was sollte sie allein in ihren vier öden toten Wänden , vor denen ihr graute , seit sie das warme Leben in Gerharts Armen , an Gerharts Herzen kennen gelernt hatte . Heimlich gestand sie sich ' s , dass sie ihm dankbar sein müsse , dass er nicht auf einem völligen Zusammenleben bestand , denn im tiefsten Innern ihres Herzens fühlte sie , dass sie schwach genug gewesen wäre , es ihm nicht zu weigern . Was hatte sie auch zu verlieren ? Auf wen Rücksicht zu nehmen ? Fremd , wie sie nach Berlin gekommen war , war sie geblieben . Niemand ausser Gerhart hatte je nach ihr gefragt . Lena ging ihre eigenen Wege , der Vater kümmerte sich nicht um sie , die einzige , die ihr Gewissen schlagen machte , war die tote Mutter . Und doch , wenn sie aus seligen Gefilden zu ihr niedersehen konnte , abgeklärt und rein , keinen irdischen Vorurteilen mehr unterworfen , gönnte sie ihrem Kinde vielleicht das warme zärtliche Plätzchen am Herzen des geliebten Mannes . Und noch eins gab es für Lotte , das ihr in zaghaften Stunden Mut einflösste . Sie war keine grosse Menschenkennerin , aber so viel sagte sie sich doch : Gerhart war jung , war wandlungsfähig . Der Traum von der freien Liebe , in der allein er heute Heil und Seligkeit sah , würde vorübergehen . Und wenn sie dann beide so viel erworben hatten , dass sie einen Hausstand gründen konnten , würde er sie heiraten und niemanden würde sie mehr zu fürchten und zu scheuen haben . Selten waren die Stunden , in denen sie so klügelnd sich selber Mut machen musste . Nach der langen Zeit herber Not und zehrender Sorge , unausgesetzten Widerstandes gegen Gerharts Liebeswerben , liess Lotte sich jetzt willenlos dahintragen von den sanft einlullenden Wellen ersten zärtlichen Liebesglücks . Am ersten April verliess Lena die Wohnung in der Zimmerstrasse , um in die behaglichen Zimmer neben ihrem Geschäftslokal überzusiedeln . Ihren Anteil an der Miete hatte sie Lotte bis auf weiteres bezahlt . Bornstein , der in der letzten Zeit öfter nach der Zimmerstrasse gekommen war , hatte zwar den Vorschlag gemacht , Lotte möge im Guten versuchen , aus dem Kontrakt zu kommen , für sie allein würde ja eine Stube und Küche anderswo am Ende genügen . Gerhart aber , der übrigens absichtlich noch niemals mit Bornstein zusammengetroffen war , wollte davon nichts hören . Lotte sollte in seiner unmittelbaren Nähe bleiben und nicht durch lästige Wohnungsveränderungen aus ihrem Frieden herausgerissen werden . Es würden sich schon Mittel und Wege finden , das nötige Geld aufzubringen . Einstweilen hatte er freilich Anstalten gemacht , das gerade Gegenteil zu erreichen . Er hatte an Frau Wohlgebrecht geschrieben , dass er zum ersten Oktober aus ihrem Geschäft ausscheiden müsse . Er könne es nicht länger verantworten , seine Zeit und seine Kräfte derartig zu zersplittern . Er würde bis dahin soweit sein , nicht nur auskömmlich , sondern glänzend von seiner Feder leben zu können . Ursprünglich hatte er der Tante gleichzeitig eine Andeutung über seine und Lottes Beziehungen machen wollen , da er wusste , wie lieb die alte Frau das Mädchen hatte . Dann aber war er davon zurückgekommen . In ihrer bürgerlichen Beschränktheit würde Frau Wohlgebrecht zweifellos gleich von heiraten sprechen , und auf seine Erwiderung , dass die Verhältnisse das nicht gestatteten , in ihrer grenzenlosen Güte und Familienliebe jede denkbare Unterstützung anbieten . Seine Ablehnung hätte ihn dann leicht undankbar erscheinen lassen können , und das wollte Gerhart der Tante gegenüber nicht sein . Es würde ihr schon wehe genug thun , dass er die Stellung bei ihr aufgeben wollte . Wirklich lautete auch Frau Wohlgebrechts Brief ganz verzweifelt . Musste Gerhart sie wirklich verlassen ? Genügte es nicht , eine bescheidene Hilfskraft zu engagieren , um ihn zu entlasten ? Sie selbst könne vorerst gar nicht daran denken , nach Berlin zurückzukehren . Das arme kleine Frauchen sei noch immer so schwach und hinfällig , dass sie sorgsamster Pflege bedürfe . Dazu der Mann und die grosse Wirtschaft , die doch auch nicht ganz vernachlässigt werden dürften . Es sei schon ein Kreuz um das Siechtum . Von ihr und allem , was auf ihren Schultern läge , wolle sie aber gar nicht einmal sprechen , sondern nur von ihm ! Er möge es wohl bedenken : Die bescheidene Stellung bei ihr sei doch immer eine Art Auskommen ; was wolle er denn anfangen , wenn es wieder nichts würde mit dem Verdienst durch die Feder ? Zuletzt kam dann noch die Frage nach Lotte , die in keinem von Frau Wohlgebrechts Briefen fehlte . Das Kind hatte so lange nicht geschrieben , es ging ihm doch leidlich wohl ? Seit Ende Februar hatte sie nichts von ihr gehört und jetzt waren sie schon im Mai , von dem man freilich hier oben , so nahe der russischen Grenze , noch nicht viel verspüre . Gerhart hatte den Brief zusammengefaltet und in seine Brusttasche gesteckt . Er wollte ihn morgen Lotte zeigen . Heut Abend würden sie sich , zum erstenmal seit sie einander angehörten , nicht mehr sehen . Gerhart wollte um sieben an der Sitzung einer freien literarischen Vereinigung teilnehmen , der ein geselliges Beisammensein in einem Gartenlokal folgen sollte . Lotte hatte sich standhaft geweigert ihn zu begleiten . Mit ihm allein gab es keine Skrupel mehr für sie . Aber eine Gesellschaft mit ihm besuchen , sich dort , der Sitte dieser Kreise folgend , als seine Freundin einführen lassen , das brachte sie nicht zu Wege . Gerhart war anfangs sehr verstimmt über diese Entscheidung gewesen . Er hatte Lotte mit Vorwürfen überhäuft dafür , dass sie noch immer an Vorurteile sich klammere , die er nun endlich überwunden wähnte ; aber gerade dies scheue , keusche Zurückweichen vor der Oeffentlichkeit hatte ihn dann wieder entzückt und gewonnen . Dies Kleinod für sich allein zu besitzen , war es am Ende schon wert , thörichten Vorurteilen nachzugeben . Wer weiss , ob in dieser Gemeinde , in der alles der freien Liebe huldigte , nicht am Ende auch andere Augen sich auf Lottes unvergleichlich knospende Anmut gerichtet hätten ? Und statt erneuter Vorwürfe , die sie erwartet hatte , hatte er sie so leidenschaftlich an seine Brust gepresst , als ob es schon jetzt gälte , sie einem andern zu entwinden . Lotte hatte den Abend dazu benutzt , um zu Lena herauszugehen . Erst einmal hatte sie der Schwester einen flüchtigen Besuch gemacht und weder von ihrem Geschäft noch von den angrenzenden Wohnräumen einen Eindruck empfangen . Nun war sie völlig überrascht von dem , was sie zu sehen bekam . Wahrlich , trotz manchen Grolls , den sie gegen Lena auf dem Herzen hatte , ihr Platz war wirklich in Berlin , sie war zur Grossstädterin geboren . Schon das Schaufenster mit seinen geschickt angebrachten elektrischen Flammen , die durch das Arrangement der Blumenauslagen zu förmlich malerischen Effekten gesteigert wurden , machte auf Lotte einen ausserordentlichen Eindruck . Darüber das Schild , das in grossen , weithin leuchtenden Buchstaben den Namen Lena Weiss trug . Welch eine Fülle von Erinnerungen rief dies Schild an jene Stunden in ihr wach , in der sie selbst , das Herz und den Kopf übervoll von Hoffnungen und Plänen , zuerst vor das eigene bescheidene Porzellanplättchen , das ihren Namen trug , getreten war . Was war von all den Hoffnungen und Entwürfen übrig geblieben , die sie damals beseelt hatten ? Nichts als die Erkenntnis , dass sie nicht dazu geschaffen sei , mitzukämpfen in dem heissen Kampf ums Dasein . Dass sie kein moderner Mensch , keine zielbewusste Kraftnatur sei , die ihr Leben auf eigene Hand zurecht zu zimmern weiss , keine Persönlichkeit wie die Grossstadt sie braucht und zum Dank dafür auf ihre starken Schultern nimmt . Nichts war sie , als eines jener vielen armen Mädchen , zu nichts geschaffen als zu lieben und geliebt zu werden , sich hinzugeben , hinzuopfern vielleicht für ihre Liebe . - Und seltsam , was ihr bisher als das höchste Glück , als die Ausfüllung ihres ganzen jetzigen und zukünftigen Daseins erschienen war , ihr Liebesleben mit Gerhart , kam ihr , der Position Lenas gegenüber , auf einmal nur wie eine flüchtige Episode vor , die ein Windhauch verwehen konnte . Der Boden schien ihr plötzlich unter den Füssen zu schwanken . Alles was sie gefestigt und abgeschlossen geglaubt , war ihr ins Wanken geraten , und zum erstenmal wieder seit langen Zeiten schlugen ihr jene erbarmungslosen Worte ans Ohr , die sie so ahnungsvoll durchschauert hatten : » Ja , jede Grossstadt ist ein Zwinger , Der rot von Blut und Thränen dampft ! Drum hütet Euch , ihr armen Dinger , Denn diese Welt hat schmutz ' ge Finger , Weh , wem sie sie ins Herzfleisch krampft ! « Ihre Lippen hatten es , ohne dass sie selbst es wusste , vor sich hin geflüstert , während sie vor dem glänzend erleuchteten Schaufenster ihrer Schwester stand . Wie war diese seltsame Stimmung nur so plötzlich über sie gekommen ? Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen . Was war das nur mit ihr ? Wie im Fieber bebend stand sie da . So konnte sie unmöglich bei Lena eintreten . Langsam fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn , wie Gerhart es ihr zu thun pflegte , wenn sie erregt war . Dann , ohne zu beachten , wie viel dreiste Blicke ihr folgten , schritt sie ein paar Mal vor dem Hause auf und nieder . So , nun war sie wieder die alte , nun konnte sie Lena begrüssen . Vorn in dem geräumigen Ladenraum hantierte ein junges Mädchen in einer hellen Blouse mit stark eingeschnürter Taille . Sie spritzte die gebundenen Sträusse und die losen in malerischer Unordnung umherliegenden abgeschnittenen Blumen an . Ein süsser , betäubender Duft von Veilchen , Maiblumen , Rosen und Tuberosen schlug Lotte entgegen . Als sie das Mädchen nach ihrer Schwester fragte , zeigte dieses mit der Hand nach rückwärts , wo in einem mit Palmen fast verstellten Raum Stimmen laut wurden . » Fräulein sind da drinne « , sagte sie in unverfälschtem berlinerisch , und ohne sich weiter um die Eingetretene zu kümmern , setzte sie ihre Spritze wieder in Bewegung . Lotte suchte sich den Weg zwischen den Palmen hindurch bis in das anstossende Gemach . Halb erschreckt , halb verwundert , prallte sie einen Augenblick vor dem Anblick zurück , der sich ihr so unerwartet bot . In einem kleinen , ganz in türkischem Geschmack eingerichteten Raum sass auf einem niederen Polster Lena , eine Cigarette zwischen den Lippen , ihr gegenüber lehnte ein junger Offizier mit beiden Armen auf einem kostbar eingelegten Tisch , und während er blaue Ringe in die Luft blies , erzählte er Lena eine , allem Anschein nach überaus lustige Geschichte . Lottes unerwarteter Eintritt schien die beiden nicht im geringsten zu genieren . Lena sprang auf und umarmte ihre Schwester , und während sie den Arm noch um Lottes Taille geschlungen hielt , stellte sie ihr den Offizier als Leutnant von Strehsen , Clotildes und Elisabeths Bruder vor . » Die freilich nichts mehr von mir wissen wollen « , fügte sie lachend hinzu . » Der Herr Leutnant hat mir eben die Kriegserklärung seiner Familie überbracht . « » Unfreiwillig , gnädiges Fräulein , gänzlich unfreiwillig « , fiel Kurt näselnd ein . » Wie Sie sehen , lege ich ' s Ihnen nicht zur Last « , sagte Lena , ihm die Hand reichend , die er nach Lottes Ansicht unnötig lange in der seinen behielt . » Aber Herr Bornstein wird böse sein , sehr böse sogar , darauf können Sie sich gefasst machen . « Kurt machte ein verblüfftes Gesicht . Daran hatte er noch gar nicht gedacht . Das konnte eklig werden ! » Auf mich auch ? Meinen Sie , Fräulein Lena ? « Lena verstand ihn sofort . Der arme Junge sass schon wieder ' mal in der Klemme und brauchte Bornsteins offene Hand . » Na lassen Sie gut sein , Herr Leutnant . Ich werde das schon machen . Schliesslich , was können Sie dafür , wenn Ihre Mutter und Ihre Schwester so be - « » Sprechen Sie es ruhig aus , so beschränkt sind . « Lena lachte . » Ja , das wollt ' ich wirklich sagen . Ob man ein Telephon bedient oder Blumen verkauft , bleibt sich doch wahrhaftig gleich - « Da weder Lotte noch Kurt antwortete , fuhr sie fort : » Na ja , ich sehe ja ein , dass ich das alles einstweilen von Herrn Bornstein annehme , mag ihnen nicht passend erscheinen - aber schliesslich sind sie doch nicht meine Richter - und dann in einem Jahr wird das alles schon anders aussehen . Ich denke doch selbst nicht daran , mich Herrn Bornstein so sehr zu verpflichten . « Dabei sah sie , schon wieder heiter , den Leutnant schelmisch von der Seite an , als ob sie sagen wollte : machst Du ' s denn besser ? Und hast nicht ' mal Aussicht , Dich Deiner Verpflichtungen zu entledigen ? Und das wissen sie ganz gut und geben doch ihren Segen dazu ! Aber sie sprach es nicht aus . Der gute Junge that ihr leid . Dass Strehsens den Unsinn begangen hatten , ohne einen Groschen Vermögen alle ihre Söhne Offiziere werden zu lassen , sollte ihm nicht zur Last gelegt werden . Sie gönnte es ihm gern , dass Bornstein ihn über Wasser hielt . Sie streckte dem Leutnant die Hand entgegen . » Also , Herr Leutnant , auf Wiedersehen . Bornstein können Sie heut nicht mehr erwarten . Der ist in Karlshorst und speist dann im Klub . Bitte , sagen Sie Ihrer Frau Mutter und Ihren Schwestern , dass ich trotz ihrer Verachtung und ihres Zorns einstweilen noch recht vergnügt am Leben sei . « Kurt nahm nun endlich , und zwar recht widerwillig seine Mütze . Das war eine Verabschiedung sans phrase . Er wusste nicht recht , ob er sie seiner Botschaft oder der Gegenwart der kleinen Schwester zu verdanken hatte . Jedenfalls war er für den Augenblick entlassen . Bei seiner Verehrung für Lena ein fataler Moment , der ihm indess noch Stimmung liess zu bemerken , dass Lenas Schwester gleichfalls ein » reizender kleiner Käfer « sei , beinahe noch hübsche als seine gute Freundin , die Extelephonistin . Und die » Gigerlkönigin « pfeifend schritt der Leutnant durch den Laden in dem erhebenden Bewusstsein , dass Berlin doch » ein jöttliches Pflaster « und Kurt von Strehsen einer seiner beneidenswertesten Treter sei . Nachdem der Leutnant gegangen war , sah Lotte sich in dem kostbar eingerichteten Raum um , dann , immer ohne ein Wort zu sprechen , blickte sie lange auf ihre Schwester . Lena wurde dies Schweigen endlich unbehaglich . » Was siehst Du mich denn so merkwürdig an , Lotte ? Ach so - « und sie blickte an sich herunter auf das chike helle Frühjahrskleid , das sie trug - » Du wunderst Dich , dass ich die Trauer abgelegt habe ? Bornstein mochte das nicht . Er sagt , Trauerkleider , das macht einen schlechten Eindruck in einem jungen Geschäft , noch dazu in einem Blumengeschäft , wo alles bunt und heiter sein soll ! « » Und Du thust alles , was Herr Bornstein wünscht ? « Lena lachte laut auf . » Das fehlte noch ! Aber hier im Geschäft , weisst Du , muss ich mich schon ein bischen nach ihm richten , weil er mir doch alles Geld dafür vorgestreckt hat ! « Lotte sah ihre Schwester nachdenklich an . » Freilich da hat er viel für Dich gethan , und ich meine immer , wenn jemand so viel für einen thut - « und sie sah missbilligend auf den Platz , auf dem der Leutnant zuvor in breiter Behaglichkeit gesessen hatte . Lena verstand sie sofort . » Nein , Lotte , Du bist zu komisch . Ich glaube wirklich , Du bildest Dir ein , Bornstein und ich wären Liebesleute und er hätte ein Recht auf mich . « Sie knipste den Nagel des Daumens und des dritten Fingers zusammen . » Noch nicht so viel ist zwischen uns . Gute Freunde sind wir , weiter nichts . Schön dumm wäre ich , wenn ich mich auf was Anderes einliesse . Heiraten thut er mich ja doch nicht - und was hab ' ich nachher ? « Lotte war totenblass geworden . Wie die Posaunen des jüngsten Gerichts tönten ihr Lenas leicht und fröhlich hingeworfene Worte im Ohr . » Heiraten thut er mich ja doch nicht - und was hab ' ich nachher ? « » Herrgott , Lotte , was ist denn mit Dir ? Du siehst ja kreideweiss aus ! « Lena nahm die Halbohnmächtige erschreckt in den Arm . » Fräulein , Fräulein - schnell holen Sie den Portwein vom Büffet . Meiner Schwester ist nicht gut . « Halbtot , mit geschlossenen Augen lag Lotte in Lenas Arm . Erst nachdem sie ein paar Tropfen von dem schweren Wein getrunken hatte , kam wieder Leben in ihr blasses Gesicht und ihre eiskalten Hände . Lena streichelte sie und überredete sie gutmütig , nach vorn mit ihr in den Laden zu gehen . » Die Luft ist nicht gut hier in dem kleinen türkischen Loch « , sagte sie , sich zum Scherz zwingend , denn Lottes Zustand flösste ihr ernsthafte Besorgnis ein . » Komm , wir gehen in den Laden . Die Thür nach der Strasse ist auf , da bekommst Du frische Luft . Du setzt Dich in ein Eckchen und ich thue derweil meine Arbeit . « Lotte folgte ihr mechanisch . Nach und nach wurde ihr wirklich besser , Lenas muntere Thätigkeit brachte sie auf andere Gedanken . Wie sie die Schwester so heiter hantieren sah , musste sie daran denken , wie recht der Vater und Franz Krieger gehabt , dass sie für ein Mädchen wie Lena keine Gefahr darin sahen , in Berlin einen Beruf zu suchen . Lena hatte wirklich das frische » Zugreifsche « , auf das der Vater seine Hoffnung für sie gesetzt hatte . Wie Lotte so nach Haus zurückdachte , fiel ihr gleichzeitig ein , wie lange sie nichts von der Heimat gehört und wie viel länger noch sie selbst nicht geschrieben hatte . Ein letzter , gutherzig fürsorglicher Brief von Franz Krieger lag noch immer unbeantwortet zwischen ihren Geschäftsbüchern . Mein Gott , wenn er wüsste ! Er , der sie noch immer lieb zu haben schien , der sich noch immer um sie sorgte ! Nein , sie konnte ihm jetzt nicht schreiben , gerade ihm nicht . Um nichts in der Welt ! - - Gerharts Frühlingsdrama machte ungeheure Fortschritte . Er arbeitete mit einem Schwung , als ob ihm Flügel gewachsen wären . Eine merkwürdige , fast krankhafte Ausdauer war über den unstäten Menschen gekommen , der sich sonst von jeder Stimmung , von jeder Laune hatte treiben lassen . Seine ganze Seele war bei dieser Arbeit , in der er ein Stück ureignen Wesens niederlegte . Sein ganzes heisses Liebesleben mit Lotte strömte er in dieser Dichtung aus , und wenn ihm einmal die Kraft versagte , griff er zu seiner alten Praxis und berauschte sich immer aufs neue an der Glut seiner eigenen Leidenschaft . Wenn Lotte dann , was ihr noch immer geschah , scheu von ihm zurückwich , rief er seine Muse , seine Göttin in ihr an . Mit tausend Eiden schwur er ihr immer aufs neue , dass ihre Liebe ihm für seine Arbeit so notwendig sei , wie dem Verschmachtenden ein Tropfen Wasser zum Leben . Er nannte sie seine Laura , seine Friederike , und immer wieder besiegt , sank das schwache zärtliche Geschöpf in seine sehnsüchtig ausgestreckten Arme . Seit jenem Abend bei Lena hatte Lotte sich ' s vorgesetzt , mit Gerhart über ihre Zukunft zu sprechen . Ehrlich und aufrichtig wollte sie ihm sagen , dass sie , trotz all ihrer Liebe zu ihm , nicht über das hinfort käme , was er » eingefleischte bürgerliche Vorurteile « nannte . Dass sie die freie Liebe für einen sündigen Rausch halte , dem ein Ende gesetzt werden müsse . Dass sie sich trennen wollten , bis die Mittel zur Heirat gefunden seien . Aber sie kam nicht dazu . So weit hatte sie in seinem Umgang doch schon einen freieren Blick gewonnen , dass sie einsah , seine Arbeit konnte nur von einer wilden freien Leidenschaft getragen , gedeihen . Er konnte sich jetzt nicht von ihr trennen , wollte er seine Arbeit nicht aufs Spiel setzen , noch weniger aber konnte er gerade jetzt seiner Ansicht nach » spiessbürgerliche Entschlüsse « fassen . Und ihn um selbstsüchtiger Gründe willen um das Glück des Schaffens , um die Hoffnung auf Erfolg bringen , das brachte Lotte nicht über ihr gutes , nachgiebiges Herz . - In einem freien literarischen Verein , der grosse Hoffnungen auf Gerhart setzte , hatte er kürzlich die beiden ersten vollendeten Akte seines Werkes gelesen . Lotte war nicht dabei gewesen , aber sie hatte nicht nur von Gerhart gehört , dass das Frühlingsdrama , selbst in dieser noch unfertigen Gestalt einen Sturm des Entzückens erregt hatte . Der annwesende Direktor einer freien Bühne hatte Gerhart die Aufführung im Herbst zugesichert , ja man hatte einen Vorschuss aufgebracht , um sich das Stück zu sichern und Gerhart Schmittlein die Arbeitszeit zu erleichtern . Dieser Erfolg hatte Gerhart , wenn das möglich war , einen noch erhöhten Schwung für seine Arbeit gegeben . Im Juni hoffte er fertig zu sein . Dann wollten sie ein paar Ferientage irgendwo in der Nähe verbringen . Auch Lotte würde es nötig haben . Gerhart fiel es , trotzdem er ganz in seiner Arbeit lebte , doch auf , dass sie in der letzten Zeit nicht zum besten aussah . Aber wenn er sie fragte , wich sie ihm aus . Sie wusste selbst nicht , was ihr fehlte . An einem schwülen Junitage wurde das Frühlingsdrama vollendet . Am Abend las Gerhart es Lotte in einem Zuge vor . So sehr ihr die erste Hälfte gefallen hatte , so tief es sie gerührt hatte , unzählige feine Züge aus ihrem und Gerharts Liebesleben förmlich portraitähnlich darin wieder zu finden , so wenig befriedigte sie der zweite Teil . Die ungeklärt bleibenden Verhältnisse ängstigten sie , und Gerharts Antwort , als sie ihn nach dem Warum fragte , bedrückte sie mehr , als dass sie sie beruhigt hätte . Wenn so , wie er meinte , das wirkliche Leben aussah , wenn so , unausgeglichen und verworren , es verklang , was hatte sie dann zu erwarten ? Und doch war es ihr von Tag zu Tag gewisser geworden , dass eine Klärung eintreten müsse . Etwas , das sie seit kurzem mit geheimnisvoll süssem Schauer ganz erfüllte , drängte übermächtig dazu . Noch hatte sie keine Gewissheit , aber ihr ganzes Wesen schien ihr selbst wie von einem heiligen Wunder durchsetzt zu sein . In der ersten ruhigen Stunde wollte sie ' s Gerhart vertrauen , dann musste ja Klarheit werden . An die Möglichkeit , dass dieser fanatische Wirklichkeitsdichter hinter sein eigenes Leben , hinter das ihre und vielleicht das eines Dritten ein Fragezeichen , eine unlösbare Ziffer setzen könnte , um sich selbst treu zu bleiben , dachte sie nicht . So weit hatte ihre gesunde Natur sich von seiner krankhaften noch nicht verwirren lassen . Am nächsten Morgen fuhren sie nach Friedrichshagen hinaus . Der Tag war warm , aber nicht so schwül , als der vergangene , die Luft rein und etwas bewegt . Die Fahrt wurde ziemlich schweigsam zurückgelegt . Gerhart war abgespannt von der fieberhaften Thätigkeit der letzten Wochen . Jetzt , nach der Vollendung seines Werkes , trat der natürliche Rückschlag ein . Auch beherrschte ihn eine leichte Verstimmung gegen Lotte , ihrer Auffassung der letzten Akte wegen . Wenn er es auch nicht allzu schwer nahm - ein ernsthaftes Urteil konnte er ja am Ende nicht von ihr verlangen - so hatte es ihn doch peinlich berührt , dass der Schluss des Frühlingsdramas eine so geringe Wirkung auf sie ausgeübt hatte . Lotte machte keinen Versuch , Gerharts Schweigsamkeit zu unterbrechen . Sie war in einer weichen , müden , ihr selbst rätselvollen Stimmung . Träumerisch lag sie gegen die Bank zurückgelehnt und blickte beinahe gedankenlos in den lichtblauen Himmel , auf die Felder , Gärten und Ortschaften hinaus , an denen der Zug sie vorüberführte . Gerhart liess verstohlen die Blicke zu ihr hinüberschweifen . Er hatte sie selten so reizend gesehen wie heut . Sie hatte auf seinen Wunsch für diesen Tag die Trauer abgelegt und trug ein einfaches weisses , zierliches Waschkleid , ohne jeden Ausputz , ohne jede Farbe . Den Hut hatte sie abgelegt . Das krause goldblonde Haar fiel ihr in feinen Löckchen in die Stirn . Mit einer ihr selbst unbewussten Sehnsucht , mit einer tastenden Frage blickten ihre tiefen graublauen Augen ins Weite . Ueber ihrem ganzen Wesen lag ein eigentümlicher , blumenhafter Zauber : etwas geheimnisvoll Werdendes , etwas Reifendes und doch unendlich Keusches , wie die Frucht , die aus der kaum erschlossenen Blüte drängt . In Friedrichshagen suchten sie eine Gartenwirtschaft dicht am Wasser auf . Am Ufer ihnen gegenüber zogen sich in sanften grünen Linien die Müggelberge hin , von dem schlanken Aussichtsturm gekrönt . Die Luft war ganz still geworden . Wie ein grosser klarer Spiegel lag das Wasser vor ihnen da . Träumerisch blickte Lotte in die leise auf dem Strand verrinnende Flut . Dieses einfache Landschaftsbild erfüllte sie mit unendlicher wehmütiger Freude . Es erinnerte sie an die waldumsäumten Seen ihrer Heimat und mit der Heimat an die Mutter . Leise stahl sie sich in Gerharts Arm und blickte mit grossen zärtlichen Augen zu ihm auf . Er war ja nun ihr Alles , ihre Heimat , ihre Familie ! Er drückte Lotte an sich und wies mit der Hand nach dem jenseitigen Ufer . » Nach dem Essen fahren wir hinüber in den Wald . Dort sind wir allein , ganz allein . « Ein kleiner befreiender Seufzer hob Lottes Brust . Sie fühlte , dort würde sie endlich sprechen können . Die Mahlzeit , zu der der Kellner jetzt rief , war einfach und bald verzehrt . Sie mussten sich sehr einrichten , wenn sie keine Schulden machen wollten . Von dem Vorschuss war nicht viel mehr übrig . Kleinere Skizzen , die Gerhart jetzt schnell hätte verwerten können , seit er offiziell zu der Clique der Modernen gehörte , hatte er während der Arbeit an dem Frühlingsdrama nicht geschrieben ; Lottes Verdienst aber reichte nur gerade aus , um das Notwendigste in ihrer jetzt mehr als einfachen , ja kümmerlichen Wirtschaft zu bezahlen . Wenn Lena es nicht übernommen hätte , während des laufenden Vierteljahrs noch für die Miete aufzukommen , Lotte wäre die Not über dem Kopf zusammengeschlagen . Nach dem Essen nahmen sie ein Boot und liessen sich bis an den Wald hinüberrudern . Gegen Mittag war es nun doch bedeutend wärmer geworden , und auf dem Wasser hatte die Sonne so heiss gebrannt , dass sie keine rechte Freude an der Ueberfahrt gehabt hatten . Erst im Walde atmeten sie wieder auf . Wie gut das that , sich hinstrecken zu können im Schatten der grossen Kiefern und zu dem blauen , hochgewölbten Himmel aufzusehen ! Gerhart hatte sich ' s zuerst bequem gemacht . Die Hände unter dem Kopf gefaltet , hatte er sich platt auf den sonnendurchwärmten Waldboden geworfen . Ein paar Augenblicke hatte er mit geschlossenen Lidern fast regungslos dagelegen , dann hatte er nach Lotte gerufen , die um ein paar Schritte weiter auf einem niederen Moosrücken sass und einen Grashalm sinnend durch die Finger gleiten liess . Sie kam sogleich zu ihm und kniete neben ihm nieder . » Küss ' mich doch ! « sagte er ein wenig ungeduldig , ohne die Augen aufzuschlagen . » Wozu sind wir denn hier ? « Lotte küsste ihn sanft auf die Stirn und die geschlossenen Augen . Er aber nahm den rechten Arm unter dem Kopf hervor und zog sie heftig an sich . » Weib , Weib « , flüsterte er wild . » Gerhart ! « Es lag etwas so banges in ihrem Ausruf , dass er sie augenblicklich los liess und sich aufrichtend ihr ins Gesicht sah . » Mein Gott , was ist denn nur mit Dir , Du siehst ja schon wieder totenbleich aus ! « Sie drückte sich schluchzend an seine Brust . » Gerhart - ich - o - ich ängstige mich so sehr - « » Du ängstigst Dich ? Ja , wo vor denn ? « Er verstand sie ganz und gar nicht . Dann plötzlich stieg eine dunkle Ahnung in ihm auf . Er fasste nach ihrer Hand und sah ihr tief in die Augen . Und stammelnd , unter Schluchzen und Jubeln rang sich ihr das selbst noch kaum eingestandene Geheimnis aus der Brust . Einen Augenblick lang sprach Gerhart kein Wort . Totenstille war zwischen ihnen . Lotte drohte der Atem stille zu stehen . Nun zog er sie fester an sich und sagte bewegt : » Also doch , ich dachte es fast . Du warst so seltsam in der letzten Zeit . « Dann richtete er sich fest in den Schultern auf und sagte mit lächelnder Genugthuung