Schlund hinwegführte , und endlich kam ein Garten auf einem Hügel , und in der Tiefe erwachte der Morgen , die Sonne : rot , schwer und langsam . Alles war zerstoben , glänzend kam der Tag . Frau Jette blieb , als die Männer zur Synagoge gingen , im Bett . Die Morgenzeitung brachte die Nachricht von dem Bankrott einer großen Nürnberger Firma . Darüber war alles erregt im Dorf . Aber der Putz , in dem die Weiber zum Gottesdienst eilten , war darum nicht weniger prächtig . In Samt und Seide , mit kostbaren Hüten und gelben Schuhen tänzelten sie an den Düngerhaufen vorüber durch das schmutzige Dorf . Ernster und stiller betrugen sich die jungen Mädchen . Es waren Mädchen mit schönen zarten Gesichtern dabei , voll jener grundlosen Schwermut , die nur den Juden eigen ist , mit jenen schwarzen Augen , die keine Tiefe haben , mit den zartleuchtenden Stirnen alter Geschlechter . Die Männer schalten und disputierten lauter als je . Sie gingen in Haufen und kamen kaum vorwärts . Alle redeten mit den Händen und fochten mit den Armen ; man danke für die Ehre , einen halben Goij zum Vorbeter zu haben ; man möge überlegen , daß Elkan Geyer nicht einmal geborener Zirndorfer sei . Das sei gleichgültig ? wenn er nur ein guter Jüd sei ? Er sei aber kein guter Jüd . Schicke er nicht seinen Sohn in die Christenschule nach Fürth ? Das täten andere auch ? dann seien andere auch Schweine , Goijem , Schabbesgoijem . Kämme er sich nicht am heiligen Schabbes mit einem Kamm ? Die schwarzen Zylinder fuhren ruh- und ratlos hin und her . Weit hinter ihnen schritt Agathon , unschlüssig , ob er dem Gottesdienst beiwohnen solle . Da gesellte sich ein junges Mädchen von etwa sechzehn Jahren zu ihm . Es war Monika Olifat , die Tochter einer jüngst aus Polen eingewanderten Frau . Sie kam aus freien Stücken zu ihm , und er errötete vor ihrer Schönheit und vor ihrer Unbefangenheit . » Sie sind Agathon Geyer ? « redete sie ihn in reinem Deutsch an , mit einer glockenhellen , melodischen Stimme . Er nickte langsam . » Ich habe von Ihnen gehört . Ihr Vater will Vorbeter werden ? « Er nickte wieder . » Aber warum wollen es die Leute nicht ? « » Ich weiß nicht . Sie sind neidische , erbärmliche Menschen . « » Braucht ihr es denn so nötig ? « » Ja , meine Eltern sind sehr arm . Wenn sie nicht die Zinsen von dem Geld hätten , das für uns Kinder beim Bankier Löwengard deponiert ist , hätten wir kaum Brot genug . « Er sprach etwas stockend und war schließlich geärgert über seine ungewohnte Mitteilfreude . » Wissen Sie was , « sagte Monika Olifat , » wir wollen Freunde werden . Vorausgesetzt , daß es Ihnen nicht langweilig ist . « Agathon sah sie an und jetzt errötete sie . » Ich suche einen Freund , « fuhr sie verwirrt und wie entschuldigend fort . » Also wollen Sie ? « Sie hielt ihm schüchtern die Hand entgegen und schüchtern legte er die seine hinein . » Freunde sind Verbündete , « sagte Monika Olifat . » Sie dürfen einander nicht verraten und nichts voreinander verschweigen . Und jetzt sagen wir uns Du . « Sie nickte ihm vertraulich zu und verschwand in dem für die Frauen bestimmten Aufgang der Synagoge . Der Tempel war ein kahler Raum mit hohen , farblosen Fenstern , alten Gebetspulten und voll moderiger Luft . Während des ganzen Gottesdienstes herrschte derselbe Lärm wie vorher auf der Straße . Erst als ein Rabbiner aus Fürth die Kanzel betrat , um zu predigen , wurde es ruhig . Diese Predigt war anfangs mit gelehrten und biblischen Zitaten geschmückt , erging sich dann in pathetischen Verwünschungen der Heiden , befaßte sich des weiteren mit der Untersuchung eines spitzfindigen Satzes aus der Mischna , empfahl die Fahne des Glaubens hochzuhalten und schloß mit einem Preis des Vaterlandes und des Kaisers . Da erschallte ein erschreckendes Gelächter im Hintergrund . Alles wandte sich mit aufgerissenen Augen um , und man sah einen alten Mann sich krümmen und verbeugen wie eine Katze und einem unsichtbaren Etwas in der Luft zugrinsen . Es war Gedalja ; Enoch Pohl ging hin , um ihn hinauszuführen . Tuschelnd verließ die Gemeinde das Haus . Als Agathon nach Haus kam , saß Gedalja fröstelnd am Ofen , und neben ihm stand Enoch in finsterem Schweigen . Elkan Geyer hockte auf der Bank am Tisch und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt . Der pausbäckige Knabe trippelte auf dem Polster eines Stuhls herum und leckte behaglich summend an der Zinneinfassung der Fensterscheibe . Der Himmel war grau und regnerisch . » Es nützt nix , Enoch , « sagte Gedalja . » Ich waaß , daß de hast vergraben dein Geld im Garten oder im Hof , viel Geld . Aber mir brauchste ja nix zu geben dervon . « » Schweig still , du versündigst dich , « erwiderte Enoch durch die Zähne . Der andere Greis schien es nicht zu hören . » Es nützt nix , « sagte er eintönig und bekümmert . » Wucher treibste aach und ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus mit aller deiner Frommheit . Ich seh dich noch kommen ins Zuchthaus , so wahr ich leb un so wahr ich da sitz . « » Du versündigst dich , « murmelte Elkan Geyer gequält . » Was soll ich tun ? Kann ich mer helfen ? Er kann helfen . Wenn er ausleiht Geld zu fufzig Prozent , soll ich halten mei Maul ? Ich hab ' s gehört von en redlichen Mann , von en bedauernswerten Mann , Enoch , den de hast gericht zu grund . Soll kommen sein Wohlstand über dich . Soll kommen sein Ansehn über dich . Aber haste zu grund gericht den Bäcker , wirste aach zu grund richten den Schuster . Un endlich wird kommen der Zugrundrichter über dich un werd haben kein Erbarmen , wie du hast gehabt kein Erbarmen , Enoch . Dann is geschändet dein Name un deine Familie un is geschändet der Jud . Haste nicht mir geliehen dreißig Taler , Enoch , voriges Jahr Ostern zu gutem un ich hab d ' r zurückgegeben fufzig Taler um Pfingsten ? Die Welt is groß un dreht sich , ich waaß un mancher verschlupft in en Winkel vor der Vergeltung , aber manchen packt ' s auch un er muß lassen Ruh un Frieden for sein Alter . Ich hab gesprochen und bin stumm . « Isidor Rosenau kam und wurde sehr lau begrüßt . Er , der bisweilen atheistische Anwandlungen verspürte , begann einen etwas umständlichen Vortrag über Widersprüche in der Bibel zu halten . Er hatte irgend etwas irgendwo aufgeschnappt und glaubte damit die ganze Schöpfungsgeschichte um ihre Vernunft gebracht zu haben . » Wenn Adam und Eva und Kain und Abel allein in der Welt waren und Abel ging hin und nahm sich ein Weib aus der Fremde , so waren sie doch nicht allein gewesen ! « So rief er triumphierend . Erst antwortete ihm niemand , dann sagte Gedalja mit einer Geste , deren Stolz und Vornehmheit Agathon unvergleichlich schienen : » Junger Mann , die Schrift is nit geschrieben , daß se wird gelesen mit die leiblichen Augen , sondern mit die geistigen . Sie soll nicht werden studiert , sondern sie soll werden getrunken wie Wein . Sie hat Symbole , daß wir können messen daran unseres eigenes Leben . Un wir sollen nicht messen daran mit der Schneiderelle , sondern mit unserm Gewissen . « Agathon fühlte seine Augen feucht werden . Er erhob sich , ging zu dem Greis und küßte ihm rasch und errötend die Hand . Doktor Schreigemut kam , um nach Frau Jette zu sehen . Er brachte eine Gemütlichkeit zum Krankenlager , als sei der Tod eine eitle Schrulle , und sein weinrotes Gesicht glänzte , als ob Kranksein den erstrebenswertesten Zustand bedeute . Er schrieb ein » Rezeptchen « , wie er sich ausdrückte , verbreitete sich eingehend über die politische Lage , kniff Mirjam in die Wange und entfernte sich befriedigt . Die Ladenglocke läutete und ein Bauer verlangte Tabak zu kaufen . Elkan Geyer rief hinaus , heute sei Feiertag und der Laden geschlossen . Er schlug die Tür zu , gleich darauf verließ er aber das Zimmer . Agathon wußte , daß er in die Küche ging , um die Magd zu bitten , daß sie den Tabak verkaufe . Der Tag ging hin . Aber diese Herbsttage sind gar nicht ; sie sterben langsam , sind bloß ein Vergehen . Sie fallen kraftlos in die Arme der heraufsteigenden Nacht , und die Nacht nimmt sie auf den Arm wie die Mutter ein Kind nimmt und es einlullt mit gesummten Liedern . Am Nachmittag half Agathon ein Zimmer für Gedalja instand setzen ; für die nächsten Wochen war dem Alten eine elende Kammer zwischen Hof und Hühnerstall überlassen worden . Dann ging er spazieren . Über sein Tun und Denken war eine leidenschaftliche Unruhe gebreitet . Der Weg führte ihn vor das Haus , wo Monika Olifat wohnte . Sie sah aus dem Fenster und winkte ihn freudig hinauf . Sie war allein ; die Mutter und die kleinere Schwester machten Besuche . » Ich freue mich , daß du gekommen bist , « sagte Monika sanft , als er in das hübsche Zimmer trat . Sie redeten eine Weile verlegen hin und her , dann brachte Monika ein Buch , woraus sie ihm polnische Gedichte vorlas . Er hatte sie darum gebeten , obwohl er die Sprache nicht verstand . Es war ihm genug , ihre Stimme zu hören , die rein und hell dahinfloß , ein ungetrübter Strom . Die Stimme machte alles heiter um ihn , und er hatte ein unbezwingliches Verlangen nach Heiterkeit und Freude in sich , ein Verlangen , das täglich wuchs und ungestümer wurde . So kam es ihm vor , daß in diesen mysteriös klingenden Versen das Herrlichste und Sonnigste enthalten sei , das je ein menschliches Ohr vernommen , und daß man sie nur zu verstehen brauchte , um von allen Sorgen erlöst zu sein . Sie klappte das Buch zu und sagte entschieden : » So , jetzt wollen wir uns unterhalten . « Das war nun wohl gesagt , aber dabei blieb es . Denn Agathon war still und Monika auch . Denn wer konnte reden , wenn es draußen dämmerte ! Der müde Himmel schien herunterzusinken , die Bäume bogen sich , verschwammen , schienen in die Erde zu fallen . Das Wasser auf den Wiesen spiegelte den Himmel wider , stets matter und matter , wie Glas , das überhaucht wird . Agathon sah nur noch die zarten Linien eines Profils , eine leicht gebogene Nase , eine schmale Stirnlinie , zuckende Lider , hinter denen dunkle Augen gleich lebenden Kugeln strahlten und ein Kinn , das ihn an eine Puppe erinnerte . » Du sprichst ja nichts , « flüsterte Monika befangen . » Laß uns nicht sprechen , « erwiderte Agathon mit bebender Stimme . » Was soll man auch sagen , « gab Monika zu . Sie ergriff seine Hand und streichelte sie vorsichtig . » Warum zitterst du denn , Agathon ? « Agathon sprang auf , nahm seinen Hut und rannte fort , - hinaus , und ging erst wieder langsam , als er in der Hauptstraße des Dorfes war . Er lächelte voll Scham und Neue . Den Kopf voll marternder Gedanken , ging er zu Hause vom Flur in den Hof , vom Hof in den Flur . Dann stieg er die Treppe hinauf , wie unwillkürlich aus dem Bedürfnis nach der Höhe . An ihrer Kammertür stand die Magd , nur mit einem Unterrock und einem Hemd bekleidet . Ihr Haar war lose , ihre festen Schultern und die Hälfte der Brust waren nackt . So stand sie vor der halboffenen Tür , schwankend beleuchtet von dem Kerzenlicht in der Kammer , und lächelte halb blöde , halb begehrlich Agathon zu . Seine Zähne schlugen aneinander , er wollte nach einem Halt greifen , er wollte etwas sagen , doch sogleich legte es sich wie eine Kette um seinen Hals und es wurde ihm so unerträglich heiß , daß er den ganzen Körper feucht werden fühlte . Mit einem dumpfen Schrei floh er . Noch besinnungslos stürzte er in die Kammer des alten Gedalja , kniete vor ihm nieder , nahm dessen Hand und flüsterte wirr , bleichen Gesichts . Der Greis fragte und konnte nichts herausbringen , doch bald bekam er auf Umwegen Klarheit . Er nickte ein paarmal wissend vor sich hin . » Setz dich her , mein Jung , und ich will dir sagen was for dein Herz un wie de sollst sein gegen die Weiber . Bin ich worn gestraft un hab gehabt zwaa Weiber nebbich un war kein Glück und kein Segen dabei . Das Weib is gut für die Stund , wenn se hat keine Sanftheit for den Mann . Sie mag sein aufgeklärt , sie mag haben Geld , sie mag sein sparsam , sie mag sein gottesfürchtig ; wenn se nicht is weich wie lehmige Erd , daß de kannst formen das Bild wo de willst , taugt se nix for dich . Und wenn de hast eine große Begehr , dann gehste hin , sonst wird verstopft dein Geist un dein Gemüt un du siehst Gespenster beim helllichten Tag . Laß d ' r nit einjagen Angst durch die falschen Lehren : es is kein Unglück un kein Verbrechen , es is menschlich un du sollst bloß schweigen davon . Un wenn de eines Tages fühlst mehr und dein Herz werd sein voll Liebe , dann gehste hin und siehst , ob se gefällt deinen Sinnen . Un wenn se gefällt deinen Sinnen , gefällt se aach deinem Haus un deine Kinder . Das wirste nit verstehn heut , aber de wirst es verstehn bald un wirst gedenken an meine Worte . « Agathon war nicht beruhigt . Im Gegenteil , er war noch erregter als vorher . Es wurde Abend und er fühlte sich gefangen in einem verworrenen Knäuel von Rätseln . Er stand in dem schmalen Vorplatz , der zur Kirche führte und wo es stockfinster war . Er drückte sich krampfhaft an die Holzplatten der Rückwand und sah in das winzige Lämpchen , das auf dem Anricht in der Küche stand . Er hörte nahende Schritte und erschrak wie ein Verbrecher . Es waren trippelnde , tastende , gleichsam spionierende Schritte und endlich kam die geduckte , spähende Gestalt Enoch Pohls zum Vorschein . Er lispelte unhörbar , seine Augen stierten in die matt erhellte Küche , es war , als ob sie ihm vorauseilten , um die Küche abzusuchen , dann tappte er hastig auf den Blechkorb am Vorhang zu , wo das Hausbrot aufbewahrt wurde , nahm das Brot , riß die Anrichteschublade auf , packte mit schlotternden Händen ein Messer und schnitt ein großes Stück Brot herab , immer angstvoll lauernd in die Richtung des Flurs blickend . Dann klappte er den Blechkorb vorsichtig zu , legte das Messer wieder an seinen Platz , biß hungrig in das erbeutete Stück Brot hinein und schluckte den Bissen gierig hinunter . Das andere verbarg er in seinem Wams . Schleichend wie er gekommen , entfernte er sich wieder . Agathon hatte alles gesehen . Er wankte und mit einem Aufschrei brach er zusammen . Lange kauerte er so , und niemals war in seiner Seele das inbrünstige Verlangen so stark gewesen , dieser dunklen Welt um sich her Freude zu bringen . Als er aufsah und sich entfernen wollte , erblickte er seinen Vater , der unbeweglich vor ihm stand und die Hand schwer auf seine Schulter legte . Siebentes Kapitel Als Frau Gudstikker am Morgen das Frühstück bereitete , mußte sie zum Brunnen , und als sie zurückkam , waren die beiden Knaben Sema und Wendelin verschwunden . Sie hatte nun wieder Grund zu jenen stoischen und schwarzsichtigen Betrachtungen , die ihr ein hartes Leben und ihre stolze Natur nahe legten . Ihre Gedanken nahmen stets einen erbarmungslosen Gang und dabei schonte sie nicht , was ihr teuer war . Als Stefan spät nachmittags nach Hause kam , fragte sie ihn , wo er herumgestreunt sei . » Du weißt , ich streune nicht , Mutter , « entgegnete er mit blitzenden Augen , den Kopf hoch aufrichtend . » Ja , ich weiß es , « entgegnete sie wie nachdenklich und blickte ironisch auf seine staubbedeckten Stiefel . » Wo sind die Knaben ? « » Fort . « » Wie ? « » Ich habe sie heimgeschickt . « » Was heißt das ? Du weißt doch , daß ich den Burschen brauchte ! Es war ein interessanter Fall . Wie konntest du sie fortschicken ? « » Es ist nicht nötig , daß du mit Menschen spielst . Spiele mit deinen Ideen . Darüber bist du Herr . « Gudstikker atmete schwer . » Mutter , ich betrete dein Haus nicht mehr , « preßte er endlich hervor und stürzte fort . Sie lächelte gutmütig hinter ihm her , öffnete das Fenster und schaute ihm lange Zeit nach . Stefan Gudstikker ging zum Friseur , wo er über eine halbe Stunde saß , um sich Haar und Bart verschönen zu lassen , und bei Anbruch der Dämmerung erwartete er vor den Anlagen seine Verlobte . » Sie haben mich fast geschlagen , « waren Käthes erste Worte . » Ich sei heimlich mit dir zusammengetroffen . Du sollst zu uns ins Haus kommen . « » So . « Er nahm hastig ihren Arm und schritt weiter . » Nein , nein , « wehrte sie angstvoll . » Nicht jetzt . Du darfst sie nicht herausfordern . « » Ich schlag alles kurz und klein . « Er machte eine verzweifelte Gebärde der Auflehnung . » Ach Stefan , warum ist das alles so ! Warum hast du nicht viel Geld ! Bei deinem Genie ! Warum ist alles so traurig um uns ! « » Es wird anders , Liebchen , es wird anders ! Ich werde Geld haben , Macht haben , alles was du willst . Ich werde die Welt aus den Angeln heben ! Ich habe ein großes Werk vor ! Du wirst sehen . « » Ich glaube ja gern daran . Nur ist die Zeit so lang . Jeder Tag ein Jahr . « » Nur Geduld . Du wirst sehen . Kann ich bei euch essen ? « » Willst du kommen ? Wirklich ? Und ohne Zorn ? Wie herrlich ! « » Mach um Gotteswillen nicht so viel Ausrufezeichen in deine Rede ! Das macht mich nervös ! Ich hasse alle Ausrufezeichen ! « » Was hast du denn ? Du bist so verbissen seit einigen Tagen . « » Verbissen ? Nein . Nachdenklich , ja . Ich verkehre da mit einem jungen Menschen , Agathon Geyer , einem Juden . Ich bin nicht sentimental , aber , - na , du müßtest ihn sehen . Er sieht aus wie , es klingt lappisch , aber ich muß immer an Aladdin mit der Wunderlampe denken . Und was am sonderbarsten ist , unter den Papieren meines Vaters , der ja auch Agathon hieß , hab ich Briefe von seiner Mutter gefunden . Sie sind mit Jette Pohl unterzeichnet . Sie war noch Mädchen damals . Schön , gescheit , liebenswürdig vielleicht . Etwas Merkwürdiges liegt in den Briefen , dasselbe was in Agathons Augen liegt . Aber du schläfst ja ? « » Nein , ich bin nur müde . « Familie Estrich war sehr liebenswürdig gegen Gudstikker und Gudstikker war ebenfalls liebenswürdig gegen die Familie Estrich . Er küßte seine künftige Schwiegermutter auf die Wange , fragte Herrn Estrich nach dem Gang der Ziegelei-Angelegenheit , sang nach dem Abendessen zur Guitarre , Volkslieder , die von treuer Liebe handelten und vom Kampf des Mannes um seinen Herd . Um elf Uhr ging er . Auf der Straße wurde sein Gesicht finster , herb und verzerrt . Er schlug sich an die Stirn und sprach zu sich selbst . Er suchte ein Cafe auf , und in dem Augenblick , wo er den Raum betrat , erhielt sein Gesicht wieder den aufmerksamen und übertrieben stolzen Ausdruck . Er begrüßte den Lehrer Bojesen , setzte sich zu ihm an den Tisch , rieb sich fröhlich die Hände und erzählte eine heitere Schnurre von einem Soldaten und einem Fuhrmann , die er erfunden hatte , aber so darstellte , als ob er sie eben erlebt hätte . » Also wie geht es Ihnen , lieber Bojesen ? « fragte er darauf und rieb sich wieder die Hände . » Gut ? « » Wenns nicht geht , so zwingt mans eben ! « » Sie sind immer allein . Ich habe Sie noch nicht anders als allein gesehen . Wie kommt das ? « » Nun , das ist so Gelehrtenart , « erwiderte Bojesen mit einer sanften Selbstironie . » Ich muß Ihnen sagen , diese Stadt , diese Menschen hier , sie liegen nicht innerhalb der Welt . Es ist etwas Verlorenes und Verkommenes , ein Sumpf . « » Kein Wunder , « sagte Gudstikker , » wie leben wir denn ! Sternenlos ! Und unsre jüdischen Mitbürger sorgen dafür , daß uns der Himmel holder Ideale noch weiter fortrückt . Eigentlich wundre ich mich immer , wenn ich einen anständig gekleideten Menschen treffe , der kein Jude ist . « » Freilich , das ist ein Kardinalthema , « gab Bojesen leicht errötend zu . » Und das ganze Land ist in dieser Beziehung , was unsre Stadt im kleinen ist . Die Juden bringen ja das geistige Leben der Nation in Bewegung , es ist wahr ; schon deswegen weil die Presse in ihren Händen ist . Vielleicht ist das ein Unglück , vielleicht auch nicht . Vielleicht sind da diese scharfen Reagentien , diese Gewandtheit und Schlüpfrigkeit am Platz . Vielleicht hat ihre wirtschaftliche Unternehmungslust mehr Aufschwung im Gefolge , als unsrer Bedächtigkeit erreichbar wäre . Aber für das Hauptunglück halte ich , daß sie sich nun und von allen Seiten her auch in die Kunst eindrängen . « » Ich verstehe ; Sie haben recht , « murmelte Gudstikker , den die Beredsamkeit eines andern ungeduldig machte . » Aber schließlich , Kunst ist Kunst . Man kann ja Gold legieren , aber reines Gold kommt dabei nicht um den Wert . « » Gewiß . Trotzdem ist eine Gefahr . Sehen Sie mal , früher hatten die Juden genug zu tun , sich die Gebiete zu erobern , die ihnen nahe standen . Plötzlich nahmen sie teil an der reichen Kultur , die sie selbst mitschaffen halfen und wuchsen in die Kunst hinein . Es war eine unausbleibliche Verbindung . Jetzt sehen Sie überall jüdische Künstler , erschreckend viele , erschreckend gute . Ich spreche nicht von denen aus vergangenen Jahrzehnten , das ist keine Frage mehr ; sie haben meist mit der Kunst , wie ich sie meine , nichts zu tun . Von den heutigen will ich reden . Sie sind Künstler , echte Künstler , daran ist nicht zu zweifeln . Aber sie richten uns zugrunde . Alles , was wir erworben haben , lang und mühselig , damit können sie hantieren ; alles , wonach wir ringen , das haben sie und wenn wir unser Blut hingeben für eine Sache , stecken sie dieselbe Sache schon lachend in ihre Tasche . Es fließt ihnen so zu , sie haben keinerlei Kampf damit zu bestehen . Und ich will Ihnen sagen , woran es liegt : sie haben keine Tiefe . Nur in die Breite gehen sie und wenn sie tief scheinen , ist es eine Lüge . Sie kommen ja aus dem Schoß eines wunderbaren Volkes . Welche Verfolgungen ! welche Unterdrückungen ! Aber wie ein Wurm krümmt sich dieser Volkskörper durch die Zeiten , unerschöpflich an Lebenskraft . Aber jetzt naht die Krisis . Sie nehmen uns die Wahrheit und die Aufrichtigkeit in der Kunst , das ist wichtiger als alles andere . Sie ersetzen es unbewußt mit dem Schein von Wahrheit , dem Schein von Aufrichtigkeit ; sie bringen uns eine neue Art von Sentimentalität , die sich als Naivetät gibt und mit grüblerischer Wehmut nach den Gründen der Dinge schreit . Ich schwöre Ihnen , mein Lieber , das ist eines von den Dingen , die das Schicksal und das Leben ganzer Jahrhunderte verdüstern . Darin liegt die Judenfrage , wie man das Ding läppisch nennt . Darum müßten die Juden fort und tausendmal fort . Was ist alles andere , eine lokale Sache . Religion ! Was ist uns Religion ! wir haben keine Religion mehr im kirchlichen Sinn . Sie sollen sich ein Land suchen , wo es auch immer sei , sie sollen einen König über sich setzen wie in den alten Zeiten , sollen ihren Weizen bauen und ihr Gras mähen und ihre Häuser aufrichten , sagen wir , in Australien , nur nicht bei uns . Sonst geht der Verfall weiter und wir werden sitzen , wie der Frosch an der Mergelgrube . Das Christentum hätte schon längst ausgeatmet , wenn das Judentum nicht wäre , abgesehen davon , daß es garnicht gekommen wäre und die germanischen Völker sich einen Gott nach ihrem Blut geschaffen hätten . « Gudstikker hatte erstaunt und erstaunter zugehört , und er war so voll von Zweifeln und Einwänden , daß er zuletzt kein Wort herausbrachte und ein mißmutiges Gesicht schnitt . Bojesen lächelte schwermütig . » Ich bin abgeschweift von meinem Thema , « bemerkte er mit einer Miene , die um Verzeihung bat für das Feuer und die Leidenschaft seiner Worte . » Ich meinte , wie man hier lebt , darin sei etwas Unwürdiges , etwas Zeitloses und Teilnahmloses für die Zeit . Hier wird man entweder zum Fanatiker oder zum Dummkopf . Man kann nicht einmal Einfluß haben auf die Jugend , selbst das ist unmöglich . Es ist erstaunlich , aber es ist so , Sie dürfen mir glauben . Mein Gott , was ist das für eine Jugend ! Sie hat nichts , als was man ihr schenkt . Sie ist so arm und man macht sie noch ärmer dadurch , wie man den Unterricht betreibt . Doch davon darf ich gar nicht reden . « » Sie haben wohl Schlimmes hinter sich ? « fragte Gudstikker , der sich völlig bewußt war , eine Allerweltsfrage zu tun . Aber er empfand deutlich , daß ihm dieser Mann heute nichts geheimhalten würde , daß er sich betäubte durch Mitteilung , und daß er sich jedem Fremden ebenso eröffnet hätte . » Schlimmes ? Nein . Es ist so gewöhnlich , zu gewöhnlich , um Aufhebens davon zu machen . Mein Vater war reich und hat mich enterbt , weil ich zur Wissenschaft ging . Ich sollte Soldat werden . Dann hat mich auch die Wissenschaft verstoßen , und da bin ich Lehrer geworden . Ich hätte schon ausgeharrt , aber es traf mich das Unglück , daß ich mich verliebte . « Bojesen schwieg und sah sich mit träumenden Augen rings um . Der Raum leerte sich ; die Kellner säuberten die Tische , viele Lichter wurden verlöscht , die weißen Marmorplatten starrten grell aus den dunklen Teilen des Saales . Die Uhr schien stillzustehn ; die Zeit schien stillzustehn . » Und nun wundern Sie sich jedenfalls , daß ich hier sitze , « begann Lehrer Bojesen wieder mit gedämpfter Stimme , » und nicht daheim bei dieser Frau , in die ich mich verliebt habe ? Jeden Abend bin ich hier zu treffen im Kreis meiner sublimen Gedanken , denen ich Audienz gebe . Ich weiß nicht , welcher Geist uns immer noch mit der Ehe foltert , uns , die wir mit frischgewaschenen Manschetten ins zwanzigste Jahrhundert treten sollen . An die Harmonie der Flitterwochen bin ich ja bereit zu glauben , vielleicht noch ein Jahr länger , aber dann ? Sagen Sie mir , lieber Freund , was soll man tun mit einer Frau , die so schön ist , wie sie jung ist , wie sie anmutig ist , und die nicht hungrig wird an ihrem Körper ? Verstehen Sie mich ? Sie hat kein Verlangen , liebt seelisch und wie die schönen Dinge alle heißen , nennt es Schmutz , wenn sich die Leiber vereinigen , wie es die Natur sanktioniert hat . Vielleicht ist das auch eine Zeitkrankheit , eine Frauenkrankheit , aber was soll man tun mit einem solchen Weib ? Man kann ihr nichts mehr geben , nichts . Sie wird einem zum Stein ! « Gudstikker nickte und spielte peinlich berührt mit einem Streichholz . » Ja , « fuhr Bojesen mit einer offenbaren und immer steigenden Lust , sich selbst zu zerfleischen und preiszugeben , fort , » wenn sonst etwas wäre . Ich wünsche Ihnen niemals , Lehrer zu sein . Was sind das für Herren , auf deren guten Willen man angewiesen ist ! Doch lassen Sie mich aufhören zu reden , erzählen Sie mir etwas . « Gudstikker fragte Bojesen , ob er Agathon Geyer kenne , und Bojesen bejahte . Er scheine ihm ein ziemlich talentloser Schüler zu sein , wie alle . Er meine , Talent im höheren Sinn , wobei das Bewußtsein eines Zieles sei , ein um der