sich , ganz in Ihrem Sinne , Herr Lehmann , zu einem Zirkel der Lebenskunst und Kunstliebe vereinigt hat , eine Namenstafel der Spezialheiligen unsrer Religion auf . Sie ist noch unvollständig , aber es fiel mir gleich auf , wie viel Hellenen dabei sind . - Ach , das interessiert mich , der ganze Zirkel sowohl , als die Namenstafel . Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen , aber vielleicht darf ich Sie bitten , mir Näheres darüber zu sagen ? Herr Lehmann sagte das mit dem Tone ernstester Anteilnahme und zog die Augenbrauen hoch . Stilpe lachte wieder einmal » mit den Eingeweiden « und zog sein Notizbuch . - Über den Zirkel ist nichts weiter zu sagen , als was ich schon andeutete . Zur Kunst erhöhtes Leben in jedem Betracht . Die Namenstafel aber , nun , wie gesagt , sie ist noch unvollständig , aber ich kann Ihnen das Fragment schon mitteilen . Also : I. Männlichen Geschlechts : Anakreon , Aristophanes , Alkibiades , ( es geht gleich griechisch an , wie Sie sehen ) Georg Büchner ( um Gotteswillen : Georg , nicht Ludwig ! ) Bizet , Gottfried August Bürger , Cervantes , Catull , ( aber der hat ein Fragezeichen ) Michael Georg Conrad . - Ist das der preußische Prinz , der die Dramen schreibt ? fragte Herr Lehmann bescheidenen Tones . - Gott behüte und Gott bewahre ! Machen Sie immer solche Witze ? rief Stilpe . Dafür müßten Sie schon eine Bowle schmeißen , Herr Lehmann . Sind Sie bereit ? Der Philologe Lehmann errötete und sagte : Es wird mir ein Vergnügen sein , denn damit werde ich ja das Vergnügen haben , auch die andren Herren kennen zu lernen . - Gut ! sagte Stilpe schon im Tone des Cénacle-Präsidenten . Dafür werden Sie dann auch erfahren , welches unser Conrad ist . Weder Prinz noch Preuße . Also nun in der Liste der Heiligen weiter : Danton , Demokritos , ( schon wieder ein Grieche ! ) Devrient ( Sie wissen : Lutter und Wegeners Weinstube in Berlin ! ) Fischart , Franz der Erste von Frankreich . - Warum Der ? fragte Herr Lehmann . - Lesen Sie im Rabelais nach ! Grabbe , Meister Gottfried von Straßburg , Der junge Goethe , ( Sie wissen doch , daß es drei verschiedene Goethes giebt ? ) Eduard Grisebach , Johann Christian Günther , Horaz , ( hat aber zwei Fragezeichen ) Theodor Amadeus Hoffmann , Heinrich Heine , Mozart , Mirabeau , Momus , ( unser Wirt mit der langen Kreide ) Müsset , Mürger , Marat , - Pardon , sagte Herr Lehmann , dessen Vater Fabrikbesitzer war , warum eigentlich diese Revolutionsmänner ? - Sie tranken sämmtlich gerne und waren sehr verliebte Leute . Daß wir keine Sozialdemokraten sind , sehen Sie an Franz dem Ersten . Rabelais , Rembrandt , Sokrates , Sullivan , Tschang-hsien-tschung . - Wer ist das ? - Das ist ein chinesischer Pelzhändler , später Gegenkaiser , der einmal an einem Tage 50000 Gelehrte hat köpfen lassen . Ich werde ein Epos auf ihn machen . - Ach , dichten Sie ? rief Herr Lehmann eifrig . - In der That , bisweilen . Sie natürlich auch ? - Ach ... nein ... ich ... nein ... ich kann nicht sagen , daß ich ... Aber ... - Sie möchten gerne ? - Ich ... weiß ... nicht ... - Diese Schüchternheit ist ein schönes Zeichen . Übrigens : Dichten , na ja . Das is nu so ne Sache . Notwendig ist es nicht , Herr Lehmann . Es ... aber : Genug ! ! Wir sind mit dem männlichen Geschlechte fertig und es folgt II. Weiblichen Geschlechts : Aspasia , ( also auch hier Griechenland an der Tete ! ) Die kleine Anna , Anna mit den gewürfelten Strümpfen , Anna Ach-gehn-Se-weg . - Ja ... aber ... ? ... sagte Herr Lehmann . - Ich verstehe : Sie kennen diese drei Annas nicht . Es sind vorderhand noch Privatpersonen , und sie kommen auf mein Konto . Die mit den gewürfelten Strümpfen schlägt , glaub ich , in Ihren Geschmack . Ich schenke sie Ihnen . Herr Lehmann war ganz verblüfft . - Na , wollen sie nicht wenigstens Danke ! sagen ? Das Mädchen kommt noch in die Litteraturgeschichte ! Ich habe sogar ein Sonett auf ihre Strümpfe gemacht ! Aber weiter ! Bertha , ( Hat zwei Ausrufezeichen . Es ist aber nicht jene Bertha mit den großen Füßen , die Uhland besungen hat , sondern auch dieses Mädchen geht mich an . Ich habe sie immens geliebt . Und sie liebt mich heute noch , obwohl sie einen Gelbgießer geheiratet hat . Achten Sie die Treue des weiblichen Geschlechtes , Herr Lehmann , aber sehen Sie zu , daß der Andre der Lackierte ist . Übrigens werde ich jetzt die Privatmädchen weglassen , weil ich Ihnen sonst fortwährend Kommentare geben müßte ; ich werde also nur die historischen Damen nennen , nämlich ) : Mimi Pinson , Die Königin Pomare , Müsette , Lais , Ninon de l ' Enclos , George Sand , Berangers Lisette , Päbstin Johanna , Fränzchen mit dem Muff , Margarethe von Navarra , La belle heaulmière , Marion Delorme , Die schöne Seilerin , Roswitha von Gentersheim . Die Liste ist noch schrecklich lückenhaft . Vielleicht könnten Sie uns noch ein paar tüchtige Griechinnen empfehlen . Wie hieß doch gleich die , die sich auszog ? - Sie meinen Phryne ? - Richtig ! Phryne ! Dieses ganz vorzügliche Mädchen ! Warten Sie , ich werde sie gleich einfügen . Es ist eine Schande , daß ich sie vergessen habe . Aber Sie sehen , wie gut wir Sie brauchen können . Im klassischen Altertum sind wir doch ein bischen schwach . Herrn Lehmann war es gar sonderbar zumute . Diese Welt war ihm neu , aber er hatte die Empfindung , daß es sehr lustig in ihr zugehen müsse . Vor allem fühlte er , daß er im Cénacle Anschluß an » Weiber « finden würde , und daran lag ihm viel , denn er hatte es nachgerade bemerkt , daß er von sich allein aus diesen Anschluß nie erreichen würde . Und bei alledem doch diese vielen litterarischen Aspirationen , also die Gewähr des Höheren ! Kein bloßer Sumpf ! Sondern , wenn schon Sumpf , so doch von ganz ungewöhnlicher Art ! Ein origineller Sumpf . Ach , darnach hatte er sich ja gesehnt ! Er wollte originell , geistreich sumpfen . Da bot sich die Möglichkeit ! Also zugegriffen ! Er verließ am Arme Stilpes das Haus in der Magazingasse mit dem angenehmen Gefühl , es fürder nicht mehr nötig zu haben . Als er am nächsten Morgen erwachte , lag er auf seinem Sopha und Stilpe in seinem Bette . Da dieser ihn duzte , mußten sie wohl Brüderschaft getrunken haben . Auch einen anderen Namen hatte er erhalten : Barbemuche , und auf seinem Nachttisch lag ein völlig mit Porterbierflecken bedeckter Zettel dieses Inhaltes : Quittung . Für weiland Herrn Lehmanns Aufnahme ins niedere Barbemuchiat 50 Mark erhalten zu haben , bestätigt i.N.d.C. Schaunard Drittes Kapitel Obwohl das Cénacle keine moralische Anstalt war , so bedeutete es für Stilpe doch einen Haltepunkt und eine Verbindung wenigstens mit der Fiktion » extra-alkoholischer Tendenzen « . Stilpe führte damals kein Tagebuch mehr , denn er hatte überhaupt das » unzüchtige Verhältnis mit Büchern « aufgegeben , aber zuweilen , wenn er sich übel fühlte , ergriff er , wiederum in seinem Stile von damals zu reden , den » Stecken und Stab des Bleistiftes und wanderte gedankenvoll über die ausgebleichte Wüste weißen Papieres « . Einige dieser Notizen sind geeignet , ein Stück seiner Seele von damals erkennen zu lassen : Die Geldmützelei ist ein scheußlicher Unsinn und meiner unwürdig . Aber ich selbst bin meiner unwürdig , denn ich werfe die gelbe Mütze diesen Idioten nicht vor die Füße , sondern ich trage sie noch immer mit einer lachhaften Würde . Heiße jetzt Erster Chargierter gar . Kann man tiefer sinken ? Ich tyrannisiere diese gelbmützigen Banausen mit vollendeter Kunst und einigem Genuß , und keiner von ihnen erfreut sich mehr eines intakten Magens . Nie wurde so gesoffen wie unter meiner Ägide . Was soll man auch mit diesen Knaben anderes anfangen ? Frösche muß man in den Sumpf treiben . Ich fange an , unzufrieden mit mir zu werden und erwäge den Plan , diese gelbe Blase zu sprengen . Wenn ich sie nur nicht alle so tiefgründig angepumpt hätte ... Und außerdem : Was soll ich denn sonst anfangen ? Noch scheint die Zeit nicht erfüllt zu sein , wo ich mich diesem Herrn Geheimrat Ammer , falls er sich nicht schon zu seinen Vätern versammelt hat , als Stütze des Staates anbieten kann . Oder sollte ich thatsächlich studieren ? Welch eine Idee ! Nicht mal für Liebe habe ich genügend Zeit . Mann , frage ich , wann kann ich mit Hingabe und Hinnahme lieben ? Um zehn Uhr zerrt mich der Leibfuchs aus dem Bett und kredenzt mir das Antidotum gegen den Datterich , die liebliche Lase voll Culmbacher Biers . Bis zwölf Uhr pauke ich der Füchse summende Herde für die Mensuren ein . Dann salbt mich der Friseur , und bis um drei Uhr treib ich die braven Knaben in die Lichtenheiner Schwemme . Hol sie der Teufel , ich beneide sie ! Denn selbst dieses Lehmwasser macht sie betrunken . Auch mein Mittagsmahl erledige ich um diese Zeit . Es ist erstaunlich , wie mäßig ich darin bin . Rohes Fleisch und Caviar , etliche Eier und Bouillon erhalten diesen schwachen Leib . Von drei bis fünf der Kaffeelachs ; doch ist das ein leerer Name , denn ich habe längst den Kaffee durch Liköre ersetzt , und statt des Skates herrscht der Lederbecher mit den Knobelknochen . Das ist meine palaestra musarum , denn erstens erfinde ich neue Knobeltouren und zweitens muß ich beim Mogeln immerhin aufpassen . Das erschöpft mich sehr , und ich begebe mich nun auf das schwarze Ledersopha in der Kneipe , wo ich der Ruhe pflege , bis das Gas angebrannt wird und die werten Knaben anrücken , um bis früh zwei , drei Uhr von mir vollgeplumpt zu werden . Mir scheint , das ist kein Leben nach dem Geschmacke Apollos und der neun Musen , - oder sind es zwölf ? Ewig verwechsle ich die Apostel mit den Musen . Und die Liebe ! Sie muß hungern ! Liebe und Alkohol sind feindliche Mächte . Tragisches Geschick , beiden hold zu sein . Zuweilen giebt es Mensuren . Ich leugne nicht , daß diese kleine Aufregung mich amüsiert . Trinkt man vorher fünf Cognacs , so ist man erstaunlich wacker und ließe sich mit Heroismus den Schädel spalten . Nein : Lieber blos die Backe , denn das ists ja , was den Menschen ziert , und dazu ward ihm der Verstand : Der Durchzieher . Ich glaube , jetzt etwa einschockmal gefochten zu haben , wenn man diesen mathematischen Wechsel von Schlag und Parade fechten nennen kann . Man gewöhnt sich daran wie der Pudel ans Baden . Das Schönste dabei ist der Geruch , diese allerliebste Mischung von Jodoform , Carbol , Cognac und ein bischen Schweiß . Es wirkt wie ein Aphrodisiacum auf mich . Aber es ist möglich , daß ich ein bischen pervers bin . Blutdurst und Wollust ! Gieb mir dein Herz zu saufen Laura : Ich liebe Dich ! Die schweren Sachen meid ich . Meine Säbelmensur war nicht eigentlich prima nota . Ich hatte den Cognac überschätzt . Man muß entschieden Porter dabei zur Hand haben . Porter und Cognac zusammen macht sicher sehr säbelmutig . Man muß nur auch die Dosis richtig bemessen . Ich halte es nicht für ausgeschlossen , daß ich ohne Alkohol mehr horazischen als achilleischen Mut bewähren würde . Dies unter uns gesagt . Kürzlich focht ein Jüngling auf unsre Waffen , der entsetzliche Angst hatte , sich aber doch nicht eher umdrehen ließ , als bis er einen ausgewachsenen Durchzieher hatte . Später gestand er mir , daß er » aus Liebe « gefochten hätte . - Wie ? rief ich , hat Ihr Gegner sich erfrecht , Ihr Fräulein Braut zu betasten ? - Ach nein , sagte er , meine Braut wünscht nur , daß ich einen schönen Schmiß habe . So heroisch sind die Töchter Thusneldas angelegt . - Hörst du nicht den Eichwald rauschen ? Als ich noch Bücher las , habe ich irgendwo das Diktum gefunden , daß der Mensch nie verzweifeln könne , denn es bleibe ihm auch beim schlimmsten Zahnweh immer die tröstliche Möglichkeit des Selbstmordes . Ich habe ein Analogon dazu ; ich sage mir : Du kannst zwar versumpfen , aber es bleibt Dir immer noch die Möglichkeit , Journalist zu werden . Diese Verachtung des Journalismus gehörte zum Repertoire des Cénacles , aber Stilpe fing doch bereits an , sich mit dem Gedanken sehr vertraut zu machen , daß ihm schließlich die Laufbahn des Zeitungslitteraten blühen möchte . Zwar war er keineswegs an seiner dichterischen Bedeutung irre geworden ; der Nagel saß fest . Aber der Umstand , daß er jetzt im Grunde nicht einmal mehr Pläne zu künftigen Werken machte , kam ihm doch manchmal zum Bewußtsein , und dann sagte er sich : Ich bin eine zersplitterte Natur , der Fluch des modernen Menschen lastet auf mir , daß wir uns nicht sammeln können ; gut also , so ziehe ich ohne Wehleidigkeit den Schluß daraus und schlage mich zu jenen , die ihre Goldbarren täglich stückweise und halb ausgeprägt vor die Masse werfen müssen . Und sofort malte er sich eine vollkommene Umwälzung der deutschen Zeitungslitteratur aus , die vor sich gehen würde , wenn er zu ihr gehörte . Aber , als ihm ein Artikel , den er einmal in den Ferien geschrieben hatte , zurückgeschickt wurde , erfaßte ihn gleich wieder der große Ekel vor diesen » öffentlichen Männern , die sich zeilenweise prostituieren und sich von ihren weiblichen Berufsgenossinnen nur dadurch unterscheiden , daß sie nicht gutmütig wie jene sind . « Und die Zeitungen nannte er nun wieder » Holzpapierbordells « . Um diese Zeit war es , daß Girlinger wieder vor ihm auftauchte . Girlinger hatte in Zürich und Genf studiert , trug schwarze Coteletten , einen Cylinder und immer Handschuhe . Er war sehr gesetzt und durchaus solide . Sein Plan war eigentlich gewesen , romanische Philologie zu studieren , und er hatte diesem Fach , wofür er Fleiß und Talent in sehr hohem Grade besaß , auch wirklich mit Eifer obgelegen , aber , da sein Vater darauf bestand , er müsse sich der Jurisprudenz widmen , so hatte er sich schließlich dazu verstanden und trieb nun auch Jurisprudenz mit Eifer und Zielbewußtsein . Ein gewisser Zug von echter Resignation stand ihm dabei sehr gut . Äußerlich erlebt hatte er so gut wie nichts , aber er hatte viel an sich gearbeitet . Als er Stilpen zum ersten Mal in seiner gelben Mütze sah , nahm er seinen Cylinder sehr tief und zeremoniell ab und machte sogar eine Verbeugung dabei . Stilpe empfand das als Hohn und stürzte sich auf ihn : - Ach , der Herr Referendar ! Welch ein Cylinder ! Wo hast Du die Sametbürste , Freund meiner Jugend ? Girlinger erwiderte : Ich schlage einen anderen Stil vor , wenn wir uns unterhalten wollen . Übrigens bin ich meinem Examen ferner als Du , denn ich stehe im ersten juristischen Semester . - Ich schlage vor , daß wir weder von Semestern noch von Examen reden , wenn wir uns unterhalten wollen . Ich spreche nicht gerne von gleichgültigen Dingen . Nur zu Deiner Orientierung bemerke ich , daß ich immer noch als stud . jur . et phil . immatrikuliert bin , ohne indeß von diesen Würden Gebrauch zu machen . Ich fahre noch immer fort , mir das Leben anzusehen . Auch trinke ich gerne Spirituosisches . Du scheinst mir dagegen ein buveur d ' eau zu sein . - So Mürger kennst Du auch ? - Es giebt keinen besseren Kenner dieses Klassikers . Schade übrigens , daß die Stelle eines Barbemuche in unserm Cénacle schon besetzt ist , ich würde sonst Dir meine Fürsprache nicht vorenthalten . - Danke . Ich bin nicht für gelbe Mützen . - Köstlich ! Nein , diese Biermütze hat mit dem Cénacle nichts zu thun . Dein Cylinderhut läuft keine Gefahr , wenn Du uns die Ehre und das Vergnügen machen willst , der definitiven Aufnahme des Herrn Lehmann in das höhere Barbemuchiat beizuwohnen . Morgen Abend um acht auf meiner Bude , wenn ich bitten darf . Oder fürchtest Du Dich vor ostpreußischen Bowlen ... - Herr Lehmann ist wohl ein Idiot ? - Nein , ein Idealist , aber mit Baarmitteln . Du wirst Deine Menschenkenntnis bereichern , wenn Du kommst , und außerdem einige Chorgesänge vernehmen , die sich meiner Verfasserschaft rühmen . Wenn Du aber nicht kommst , so werde ich mich aus Gram betrinken und in der Betrunkenheit dem Cénacle Deine Flucht nach Griechenland erzählen . - Warum soll ' ich nicht kommen ? Da Herr Lehmann die Bowle bezahlt , bin ich ja sicher . - Schön , aber Cigarren kannst Du wenigstens mitbringen . - Ich rauche nicht . - Um so besser , so wirst Du uns nicht berauben . Aber merke Dir die Marke : Henry Clay . Schreib Dirs ins Notizbuch . Eine Kiste genügt . Schreib aber Clay richtig , nicht wie das Kuhfutter , sondern so : C ... l ... a .... y. So ists richtig . Du wirst wohl empfangen sein ! - Sind Weiber dabei ? - Pfui ! So einer bist Du ? Daher der Cylinderhut und die Koteletten ? Kalipsichore verhüllt ihr Haupt . - Wer ? - Kalipsichore , die Muse der epischen Tanzkunst , wenns gefällig ist . Sie wird persönlich da sein . Im Civil heißt sie Hulda Ranker . Du kennst doch das Zeitwort rankern ? - Ich glaube , Du bist betrunken . - Bleibe fest und glaube getrost , Du wirst nicht irre gehn . Aber vergiß die Cigarren nicht ! Du kannst auch Huldan ein Corsett mitbringen . Ich habs ihr schon lange versprochen . Doch von Seide muß es sein ! Girlinger hielt es für gut , sich nun zu verabschieden . - Total versumpft ! dachte er bei sich . Und wie der Mensch aussah ! Dieses angeschwemmte Fett unter fast gelber Haut ! Diese unstäten schwimmenden Augen ! Und salopp ! In einem Corps scheint er nicht zu sein . Sogar die Wäsche nicht sauber . Und die Hand feucht . Wie er dahin geht , der richtige Gewohnheitssäufer , der zwar nicht direkt schwankt , aber doch auch nicht richtig gradeaus gehen kann . Natürlich auch Gedankenflucht . Er kann sicherlich keine zehn Zeilen logisch schreiben . Delirantenphantasie . Ein Ragout im Hirnkasten . Wie viel Schulden mag der Mensch haben ! Girlinger hatte ein schönes psychologisches Thema für sein Tagebuch . Stilpes Wohnung lag im Durchgang der großen Feuerkugel ( Einst wohnte Goethe hier - jetzt Wir ! ) drei Treppen hoch und bestand aus einem mäßig großen Zimmer und einem Alkoven . - Der einzige Fehler dieser Bude ist , pflegte Stilpe zu sagen , daß sie gerade Wände hat . Schiefe Wände wären stimmungsvoller . Aber man beachte die charaktervolle Schäbigkeit der Ausstattung ! Wer angesichts dieses pöbelhaften Sophas , dieser kontrakten Stühle , dieses ewig wackelnden Tisches und dieses immer aufklaffenden Kleidersargs , von dem infamen » Napoleon in der Schlacht bei Leipzig « ganz zu schweigen , daran dächte , hier die Miete nicht schuldig zu bleiben , müßte ein gefühlloser Barbar genannt werden . Was aber das Bett anlangt , meine Lieben , so giebt es keine vorlautere Bestie als dies . Es quietscht schon , wenn man es ansieht , geschweige denn ... aber das ist ein rein musikalisches Thema . In dieser Wohnung also , die wirklich abscheulich war , versammelte sich am folgenden Sonntage das Cénacle zur Feier der endgiltigen Aufnahme des Philologen Lehmann , der soviel Geschmack am Cénacle genommen hatte , daß er sich selber an den gröbsten Verhöhnungen seiner Person beteiligte . Stilpe erschien eine halbe Stunde vor Beginn der Festlichkeit . Mit ihm betrat Hulda Ranker das Zimmer . Sie that es mit der Sicherheit einer Person , die mit den Lokalitäten vertraut ist . Hübsch war sie eigentlich nicht , aber sie hatte das gewisse Pusselig-Graziöse der Leipzigerin , an der der Kenner noch heute die Erbreste aus jener galanten Zeit bemerkt , in der , wie die Kulturhistoriker sagen , » die Leipzigerinnen an lockerer Moral mit den Pariserinnen um die Palme rangen . « Die Moral Huldas war wohl nie sehr fest gewesen , aber Stilpe hatte sie , obwohl er erst vor vier Wochen dem Mädchen » das Taschentuch zugeworfen « hatte , derart gelockert , daß sie vollkommen durchsichtig geworden war . Aber das stand Fräulein Hulda gerade gut . Sie gehörte zu den Mädchen , die an Charakter gewinnen , indem sie an Moral verlieren . Im Übrigen war sie schlank , von guter Taille , brünett und passabel angezogen . Tagüber verkaufte sie Cravatten . Diesem Umstand verdankte die geistsprühende Scherzfrage Stilpes ihr Dasein : Welcher Unterschied besteht zwischen Hogarth und mir ? Antwort : Jener malte ein Crevettenmädchen , ich bedichte ein Cravattenmädchen . Aber mit dem Dichten sah es auch in diesem Falle windig aus . Außer dem verwegenen Ritornell : O holde Hulda ! Ganz ohne Makel wärst Du , reimtest Du Dich nicht Auf Ludwig Fulda existierte keine Zeile , zu der Fräulein Ranker Pathe gestanden hätte , und auch dieses zierliche Stachelpoem verdankte seine Entstehung mehr Stilpes Antipathie gegen » diesen schreibenden Kapitalisten « , als seiner Liebe zu der braunen Verkäuferin , ganz abgesehen davon , daß es eine von den auch sonst nicht seltenen Improvisationen seiner Skandierkunst war , die sich auf einen Reimzufall zurückführen ließen . - Laß die Rollfahnen runter , Mädchen , und mach Licht ! kommandierte Stilpe . Es giebt hier in der Umgegend keusche Augen , die sehr lüstern sind . So ! Die Beleuchtung ist mangelhaft , aber das kommt Deinem Teint zugute . Im Schummerigen wirken die Weiber überhaupt am besten . Daher die vielen Rendez-vous bei der Gaslaterne . Das elektrische Licht wird die Rendez-vous stark reduzieren , und Herr Siemens ist für die Moral sehr viel wichtiger , als der Sittlichkeitsverein . - Quatsch nicht , Käfer . Heute wird so wie so wieder furchtbar geredet werden . - Sehr richtig ! Aber auch getrunken , meine braune Taube , ja sogar gegessen , und zwar keineswegs Schweinsknochen mit Klößen , sondern fabelhafte Sachen . Außerdem wirst Du drei neue Männer kennen lernen und zwar 1 ) jenen Lehmann , 2 ) einen Herrn im Cylinder und 3 ) einen Cylinder mit einem Herrn . - Mit Deim närrschen Zeig ! ( Huldas Aussprüche müssen immer Leipzigerisch gelesen werden , auch wenn sie deutsch wiedergegeben sind . ) - Ich rede ernst wie immer . Der dritte Mann ist nämlich der kleine August , den Kenner trotzdem August den Starken heißen . - Warum denn ? - Nicht blos im Biceps liegt die Kraft des Manns ! ... - Komm , sag mir , warum er August der Starke heißt ! - Ich werde mich hüten , denn ich liebe Dich . Nur soviel : Dieser kleine Mann , der sich durch einen hohen Cylinder zu recken trachtet , ist ein fulminanter Musikus und würde schon viele Opern geschrieben haben , wenn er nicht immer trinken müßte . Zwar behauptet er , ich wäre schuld daran , weil ich ihm den Text nicht schreibe , den ich ihm versprochen habe . Aber das ist eben jene Schlange , die sich in den werten Schwanz beißt : Ich dichte nicht , weil er nicht komponiert , und er komponiert nicht , weil ich nicht dichte . Ergo müssen wir beide saufen . - Sag doch nicht saufen , das klingt so ruppig . - Kann ich dafür , daß die Wahrheit ein Rauhbein ist ? - Du bist eins ! - Und dennoch liebt mich Deine Sanftheit ! Aber es klingelt ! Schwing Dich hinaus , Mädchen ! Es war Herr Lehmann mit drei Packträgern . Er machte eine tiefe Verbeugung , der man die Tanzstunde ansah , vor Hulda und begrüßte Stilpen ehrerbietig . - Schön , mein Engel , sprach dieser , ich sehe , Du hast Alles gut in die Wege geleitet . Nun laß mich das Auspacken überwachen . Setz Dich zu diesem schlanken Mädchen , aber halte Dich in den Grenzen der Wohlanständigkeit . Noch bist Du nicht in der Gemeinde derer , denen Alles erlaubt ist . Und nun kommandierte er : - Der die Flaschen hat , vortreten ! ... Ah ! Sie ! Gut gewählt , der Mann . Er ist würdig , volle Flaschen zu tragen ! Lieben Sie Nordhäuser ? Schon gut ! ... Nun packen Sie aus ! Vorne ran die dicken Flaschen ! Gut ! ... Wieviel ? Sechs ? Gut ! ... Jetzt die rothalsigen ! Süße Kerlchen , was ? ... Zehne ? Da fehlen zweie ! Mensch , Sie werden doch nicht ? Ah , da strecken sie ja die roten Hälse vor . Zu den anderen ! Schön ausrichten ! Gut ! Ganz gut und wacker ! ... Sie waren gewiß Unteroffizier . Natürlich ! Es lebe der Reservemann ! ... Aber jetzt die Gelbkapseln ! ... Drei ! Ja , ja , es werden nicht mehr . Aber reichen Sie mir mal eine . Schön . Ich bin zufrieden . Lassen Sie sich auszahlen bei dem Herrn dort . Er wird Ihnen auch ein paar Cigarren geben . - Jetzt der zweite mit dem Freßkober und dem Geschirr ! ... Umgotteswillen vorsichtig ! Den Bowlenbauch mitten auf den Tisch . Die Gläser wie ein Kranz herum ... So ! Sie haben Talent , alter Herr ... Nun die Teller . Aber da soll dieses Fräulein helfen ... Hulda , arrangiere das Tellerwesen . Und nimm Dich auch der Messer und Gabeln an . Und nun : Was ruht im werten Schrein ! ? Gut ! ... Gut ! ... Es ist Alles in rechtem Verhältnis , sowohl das , was dem Meere entstammt , wie das vom festen Lande . Die ganze Geographie ist vertreten , von der Adria bis zum schwarzen Meere ... Ja , die Eisenbahnen sind ein rechter Segen , nicht wahr , Mister ? ... Und nun lassen Sie sich gleichfalls von dem verehrten Gastgeber auslohnen . Auch Sie haben drei Cigarren extra verdient . - Und nun der Düstere in der Ecke mit dem schwarzen Sarg ! Heran und ausgepackt ! ... Wie ? Ein Cello ? Seit wann zählt das zu den Viktualien ? ... Ah , Du willst kniegeigen ? Schön ! Placet ! So kann ich mir mein Bettduo sparen . Die Packträger traten ab . Kaum waren sie draußen , so hörte man in einer Art Baßfistel kreischen : Infames Rindvieh ! Haben Sie keine Augen ? Das Luder hat mir die Galloschen abgetreten ! Und herein stürmte ein kleiner Mensch mit kurzem weißen Stoppelbarte , kaum einen Meter hoch , aber mit einem hohen Röhrenhute bedeckt . Er schrie immer noch und fuchtelte dabei mit seinem Regenschirm herum : Meine rechte Gallosche ! Dieses Trampeltier ! Wie ? Ochse ! Direkt auf die Gallosche ! Ich gehe sofort ! - Aber August ! Siehst Du die Dame nicht ? klagte Stilpe . Und sofort war der kleine Mann friedlich . - Hehe ! Warten Sie , mein Fräulein , gleich komm ich und lege mich Ihnen zu Füßen . Blos den Hut und Schirm und Mantel , puh , diesen zentnerschweren Mantel , diese Rüstung , Luder , das ... Herr Lehmann stürzte herbei und nahm dem Kleinen die Garderobe ab . - Sehr nett , Herr ... ? - Leh ... Barbe ... ( Herr Lehmann wußte im Cénacle bis jetzt noch nicht wie er hieß ) . - Sehr freundlich , Herr Lehbarb ! Stilpe wieherte vor Entzücken . - Gottverdammich , was heulst Du wie eine Lokomotive ! Willst Du mich wahnsinnig machen ? Kennst Du keine Rücksicht ? Ich gehe sofort ! - Aber August ! Du hast Dich dem Mädchen immer noch nicht zu Füßen gelegt . - Oh , oh , oh , oh , Dein Geschrei ! Dein Geschrei ! Aber jetzt liege ich schon . Und er fuhr auf Hulda los und ergriff ihre Hände und machte dabei eine Verbeugung , so daß er sie niederzog wie einen Plumpenschwengel . - Ach , die reizenden warmen Händchen ! Uh , uh , uh , ti , ti , ti , so warme Patschen ! Mm , mm , mm ! Heißen ? - Hulda heißt das Mädchen , bemerkte Stilpe . - Hab ich Dich gefragt ? Weg ! Weg ! Kommen Sie , Huldachen , zu mir aufs Kanapee , Huldachen . Er schleppte sie förmlich zum Sopha , auf das er sich nach türkischer Art setzte , weil er europäisch sitzend mit den Füßen nicht zum Boden gereicht hätte . Das Zimmer war jetzt eigentlich schon voll , aber es kamen noch sieben Personen , nämlich : 1 ) Girlinger , der sich überaus schüchtern und mit der ganzen Ratlosigkeit eines stark kurzsichtigen Menschen benahm ,