dem Sie sich , lieber Czako , wie jedesmal , wenn Sie zu glauben anfangen , in einem großen Irrtum befinden . « » Das kann nicht sein . « » Es kann nicht bloß sein , es ist . Und ich wundre mich nur , daß gerade Sie , der Sie doch sonst das Gras wachsen hören und allen Gesellschaftsklatsch kennen wie kaum ein zweiter , daß gerade Sie von dem allen kein Sterbenswörtchen vernommen haben sollen . Sie verkehren doch auch bei den Xylanders , ja , ich glaube Sie da , letzten Winter , mal kämpfend am Büfett gesehen zu haben . « » Gewiß . « » Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens , Baron und Frau , und in lebhaftestem Gespräche mit diesem bayerischen Baron ein distinguierter alter Herr und zwei Damen . Und diese drei , das waren die Barbys . « » Die Barbys « , wiederholte Czako , » Botschaftsrat oder dergleichen . Ja , gewiß , ich habe davon gehört ; aber ich kann mich jedenfalls nicht erinnern , ihn und die Damen gesehen zu haben . Und sicherlich nicht an jenem Abend , wo ja von Vorstellen keine Rede war , die reine Völkerschlacht . Aber Sie wollten mir , glaube ich , von eben diesen Barbys erzählen . « » Ja , das wollt ich . Ich wollte Sie nämlich wissen lassen , daß Ihr Célibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben diesem Hause regelmäßig verkehrt . « » Er wird wohl in vielen Häusern verkehren . « » Möglich , aber nicht sehr wahrscheinlich , da das eine Haus ihn ganz in Anspruch nimmt . « » Nun gut , so lassen wir ihn bei den Barbys . Aber was bedeutet das ? « » Das bedeutet , daß in einem solchen Hause verkehren und sich mit einer Tochter verloben so ziemlich ein und dasselbe ist . Bloß eine Frage der Zeit . Und die Tante wird sich damit aussöhnen müssen , auch wenn sie , wie beinah gewiß , über ihr Herzblatt bereits anders verfügt haben sollte . Solche Dinge begleichen sich indessen fast immer . Unser Woldemar wird sich aber mittlerweile vor ganz andre Schwierigkeiten gestellt sehen . « » Und die wären ? Ist er nicht vornehm genug ? Oder mankiert vielleicht Gegenliebe ? « » Nein , Czako , von mankierender Gegenliebe , wie Sie sich auszudrücken belieben , kann keine Rede sein . Die Schwierigkeiten liegen in was anderm . Es sind da nämlich , wie ich mir schon anzudeuten erlaubte , zwei Comtessen im Hause . Nun , die jüngere wird es wohl werden , schon weil sie eben die jüngere ist . Aber so ganz sicher ist es doch keineswegs . Denn auch die ältere , wiewohl schon über dreißig , ist sehr reizend und zum Überfluß auch noch Witwe - das heißt eigentlich nicht Witwe , sondern richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene Frau . Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet oder vielleicht auch nicht verheiratet . « » Verheiratet oder vielleicht auch nicht verheiratet « , wiederholte Czako , während er unwillkürlich sein Pferd anhielt . » Aber Rex , das ist ja hoch pikant . Und daß ich erst heute davon höre und noch dazu durch Sie , der Sie sich von solchen Dingen doch zunächst entsetzt abwenden müßten . Aber so seid ihr Konventikler . Schließlich ist all dergleichen doch eigentlich euer Lieblingsfeld . Und nun erzählen Sie weiter , ich bin neugierig wie ein Backfisch . Wer war denn der unglücklich Glückliche ? « » Sie meinen , wenn ich Sie recht verstehe , wer es war , der diese ältere Comtesse heiratete . Nun , dieser glücklich Unglückliche - oder vielleicht auch umgekehrt - war auch Graf , sogar ein italienischer ( vorausgesetzt , daß Sie dies als eine Steigerung ansehn ) , und hatte natürlich einen echt italienischen Namen : Conte Ghiberti , derselbe Name wie der des florentinischen Bildhauers , von dem die berühmten Türen herrühren . « » Welche Türen ? « » Nun , die berühmten Baptisteriumtüren in Florenz , von denen Michelangelo gesagt haben soll , sie wären wert , den Eingang zum Paradiese zu bilden . Und diese Türen heißen denn auch , ihrem großen Künstler zu Ehren , die Ghibertischen Türen . Übrigens eine Sache , von der ein Mann wie Sie was wissen müßte . « » Ja , Rex , Sie haben gut reden von wissen müssen . Sie sind aus einem großen Hause , haben mutmaßlich einen frommen Kandidaten als Lehrer gehabt und sind dann auf Reisen gegangen , wo man so feine Dinge wegkriegt . Aber ich ! Ich bin aus Ostrowo . « » Das ändert nichts . « » Doch , doch , Rex . Italienische Kunst ! Ich bitte Sie , wo soll dergleichen bei mir herkommen ? Was Hänschen nicht lernt - dabei bleibt es nun mal . Ich erinnere mich noch ganz deutlich einer Auktion in Ostrowo , bei der ( es war in einem kommerzienrätlichen Hause ) schließlich ein roter Kasten zur Versteigerung kam , ein Kasten mit Doppelbildern und einem Opernkucker dazu , der aber keiner war . Und all das kaufte sich meine Mutter . Und an diesem Stereoskopenkasten , ein Wort , das ich damals noch nicht kannte , habe ich meine italienische Kunst gelernt . Die Türen waren aber nicht dabei . Was können Sie da groß verlangen ? Ich habe , wenn Sie das Wort gelten lassen wollen , ' ne Panoptikumbildung . « Rex lachte . » Nun , gleichviel . Also der Graf , der die ältere Comtesse Barby heiratete , hieß Ghiberti . Seiner Ehe fehlten indes durchaus die Himmelstüren - soviel läßt sich mit aller Bestimmtheit sagen . Und deshalb kam es zur Scheidung . Ja , mehr , die scharmante Frau ( scharmant ist übrigens ein viel zu plebejes und minderwertiges Wort ) hat in ihrer Empörung den Namen Ghiberti wieder abgetan , und alle Welt nennt sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen . « » Und der ist ? « » Melusine . « » Melusine ? Hören Sie , Rex , das läßt aber tief blicken . « Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer Damm herangekommen . Es dunkelte schon stark , und ein Gewölk , das am Himmel hinzog , verbarg die Mondsichel . Ein paarmal indessen trat sie hervor , und dann sahen sie bei halber Beleuchtung das Hohenlohedenkmal , das unten im Luche schimmerte . Hinunterzureiten , was noch einmal flüchtig in Erwägung gezogen wurde , verbot sich , und so setzten sie sich in einen munteren Trab und hielten erst wieder in Cremmen vor dem Gasthause » Zum Markgrafen Otto « . Es schlug eben neun von der Nikolaikirche . Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch , in dem sich Rex über die in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu unterrichten suchte . Der Wirt stellte der einen wie der andern ein gleich gutes Zeugnis aus und hatte die Genugtuung , daß ihm Rex freundlich zunickte . Czako aber sagte : » Sagen Sie , Herr Wirt , Sie haben da ein so schönes Billard ; ich habe mir jüngst erst sagen lassen , wenn ' s wirklich flott gehe , so könne man ' s im Jahr bis auf dreitausend Mark bringen . Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag . Wie steht es damit ? Für möglich halt ich es . « Nach dem » Eierhäuschen « Elftes Kapitel Die Barbys , der alte Graf und seine zwei Töchter , lebten seit einer Reihe von Jahren in Berlin , und zwar am Kronprinzenufer , zwischen Alsen- und Moltkebrücke . Das Haus , dessen erste Etage sie bewohnten , unterschied sich , ohne sonst irgendwie hervorragend zu sein ( Berlin ist nicht reich an Privathäusern , die Schönheit und Eigenart in sich vereinigen ) , immerhin vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern , von denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde ; der eine davon ein kleiner Baumgarten , mit allerlei Buschwerk dazwischen , der andre ein Hofraum mit einem zierlichen , malerisch wirkenden Stallgebäude , dessen obere Fenster , hinter denen sich die Kutscherwohnung befand , von wildem Wein umwachsen waren . Schon diese Lage des Hauses hätte demselben ein bestimmtes Maß von Aufmerksamkeit gesichert , aber auch seine Fassade mit ihren zwei Loggien links und rechts ließ die des Weges Kommenden unwillkürlich ihr Auge darauf richten . Hier , in eben diesen Loggien , verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei , je nach der Jahreszeit , mal den zum Zimmer des alten Grafen gehörigen , in pompejischem Rot gehaltenen Einbau , mal die gleichartige Loggia , die zum Zimmer der beiden jungen Damen gehörte . Dazwischen lag ein dritter großer Raum , der als Repräsentations- und zugleich als Eßzimmer diente . Das war , mit Ausnahme der Schlaf- und Wirtschaftsräume , das Ganze , worüber man Verfügung hatte ; man wohnte mithin ziemlich beschränkt , hing aber sehr an dem Hause , so daß ein Wohnungswechsel , oder auch nur der Gedanke daran , so gut wie ausgeschlossen war . Einmal hatte die liebenswürdige , besonders mit Gräfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen solchen Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht , aber nur , um sofort einem lebhaften Widerspruche zu begegnen . » Ich sehe schon , Baronin , Sie führen den ganzen Lennéstraßenstolz gegen uns ins Gefecht . Ihre Lennéstraße ! Nun ja , wenn ' s sein muß . Aber was haben Sie da groß ? Sie haben den Lessing ganz und den Goethe halb . Und um beides will ich Sie beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in Rechnung stellen . Aber die Lennéstraßenwelt ist geschlossen , ist zu , sie hat keinen Blick ins Weite , kein Wasser , das fließt , keinen Verkehr , der flutet . Wenn ich in unsrer Nische sitze , die lange Reihe der herankommenden Stadtbahnwaggons vor mir , nicht zu nah und nicht zu weit , und sehe dabei , wie das Abendrot den Lokomotivenrauch durchglüht und in dem Filigranwerk der Ausstellungsparktürmchen schimmert , was will Ihre grüne Tiergartenwand dagegen ? « Und dabei wies die Gräfin auf einen gerade vorüberdampfenden Zug , und die Baronin gab sich zufrieden . Ein solcher Abend war auch heute ; die Balkontür stand auf , und ein kleines Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den schweren Teppich , der durch das ganze Zimmer hin lag . Es mochte die sechste Stunde sein , und die Fenster drüben an den Häusern der andern Seite standen wie in roter Glut . Ganz in der Nähe des Kamins saß Armgard , die jüngere Tochter , in ihren Stuhl zurückgelehnt , die linke Fußspitze leicht auf den Ständer gestemmt . Die Stickerei , daran sie bis dahin gearbeitet , hatte sie , seit es zu dunkeln begann , aus der Hand gelegt und spielte statt dessen mit einem Ballbecher , zu dem sie regelmäßig griff , wenn es galt , leere Minuten auszufüllen . Sie spielte das Spiel sehr geschickt , und es gab immer einen kleinen hellen Schlag , wenn der Ball in den Becher fiel . Melusine stand draußen auf dem Balkon , die Hand an die Stirn gelegt , um sich gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schützen . » Armgard « , rief sie in das Zimmer hinein , » komm ; die Sonne geht eben unter ! « » Laß . Ich sehe hier lieber in den Kamin . Und ich habe auch schon zwölfmal gefangen . « » Wen ? « » Nun natürlich den Ball . « » Ich glaube , du fingst lieber wen anders . Und wenn ich dich so dasitzen sehe , so kommt es mir fast vor , als dächtest du selber auch so was . Du sitzt so märchenhaft da . « » Ach , du denkst immer nur an Märchen und glaubst , weil du Melusine heißt , du hast so was wie eine Verpflichtung dazu . « » Kann sein . Aber vor allem glaub ich , daß ich es getroffen habe . Weißt du , was ? « » Nun ? « » Ich kann es so leicht nicht sagen . Du sitzt zu weit ab . « » Dann komm und sag es mir ins Ohr . « » Das ist zuviel verlangt . Denn erstens bin ich die ältere , und zweitens bist du ' s , die was von mir will . Aber ich will es so genau nicht nehmen . « Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf die Schwester zu , nahm ihr das Fangspiel fort und sagte , während sie ihr die Hand auf die Stirn legte : » Du bist verliebt . « » Aber Melusine , was das nun wieder soll ! Und wenn man so klug ist wie du ... Verliebt . Das ist ja gar nichts ; etwas verliebt ist man immer . « » Gewiß . Aber in wen ? Da beginnen die Fragen und die Finessen . « In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen , und Armgard horchte . » Wie du dich verrätst « , lachte Melusine . » Du horchst und willst wissen , wer kommt . « Melusine wollte noch weitersprechen , aber die Tür ging bereits auf , und Lizzi , die Kammerjungfer der beiden Schwestern , trat ein , unmittelbar hinter ihr ein Gersonscher Livreediener mit einem in einen Riemen geschnallten Karton . » Er bringt die Hüte « , sagte die Kammerjungfer . » Ah , die Hüte . Ja , Armgard , da müssen wir freilich unsre Frage vertagen . Was doch wohl auch deine Meinung ist . Bitte , stellen Sie hin . Aber Lizzi , du , du bleibst und mußt uns helfen ; du hast einen guten Geschmack . Übrigens , ist kein Stehspiegel da ? « » Soll ich ihn holen ? « » Nein , nein , laß . Unsre Köpfe , worauf es doch bloß ankommt , können wir schließlich auch in diesem Spiegel sehen ... Ich denke , Armgard , du läßt mir die Vorhand ; dieser hier mit dem Heliotrop und den Stiefmütterchen , der ist natürlich für mich ; er hat den richtigen Frauencharakter , fast schon Witwe . « Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und trat an den Spiegel . » Nun , Lizzi , sprich . « » Ich weiß nicht recht , Frau Gräfin , er scheint mir nicht modern genug . Der , den Comtesse Armgard eben aufsetzt , der würde wohl auch für Frau Gräfin besser passen - die hohen Straußfedern , wie ein Ritterhelm , und auch die Hutform selbst . Hier ist noch einer , fast ebenso und beinah noch hübscher . « Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel ; Armgard , hinter der Schwester stehend und größer als diese , sah über deren linke Schulter fort . Beide gefielen sich ungemein , und schließlich lachten sie , weil jede der andern ansah , wie hübsch sie sich fand . » Ich möchte doch beinah glauben ... « , sagte Melusine , kam aber nicht weiter , denn in eben diesem Augenblicke trat ein in schwarzen Frack und Escarpins gekleideter alter Diener ein und meldete : » Rittmeister von Stechlin . « Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst und verbeugte sich gegen die Damen . » Ich fürchte , daß ich zu sehr ungelegener Stunde komme . « » Ganz im Gegenteil , lieber Stechlin . Um wessentwillen quälen wir uns denn überhaupt mit solchen Sachen ? Doch bloß um unsrer Gebieter willen , die man ja ( vielleicht leider ) auch noch hat , wenn man sie nicht mehr hat . « » Immer die liebenswürdige Frau . « » Keine Schmeicheleien . Und dann , diese Hüte sind wichtig . Ich nehm es als eine Fügung , daß Sie da gerade hinzukommen ; Sie sollen entscheiden . Wir haben freilich schon Lizzis Meinung angerufen , aber Lizzi ist zu diplomatisch ; Sie sind Soldat und müssen mehr Mut haben ; Armgard , sprich auch ; du bist nicht mehr jung genug , um noch ewig die Verlegene zu spielen . Ich bin sonst gegen alle Gutachten , namentlich in Prozeßsachen ( ich weiß ein Lied davon zu singen ) , aber ein Gutachten von Ihnen , da laß ich all meine Bedenken fallen . Außerdem bin ich für Autoritäten , und wenn es überhaupt Autoritäten in Sachen von Geschmack und Mode gibt , wo wären sie besser zu finden als im Regiment Ihrer Kaiserlich Königlichen Majestät von Großbritannien und Indien ? Irland laß ich absichtlich fallen und nehme lieber Indien , woher aller gute Geschmack kommt , alle alte Kultur , alle Shawls und Teppiche , Buddha und die weißen Elefanten . Also antreten , Armgard ; du natürlich an den rechten Flügel , denn du bist größer . Und nun , lieber Stechlin , wie finden Sie uns ? « » Aber meine Damen ... « » Keine Feigheiten . Wie finden Sie uns ? « » Unendlich nett . « » Nett ? Verzeihen Sie , Stechlin , nett ist kein Wort . Wenigstens kein nettes Wort . Oder wenigstens ungenügend . « » Also schlankweg entzückend . « » Das ist gut . Und zur Belohnung die Frage : wer ist entzückender ? « » Aber Frau Gräfin , das ist ja die reine Geschichte mit dem seligen Paris . Bloß , er hatte es viel leichter , weil es drei waren . Aber zwei . Und noch dazu Schwestern . « » Wer ? Wer ? « » Nun , wenn es denn durchaus sein muß , Sie , gnädigste Frau . « » Schändlicher Lügner . Aber wir behalten diese zwei Hüte . Lizzi , gib all das andre zurück . Und Jeserich soll die Lampen bringen ; draußen ein Streifen Abendrot und hier drinnen ein verglimmendes Feuer - das ist denn doch zuwenig oder , wenn man will , zu gemütlich . « Die Lampen hatten draußen schon gebrannt , so daß sie gleich da waren . » Und nun schließen Sie die Balkontür , Jeserich , und sagen Sie ' s Papa , daß der Herr Rittmeister gekommen . Papa ist nicht gut bei Wege , wieder die neuralgischen Schmerzen ; aber wenn er hört , daß Sie da sind , so tut er ein übriges . Sie wissen , Sie sind sein Verzug . Man weiß immer , wenn man Verzug ist . Ich wenigstens hab es immer gewußt . « » Das glaub ich . « » Das glaub ich ! Wie wollen Sie das erklären ? « » Einfach genug , gnädigste Gräfin . Jede Sache will gelernt sein . Alles ist schließlich Erfahrung . Und ich glaube , daß Ihnen reichlich Gelegenheit gegeben wurde , der Frage Verzug oder Nichtverzug praktisch näherzutreten . « » Gut herausgeredet . Aber nun , Armgard , sage dem Herrn von Stechlin ( ich persönlich getraue mich ' s nicht ) , daß wir in einer halben Stunde fortmüssen , Opernhaus , Tristan und Isolde . Was sagen Sie dazu ? Nicht zu Tristan und Isolde , nein , zu der heikleren Frage , daß wir eben gehen , im selben Augenblick , wo Sie kommen . Denn ich seh es Ihnen an , Sie kamen nicht so bloß um five o ' clock tea ' s willen , Sie hatten es besser mit uns vor . Sie wollten bleiben ... « » Ich bekenne ... « » Also getroffen . Und zum Zeichen , daß Sie großmütig sind und Verzeihung üben , versprechen Sie , daß wir Sie bald wiedersehen , recht , recht bald . Ihr Wort darauf . Und dem Papa , der Sie vielleicht erwartet , wenn es Jeserich für gut befunden hat , die Meldung auszurichten - dem Papa werd ich sagen , Sie hätten nicht bleiben können , eine Verabredung , Klub oder sonstwas . « Während Woldemar nach diesem abschließenden Gespräch mit Melusine die Treppe hinabstieg und auf den nächsten Droschkenstand zuschritt , saß der alte Graf in seinem Zimmer und sah , den rechten Fuß auf einen Stuhl gelehnt , durch das Balkonfenster auf den Abendhimmel . Er liebte diese Dämmerstunde , drin er sich nicht gerne stören ließ ( am wenigsten gern durch vorzeitig gebrachtes Licht ) , und als Jeserich , der das alles wußte , jetzt eintrat , war es nicht , um dem alten Grafen die Lampe zu bringen , sondern nur , um ein paar Kohlen aufzuschütten . » Wer war denn da , Jeserich ? « » Der Herr Rittmeister . « » So , so . Schade , daß er nicht geblieben ist . Aber freilich , was soll er mit mir ? Und der Fuß und die Schmerzen , dadurch wird man auch nicht interessanter . Armgard und nun gar erst Melusine , ja , da geht es , da redet sich ' s schon besser , und das wird der Rittmeister wohl auch finden . Aber soviel ist richtig , ich spreche gern mit ihm ; er hat so was Ruhiges und Gesetztes und immer schlicht und natürlich . Meinst du nicht auch ? « Jeserich nickte . » Und glaubst du nicht auch ( denn warum käme er sonst so oft ) , daß er was vorhat ? « » Glaub ich auch , Herr Graf . « » Na , was glaubst du ? « » Gott , Herr Graf ... « » Ja , Jeserich , du willst nicht raus mit der Sprache . Das hilft dir aber nichts . Wie denkst du dir die Sache ? « Jeserich schmunzelte , schwieg aber weiter , weshalb dem alten Grafen nichts übrigblieb , als seinerseits fortzufahren . » Natürlich paßt Armgard besser , weil sie jung ist : es ist so mehr das richtige Verhältnis , und überhaupt , Armgard ist sozusagen dran . Aber , weiß der Teufel , Melusine ... « » Freilich , Herr Graf . « » Also du hast doch auch so was gesehen . Alles dreht sich immer um die . Wie denkst du dir nun den Rittmeister ? Und wie denkst du dir die Damen ? Und wie steht es überhaupt ? Ist es die oder ist es die ? « » Ja , Herr Graf , wie soll ich darüber denken ? Mit Damen weiß man ja nie - vornehm und nicht vornehm , klein und groß , arm und reich , das is all eins . Mit unsrer Lizzi is es gerad ebenso wie mit Gräfin Melusine . Wenn man denkt , es is so , denn is es so , und wenn man denkt , es is so , denn is es wieder so . Wie meine Frau noch lebte , Gott habe sie selig , die sagte auch immer : Ja , Jeserich , was du dir bloß denkst ; wir sind eben ein Rätsel . Ach Gott , sie war ja man einfach , aber das können Sie mir glauben , Herr Graf , so sind sie alle . « » Hast ganz recht , Jeserich . Und deshalb können wir auch nicht gegen an . Und ich freue mich , daß du das auch so scharf aufgefaßt hast . Du bist überhaupt ein Menschenkenner . Wo du ' s bloß her hast ? Du hast so was von ' nem Philosophen . Hast du schon mal einen gesehen ? « » Nein , Herr Graf . Wenn man soviel zu tun hat und immer Silber putzen muß . « » Ja , Jeserich , das hilft doch nu nich , davon kann ich dich nicht frei machen ... « » Nein , so mein ich es ja auch nich , Herr Graf , und bin ja auch fürs Alte . Gute Herrschaft und immer denken , man gehört so halb wie mit dazu - dafür bin ich . Und manche sollen ja auch halb mit dazu gehören ... Aber ein bißchen anstrengend is es doch mitunter , und man is doch am Ende auch ein Mensch ... « » Na , höre , Jeserich , das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen . « » Nein , nein , Herr Graf . Gott , man sagt so was bloß . Aber ein bißchen is es doch damit ... « Zwölftes Kapitel Woldemar - wie Rex seinem Freunde Czako , als beide über den Cremmer Damm ritten , ganz richtig mitgeteilt hatte - verkehrte seit Ausgang des Winters im Barbyschen Hause , das er sehr bald vor andern Häusern seiner Bekanntschaft bevorzugte . Vieles war es , was ihn da fesselte , voran die beiden Damen ; aber auch der alte Graf . Er fand Ähnlichkeiten , selbst in der äußern Erscheinung , zwischen dem Grafen und seinem Papa , und in seinem Tagebuche , das er , trotz sonstiger Modernität , in altmodischer Weise von jung an führte , hatte er sich gleich am ersten Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geäußert . Es hieß da unterm 18. April : » Ich kann Wedel nicht dankbar genug sein , mich bei den Barbys eingeführt zu haben ; alles , was er von dem Hause gesagt , fand ich bestätigt . Diese Gräfin , wie scharmant , und die Schwester ebenso , trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar sind . An der einen alles Temperament und Anmut , an der andern alles Charakter oder , wenn das zuviel gesagt sein sollte , Schlichtheit , Festigkeit . Es bleibt mit den Namen doch eine eigne Sache ; die Gräfin ist ganz Melusine und die Comtesse ganz Armgard . Ich habe bis jetzt freilich nur eine dieses Namens kennengelernt , noch dazu bloß als Bühnenfigur , und ich mußte beständig an diese denken , wie sie da ( ich glaube , es war Fräulein Stolberg , die ja auch das Maß hat ) dem Landvogt so mutig in den Zügel fällt . Ganz so wirkt Comtesse Armgard ! Ich möchte beinah sagen , es läßt sich an ihr wahrnehmen , daß ihre Mutter eine richtige Schweizerin war . Und dazu der alte Graf ! Wie ein Zwillingsbruder von Papa ; derselbe Bismarckkopf , dasselbe humane Wesen , dieselbe Freundlichkeit , dieselbe gute Laune . Papa ist aber ausgiebiger und auch wohl origineller . Vielleicht hat der verschiedene Lebensgang diese Verschiedenheiten erst geschaffen . Papa sitzt nun seit richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest , der Graf war ebensolange draußen ! Ein Botschaftsrat ist eben was andres als ein Ritterschaftsrat , und an der Themse wächst man sich anders aus als am Stechlin - unsern Stechlin dabei natürlich in Ehren . Trotzdem , die Verwandtschaft bleibt . Und der alte Diener , den sie Jeserich nennen , der ist nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh . Aber was am verwandtesten ist , das ist doch die gesamte Hausatmosphäre , das Liberale . Papa selbst würde zwar darüber lachen - er lacht über nichts so sehr wie über Liberalismus - , und doch kenne ich keinen Menschen , der innerlich so frei wäre wie gerade mein guter Alter . Zugeben wird er ' s freilich nie und wird in dem Glauben sterben : Morgen tragen sie einen echten alten Junker zu Grabe . Das ist er auch , aber doch auch wieder das volle Gegenteil davon . Er hat keine Spur von Selbstsucht . Und diesen schönen Zug ( ach , so selten ) , den hat auch der alte Graf . Nebenher freilich ist er Weltmann , und das gibt dann den Unterschied und das Übergewicht . Er weiß - was sie hierzulande nicht wissen oder nicht wissen wollen - , daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen . Und mitunter noch ganz andre . « Das waren die Worte , die Woldemar in sein Tagebuch eintrug . Von allem , was er gesehen , war er angenehm berührt worden , auch von Haus und Wohnung . Und dazu war guter Grund da , mehr , als er nach seinem ersten Besuche wissen konnte . Das von der gräflichen Familie bewohnte Haus mit seinen Loggien und seinem diminutiven Hof und Garten teilte sich in zwei Hälften , von denen jede noch wieder ihre besondern Annexe hatte . Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene pittoreske Hof- und Stallgebäude , drin der gräfliche Kutscher , Herr Imme , residierte , während zu dem die zweite Hälfte des Hauses bildenden Hochparterre ziemlich selbstverständlich noch das kleine niedrige Souterrain gerechnet wurde , drin , außer Portier Hartwig selbst , dessen Frau , sein Sohn Rudolf und seine Nichte Hedwig wohnten . Letztere freilich nur zeitweilig , und zwar immer nur dann , wenn sie , was allerdings ziemlich häufig vorkam , mal wieder ohne Stellung war . Die Wirtin des Hauses , Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz , hätte diesen gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden müssen , ließ es aber gehen , weil Hedwig ein heiteres , quickes und sehr anstelliges Ding war und manches besaß , was die Schickedanz mit der Ungehörigkeit des ewigen Dienstwechsels wieder aussöhnte . Die Schickedanz , eine Frau von sechzig , war schon verwitwet , als im Herbst fünfundachtzig die Barbys einzogen , Comtesse Armgard damals erst zehnjährig . Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in Trauer , weil ihr Gatte , der Versicherungssekretär , erst im Dezember des voraufgegangenen Jahres gestorben war , » drei Tage vor Weihnachten « , ein Umstand , auf den der Hilfsprediger , ein junger Kandidat , in seiner Leichenrede beständig hingewiesen und die gewollte