« Und diese Worte , welche ewig bleiben , sind die Worte von der Liebe , von der Liebe des Vaters , dessen Kinder wir sind für Zeit und Ewigkeit . Bist du ein guter Mensch , so schau hinauf zum Himmel und sag : Hast du nicht jeden einzelnen dieser lichten Sterne lieb ? Sag » Nein « , wenn du es vermagst ! Höre die Worte , welche einst nach meinem Tode mit meinen andern Gedichten veröffentlicht werden : Ich fragte zu den Sternen Wohl auf in stiller Nacht , Ob dort in jenen Fernen Die Liebe mein gedacht . Da kam ein Strahl hernieder , Hellleuchtend , in mein Herz Und nahm alle meine Lieder Zu dir , Gott , himmelwärts . Ich fragte zu den Sternen Wohl auf in stiller Nacht , Warum in jene Fernen Er sie emporgebracht . Da kam die Antwort nieder : » Denk nicht an irdschen Ruhm ; Ich lieh dir diese Lieder ; Sie sind mein Eigentum ! « Ich fragte zu den Sternen Wohl auf in stiller Nacht : » Gilt denn in jenen Fernen Auch mir die Himmelspracht ? « Da klang es heilig wieder : » Du gingst von mir einst aus Und kehrst wie deine Lieder Zurück ins Vaterhaus ! « Schau , so fest und sicher ist mein Glaube , so unerschütterlich und freudig mein Vertrauen , daß diese Sterne wohl leichter ihr Licht verlieren , obgleich ihr Dasein nach Jahrmillionen zählt , als daß ich , das noch nicht sechzig kurze Jahre alte Menschenkind , von meiner Zuversicht zum Vater lassen würde , in dessen Haus auch mir ein Platz bereitet ist , wenn ich mich seiner nicht unwürdig mache ! Sieh die Wüste im Glanze dieser Sterne liegen ! Geht er nicht vom Vater aus ? Oder denkst du , daß er einen andern Urquell habe , den du mit Hilfe deiner sogenannten Wissenschaft erreichen und chemisch begutächteln kannst , um ihn dann in Flaschen mit patentiertem Gummiverschluß per Reklame zum Verkaufe en gros und en détail auszubieten ? Ich sage dir , die einzige , untrügliche , also wahre Wissenschaft ist Gottes Allweisheit , und der Glanz , welcher von dieser Weisheit aus über alle Welten strahlt , kann von keines Menschen Sohn auf dem Wege der Wissenschaft bis an seinen Quell zurückverfolgt werden . Wenn Camille Flammarion , der bekannte französische Astronom , mit Hilfe des elektrischen Lichtes mit den Bewohnern des Mars sprechen will , so sind erst Vorfragen zu erledigen , die vielleicht in Jahrtausenden noch nicht beantwortet sind , und selbst wenn ihm dies gelänge , so hätte die Wissenschaft eine Linie nur bis zum nächsten äußern Planeten gezogen , was den unzählbaren Fixsternen und ihren unmeßbaren Entfernungen gegenüber nicht einmal als Anfang bezeichnet werden könnte . Es würde das ungefähr dasselbe sein , wie wenn der kleine , bewegliche Goldfisch in meinem Aquarium auf den Gedanken käme , den fernen Titicacasee einer ichthyographischen Untersuchung zu unterwerfen . Mein Halef nennt die Sterne am liebsten Ujun es Sema , Himmelsaugen , und als ich ihn einmal nach dem Grunde fragte , antwortete er : » Wenn ich in stiller Nacht unter dem glänzenden Firmamente liege , ist es mir , als schaue Allah mit tausend hellen , lieben , gütigen Sternenaugen aus dem Himmel auf mich hernieder , um mir zu sagen , daß ich in seinem Schutze ruhig und sicher schlafen könne . O Sihdi , ich habe diese freundlichen Ujun es Sema so herzlich lieb ! « Wenn dann der Mond erscheint und seinen lichten Schein mit ihren Strahlen vermählt , so liegt es wie ein durchsichtiges Meer von flüssigem Silber , dessen Kräuselungen im herrlichsten Perlmutterglanze flimmern , über die Wüste ausgebreitet . Ein so magisches , zauberisches Licht besitzt der Mond nirgend anderswo . In der bewegten Luft schweben seine Strahlen hin und her . Es geht die Fee der Wüste durch die helle Nacht . Der Saum ihres Gewandes streift leise über den Sand ; ein Heer von Elfen fliegt umher , die Mondesstrahlen einzufangen , um die Gebieterin mit ihnen zu schmücken . Da werden spinnenfeine Lamettafäden zu glitzernden Shawls verwoben und mit sternleuchtenden Flimmern besetzt ; smaragdene Kette und diamantener Einschlag bilden den Schleier , lang nachwehend wie ein schimmernder Duft . Aus brillantenen Scintillen entsteht das Diadem , funkelnd in märchenhafter Pracht . So schwebt sie dahin über lunarisch mild funkelnden Filigran , schöner noch als Scheheresades herrlichster Traum . Die am Tage so öde , todesstarre Wüste ist jetzt ein herrliches , geheimnisvolles Gedicht , von dessen Versen du nur den immer wiederkehrenden Refrain verstehst : » Lobe den Herrn , meine Seele , und alles , was in mir ist , seinen heiligen Namen ! Lobet den Herrn , ihr seine Engel , all seine Heerscharen , die ihr gewaltig seid an Kraft ; vollziehet seinen Willen , die ihr seine Stimme hört ! « Vernimmst du die Lobgesänge dieser Engel ? Schließe die Augen , und lausche in dein Herz hinab ! Auch dort sind leuchtende Sterne aufgegangen , und das Licht der Gottesnähe breitet sich über die erkenntnishungrige Einsamkeit . Es werden Stimmen laut in dir ; beachte sie nur ! Sie rufen dich von deinem bisherigen Pfade ab zum Karawanenwege der Gläubigen , der nach dem Lande der Verheißung führt . Deine Seele bricht auf , ihnen zu gehorchen ; deinen müden Körper aber nimmt der Schlaf in sein Arme . Allah jebarik fik ; Allah jatik nuro ; leletak sa ' ide - Allah segne dich ; er spende dir sein Licht ; gute Nacht ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Wüste , durch welche wir heut kamen , war ein südöstlicher Ausläufer der arabischen Nefud , welche selbst von den Eingeborenen sehr gefürchtet ist . Wir hatten Mühe , die Richtung beizubehalten . Sie besteht nämlich aus langgestreckten Sandhügeln , welche oft parallel , oft divergierend voneinander liegen und durch unregelmäßige Querreihen miteinander verbunden sind . Dadurch entstehen zwischen ihnen tiefer liegende Vierecke , und das Ganze würde , aus der Vogelschau gesehen , jener Art von Back- und Webwaren gleichen , welche man Waffeln nennt . Es läßt sich denken , daß es da für uns ein sehr schwieriges Fortkommen gab , weil keine zusammenhängende , ebene Strecke vorhanden war und wir , um von einem Vierecke nach dem andern zu kommen , die zwischen ihnen liegende Höhe überwinden , also aus der einen Waffel heraus und hinauf und dann jenseits wieder in die andere hinunterreiten mußten . Das ermüdete die Kamele , zumal sie keine guten Kletterer sind , außerordentlich , denn die Abhänge waren oft sehr steil , so daß die Waffeltiefen wahre Abgründe bildeten , welche um so schwerer gangbar waren , als die Wände aus lockerem Sande bestanden , welcher keinen festen Halt bot und bei jedem Schritte unter den Füßen der Hudschuhn wich . Es war da sehr leicht , auf unnütze oder gar verderbliche Umwege zu verfallen , aber erstens besaßen wir ja Erfahrung genug , zweitens war der Ben Harb ein wirklich guter Führer , und drittens folgten wir den Spuren der Mekkaner , welche durch die Wahl ihres Weges bewiesen , daß sie diese Gegend ausgezeichnet kannten und ganz gewiß schon öfters durch sie geritten waren . Wenigstens galt dies von demjenigen von ihnen , welcher die Richtung zu bestimmen hatte . Wie wir später erfuhren , war das El Ghani selbst . Diese Wüste war nicht ganz unbelebt . Es gab zuweilen einen einsamen , manneshohen Strauch , eine Eidechse und Spuren von kleinen Füchsen . Auch die Fährte eines Panthers entdeckten wir , doch gehörte er zur kleinen , weniger seltenen Art. El Münedschi verhielt sich vollständig still ; er bewegte sich kaum einmal und schien in einem immerwährenden Halbschlummer zu liegen . Wir hatten keine Ursache , ihn zu stören . Es war noch nicht Mittag , als wir , indem wir uns auf einem der beschriebenen Hügelrücken befanden , im Zurückblicken bemerkten , daß es außer uns auch noch andere Menschen in dieser Gegend gab . Wir sahen auf einem der links seitwärts hinter uns liegenden Hügel eine Schar von Kamelreitern erscheinen , welche sehr gut beritten sein mußten und große Eile verrieten . Ich zählte zweiundzwanzig Mann . Wir ritten unsern Schritt weiter . Sie kamen uns näher , und da sahen wir , daß zwanzig Mann von ihnen Uniformen trugen ; sie waren also Soldaten . Türkische Soldaten hier in der arabischen Wüste ! Das mußte einen ganz außerordentlichen Grund haben . Der arabische Beduine weist die Botmäßigkeit des großherrlichen Militärs mit aller Energie von sich ab . Auch uns ging die Sache jedenfalls nichts an , und so setzten wir also unsern Ritt ruhig fort . Nach einiger Zeit holten sie uns ein . Die zwei Nichtmilitärs ritten voran ; der eine von ihnen sprach uns an . Er war ein Perser ; das sah ich ihm mit dem ersten Blicke an . Seine Kleidung bestand ganz aus Seide , und seine Waffen waren ausgesucht schön und von hohem Werte . Gradezu einzig aber war das Hedschihn , welches ihn trug . Ein so fehlerlos gebautes , wunderbar gezeichnetes Reitkamel hatte ich noch nicht gesehen . Es war hellgrau gefärbt und fein fliegenschimmelartig dunkelbläulich getüpfelt , eine nicht älter als fünfjährige Stute mit leucotisch hellroten Augen . Und sonderbar , diese Augen schienen von dem hellen Tageslichte nicht im geringsten angegriffen zu werden , und ihr Blick war so treu , so intelligent , wie ich es noch bei keinem einzigen Kamele gesehen hatte . Die Füße waren außerordentlich klein und die Formen , ich möchte fast sagen , weiblich voll und rund . Bei einem Kamele kann natürlich von Schönheit nicht die Rede sein ; hier aber möchte ich doch eine Ausnahme machen und behaupten , daß dieses schön gewesen sei . Ich gestehe , daß ich ganz entzückt über dieses Tier war . Einen ebenso guten Eindruck machte der Reiter auf mich , doch nicht etwa seiner reichen Kleidung und Bewaffnung wegen , denn solche Aeußerlichkeiten können mir niemals imponieren . Aber er saß im hohen Sattel aufrecht und stolz wie ein König , welcher gewohnt ist , zu gebieten und sofortigen Gehorsam zu finden . Und dieser Stolz war kein gemachter , sondern ein natürlicher ; er kam von innen heraus . Auch war es kein dummer , hohler , kein mit Verachtung gepaarter Stolz , denn sein von einem dunkeln , wohlgepflegten Barte umrahmtes Gesicht trug die Kennzeichen geistiger Thätigkeit , und seine Augen hatten einen mildfreundlichen Blick , der aber erraten ließ , daß ihm das Feuer der Energie oder des Zornes auch nicht fremd sei . Alles in allem machte dieser Mann den Eindruck wirklicher Vornehmheit . Die Soldaten hatten respektvoll einen Zwischenraum zwischen ihm gelassen , und der andere Civilist , wenn ich dieses Wort hier gebrauchen darf , welcher wohl der Khabir , der Führer der Truppe war , hielt sich jetzt auch seitwärts hinter ihm , ein unwillkürlich gegebenes Zugeständnis , daß dieser Mann der Herr sei und jetzt allein zu sprechen habe . » Aessälam ' aleikum ! « grüßte er mit persischem Anklange in höflichem Tone , indem er seinen Blick forschend über uns gleiten und dann in bewunderndem Ausdrucke auf unsern Pferden haften ließ . » Vä ' aleikum ässälam ! « antwortete ich ebenso höflich und in demselben persischen Dialekte . Halef hatte schon den Mund geöffnet , um zu sprechen ; ich war ihm aber zuvorgekommen , denn seine vorschnelle Art und Weise war einem solchen Manne gegenüber nicht gut angebracht . Ueber die Züge des letzteren ging bei meiner Antwort ein freundliches Lächeln , und er fragte : » Du verstehst und sprichst persisch ? « » Ja , « nickte ich . » Bist du Perser ? « » Nein ; aber ich war wiederholt und längere Zeit in diesem Lande , habe es liebgewonnen und besitze treue Freunde dort . « » Muhäbbät-i-tu käm nä schäwäd - deine Freundschaft möge nicht abnehmen ! Ich bin Khutab Agha , der Basch Nazyr80 des Heiligtums von Meschhed Ali . Allah segne und schütze diese Stätte ! « Auch wenn er mich nun nicht so fragend angesehen hätte , wie er es jetzt that , hätte die Höflichkeit es mir geboten , ihm meinen Namen auch zu nennen . Ich that dies also : » Ich heiße Hadschi Akil Schatir Effendi und bin aus dem fernen Lande des Moghreb gekommen , um die Reiche des Ostens zu sehen und ihre Bewohner kennen zu lernen . « Das war aber meinem kleinen Halef viel , viel zu bescheiden ausgedrückt . Ich hatte das letzte Wort noch nicht ganz ausgesprochen , so fiel er schnell und außerordentlich eifrig ein : » Das ist aber nur der Anfang seines Namens ; den glorreichen Fortgang und das herrliche Ende desselben pflegt er leider aus falscher Demut zu verschweigen . Er heißt mit seinem vollständigen Namen , der aber trotzdem noch viel , viel länger gemacht werden könnte , Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram Effendi . Seine Geburtsstätte ist das große Wadi Draha , aus welchem nur berühmte Männer kommen , und in seinem Kopfe sind die Seiten , Zeilen und Paragraphen sämtlicher Wissenschaften aufgestapelt . Allah erhalte ihm diese Vorzüge seines Geistes ! « Khutab Agha wartete geduldig und lächelnd , bis dieser lange Riemen abgewickelt worden war , und erkundigte sich dann : » Und du ? Wer bist du , und wer sind die andern ? « » Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah , der oberste Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar . Diese Männer sind einige meiner Krieger , welche mit uns nach Mekka pilgern , wo wir die heiligen Stätten sehen und verehren wollen . « Das bei der Nennung meines Namens etwas ironisch gewordene Lächeln des Persers verlor jetzt diesen Ausdruck . » Ich habe von den Haddedihn gehört , « sagte er . » Sie sind sehr brave und ruhige Leute , welche die Ehrlichkeit und den Frieden lieben . Sie besitzen einen Freund aus dem Abendlande , welcher Kara Ben Nemsi Effendi heißt und ihr Lehrer in allen nützlichen Künsten des Krieges und des Friedens gewesen ist . « » Das ist richtig ; das ist wahr ! Woher weißt du das ? Von wem hast du es erfahren ? « » Von einem Manne , der mir mitgeteilt hat , daß auch du ihn kennst , wenn du wirklich Hadschi Halef bist . « » Ich bin es . Wie heißt dieser Mann ? « » Mirza Dschafar , mein bester Freund . « Mirza Dschafar ! Der bei meiner letzten Reise mit Halef durch Persien81 eine für uns so bedeutende Rolle gespielt hatte ! Der Perser nannte ihn Mirza Dschafar , nicht Dschafar Mirza , gab ihm also nicht den prinzlichen , sondern den gewöhnlichen Titel . Diese vorsichtige Art , diesen Namen zu nennen , gab mir den Beweis , daß er von Dschafar mehr wußte , als er hier sagen konnte . Ich war überrascht . Khutub Agha bezeichnete Dschafar als seinen besten Freund , aber die eigentümlichen Verhältnisse des letzteren geboten uns doch , vorsichtig zu sein . Das beste war , gar nicht weiter auf diese Bekanntschaft einzugehen ; leider aber war es dem sanguinischen Hadschi Halef gradezu unmöglich , in solchen Fällen , wie der gegenwärtige einer war , die von mir gewünschte Zurückhaltung zu üben . Ich wollte die Fortsetzung des Gespräches selbst übernehmen und ihm winken , zu schweigen ; er sah mich aber in seinem Eifer gar nicht an und rief unmittelbar nach der Nennung des Namens , so daß ich gar keine Zeit fand , das Wort zu ergreifen , in froherstauntem Tone aus : » Mirza Dschafar ! Unser persischer Freund ! Den kennst du auch ? Ja , du nennst ihn ebenso Freund , wie wir ihn nennen ? Schau hin , und sieh den Chandschar82 , welcher dort im Gürtel meines Effendi steckt ! Diese Waffe ist ein Geschenk von Mirza Dschafar , welches für ihn und uns einen großen Wert besitzt ! « O wehe ! Welch eine Unvorsichtigkeit ! Mit diesen Worten verriet Halef , ohne es zu wissen , daß ich gar nicht der Mann war , für den wir mich soeben ausgegeben hatten . Hanneh hustete warnend von ihrem Tachtirwahn herab ; er sah zu ihr hinauf , ohne sie zu verstehen . Khutub Agha ließ sein Auge langsam über mich gleiten . Kein Zug seines Gesichtes sagte mir , ob er hinter unser Geheimnis gekommen sei oder nicht ; aber er sprach von jetzt an nicht mehr zu Halef , sondern ausschließlich nur zu mir : » Erlaube , daß ich dich nach dem Wege frage , den ihr bis hierher geritten seid ! Den Grund , welcher mich diese Bitte aussprechen läßt , werde ich dir nachher gleich mitteilen . « » Wir kommen aus der oberen Dschesireh , « antwortete ich , » und sind südwärts von Hit über den Euphrat gegangen . « » Habt ihr den Nedschef-See berührt ? « » Nein . « » Also auch nicht den Karawanenweg , welcher von Hilleh und Meschhed Ali nach Mekka führt ? « » Nein . Der hat stets weit links von unserem Pfade gelegen . « » Wie schade ! « » Warum schade ? « » Wäret ihr diesen Weg geritten , so könntet ihr mir wahrscheinlich Auskunft über eine kleine Karawane geben , nach welcher wir suchen . « » Suchen ? Ihr sucht ? Sonderbar ! « » Sonderbar ? Warum nennst du unser Suchen so ? « » Weil du nach ihr suchst und mir doch sagst , wo sie zu finden ist , nämlich auf dem Wege von Meschhed Ali nach Mekka . « » So will ich dir mitteilen , daß diese Karawane allen Grund hat , sich vor uns zu verstecken . « » Wenn sie sich vor euch verbergen muß , hat sie auch alle Ursache , sich von andern , die sie an euch verraten könnten , nicht sehen zu lassen . « Er nickte leise vor sich hin , ließ ein befriedigtes Lächeln um seine Lippen spielen , als ob bei ihm ein heimlicher Gedanke Bestätigung gefunden habe , und fuhr dann weiter fort : » Ich sehe jetzt , daß du wirklich ein außerordentlich kluger Effendi aus dem Moghreb bist , denn du hast in einigen Augenblicken und in ganz wenigen Worten mehr durchdacht und mehr gesagt , als ein anderer Mann nach tagelangem Nachdenken erforschen würde und in einer stundenlangen Rede ausdrücken könnte . Ich errate darum deine Gedanken und weiß also , daß du dich wunderst , uns hier an dieser Stelle zu sehen . « » Du irrst . Ein anderer würde sich wundern , daß ihr hier seid , während du doch selbst sagst , daß die von euch Gesuchten den weit von hier liegenden Karawanenweg eingeschlagen haben . Ich aber schließe aus eurem Hiersein darauf , daß diese Leute von dem Karawanenwege abgewichen sind . Ihr werdet , denke ich , die Spuren dieses Abweichens gefunden haben . « » Effendi , du bist noch scharfsinniger , als ich dachte ! Ja , du hast recht . Wir haben entdeckt , daß sie von dem Meschhed Aliwege nach Westen abgewichen sind . « » Wußten sie sich verfolgt ? « » Nein . Aber sie mußten sich allerdings sagen , daß man ihnen sofort nachjagen werde , falls ihre That zur Entdeckung käme . « » Darf ich fragen , was für eine That es ist ? « » Dir sage ich es . Man hat das Heiligtum von Meschhed Ali bestohlen . Kannst du das glauben ? « » Warum nicht ? Ich kenne Menschen , welche noch viel Schlimmeres gethan haben . « » Etwas Schlimmeres giebt es nicht ? Wer das Heiligtum bestiehlt , der bestiehlt Allah ! « » Ein Faulenzer , ein Tagedieb bestiehlt Allah auch , denn die Tage des Lebens gehören nicht ihm , sondern Gott , und ein Lebenstag ist wenigstens ebenso wichtig wie irgend ein Gegenstand in den heiligen Mauern von Meschhed Ali oder Kerbelah . « » Ich kann darüber nicht mit dir reiten , denn als ein Mann aus Fran - - - « er hielt einen Augenblick inne und verbesserte sich dann , indem er fortfuhr , » als ein Mann aus dem fernen Moghreb mußt du anderer Meinung sein als ich . Wir entdeckten vier Tage , nachdem die Diebe fort waren , den Raub , und ich als Hüter und Bewahrer der Schätze des Heiligtumes bin ihnen ohne Verweilen nach , um sie zu ergreifen und zu bestrafen . « » Fran - - - « hatte er gesagt ; sollte das Frankistan , das Land der Franken , der Christen heißen ? Wenn dies der Fall war , so hatte Halefs Unvorsichtigkeit es allerdings verraten , daß ich Kara Ben Nemsi , nicht aber ein Mann aus dem Wadi Draha war . Nun kam es darauf an , klug zu sein und die Folgen dieser Entdeckung zu verhüten . » Wußtest du gleich , welchen Weg die Diebe eingeschlagen hatten ? « fragte ich . » Ja . Sie waren Mekkaner , also konnte ich über ihren Weg nicht im Zweifel sein . « » Es war aber auch möglich , daß sie zunächst eine andere Richtung einschlugen , um euch irre zu führen , « warf ich ein . » Ich war so vorsichtig , mir dies auch zu sagen , und traf demnach meine Vorkehrungen . Ich sandte Abteilungen auf die Wege , welche nach Kerbelah und Hit , nach Hilleh und Bagdad , nach Semawat und nach Djof führen . Daß alle diese Leute die Diebe nicht finden würden , entdeckte ich in Akabet esch Scheitan , wo ich erfuhr , daß die Mekkaner vor vier Tagen durchgekommen seien . Die Route nach Mekka , welche ich eingeschlagen hatte , war also die richtige . « » Nun seid ihr dieser Route so lange gefolgt , ohne euern Zweck erreicht zu haben . « » Du sagst leider die Wahrheit . Der Scheitan83 scheint die Schurken zu beschützen , indem er sie für uns unsichtbar macht . « » So scheint der Scheitan über eure Augen mehr Macht zu besitzen als über die meinigen . « Er sah mich erst groß an und fragte dann aber desto schneller : » Die deinigen ? Hättest du sie gesehen ? « » Ja . « » Wirklich ? « » Ja . « » Wo ? « » Den dritten Teil einer Tagereise von hier . « » Also hinter euch ? « » Ja . « » Allah sei Dank ! Ich glaube deinen Worten ; du kannst dich nicht täuschen , denn ich weiß , daß du der - - « wieder hielt er inne und gab dann seinen Worten eine andere Wendung : » daß du ein sehr kluger Effendi aus dem Wadi Draha bist . Wir müssen sofort umkehren , sofort , denn ich darf keinen Augenblick - - - « » Halt ! Uebereile dich nicht ! « unterbrach ich ihn . » Sie sind nicht mehr hinter uns , sondern vor uns . « » Wie ? Wirklich ? « » Ja . Sieh da die Spuren , denen wir folgen ! Das ist die Fährte der Diebe , die du suchst . « Kaum hatte ich das gesagt , so rief Halef aus : » Effendi , sag das nicht ! Du wirst diesen bestohlenen Beschützer der Heiligtümer irreführen . Das sind ja die Spuren der - - - « » Bitte , schweig du ! « unterbrach ich ihn trotz der Anwesenheit Hannehs , seines Sohnes und der Haddedihn in sehr bestimmtem Tone . » Du hast erfahren , daß ich stets ganz genau weiß , was ich sage ! « » Ja , « antwortete er , noch immer oppositionslustig , » ich habe ja immer zugegeben , daß dein Verstand länger ist als der meinige ; dafür ist aber meiner breiter als der deinige , und so fragt es sich also , ob hier der Irrtum in der Länge oder in der Breite liegt . « » Lieber Halef , sei ja nicht stolz auf diese Breite deines Verstandes ! Du hast trotz derselben vorhin einen Fehler begangen , der fast nicht zu verzeihen ist ! « » Ich - - - - ? « fragte er erstaunt . » Ja , du . « » Wann ? « » Vor zwei Minuten . « » Also hier ? « » Ja . « » Wodurch ? Womit ? « » Das werde ich dir später sagen . « » Nein , Sihdi ! Ich will es jetzt wissen , jetzt gleich ! « Da wendete sich der Perser an mich : » Erlaubst du , daß ich es ihm sage ? « » Ja , sage es , « antwortete ich ihm , da es dadurch auch mir klar werden mußte , wie weit die Wirkung der Unvorsichtigkeit Halefs reichte . Khutub Agha ließ sein ironisches Lächeln wieder erscheinen und forderte den kleinen Hadschi auf : » Sag mir noch einmal der Wahrheit gemäß , wer dieser dein Effendi ist ! « Halef richtete sich im Sattel in Positur und antwortete mit größter Bereitwilligkeit : » Dieser mein Effendi heißt Hadschi Akil Schatir el Megarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Ibn Hadschi Dajim - - - « » Sei still , still , still ! « fiel da der Basch Nazyr lachend ein . » So heißt er nicht . Ich weiß es besser , viel besser als du ! « » Besser - - - ? Als ich - - - ? « fragte Halef verwundert . » Ja , besser ! « » So ! Wenn du klüger bist , so sag doch seinen Namen ! « » Er ist Hadschi Kara Ben Nemsi aus Dschermanistan ! « Jetzt mußte man das Gesicht Halefs sehen ! Es wurde vor Erstaunen fast noch einmal so lang , als es vorher gewesen war . » Du weißt - - - weißt - - - weißt - - - , « stotterte er . » Ja , ich weiß ! « nickte der Perser . » Hast du ihn schon gekannt ? « » Nein . « » Gesehen ? « » Nein , auch nicht gesehen . Aber gehört habe ich von ihm und auch von dir . « » Wie kannst du da aber wissen , daß dieser Effendi hier es ist ? ! « » Es ist mir ja vorhin gesagt worden ! « » Von wem ? « » Von dir ! « » Von - - - - ? ! « Das » Mir « blieb dem Hadschi im Munde stecken . Er sah Khutab Agha aus vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen an und fuhr dann aber zornig fort : » Höre , ich verbiete dir , deinen Scherz mit mir zu treiben ! Du bist zwar als der Bewohner der Heiligtümer von Meschhed Ali ein Mann , den man mit Höflichkeit und Achtung zu behandeln hat , aber wenn du meinst , mit mir , dem obersten Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar , ein loses Possenspiel treiben zu können , so wirst du sofort erfahren , was die Zunge der Unhöflichkeit zu leisten vermag . Ich werfe dir alle Grobheiten der Erde und des Weltalls an den Kopf , und auch noch einige hundert mehr ! Sobald du dich mit mir streiten willst , können mir alle deine Heiligtümer ganz und gar nicht imponieren , weil die Wahrheit heiliger als dein ganzes Meschhed Ali ist , und du hast mir soeben die Unwahrheit gesagt . Gestehe es ein ! « » Ich kann nur eingestehen , daß ich die Wahrheit gesprochen habe . « » Beweise es ! « » Hast du vorhin von dem Chandschar gesprochen , den der Effendi im Gürtel hat ? « » Ja , das habe ich . « » Hast du gesagt , daß er ein Geschenk von Mirza Dschafar sei ? « » Ja . « » Nun , damit hast du verraten , daß der Effendi nicht Akil Schatir , sondern Kara Ben Nemsi heißt . « » Wieso ? « » Weil ich von Dschafar weiß , daß er diesen Chandschar seinem Freunde Kara Ben Nemsi geschenkt habe . « » Wann ? « » Vor einer Reihe von Jahren . « » Wo ? « » In einem Lande , welches jenseits des großen , westlichen Meeres liegt und Yeni dünja84 genannt wird . « Jetzt machte Halef wieder sein langes Gesicht . » Das stimmt ; das stimmt ganz und gar ! Allah , was giebt es doch für unvorsichtige , leichtfertige Menschen ! Wir wollen mit dem Effendi nach Mekka , und weil er als Christ die heilige Stadt nicht betreten darf , habe ich aus ihm einen berühmten , mohammedanischen Gelehrten gemacht und ihm einen Namen gegeben , dessen Länge von Bagdad bis nach Stambul reicht . Und nun ich mir alle diese Mühe gegeben habe , muß ich erfahren , daß diese Anstrengung der ganzen Breite meines Verstandes umsonst gewesen ist , weil Mirza Dschafar , unser Freund , so unvorsichtig war , dir die Geschichte von