vergessen . Schließlich blieb nur ein Erklärungsgrund ihrer Tollheit , ein völlig ungeheuerlicher freilich . Aber wie hätte er sich nicht immer wieder herzudrängen sollen , wenn alle andern etwa möglichen sich bei nur einigermaßen genauerer Prüfung als hinfällig erwiesen ? Viktor hatte diese Zweifelssorgen drei Tage lang mannhaft still getragen , immer bei sich erwägend , ob er nicht Elimar ins Vertrauen ziehen sollte . Elimar war klug und die Diskretion selbst . Aber Viktor glaubte mit Sicherheit zu wissen , es habe seiner Zeit nur wenig gefehlt , so hätte Klotilde jenen und nicht ihn geheiratet . Da war denn auf ein unbefangenes Urteil bei dem Manne in dieser Sache nicht zu rechnen . Fernau ? Sonst wäre Fernau sicher der Rechte gewesen , aber seit der unerquicklichen Scene zwischen ihnen neulich an dem Abend bei Sudenburgs - Und wiederum , hatte der Freund , wie Klotilde behauptete , seine Courmacherei zu weit getrieben , so war es ein seiner diplomatischer Zug , den Nebenbuhler gegen den Nebenbuhler auszuspielen . Unbefangen würde seine Auffassung der Sachlage wohl noch weniger sein , als die Elimars ; aber weshalb nicht von der Scharfrichtigkeit des Hasses profitieren ? Und da wollte der Zufall , daß er am vierten Tage mit Fernau zusammentraf , als sie nach den Bureaustunden das Amt , in welchem beide gemeinschaftlich , wenn auch in verschiedenen Abteilungen , arbeiteten , zu gleicher Zeit verließen . Sie hatten , sich erblickend , beide einen Moment gestutzt , waren dann aber , ein etwas gezwungenes Lächeln um die Lippen , mit ausgestreckten Händen aufeinander zugegangen . Sieh ' da , mon brave ! sagte Fernau . Haben uns ja in einer Ewigkeit nicht gesehen ! Wie geht ' s ? Nicht zum besten , erwiderte Viktor . Etwas mit dem Alten ? Auch das . Er kann sich noch immer in den neuen Kurs nicht finden . Der Ihnen doch auch gegen den Strich geht . Man laviert eben . Aber das macht mir weiter keine Schmerzen . Was sonst ? Sie waren aus der Wilhelmstraße in die Voßstraße gebogen . Werden Sie fahren ? fragte Viktor , mit einem Blick nach dem Droschkenstande . Ich hatte nicht die Absicht . Aber wenn Sie wollen - Gar nicht . Also : andiamo ! Der lange Weg nach Hause war bis auf ein kleines für beide derselbe . Fernau hatte durchaus das Gefühl , daß Viktor eine Fortsetzung ihrer letzten Auseinandersetzung wünsche . Ihm kam es gelegen ; war ihm die Sache während dieser letzten Tage doch ebenfalls sehr durch den Kopf gegangen ! Hören Sie , Sorbitz , sagte er , nachdem sie eine Minute schweigend nebeneinander hingeschritten waren ; es ist zwischen uns nicht alles so klar , wie es zwischen guten Freunden sein sollte . Ich kann Ihnen nur auf Ehrenwort wiederholen , was ich Ihnen neulich abends bereits gesagt habe , daß - Sie brauchen nicht weiter zu sprechen , unterbrach ihn Viktor . Ich habe mich längst überzeugt , daß man mich geflissentlich auf Sie gehetzt hat , um - Sie auf eine falsche Fährte zu bringen . Ganz meine Meinung . Aber , um Gottes willen , Fernau , das ist doch ganz unbegreiflich , total verrückt ! Was kann sie an dem Menschen finden ? Lieber Sorbitz , wer lernt diese fin-de-siècle-Frauen aus ? Es ist da alles Nerven , Idiosynkrasien , Illusionen perdues oder à perdre , falsche Appetite - was weiß ich . Nehmen wir an , man hat sich an Kuchen übergessen und schwelgt in dem Gedanken , wie himmlisch es sein müßte , wenn man die weißen Zähne so einmal in Schwarzbrot vergraben könnte . Solche Anfälle gehen vorüber - glauben Sie mir ! Sie haben gut reden . Sie sind nicht verheiratet . Sie wissen nicht , wie unsereinem ein solcher Anfall zu Haus und Hof kommt , besonders wenn er so lächerlich akut ist , wie dieser . Also erzählen Sie mir , was ist geschehen ! Ich brauche Sie nicht zu versichern , daß Sie sich auf meine Diskretion unbedingt verlassen können . Würde ich sonst von der vertrackten Geschichte angefangen haben ! Die Sache ist aber die - Und Viktor berichtete ziemlich getreu seinen Zank mit Klotilde in der Ballnacht , und wie sich die ehelichen Verhältnisse seitdem gestaltet hatten . Nur von einem gewissen Arrangement zu sprechen , das Klotilde zu treffen beliebt , fand er nicht den Mut und wollte die ziemlich deutliche Anspielung Fernaus auf die nicht ganz ungewöhnliche Methode der Herbeiführung einer Verständigung in so verzweifelten Fällen lieber nicht verstehen . Man war bis zum Potsdamer Platz gelangt . Ich will Ihnen einen Vorschlag machen , Sorbitz , sagte Fernau . Da steht ein Dienstmann . Schreiben Sie Ihrer Frau auf einer Karte : Sie können heute nicht zu Mittag kommen . Basta ! Und lassen Sie uns im Palast-Hotel dinieren . Ich selbst bin noch nicht dagewesen ; aber es soll sehr gut sein . Wozu dann noch die Karte ? Bitte sehr ! Immer die Form bewahren ! Darin liegt eine ungeheure Macht . Die Weglassung jedes Entschuldigungsgrundes wird die Demonstration für Ihre Frau verständlich genug machen . Der Dienstmann war mit der Karte seines Weges geschickt ; die Herren waren in das Hotel getreten und hatten in dem Restaurant bald die ihnen zusagenden Plätze entdeckt . Fernau , als vielerfahrener Junggesell , übernahm die Zusammenstellung des Menü und die Auswahl der Weine . Er war in der behaglichsten Stimmung . Je länger er Zeit gehabt hatte , über die Angelegenheit nachzudenken , desto schwerer war es ihm geworden , den » Schulmeister « ernsthaft zu nehmen . Die Sache hatte entschieden keine tiefere Bedeutung als die eine , ihm sehr genehme : das Verhältnis zwischen den beiden Gatten war wirklich so schlecht , wie er es sich nur immer wünschen konnte und wünschen mußte , sollte seiner Liebe Müh nicht vergeblich gewesen sein . Wer konnte sogar wissen , ob die kluge Frau das Techtelmechtel mit dem Schulmeister nicht arrangiert hatte , Viktor von der richtigen Fährte abzubringen ! Und den schlimmsten Fall gesetzt : sie hatte wirklich ein momentanes Faible für den Menschen , das müßte doch sonderbar zugehen , wenn ihm es nicht gelänge , sie zur Raison zu bringen , über ihre Verblendung lachen zu machen - in seinen Armen natürlich ! Aber er hütete sich wohl , Viktor von diesen seinen wirklichen Empfindungen und Gedanken auch nur das mindeste merken zu lassen ; ein Bruder konnte um den Bruder nicht besorgter sein , als er es um den Freund war . Dergleichen könne peu à peu zu ganz ungeheuerlichen Konsequenzen führen , wenn man nicht rechtzeitig vorbeuge . Hier heiße es durchaus : principiis obsta ! Und Viktor möge die schrankenlose Freiheit bedenken , in der seine Frau aufgewachsen sei ! Ein Mädchen auf dem Lande , in den breiten Verhältnissen , an der Seite von ein paar leichtsinnigen Brüdern und einem Vater , der noch jeden Augenblick geneigt sei , von vorn anzufangen ! Mein Gott , man kenne doch diese jungen Damen ! Sie seien überall dieselben : hinten in Ostpreußen , wie in Pommern , oder Hannover . Tags über im Sattel ; Nacht für Nacht in Gesellschaft auf diesem oder jenem Gute zehn Meilen in der Runde . Und hernach die Pension , wo sie lernten , was sie etwa wirklich noch nicht wüßten ! Aus dem allen mache er ja keiner einzelnen einen Vorwurf - Gott bewahre ! Aber man müsse die lieben Dinger nun einmal nehmen , wie sie seien ! Habe ich das etwa nicht gethan ? rief Viktor , der , ohne es zu merken , den Wein beinahe allein trank . Habe ich meiner Frau nicht jede Freiheit gelassen ? Ich glaube , liberaler als ich gewesen bin , kann man nicht sein . Ja , lieber Freund , erwiderte Fernau , die Augenbrauen in die Höhe ziehend , nun kommen wir zu der anderen Seite der Medaille . Sie haben ihr zu viel Freiheit gelassen , viel zu viel . Ein Vollblutfüllen - Sie verzeihen mir den Vergleich ! - will eben anders behandelt sein als ein gewöhnliches . Es will leicht geführt sein ; dann aber muß es auch gegebenen Falles fühlen , daß sein Reiter eine Faust von Eisen hat . Sprechen wir nicht in Bildern ! bleiben wir bei der Wirklichkeit ! Sie werden nun gewiß sagen : ich solle das ihr bis jetzt gewährte Maß der Freiheit einschränken . Das ist leichter gesagt als gethan . So ist sie nach wie vor des Morgens stundenlang in der Stadt ; ich habe keine Ahnung , wo , obgleich es mir sehr unbehaglich ist . Ich kann sie doch nicht einsperren , wie ein Schulmädchen , das nicht gut thun will ! Das können Sie freilich nicht ; aber vielleicht diese Ausflüge ein wenig kontrollieren . Wie das , wenn ich gerade während dieser Zeit auf dem Amt festsitze ? Auf Ihre Leute haben Sie keinen Verlaß ? Ich traue keinem über den Weg . Meine Frau hat sie alle an ihrer Schleppe . Und wenn auch nicht - ich kann sie nicht hinter ihr herschicken ! Fernau nippte bedächtig an seinem Sekt . Da bleibt nur noch ein Detektive . Viktor hatte längst über Gebühr getrunken ; das Wort machte ihn doch stutzig . Sie sind nicht recht gescheit , Fernau , sagte er nach einer Pause , während der er sein Gegenüber zornig angestiert hatte . Einen Privat-Detektive selbstverständlich , fuhr Fernau ruhig fort . Lieber Himmel , wir Deutsche sind so schwerfällig - verzeihen Sie mir , lieber Sorbitz ! Aber ein Londoner oder Pariser in dem analogen Fall brauchte nicht erst durch einen Freund an dieses nächstliegende und unverfänglichste Hilfsmittel erinnert zu werden . Ich will Ihnen nur gestehen , daß ich mich seiner bereits wiederholt und mit bestem Erfolge bedient habe . Nach ein paar Tagen wußte ich stets , was ich zu wissen wünschte . Die Leute sind treu wie Gold und verschwiegen wie das Grab . Auch brauchten Sie gar nicht ins Spiel zu kommen : ich nehme das Ganze auf mich . Viktor schenkte sich ein Glas voll und trank es auf einen Zug leer . Er war offenbar schon halb gewonnen . Und dann sehen Sie , Sorbitz , ich würde Ihnen den Rat nicht geben , wenn ich glaubte , der Mann würde entdecken , was Sie in der exceptionellen Stimmung , in der Sie nun einmal sind , fürchten . Ich bin wie von meinem Leben überzeugt , daß er nichts entdecken wird . Nun , und dann haben Sie Ihre Ruhe wieder . Mir deucht , bei Gott , ein solcher Gewinn ist die lumpigen paar hundert Mark wert . Was sagen Sie zu meiner Idee ? Sie könnten den Mann besorgen ? Einen absolut sichern Menschen . Und instruieren ? Ich übernehme alles und jede Garantie dazu . Und Sie werden mich hinterher nicht auslachen ? denn , offen gestanden , ich komme mir doch bei der Geschichte ein wenig sehr - Lieber Freund , das ist mir das erste Mal genau so gegangen : ich kam mir auch » sehr « vor . Hinterher macht man sich ein Kompliment über seinen Verstand zur rechten Zeit . Also abgemacht ? Meinetwegen . Bravo ! Und nun lassen Sie uns noch eine - Keinen Tropfen mehr ! Wie Sie wollen . Also : den Mokka , Kellner , und Ihren besten Hennesi ! Achtzehntes Kapitel Um dieselbe Zeit , als Fernau und Viktor sich vor ihrem Amte in der Wilhelmstraße trafen , war Klotilde in der Mauerstraße bei Adele vorgefahren . Sie wußte , daß Elimar an diesem Tage - einem Mittwoch - stets erst um sechs Uhr nach Hause kam . So war sie sicher , Adele allein zu finden . Sie hatte die Klingel gezogen und stand wartend mit einer finsteren Miene , die sich jäh in ein graziöses Lächeln verwandelte : Adele selbst war es , welche die Thür geöffnet hatte . Klotilde , Du ! Um diese Stunde ? Es ist ja Eure Essenszeit ! Ich habe mich heute bei Sudenburgs zu Tisch gebeten . Und Dein Mann ? Muß einmal allein essen . Ich denke , es wird ihm darum nicht weniger gut schmecken . Na , ja ! Du hast eine perfekte Köchin , wie sie es hier nennen . Ich - Du siehst , ich bin in der Küchenschürze . Ich störe Dich ? Ganz und gar nicht . Wir essen heute » Verklebtes « - echt magdeburgisch , weißt Du . Das kocht sich allein . Und bei Sudenburgs hast Du Dich angemeldet ? Die Damen waren in das Wohnzimmer getreten ; Adele hatte Klotilde den Mantel abgenommen und sich zu ihr auf das Sofa gesetzt . Du weißt natürlich nichts von dem großen Ereignis : Stephanie hat sich mit Luckow verlobt . Adele legte beide Hände auf Klotildes Kniee : Ist es möglich ! Hast du nichts davon gewußt ? Doch , doch ! alle Welt sprach ja davon , am Sonnabend schon . Aber es sollte ja noch in weitem Felde liegen . Nur bis Luckow Hauptmann erster Klasse wurde . Gestern hat er das Patent erhalten . Stephanie meldete es mir vor einer Stunde per Rohrpost . Du begreifst , daß ich , als ihre beste Freundin , heute bei dem Verlobungsdiner nicht fehlen darf . Freilich ! selbstverständlich ! sagte Adele , im stillen verwundert , weshalb sich dann Klotilde erst hatte zu Tisch bitten müssen , anstatt gebeten zu werden . Aber in Berlin war alles anders als in Magdeburg . Warum sie nur so lange gewartet haben ? fragte sie ; ich denke , Sudenburgs sind so reich ? Aber Luckow will nicht direkt abhängig sein , was ich ihm nebenbei nicht verdenken kann . Diese Abhängigkeit ist im Grunde schauderhaft . Und dann : reich ! Ja , Kind , das ist ein sehr relativer Begriff . Wenn man , wie Sudenburgs , zwei Söhne hat , die Offiziere sind - davon weiß mein Papa ein Lied zu singen ! Er klagt Gott und die Not , was ihn Ernst und Otto in Bonn und Düsseldorf kosten . Und ich , armes Wurm , muß natürlich warten und warten , bis die Reihe auch mal an mich kommt . Ach , Kind , es ist ein großes Ding , reich zu sein - steinreich ! Ich weiß nicht , sagte Adele ; ich denke es mir eigentlich schrecklich . Und Elimar auch . Die armen Reichen , sagt er immer . Aber Du hattest es doch in der Hand , reich und sogar steinreich zu sein . Warum hast Du damals Kurt Platow nicht genommen ? Klotilde lachte . Lieber Schatz , wenn Du es durchaus wissen willst : er war so fürchterlich dumm . Ich abominiere dumme Menschen . Und seine Dummheit hätte ich ihm vielleicht noch verziehen ; aber seine antediluvianischen Westen und gestreiften Beinkleider , die konnte ich ihm nicht verzeihen . Es war wirklich au fond eine Kleiderfrage . Und da er durchaus seinen Schneider nicht wechseln wollte , was konnte ich thun , als ihn zu Klarisse Gardewitz schicken , die in diesen Dingen vielleicht weniger difficil war ? Der arme Mensch ! Er hat vier Jahre gebraucht , ehe er Dich soweit vergessen konnte , sagte Adele kopfschüttelnd . Giebt es einen stärkeren Beweis für seine Dummheit ? Klotilde , versündige Dich nicht ! Danke lieber Gott , daß Du bei Deiner Art zu denken , noch einen so guten Mann bekommen hast . Da wären wir ja endlich so weit , sprach Klotilde bei sich . Sie richtete sich aus ihrer Sofaecke auf , blickte ihre Cousine scheinbar forschend an und sagte in einem andern Ton der Stimme , als sie bis jetzt gesprochen : Das ist wirklich Dein Ernst ? Was ? Das mit dem » guten Mann « ? Ist er das etwa nicht ? Und Du glaubst auch , was ich Dir neulich gesagt habe ? daß wir uns niemals zanken ? Ja , thut Ihr es denn ? Klotilde lachte höhnisch auf , wurde aber sofort wieder ernst . Es war eine falsche Note gewesen . Wenn sie ihre Absicht erreichen wollte , durfte Adele nur die Hälfte von der Wahrheit erfahren . Liebes Kind , sagte sie , wie konntest Du meine Prahlerei nur einen Augenblick ernst nehmen ! Viktor ist wirklich ein guter Mann in seiner Weise ; aber darum zanken wir uns gelegentlich doch , gerade wie andere Leute . Wir haben uns sogar am Sonnabend nach dem Ball ganz fürchterlich verzankt , so , daß wir heute noch auf dem Kriegsfuß gegeneinander stehen . Ist es möglich ? aber warum denn ? Elimar ist nicht eifersüchtig ? Nicht die Spur . Ich gebe ihm aber auch keine Veranlassung dazu . Das klingt , als ob Du sagen wolltest : natürlich ! Du giebst Deinem Mann welche . Fällt mir gar nicht ein . Ich habe nur sagen wollen : ich bin ein so einfaches Menschenkind ; in mich vergafft sich so leicht keiner . Du weißt , wie man Dich in dem Sudenburg ' schen Kreise getauft hat ? Keine Ahnung ! Die Oase . Adele blickte ihre Cousine stumm mit verwunderten Augen an . Du weißt doch , was eine Oase ist : die Stellen in der Wüste , wo Wasser quillt und alles grünt und blüht und duftet und die Vögel singen . So , als eine solche grüne Insel in dem Sandmeer , erscheinst Du unsern - - Kamelen , hätte ich beinahe gesagt . Adele lachte herzlich . Das ist ja reizend ! Nicht wahr ? Aber wenn Du nun mit Deinem Mann nach Hause kommst , und er schlägt die Arme übereinander , mißt Dich von oben nach unten mit einem Blick , wie ein Großinquisitor , und sagt mit eisiger Kälte : Ich habe gehört , Madame , man nennt Sie in der Gesellschaft » Oase « . Ich verbitte mir das . Wenn es noch einmal passiert , lasse ich mich von Ihnen scheiden . Das hätte Viktor gesagt ? Närrchen , ich bin doch nicht die Oase ! Ich bin eine ganz simple Frau , die schön zu finden hier und da mal einer dumm genug ist . Aber , Herz , alle Männer finden Dich schön . Darüber ist doch nur eine Stimme . Am Sonnabend , im zweiten Walzer - Du tanztest den ersten mit ihm , wenn Du Dich erinnerst - hat Professor Winter zu mir gesagt : Ist sie nicht wunderbar schön ? Ist sie nicht wie eine - - kann er Ballade gesagt haben ? Klotilde fühlte , wie ihr das Blut in die Wangen schoß . Er hatte es ihr selbst gesagt : traumhaft schöne Ballade ! Der liebe Mensch ! Und nun durfte sie ja auch zur Sache kommen . Sieh , sieh , mein kleines Professorchen , das sein Herz so auf dem Präsentierteller trägt ! Ja , Liebchen , da wird mir freilich klar , wie Viktor auf die absurde Idee hat kommen können . Er glaubt doch nicht etwa - Ja , mein Schatz , er glaubt allen Ernstes , daß der Professor in mich verliebt ist - was ich ja nebenbei gar nicht in Abrede stellen will - wir armen Frauen können doch nichts gegen die Verliebtheit der Männer ! - Und wenn Viktor dabei stehen bliebe ; aber - es ist wirklich zu albern . Er glaubt , daß Du - Er glaubt , daß ich - sprich es nur aus ! Daß Du - nun ja , wunderbar schöne große Augen hat er . Mein Gott , fängst Du auch noch an ! Klotilde war vom Sofa aufgesprungen , ging , wie in großer Erregung , zum Fenster , blickte ein paar Momente auf die Straße , wandte sich und sagte : Das geht so nicht länger . Dem muß ein Ende gemacht werden . Und Du mußt mir dabei helfen . Sie hatte sich wieder zu Adelen gesetzt und deren beide Hände in die ihren genommen . Ich ? stammelte Adele , noch voller Schrecken über Klotildens Heftigkeit . Mit dem größten Vergnügen . Aber worin ? wobei ? Ich weiß ja gar nicht - Die Sache ist einfach die : Wie der Professor Dir sein Herz ausgeschüttet hat , so hat er es zweifellos auch mit andern gemacht und mich in das schönste Gerede gebracht . Ich brauche Dich nicht zu versichern , daß ich daran absolut unschuldig bin . Aber die Welt ist so grundschlecht , und auf mich haben es die schlechten Menschen - Gott mag wissen , warum - noch besonders abgesehen . Der Professor muß entweder aus unsrer Gesellschaft verschwinden ; oder , da das seine Schwierigkeit hat - er ist bei zu vielen schon eingeführt , jetzt auch bei Breitenbachs - sein Betragen vollständig ändern , seine Augen beherrschen lernen , seine Zunge im Zaum zu halten . Aber Klotilde , das kostet Dich doch nur ein Wort ! O ja , wenn der Professor ein Mann von Welt wäre ! Die verstehen einen , mit denen verständigt man sich à demi mot . Solchem Schulgelehrten muß man alles umständlich auseinandersetzen , sonst begreift er ' s nicht . Und das soll ich unternehmen ? Dir würde er nicht glauben ; meinen , Du seiest von irgend einem angestiftet - sagen wir : Fernau , der es wohl imstande wäre ; und der gute Professor weiß ja nicht - kann ja auch nicht wissen - daß Du Dich zu dergleichen niemals hergeben würdest . Nein , das kann ich allein . So thu ' s doch ! Wo ? wann ? in der Gesellschaft ? Ich wiederhole Dir , dazu brauche ich eine Stunde - eine halbe mindestens . Während der wir in der Ecke stehen und die Köpfe zusammenstecken , damit die liebe Gesellschaft die ihren zusammensteckt : haben wir es nicht gesagt ? Da sieht man es ja ! Nun weiß ich aber wirklich keinen Rat , sagte Adele ganz verzweifelt . Klotilde rückte dicht an sie heran und sagte , abermals ihre beiden Hände nehmend : Der doch so leicht gefunden wäre , wenn Du - sieh , Kind , ich denke mir es so : Du schreibst an den Professor und bittest ihn , Dich auf eine halbe Stunde zu besuchen natürlich zu einer Zeit , in der Dein Mann nicht zu Hause ist . Er kommt selbstverständlich . Du empfängst ihn freundlich , aber ernst , und sagst ihm in demselben freundlich ernsten Ton : Du habest gehört , daß sein Benehmen gegen mich in der Gesellschaft aufgefallen sei - Aber ich habe es ja gar nicht gehört . So sagst Du es dennoch . Und daß Du , als meine Cousine und intimste Freundin , Dir die Freiheit nähmest , ihn darauf aufmerksam zu machen - Aber Du hast ja noch eben erst versichert , auf mich würde er nicht hören ! Ganz richtig . In diesem Moment klingelt es und ich erscheine . Du ? Ganz zufällig . Laß mich nur machen ! So was bringe ich in all meiner Dummheit doch ganz gut fertig . Er ist natürlich verlegen , Du bist verlegen , wir alle sind verlegen . Nun erinnerst Du Dich , daß Du vergessen hast , dem Mädchen , oder dem Burschen einen notwendigen Auftrag zu geben , verschwindest , und vergißt für eine halbe Stunde wiederzukommen . Wenn Du wiederkommst , ist der Herr Professor kuriert . Das versichere ich Dich . Nun , Schatz , willst Du ? Adele war in der bittersten Verlegenheit . Die Rolle , die ihr Klotilde da zugeteilt hatte , deuchte ihr entsetzlich . Und wenn sie auch Klotilden das ungeheure Opfer bringen wollte - Guter Gott , rief sie , ich bin ja bereit - das heißt : ich würde es ja versuchen , obgleich bei meinem grenzenlosen Ungeschick - aber , was würde Elimar dazu sagen ? Elimar ? Der bleibt doch ganz aus dem Spiel . Aber nachher müßte ich es ihm sagen . Warum ? Ich muß Elimar alles sagen . Ich kann nicht anders . Sie hatte die Hände gefaltet und sah ihre Cousine mit flehenden Blicken an . Ja so ! sagte Klotilde gedehnt . Sie begriff sofort , daß sie das Spiel verloren geben mußte . An dieses Übermaß von Einfalt hatte sie nicht gedacht . Der kluge Elimar ! der im Nu heraus haben würde , daß man sein Gänschen düpiert und sich , mit ihrer Küchenschürze als Deckmantel , ein Rendezvous gegeben hatte ! Nun bist Du mir bös , sagte Adele traurig , als Klotilde aufstand und schweigend nach ihrem Mantel ging . Gar nicht , erwiderte Klotilde , bereits im Begriff den Mantel umzunehmen . Du hast ganz recht : Deinem Manne müßtest Du es sagen , und das geht aus vielen Gründen nicht . Ich weiß freilich nicht , ob Du ihm dann nicht auch wirst sagen müssen , was ich Dir eben - Aber Klotilde , das ist doch ganz was ander ' s ! Auf so was hat Elimar natürlich kein Recht . Das bleibt unter uns . Dann ist ja alles gut . Und ich danke Dir aufrichtig für Deinen guten Willen . Soll ich Stephanie vorläufig Deinen Glückwunsch bringen ? Wenn Du so freundlich sein wolltest ! Aber wie willst Du es denn nun machen ? Ich weiß noch nicht . Das wird sich finden . Und Du bist mir wirklich nicht bös ? Keine Spur ! Sie hatten sich umarmt und geküßt , was sie an der Flurthür noch einmal thaten . Dann war Klotilde gegangen . Langsam schritt sie die Mauerstraße hinab nach der Leipziger Straße zu . Sollte sie es aufgeben ? Es war am Ende das Vernünftige . Was konnte dabei herauskommen ? Wenn sie es recht überlegte : der Streit mit Viktor drehte sich doch darum , ob er in ihr Thun und Lassen von jetzt an solle hineinreden dürfen , oder nicht . Der Professor war nur eine Gelegenheitsursache , wie die Ärzte sagen . Eine freilich , die für sie etwas seltsam Reizendes hatte , etwas Morphiumartiges , Sinnbetäubendes . Nun ja ! sie würde schon darüber wegkommen - natürlich ! Aber einmal noch von ihm hören : traumhaft schöne Ballade , Du ! Einmal noch - Da war sie ganz nahe an dem Briefkasten , den sie , während sie die Straße heraufkam , immer im Auge gehabt hatte . Ihre Rechte glitt aus dem Muff in ihre Manteltasche nach dem Brief , den sie geschrieben für den doch möglichen Fall , daß das Rendezvous bei Adele nicht zustande kam . Es war nicht ihre Schuld , wenn Adele so unglaublich philiströs war . Adele hatte es zu verantworten . Ihr Schritt war immer langsamer geworden . Nun hatte sie doch den Kasten erreicht . Ein paar schnelle , scharfe Blicke nach rechts und links und über die Straße hinüber . Dann hatte sie den Brief aus der Tasche genommen und durch den Spalt geschoben . Die beweglichen Stifte am Spalt machten ein häßliches Geräusch , wie Zähne eines Rachens , der zusammenschnappt . Pah , sagte sie , das sind die Nerven . Man ist so lächerlich gewissenhaft . Eine Droschke erster Klasse kam im Schritt an ihr vorüber . Sie rief den Kutscher an , gab ihm die nötige Weisung und stieg ein . Der Kutscher fuhr im schlanken Trab davon . Er war ein lustiger Gesell und ließ den Braunen immer schlanken Trab laufen , wenn er eine schöne , elegante Dame fahren durfte . Neunzehntes Kapitel Die Diagnose des treuen Hausarztes hatte sich als richtig erwiesen : nicht der Würgengel Diphteritis hatte klein Helenchen mit seinem mitleidlosen Schwert berührt ; über die Schwelle der Kinderstube war nur einer seiner minderen Gesellen geschlichen , der sich den Künsten des Doktors nicht gewachsen zeigte . Böse Tage , angstvolle Stunden hatte es darum doch genug gegeben . Eine völlige Absperrung der beiden andern Kinder war in der engen Wohnung schon deshalb eine Unmöglichkeit , weil Klara , während sie die Kranke pflegte , Baby immer in ihrer Nähe haben mußte . So blieb die Gefahr der Ansteckung , auch als am dritten Tage in dem Befinden der Kranken eine entschiedene Besserung eingetreten war ; und mit der Gefahr die Sorge , die auf unhörbaren Sohlen durch die Wohnung schlich , jegliches Behagen aus ihr verscheuchend . Klara schien nichts davon zu empfinden : sie hatte mehr zu thun ; desto drückender empfand es Albrecht . In wie musterhafter Ordnung Klara auch ihre Wirtschaft hielt , es war unvermeidlich , daß in diesen Tagen nicht alles so glatt ging wie sonst . Wenn Baby schrie , konnte sie mit ihm nicht hinten bleiben , wo vielleicht gerade Helenchen eingeschlafen war ; Fritzchen mußte jetzt manche Stunde vorn in Papas Zimmer spielen , das auch sonst gelegentlich zu Zwecken herangezogen wurde , welche mit seiner wirklichen Bestimmung in grellem Kontrast standen : fand Albrecht doch einmal sogar , als er aus der Schule heimkehrte , von dem Ofen in der Ecke bis zum Fenster , quer über seinen Arbeitstisch , eine Leine gespannt , an der noch die feuchte Kinderwäsche hing . Der Gegenstand des Anstoßes wurde in wenigen Minuten entfernt ; dafür war dann das Mittagessen , das man eine halbe Stunde später in dem kleinen Berliner Zimmer einnahm , noch bedenklicher als gestern : Klara , die sonst auch die Küche zum größten Teil besorgte , mußte sie jetzt ganz Augusten überlassen , und Auguste konnte unter ihren übrigen löblichen Qualitäten die einer guten Köchin nicht zählen .