er mir beantworten sollte . Ich wollte ihn durch sie zu der Bitte ermuntern , nicht streng mit ihm und seinen Leuten zu verfahren ; er zog es aber vor , sich in ein so trotziges Schweigen zu hüllen , daß ich den wohlgemeinten Versuch aufgab und an meinen Platz zurückkehrte . Da richtete nun der Scheik das Wort an mich : » Sihdi , halte es nicht für Herzenshärtigkeit ! Es ist die Furcht vor dir , die diesem Manne die Worte raubt ! « » Verteidigst du ihn abermals ? « antwortete ich . » Nein . Nur suche ich mir sein Schweigen zu erklären . Welches Urteil werdet ihr wohl über ihn und seine Leute fällen ? « » Das weiß ich nicht . Ich muß darüber mit Hadschi Halef sprechen . « » Und wo soll es ausgeführt werden ? « » Da wo wir uns befinden , wenn es gesprochen wird . « » Also daheim in meinem Lager ! « » Warum dort ? « » Weil ich euch eingeladen habe , uns dorthin zu begleiten . Sag , ob ihr uns diesen Wunsch erfüllen werdet ! « » Ich bin bereit dazu , damit ihr seht , daß wir nicht so undankbar sind , wie du zu denken scheinst . « » Verzeih mir das ! Wir , die wir hier zwischen den Bergen wohnen , achten nicht auf die künstlichen Regeln der Städtebewohner , nach denen sich ihre Höflichkeit richtet . Ihr werdet als unsere willkommenen Gäste alles finden , was euch von nöten ist . Und das , was ihr bei uns über diese Diebe beschließet , wird von uns genau so ausgeführt werden , wie ihr es von uns fordert . « » So bist du erbötig , die Ausführung unseres Urteils zu übernehmen ? « » Ja . Nur möchte ich wissen , worin die Strafe bestehen wird . Etwa im Tode ? « » Nein , keinesfalls . « » Was sonst ? « » Hiebe ! « Dieses Wort sagte ich nicht , sondern es klang aus Halefs Munde . Er hatte also gehört , was von uns gesprochen worden war . » Hiebe ! « wiederholte er , ohne aber die Lage seines Körpers zu verändern . » Wieviel ? « fragte der Scheik . » Jeder zehntausend ! « » Allah ! Das ist zu viel ! « » Nein , sondern zu wenig ! « » Das würde doch schlimmer als der Tod sein . Kein Mensch hält zehntausend Hiebe aus ! « » Das soll er auch nicht ! Und von den beiden , die sich an unseren Pferden vergriffen haben , bekommt jeder zwanzigtausend ! « » Höre ich recht ? « » Ja . Aber wenn es dir zu wenig ist , so will ich sagen - - dreißigtausend ! « Er richtete sich halb auf , machte mit dem Arme die Bewegung des Schlagens und sank dann wieder nieder . » Allah beschütze ihn ! « sagte der Scheik . » Er ist krank ; er hat die Suchuna . Die Glut des heißen Fiebers fließt ihm durch die Adern ! « Ich griff nach Halefs Hand , um nach dem Puls zu fühlen . Ja , er fieberte ! Der Scheik fuhr fort : » Hoffentlich spricht er anders , wenn das Fieber vorüber ist . Die Diebe sollen die ihnen gebührenden Schläge bekommen ; aber sie durch die Bastonnade langsam zu Tode zu martern , könnt ihr doch nicht wollen . « Ich durfte weder ja noch nein sagen , weil ich mich zu hüten hatte , Halef aufzuregen , benutzte aber diese Gelegenheit , eine mir nötig scheinende Vorbereitung zu treffen : » Das Urteil wird gefällt werden , wenn wir bei euch angekommen sind . Ihr habt doch wohl einen Tachtirwan44 im Lager ? « » Mehrere . Warum fragst du ? « » Der beiden Verletzten wegen . Es würde unmenschlich sein , sie reiten zu lassen . « Da fiel der Scheik viel schneller , als ich erwartet hatte , ein : » Sie sollen im Tachtirwan nach dem Lager gebracht werden ? « » Ja . « » Meinst du , daß ich einen Boten sende ? « » Ja . « » Sogleich ? « » Je eher desto besser . Wenn es möglich ist , so laß zwei Sänften kommen ! « Ich hatte es mit einer dieser Sänften auf Halef abgesehen , welcher unmöglich in den Sattel konnte , wenn sein Zustand der jetzige blieb . Das wußte der Scheik nicht , und darum wunderte ich mich nicht über das Lob , welches er mir spendete : » Die Güte deines Herzens gedenkt sogar , den Feinden größere Erleichterung zu bieten , als eigentlich nötig ist . Ein Tachtirwan genügte wohl für beide , doch da es dein Wille ist , so will ich nach zweien schicken , und zwar sogleich . « Er gab einem seiner Leute den betreffenden Befehl , worauf dieser Mann zu seinem Pferde ging und von dannen ritt . » Ich sprach von deiner Güte , nicht von der meinigen , « knüpfte der Scheik das unterbrochene Gespräch wieder an . » Und doch hätte ich auch von dieser letzteren reden können . Weißt du , zu welchem Stamm diese Leute gehören , welche euch bestohlen haben ? « » Nein . « » Sie sind Dschamikun . Allah verdamme sie in die tiefste Hölle hinab ! « » Sind die Dschamikun Feinde deines Stammes ? « » Nicht nur Feinde , sondern Todfeinde ! Es ist Blut , unaufhörlich Blut geflossen zwischen uns und ihnen , seit man die Namen dieser beiden Stämme kennt . Erst kürzlich wieder ist an uns ein Verbrechen begangen worden , welches zu Allahs höchstem Himmel schreit . Ich will dir nicht jetzt davon erzählen . Du wirst davon hören , wenn wir heimkommen . Wenn ich solche Leute im Tachtirwan transportieren lasse , um ihnen Schmerzen zu ersparen , so ist das eine Güte , welche sich recht wohl mit der deinen messen kann ! Vielleicht darf ich in dieser Angelegenheit auf deinen Rat , wohl gar auf deine Hilfe rechnen . « » Wenn wir dir in irgend einer Weise von Nutzen sein können , so werden wir natürlich sehr gern thun , was wir vermögen . Warum aber willst du mit deiner Mitteilung warten , bis wir uns morgen in eurem Lager befinden ? « » Weil du jetzt wahrscheinlich schlafen willst . « » Ich pflege nicht gern etwas aufzuschieben . Was man sogleich erfahren kann , soll man nicht bis später warten lassen . « » Das ist die Energie , die jedem Krieger wohl geziemt . Ich bin in dieser Beziehung ganz so wie du gesinnt . Darum sollst du schon jetzt hören , was ich dir erst morgen sagen wollte . Wirst du mir glauben , wenn ich dir noch einmal und ganz bestimmt versichere , daß die Dschamikun sich auf den Raub und Diebstahl verlegen ? « » Ich muß es ja glauben , weil sie es persönlich an uns bewiesen haben . « » Nicht nur an euch , sondern auch an uns . Sie haben uns erst kürzlich wieder im tiefsten Frieden überfallen und einen großen Teil unserer Herden weggeführt . Ich war mit den meisten meiner Krieger abwesend , um mit einem befreundeten Stamme ein Fest zu feiern , zu dem uns dieser geladen hatte . Das war von den Dschamikun beobachtet worden , und darum gelang ihnen der Raub . Sie haben dabei fünf unserer Wächter getötet . Nun kennst du unsere Pflicht ? « » Sie lautet nach euren Gesetzen : Blut um Blut ! « » Ja , Auge um Auge , Zahn um Zahn , Leben um Leben , Blut um Blut ! Auch wollen wir unsere Herden wieder haben . Du wirst es also begreiflich finden , daß wir einen Zug der Vergeltung gegen sie beschlossen haben ? « » Ich halte das nach euern Gesetzen für ganz selbstverständlich . Wann soll er unternommen werden ? « » Wir wollten schon morgen früh aufbrechen . « » Ah ! Das ist nun wohl nicht möglich ? « » Nein . Die Gastfreundschaft steht selbst über der Pflicht der Rache . Wir haben euch eingeladen , zu uns zu kommen , und wir müssen euch also zeigen , daß wir stolz darauf sind , euch bei uns haben zu können . Die Dinarun haben die Gastlichkeit niemals verletzt , sondern sie stets höher gehalten , als dies von den anderen in dieser Gegend wohnenden Stämmen geschieht . Ich hoffe , daß ihr uns die Ehre erweist , euch in jeder Beziehung als unsere Gäste betrachten zu dürfen . Welche Antwort giebst du mir ? « Wer die Gebräuche jener Völker nicht kennt , der erwartet natürlich , daß ich sofort und mit Vergnügen eingestimmt habe . Es schien ja geradezu als eine liebevolle Fügung des Schicksals betrachtet werden zu müssen , daß diese Einladung ausgesprochen wurde . Besonders fiel hier der Umstand ins Gewicht , daß Halef von einer vielleicht schweren und langwierigen Krankheit bedroht war , welche eine Unterbrechung unserer Reise erheischte , damit ihm die so notwendige Ruhe und Pflege geboten werden könne . Aber die Sache hatte noch eine andere Seite , welche ich als vorsichtiger Mann nicht übersehen durfte . Nach den Gepflogenheiten der Beduinen ist der » Gast « nämlich nicht etwa , wie bei uns , nur ein sogenannter » Besuch « , dem man sich zu widmen und alle mögliche Aufmerksamkeit zu erweisen hat . Er hat nicht nur Rechte , sondern auch Pflichten , denn er ist für die Zeit seines Aufenthaltes bei dem betreffenden Stamme ein vollgültiges Mitglied desselben . Ja , noch mehr : Das Wort » Gast « hebt ihn über die Mitglieder des Stammes empor , und wie sie außerordentliche Pflichten gegen ihn zu erfüllen haben , so wird auch von ihm eine größere als die gewöhnliche Hingabe an das Wohl und an die Interessen des Stammes gefordert . Der Gast steht während seines ganzen Aufenthaltes in gewisser Beziehung sogar noch über dem Scheik und hat nicht weniger als dieser an allen Freuden , doch ebenso auch an allen Leiden seiner Gastgeber teilzunehmen . Er würde als ehrloser Mensch betrachtet und behandelt werden , wenn er sich von einer Gefahr zurückzöge , welche denen droht , die ihn bei sich aufgenommen haben . Die Frage Nafars hatte also einen zweifachen Klang , eine doppelte Bedeutung für uns . Sie lautete : » Wollt ihr zu uns kommen und jede Unterstützung finden , deren ihr bedürftig seid ? « Wenn ich hierauf mit einem Ja antwortete , so war es mir dann unmöglich , zu dem hierauf folgenden Schlusse ein Nein zu sagen : » Wollt ihr zu uns kommen , um an dem Rachezuge gegen die Dschamikun teilzunehmen ? « Diese , wenn auch nur sehr kurze Erwägung war der Grund , daß ich nicht augenblicklich die erwartete Antwort gab . Darum warf mir der Scheik sofort die etwas pikiert klingenden Worte hin : » Du zögerst , anzunehmen ? Hältst du uns für Leute , deren Berührung eure Ehre beschmutzen würde ? « Diese Frage würde unter andern Verhältnissen wohl auch eine andere Wirkung hervorgebracht haben ; aber es war auf Halef Rücksicht zu nehmen , und wir hatten den Scheik ja auch schon daran erinnert , daß wir seine Gäste seien . Das konnten wir unmöglich zurücknehmen , und darum sagte ich in beruhigendem Tone : » Man soll zwar rasch denken , aber nicht zu schnell sprechen , o Scheik ! Ihr habt bisher als Freunde an uns gehandelt , und ich bin überzeugt , daß ihr das auch weiter thun werdet . Warum sollte ich euch mißtrauen ? Warum an eurer Ehrlichkeit zweifeln ? Als ich nicht augenblicklich antwortete , hatte das einen ganz andern Grund . « » Welchen ? « » Ich fragte mich , ob es uns wohl erlaubt sei , euch in der Weise zu belästigen , wie es geschehen wird , wenn wir darauf eingehen , für längere Zeit als nur heute eure Gäste zu sein . « » Belästigen ? « wiederholte er mein Wort . » Ja . « » Ich weiß , daß du ein Christ bist . Wahrscheinlich kennst du die Forderungen unseres Kuran nicht ? « » Ich kenne nicht nur ihn , sondern auch alle seine Auslegungen . « » So mußt du auch wissen , daß ein Gast niemals belästigen kann ! Allah zu gehorchen , ist das oberste der himmlischen Gesetze und den Gast zu ehren , die oberste der irdischen Vorschriften . Wir gehorchen Allah , und wir ehren unsere Gäste . Hoffentlich genügt es dir , daß ich dir dies versichere ! « Ich muß gestehen : Es lag in dem Wesen , in der Ausdrucksweise und in dem ganzen Verhalten dieses Mannes etwas , wodurch meine erst für ihn gehegte Sympathie verringert worden war . Ich konnte dieses Etwas zwar nicht definieren , aber es war vorhanden und übte eine mich zur Zurückhaltung mahnende Wirkung auf mich aus . Aber die Umstände verboten mir , dies in Worten auszudrücken . Darum antwortete ich : » Es bedarf dieser Versicherung gar nicht . Aber als Gäste geehrt sein zu wollen und dazu auch noch ganz besondere Opfer beanspruchen zu wollen , das schien mir denn doch zu viel von euch verlangt . « » Für einen Gast etwas zu thun , kann nie ein Opfer sein . Welche Belästigungen sind es , die du meinst ? « » Schau hin zu meinem Hadschi Halef , dem Scheik der Haddedihn ! Ich vermute , daß eine Krankheit sich ihm naht , welche im stande ist , euch ungewöhnliche Sorge und Arbeit zu bereiten . Meine Gewissenhaftigkeit gebietet mir die Frage , ob es uns gestattet ist , diese Last auf euch zu legen . « » Es ist für uns keine Last ; wir werden ihn wie einen Bruder pflegen . Und wenn die Krankheit , von welcher du sprichst , wirklich käme , so bist ja du gesund und - - und - « Er zögerte , weiter zu sprechen . Wahrscheinlich hatte er einen Gedanken , den ich nicht erraten sollte , wenigstens jetzt noch nicht . Ich vermutete , daß der Satz , wenn er ausgesprochen worden wäre , wahrscheinlich folgendermaßen gelautet hätte : » Wir haben zwar auf eure beiderseitige Hilfe gerechnet , aber falls Halef krank wird , bist ja du noch da , und auf dich rechnen wir dann ganz bestimmt ! « Ich fand nicht Zeit , hierüber weiter nachzudenken oder den Scheik zu veranlassen , sich vollständiger und deutlicher auszudrücken , denn kaum hatte er diese Pause eintreten lassen , so begann der bisher bewegungslos daliegende Hadschi plötzlich sich zu regen , und zwar in höchst energischer Weise . Er wickelte sich aus seiner Decke heraus , sprang auf , stellte sich vor mich hin und fragte in einem Tone , der auf nichts weniger als auf Kranksein schließen ließ : » Was hast du da gesagt , Sihdi ? Ich habe alles gehört ! Denkst du wirklich und im Ernste an die Möglichkeit , daß ich krank sein werde ? « » Ja , « antwortete ich aufrichtig . » Was für eine Krankheit wird das sein ? Welchen Namen giebst du ihr ? « » Ich sehe sie jetzt nur von weitem . Erst wenn sie da ist , kann ich sie erkennen und dir ihren Namen sagen . « » Also von weitem ! O Sihdi , wie enttäuschest du mich ! Ich habe dich für klug gehalten , und sehe nun , daß du dies gar nicht bist ! « » Danke , lieber Halef ! « » Bitte ! Fasse doch diesen deinen Gedanken an ; stelle ihn vor dich hin und schau ihm in das lügnerische Angesicht ! Du siehst meine Krankheit jetzt nur von weitem . Sie ist also noch gar nicht da . Muß ich ihr denn erlauben , vollends heranzukommen und in meinen Körper einzuziehen , um es sich in demselben wie in einem festlich geschmückten Zelt bequem zu machen ? « » Wenn sie will , wird es geschehen ! « » Will , will , will ! Auch ich habe meinen Willen , und was ich will , das pflege ich durchzusetzen . Jede Krankheit ist Schwäche . Auch die , welche du von weitem kommen siehst , kann gar nichts anderem gleichen , als einem alten , schwachen , elenden Weibe , welches keinen Zahn mehr im Munde hat . Und ich , der berühmte , tapfere Scheik der Haddedihn , der selbst dem Löwen nie den Rücken zeigte , soll mich vor einem solchen Geschöpf der Schwäche fürchten ? Ich sage dir : Ich lasse diese Krankheit nicht heran ! Ich weise sie ab ! Ich lache sie aus ! Du selbst hast mich gelehrt , was ein fester Wille kann , und wie fest und unerschütterlich der meinige ist , das muß ich doch wohl am allerbesten wissen ! « » Halef , bitte , gieb mir deine Hand ! « » Warum ? « » Gieb sie nur ! « » Wozu ? Ist ' s etwa wegen deines Dass innabd45 ? « » Ja . « » Das kann ich selbst ! « Er legte den Daumen der rechten Hand an die Ader oberhalb des linken Handgelenkes , hielt beides an das Ohr , lauschte eine kleine Weile und fuhr dann fort : » Ich höre nichts , gar nichts ; es ist also alles in der schönsten Ordnung ! Denn wäre etwas Fremdes in der Ader , so müßte es sich doch bemerklich machen ! « » Man darf nicht hören , sondern fühlen ! « » Das ist ganz gleich , denn ich habe auch nichts gefühlt . Und dieses Gefühl müßte ich doch deutlicher haben als jeder andere , der nicht nach seinem , sondern nach meinem Pulse greift ! « Ich wollte da eine erklärende Bemerkung machen , doch ließ er mich nicht zum Worte kommen und fügte schnell hinzu : » Ich weiß , Sihdi , daß es deine Liebe ist , welche dich so besorgt um mich macht . Aber ich will dir beweisen , daß deine Gedanken auf einem ganz verkehrten Wege spazieren gehen . Ich frage dich : Ist das Negris46 eine Krankheit ? « » Ja . « » Wenn dieses Negris in meiner großen Zehe sitzt , fühlst du es dann etwa in der deinigen ? « » Nein . « » Ganz recht ! Du bist geschlagen ! Du bist überführt ! Du mußt erkennen , daß du unrecht hast ! Das Negris thut nur dem wehe , der es hat , keinem andern . Nur wer die Schmerzen fühlt , weiß , daß er ihr rechtmäßiger Eigentümer und Besitzer ist ! Und ganz genau so ist es auch bei allen übrigen Krankheiten . Ich fühle mich gesund , vollständig kerngesund ! Aber ich bekomme Angst um dich , Sihdi ! « » Warum ? « » Weil du es bist , der meine Krankheit fühlt und sieht . Sie ist also nicht die meinige , sondern die deinige ! Darum befürchte ich sehr , daß wir die Gastfreundschaft dieser guten Dinarun nötig haben , um dich wieder gesund pflegen zu können ! « Wer da meinte , diese Worte seien im Fieber oder aus Unverstand gesprochen worden , der hätte sich geirrt . Ich begriff den lieben , kleinen Kerl sehr wohl . Er machte den Ernst zum Scherze , um mich zu beruhigen , doch gelang es ihm freilich nicht , mich zu täuschen . » Ihr nehmt es also an , unsere Gäste zu sein ? « fiel da der Scheik schnell ein . » Ja , « antwortete Halef . » Denn wir brauchen vielleicht einige Zeit , um dem alten , zahnlosen Weibe , welches mein Sihdi von weitem kommen sieht , begreiflich zu machen , daß es sich weder schickt noch ziemt , mit Leuten zu verkehren , wie wir beide sind . Und während dieser Frist sind wir natürlich gern bereit , euch so nützlich zu sein , wie es die Pflicht eurer Gäste ist . « Das war es , was der Scheik hören wollte . Er zauderte nicht , Halef beim Worte zu nehmen : » Auch gegen die Dschamikun ? « » Jawohl . Das ist ' s ja grad , was ich meine ! « Da war das Wort hinaus , welches auszusprechen ich gezögert hatte ! Zwar hätte ich Halef in die Rede fallen können ; aber das wäre auffällig gewesen , und , wie bereits gesagt , es blieb uns keine Wahl . Die Schnellfertigkeit des Hadschi hatte in diesem Falle keinen Fehler begangen , sondern nur etwas eher zugestanden , was ich , der Bedächtigere , später doch auch nicht hätte verweigern können . Das Versprechen mußte dem Scheik wertvoll sein , denn er verbeugte sich gegen uns beide , hob die Hände bis zur Brust empor und sprach : » So ist der Bund zwischen euch und uns geschlossen . Eure Feinde sind auch unsere Feinde und unsere Freunde sind auch eure Freunde . Wir wollen das Brot darüber essen ! « Er zog ein Stückchen dünnen Brotfladen aus der Tasche seines Haïk , brach es in drei Teile , schob den seinigen in den Mund und gab uns die beiden anderen . Da war nichts anderes zu thun ; wir mußten sie nehmen und essen , worauf wir uns in jeder Beziehung als Dinarun zu betrachten hatten . Halef war nicht nur vollständig damit einverstanden , sondern er freute sich sogar darüber . Er ging um das Feuer , zu dem Scheike hin , reichte ihm die Hand und sagte : » Ich habe vorhin nicht etwa geschlafen , sondern alles vernommen , was du erzähltest . Ihr habt uns heut beigestanden , diesen Dschamikun alles , was sie uns raubten , wieder abzunehmen . Nun werden wir euch beistehen , eure Herden wieder zu bekommen und den Tod eurer Wächter zu rächen . Zwar sind wir nur zwei Personen , aber - - - « Da unterbach ihn Nafar : » Aber ihr zählt für viele . Das wissen wir wohl ! Solchen Gewehren , wie ihr sie besitzt , kann kein Feind widerstehen , und ebensowenig kann , wenn ihr eure Pferde reitet , ein Fliehender euch entkommen . Vielleicht ist die Krankheit , von welcher ihr redet , eine Täuschung . In diesem Falle könnten wir schon morgen oder doch übermorgen aufbrechen , um den Dschamikun die wohlverdiente Strafe zu erteilen ! « » Ich bin schon morgen bereit dazu , « erklärte Halef , » und mein Sihdi ganz gewiß ebenso ! Ihr werdet es nicht bereuen , uns getroffen und hierher begleitet zu haben . Doch ehe wir morgen aufbrechen , muß über diese Diebe hier das Wort des Gerichtes ausgesprochen werden . Es hat mich gewundert , dein Herz so mild gegen sie zu sehen , besonders , nachdem du uns gesagt hast , daß sie zu demselben Stamm gehören , an welchem auch ihr euch zu rächen habt . « Halef sprach diese Bemerkung gewiß ganz absichtslos aus , doch schien es mir , als ob sie dem Scheik nicht recht gelegen komme . Er antwortete nicht . Da hielt ich es denn für nicht unklug , diesen Eindruck durch die direkt an ihn gerichtete Frage zu verstärken : » Als diese zwölf Männer euch heut begegneten , habt ihr denn nicht mit ihnen gesprochen ? « » Nein , « antwortete er . » Das sagte ich euch doch schon . « » Warum habt ihr sie denn nicht angehalten ? « » Weshalb hätten wir dies thun sollen ? Wir kannten euch noch nicht , hatten also noch keinen Bund mit euch geschlossen und wußten ebensowenig , daß ihr von ihnen beraubt worden waret . « » Habt ihr sie denn nicht als Dschamikun erkannt ? « » Nein ! « antwortete er auffällig schnell . » Sonderbar ! Dieser Stamm hat euer jetziges Lager überfallen ? « » Ja . « » Und hierauf wagten sich zwölf einzelne seiner Leute so nahe an dieses heran ? Diese Dschamikun scheinen nicht nur kühne , sondern sogar verwegene Krieger zu sein . « » Das sind sie allerdings ! « » Und du wünschest eine so gelinde Strafe für sie ! Wenigstens als Geisel hättest du sie von uns fordern sollen ! « » Das ist es , was ich noch thun werde . Ihr Schicksal ist ja noch gar nicht entschieden ! « Er sah mich forschend an . Er mochte fühlen , daß ich nicht ohne Mißtrauen sei . Dann fuhr er fort : » Ich wünschte ja nur deshalb , sie nur leicht von euch bestraft zu sehen , damit sie mir für eine schwere Sühne übrigbleiben . Freigelassen werden sie auf keinen Fall ! « » So können wir befriedigt sein , Sihdi , « meinte Halef , indem er an seinen Platz zurückkehrte , um sich niederzulegen . » Wir haben wieder , was uns fehlte . Mit der Strafe brauchen wir ja nicht zu eilen . Damit hat es auch Zeit , bis wir von dem Zuge gegen die Dschamikun zurückkehren . Und da wir ihn , wie ich denke , schon morgen antreten werden , so brauchen wir jetzt Ruhe . Wir wollen also schlafen . Gute Nacht ! « » Gute Nacht ! « sagte auch Nafar Ben Schuri , indem er sich niederlegte . Vielleicht war es ihm recht lieb , jetzt nicht weitersprechen zu müssen . Auch ich streckte mich unter meiner Decke aus , doch nur , um zu thun , als ob ich schlafen wolle . Selbst wenn es nicht meine Absicht gewesen wäre , die ganze Nacht wach zu bleiben , hätte ich jetzt doch nicht schlafen können . Sie gaben mir ja beide mehr als genug zu denken , Halef sowohl wie auch der Scheik der Dinarun . Ich schrieb das plötzliche Aufspringen des ersteren und seine eifrige Teilnahme am Gespräche dem Fieber zu . Er hatte , anstatt mich zu beruhigen , meine Sorge um ihn nur vergrößert . Und diese Sorge wurde nicht geringer , wenn ich an Nafar Ben Schuri dachte . Ich bin von jeher so herzlich gern ein dankbarer Mensch gewesen . Vielleicht ist es einer meiner größten Fehler , das Gute , welches mir erwiesen wird , in der Weise zu vergrößern , daß der , welcher es that , mich für seinen ewigen Schuldner halten muß . So zählte ich auch jetzt im stillen alles auf , was wir heut dem Zusammentreffen mit den Dinarun zu verdanken hatten . Ich verkleinerte nichts und suchte , möglichst viel zusammenzufinden ; aber trotzdem wollte es mir nicht gelingen , es zu einem klaren , reinen , fest überzeugten Gefühle der Dankbarkeit zu bringen . Warum das nur ? Ich wollte gern lieb und gut über diese Leute denken , aber ich brachte das nicht fertig . Es gab einzelne Beobachtungen , und es gab auch Worte , welche an sich vielleicht ganz unverfänglich waren , aber dadurch , daß ich sie zusammenhielt und miteinander verglich , eine für mich unwillkommene und unerwünschte Bedeutung bekamen . Ja , wir waren am gestrigen Nachtlager beraubt worden und hatten die erlittenen Verluste wieder zurückgewonnen . Nun hätte ich ruhig sein können . Aber ich war es nicht . Es lag ein Ahnen , ein Fühlen , ein Empfinden in mir , als ob der von uns erlittene Schaden doch noch nicht ersetzt worden sei , oder als ob uns ein anderer , neuer Nachteil getroffen habe , der erst später und viel schwerer auszugleichen sei . Solche innere Stimmen scheinen zunächst undeutlich und unbestimmt zu sprechen , aber dann , wenn ihre Warnung zur Wahrheit wird , ist man gezwungen , einzusehen , daß man sie bei etwas größerem Vertrauen gar wohl verstanden hätte . Es war kein Befehl gegeben worden , das Feuer zu unterhalten . Darum ging es nach und nach aus . Ich that nichts , dies zu verhindern , denn der Himmel stand voller Sterne , und der Schein , welchen sie herniedersandten , war hell genug für mich , die Gefangenen zu beobachten . Es bewegte sich nur selten einmal einer von ihnen , und dann auch nur , um sich von der einen Seite auf die andere zu wenden . Des Gedankens , sich von den Fesseln zu befreien und zu fliehen , schien keiner fähig zu sein . Halef schlief . Ja , er schlief wirklich , fest und ruhig . Sein Atem ging regelmäßig . Das machte mir Hoffnung . Vielleicht hatte ich doch zu schwarz gesehen . Manchmal freilich ging ein Schauer über seinen Körper und dann bewegte er sich , als ob er im Begriff stehe , aufzuwachen . Das konnte aber auch von der nächtlichen Kälte sein , weil , wie bereits erwähnt , in Persien die Wärmeunterschiede zwischen Tag und Nacht ganz bedeutend und viel größer sind als bei uns . Erst gegen Morgen wachte er auf , und da fror es ihn allerdings so , daß er sich schüttelte . Es war schon hell , und so sah er , daß ich munter war . » Du hast auch schon die Augen offen , Sihdi ? « fragte er . » Die Dinarun schlafen noch , obgleich es Zeit zum Morgengebete ist . Ich werde mich also waschen gehen . « Ich hätte ihn gern gebeten