. » Tritt ack aus , Toni ! « raunte ihr der Bruder zu , » ich wer ' s Ernestinel ruffen . Mach du ack Strohseele . « Toni hielt inne . Es war die höchste Zeit ; sie war in Schweiß gebadet , blaurot im Gesicht . Karl winkte Ernestine heran , die an Stelle der Schwester eintrat . Die Reihe hatte sich geschlossen , ohne daß der alte Bauer , der mit allem Sinnen und Denken bei der Arbeit war , etwas von dem Wechsel gemerkt hätte . Ernestine war eine rührige Arbeiterin . Man sah es den schlanken Gliedern der Sechzehnjährigen nicht an , was für Zähigkeit und ausdauernde Kraft darin steckte . Als der Büttnerbauer Halt machte im Hauen , weil seine Sense gegen einen Stein geschlagen und er die Scharte auswetzen mußte , bemerkte er , daß seine älteste Tochter nicht mehr in der Linie war . Sie saß im Hintergrunde und drehte an Ernestinens Stelle Strohseile . Das Gesicht des Alten verfinsterte sich ; er begriff sofort den Grund ihrer Entfernung - aber er sagte nichts . Die anderen benutzten die Gelegenheit , um sich zu verpusten , während der Vater die Sense schärfte . Dann ging ' s von neuem ans Werk . Noch war es nicht acht Uhr des Morgens , und schon brannte die Sonne versengend auf die Schnitter nieder . Die Bäuerin kam vom Gute her , sich mühsam mit einem Korbe schleppend . Sie brachte einen Krug dünnes Bier und Butterschnitten . Bald saß die Familie auf dem Feldraine zum Frühstück vereinigt . - Nicht immer in neuester Zeit bot die Büttnersche Familie einen so friedlichen Anblick . Öfters gab es jetzt Zwist und Streit . Mit Sammetpfötchen hatte der Bauer die Seinen niemals angefaßt . Er war stets Herr in seinen vier Pfählen gewesen und hatte von den Rechten des Familienoberhauptes nach der Väter Sitte Gebrauch gemacht . Wenn seine Art auch rauh und schroff war , ein willkürlicher und grausamer Herrscher war er nie gewesen . Schlichte Gerechtigkeit hatte er walten lassen in allem . Neuerdings war das anders geworden . Nie hätte er sich ' s früher beikommen lassen , seiner Ehehälfte aus ihrem Leiden einen Vorwurf zu machen , jetzt hielt er ihr gelegentlich ihre Gebrechlichkeit vor wie eine Schuld . Er zeigte sich hart und ungerecht gegen die Kinder . Die Bäuerin hatte bereits einer Nachbarin geklagt , daß man ihr den Bauer ausgetauscht habe , daß am Ende gar ein Feind ihn besprochen haben müsse . Mit seinem Ältesten konnte der Büttnerbauer gar nicht mehr auskommen . Karl war langsam im Denken wie im Zugreifen . Das war immer offenkundig gewesen ; aber der Alte schien es jetzt erst zu bemerken . Er fluchte und verschwor sich , die Wirtschaft gehe rückwärts , und daran sei Karl mit seiner Faulheit schuld . Er drohte , ihn zu enterben , wenn das nicht anders werde . Karl ließ dergleichen ruhig über sich ergehen ; Ehrgefühl und Stolz waren nicht gerade stark bei ihm entwickelt . Aber Therese nahm die Sache des Gatten um so eifriger auf , verfocht sie mit der Leidenschaft des gekränkten Weibes . Es gab Szenen , wie sie das Haus noch nicht gesehen hatte . Eines Tages kam die Bäuerin bleich und an allen Gliedern zitternd zu Karl aufs Feld hinausgehumpelt , er solle sogleich hereinkommen , der Bauer und Therese rauften in der Familienstube . Auch dem Gange der Wirtschaft war anzumerken , daß verhängnisvolle Wandlungen vor sich gegangen waren . Ein unstetes Wesen machte sich in allem geltend . Über Gebühr zeitig mußte aufgestanden werden , so daß die überanstrengten Menschen des Abends todmüde waren und ohne Lust und Liebe am nächsten Tage sich zur Arbeit erhoben . Am unrechten Flecke wurde gespart . Der Bäuerin warf der Bauer Verschwendung vor , wenn sie reichlich und gut kochte ; die Folge war , daß fortan mageres Essen auf den Tisch kam , und daß sich die Seinen hinter seinem Rücken satt aßen . Auch dem Vieh wollte er vom Futter abknapsen . Die Pferde , welche Hafer kaum mehr zu sehen bekamen , sollten doch doppelte Arbeit leisten . Er , der früher bekannt gewesen war als Heger und Pfleger seines Viehes , mußte es erleben , daß ihm , als er mit den abgetriebenen Mähren durchs Dorf fuhr , das verfängliche Wort : » Pferdeschinder ! « nachgerufen wurde . Dabei gönnte er sich selbst am wenigsten Ruhe von allen , plagte und schand sich in gottserbärmlicher Weise . Hohläugig und ausgemergelt lief er umher , daß es ein Jammer war , anzusehen . Manchmal überfiel ihn , besonders bei der Mahlzeit , eine Schlafsucht , der er nachgeben mußte , er mochte wollen oder nicht . In der Kirche , wo er früher stets zu den Aufmerksamsten gehört hatte , schlief er jetzt schon im ersten Teile der Predigt ein . Des Nachts dagegen wachte er oft , erschreckte die Bäuerin durch Selbstgespräche und wildes Aufschreien . Je mehr er seine Kräfte nachgeben fühlte , desto verzweifelter versteifte er sich darauf , seinen Willen durchzusetzen . Plötzlich überkam ihn eine Art von Zwangsvorstellung . Da warf er sich mit allen Arbeitskräften , die ihm zur Verfügung standen , auf die Urbarmachung einer Halde , die von einem eingegangenen Steinbruch zurückgeblieben war . Die Seinigen hielten ihm vor , daß man ja genug Ackerland besitze , und daß die Arbeit zurzeit an anderen Stellen brennend notwendig sei . Aber mit solchen Einwänden durfte man ihm nicht kommen . Wutentbrannt wies er jede Widerrede zurück . Eine ganze wichtige Woche im September wurde so auf das Wegräumen von Schutt und Sprengen von Steinen verschwendet . Und erreicht war damit nichts weiter , als daß ein Stück Land mehr da war , das unbrauchbar blieb für die Bestellung . Mit aller Welt geriet der Büttnerbauer neuerdings in Zwist . Ein einziges Wort konnte ihn derartig aufbringen , daß er alle Besinnung verlor und den Streit vom Zaune brach . Eines Tages ritt Hauptmann Schroff über das Büttnersche Gut . Er traf den Bauern bei der Feldarbeit , hielt sein Pferd an und redete den Alten in freundschaftlicher Weise an . Der Alte tat , als habe er den Mann noch nie in seinem Leben gesehen , geschweige denn in vertraulicher Weise mit ihm verkehrt . Als der Hauptmann sich nach der Lage des Bauern erkundigte , ihn dabei an das Gespräch erinnernd , das sie im Frühjahr gehabt , da brach gänzlich unerwartet und unvermittelt aus dem Munde des Alten ein Schimpfen und Wettern los , Verwünschungen und Beschuldigungen gegen die Herrschaft , die ihm den Garaus machen wolle , so beleidigend und verletzend , daß der gräfliche Güterdirektor seinem Renner die Sporen gab , machend , daß er von dem alten Isegrim wegkam . Mit Gemeinde und Behörde war der Büttnerbauer neuerdings ebenfalls zusammengeraten und auch nicht zu seinem Vorteil . Der Dorfweg führte ein Stück entlang der Büttnerschen Grenze . Der Bauer hatte nahe am Wege eine Kiesgrube angelegt , aus der er seinen Bedarf an Sand zu Bauten und Wegebesserungen entnahm . Im Laufe der Zeit hatte sich durch Sandholen und Nachstürzen vom Rande das Loch vergrößert . Es drohte Gefahr , daß Fußgänger und Geschirre , namentlich bei Dunkelheit oder Schneeverwehung , in die Grube stürzen und Schaden nehmen möchten . Die Gemeinde hatte daher das sehr begreifliche Verlangen an den Besitzer der Kiesgrube gestellt , er möge zwischen Weg und Grube ein Geländer errichten . Der Büttnerbauer kehrte sich überhaupt nicht an dieses Ansinnen , das er als einen Eingriff in sein gutes Recht auffaßte . Darauf Beschwerde von seiten der Gemeinde beim Landrat . Das Amt dekretierte , der Bauer habe das Geländer bis zu einem bestimmten Zeitpunkte herzustellen . Der Bauer ließ den Zeitraum verstreichen , ohne einen Finger zu rühren . Hierauf Strafverfügung von seiten der Behörde . Der Bauer schimpfte und tobte ; aber hier half all sein Sperren nichts . Er hatte sich selbst ins Unrecht gesetzt . Das Anbefohlene mußte schließlich ausgeführt werden , und Strafe hatte er obendrein zu zahlen . So tat er in allem gerade das , was ihn am meisten schädigen mußte . Es war , als ob der Teufel den alten Mann geblendet hätte . Die Bäuerin hatte nicht so ganz unrecht mit ihrer Klage , daß ihr Bauer behext worden sein müsse . Es gab in der Tat ein Schreckgespenst , das dem Bauern im Rücken saß , ein Werwolf , der ihn ritt , daß er , halb wahnsinnig , nicht mehr wußte , wo ein und aus . Seit er dem Händler den Wechsel unterschrieben , hatte der Büttnerbauer keine ruhige Stunde mehr gehabt . Kaum war Harrassowitz zum Hause hinaus gewesen , hätte er ihn zurückrufen mögen , ihm sein Geld zurückzugeben . Dabei hegte er keinerlei bestimmten Verdacht gegen Harrassowitz . Er hatte den Händler nicht anders als freundlich und zuvorkommend kennen gelernt . Aber das Bewußtsein , daß es einen Menschen auf der Welt gab , von dem er abhängig war , der einen Zettel besaß , auf dem sein Name stand , und der durch diesen Fetzen sein Schicksal in Händen hielt , das war der Alp , der auf dem Manne lastete , das war das unheimliche Gespenst , das des Tages plötzlich vor ihm auftauchte , ihn besaß , wo er ging und stand und ihn des Nachts vom Lager aufscheuchte . In der ersten Zeit , als der Verfallstermin noch in weitem Felde stand , hatte er sich der Hoffnung auf einen guten Ausgang nicht verschlossen . Wenn die Ernte gut ausfiel , wenn hohe Preise wurden ! Er hatte doch in anderen Jahren manchmal aus dem Roggen allein an zweitausend Mark erzielt . Warum sollte denn das nicht auch in diesem Jahre eintreten , wo Korn seine Hauptfrucht war . Stroh konnte auch verkauft werden und vielleicht auch einige Fuder Heu . Auf die Weise konnte hübsches Geld zusammenkommen , allein aus der Winterung . Und die Sommerfrüchte behielt er dann zur Deckung des Winterbedarfes und zum späteren Verkauf . So rechnete der Bauer im Frühjahre . Dann kam der erste Rückschlag durch die verregnete Heuernte . Mit dem Heuverkauf war also nichts ; man mußte ja das wenige , was man gerettet hatte vor dem Verderben , aufheben für den Winter . Die Kornernte war inzwischen beendet . Der Büttnerbauer hatte eine Menge Puppen setzen können ; sein Feld hatte voll ausgesehen . Das Getreide war trocken in die Scheune gekommen . Der Bauer besaß eine kleine Dreschmaschine und einen Göpel auf seinem Hofe . Das meiste ließ er freilich im Winter mit dem Handflegel ausdreschen nach alter Sitte ; das Stroh blieb beim Handdrusch besser , und dann liebte er auch nicht die Neuerungen . - Maschine blieb Maschine , wenn es auch nur ein einfaches Göpelwerk war . In diesem Jahre aber ließ er gleich mehrere Tage hintereinander mit dem Göpel dreschen . Er mußte ja Korn haben zum schleunigen Verkauf . Der alte Bauer stand am Siebe , während Karl die Garben hineinschob und Therese draußen das Pferd antrieb . Der Bauer nahm selbst das Getreide ab und maß es nach . Seine Miene wurde düsterer und düsterer . » ' s schüttet ne , ' s will ne schütten ! « erklang sein verzweifelter ! Ruf . Was nutzte ihm das viele Stroh , wenn der Körnerertrag so gering war ! Und dabei hatte er das Hauptkorn in diesem Jahre auf vorjährigem Kartoffellande gebaut , das noch reich an Dünger gewesen . Er hatte es an Sorge und Fleiß nicht fehlen lassen , und trotzdem kein Erfolg ! Es waren die kalten Tage und Nächte im Anfange des Sommers gewesen , die den Landwirt um den Ertrag seiner Mühen betrogen hatten . Schließlich lag das gesamte Ergebnis der Kornernte in einem stattlichen Körnerhaufen , durchgesiebt und durchgeworfen , von Spreu und Unkrautsamen sorgfältig befreit , auf dem Schüttboden . » Wenn ' s nu ack an Preis hätte ! « sagte der Büttnerbauer und schickte den Sohn in den Kretscham . Karl sollte dort ein Glas Bier trinken und bei der Gelegenheit im Kreisblatte nachsehen , was der Roggen jetzt gelte . Karl kam mit der Nachricht zurück , daß Roggen pro erste Septemberwoche neunzig stehe . Kaschelernst habe gemeint , der Preis werde in nächster Zeit noch viel tiefer sinken an der Börse , » von wegen der ausländischen Einfuhr « , so berichtete Karl wörtlich , ohne zu verstehen , was das eigentlich heiße . » Wer klug handeln wolle , der hielte sein Korn bis zum Frühjahr , da werde es schon Preis bekommen , « habe Kaschelernst gesagt . Der Büttnerbauer konnte sich schon denken , mit welch treuherziger Miene sein Schwager das gesagt haben mochte . » Halten bis zum Frühjahr ! « Der Schuft ! Als ob der nicht ganz genau wisse , daß der Bauer verkaufen mußte , unter allen Umständen und zu jedem Preise . Und derselbe Mann , der ihm hier so freundlichen Rat erteilen ließ , war es , der ihm die letzte Hypothek Knall und Fall gekündigt hatte . Der alte Bauer griff sich an den Hals und schluckte , als säße da etwas , was nicht hinunter wollte . Der Büttnerbauer machte sich darauf ans Rechnen . Das war stets als eine geheimnisvolle Sache von ihm behandelt worden . Eine eigentliche Buchführung kannte er nicht . Das Wichtigste behielt er im Gedächtnis . Er wußte Ausgaben und Einnahmen , die er gemacht , von vielen Jahren her auf Heller und Pfennig anzugeben . Aber obgleich er für gewöhnlich nichts buchte , so machte er von Zeit zu Zeit doch einmal einen Abschluß . Dann gab es ein höchst umständliches Rechnen mit Kreide auf einer Tischplatte oder einer Tür . Die Sache nahm Stunden in Anspruch . Lange Zahlenreihen wurden aufgeschrieben , alle vier Spezies bemüht . Den eigentlichen Sinn aber dieser ganzen Rechnerei verstand nur der Büttnerbauer allein . Es war ein Vorgang , der auch äußerlich wie ein Geheimnis behandelt wurde , denn er duldete nicht , daß jemand während der Zeit sich im Zimmer aufhielt . Die Seinen wußten das . Wenn es hieß : » Der Vater rechnet ! « hielt man sich wohlweislich fern , denn dann war nicht gut Kirschen essen mit dem Alten . Auch diesmal hatte er eine verzwickte Rechnung angestellt . Das Ergebnis war ein sehr einfaches und in seiner Einfachheit bestürzendes : Achthundert Mark ! Auf mehr kam er nicht ! Das war nicht annähernd genug zur Deckung des Wechsels und zur Bezahlung der Michaeliszinsen . Der alte Mann ballte die Faust . Er wußte selbst nicht , gegen wen . Wer war es denn , der die Schuld daran trug , daß ihm nicht der Lohn seiner Arbeit wurde ? Sollte er den lieben Gott dafür verantwortlich machen , oder sollte er die Menschen bei dem lieben Gott verklagen ? Wer war der Feind , wo die Macht , die ihn um das Seine gebracht hatte ? - Der Bauer drohte in die leere Luft hinaus . Das war nicht zu fassen , für seinen Arm nicht zu erreichen : die Mächte , die Einrichtungen , die Menschen , welche Schuld hatten , daß sein Schweiß umsonst geflossen war . Irgendwo da draußen , unfaßlich für seinen ungelehrten Verstand , gab es ungeschriebene Gesetze , die mit eherner Notwendigkeit auf ihn und seinesgleichen lasteten , ihn in unsichtbaren Ketten hielten , unter deren Druck er sich wand und zu Tode quälte . Das Exempel stimmte mit fürchterlicher Genauigkeit . Wenn er den Wechsel bezahlte , langte es nicht zu den Zinsen , bezahlte er die Zinsen , langte es nicht zum Wechsel . Die einzige Hoffnung blieb jetzt , daß Harrassowitz Stundung gewährte . - Noch ehe der Verfalltag eintrat , fuhr der Büttnerbauer in die Stadt , er wollte mit dem Händler sprechen . Als der Bauer das Produktengeschäft von Samuel Harrassowitz betrat , wurde ihm gesagt , der Chef sei noch nicht im Kontor . Er ging daher fort und kam nach Verlauf von einigen Stunden wieder . Diesmal wurde ihm mitgeteilt , Herr Harrassowitz sei zu sehr beschäftigt , um ihn anzunehmen . Der Büttnerbauer ließ sich diesmal nicht so leicht abweisen . Es sei etwas sehr Wichtiges , » ane gruße Sache « , wie er sich ausdrückte , wegen der er mit Herrn Harrassowitz zu sprechen habe . Der Kontorist , mit dem er bis dahin verhandelt hatte , rief einen anderen herbei , den er » Herr Schmeiß « benannte . Der junge Schmeiß schien bereits eingeweiht in die Angelegenheit , denn er fragte den Bauern , sowie er dessen Namen gehört , ob er etwa wegen Stundung seines Akzepts komme . Der alte Mann bejahte , etwas verwundert über die hochfahrende Art dieses Jünglings . Man solle doch ein paar Monate Geduld haben , bat er , bis er seinen Hafer rein habe und sein Korn vorteilhaft verkauft haben werde . » Harrassowitz wird sich schwer hüten , « meinte Schmeiß darauf . » Nicht wahr ! damit Sie inzwischen Zeit gewinnen , die einzigen pfändbaren Objekte zu Geld zu machen , daß er dann das Nachsehen hat . Wir kennen das ! Stundung gibt ' s nicht . Wenn Sie nicht rechtzeitig zahlen , müssen Sie die Konsequenzen auf sich nehmen , mein Lieber ! « - Mit diesem Bescheide ließ er den verdutzten Alten stehen . Der Büttnerbauer blieb den ganzen Rest des Tages in der Stadt . Er hoffte , Harrassowitz noch persönlich zu treffen . Er konnte nicht glauben , daß diese Antwort von dem Händler ausgehe , auf dessen gutes Herz er baute . Aber Sam blieb heute unsichtbar für ihn . Dann kam er auf den Gedanken , zu dem Bankier zu gehen , der ihm neulich das Geld für die Hypothek gegeben hatte . Aber auch Herr Isidor Schönberger ließ bedauern , ihn nicht annehmen zu können . Unverrichteter Sache , schwerer denn je mit Sorgen belastet , fuhr der Büttnerbauer am Abend nach Halbenau zurück . X. Ein paar Tage darauf erschien derselbe Herr Schmeiß , welcher den alten Bauern im Kontor von Harrassowitz abgefertigt hatte , in Halbenau . Er kam mit Lohngeschirr . Neben ihm auf dem Rücksitz saß eine junge Dame . Während er sich in das Büttnersche Gehöft begab , schwänzelte die auffällig gekleidete Person im Dorfe umher zum Gaudium der Dorfjugend und der Frauenwelt von Halbenau , die so hohe Absätze , eine solche Taille und derartig weite Puffärmel noch nicht gesehen hatten . Edmund Schmeiß , ein mittelgroßer , junger Mann mit flottem Schnurrbärtchen und Lockenfrisur , rümpfte die Nase über den Misthaufen , den er im Büttnerschen Hofe vorfand . » Echte Bauernwirtschaft ! « sagte er zu sich selbst mit verächtlichster Miene . Sein tadellos gearbeiteter Anzug von hechtgrauer Farbe , sein ganzes Auftreten , waren » prima « um seinen eigenen Lieblingsausdruck zu gebrauchen . Kenner hätten vielleicht finden können , daß nicht einmal die äußere Etikette der Ware besonders fein sei . Seine Manieren waren irgendwo her , wahrscheinlich vom Offiziers-oder jüngeren Beamtenstande erborgt und nicht immer glücklich kopiert . Die Lebensstellung des jungen Schmeiß genauer zu umschreiben , war nicht leicht . Harrassowitz bezeichnete ihn , wenn er von ihm sprach , als einen » mir ergebenen jungen Mann « . Aber auch für Isidor Schönberger » arbeitete « er , ohne daß man genau feststellen konnte , worin seine » Arbeit « eigentlich bestand . Man pflegte ihn bei Häuser- und Güterankäufen als Strohmann zu verwenden , bei Zwangsversteigerungen trat er als Bieter auf . Wenn ein Kleinkaufmann oder Handwerker in » momentaner Verlegenheit « war , erschien er als Helfer in der Not . Er war jederzeit bereit , Wechsel zu diskontieren und Geldsuchenden Darlehen von Dritten zu verschaffen , vorausgesetzt , daß der Darlehnssuchende etwas » opferte « womit er seine Provision meinte , die niemals gering bemessen war . Er reiste für allerhand Häuser , deren Firma nicht eingetragen war , und trat als Generalbevollmächtigter von Konsortien auf , die nicht genannt werden durften , weil sie sich noch im » Entwicklungsstadium « befanden . Er hatte jederzeit mindestens ein halbes Dutzend » feiner Geschäfte « an der Hand ; kurz , er war alles in allem ein äußerst brauchbarer , praktischer , » smarter « , junger Mann , in vielen Sätteln gerecht , mit den Gesetzen und der Gerichtspraxis vertraut . Mit Vorliebe legte er sich den Titel » Kommissionär « bei . Edmund Schmeiß also trat um die Mittagsstunde in die Büttnersche Wohnstube . Er fand die Familie bei Tisch . Er meinte im Eintreten , man möge um seinetwillen keine Umstände machen . Er selbst machte allerdings auch keine , das mußte man sagen ! Ohne Umschweife auf sein Ziel losgehend , fragte er den alten Bauern in Gegenwart der Seinen , ob er gewillt sei , das heute fällig gewordene Akzept zu decken . Sie waren alle aufgestanden . Erstaunt und bestürzt blickten sie auf den fremden Eindringling , der sich so unbefangen geberdete . Der alte Mann brauchte einige Zeit , ehe er die Antwort fand : er habe in dieser Sache doch nur mit Herrn Harrassowitz zu tun . » Ach was , Harrassowitz ! « rief Edmund Schmeiß . » Ich bin jetzt derjenige , welcher ! An mich haben Sie zu zahlen . Bitte sich überzeugen zu wollen ! Hier das Indossement ! « Der junge Mann hielt dem Bauern das Papier hin und hieß ihn , die Rückseite beachten . Der Bauer sah , daß dort was geschrieben stand , ein Name , wie es schien . Aber was sollte ihm das ! Wie kam dieser junge Mensch , der ihm niemals einen Pfennig gegeben hatte , auf einmal dazu , sein Gläubiger zu sein ? Er schüttelte den Kopf und erklärte , nur an Harrassowitz zu schulden . Edmund Schmeiß wurde ungeduldig . » Herr Gott ! kapieren Sie denn nicht ! « rief er . » Sie haben akzeptiert . Hier ist Ihre Unterschrift , nicht wahr ? « Der Bauer bejahte , nicht ohne sich seine Unterschrift noch einmal sorgfältig betrachtet zu haben . » Bekennen Sie , Valuta richtig empfangen zu haben ? - Ich meine , ob Sie zugeben , das Geld , vierhundert Mark , seinerzeit von Harrassowitz per Kassa bekommen zu haben ? « » Ju , ju ! ' s Geld ha ' ch richt ' g erhalen vun Herrn Harrassowitz , dohie an diesem salbgen Tische . - Du weeßt ' s duch noch , Frau ? « Die Bäuerin nickte . » Ju , ju , lieber Herr ! « » Nun , sehen Sie also ! Harrassowitz hat Ihr Akzept diskontiert . - Man nennt das ein Dreimonatsakzept . - Dann hat Harrassowitz remittiert an mich . Folglich bin ich jetzt der Inhaber des Wechsels . Die Sache ist so klar wie etwas ! Sie müßten denn behaupten wollen , daß ich auf ungesetzliche Weise in Besitz des Akzepts gekommen wäre . Wollen Sie das behaupten ? « Der Bauer stand da mit äußerst verdutzter Miene . Er verstand kein Wort von der ganzen Sache . Da aber der andere so sicher auftrat und so beleidigt dreinblickte , ließ er schließlich ein zauderndes » Nein « hören . » Darum möchte ich allerdings gebeten haben ! « sagte Edmund Schmeiß , machte große Augen und runzelte die Stirn . » Hiermit präsentiere ich Ihnen also den Wechsel . Heute ist Verfalltag . Ich frage Sie , ob Sie annehmen ? « Der Bauer blickte noch unverständiger drein als zuvor . Auf den Gesichtern der Seinen malten sich sehr verschiedenartige Gefühle ; aber Schreck und Furcht herrschten vor , diesem Fremden gegenüber , der durch jenes Stück Papier Gewalt über den Vater und über sie alle erhalten zu haben schien . » Ob Sie mich auszahlen wollen , Herr Büttner ? Ich dächte , die Sache wäre doch nicht so schwer zu verstehen ! « Der alte Mann bat sich den Wechsel noch einmal aus . Er drehte ihn um und um in den zitternden Händen und blickte ratlos drein , die Buchstaben verschwammen ihm vor den Augen . Er mußte sich setzen . Die Bäuerin trieb jetzt die Kinder aus der Stube , sie sollten den Vater nicht in seiner Schwäche sehen . Nun trat sie zu ihrem Gatten . » Bis ack ruh ' g , Alter , bis ack ruh ' g ! « redete sie ihrem Eheherrn zu . » Jo , du mei Heiland ! « rief der Bauer in heller Verzweiflung mit hoher , weinerlich klingender Stimme . » Wos sull ich denne ! Wos wullen Se denne von mir , dohie ! « » Zahlung ! Weiter gar nichts ! Zahlen Sie mich aus , Herr Büttner , dann ist alles in Ordnung , « erklang die trockene Antwort . » Und ' s Gald ! Wu sull ich denns Gald harnahmen ? Ich ho ' s do nel « Edmund Schmeiß zuckte die Achseln . Den neuesten Berliner Gassenhauer vor sich hin pfeifend und mit dem Fuß den Takt dazu tretend , sah er sich im Zimmer um . Die beiden Alten berieten sich inzwischen halblaut . Einen Rest Geld hatte der Bauer noch im Kasten liegen . Es stammte von dem Korn , das er nun doch vor ein paar Tagen verkauft . Da er aber die Michaeliszinsen und Abgaben davon bezahlt hatte , war nicht viel übrig geblieben . Es langte in keinem Falle zur Deckung des Wechsels . Kalter Schweiß stand dem alten Manne auf der Stirn . Starren Blickes , mit bebendem Unterkiefer , auf dem Stuhle zusammengebrochen hockend , bot er einen kläglichen Anblick . Die Bäuerin redete ihm zu . » No , Alter , no ! ha ak Karrasche ! Dar Herr werd schun , und ar werd a Brinkel Geduld han . « Dann wandte sie sich an den jungen Mann . Mit schmeichlerisch untertänigen Blicken und Mienen streichelte sie ihm ehrfurchtsvoll die Hand : » Newohr , lieber Herr , Se wern meenen Mann Brinkel Zeit lan . Mir versprachen och , und wir wern uns Mihe gahn , wir wern alles abzahlen - mit dar Zeet . « Edmund Schmeiß erwiderte in kühlem Tone : Das kenne er schon . Darauf könne er sich nicht einlassen . Er habe den Wechsel als einen » feinen « gekauft . Harassowitz habe ihm gesagt , Herr Büttner sei ein solider Mann . Er habe sicher darauf gerechnet , heute sein Geld zu erhalten ; habe sich mit anderen Geschäften schon darauf eingerichtet . Er müsse daher Deckung verlangen . Falls er sie nicht erlange , sehe er sich genötigt , den Rechtsweg zu beschreiten . » Se wern uns doch ne verklag ' n wulln ? « rief die Bäuerin entsetzt aus . Das sei sein gutes Recht , erwiderte der junge Mann . » Herr Gutt , in deinen Himmel droben ! « rief die Frau . Sie griff sich an den Mund mit zitternden Fingern , jammerte , leise vor sich hin weinend : » Moan , Moan , was sull denne anu aus uns warn ! « Der Bauer stöhnte . Eine namenlose Angst hatte sich der beiden alten Leute bemächtigt . Ihre Begriffe vom Rechte waren äußerst verwirrte . Hinter jeder Klage drohte ihnen gleich das Gefängnis . Dem Richter wie dem Advokaten stand man gleichmäßig schutzlos gegenüber . Sie sahen bereits im Geiste den Gerichtsvollzieher ihre letzte Kuh aus dem Stalle führen . Wenn jener es zur Klage trieb , dann war alles verloren . Der wackere Büttnerbauer , der in zwei Feldzügen manche Probe von Beherztheit abgelegt hatte , zitterte wie Espenlaub . Aller Witz schien den sonst besonnenen Mann verlassen zu haben . Mit angstvergrößerten Augen , haltlos , jeder Würde vergessend , hing er , der Sechziger , an den Mienen und Blicken dieses jungen Menschen , in dessen Wohlgefallen er sein Geschick beschlossen glaubte . Edmund Schmeiß zog eine umfangreiche goldene Zylinderuhr , deren Deckel er aufspringen ließ . » Ich muß fort ! « rief er , » draußen wartet eine Dame auf mich . Adieu , Herrschaften ! « Er wollte zur Tür . Die Bäuerin lief ihm nach , hielt ihn , beschwor ihn , flehte , er möge bleiben . » Aber bitte , dann etwas plötzlich ! Wenn Sie noch was wollen . Zeit ist Geld . « Das Ehepaar beriet von neuem . Der alte Mann erschien wie schwachsinnig . Er sagte zu allem , was ihm die Frau vorschlug , ein klägliches » Ich weeß nischt , ich weeß nischt ! « » Ich will Ihnen mal was vorschlagen ! « meinte der junge Schmeiß , » damit wir mit dieser Sache endlich zu einem Resultate kommen ; denn es fängt nachgerade an , mich zu ennuyieren ! - Geben Sie mir , was Sie an barem Gelde im Hause haben . Für den Rest schreiben Sie mir ein neues Akzept , verstehen Sie . Der Wechsel mag laufen bis Ultimo Dezember . Dafür nehme ich natürlich Zinsen . Zehn Prozent ist mein Satz bei Dreimonatsakzepten und drei Prozent Provision . Das ist noch sehr kulant in Anbetracht dessen , daß Ihre Bonität zweifelhaft ist . - Also einverstanden ? « Der Bauer hatte nichts begriffen ; nur so viel glaubte er zu verstehen , daß er von der Gefahr einer Klage befreit werden sollte . Er eilte nach seinem geheimen Kasten , schloß auf und zählte mit zitternden Händen auf den Tisch , was er an Geld dort vorgefunden hatte .