? Hier wohnen sie und singen sie und ziehen ihre Kleinen groß . Und siehst Du - denselben Eindruck macht mir das Bild einer Familie wie die Raneggs ... ihr ganzes Glück , ihre ganze Würde ruht auf den Einrichtungen - « » Ich verstehe , « ergänzte Martha , » auf den Einrichtungen , die innen morsch sind und gegen die Du ankämpfen willst - « » Ja - und so ist mir dieses Ankämpfen erschwert . Wären schon alle Äste dürr , wäre statt der lieblichen Singvögel nur mehr ekles Gewürm auf dem Baum , da brauchte man nicht zu zögern mit dem Fällen ... wäre die Aristokratie durchaus verderbt und wären die Soldaten wilde Räuberseelen , wie viel leichter wäre es da , die Adelsprivilegien und den Militarismus abschaffen zu wollen ... Aber wenn man solche Familien sieht wie diese , deren ganzer Sinn auf den alten Traditionen ruht - wie das Vogelnest auf dem Ast - , deren Söhne mit Stolz und Freuden dienen , deren Töchter auch wieder bestimmt sind , auf dem Nebenast zu nisten - und dabei so holde , so makellose Geschöpfe sind , wie z.B. diese Ranegg-Mädchen ( ich gestehe , wäre ich frei , die Cajetane könnte es mir antun ... ) da vergeht einem die Lust , zerstörend - oder auch nur störend dreinzufahren und - « » Und « - fiel Sylvia ein - » man sagt dann dem Gärtner : Lassen wir ' s noch . Besonders , « fügte sie hinzu , » wenn man , wie wir eigentlich , zur selben Vogelgattung gehört . « XV An diesem Abend ging Sylvia in die Oper . Auf dem Zettel stand » Der Phrophet « und darin war Antons Flamme nicht beschäftigt . Sylvia pflegte nur die Opern zu besuchen , in denen jene nicht sang . Sie war allein in ihrer Loge ; ihr Mann hatte sie nur hergeleitet , dann aber , eine wichtige Sitzung vorschiebend , das Theater wieder verlassen ; für ihn gab es nichts Langweiligeres als musikalische Aufführungen , die nicht durch die Gegenwart seiner Schönen belebt waren . Sylvia gab sich dem Genusse des von Bühne und Orchester strömenden Wohllauts hin . Ein schwermütiger Genuß , denn sie fühlte sich zugleich unglücklich - einfach unglücklich . » Nur wer die Sehnsucht kennt , weiß , was ich leide « ; das war der Grundton ihrer Stimmung . Sehnsucht - wonach ? Nach einem großen Erlebnis , nach - - sie wußte es selber nicht , aber ihre Existenz war so furchtbar öde ... Für immer gebunden an einen nicht mehr geliebten Mann , der sie noch dazu in stadtbekannter Weise betrog ... Warum war es ihr nicht beschieden gewesen , einen Gatten zu finden , mit so weitem geistigen Horizont , mit so tiefem Gemüt , wie z.B. ihr Bruder - oder begabt mit einer schöpferischen Feuerseele , wie - ach nein , es ist besser , an Hugo nicht zu denken . Der Mann könnte ihr gefährlich werden ... Das fehlte noch , daß sie sich verliebte ... Der Vorhang war über dem ersten Akt gefallen . Der Saal erhellte sich . Nach einer Weile ging die Logentür auf : es war Bresser . An einer heißen Beklemmung , die ihr Atem und Stimme raubte , sodaß sie die Begrüßung ihres Besuchers nur mit einer stummen Gebärde erwidern konnte , wurde Sylvia gewahr , daß die vorhin in Gedanken aufgetauchte Gefahr , daß sie sich verlieben könnte , schon näher war , als sie geglaubt . Mit der Fächerspitze deutete sie auf einen Sessel . Dankend machte Hugo von der so erteilten Erlaubnis Gebrauch . Daß er seinen Blick mit Bewunderung auf sie heftete , bemerkte sie wohl , und sie hatte das für jedes junge Weib - angenehm anregende Bewußtsein , gerade besonders vorteilhaft auszusehen - en beauté zu sein , wie die bezeichnende Redensart lautet . Sie fühlte ihre Wangen glühen und wußte , daß sie hier im Rahmen der Loge , in ihrem halbausgeschnittenen schwarzen Samtkleid und mit den blitzenden Diamantsternen im gewellten Haar ein hübsches Bild abgeben mußte . » Es wundert mich , « sagte sie , » daß Sie nicht vorgezogen haben , ins Burgtheater zu gehen . « » Weil ich selber Dramen schreibe , meinen Sie ? Um zu lernen ? « » Um sich Begeisterung , Eingebung für Ihre Kunst zu holen . « » Wenn ich das tun will , so gehe ich in die Oper - Musik zaubert mir zehnmal mehr dichterische Stimmung herbei , als ein Schauspiel . Übrigens bin ich heute hierher gekommen , weil ich wußte , daß ich Sie da sehen würde ... Von weitem sehen , denn ich glaubte , Ihre Loge würde so gefüllt sein , daß ich mich nicht hätte eindrängen wollen - Sie waren aber allein - « » Ja - sehr , « antwortete Sylvia mit einem unwillkürlichen Seufzer . » Sehr allein ? « wiederholte Hugo . » Die beiden Worte führt der Sprachgebrauch sonst nicht zusammen - ebenso wenig wie sehr tot . Und doch - es ist so richtig - im Alleinsein gibt es Steigerungen . Nicht in der Einsamkeit - mitten in der Menge ist man oft am alleinsten . Und das Gegenteil von Alleinsein ist - Zweisein ... « » Vorausgesetzt , daß die zwei - eins sind . « » Das habe ich sagen wollen . « Eine Pause . Dann sprach Sylvia wieder . » Ich möchte Sie eines fragen , lieber Bresser . Sind Sie glücklich ? Freuen Sie Ihre Erfolge ? Und haben Sie in Berlin solche - Zweisamkeit gefunden ? « » Das war nicht eine Frage , das sind drei Fragen , Frau Gräfin . Glücklich ? Nein , ich fühle mich nicht glücklich . Erfolge ? Mein Gott , es gibt in meinem Beruf keine Erfolge , auf denen man sich gewissermaßen freudig und ruhig ausatmen könnte ... Es ist , wie wenn man auf einer steilen Leiter hinaufklimmt , man freut sich nicht der erreichten Staffel , sondern strebt ängstlich nach der nächsten , von der man ja wieder ganz herabkollern kann . Und die dritte Frage ... « » Die nehme ich zurück - sie war indiskret . « » Das nicht , aber für Sie ohne Interesse . Ich verantworte sie dennoch : mein Herz ist nicht in Berlin . « Wieder öffnet sich die Logentür : - Minister von Wegemann Nachdem er ein paar Worte mit Sylvia getauscht , begrüßt er sehr herablassend den jungen Bresser : » Sieht man Sie wieder einmal zu Hause ? Das ist schön ... Jetzt bleiben Sie doch da ... ein guter Österreicher kann sich doch nicht immer in Preußen herumtreiben . « » Ich bin nur auf kurze Zeit hierher gekommen , Exzellenz . « » Deutschland und Österreich sind doch alliiert , « fiel Sylvia ein - » warum sprechen Sie das Wort Preußen so gehässig aus ? « » Allerdings - verbündet sind wir ; andrerseits habe ich sechsundsechzig niemals ganz verwunden , und abgesehen von allen politischen Erwägungen , denen ich ja jetzt fernstehe , ist es mein Privatgefühl , daß man sich nirgends so wohl fühlen kann , wie in unserem alten Wien , und daß ein Mensch , der nicht im Ausland leben muß , zu Hause bleiben sollte ... Wie geht ' s dem Toni , ist er nicht da ? « » Danke , es geht ihm gut . Er ist in einer Sitzung ... « » Ah ? Und was macht Rudolf ? Sagen Sie mir , Sylvia , « fügte er leiser hinzu , » könnten Sie nicht ein bißchen ihren schwesterlichen Einfluß geltend machen und ihm seine Schrullen ausreden ? ... Ich meine es ja gut ... er fängt an , bei vielen Anstoß zu erregen - er kann sich noch ganz unmöglich machen ... « » Womit - was meinen Sie ? « » Mit seinen verschrobenen Ideen ... Neulich , im Kasino , wir waren da lauter Staatsmänner und Militärs , machte er einen Ausfall gegen die ganze Gesellschaftsordnung , als ob er ein roter Sozi wär ' ... das verstehen Sie nicht ... ich war wie auf Nadeln ... geben Sie ihm einen Wink . « Dann wandte er sich wieder laut zu Bresser : » Sie haben ja ein Stück geschrieben , das in Berlin aufgeführt worden ist - hat mir neulich Ihr Vater erzählt . Hoffentlich nicht im neuen , naturalistischen Genre , was ? - wie ein gewisser Hauptmann - « » Hm , « machte Bresser , » der gewisse Hauptmann hat das Zeug , einer unsrer großen Dichter zu werden - ich maße mir nicht an , ihm gleichzukommen . « » Trachten Sie unserem Grillparzer gleichzukommen ? « » Auch das maße ich mir nicht an - ich versuche überhaupt nicht , irgend jemand nachzuahmen . Mein Glas ist klein , aber ich trinke aus meinem Glase , sage ich mit Alfred de Musset . « Als der Vorhang wieder aufgezogen wurde , entfernte sich Herr von Wegemann . Hugo , durch ein Zeichen Sylvias aufgemuntert , blieb zurück . Sie wandten nun schweigsam ihre Blicke der Bühne zu . In schwellenden Wogen flutete die Musik durch den Saal . Was der abwechselnd süße und heroische Gesang , was die Harfenklänge und die rauschenden Akkorde des Orchesters ausdrückten , das empfanden die beiden jungen Menschenkinder als die Offenbarung dessen , was sie einander zu sagen hätten - wie eine Art melodische Gedankenkommunion . Beim folgenden Zwischenakt kamen wieder einige Besucher in die Loge , und diesmal räumte ihnen Hugo den Platz . Als er sich von Sylvia empfahl , frug er , ob sie gestatte , daß er morgen seinen Abschiedsbesuch mache , da er am übernächsten Tag nach Berlin zurückreisen werde . Diese Nachricht versetzte ihr einen leisen Schlag - die Anwesenheit des jungen Dichters in Wien hatte ihr eine Erhöhung des Lebensinteresses bedeutet . » Wie ? so bald schon ? « rief sie , ihm die Hand schüttelnd . » Also morgen ! Um halb fünf , « fügte sie leiser hinzu - die anderen brauchten es nicht zu hören . Am folgenden Tag zur bezeichneten Stunde fand Hugo die junge Frau allein . Als er ihren kleinen Salon betrat , erhob sie sich vom Klavier , auf dessen Pult die Partitur des » Propheten « aufgeschlagen war . Sie begrüßte ihn mit erzwungen ruhiger Freundlichkeit . Und nachdem sie sich gesetzt hatten : » Also wirklich - Sie wollen sich verabschieden ? ... Der Entschluß zu dieser Rückreise scheint Ihnen plötzlich erst gestern abend gekommen zu sein ? « » Ja , Gräfin , gestern abend . « Eine Pause . » Ihrem Vater wird es leid tun . « » Meinem Vater tut es sehr leid . « Nach einer abermaligen Pause sagte Sylvia : » Mir auch ... Sie stellen doch ein Stück meiner ersten Erinnerungen dar - als Kinder haben wir oft miteinander gespielt und jetzt - ich gestehe , ich habe mich sehr gefreut , Sie wiederzusehen ... und so - gewachsen zu sehen . Was Sie alles von Ihren dichterischen Versuchen und Erfolgen erzählen , interessiert mich ... Der Einblick in einen Künstlergeist ... kurz , es tut mir sehr leid , daß Sie abreisen ... « » Wenn Sie es befehlen , so bleibe ich . « » Ah , ich habe nichts über Sie zu befehlen , « antwortete sie rasch . Sie war über diese Wendung erschrocken . Vielleicht wäre es besser , wenn er abreiste ... sie erriet , daß sein Motiv dazu dieselbe Gefahr sei , die auch ihr vorgeschwebt . » Sie haben alles über mich zu befehlen ! - Wenn ich Ihnen aber einen Einblick - nicht in einen Künstlergeist , sondern in ein armes Menschenherz gäbe , Sie würden mir vielleicht gebieten , nicht nur daß ich jetzt abreise , sondern daß ich überhaupt nie wieder komme . Sie durchblicken , was ich sagen will ... ich sage es aber nicht , weil das eine Vermessenheit wäre , zu der ich nicht berechtigt bin ... « Sylvia schüttelte unwillig den Kopf . » Sie haben es doch gesagt ... Reden wir vernünftig , Herr Bresser . Daß Sie einmal in mich verbrannt gewesen , das weiß ich ja aus einem närrischen Brief , den ich an meinem Hochzeitsmorgen erhielt . Darüber sind nun bald drei Jahre vergangen ... Sie sind in ein ganz neues Leben getreten , haben die alte Schwärmerei , wenn nicht vergessen , so verwunden - das Kopfschütteln gilt nicht . Ihre Arbeit und - was weiß ich , ich frage nicht darnach - vielleicht auch neue Herzensbande füllen Ihre jetzige Existenz aus , also tun wir , ich bitte , als wäre niemals jener Brief geschrieben , niemals Ihre Andeutung von vorhin gemacht worden ... ausgelöscht , das Ganze ausgelöscht ... und um mit dem Thema ein- für allemal fertig zu werden , erkläre ich nun mit aller Entschiedenheit , daß Sie nichts , nichts , nichts von mir zu hoffen haben - außer den freundschaftlichen Verkehr einstiger Jugendgenossenschaft , den in alter Herzlichkeit . Also reisen Sie nach Berlin , wenn Ihre Geschäfte oder Ihre Neigung Sie dahin rufen ... aber nur keine Flucht , ich bitte ... das würde mich beleidigen . So , das war das letzte Wort über diesen Zwischenfall - ich werde ihn nie wieder erwähnen - auch Ihnen verbiete ich , jemals darauf zurückzukommen . Und jetzt erzählen Sie mir von Ihrer neuesten Arbeit . « Sie hatte sehr schnell gesprochen , über und über rot dabei . Hugo hatte nicht versucht , sie zu unterbrechen . Ihre Worte - sie sprach ja von seiner Liebe - bewegten ihn wonnig , betäubten ihn - fast wie eine Liebkosung . Die Dämmerung war hereingebrochen . Ein Diener brachte die Lampen und schürte das Kaminfeuer . Dann entfernte er sich wieder . Das Lampenlicht war von großen , roten Schirmen gedämpft und auch aus dem Kamin flackerte roter Schein über den Teppich ; - eine unsäglich trauliche Stimmung war in dem prunkvollen , kleinen Gemach verbreitet . Bresser stand auf und lehnte sich an den Kaminsims ; dadurch war er der jungen Frau etwas näher gekommen . » Ich werde Ihnen gehorchen , Gräfin Sylvia , in allen Stücken , « sagte er in sanftem , zärtlichem Ton . » Das ist recht . « » Einstweilen bleibe ich noch in Wien . Ich kann hier die Arbeit , die ich begonnen habe und um die Sie mich fragen , mit mehr Muße vollenden als in Berlin , wo meine vielen Kollegen mir keine Ruhe lassen . « » Was ist diese Arbeit ? « » Ein Märchendrama in Versen . Der erste Akt ist fertig - ich werde Ihnen ihn vorlesen - und Sie sagen mir , ob ich den richtigen Ton getroffen . « » Haben Sie das Manuskript bei sich ? « » Nein , ich bringe es das nächste Mal , wenn Sie erlauben . « » Gut - morgen . « » Gut , morgen : wie mir das freundlich klingt - nachdem ich mich schon dazu verurteilt hatte , morgen über alle Berge zu sein . Als ein Begnadigter fühle ich mich . « Und am folgenden Tage kam er . Um dieselbe Dämmerstunde wie gestern . Doch diesmal waren die Lampen schon angezündet und Sylvia war nicht allein . Baronin Tilling saß bei ihr . Als Sylvia den jungen Mann eintreten sah , stockte ihr der Atem und sie fühlte , wie ihr das Blut in die Wangen schoß . Sie war froh , nicht allein zu sein ; nur war ihr der forschende Blick etwas peinlich , den ihre Mutter , welche das plötzliche Farbenwechseln vielleicht bemerkt hatte , nun auf sie heftete . » Guten Abend , Herr Bresser , « sagte sie , etwas unsicher . » Haben Sie Ihr Manuskript mitgebracht ? « Sie deutete auf eine Rolle , die er in der Hand hielt . » Ja , das ist es . « Er legte die Rolle auf einen Tisch . » Ich lasse es hier - zur gelegentlichen Durchsicht . « Dann näherte er sich der Baronin Tilling und küßte ihr ehrerbietig die Hand . » Ihr neuestes Werk ? « fragte diese . Sylvia aber nahm das Manuskript und wollte es ihm zurückgeben . » So haben wir nicht gewettet . Sie versprachen mir vorzulesen . « » Ich weiß nicht , ob die Baronin ... « » O , ich würde unendlich gern etwas von Ihnen hören - wenn Sie meiner Tochter versprochen haben , eine Ihrer Dichtungen vorzulesen , dann lassen Sie mich an dem Genusse teilnehmen - « So aber hatte er nicht gewettet . Allein mit der angebeteten Frau , ihr mit seinen Versen seine Seele ausschütten ... : das hatte er von der verheißenen Stunde erhofft . » Two is company , three is none « - die Richtigkeit dieses englischen Sprichworts schien ihm wieder einmal bewährt . Sich jetzt hinsetzen und den beiden Damen seinen neuesten dramatischen Versuch vortragen , wie um die eigene Eitelkeit zu befriedigen , oder als ob er sich Kritik und Rat holen wollte : - nein , das verhielte sich zu der geträumten innigen Geisteskommunion wie ein Drehorgelstück zu Sphärenmusik - - » Ich bin ein schlechter Vorleser , « sagte er . » Die Gräfin wird , wenn sie einmal Zeit hat , in dem Fragment blättern . « » Nur ein Fragment ? « fragte Martha . » Ja , der erste Akt eines Dramas . Mehr habe ich nicht fertig . « » Aber doch den Plan der nächsten Akte ? « » Der ist noch schwankend . « Sylvia nahm die Papierrolle : » Wenn Sie nicht vorlesen wollen , so werde ich es tun ! « Sie setzte sich zurecht und schlug das Manuskript auf . Wieder durchzuckte der Anblick von Hugos Schrift sie mit der Erinnerung an den heißen Liebesbrief , den er ihr damals geschrieben ... Und tot war ja diese Liebe nicht - das wußte sie - nur zu ewiger Stummheit verdammt . Und doch wieder nicht : einem Dichter kann der Mund nimmer verschlossen werden . Was er einer in direkter Anrede nicht sagen durfte , das konnte er ja - allen vernehmlich und nur einer verständlich - in seinem Gesange aussprechen . Ihr war , als müßte sie nun in dem aufgeschlagenen Hefte gar manche Stelle finden , die an sie gerichtet war , die ihr Leidenschaftliches und Süßes ins Ohr flüstern würde ... » Gut , « sagte Hugo , » lesen Sie , Gräfin . Meine Verse von Ihnen zu hören , wird mich ganz eigentümlich berühren und - belehren ; ich werde besser beurteilen können , als wenn ich selber lese , wie die Verse klingen ... Wenn es Sie also nicht langweilt , Frau Baronin - - « » Mich ? « rief Martha lebhaft , - » ganz im Gegenteil , ich bin sehr gespannt - lies , mein Kind . « Sylvia rückte näher zur Lampe und begann zu lesen . Hugo lehnte sich in seinem Fauteuil so zurück , daß sein Kopf im Schatten des Lampenschirmes verborgen war ; sein Blick hing an Sylvias Zügen , deren Spiel bewegt und ausdrucksvoll den ebenso bewegten und ausdrucksvollen Stimmfall begleitete . Das melodische Organ war bei manchen Stellen weich und zitternd und erhob sich bei anderen zu feuriger Kraft , aber beides geschah - nicht in deklamatorischer Absicht , sondern in unwillkürlicher , deutlich verhaltener Ergriffenheit . Mit großem Interesse lauschte Martha dem Inhalt des Stückes , mit noch größerem beobachtete sie ihre Tochter . An sie gerichtete Worte , wie sie erwartet hatte , konnte Sylvia in den vorliegenden Versen nicht finden , denn von Liebe und Liebessachen war nicht die Rede ; aber eine Sprache von solchem Schwung und solcher Schönheit fand sie darin , wie sie es nicht erwartet hatte . Kräftig und klirrend wie Trompetenschall , dann wieder sanft und einlullend wie das Plätschern einer mondbeschienenen Fontäne , von wilder Fröhlichkeit wie Mänadentanz und banger Schwermut wie Grabesläuten , so wechselten die Rhythmen , so reihten sich die Strophen in überraschend neuen Wortverschlingungen aneinander - im Schmucke ebenso neuer Bilder von tiefglühenden Farben oder mattschimmerndem Glanz . Und diese ganze Ausdruckspracht als Gewandung erhabener und lieblicher Gedanken , kühnsten Phantasiefluges und leidenschaftlich pulsierender Gefühlskraft . Die Leserin überkam eine genußvolle Bewunderung , wie nur vollendete Kunstwerke sie einzuflößen pflegen ; von der Begeisterung , die in diesen Versen vibrierte , strömte Mitbegeisterung in ihre Seele über - sie war gehoben und beglückt . Als sie das letzte Wort gelesen und die Hand , die das Heft hielt , sinken ließ , holte sie einen tiefen , zitternden Atemzug : sie liebte einen Dichter - einen großen Dichter . Auch Martha war hingerissen . » Wundervoll ! « rief sie . » Sie haben eine große Zukunft vor sich , Bresser . Und , Sylvia , ich muß sagen - Du trägst sehr schön vor . « Die beiden anderen blieben stumm . Nach einer Weile ergriff Martha von neuem das Wort , um von der Handlung des eben gelesenen Dramenfragments zu sprechen und zu fragen , wie dieselbe sich weiter entwickeln werde . » Einen ursprünglichen Plan habe ich verworfen , während dieser Akt entstand - also kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen , wie ich die Handlung weiterführe . Eine ganz neue Wendung hat sich mir - durch die zufällige Eingebung einer einzigen Reimzeile - aufgedrängt - und das muß nun erst reifen , ehe ich überhaupt an dem Stücke weiterarbeiten kann . « » Das also sind die geheimen Vorgänge des Schaffens ? « sagte Martha nachdenklich . » Ich denke , « erwiderte Bresser , » daß diese Vorgänge bei jedem Künstler andere sind . « Sylvia schwieg noch immer . Sie war wie in einen Traumzustand versetzt , aus dem sie sich nicht durch den Klang der eigenen Stimme reißen wollte . Warm und beseligend - wenn auch zugleich beängstigend - strömte ihr vom Herzen das Bewußtsein auf , daß da ein Mensch vor ihr war , dessen Scheitel mit der höchsten irdischen Krone - mit der des Genius - geschmückt war , und von diesem Menschen wurde sie geliebt ... ihn wiederzulieben war süßester Zwang . Die Dichtung war ihr zu Kopf gestiegen , ihre Seele taumelte in Bewunderungsrausch . Unerwartet trat Delnitzky herein . Damit war der Bann gelöst . Wie aus einem Traum erwachend , fuhr Sylvia empor ; es war , als hätte ein kalter Luftstrom ihre Schläfe berührt und den Rausch verscheucht . » Grüß Euch Gott alle miteinander ... Küß die Hand , Mama ... ah , Herr Bresser ... freut mich - noch immer in Wien ? Ich hab ' geglaubt , Sie sind schon nach Ihrem geliebten Preußen abgedampft ... Du , Sylvia , ich wollte Dir sagen , ich hab ' heute zwei Freunde zum Essen eingeladen ... den Felsegg und den Milovetz . « » Gut , « sagte sie . Er warf sich in einen Fauteui » Bei was habe ich die Herrschaften gestört ? « » Sylvia las uns aus einem Drama vor - von Herrn Bresser . « » So . Da hab ' ich was versäumt ... Na , wir werden ja Ihre Stücke vielleicht einmal in der Burg sehen , was ? Das ist mir lieber als vorlesen hören ... Dazu hab ' ich gar kein Talent , oder keine Geduld . « Hugo empfahl sich bald . Als er , sich verabschiedend , Sylvias Hand küßte , sagte er : » Sie haben nicht ein Wort des Urteils geäußert , Gräfin - soll ich das als stummen Tadel auffassen ? « Mit festem Händedruck und einem geraden Blick in seine Augen antwortete sie : » Sie wissen das Gegenteil . « Ja , er wußte es . Ein magnetischer Rapport hatte , während des Lesens , sich zwischen Autor und Leserin hergestellt . Deutlich hatte er empfunden , daß sie auf den Flügeln seines Gesanges in die gleiche Begeisterungshöhe gehoben worden , die er in den Stunden der Arbeit erklommen hatte . Eine Kommunion auf dem Gipfel des Parnasses - ein gleichzeitiges Eintauchen der brennenden Lippen in das kühle Geriesel des kastalischen Quells ... Solche , etwas überspannte Ideen erfüllten und begleiteten ihn , als er nun , Sylvias Hand verlassend , in raschen Schritten seiner Wohnung zueilte . Er hatte die Absicht , den Drang , das Bedürfnis - heute noch , den ganzen Abend - zu schreiben . Den zweiten Akt beginnen unter dem Eindruck , den ihm die Lektüre - aus solchem Mund in solchem Ton ! - die Lektüre des ersten gemacht . Anderes noch wollte er schreiben : ein Gedicht an - sie . Seine Liebe war - im Bewußtsein erreichter Gegenliebe - zu höchster Glut angefacht , und da dies unter dem Bann der Dichtung so gekommen , so wollte , so mußte er nun in glühenden Versen seinem Gefühle Luft machen . Sie besingen - er lechzte darnach , als wäre es eine Art sie zu liebkosen , sie zu schmücken - statt mit Küssen und Perlen - mit Rhythmen und Reimen . Baronin Tilling war bei Delnitzkys zu Tisch geblieben . Bald nach dem Essen entfernten sich Toni und dessen Freunde , um in den Klub zu gehen , und Mutter und Tochter blieben allein . Sylvia war die ganze Zeit zerstreut und schweigsam gewesen . Auch jetzt , wenn Martha etwas fragte oder bemerkte , antwortete sie erst , wenn die Frage oder Bemerkung wiederholt worden war , und da nur ganz kurz und nicht recht zur Sache . » Komm , mein Kind - mach es wie in Deinen Mädchenjahren - nimm Dir einen Schemel und setz ' Dich her zu meinen Füßen ... « » Ach , Mutter , die Mädchenjahre sind entflohen - « » Und ebenso Dein Vertrauen zu mir ... ? « » Wie meinst Du - ? « » Ich meine , daß Du mir verschweigst was Dich drückt und was Dich bewegt . Das war einmal anders ... Du pflegtest mir alles zu sagen - wie Deiner besten Freundin . Jetzt freilich könnte Dein Mann mich verdrängt haben , er könnte nun Dein Vertrauter und Berater sein ... dann würde ich mich gern zurückziehen , aber das ist , leider Gottes , - nicht der Fall . « » Nein , es ist nicht der Fall , « murmelte Sylvia bitter . » Siehst Du - und das sagst Du mir erst heute - « » Da Du es durchschaut hast - « » Ich durchschaue noch mehr ... Sylvia , komm , tu ' mir den Gefallen , setze Dich ... da und lege Deinen Kopf auf meinen Schoß und sei aufrichtig , ganz aufrichtig - ich bitte , bitte Dich ! « Etwas widerwillig , aber doch unwiderstehlich angezogen , gehorchte die junge Frau . » Hier bin ich also ... das alte Plätzchen ... Erinnerst Du Dich - zum letzten Male saß ich so - am Tage , da ich mich heimlich verlobt hatte ... « » Ja , ich erinnere mich - Du legtest mir damals eine Art Beichte ab . « » Ja , Beichte . Meine Liebe war nicht sündenfrei - « » Das ist sie auch heute nicht , Sylvia - « » Ich liebe ihn ja nicht mehr , dem Himmel sei ' s geklagt . Nun weißt Du es - ich dachte , Du müßtest es schon längst wissen , doch Dir und mir habe ich das Peinliche ersparen wollen , das in solcher Aussprache liegt . « » Ich hatte Dich damals gewarnt - Du wolltest nicht auf mich hören - warst leidenschaftsbetört , eine verliebte Natur nennt man das - une grande amoureuse - wie ' s in den französischen Romanen heißt . Aber ich wiederhole es , Deine Liebe ist nicht sündenfrei - « » Und ich wiederhole : sie ist ja erloschen . « » Für Toni ja - und das verstehe ich . Doch - « Sylvia zuckte lebhaft zusammen unter der Hand , die auf ihrem Scheitel lag . » Also auch das hast Du erraten ? « sagte sie bebend . » Auch das ... Ich beschwöre Dich , mein Kind , empfange diesen jungen Mann nicht mehr ... Du bist Friedrichs Tochter ... nicht anders als in Reinheit darfst Du durchs Leben gehen . « Eine leise Revolte stieg im Innern des jungen Weibes auf : war sie nicht vor allem sie selbst - und erst in zweiter Linie die Tochter von diesem oder jenem ? Aber auch sie selbst ... wenn sie gleich in Bewunderung zu dem jungen Dichter erglühte - hatte sie denn je daran gedacht , ihrer Reinheit etwas zu vergeben ? Bresser zum Geliebten - ? Der Gedanke stieg ihr da zum ersten Male auf , als etwas heiß Verwirrendes , Beschämendes , - etwas das zu verjagen war , das man nicht ausdenken durfte - - Martha sprach weiter : » Dein Vater ist tot - aber sein Werk lebt fort : wir drei : Rudolf , Du und ich sind dessen Erben und Hüter . Kein Schatten darf auf die Ehre unseres Namens fallen , denn solcher Schatten würde auch unsere Sache verdunkeln . Aber nicht der Sache - auch Deiner selbst willen , Sylvia , beschwöre ich Dich : geh in Reinheit durchs Leben ! « » Das will ich ja , « antwortete Sylvia mit erhobenem Haupt . XVI Martha an Graf Kolnos . » Brunnhof , Mitte