritt in Zwickys Stübchen zurückkehrte , um die Schwestern nachzuholen , waren sie fort ... Auf dem Tische lag eine Visitkarte Adeles , darauf gekritzelt war : » Adieu , wir kommen nicht wieder . « Josy las es gedankenlos , zerriß die Karte und warf die Stückchen in den Papierkorb . Und dann , mit denselben lächelnden Lippen , nahm sie die Lampe auf und kehrte zurück in die kleine Versammlung , als gehe sie dem Glück entgegen . Die kleine Versammlung war in angeregter Unterhaltung . Zwicky hatte rote Ohren und guckte in verschiedene Bücher , aus denen Zettel hervorhingen . Er sagte , er wollte lieber reden als organisieren , und bat daher Helene Begas , den Vorsitz zu übernehmen . » Nein , es muß ein Schweizer sein , « hieß es , » es handelt sich wesentlich um Schweizer Gymnasiasten . « » Präsident ? Wozu ? Sind Sie nicht im Parlament hier , « sagte Hovannessian . Alle sahen ihn an . » Ech ! « machte Bernstein , » er ist noch in Rußland ! Hat man immer Vorsitzenden hier ! Ganz parlamentarisch . « » Dann eine Frau , « sagte Hovannessian . » Warum ? « » Jeder erwartet dann etwas Sympathisches . « Hermann streckte den dünnen Hals vor und rief : » Nein , keine Frau . « Hovannessian , neben dem der Bub saß , lachte über das ganze Gesicht . Mit seiner schlanken Hand schlug er ihn leicht auf den Kopf . » I du ! Was weißt du ! Piepst du ? « » Keine Frau ! « murrte Hermann und zog den Kopf tief zwischen die Schultern . » In der Schweiz Frau ist frei , « sagte Hovannessian , » weißt du nicht ? « Der Knabe blickte argwöhnisch und ängstlich nach dem Fremden , dessen großes warmes Auge lächelnd auf ihm ruhte . » Nein . « » Schade ! Du mußt lernen . « Hermann duckte sich noch mehr . Plötzlich glitt er von seinem Sitz auf den Boden und schlich sich hinter den Stühlen fort und zu Bernstein , neben dem er stehen blieb . Man einigte sich schnell dahin , daß Zwicky als Vorsitzender gleichwohl reden dürfe , soviel er wolle . Der Bub schrie : » Bravo ! « und applaudierte wie im Theater . Mit einer Siegermiene kehrte er auf seinen früheren Platz zurück . » Sitze hier ! « machte Hovannessian , indem er in seine Rocktasche zeigte . Hermann errötete und schielte den starken Mann unbehaglich an . Die Rocktasche war gar nicht so klein ... Es wurde ihm wieder bedenklich , und er glitt aufs neue auf den Boden und hinter den Stühlen fort . In der Ecke unter dem Schreibtisch hatte Rösli eine Puppenstube eingerichtet , in welcher sie diesen Augenblick ganz still für sich emsig waltete . Zu ihr flüchtete sich Hermann , um mit ihr zu flüstern und zu deuten . Nachher saßen dort beide Kinder und starrten den Fremden an , der so merkwürdige Sachen sagte und so tat , als kenne er sie schon lange . Mitten zwischen den Reden bückte er sich zuweilen und nickte und blinzelte ihnen zu , ohne zu sprechen , nur mit dem Zeigefinger in die aufgespreizte Rocktasche deutend : Sitze hier ! » Propaganda für totale Abstinenz unter den Gymnasiasten , das ist unsere Hauptaufgabe , das wird die Aufgabe des Vereins sein ! « rief Zwicky und fuhr sich durch das lockige Haar , bis es wie ein Hahnenkamm aufrecht stand , und er begann seine Pläne darzulegen . Schriften sollten verfaßt , wissenschaftliche Broschüren popularisiert werden , und diese Blätter wollte man gratis an die Schüler verteilen . » Und an die Schülerinnen , « riet Josefine . » Scheint es mir , auch an die Lehrer , « bemerkte Bernstein mit listiger Miene . » An die Lehrer ja , aber die Mädchen - nein , machen wir uns nicht zu mausig ! nur nicht zu mausig ! « fiel Helene Begas ein . » Muß man sich immer mausig machen , glaube ich ! « sagte Hovannessian unternehmend . Fräulein Helene wehrte ab . » Damit sie uns sofort das Handwerk legen ! Wenn wir die Schülerinnen wie erwachsene Mädchen behandeln , kriegen wir ' s mit den Eltern zu tun ! « » Trinken solche kleine Mädchen Wein ? « fragte Hovannessian sehr überrascht . » Na , Sie glauben wohl , daß die Mädchen hier Engel sind ? « rief Helene . » Ja , glaube wohl , « sagte er fröhlich . » Immer dachte ich , daß im Ausland sind solche Engel , wunderbare - - « Alle lachten , und Hovannessian lachte am herzlichsten . Rösli unter dem Schreibtisch starrte ihn wie verzaubert an . » Sind Sie wohl gar deswegen ins Ausland gekommen ? « spottete Helene . » Nein , « sagte er treuherzig , » zu studieren . « Bernstein verzog den Mund . » Ech ! Weiter ! weiter ! « Helene Begas konnte ihre gute Laune nicht bezwingen . » Na , haben Sie bei uns viele Engel gefunden ? « » Nein , « machte er , » noch nicht . « » Wieviel denn ? Oder gar keinen ? « » Bis heute ? Bis heute habe ich keinen gefunden . « » Aber heute einen gefunden ? « Er betrachtete die Scherzende freundlich , wie wenn sie ein kleines dummes Kind wäre , das durchaus eine Antwort auf eine dumme Frage verlangt : » Muß ich Ihnen sagen - ? « » Zur Sache ! « rief Zwicky , » also wollen wir die Schülerinnen von vornherein mithineinziehen - « » Nein ! nein ! Vorsichtig ! Sonst geht alles schief ! « warnte Helene . » Nun , warum denn ? Wir sind doch nicht in Deutschland ! « Zwicky hielt seine Rede . Er gab meistens Physiologisches . Mit besonderem Nachdruck verweilte er auf jenen Versuchen , die nachweisen , daß die feinsten Nervenendigungen der Hirnrinde durch den Genuß des Alkohols eine Lähmung erleiden , die nie wieder gehoben werden kann . Ein anwesender Gymnasiast schrieb eifrig nach , so , als ob er sich im Kolleg befinde . Helene Begas ergriff nach Zwicky das Wort . Sie schilderte das Elend in Trinkerfamilien mit Hilfe einer großen Reihe von Zahlen . Der Gymnasiast konnte fast nicht nachkommen . Er hatte ein blasses Gesicht mit einer großen Nase und einem keimenden Backenbart . Im Eifer des Schreibens erschien zwischen seinen vollen roten Lippen die Zunge und begleitete die Bewegungen der Hand . Die Kinder unter dem Schreibtisch ahmten es erst unwillkürlich und dann absichtlich nach . Hovannessian nickte ihnen zu und forderte sie pantomimisch auf , in seine Rocktasche zu steigen . Und dann , als das Fräulein gelesen hatte , sprach Hovannessian . » Geben Sie der Jugend eine Begeisterung , « sagte er , » etwas , wofür sie kämpfen soll , eine Idee ; begeistern Sie die jungen Leute , das ist , glaube ich , die Hauptsache . « Er war aufgestanden und sprach , hinter seinem Stuhl stehend . Es war ein krauses Deutsch , aber ganz leicht und natürlich kam es über seine Lippen , und in seinen träumerischen Augen glomm eine freudige Flamme auf . » Begeisterung ! jedes Lebensalter hat seine Begeisterung ! Als wir Kinder waren , bauten wir unseres Schifflein aus Papier und setzten es auf den Bach . Aber das Bach war für uns ein Meer . Und der kleine Sommerwind , der in das Papiersegel blies , war ein Sturm . Und das Schifflein segelte fort in ferne Ländern . Es hatte reiche Fracht : unsere Gedanken - kindische Gedanken - unsere Träume und Wünsche - kindische Träume und Wünsche . Aber wie teuer ! wie lieb ! « Der blasse Gymnasiast mit der großen Nase saß ganz aufrecht . Er hatte nichts zu schreiben jetzt . Der sorgenvolle , eifrige Geschäftsausdruck war aus seinen Zügen verschwunden , sie wurden rein , gläubig , so als höre er einen schönen , fernen Gesang . Hovannessian fuhr fort : » Physiologie und Statistik ist gut , gewiß , aber für die Jugend ist eine Begeisterung besser als Physiologie und Statistik . Die kleinen Papierschiffen schwimmen nicht mehr , wir haben eingesehen , daß sie das ferne Ufer nicht erreichen . Aber nun schicken wir die Gedanken selber aus , die Träume selber aus . Wohin sollen sie fliegen ? Eine Sonne brauchen sie , ein leuchtendes Ziel , ein Ideal , das immer leuchtet und immer leuchtet und unsere Gedanken , unsere Augen , ganzes Wesen , ganzes Leben zu sich reißt . Wir haben so getan und tun noch so in Rußland . Russische Jugend lebt mit Ideen . - Sie wollen arbeiten für Abstinenz von Alkohol unter der Jugend . Es ist sehr gut . Aber bleiben Sie nicht bei medizinisch - physiologisch - statistisch ! Zeigen Sie , daß hier ist eine Idee , eine Idee von Vervollkommnung . Geben Sie eine Begeisterung für Idee der fortschreitenden Entwickelung . Wer sich frei hält vom Gebrauch des Alkohols , hält sich frei von einem schädlichen Bedürfnis . Frei werden von schädlichen Bedürfnissen - das heißt überhaupt frei werden . Hier ist Entwickelung . Neue Generation soll freier werden , als alte war ; zeigen Sie der Jugend , wie man an sich selber für seine Freiheit arbeiten kann ! Geben Sie der Jugend eine Begeisterung , die sie mitreißt und sie lehrt , was ist der Zweck und Bedeutung von unserem ganzen menschlichen Leben ! « Hovannessian erhob den Kopf , dann suchten seine Augen den Gymnasiasten und hefteten sich fest auf das jetzt tief errötete Gesicht des Jünglings , der den Blick schwärmerisch zurückgab . » Der Vorsitzender Ihres Bundes , « sagte er , » wenn Sie einen haben müssen - wir in Rußland haben keinen - Ihr Vorsitzer muß einer von Ihnen selbst sein . Sie müssen das zwischen sich ganz allein machen . « Und mit seinem ernsthaften , brüderlichen Lachen fügte er hinzu : » Scheint es mir , daß Sie sehr guter Vorsitzer werden in Ihrer Gesellschaft . « Der Gymnasiast schnellte vom Platz auf . Sein blasses Gesicht war rotüberstrahlt , und er bebte vor freudiger Überraschung und Beschämung . » Darf ich einmal zu Ihnen kommen ? « stammelte er . Hovannessian ging sofort zu dem Knaben hinüber und verabredete mit ihm . Der Gymnasiast sah zu ihm auf mit einem blinden , ergebenen Vertrauen , das ihn in Josefines Augen schön machte . Er hat den Blick für das Gute im Menschen , und sein Blick erweckt es , fühlte sie , und eine glühende Bewunderung für den Fremden überwallte sie . Ihr Gesicht wurde so heiß , daß sie sich abwenden mußte ; sie fürchtete , ihre Empfindung stehe auf ihren Lippen geschrieben , jeder könne sie ablesen . » Denke ich , wir werden dort bei Ihnen , in Ihrer Gesellschaft , von Zeit zu Zeit zu Gaste sein , « sagte Hovannessian , » medizinisch - statistisch und so weiter . Aber Hauptsache werden Gymnasiasten unter sich machen . Wie denken Sie ? « Die Versammlung diskutierte noch eine Weile . Fräulein Begas war nicht einverstanden . » Vielleicht kommt gar nichts heraus ; wenn alle nichts wissen , alle auf gleichem Niveau stehen - wer soll dann die Führung übernehmen ? « » Sieht man deutlich , daß Sie sind eine Monarchistin ! « spöttelte Bernstein , » immer Führung , Präsident , König , ech ! « Helene drohte mit dem Finger . » Na , und Sie ? haben Sie keinen Zar ? Nur nicht mausig machen ! « » Selber ziemlich mauseriges Fräulein ! Sehr mauserig . « » Nicht Schule ! Gruppe zur Selbstbildung wollen Sie machen , « beharrte Hovannessian . » Führung ist in Literatur zu finden . Beste Ideen der besten Denker zusammen kennen lernen , nicht Präsident , nicht Schulmeister ! « » Anarchismus ! « machte Helene halb scherzend , halb prüfend . Der Fremde richtete sich auf , wie wenn er gerufen worden . Seine großen , weitgeöffneten , dunklen Augen blitzten freudig auf . Er wandte sich gegen das Fräulein und lauschte gespannt ..... Aber es kam nichts weiter , es war nur ein hingeworfenes Wort gewesen . Da nickte er , harmlos und heiter , indem er nach seinem Hute griff : » Ganz anarchistisch muß es sein . Freie Kooperation . « » Darf ich mitkommen ? « rief der Gymnasiast und sprang auch auf . Hovannessian legte ihm leicht den Arm um die schmale Schulter . So gingen sie hinaus . Josefine reichte beiden die Hand . Sie folgte jeder Bewegung des Fremden mit Selbstvergessenheit , ohne die Augen abzuwenden . Dabei hielt sie Rösli im Arm , die schlaftrunken und weinerlich zu der Mutter geflüchtet war . Einer der Gäste nach dem andern verabschiedete sich und verschwand . Josy merkte es kaum ; sie stand unbeweglich und streichelte mit lässigem Druck die weichen , wirren Haare und das heiße , kleine Ohr des Kindes . Aber sie war nicht hier . Sie wanderte , gezogen und geführt , über die nassen , frühlingswinddurchrauschten Straßen an der Seite dessen , zu dem eine rätselvolle unbezwingliche Neigung sie hinriß , seit der ersten Minute , da sie ihn gesehen . Die ganze Nacht war ein Spukgeheul im Kamin , ein Rasseln der Ziegel auf dem Dache , lautes Katzengeschrei aus dem Garten und das Klatschen der Regenböen gegen die Fenster . Josefine wachte nach kurzem , allzu tiefem Schlummer auf . Sie konnte sich in ihrem Zimmer nicht zurechtfinden , starr waren ihre Glieder , wie festgebunden . Ach ja , sie lag in der Gletscherspalte , daher war es so dunkel rundum . Schreien ? nein , es ist nicht möglich , die Lippen sind schon zugefroren . Und wenn sie auch schreien könnte - der Ton selbst ist gefroren , ist unhörbar , dringt nicht hinaus aus dem eisigen Loch . Könnte sie nur eine Hand heben , einen Finger nur ! Oh , alles schon Eis ! schon Eis ! Bald kommt es ans Herz . Es kriecht kalt herauf , durch alle Adern kalt herauf - Oh ! Meine Kleider sind im Absturz zerrissen ! Nackt und hilflos bin ich ! Verloren ! Verloren ! Es kommt an - mein - Herz ! Halt - jetzt - halt - jetzt - Nein - das ist - nicht - nicht der Tod - das ist ja - Josy fühlt : plötzlich richten sich warme Strahlen auf ihre nackte Brust . Die Sonne ist gekommen ! durchzuckte es sie . Zu mir herein ! die Sonne ! in mein Grab ! Und während rund um sie her , von den Füßen aufwärts , die kettende , tötende Kälte dringt , brennt ihr die Sonne ein überschwengliches Entzücken in die Brust . Die Sonne ! die Sonne ! die Sonne ! Und sie wird noch scheinen , wenn ich gestorben bin ! fühlt sie , und das Wonnegefühl wird immer heftiger , wird fast zur Qual . Erfroren und verbrannt ! Erfroren und verbrannt ! Nimm mich ! nimm mich ! nimm mich , Sonne ! Ihr ist , als ob die nackte Haut über dem Herzen sich der Sonne entgegenhebt , sich von ihrem versteinten Körper ablöst und in die Glut hineinsaust , während Fleisch und Gebein zu Eis gefrieren . Du , die noch scheinen wird , - die noch scheinen wird , wenn ich gestorben bin - Es ist meine Seele - es ist meine Seele - ist - meine - Seele - Hhh ! da fliegt sie in die Sonne hinein ! mitten in die große rote - Ein heißer Schlag hat sie durchfahren und nun - was war ? Jetzt bin ich wach , dachte Josy , endlich ist es vorbei ! Diese unbequeme Rückenlage ist schuld ; die Stockung im Blutumlauf bringt das hervor . Ganz klar war es ihr noch nicht , doch stand sie auf und tastete mit eiskalter Hand nach einem Glase . Ein unsteter Mondschein flog durch das Zimmer und über das Bett , in dem Laure Anaise und Rösli dicht umschlungen lagen . Laure Anaise mit offenem Munde , mit tief um die Stirn gewühltem schwarzem Haar sah fahl und hager aus , und Röslis zartes Gesicht erschien der Mutter leichenhaft blaß . Josy war plötzlich ganz wach . Wenn sie krank wäre ! Und statt für sich selbst ein paar Gramm Bromkali aufzulösen , wie sie gewollt , beugte sie sich ängstlich über die Schlafenden und sog den warmen , reinen Hauch ihres Kindes ein . Aber während sie sich so überzeugte , daß beide ruhig schliefen , kam eine Trauer , ein Einsamkeitsgefühl über sie , das beinah Furcht war . Mit nackten Füßen , die Augen groß offen , stand sie , ohne sich besinnen zu können , blickte scheu nach dem Fenster , an dem der Regen wie Tränen herunterrann ; die gekalkten Stämme der Obstbäume im Garten schimmerten unbestimmt im Mondlicht - jämmerlich , wie gequälte Kinder schrien die Katzen . Ein nie empfundener Wunsch , sich anzulehnen , an kraftvolle Schultern sich zu schmiegen , tauchte wie unbewußt auf . Sie streckte die rechte Hand aus und seufzte . Plötzlich warf sie beide Arme über dem Kopf zusammen , und heiße , qualvolle Tränen brachen hervor . Es schmerzte in den Augen , in der Kehle , in der Brust . Langsam ermannte sie sich und riß die Vorhänge zusammen ; das Totenlicht auf Röslis Köpfchen brachte sie zur Verzweiflung . Sie tastete sich an ihr Bett zurück . Was fehlt mir ? fragte sie , und sie antwortete sich : lebenswund ; lebenswund . Denke , daß er in der Welt ist ! sagte eine süße Stimme , vor der Josefine erschauderte . Es war wie eine Liebkosung , dieser warme , frohe Ton . Denke , daß solch ein Mensch lebt ! daß er Wirklichkeit ist ! kein Kindermärchen , kein Poetenmärchen , schlichte Wirklichkeit - Josefine ertrug die Stimme nicht länger , sie wollte sie nicht länger hören . » Und du lügst ! « sagte sie , bebend vor Zorn , » und es ist alles Betrug ! Es ist eine Schwäche , die vorübergeht , und er ist ein Mensch wie die anderen . Ich bin erfahren , nur zu erfahren ! Nur zu sehr belehrt , daß die Welt nicht so ist , und daß es solche Menschen nicht gibt ! Nein , so ist die Welt nicht , und wir müssen sie nehmen , wie sie ist ! « Sie zündete eine Kerze an und schluckte das beruhigende Salz , das sie sich selber verschrieben hatte . Aber es wirkte sehr langsam , und während sie dalag und auf den Schlaf wartete , ward die süße Stimme nicht müde , zu flüstern : Er ist in der Welt ! er ist wirklich ! kein Kindertraum , kein früher Morgentraum , kein Jungemädchentraum ! » Es ist Lüge ! es ist Lüge ! wir träumen , und wenn wir erwachen , lächeln wir über unsere Träume , oder - wir weinen über sie . « Sie wollte sich im Bette aufbäumen , wollte Licht machen , sich ankleiden , arbeiten , um nichts mehr zu hören . Aber eine unsichtbare Gewalt drückte ihren Körper nieder , eine weiche , schwere Hand legte sich auf ihren Kopf , und das Singen in ihrer Seele ward lauter als zuvor . Und doch hören wir nicht auf zu suchen , unser ganzes Leben lang ! Und doch hören wir nicht auf zu suchen , so lange wir atmen . » Ich habe nichts gesucht ! ich habe nichts ersehnt . Ich glaube an nichts Gutes ! Ich glaube an nichts Großes . Es ist ein Schatten ! Es ist eine Schwäche ! « Ahhh ! da war wieder der Sonnenschein auf der nackten Haut ; und dazu ein seliges Wohlgefühl des Geborgenseins , der Sicherheit , des Ruhens in einer großen , mächtigen , ringsum verbreiteten Kraft . Freude ! hauchte es um sie ; Freude ! Freude . So fühlte sie sich untersinken . Tage des Rausches , in denen die Wirklichkeit undeutlich und alle unsichtbaren , namenlosen Dinge groß und wichtig sind und selbst das Heimlichste klar ! Tage des Rausches ! Josefine empfand plötzlich Sehnsucht nach Musik , sie , die ihr Ohr als stumpf und empfindungslos kannte . Sie nahm Rösli an die Hand und ging mit ihr ins Großmünster , zum Orgelkonzert . Viele Studenten waren dort , alle sahen die schlanke schwarze Frau mit dem weißgekleideten Kinde kommen . Manche grüßten sie , aber sie dankte nur wenigen , denn sie sah niemand in den Farben des Lebens - die Menschen , die anderen Menschen waren für sie zu Schemen verblaßt . Der Orgel gegenüber , im Chor , auf einer der langen Bänke ohne Lehne nahmen sie Platz . Aber die Bank knarrte erbarmungslos , und Josy flüchtete sich mit der Kleinen in einen dunklen , dicht an die Mauer gedrückten Kirchenstuhl . Die Orgel begann , gegen ihre Gewohnheit , wie es der Hörerin schien , leise und bebend , als schauerten Tropfen herab , klingende , warme Regentropfen , weich und voll und doch säuselnd und zart . Und Josefine war es , als ob ihr Herz sich öffne , und ihre Seele wurde wie ein dürstendes Erdreich , das sich dem sanften Perlenregen entgegenbog . Aber allgemach fielen die Tropfen seltener und wurden größer , und jeder der Tropfen hatte eine andere Stimme , und es waren keine Tropfen mehr , es waren goldene Kugeln , die in einem plötzlich aufschießenden Springquell spielen . Und nun werden aus den goldenen Kugeln kleine klingelnde Schellen und große , sanft hallende Glocken . Und nun unterreden sie sich miteinander , die kleinen klingelnden Schellen und die großen hallenden Glocken ; erst ein aufgeregtes Flüstern von den kleinen zwitscherhellen , nun ein machtvolles Dröhnen von den großen ruhigen . Und nun fangen sie an , durcheinander zu rufen , immer tiefer , immer heller , immer dröhnender , immer spitziger , und plötzlich - fängt der Turm , in dem die Glocken hängen , mit an . Er erzittert von oben bis unten , er schwankt von einer Seite auf die andere , er kracht , er donnert , er reißt auseinander , er stürzt zusammen ! O - da ist der sanfte Regen wieder , will das wilde Brausen hinwegschmeicheln , eine kleine Weile klingeln ängstlich , wimmernd , sterbend die Silberglöckchen . Aber Feuerstürme brechen aus , die Berge wanken und bersten , die Erde bebt , es grollt aus ihren Schlünden , eine Welt - eine Welt will untergehen ! - Ruhe ! Freude ! Feierlich in großen breiten Wellen rollt es heran über die zerstörte Welt , breite Strahlengarben schießen über weite , leuchtende , unendliche Wasserspiegel - ein schwaches dumpfes Stöhnen - ein süßes allgemeines Klingen - die ganze Luft Musik - Ende . » Da die Weissagungen aufhören werden « , fühlte Josefine , und es schien ihr , als liege vor ihr das große Geheimnis des Lebens in heiliger Unschuld , in Sieg und Verklärung , und sein Name sei Schönheit und Größe und unerschöpfliche Liebe . - Und neben ihr sitzt Rösli , die langen , schwarzen Beinchen eingeschlagen , die Hände zusammengedrückt , und sieht sich staunend um . Zum erstenmal ist sie in einer Kirche . Rösli sieht die Fenster an , die langen , staubigen , schmalen Fenster und denkt : Das sind also Kirchenfenster ? Der Himmel ist ebenso blaßblau dahinter wie hinter anderen . Sie sieht die grauen Steinfliesen an und denkt : Die sind aber kalt ! Und sie tippt nach dem grauen , dicken , viereckigen Pfeiler vor ihr . Der ist auch kalt , aber das braune Holzwerk der unbequemen Stühle und der kleinen gewundenen Treppe dort , das Holz sieht ordentlich warm aus . Stufe für Stufe wandern Röslis Augen die kleine braune Holztreppe hinauf - da oben muß es nett sein ! Wenn sie da hinauf könnte ! - Da - was ist denn das da ? Ein Kirchenfenster kann es doch nicht sein , da gegenüber ? Ich bin kurzsichtig , denkt Rösli , Mama hat es gesagt . Wenn man die Augen zukneift , wird das da drüben etwas ganz Merkwürdiges . Ein Männergesicht wird es , mit einem Schnurrbart und einer Pfeife und einer runden hohen Mütze . Ganz in einen dicken Überzieher ist der Mann eingewickelt , der Kragen geht bis halb über den Hinterkopf . Er hört unbeweglich zu . Die Musik ist so groß ! Der Mann raucht , aber keine Wolke steigt aus seiner Pfeife ... Rösli kann die Augen nicht abwenden . So gemütlich sitzt er da im Fenster , als wäre er hier der Hausherr ! Ein freudiger Schreck durchzuckt Rösli : Wie , wenn es der liebe Herrgott wäre ? Dies ist ja die Kirche , man sagt auch Gotteshaus . Also wird er es wohl selber sein ! Rösli starrt und starrt . Er sieht so freundlich aus , aber doch nicht wie Menschen . Sein Gesicht ist farblos wie Silber . Oder wie durchsichtig . Es wird Rösli immer klarer , daß er es ist . Und sie faltet ihre Hände fest und sieht ihn entzückt an - - Die Musik ist aus . Josefine erhebt sich . Als sie draußen sind - die Allerletzten , zupft Rösli ihre Mutter , die gar nicht hört : » Mama , weißt du , wer da war ? « Die Mutter hört nicht ; ungeduldig zupft die Kleine : » Hast du ihn auch gesehen , den lieben Herrgott ? « » Ja « , sagt die Frau zusammenschreckend und wundert sich über ihr Kind und wundert sich doch nicht . Es ist ihr so süß-schaurig , daß die Kleine immer mit ihr ist in diesen Entzückungen . Sie halten sich fest an den Händen ... Helene Begas nahm Josefines Arm und sah ihr mit freundschaftlicher Besorgnis in die Augen : » Du bist krank Josy , du brauchst Ferien ! Und so zerstreut und ungleich . Neulich , als ich dich mit Rösli die steile Wiese hinunterlaufen sah , hab ich mich gefreut . Donnerwetter , dacht ich , die hat Spannkraft ! Da kann sich unsereins verstecken . Aber jetzt gefällst du mir ganz und gar nicht . « Josefine besah ihre Nägel ; ihr Gesichtsausdruck wurde gezwungen . » Das ist diese psychiatrische Klinik , die mich so aufregt . Heut war ' s der Assistent , hat mich fast krank gemacht , der brutale Mensch ! Diese Vergewaltigung des intimsten Lebens durch die Kliniken und durch uns Mediziner : es macht mich wild ! Ich kann ' s nicht ertragen ! « Sie seufzte tief und sah die ruhige Helene gequält und ängstlich an . » Es war ein armes Ding , primäre Melancholie lautet die Diagnose . Sie ist fast hergestellt . Er bringt sie vors Auditorium . Nun , erzählen Sie uns Ihre Geschichte . Sie sitzt da , engbrüstig , scheu